Kräuter-Dampfbäder stehen in gutem Ruf und werden häufig angewandt.

Die Kräuter werden gekocht und der Topf dann vor den Patienten

gestellt, der unter einer umgehängten Decke tüchtig schwitzen muß.

Eine Abreibung mit dem inzwischen lauwarm gewordenen Wasser beschließt

diese Art der Behandlung. Zur Ader läßt man mittels eines Schröpfkopfes

(~ndumiko~). Dieser besteht aus einem kleinen Ziegenhorn, welches

am Ende durchbohrt ist und mit einem Wachspfropfen verschlossen werden

kann. Der Arzt ritzt die Haut an der zu schröpfenden Stelle, setzt

das Hörnchen fest auf, saugt die Luft heraus und schließt während

des Saugens die kleine Öffnung in dem Wachspfropfen mit den unteren

Schneidezähnen. Bei starken Kopfschmerzen wird der Ndumiko an den

Schläfen aufgesetzt, auch bei Stichen in der Brust wird er angewandt.

Zauberhörnchen, welche die Vasavi dem Patienten in seinen Körper

gezaubert haben, werden mittels des Schröpfkopfes wieder entfernt.

Werden Zweifel laut, wie es möglich sei, daß solche Gegenstände durch

die kleinen Ritzwunden hindurch ans Tageslicht befördert werden

könnten, so begegnet der Medizinmann diesen mit dem außerordentlich

logischen Hinweis, daß der böse Msavi beim Hineinzaubern ja nicht

einmal diese Ritze gehabt habe. Was durch die heile Haut hineingehe,

müsse doch durch die eingeritzte um so leichter hinausgehen. Gegen

diese Logik können die Leute nichts machen, denn der „Arzt“ zeigt

ihnen die ausgetretenen Gegenstände, des Patienten Lebensmut wächst,

nachdem er die scheußlichen Dinge losgeworden ist, die er in der Hand

des Medizinmannes gesehen hat, und diesem heiligt wohl der Erfolg die

angewandten Mittel. Auch die Sühnzeremonie wendet der Arzt an, um böse

Einflüsse während seiner Behandlung fern zu halten. Er nimmt zu dem

Zweck ein kleines Hölzchen, bricht über dem Kopf des Kranken mehrere

Stückchen ab und wirft sie fort, indem er sagt: „Das Böse, was den Mann

krank macht, soll meiner Behandlung nicht entgegenstehen, sei es nun

Zauber oder Ahnen oder irgend etwas anderes.“

Eine Krankheit, die früher bei den Wapare unbekannt war, ist die

Besessenheit oder ~pepo~. Diese bösen Dämonen, bzw. der Glaube an

sie, sind von der Küste her über Usambara auch nach Pare eingedrungen

und heute überall verbreitet. Unsre Wapare nehmen an, daß sie mit den

Kleidern der Suaheli-Kaufleute eingeschleppt worden seien. Man glaubte

nämlich, daß die Kleider, nachdem sie „aus dem Meere gekommen“ wären,

von den Küstenkaufleuten in einen „Hain der bösen Seuchen“ gelegt

würden, um auf diese Weise ihr Land zu reinigen und die Seuchen mit

den Kleidern ins Land der Käufer abzuschieben. Deshalb brachte jeder

vorsichtige Mwasumann seine Kleider, die er von reisenden Kaufleuten

erstanden hatte, zuerst in eine Höhle, um sie da vier Tage „ablagern“

zu lassen. Mit dem zu diesem und ähnlichen Zwecken vorrätig gehaltenen

trockenen Mageninhalt eines Schafes wurden sie dann entsühnt.

Der Mzuka ist der Oberste aller dieser bösen Dämonen. Es gibt

eine große Anzahl von Pepoerkrankungen, die alle je nach ihrer

Erscheinungsform ihren Namen tragen, z. B.:

1. ~Pepo ya Mzungu~, Europäerdämon. Der Kranke trägt beim

Beschwörungstanz einen weißen Turban, hält ein weißes Huhn in der Hand

und ißt oft (wie die Europäer zum Entsetzen der Neger hier tun) rohe

Eier.

