stimmen soll. Er wird immer in der Nähe des Hauses angebracht und
besteht in einem kleinen etwas eingegrabenen Topf, hinter welchem
unter anderm ein Isai-Baum gepflanzt wird. Am Tage der Opferfeier wird
Speis- und Trankopfer dargebracht. Jeder tritt herzu und macht in
eines der Blätter des heiligen Isai-Baumes einen Knoten und trägt dem
Dämon dabei seine Bitten vor. Diese Sitte ist wohl gleichbedeutend mit
dem Gebrauch bei andern Stämmen, ihren Fetischfiguren bei besonderen
Anlässen einen Nagel einzuschlagen, um sie zu gewissen Dienstleistungen
zu verpflichten. Obige Zeremonie nennen die Wapare ~kusoma kisiko~
= den Kisiko-Zauber eingraben. Auf andre Eigentümlichkeiten, z. B. das
Austreiben eines schwarzen Schafes und einer gleichfarbigen Färse,
denen je eine Glocke um den Hals gebunden ist, kann ich hier nicht
eingehen.
Während sich diese Dinge mehr oder weniger dem Fetischdienst nähern,
hat der Mwasu auch andre Zaubermittel, die ins Gebiet der Magie
gehören. Sie werden unter entsprechenden Beschwörungen von den
Medizinmännern auf Zugangswegen vergraben und halten Seuchen, Kriege
und wilde Tiere dem Lande fern. Man nennt sie ~mafingo~ (s. S. 196).
Ihnen wird nicht geopfert.
Der Fetischdienst.
Wenn ein Zauber dadurch zum Fetisch wird, daß man ihn zum Gegenstand
eines Kultus macht, so ist hier an erster Stelle der berühmte Dachgötze
mpingu und sein Adjutant (~mlao~), der ~mfuko~ oder „die Tasche“ zu
erwähnen. Auch die Anfertigung dieses Fetischs kann hier nur in großen
Umrissen wiedergegeben werden. Ist der Götze zufällig mit seinem Tempel
verbrannt oder altersschwach geworden, dann ruft der Sippenälteste,
der zugleich Mpingu-Priester ist, die ganze Sippe zusammen, um mit ihr
die Beschaffung der Opferziegen und des Bieres zu besprechen, Dinge,
die bei der Neubereitung des Mfuko und danach des Mpingu geopfert
werden müssen. Nach einigen Tagen werden vier Männer ausgesandt, um
Blätter und Rinde von bestimmten Bäumen zu holen, und zwar gehen zwei
in den Gebirgswald und zwei in den Steppenbusch. Unter Beobachtung
der mannigfaltigsten Gebräuche werden die Rindenstücke pulverisiert,
die Blätter zu Asche verbrannt und mit der Mischung an zwanzig kleine
Kürbisfläschchen gefüllt. Diese werden vorläufig in einem Mattensack
aufbewahrt. Bei einer neuen Zusammenkunft werden die erste Opferziege
und ein Hahn, beide von bestimmter Farbe, geschlachtet. Aus der Lage
des geschlachteten Hahnes auf dem Erdboden und den Eingeweiden der
Ziege wird ersehen, ob die Tiere „rein“ sind oder ob irgendeine andre
dämonische Macht eine Forderung hat. Das Orakel erteilt in solchem
Fall Aufschluß. Ist alles in Ordnung, so stoßen die Frauen viermal den
Freudentriller aus, und es wird dem Mfuko im Hause ein Fleisch- und
Bieropfer dargebracht. Der Priester betet an der Haussäule: „Du Mfuko,
wir sind gekommen, dich neuzumachen, denn du hast uns durch allerlei
Übel daran erinnert. Nun segne uns und mehre uns und unser Vieh!“ Das
Fell der Ziege wird unausgespannt in der Sonne getrocknet, und jeder
