umgebenden Kräften und Dämonen, die ihnen als körperlose Wesen an
Macht weit überlegen sind, die sie aber doch anderseits durch allerlei
Kniffe zu überlisten oder gar einzuschüchtern suchen. Erinnern wir
uns an das Wort von der „Opferkuh mit zwei Beinen“, also ein Huhn,
welches der Mwasu einer toten Riesenschlange in Aussicht stellt,
falls sie ihn, den an ihrem Tode Unschuldigen, trotzdem beunruhigen
sollte. Er schiebt also Erpressungsversuchen seiner Gottheit beizeiten
einen Riegel vor. Der Häuptling Mauya in Mamba kam zu mir und klagte
in stark übertriebener Weise über den Mais auf seinem Felde, der
unrettbar vertrocknet sei. Als ich bemerkte, daß doch sein Mais recht
gut aussehe, meinte er: „So hilf mir doch schimpfen, dann kommt Regen!“
Wenn also die bösen Dämonen hören, daß man die Hoffnung auf eine gute
Ernte bereits aufgegeben hat, halten sie den Regen nicht länger auf
(vgl. das Gebet der Frau vor der Geburt, S. 23). Aus diesem Grunde
sagt man auch von Neugeborenen: „Es ist ein kleiner Marder geboren
worden, er ist aber ziemlich krank. Wir müssen uns nach Arznei umtun.“
Dabei kann das kleine Wesen munter und kräftig sein: aber man will mit
solchen herabsetzenden Worten bösen Dämonen und Menschen die Lust zum
böswilligen Eingreifen nehmen.
Auch die Wapare fürchten sich vor der Götter Neide. Hat jemand eine
ungewöhnlich große Ernte und gerät ihm alles wohl, dann sagt man: „Das
ist ein unheimlicher Segen, er wird damit nicht fertig werden, sondern
vorher sterben.“ Man gibt auch die Zahl seines Viehes höchstens mit
zwei an, und wenn es hundert sind, um keinerseits Neid zu erregen und
eine feindliche Gesinnung der Dämonen herauszufordern. Trotzdem sucht
man ihnen nicht nur durch falsche Darstellungsweise, welcher der Glaube
an die Macht des gesprochenen Wortes zugrunde liegt, ein Schnippchen
zu schlagen, sondern sie selbst durch Drohungen einzuschüchtern. Einer
meiner Gewährsmänner erzählte mir hierzu folgendes Beispiel: „Kommt
eines Tages ein Bekannter namens Madiwa zu uns und sucht seinen Onkel,
der als Familienpriester zu dem Schädel seiner Großmutter beten soll.
Madiwas Mais war nämlich zweimal nicht aufgegangen, und das Orakel
hatte den Geist der Großmutter als Ursache festgestellt. Der Mann
schalt nun seine Großmutter laut, die, anstatt ihn durch eine leichte
Krankheit oder sonst ein vorübergehendes Übel an seine Opferpflicht
zu erinnern, sich darauf versteift habe, seine ganze Ackerarbeit
illusorisch zu machen. Er verlangte, man solle ihm den Schädel
zeigen, er wolle für Änderung sorgen. Als wir ihm entgegenhielten,
daß er doch nicht anstelle des Priesters beten könne, meinte er:
‚Beten will ich auch nicht, aber ihren Topf decke ich auf; dann mag
sie eine Zeitlang so in der Sonne sitzen. Vielleicht daß ihr dann
die Lust vergeht, andauernd meine Saat zu verderben.‘“ Ein ähnliches
Beispiel erwähnte ich schon bei der Besprechung des Nkomadienstes.
Doch wie gesagt: die Drohungen bilden Ausnahmen, lieber legt man sich
auf kleine Listen. Wenn deshalb der Mwasu in seiner Krankheit mehr
klagt, als unbedingt nötig wäre, oder wenn er jedem seine Leiden in
den schrecklichsten Farben schildert, so liegt hier im letzten Grunde
weniger Zimperlichkeit vor als vielmehr das Bestreben, böse Kräfte,
die im Spiele sind, zu veranlassen, von ihm als bereits Erledigtem
(~nkungu mposha~ = taube Nuß, s. S. 23) abzustehen.