2. ~Pepo ya Mnyindo~, Dämon eines Küstenstammes. Der Kranke tanzt

mit schwarzem Turban und schwarzem Huhn.

3. ~Pepo ya Mlungwana~, Dämon eines Küstenstammes.

4. ~Pepo ya Mkwavi~, Massaidämon. Der Kranke nimmt beim Tanz einen

Massaispeer usw.

Fast ausschließlich sind es Frauen, die von der Besessenheit befallen

werden. Der Beschwörer verspricht dem Dämon allerlei Liebesgaben, damit

er die Kranke eine Zeitlang in Ruhe lasse. Bei dem immer heftiger

und aufreizender werdenden Klang der Geistertrommeln wird die Kranke

unruhig und fängt schließlich an zu tanzen, während der Medizinmann mit

dem Dämon spricht. Reagiert die Patientin auf die erste Tanzmelodie

nicht, so geht der Beschwörer zu einer andern über.

Die Pepokrankheit ist bei vielen Frauen zur Modesache geworden. Einige

sind hysterisch veranlagt, bei andern ist die Tanzsucht so groß, daß

jeder Vorwand benutzt wird, ihr zu huldigen. Erotische Momente spielen

wohl auch mit hinein, denn man tanzt meist vor männlichen Zuschauern.

Mehrere Wapare sagten mir selbst: „Die Dämonenbeschwörung ist oft nur

eine Tanzlustbarkeit.“ Aber immerhin liegen in manchen Fällen doch

krankhafte und merkwürdige Erscheinungen vor. So sah ich bei einem

solchen nächtlichen Beschwörungstanz Frauen, die in ihrer Ekstase

glühende Kohlen anscheinend ohne Schaden in den Mund nahmen; andre

stiegen bis auf den Dachfirst und legten sich dort zum Schlafen nieder.

Andre schneiden plötzlich einem Schaf die Kehle durch und trinken das

hervorquellende Blut u. dgl. m. So haben die Wapare auch noch unter

den Plagen andrer Stämme zu leiden. Der Islam beläßt sie nicht nur in

der Furcht vor ihren Gottheiten, denen ja die meisten mohammedanischen

Eingebornen im Innern nach wie vor opfern, sondern seine Träger, die

Küstenleute, bringen noch neue Dämonen in ihren Vorstellungskreis, um

die Herzen völlig in den Bann der Furcht zu schmieden. Für sie wie

für jeden Menschen ist nur Heil im Namen dessen, der den unsaubern

Geistern mit Macht gebieten konnte. Das bezeugen heute mehrere unsrer

Christenfrauen fröhlichen und dankbaren Herzens. Denn seitdem sie

in Jesu Tod getauft worden sind, haben sie von den bösen Geistern,

die ihre heidnischen und mohammedanischen Schwestern quälen, nichts

mehr zu leiden. Also nicht nur dem gesunden Heiden mit all seinen

Wahnvorstellungen, die ihn peinigen, sondern in noch weit höherem Maße

dem kranken Heiden können wir in seinen Nöten nur das Evangelium von

Jesu bringen: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen

seid, ich will euch nicht nur Kultur geben, ihr sollt auch nicht nur

zu geschickten Arbeitern beim Europäer gemacht oder nur unterrichtet

werden, eure eignen Äcker vorteilhafter oder in größerem Maßstabe zu

bearbeiten; das sollen alles nur Folgeerscheinungen des Evangeliums

sein. Aber Frieden und Ruhe will ich euch geben für eure Seelen! -- Und

wenn man sich nur in die Erinnerung zurückruft, daß z. B. die Mutter

des zahnenden Säuglings am Ende der Zahnzeit mit dem Gruß erfreut wird,

den sonst der aus Todesgefahr heimkehrende Krieger erhält, weiß man,

daß die Heiden sich nach Frieden sehnen. Dies Evangelium ließ eine

unsrer Christinnen auf dem Sterbebett triumphierend ausrufen: „Ich

weiß, daß mein Erlöser lebt!“ Seine Frieden bringende Kraft gab unserm

treuen Lehrer Anderea Senamwai auf seinem Lager das Lied in den Mund:

„Näher, mein Gott, zu Dir,“ bis der Tod ihm die singenden Lippen schloß.