Mann reibt es, um es geschmeidig zu machen. Aus diesem Fell wird nun
vier Wochen lang jedesmal am vierten Wochentage der Mfuko, die Tasche,
genäht und ihm an der Haussäule, dem späteren Träger des Fetisches,
Bieropfer dargebracht. Am vierten Wochentage der fünften Woche wird die
„Tasche“ mit den kleinen Kürbisflaschen und etwa hundert Kungu-Nüssen
gefüllt und feierlichst auf den Dachboden gebracht. Am vierten Tage
der sechsten Woche wird dem neuen Fetisch ein Reinigungsopfer wegen
der inzwischen verstorbenen Ältesten der Sippe dargebracht, damit
+auch er selbst, wie das bei den Hinterbliebenen der Toten üblich ist,
entsühnt werde+. Welche verwickelten Gedankengänge und Vorstellungen
mögen wohl zu solchen Sitten geführt haben! Am vierten Tage der achten
Woche hält man ein neues Zauberopfer ab, das ~kugera mikono~ = Hände
hineinstecken. Der Mfuko wird vom Boden heruntergeholt und auf ein Fell
gesetzt, Kürbisfläschchen und Nüsse werden herausgenommen. Der Priester
heißt jeden eine oder zwei von den heiligen Nüssen nehmen und dafür
sofort einige der mitgebrachten in die Tasche legen. Ein jeder muß
seine Nuß kauen und vermischt den fetthaltigen Nußbrei mit ein wenig
Zauberasche aus den Kürbisfläschchen. Mit dieser Salbe reibt er sich
den ganzen Körper ein. Damit ist die Reihe der Mfuko-Opfer zu Ende.
Der Oberpriester, in dessen Haus der Fetisch aufbewahrt wird, entläßt
die Versammlung mit dem Auftrag, weitere Opferziegen für die nicht
vor Jahresfrist vorzunehmende Neubereitung des Hauptfetisches Mpingu
bereitzustellen.
Dieser wird nun auch unter Beobachtung aller möglichen Zeremonien
zusammengestellt. Er besteht in der Hauptsache aus einer riesigen
Königin der schwarzen Ameisen, einem Nest des Harya-Vogels
(Madenhacker), einem entkernten Maiskolben und dergleichen mehr.
Alles wird mit dem Horn eines Schafbocks zusammengebunden, mit Bast
des Affenbrotbaumes umwickelt und dann noch überflochten. Das ganze
Bündel wird mit Reihen von Kaurimuscheln benäht, und zwar erhält
jede Sippe ihre besondere Reihe. Die Ameisen lernten wir schon als
Seelenträger kennen, auch den Madenhacker. Wie erwähnt, besteht sein
Nest nur aus Haaren von Menschen und allen möglichen Haus- und wilden
Tieren. Ein Gebilde aus derartig vielen Seelenträgern eignet sich
vorzüglich zur Bereitung eines Dämonenzaubers oder Fetisches. Außerdem
sind die in Baumlöchern angelegten Harya-Nester sehr schwer zu finden
und schon dadurch wertvoll. Der entkernte Maiskolben wird nur bei
Wachthütten gesucht, in welchen die Vaasu nachts ihre Felder gegen
Schweine bewachen. Durch dieses Symbol wird dem Dachgötzen Wachsamkeit
mitgeteilt. Tagsüber bleibt sein Tempel, wenn man die Hütte so nennen
will, stets offen, weil der Fetisch selbst darüber wacht, daß in der
Hütte nichts gestohlen wird. Zahlreich sind die Tempelvorschriften.
Buntgekleidet oder mit bedecktem Haupte darf keiner in den Tempel
treten. Schwarz ist die Opferkleidung. Rauchen ist nicht gestattet.