Die Wapare kennen einen Zauber, den sie ~ibuge~ nennen und der in
seiner Wirkung dem Hypnotismus gleichkommt. Der Besitzer eines solchen
Ibuge begibt sich abends zu dem Hause eines wohlhabenden Mannes und
bläst etwas von der Medizin durch ein Fensterloch in dessen Hütte.
Die Bewohner mögen gerade beim Essen sein oder ihrer Beschäftigung
nachgehen, bald fallen sie in einen tiefen Dornröschenschlaf. Der
Zauberer geht nunmehr in das Haus und fordert den Besitzer auf, eine
Kuh loszubinden und beim Forttreiben behilflich zu sein. Unterwegs wird
er wieder zurückgeschickt, und erst wenn die Diebe weit genug fort
sind, weckt der Zauberer durch besondere Manipulationen die noch im
Hause schlafenden Leute aus ihrer Hypnose auf.
Ein ähnlicher Erfolg im Viehraub wurde mit einer Medizin der Wateta
erzielt. Sie hieß ~ndere ya kiteta~. Der Hypnotiseur begab sich
in ein Gehöft, grüßte die Anwesenden und trat an die Kühe heran. Er
fragte dann wohl: „Warum willst du dem Soundso (seinem Klienten) die
Kühe nicht herausgeben, die du ihm schuldest? Heute gehen sie mit mir!“
Inzwischen hatte er die Tiere an seiner Zaubermedizin lecken lassen
und ihnen auch etwas davon an die Stirn gerieben. Er lief dann einfach
schnell davon, und die Tiere folgten ihm. Bis die bestürzte Hausmutter,
die man möglichst allein zu treffen sucht, sich von ihrem Schrecken
erholt und einige Nachbarn herbeigerufen hatte, war der Dieb mit seinen
Helfershelfern längst im Busch verschwunden.
So wie der Rattenfänger von Hameln Tiere und Menschen seinem Willen
gefügig machte, erzählen die Wapare auch von einem Ndere ya kiteta, der
Menschen dem Willen seines Besitzers völlig unterwarf. Es sei da hin
und wieder ein Mteta ins Land gekommen, manchmal auf dem Kriegszug,
habe irgendein schönes Mädchen gezwungen, an seiner Medizin zu lecken
und ihr etwas davon auf die Stirn gerieben mit der Ermahnung, ihm in
kürzester Zeit seine Tasche, die er ihr lasse, in sein Land und Haus
zu bringen. Solch ein Mädchen habe dann allen Vorstellungen der Seinen
zum Trotz einem unwiderstehlichen Drange folgend dem fremden Manne
nachreisen müssen und immer nur geltend gemacht, es müsse doch die
Tasche an ihren Ort bringen. Mag auch der einen oder andern Erzählung
ein wahrer Kern zugrunde liegen, denn es gibt sicherlich bei den Vaasu
viele Dinge, von denen sich unsre Schulweisheit nichts träumen läßt, so
steht anderseits fest, daß findige Medizinmänner mit solchen Artikeln
einen einträglichen Handel betrieben haben und noch betreiben.
Andre Zauberer verstehen es, sich in Zeiten der Not durch ihre
Verwandlungskünste der Verfolgung zu entziehen. So soll sich der
Häuptling Semnyongo noch im letzten Augenblick der Verfolgung des von
Kiswani erschienenen deutschen Beamten durch Verwandlung entzogen
haben. Krieger berichten, daß sie auf ihren Zügen statt der noch
soeben gesehenen Herde mit ihrem Hirten plötzlich Steinen und einem
Baum gegenübergestanden hätten. Auch in Leoparden können sich die
Menschen verwandeln, das gehört aber schon zu der bösen Zauberkunst
(~vusavi~), die dem Nächsten Schaden zufügen will. Der Mwasu
unterscheidet streng zwischen Vasavi und Vaganga, den bösen Zauberern
und den guten Zauberdoktoren. Vasavi werden mit dem Tode bestraft. Sie
treiben ihr Unwesen bei Nacht. In mondlosen Nächten schleicht sich
der Zauberer vor die Hütte seines Feindes, nur mit einigen dürren
Bananenblättern bekleidet, und vergräbt vor der Tür seine „Medizin“.