Verlangt irgendein Gesunder die vorbeugende Behandlung des

Medizinmannes etwa gegen Verzauberung, so muß er zuerst den

„Taschenöffner“ (~kichungua mfuko~) in Form einer Hacke oder

25 Heller bezahlen. Gleichzeitig wird der Preis für die Behandlung

(~ichungwi~) festgesetzt. Diese besteht gewöhnlich in einer oder

zwei Ziegen, bei reichen Häuptlingen wohl auch in einer Färse. In den

meisten Fällen ist die „Beruhigung“, die der Patient als einziges

Resultat solcher Zauberbehandlung verspürt, mit der geforderten

Ichungwi recht teuer bezahlt. Wird der Arzt dagegen zu einem Kranken

gerufen, so hat dieser bis zu seiner Gesundung nichts zu zahlen,

sondern holt erst später den Kichungua mfuko und Ichungwi nach. Stirbt

der Patient, oder ist die Behandlung erfolglos, so ist an den oder die

Ärzte nichts zu zahlen, jedenfalls eine ideale Auffassung des Berufes

von seiten der afrikanischen Mediziner. Der Arzt ist gleichzeitig

Apotheker, so daß auch in dieser Hinsicht keine Kosten entstehen.

Nebenbei bemerkt, habe ich für das Biologische Institut in Amani

eine Anzahl Arzneipflanzen der Wapare gesammelt, die z. T. in Berlin

bestimmt wurden. Bei den meisten der eingesandten Exemplare war die

ihnen hier von den Ärzten zugeschriebene Arzneiwirkung auch zu Hause

bekannt. Die Vaganga werden also sicherlich eine große Reihe gut

wirkender Heilkräuter kennen und wären wahrscheinlich in der Lage, auch

unsre Kenntnis in diesem Stück beträchtlich zu erweitern.

Oft muß der Arzt wegen seiner ihm vorenthaltenen Bezahlung

prozessieren. Andre sagen: „Wenn du mir mein Honorar nicht geben

willst, ~unani, teheterire kucha~ (= nur zu, es ist noch nicht

aller Tage Abend). Bei deiner nächsten Krankheit wirst du mich oder

meine Kollegen vergeblich rufen.“ Folgende Geschichte erzählen sich die

Leute von der Rache eines betrogenen Arztes:

Ein Mganga reiste durch die Landschaft Vwaga und wurde zu einem

Schwerkranken gerufen, für dessen Heilung man ihm eine Kuh in Aussicht

stellte. Die Heilung gelang ihm; aber man wollte dann nur noch eine

Ziege zahlen. Als der Mganga sah, daß er betrogen werden sollte, hieß

er seine Begleiter mit den von andern Patienten erhaltenen Ziegen

usw. vorausmarschieren. Er selbst gab sich den Anschein, als mache er

gute Miene zum bösen Spiel und wolle die Behandlung des Kranken noch

vorerst zum Abschluß bringen. Sein Patient mußte in eine leere Hütte

gebracht werden. Er befahl den Leuten, draußen stehen zu bleiben und

jeden Schmerzensruf des Kranken genau so zu beantworten. Das war weiter

nichts Verwunderliches, weil ja bei jeder Behandlung die Wechselgesänge

üblich sind. Als er dann in der Hütte mit dem undankbaren Patienten

allein war, stach er ihm zuerst mit einem Messer ein Auge aus. Der

entsetzte Mann schrie: „Woyahae, jetzt werde ich nicht behandelt,

er sticht mir ein Auge aus!“ Der Chor draußen antwortete: „Eeee, o

weh, jetzt werde ich nicht behandelt, er sticht mir ein Auge aus!“

Der Arzt stach ihm dann auch das zweite Auge aus. Der mißhandelte

Patient schrie: „Jetzt sticht er mir auch das zweite Auge aus!“ Der

Chor draußen: „Eee, jetzt sticht er dir auch das andre Auge aus!“ Der

Ärmste sah, daß es ihm ans Leben gehen würde und rief noch einmal:

„Ihr draußen, denkt nicht, daß ich euch etwas vormache, ich werde

hier getötet!“ Aber wie Hohn klang die den Draußenstehenden vom Arzte

vorgeschriebene Antwort an die Ohren des Kranken: „Eee, wir denken

nicht, daß du uns etwas vormachst, du wirst jetzt getötet!“ Der Mganga

erstach dann den Undankbaren, bedeckte ihn mit einem Tuch und befahl

den Angehörigen, nicht vor Sonnenuntergang die Hütte zu betreten, damit

der Zauber nicht verderbe. Als man die Leiche abends fand, war der

Mörder über alle Berge. --

Wenn die Krankheit zu Befürchtungen Anlaß gibt, so ruft der Vater

seine Kinder, oder, falls sie noch zu klein sind, einen vertrauten

Freund, dem er die Sorge für die Kinder und ihr Erbe ans Herz legt.

Er macht ihm auch seine Gläubiger und Schuldner namhaft, damit kein

Unberechtigter mit einer Schuldforderung an die Kinder herantreten noch

ein Schuldner die Bezahlung verweigern kann.

Wenn Heiden sterben.

Manchmal sind alle Bemühungen der Ärzte vergeblich. Der Kranke wird

ohnmächtig (~esempuka~), die Augen werden gläsern, und der Tod

schwingt seine Sense. Eifrig beugt sich der Medizinmann über den

Sterbenden, um ihm durch andauerndes Bespützen seine Seelenkräfte

mitzuteilen. Von Zeit zu Zeit legt er dem Kranken die Hand aufs Herz,

um zu sehen, ob es noch schlägt. Ist der Tod eingetreten, dann sagt er

wohl: ~Nkore ya Murungu teikombolwa~ = Gott kann man auch durch

Zahlung eines Lösegeldes seine Beute nicht entreißen. Oder er nimmt

gefaßt seine zahlreichen Arzneikalabassen fort mit den Worten: „Der Tod

hat uns ausgelacht,“ d. h. er hat die Partie gewonnen. Sofort stimmen

die Angehörigen und alle Anwesenden die Totenklage an (~ntiro~).

Die Gattin weint, daß sie ihren Mann nicht mehr sieht:

„O weh des Jammers, wohin soll ich gehn?

Ruf’ ich meinen Mann, antwortet er nimmer.“

Die Kinder beklagen den Verlust ihres Vaters, andre tragen dem

Verstorbenen weinend Grüße an ihre Lieben in der Unterwelt auf. Im

Augenblick ist das Haus voll mitleidiger Nachbarn, die mitweinen und

die Angehörigen trösten: „Wir wollen nicht zuviel weinen, Tränen

bringen ihn nicht wieder, sonst wäre schon mancher wiedergekommen.“

Das Begräbnis findet bald nach Eintritt des Todes statt. Während die

Männer das Grab schaufeln, schweigt die Totenklage, weil man sonst

auf felsigen Boden stoßen würde. Dem Toten werden beide Arme auf die

Brust gelegt und die Beine hoch an den Körper angezogen. Sämtlicher

Schmuck und auch die Kleider werden ihm abgenommen, und völlig nackt

legt man ihn in hockender Stellung in die etwa 1½ ~m~ tiefe Grube.