Der Mpingu-Fetisch wird auf dem Dach in einem Topf aufbewahrt, wo er
im Gegensatz zum Mfuko auch bei Opferfesten verbleibt, also nicht wie
jener heruntergenommen wird. Unter besonderen Zeremonien werden die
Novizen in die Fetischgemeinde aufgenommen, indem ihnen der Mpingu
gezeigt wird. Nur auf diese Weise eingeweihte Personen werden zu den
Opfern zugelassen. Die der betreffenden Sippe zugehörige Muschelreihe
wird bei dieser Gelegenheit gesäubert und mit Fett eingerieben, was
zu gleicher Zeit die Festigkeit der Baumfaserschnüre erhöht. Eine
besondere Eigentümlichkeit des Dachgötzen besteht darin, daß ihm nur in
den regenlosen Monaten geopfert wird. Der Mpingu ist für den Paremann
die höchste Instanz und wird außerordentlich gefürchtet. Schwierige
Rechtsfälle werden vor ihm entschieden. Die Entscheidung lautet immer
für die unterliegende Partei auf Tod innerhalb einer genau angegebenen
Frist.
Ein weiteres Amulett, welches ich glaube zu den Fetischen zählen
zu dürfen, nennt man ~kidanga~. Es ist ein gedrehtes eisernes
Armband, und das Opfer besteht darin, daß diese Armbänder unter
besonderen Zeremonien beim Schmied angefertigt werden. Vielleicht
ist die Sache so, daß Kidanga der eigentliche Name für den Dämon ist
und sein Name auf sein Abzeichen übertragen wurde. Daher auch das
Orakel von einem Gott der Vidanga spricht (~murungu wa vidanga~).
Erkrankt jemand an einer Art Ringwurm oder ringförmigen Flechte, so
führt das Orakel diesen Ausschlag auf den Kidanga-Fetisch zurück. Es
rät, den Dämon durch ein entsprechendes Zauberopfer zu bannen. Der
Kranke borgt sich bei einem Nachbar ein solches Armband und betet etwa
folgendermaßen: „Du Gott der Vidanga, bist du es, der mich krank macht,
so gelobe ich dir, dein Abzeichen schmieden zu lassen, wenn du mich
wieder herstellst.“ Ist das eingetreten, dann sagt er sich mit seiner
Sippe bei einem Schmied an. Am bestimmten Tage erscheint er dort mit
einer grünen Bananentraube, einem Hahn und zwei Kalabassen mit Bier,
und zwar enthält die eine Bier aus dunklem, die andre solches aus
hellem Zuckerrohr. Diese Zuckerrohrfarben werden übrigens bei allem
Opferbier für den Mpingu-Fetisch vorgeschrieben. Der Schmied spützt
etwas Bier auf die Stelle, an welcher sein Schmiedefeuer gewöhnlich
brennt, und betet: „Du Gott der Vidanga, wenn du diesen Mann bedrängt
hast, hilf, daß deine Abzeichen wohlgelingen, sonst laß sie abbrechen.“
Nunmehr schmiedet er für jedes Glied der Sippe, auch für Abwesende,
einen Armring. Den Männern wird er um das rechte Handgelenk gelegt, den
Frauen um das linke. Damit ist die Zeremonie beendigt.
Die Himmelskörper.
Ich fragte einmal einen ganz alten Mann, welche Vorstellung er sich
von Gott mache und was die Wapare Näheres von ihm wüßten. Er gab mir
folgende Antwort: „Kiumbe ist der Schöpfer, der alles erschaffen hat.
Von ihm wissen wir nichts mehr, er kümmert sich nicht um uns und wir
nicht um ihn, aber die Sonne ist groß, und der Mond ist groß, der
Mond gebiert die Menschenkinder.“ Ein andrer Gewährsmann drückte sich
folgendermaßen aus: „Der Kiumbe ist als Schöpfer uns allen bekannt.“
Aber wenn ein Paremann nähere Auskunft über ihn geben soll, dann weiß
er nichts zu sagen und kommt deshalb auf Sonne und Mond als bekanntere
und vor allem sichtbare Dinge zurück. Sonne, Mond und Sterne haben noch
als Nebennamen: ~msembeki~ = Ankläger, ~mrenge~ = Verräter,
~mloreži~ = Beobachter. Für diese Namen habe ich verschiedene
Erklärungen gehört, die mich aber nicht ganz befriedigten. Am besten
schien mir folgende Redensart den Sinn wiederzugeben: „Tötest du am
Tage, so sieht dich der Tag (Sonne = Ankläger); tötest du in der Nacht,
so sieht dich die Nacht (Mond = Verräter, Sterne = Beobachter).“ Reste
eines uralten Sonnendienstes ähnlich dem Molochdienst glaube ich hier
bei den Vaasu in dem Muni-Opfer bei den Frauenfesten gefunden zu haben
(s. S. 47). Auch bei der Zahnung der Kinder sahen wir schon, daß die
Säuglinge der Sonne „gezeigt“ werden. Ein jüngerer Häuptling erinnerte
sich, daß vor etwa 20 Jahren auf einer Wiese der Sonne und dem Mond
ein großes Speisopfer dargebracht wurde. Heute noch kann man in der
Gerichtshalle besonders immer wieder als eine Art Eidesformel rufen
hören: „Groß ist die Sonne, die uns hütet und sieht!“ Der Mond zeigt ja
seinen Einfluß auf die Menschen vor allem bei den Menses der Frauen.