Tritt der Besitzer aus der Hütte und über die Stelle, wo das Mittel
vergraben ist, so wird sein Bein anschwellen, vereitern, und zuletzt
muß er sterben. Oder er ruft des Nachts den Betreffenden an, hält dabei
eine Medizinkalabasse offen und schließt diese, sobald der Angerufene
antwortet. Mit der Stimme hat er nun auch den „Schatten“ gefangen, und
die Seele wird auf einen Baum gebunden, wo sie nachts oft schreit.
Vergrabene Zaubermittel sucht man heute noch mit Hilfe des ~mzuza~
(s. u.), und oft soll in der Hütte eine wilde Jagd danach entstanden
sein, denn das Zaubermittel hat hin und wieder die Eigenschaft, vor
dem Wünschelrutenmann davonzulaufen. Das Verfahren, welches die
Eingebornen anwenden, um jemand der Zauberei zu überführen, haben wir
bereits bei der Besprechung der Rechtssitten kennengelernt. War jemand
überführt, wurden auch seine Söhne getötet und seine Töchter in die
Sklaverei verkauft. Das letzte in Kihurio stattgefundene Strafgericht
dieser Art wurde mir wie folgt beschrieben: Der Zauberer wurde an einen
Pfahl gebunden, glühende Kohlen wurden ihm auf den Kopf gelegt. Sein
Leib wurde mit glühenden Eisenstäben „behandelt“, um die „Krankheit“
auszutreiben. Alt und jung gingen vorüber, schlugen ihn und trieben
ihm Dornen in Körper und Augen. Man band ihn mit seinem Sohn zusammen
an eine Stange, hob sie hoch und ließ sie auf die Erde fallen. Nachdem
dies wiederholt gemacht worden war, sagte man: „Vielleicht ist es
unserm Häuptling kalt.“ Er wurde in die heiße Sonne gebracht und in
unmittelbarer Nähe des Körpers ein riesiges Feuer angezündet, damit er
sich „wärmte“. Er endete auf dem Scheiterhaufen.
Als letztes will ich hier noch den Uzuza-Zauber erwähnen. Den
Besitzer nennt man ~mzuza~ = Aufspürer. Er ist nämlich imstande,
vergrabene böse Zaubermittel oder verlorene bzw. gestohlene Gegenstände
aufzufinden. Seine Medizin soll er sich aus einer Hyänen- und
Schweinsschnauze sowie aus einem Habichts- und Geierkopf herstellen,
welche Stoffe verbrannt und pulverisiert werden. Das Geschäft
ist einträglich. Macht er z. B. einen verfluchten Topf (s. unter
Rechtssitten) auf einem verlassenen Hausplatz ausfindig, erhält er
dafür zwei Ziegen. Ist so ein Unglückstopf gar in einem hl. Haine
vergraben, verlangt der Wünschelrutenmann eine Färse als Bezahlung. Der
Vorgang beim Aufspüren ist ungefähr folgender: Nachdem das Orakel den
Tod eines Familiengliedes auf einen verfluchten Topf zurückgeführt hat,
wird der Mzuza gerufen und ihm mitgeteilt, in welcher Gegend ungefähr
der Topf zu suchen sei. Nun begibt der Zauberer sich auf die Suche. In
der rechten Hand trägt er einen Gnuschwanz. Ein wenig seiner „Medizin“
vermengt er mit Erde von dem Platze, wo der Gegenstand gesucht werden
soll und schnupft die Mischung zum Teil, ein wenig streut er auf den
Gnuschwanz. Diesen hält er unter fortwährendem Schnüffeln an die Nase
und auf die Erde, bis er die Spur und endlich auch den Ort gefunden
hat, an welchem der zu suchende Gegenstand verborgen liegt. Die gute
Belohnung möchte natürlich auch mancher Schwindler einstecken. Einer
meiner Gewährsleute beobachtete einmal einen solchen, wie er einen
kleinen Topf eingrub, um ihn nachher „aufzuspüren“. Unter gewissen
Umständen sind solche Machenschaften wohl möglich, oft dagegen völlig
ausgeschlossen. Denn wenn ein Mpare eine Kuh für solche Sache bezahlt,
dann paßt er doch gut auf, daß man ihm keinen falschen Zauber vormacht.