Dabei richtet man den Leichnam mit seinem Gesicht immer nach der

Gegend, in welcher die Heimat seiner Sippe liegt. Ist das Grab bis

an den Hals der Leiche zugeschaufelt, stützt man den Kopf durch vier

kreuzweise eingelegte Stäbe. Diese haben den Zweck, den Schädel auch

nach eingetretener Verwesung in seiner Lage zu erhalten, damit man ihn

später leicht auffinden und in den „Tempel“ zu den übrigen bringen

kann. Auf das fertige Grab legt man zu Häupten des Leichnams einen

Stein oder Topf oder auch ein Stückchen des Mugi-Baumes, welches leicht

anwächst. Übrigens sind die diesbezüglichen Sitten in den einzelnen

Landschaften und Sippen verschieden. So legen andre ihre Toten auf die

rechte Körperseite lang ausgestreckt ins Grab. Nach getaner Arbeit

begeben sich die Totengräber wieder ins Haus, wo die Klage von neuem

ertönt.

War der Verstorbene ein großer Häuptling, so wurde sein Tod jahrelang

geheim gehalten, und erst im vierten Jahre nach seinem Ableben

erscholl die Totenklage. In den früheren unsicheren Zeiten war das

von Bedeutung. Denn die Gefahr lag nahe, daß irgendein feindlicher

Häuptling auf die Kunde vom Tode seines Gegners die Tage der Verwirrung

benutzte, die Hinterlassenschaft gewaltsam an sich zu reißen. So aber

gewann man Zeit, alles zu regeln.

Eine eigentümliche Erscheinung bilden die _vatani_. Der Mtani ist eine

Art Sühnepriester, der die Angehörigen fremder Sippen entsühnt. Hat

z. B. jemand eine Ritualvorschrift übertreten, so bringt der Mtani das

wieder in Ordnung, indem er den Ahnengeistern sagt, daß es sich in dem

Falle ja nur um einen Tölpel und Dummkopf handle, der keinen Verstand

besäße, der Sache sei also keine Wichtigkeit beizumessen. Diese Vatani

kamen auch oft ins Sterbehaus. Sie scheinen mir mit ihren derben

Späßen gewissermaßen den Sieg der Lebensfreude über alle Todestrauer

zu versinnbilden. Der Mtani fragte wohl mit lauter Stimme draußen

vor dem Trauerhause: „Was wird denn hier für ein Fest gefeiert? Ihr

singt ja eigentümliche Lieder!“ Drinnen raunen sie einander zu: „Das

ist die ‚Mtani-Pest‘.“ Der läßt sich aber nicht irre machen, weist

auf den frischen Grabhügel und sagt: „Wer hat denn hier nach meinen

Kartoffeln gegraben?“ Man bedeutet ihm, stille zu sein, der Soundso

sei gestorben; aber er entgegnet, wenn irgend ein Hund stürbe, solle

man doch nicht soviel Aufhebens machen. Bei solchen Späßen können

manche der Anwesenden das Lachen nur schlecht unterdrücken. Der Bann,

den der Todesfall auf die Herzen gelegt hatte, ist gebrochen, wenn

auch auf eine uns Christen recht kläglich anmutende Art. Immerhin hat

einer angesichts des Todes den Mut gefunden, zu rufen: „Es lebe das

Leben!“ Etwas Ähnliches haben wir bei uns wohl in der lustigen Musik

und dem Schmaus nach einem Begräbnis. Die Totenklage dauert zwei Tage.