Auch dadurch, daß die Zähne bei den Säuglingen genau nach festgelegten
Mondmonaten kommen müssen, wie wir beim Zahnzauber sahen, gewinnt
rückwirkend der Mond bei den Vaasu an Bedeutung.
[Illustration: Frau mit Elefantiasis.]
[Illustration: Taubenhaus aus übereinandergetürmten Bienenstöcken.]
[Illustration: Kleines Hospital auf der Missionsstation Friedenstal.]
[Illustration: Schlafkrankes Mädchen.]
Sieht ein Häuptling sich vom andern ohne Grund mit Krieg bedroht, so
bereitet dieser in einem kleinen Topf etwas Honigbier und steigt damit
auf die Spitze seiner Hütte, wo er den Topf hinsetzt und dem Schöpfer
(~kiumbe~), dem Firmament (~kilunge~), der Sonne und dem
Mond ein Trankopfer darbringt, indem er zweimal nach Sonnenaufgang
und zweimal nach Sonnenuntergang spützt. Er bittet dabei, daß sein
Feind wohl sehen möge, wie die Sonne aufgehe, aber nicht mehr wie sie
untergehe. Diese Beschwörung nimmt er vier Tage lang vor und gibt am
Tage des Gefechtes seinem Gegner durch Zuruf davon Kenntnis.
Auch die Ärzte gehen mit ihrer Arzneiflasche am Schluß der Behandlung
vor das Haus, um gegen Osten und Westen zu spützen, indem sie der Sonne
zurufen: „Nimm unsre Krankheiten an dich und geh mit ihnen dahin, wo
du hingehst!“ Einen ähnlichen Vorgang lernten wir schon kennen, als
wir von der Vertreibung der Seuchen sprachen. Es wurden alle Feuer
ausgelöscht, ein Bild der untergehenden alten Sonne, welche die Seuchen
mitnehmen sollte.
Dieses Kapitel will ich nicht schließen, ohne erwähnt zu haben, daß von
der Küste her über Usambara auch in Pare ein neuer Dämon seinen Einzug
gehalten hat, der ~mzuka~. Er wird gebannt, indem man ihm unter
„seinem Baum“ ein etwa 1 ~m~ hohes Hüttchen baut, worin ihm in
einer Tasse allerlei Speisopfer dargebracht werden.
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.
Der Aberglaube im täglichen Leben.