Wenn man als Missionar bemüht ist, dem Paremann möglichst sein Volkstum
zu erhalten, so wird man leider immer wieder die Erfahrung machen, daß
man nur einen ganz kleinen Rest seiner Sitten und Gebräuche ungefährdet
ins Christentum hinübernehmen kann, weil sein ganzes Dichten und Denken
vollständig mit heidnisch religiösen und abergläubischen Vorstellungen
durchtränkt ist. Da werfen schon die kleinen Kinder ihre ausgefallenen
Milchzähne der Sonne zu mit den Worten: „Hier, Sonne, nimm meinen
Zahn, und gib mir einen neuen!“ oder man bindet dem Kinde das kleine
Füßchen einer Antilope ans Bein, damit es auch bald so laufen kann wie
diese. Während viele Christen die mancherlei Lebenskräfte ohne Dank
gegen ihren Schöpfer hinnehmen, sucht der Neger erst durch tausend
abergläubische Handlungen diese Kräfte zu bewegen, sich in der von ihm
gewünschten Weise zu betätigen.
=Das Orakel= (~nzaro~).
Das Orakel ist die Brücke, welche die Menschen mit der unsichtbaren
Welt verbindet. Was sollte der Mwasu anfangen, wenn er kein Orakel
hätte, welches ihm bei der verwirrend großen Anzahl seiner Gottheiten
einen Fingerzeig gibt, welcher von ihnen zu opfern ist! Das Nzaro ist
ihm der Ratgeber in allen Lebenslagen. Er plant eine Reise, will mit
seinem Nachbar prozessieren, er hat eine Seuche in der Herde, er oder
ein Familienglied ist krank, er hat irgend etwas verloren, seinem Kinde
kommen die Zähne nicht zur rechten Zeit oder es hat Stuhlverstopfung,
kurz: in allen Nöten fragt er das Orakel um Rat. Man muß gestehen, daß
eine so vielseitige Einrichtung für Leute, die im Banne der Furcht
gefangen gehalten sind, eine außerordentliche Hilfe bedeutet. Für 25
Heller kann man die Ursache jeder Krankheit erfahren, und man weiß,
welche Gottheit ein Opfer erheischt. Berühmte Orakel sind entsprechend
teurer.
Von den verschiedenen Orakeln sind die hauptsächlichsten folgende: 1.
~nzaro ya mbotwe~; 2. ~nzaro ya mapande~; 3. ~nzaro ya lusinga~; 4.
~nzaro ya vijwiijwii~; 5. ~nzaro ya lagula~; 6. ~nzaro ya mlamulo~; 7.
~nzaro ya kidonga~; 8. ~nzaro ya ugonezi~.
1. Mbotwe sind große braune Samen eines Baumes, hier „Steine“ genannt.
Diese werden mit allerlei Medizinen in einem Stück Bambusrohr
aufbewahrt. Soll das Orakel befragt werden, so riecht der Besitzer
zuerst gründlich in den Behälter hinein, um seine Sinne für die
Aufnahme der zu erwartenden Botschaften vorzubereiten. Dann ermahnt
er das Nzaro mit folgenden Worten: „Du Orakel, Freund der Ahnen, was
ich dich auch frage, bejahe es mit vier Steinen, verneine es mit einem
Stein.“ Nach ihm bekannten Regeln legt er nun immer Häufchen von je
fünf Samen zusammen, und aus dem übrigbleibenden Rest ersieht er ja
oder nein.
2. Das Nzaro ya mapande ist eine Schere aus Holz mit vielen Gliedern,
wie man sie bei uns zur Fastnachtszeit als Scherzartikel verkauft. An
den Bewegungen der ausgezogenen Schere ersieht der Zauberer die Antwort
der Geister.
3. Das Nzaro ya lusinga besteht aus einer etwa 15 ~cm~ langen
Metallnadel, die an ihrem einen Ende einen kleinen Holzgriff trägt.