Am dritten Tage früh am Morgen versammeln sich die Verwandtschaft

und einige Nachbarn im Sterbehause. Der Mtani ist auch da und nimmt

sich gleich die Pfeife des Verstorbenen, um daraus zu rauchen. Die

andern sagen ihm: „Du darfst doch nichts von der noch unentsühnten

Hinterlassenschaft in Gebrauch nehmen!“ Der Spottvogel erwidert aber

kaltblütig: „Unsinn, was ist denn da zu entsühnen, wenn so ein Kerl ins

Gras beißt. Übrigens ist er mir gerade eben noch begegnet, er ist also

gar nicht tot.“ Hat man noch dies und jenes besprochen und geordnet,

gehen alle zum Fluß, wo der Mtani die Kleider des Verstorbenen

wäscht. Die Witwe und der Erbe waschen sich am ganzen Körper, die

andern nur Gesicht, Hände und Füße. Der Mtani führt dann den Zug

wieder ins Haus zurück, wo er die soeben gereinigten Kleider sowie

auch die Hinterbliebenen selbst mit dem Mageninhalt einer inzwischen

geschlachteten Opferziege völlig entsühnt. Die Kleider übergibt er nach

Vornahme noch andrer Zeremonien dem Bruder oder Erben und höhnt ihn:

„Du freust dich ja doch, daß er tot ist und du all die Kleider und

Frauen erben kannst!“ Und den andern ruft er glückstrahlend zu: „Doch

eine schöne Sache, solch ein Todesfall; wenn der jetzt nicht gestorben

wäre, hätten wir heute keinen Festbraten!“ Das gebratene Fleisch wird

an die Anwesenden verteilt, das übrige nimmt man mit nach Hause. Diese

Trauerfeier nennt der Mpare ~fwire~. Am gleichen Tage finden die

oft schwierigen Verhandlungen betreffs der Erbschaft statt, und die

Hinterlassenschaft samt den Frauen gehen in klarliegenden Fällen in den

Besitz des Bruders über.

Am folgenden Tage werden den Hinterbliebenen vom Mtani die Kopfhaare

abrasiert. Einige Tage später ritzt er ihnen leicht mit einem Messer

die Schläfen, Stirn und alle Gelenke. Jeder kaut eine stark ölhaltige

Nuß, und reibt sich mit dem so erhaltenen Brei ein. Die Rückstände

werfen sie, ohne sich umzusehen, unter einen großen Baum mit den

Worten: „Das Schlechte lassen wir hier zurück!“ Damit sind die

Reinigungszeremonien beendet. Den Abschluß bildet auch hier ein kühler

Trunk des bereitgestellten Bieres. Man erzählt sich noch dies oder

jenes von dem Verstorbenen und tröstet sich damit, daß „die Erde nicht

auswählt“, d. h. der Tod jeden wahllos ereilt, ja, sogar den Guten eher

als den Schlechten; denn „der beste Pfeil bleibt nicht lange im Köcher“!

Zu erwähnen bleibt noch, daß man für eine Mwai, die vor beendetem

zweiten Frauenfeste gestorben ist, das Fest zu Ende führt, damit sie

nicht unfertig in die Unterwelt fahre. Es handelt sich hier um eine

ähnliche Anschauung, wie sie bei uns der Nottaufe zugrunde liegt, indem

auch hier die unbiblische Art der Taufe den Charakter eines heidnischen

Zaubergebrauches angenommen hat.

Hat der Tote irgendein Gebrechen, sei es eine Wunde oder eine

Geschwulst, so wird das betreffende Glied abgeschnitten und besonders

begraben, damit die ganze Sippe nicht an denselben Übeln erkrankt.