Wenn man bedenkt, wieviel Aberglaube heute noch in europäischen Ländern
herrscht, besonders bei der Landbevölkerung, so darf man sich nicht
wundern, wenn auch die Wapare darin befangen sind. Da sie kein höchstes
Wesen mehr kennen, sondern nur zahlreiche nebengeordnete Gottheiten,
deren Zorn und unerwünschte Aufmerksamkeit durch tausend Zufälligkeiten
des Lebens erregt wird, kann es nicht überraschen, wenn die Leute
solchen Dingen ihre erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden und ihnen Bedeutung
für ihr Wohlergehen zuschreiben. Durch Vornahme magischer Handlungen
oder das Anlegen von Zaubermedizinen können sie allerlei Kräfte
zwingen, ihnen dienlich zu sein. Diese an und für sich völlig harmlosen
Zaubermittel haben für den Mwasu jedenfalls den praktischen Wert, daß
sie sein Selbstbewußtsein oder seine Zuversicht in den glücklichen
Ausgang z. B. eines schwebenden Prozesses heben und so sein Auftreten
in für ihn günstiger Weise tatsächlich beeinflussen. Man kann übrigens
heute dieselben Dinge, die hier die finsteren Medizinmänner verkaufen,
bei uns im Anzeigenteil irgendeines modernen Blattes aufgeführt finden,
z. B.: „Die Zufälligkeiten des Lebens und die ihnen zugrunde liegenden
Gesetze“, für 2 Mark oder: „Lehrbuch zur Anfertigung von Amuletten und
Talismanen, die Erfolg in der Liebe und sicheres Auftreten verleihen“,
für 50 Pfg. usw.
Zuerst will ich die _ndee mbivi_ und die _ndee yedi_ erwähnen, d. h.
die schlechten und die guten Vorzeichen. Hat der Mpare eine Reise
angetreten, und läuft ihm gleich zu Beginn ein Buschbock, eine
Riesenschlange oder eine kleine schwarze Schlangenart über den
Weg, so kehrt er wieder um und befragt das Orakel, was seinem
Vorhaben entgegenstehe. Dies stellt entweder fest, daß das Omen ein
Warnungssignal eines wohlgesinnten Ahnengeistes war, der irgendein
Unglück von seinem Schützling abwenden wollte oder aber die Erinnerung
an ein fälliges Opfer bedeute. Im letzteren Falle bittet der Mann die
betreffende Gottheit um eine glückliche Beendigung seiner Reise und
seines etwaigen Prozesses. Gleichzeitig bringt er als Bürgschaft für
das einstweilen aufgeschobene Dankopfer ein Scheinopfer mit Wasser dar,
wie wir es schon kennenlernten.
Des weiteren hört man aus dem Schrei bestimmter Vögel und dem Gekreisch
der schwarzen Meerkatzen, ob man auf der Reise Erfreuliches oder
Trauriges erleben wird. Reist jemand zur Erledigung eines Prozesses
und trifft als erste Person eine schwangere Frau, zwei Frauen oder
auch zwei Männer, dann freut er sich, denn „das ist seine Kraft“
und bedeutet einen glücklichen Ausgang seiner Sache. Trifft er nur
eine Frau, die nicht schwanger ist, so wird er wohl zu seinen Kühen
kommen; aber „sie haben keine Kraft“ und werden nicht lange in seinem
Stalle bleiben. Einen einzelnen Mann zu treffen, heißt den Prozeß
verlieren. Auch eine beliebige Zehe kann die Rolle eines Glück- oder
Unglückbringers spielen, je nach der Erfahrung des einzelnen. Stößt
er sich an die Glückszehe, so hat seine Reise Erfolg und umgekehrt.
Daher kommt die Redensart eines Glücklichen: „Ich habe mich an die
Glückszehe gestoßen.“ Ein Mittel, welches in das Gebiet der Magie
gehört, wendet der Mpare an, wenn er jemand bestimmt zu Hause antreffen
will. Er bricht zu dem Zweck ein Blatt von einem Baum, legt es auf
den Weg und beschwert es mit einem Stein, damit es da liegen bleibt.
Wie nun der Wind vergeblich an dem beschwerten Blatt zerrt, so kann
auch der andre nicht fort, sondern wird von einem unbestimmten Gefühl
bewogen, zu Hause zu bleiben. Ähnlich machen es die Zauberer, wenn ein
Dieb verfolgt werden soll. Sie nehmen etwas Erde aus der aufgefundenen
Fußspur des Diebes und binden sie mit Bananenbast zu einem Zauberknoten
zusammen. Dadurch werden die Füße des Fliehenden gleichsam gebunden,
und er wird seinen Verfolgern in die Hände fallen.