Der Medizinmann reibt die Spitze in etwas Asche und versucht dann,
die Nadel durch eins der bereitgelegten vier Stückchen einer
Bananenblattrippe zu stoßen. Geht die Nadel glatt durch, so bedeutet
das nein; bleibt sie trotz Anwendung von Kraft stecken, so hat das
Nzaro die Frage bejaht.
Der Verlauf einer solchen Sitzung ist etwa folgender: Dem Nachbarn,
der den Orakelspruch unentgeltlich abgibt, teilt man zur Abkürzung
des Verfahrens gleich mit, daß etwa die Tochter krank sei, und es
wird die Ursache festgestellt. Ein fremder Medizinmann, der für seine
Mühewaltung Bezahlung verlangt, muß dagegen selbst feststellen, was den
Ratsuchenden zu ihm geführt hat und damit gleichsam eine Probe seines
Könnens ablegen. Er wird also in diesem Falle nach wenigen Augenblicken
dem Manne sagen: „Du kommst wegen deines Kindes zu mir.“ Der antwortet:
„Drücke dich bestimmter aus!“ -- „Es handelt sich um deine Tochter.“
Der andre ruft nun zur Bestätigung: ~Taire!~ d. h. du bist ein
Wissender, du hast es getroffen. Dann fragt der Medizinmann sein Orakel
nach allen möglichen Krankheitsursachen ab: Ist es ein Ahn? Ist ein
böser Zauberer im Spiel? Handelt es sich um ein getötetes Seelentier?
-- Jede Feststellung wird dem Klienten mitgeteilt und von diesem, wenn
sie zutrifft, mit einem Taire beantwortet. Oft macht das Nzaro auch
ganz bestimmte Angaben, etwa: Vor einigen Wochen oder Tagen hat dich
ein Mann mit heller Gesichtsfarbe besucht. -- Taire! -- Der ist dann
noch öfter zu dir gekommen. -- Taire! -- Nun, der ist es, der deine
Tochter verzaubert hat. Grabe da und da nach, so wirst du mit Hilfe
der Mzuza einen Zauber vorfinden. -- Das Orakel hat seine Schuldigkeit
getan, das Weitere ist Sache des nunmehr aufzusuchenden Medizinmannes.
In wichtigen Angelegenheiten befragt man Orakel in anderen Landschaften
oder gar fernen Provinzen, wo eine Kenntnis der Verhältnisse des
Klienten ausgeschlossen erscheint.
4. Das Nzaro ya vijwiijwii besteht aus einem kleinen Kürbisfläschchen,
welches der Medizinmann zuerst tüchtig anraucht, worauf in der Flasche
ein lautes Piepen ertönt, durch welches das geheimnisvolle Ding dem
Zauberer auf seine Fragen antwortet.
5. Berühmt ist das Nzaro ya lagula, welches ebenfalls aus einem
Kürbisfläschchen mit Medizin besteht. Der Zauberer setzt sich vor die
Erschienenen und riecht an seiner Flasche. Dann fängt er an zu singen,
die Herumsitzenden antworten im Chor: „Lagula!“ bei zutreffenden
Feststellungen: „Taire!“ etwa wie folgt:
Ihr meine Leute -- lagula!
Wo kommt ihr her? -- lagula!
Ihr kommt aus Mamba -- taire!
Was wollt ihr denn hier? -- lagula!
Ihr habt einen Prozeß -- taire!
Es handelt sich um eine Kuh -- taire! usw.
Der Medizinmann soll, wie mir Christen erzählten, die geheimsten Dinge
ans Licht bringen. Da es sich oft um völlig fremde Leute handelt, die
eine weite Reise zurückgelegt haben, ist auch hier eine vorherige
Verständigung durch andre kaum anzunehmen.
6. Das Nzaro ya mlamulo besteht aus etwa 40 fingerlangen Stäbchen,
die zu je vier abends auf den Boden gelegt und mit Mehl bestreut
werden. Da gibt es eine Gruppe des bösen Zauberers, andre bezeichnen
die verschiedenen Gottheiten, die als Krankheitserreger auftreten
können, usw. Sind am nächsten Morgen z. B. die vier für den Dachgötzen
hingelegten Hölzchen auseinandergeworfen, so ist dieser als Ursache
festgestellt.