Stirbt eine schwangere Frau, so schneidet man den Leib auf und begräbt

das Kind besonders. Leute, die an den Pocken gestorben waren, ließ

man unbegraben im Busch liegen. Recht barbarisch war das Verfahren,

sich der Aussätzigen zu entledigen; denn starben solche Leute zu

Hause, glaubte man, die schreckliche Seuche würde die ganze Sippe

befallen. Merkte man also, daß die Krankheit weit vorgeschritten war,

besprach man sich mit den Angehörigen der Sippe und dem Sohne, welcher

seine Zustimmung zur Beseitigung des Vaters geben mußte. Dann rief

man acht Vatani. Vier von ihnen nahmen den sich heftig sträubenden

Kranken und schleppten ihn weit fort in den Busch unter eine große

Kandelabereuphorbie. Der Aussätzige wußte natürlich beim Erscheinen

der Vatani sofort, was ihm bevorstand, und verfluchte seine grausamen

Henker oder bat sie flehentlich, ihn doch nicht zu töten. Diese aber

hießen ihn vorwärtsschreiten. An der Stelle, wo der zu fällende riesige

Baum niedergehen mußte, wurde das Opfer festgebunden. Krachend fiel

dann unter den Axtschlägen der Männer die Euphorbie um und bildete

sofort mit ihren dornigen Zweigen einen Grabhügel über dem Kranken.

Die andern vier Vatani schafften unterdes sämtliche Kleider und

Gebrauchsgegenstände des Aussätzigen herbei und legten die Sachen

neben dem Baume nieder. An Ort und Stelle wurde dann eine Sühneziege

geschlachtet, an deren Fleisch die Männer sich nach der grausigen

Arbeit stärkten.

Krankheit und auch Tod haben für den Mwasu stets tieferliegende

Ursachen, die das Orakel feststellen muß. Die überlebenden Verwandten

lassen sich nach einem Todesfall vom Nzaro eiligst die innere Ursache

angeben; denn solange das betreffende Seelentier oder der Ahnengeist,

auf dessen Einfluß das Orakel den Tod zurückführt, nicht versöhnt ist,

schweben sie ebenfalls in Todesgefahr. So tritt uns auch hier wiederum

das Grundübel des Animismus entgegen, die Furcht, die sich den Leuten

an die Sohlen heftet und sie nicht nur während der Krankheit eines

Familiengliedes, sondern selbst über dessen Tod hinaus ängstigt.

Vor einigen Jahren starb Rebeka, die Frau unsres Lehrers Petero

Mlungwana in Usukuma. Er war mit seiner Gefährtin einem Ruf in unser

dortiges Missionsfeld gefolgt, und diese erkrankte dort nach einigen

Monaten am Schwarzwasserfieber. Unsre Pare-Lehrer waren gerade in der

Kapelle in Kihurio versammelt, als die Nachricht eintraf. Wie ich

nachher hörte, knieten sie alle nieder und baten Gott um Kraft für

ihren Genossen in der Fremde. Ein Auszug aus einigen Briefen, welche

sie ihm dann schickten, möge hier als Abschluß des Kapitels Platz

finden. So schrieb der Lehrer Hezekieli Kibwana aus Buiko: „An meinen

Bruder Petero! Ich habe gehört, daß Deine Frau verschieden ist. Ich

weiß, jetzt bist du in großer Traurigkeit; aber wir alle kennen ja

die Geschichte des Hiob. Ich bitte dich, laß das Wort in Offenbarung

2, 10 in dein Herz geschrieben sein. Du kennst mich, Petero, ich kann

dir nicht viel sagen, denn du bist ja kein Unwissender. Du weißt,

daß Reichtum und Armut, Trauer und Freude bei Gott alles eins ist.

Du weißt auch, daß Gott unfehlbar ist. Man kann ihn nicht belehren,

warum hast du es nicht so oder so gemacht. Verkündige Du nur den Namen

Jesu mit Macht! Mache seine Wunder und seinen Ruhm kund! Denn unsre

Hoffnung besteht nicht in einem Leben auf dieser Welt sondern in dem

zukünftigen. Du weißt, wenn es mir möglich wäre, so käme ich jetzt zu

Dir, aber ich habe keinen Weg. (Es war während des Weltkrieges). Aber

da ist einer, dem niemand den Weg versperren kann, das ist der Herr

Jesus. Sein Wort wird dich stärken und dein Herz erfreuen. Ja, Bruder,

dieser Tod ist der Sünde Sold, wir können dem nicht aus dem Wege gehen;