Ein beliebter Zauber ist der ~ndere~. Allerlei Sympathiemittel und
Seelenträger werden zu Asche verbrannt und in einem Kürbisfläschchen
mit Honig oder Fett vermengt. An dieser Masse leckt man und reibt
sich ein wenig davon ins Gesicht, um so die beabsichtigte Wirkung
hervorzurufen. Man hat Liebesndere, mit Hilfe dessen man ein Don Juan
werden kann oder wenigstens zu einer Frau kommt, falls man bisher nur
Körbe erhalten hat. Andre Ndere sichern den günstigen Ausgang aller
Prozesse, vermehren das Vieh usw.
Berühmt waren die Zauber, welche den Besitzer unverwundbar machten. An
solche Mittel glauben die Leute auch heute noch fest, wenngleich sie
zugeben, daß mit dem Erscheinen der Europäer ihren alten Medizinen die
Kraft genommen worden sei. Der ~majimaji~ d. h. Wasser-Aufstand
1905 im Süden unsrer Kolonie ist auf die Umtriebe solcher Medizinmänner
zurückzuführen, welche die Leute glauben machten, durch die Kraft ihrer
~dawa~ würde nur Wasser aus den Gewehren der Europäer kommen.
Andere Mittel halten die bösen Tiere ab, machen die Flüsse trotz der
vielen Krokodile passierbar u. dgl. m. Hierher gehören ferner die
verschiedenen Arten der ~mafingo~, welche Kriege, Seuchen und
wilde Tiere abhalten. In dem großen Hirtendorfe Makokane z. B. werden
die zahlreichen Kühe und Ziegen vor den gleichfalls zahlreichen Löwen
und Leoparden durch derartige Mafingo geschützt. Der Medizinmann
schreibt nach Vergraben seines Zaubers den Dorfbewohnern mancherlei
Verhaltungsmaßregeln vor, von deren Beobachtung die Wirksamkeit des
„Ifingo“ abhängt. Z. B. darf nach Sonnenuntergang kein Kochtopf mehr
aus dem Hause getragen noch Wasser oder Holz ins Dorf gebracht werden.
Leute, die nach Sonnenuntergang das Dorf betreten wollen, müssen sich
von einem Kinde an der Hand hineinführen lassen. (Erklärung dieses
Brauches und ähnlicher Vorstellungen, S. 111.)
Esel standen bei den Wapare in schlechtem Ruf als Überbringer von
Seuchen und Hungersnöten. Brachte in früheren Zeiten ein Küstenneger
seinen Esel nach Pare, dann wurde der Weg hinter ihm her mit Schafmist
entsühnt. Auch heute noch verbieten die alten Frauen den Mädchen, über
einen Esel zu lachen, wenn sie sich auf dem Wege zum Markte befinden,
da ihnen sonst nichts abgekauft werde. Dasselbe gilt für Hunde und
Affen.
Kommt eine rote Ameisenart oder eine schwarze Schlange ins Haus,
so geht man zum Orakel, um die Ursache festzustellen. Während die
Ameisen meistens als Gesandte irgendeiner Gottheit aufgefaßt werden,
die ein Opfer erheischt, ist die schwarze Schlange oft der Vorbote
zu erwartender Elternfreude. Sie beißt Menschen nur auf Veranlassung
irgendeiner Gottheit oder eines bösen Zauberers. Allgemeine Bestürzung
ruft das Erscheinen der großen Steppeneule im Gebirge hervor, denn
sie gilt als Vorbote nahender Seuchen. Schleunigst sucht man einen
Medizinmann, der seinen Zauber in die Luft bläst, um die Tiere zu
verscheuchen. Schreit die Eule dagegen auf dem Hause des einzelnen,
so geht dieser unverzüglich zum Orakel, um sich die nötigen
Gegenmaßregeln angeben zu lassen; denn in dem Falle ist das Tier von
einem bösen Zauberer geschickt worden, und die Krankheit wird nicht
lange auf sich warten lassen, wenn der Mann sich keine Gegenmedizin
besorgt. Von dieser Zugehörigkeit der Eule zum bösen Zauberer ist
folgendes Sprichwort abgeleitet, welches man dem Häuptling vorhält,
wenn er für eine offenbar ungerechte Sache Partei ergreift: „Du bist
eine Eule geworden und hältst es mit dem Zauberer.“
[Illustration: Ifingo.