7. Das Nzaro ya kidonga besteht aus einer kleinen Medizinkalabasse,
deren Inhalt, nachdem die Flasche geschüttelt wurde, glänzende Blasen
wirft. Ein Medizinmann, den ich eines Tages gerade beim Wahrsagen
antraf, erklärte mir nachher, daß er aus der Art der sich bildenden
Blasen das Gewünschte ersehen könne.
8. Das Nzaro ya ugonezi ist ein berühmtes Orakel und erinnert an jenes
zu Delphi. Nachdem der Medizinmann im Hause der Ratfragenden den ganzen
Abend allerlei ihn inspirierende Lieder gesungen, seine Medizinen
getrunken und Weihrauch verbrannt hat, zieht er sich in die für ihn
bereitgehaltene Hütte zurück mit dem Gesang:
„Ihr guten Geister folgt mir nach,
Ihr schlechten bleibet fern!“
Am Kopfende seines Bettes stößt er einen Stab in die Erde, an welchen
er seine Medizinflaschen hängt, und dann begibt er sich zur Ruhe,
während Weihrauchdämpfe die Hütte erfüllen. Im Traum erhält er von
den guten Geistern Aufschluß über die schwebenden Fragen; auch manche
andre Zukunftsblicke lassen sie ihn tun. Während die meisten Orakel
für etwa eine Rupie zu kaufen sind, belaufen sich Ausrüstungs- und
Unterrichtskosten für dieses Nzaro auf eine Färse und einen Ochsen.
Außer den aufgezählten gibt es noch andre Orakel, die unsre Wapare
z. T. von fremden Stämmen übernommen haben. Die verschiedenen Nzaro
eingehend zu besprechen, würde einen breiten Raum erfordern und die
Darlegungen würden starken Zweifeln begegnen; sicherlich oft nicht zu
Recht, denn manches wird doch unerklärlich bleiben. So suchte einer
dieser Wahrsager, ein Greis mit weißem Haar, am Tage der Einnahme von
Taveta 1914 den Missionar einer unsrer Nachbarstationen zu bereden,
die Flagge hochzuziehen, weil Taveta von den Deutschen genommen sei.
Er habe in der Nacht im Gesicht den Kanonendonner gehört und die
deutsche Flagge dort wehen sehen. Zu der Zeit war uns Europäern von
der tatsächlichen Einnahme noch nichts bekannt, da die Nachricht erst
mehrere Tage später eintraf.
[Illustration]
Dreizehntes Kapitel.
Der kranke Heide.
In sehr vielen oder gar den meisten Fällen sieht der Heide in Krankheit
und Tod keinen natürlichen Vorgang sondern eine Verzauberung. Daher
beschränkt sich die Behandlung seitens ihrer Ärzte nicht auf die
Verabfolgung der sicherlich oft recht guten Medizinen, sondern es wird
viel Zauber nebenbei gemacht. Das ist von nicht zu unterschätzender
Bedeutung. Denn mehr noch als die eigentliche Arznei trägt „der Zauber“
zur Stärkung der Zuversicht und damit zur Heilung des Kranken bei.
Krankheitsursachen sind u. a.:
1. Ein Ahnengeist will ein Opfer.
2. Tötung eines Seelen- oder Totemtieres. Frevel in einem hl. Hain.
3. Irgendein Vorfahr, etwa der Großvater, hat sich in einem dieser
Punkte etwas zuschulden kommen lassen.
4. Ein unerfülltes Gelübde.
5. Ein Fluchtopf.
6. Verzauberung.
Ist einer von den ersten vier Punkten als Ursache festgestellt, bringt
man für die Ahnen ein Scheinopfer dar; den Seelentieren oder dem
Walddämon wird einstweilen ein Pfand in der bereits beschriebenen Weise
gegeben. Tritt am nächsten Tage Besserung ein, so war die Angabe des
Orakels richtig, sonst geht man zu einem andern Nzaro, welches etwa als
Nebenursache noch Verzauberung feststellt. Nunmehr wird ein Medizinmann
bestellt, der die Behandlung übernimmt. So ist der Verlauf bei leichten
Erkrankungen, die sich verschlechtern. Man sendet also am vierten oder
fünften Tage zum Wahrsager. Tritt die Krankheit sofort in ein heftiges
Stadium, wird natürlich sogleich ein Arzt gerufen, während ein andrer
Nachbar zum Nzaro läuft.