unsre Hoffnung aber ist die Wiederkunft des Herrn Jesu, der uns aus

aller Not erlösen wird. Dann werden wir nie mehr Trauer haben oder den

Tod sehen, sondern im ewigen Reich wohnen und ewiges Leben haben. Lies

1. Thessalonicher 4, 13-18 ....“

Der Schwager des Petero schrieb: „.... Als ich hörte, daß meine

Schwester gestorben sei, habe ich große Not in meinem Herzen gehabt,

nicht meiner Schwester wegen; denn wenn sie im Glauben gestorben ist,

dann steht ja geschrieben: ‚Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir

die Krone des Lebens geben.‘ Aber ich habe Schmerz deinetwegen gehabt.

Hat meine Schwester, bevor sie starb, noch irgendein Wort Gottes

gesagt, dann schreibe mir darüber ....“

So befreit die selige Hoffnung des Christen den Heiden nicht nur im

Leben von der Götzenfurcht, sondern läßt ihn auch angesichts des

Todes nicht verzagen und verhilft ihm zu einer tiefer gegründeten

Lebensfreude, als die faden Späße des Mtani dem Heiden zu geben

vermögen. Und wenn behauptet wird, das Christentum verdüstere die

Gemüter, so kann der Gegenbeweis nicht schlagender erbracht werden

als durch eine kleine Christenschar, die am offenen Grabe freudig und

triumphierend singt:

„Christus, der ist mein Leben

Und Sterben mein Gewinn;

-- Ihm hab’ ich mich ergeben,

Mit Fried’ fahr ich dahin.“

[Illustration]

Vierzehntes Kapitel.

Mission, Islam und Neger.

Wohl manchem angehenden Missionar hat man in der Heimat von dem in

Frieden und Bedürfnislosigkeit dahinlebendem Negervolke erzählt. Auch

hat man ihm wohl die Berechtigung abgesprochen, diesem Naturvolke

christliche Lehren zu bringen, nach denen es kein Verlangen trage und

die auch eine viel höhere Kulturstufe zur Voraussetzung hätten. Im

Missionslager dagegen wird gerade in diesen Jahren immer wieder darauf

hingewiesen, daß bald die Stunde schlagen wird, in der die Afrikaner

sich für das Christentum oder für den Islam entscheiden.

Über die Gefahr, die der sich immer schneller ausbreitende Islam für

die Kolonien bildet, ist schon vieles geschrieben worden. Man kann die

Frage vom religiösen oder vom politischen Standpunkt aus betrachten, in

beiden Fällen aber muß man zu dem gleichen Schluß kommen.

Wer die Stärke der Schutztruppe kennt, muß sich wundern, daß eine

solch erdrückende Übermacht von Negern, zum Teil sehr kriegslustigen

und kriegsgeübten Stämmen, sich von dieser Minderzahl in Schach halten

läßt. Warum kommt es nicht zu einer mächtigen Erhebung mit dem Ziele,

die Herrschaft der Europäer zu beschränken oder gar abzuschütteln?

Der Gründe sind natürlich mehrere; aber ein Umstand, der die

Kolonisatoren unterstützt hat, ist die sprachliche Zerrissenheit

Afrikas und die zum Teil dadurch bedingte Aufteilung des Landes unter

kleine und kleinste Häuptlinge. Wirklich mächtige Herrscher, die großen

Reichen vorstehen, gibt es mit wenigen Ausnahmen nicht. Wir hatten

in Afrika, bevor die deutsche Herrschaft eingriff, dasselbe Bild wie

in Deutschland vor seiner Einigung: ungezählte Häuptlinge, die sich

meistens grimmig bekämpften. Die erwähnte sprachliche Zerrissenheit

begünstigte diese Fehden und steht heute noch der Einigung der

verschiedenen Stämme unter einem Häuptling im Wege, natürlich nicht

als einziges Hindernis.

Im Banne der Furcht · 第 19 / 22 段