Zauber am Eingang der Hütte gegen Krankheit und böse Geister.
~a~ Bananenstaude, ~b~ Holzpfeile, die den Zauberer bedrohen, ~c~ und
~d~ Bogen und Pfeil des „Wachenden“, ~e~ Medizinhörner, ~f~ Steine, ~g~
in den Boden gesteckte Reiser.]
Der Geier bildet die Ursache der Krämpfe der Kinder, die man direkt
~ndeje~ = Vogel nennt. Erscheint das Tier im Dorfe, wird es
durch einen Zauberer zum Wegziehen veranlaßt, und die Kinder läßt man
behandeln. Aber auch die Haustiere können zu bösen Zauberern werden,
die man sofort töten oder verkaufen muß, will man nicht das Leben
sämtlicher Familienangehörigen verwirken. Wenn der Mwasu eine gute
Milchkuh verkauft, dann kann man sicher sein, daß sie zaubert, denn
ohne Grund verkauft er sein Vieh nicht. Ich habe schon verschiedentlich
solche Kühe billig erstehen können. Setzt sich eine Kuh, ein Schaf
oder eine Ziege nach Hundeart auf die Hinterfüße, saugen sie an
ihrem eigenen Euter, oder stellen sich Kühe nach Ziegenart auf die
Hinterbeine, um Gras von höher gelegenen Stellen abzurupfen, so haben
sie sich damit als Zauberer dargetan und müssen samt ihrem Nachwuchs
verkauft oder getötet werden. Legt ein Huhn auf einmal zwei Eier, kräht
es wie ein Hahn, legt es ein Ei in der Nacht oder auf dem Dachboden,
so wird es ebenfalls getötet. Dasselbe geschieht mit einem Hahn,
der zufällig dabei gesehen wird, wie er sich in die Schwanzfedern
beißt. Selbst leblose Gegenstände wie Bienenstöcke, aber auch
Zuckerrohrstauden, Mais und andre Dinge zaubern und versetzen den armen
Paremann in Todesfurcht, sobald er irgendwelche Unregelmäßigkeiten an
ihnen bemerkt. Eilends sucht er Rat beim Medizinmann, um das drohende
Verhängnis abzuwenden.
Bei allen Krankheiten spielt naturgemäß der Aberglaube eine große
Rolle. Kleine Kinder versteckt man förmlich, um sie vor Verzauberung
und bösem Blick zu schützen. Man gibt auch Knaben für Mädchen aus und
umgekehrt, um den Hexen entgegenzuarbeiten. Unzählige Krankheiten
führt das Orakel auf Verzauberung und bösen Blick zurück. Gegenzauber
lernten wir schon bei der Besprechung der Seelenvorstellungen kennen.
Da legt jemand seinem Feinde nachts eine Medizin vor die Tür, und wenn
dieser am andern Morgen darüber hinwegschreitet, wird er krank. Von da
war es nur noch ein Schritt zur Giftmischerei, um sich seines Feindes
gänzlich zu entledigen. Die Giftmischer sind die eigentlichen bösen
Zauberer oder Vasavi, mit denen die Vaganga oder Medizinmänner mit
ihren Zauberarzneien nichts zu tun haben. -- Eine einfache, wenn auch
wenig menschenfreundliche Weise, seine Geschwüre zu heilen, ist die der
Übertragung auf andre. Etwas Eiter reibt man auf eine Geldmünze, ein
Stückchen Kette oder an die Früchte des Mdarya-Baumes mit den Worten:
„Hier nimm meine Geschwüre, dem Finder mögen sie anhaften.“
Die Kenntnisse der Vorgänge in der Natur sind meistens durch
Aberglauben stark getrübt. Der Regenbogen ist je nach der Form
das Zeichen eines guten oder bösen Zauberers. Erdbeben bilden
die Begleiterscheinung beim Tode eines großen Häuptlings oder
Medizinmannes.