Die Behandlung besteht hauptsächlich im Einritzen der Haut des ganzen
Körpers und nachfolgendem Einreiben der pulverisierten Arzneimittel in
die je nach Art der Behandlung leicht oder stärker blutenden Wunden.
Andre Medizinen sind zum Einnehmen, flüssig oder in Pulverform, mit
Honig vermischt. Alle Arzneien sind vorher vom Medizinmann bespützt
bzw. angehaucht worden, indem der Hauch mit Hilfe der Zunge heftig
zwischen den Lippen hervorgestoßen wurde. Der Kranke wird ebenfalls
nach der Arzneibehandlung heftig bespützt, um ihm die Seelenkräfte des
Arztes mitzuteilen und die bösen Zauberkräfte zu vertreiben. Die enge
Verbindung zwischen Speichel und Hauch als Seelenträger tritt auch
sprachlich in die Erscheinung; denn diese Art des „Anhauchens“ heißt
im Chasu ~kutufia~, abgeleitet von ~kutufa~ = ausspeien. Das
Bespützen beschränkt sich oft nur auf die Medizinen, um ihnen größere
Wirksamkeit zu verleihen. Bessert sich der Kranke durch die Behandlung
nicht, so wird er oft von einem Dorf ins andre und schließlich in ganz
erbärmliche Hütehütten geschleppt, um in der Einsamkeit den Einflüssen
der bösen Zauberer zu entgehen.
Die mir im Laufe der Zeit bekanntgewordenen Behandlungsarten und
Sympathiemittel, die bei einer schweren Krankheit angewandt werden,
bilden sicherlich nur einen geringen Bruchteil der medizinischen
Wissenschaft unsrer Wapare. Aber selbst dies Wenige ist zu zahlreich,
um hier aufgeführt werden zu können. Nur das eine oder andre will ich
aus dem Vielen herausgreifen, damit der Leser ein ungefähres Bild
bekommt. Eine sterile Frau z. B. führt der Arzt an einen Mvumo-Baum,
wo beide mit einem Messer in die Haut bzw. Rinde geritzt werden. Das
austretende Blut der Frau reibt der Medizinmann in die Schnittwunden
des Baumes und umgekehrt. Dabei spricht er: „Du Geist des Baumes, gehe
in die Frau, und du Dämon der Frau, fahre in den Baum!“ Führt das
Orakel die Krankheit auf einen vor Zeiten vergrabenen Topf zurück, so
wird dieser durch einen Wünschelrutenmann aufgesucht und mit einem
Schafopfer entsühnt.
[Illustration: Pare-Häuptlinge. Links Häuptling Mauya.]
[Illustration: Missionsdirektor Conradi überreicht dem Sultan von
Majita eine elektrische Taschenlampe.]
[Illustration: Taufe in Friedenstal, Südpare.]
[Illustration: Missionar Kölling und Pare-Lehrer.]
Wie wir schon im Abschnitt über die Geburt erwähnten, haben die
Ärzte ziemlich gute Kenntnisse von den hierher gehörigen Vorgängen.
Nur verhüllen Furcht und Aberglaube das Gute immer allzu leicht.
Enthauptungen und Wendungen im Mutterleibe, operative Erweiterung des
äußeren Geburtsweges sind bekannt. Knochenbrüche werden geschient. Sind
jemand durch einen Unglücksfall die Testes aufgeplatzt, so werden sie
mit einer gewöhnlichen Nadel und Schafdarm wieder zusammengenäht.
Die Ohrläppchen besonders der Frauen werden schon in der Jugend durch
eingesteckte Holzplättchen und später durch Palmblattspiralen stark
vergrößert, daß sie oft wie dünne Schnüre auf die Schultern reichen.
Reißen sie, oder will einer, der Mode folgend, die Sache verkürzt
haben, so verwundet der Chirurg die beiden Enden künstlich, legt sie
aufeinander und umwickelt die Stelle mit einem Faden.