Angehörigen in die Erinnerung zurückrufen, indem er das eine oder
andere Familienglied mit Krankheit oder dergleichen plagt. Der um Rat
befragte Medizinmann führt das Übel darauf zurück, daß der Schädel
des Vaters noch nicht ausgegraben worden sei und bisher keine Opfer
erhalten habe. Der Sohn sucht nun eine Ziege, lädt noch einige Freunde
ein und geht mit ihnen an das Grab. Er legt dort der Ziege die Hände
auf und betet: „Vater, du hast mich gerufen. Hier bin ich mit deinem
Opfer. Laß dich schnell finden, damit ich deine Ziege schlachten kann!“
Vorsichtig wird jetzt das Grab geöffnet, bis sie auf den Schädel
stoßen, den sie auf eine mitgebrachte Topfscherbe legen. Nunmehr wird
die Ziege geschlachtet bzw. erstickt und das Grab mit ihrem Mageninhalt
entsühnt. Dieser Mageninhalt ist nämlich das immer wieder angewandte
Entsühnungsmittel. Der Sohn betet: „Vater, jetzt haben wir dich
ausgegraben, wir wollen dich nach Hause bringen zu deinen Genossen.
Auch dein Grab haben wir gereinigt.“ Nachdem er zweimal etwas rohes
Fleisch auf das Grab gespützt hat, ist die Zeremonie beendigt. Einer
trägt dann den Schädel nach Hause. Der Träger darf unterwegs niemand
grüßen noch auf einen Gruß antworten. Zu Hause angekommen, wird der
Schädel vorläufig auf der Tonscherbe in einem besonderen Abteil des
Hauses (~vusini~) aufbewahrt, und man legt einen Tag fest, an
welchem man wieder zusammenkommen will, um das erste Totenopfer zu
bringen und den Geist der Reihe der zu verehrenden Ahnen anzugliedern
(~kusimika nkoma~).
Es bleibt noch übrig zu erwähnen, daß man die Schädel gewöhnlich im
Hause des ältesten Verwandten der Familie aufbewahren läßt, der somit
auch ihr Priester ist. Am Morgen des bestimmten Tages geht dieser
Priester auf den Boden des Hauses, um das dort bereitgestellte, einige
Tage vorher von dem leiblichen Sohn gebraute Bier einer Kostprobe zu
unterziehen. Ist es verdorben, so gerät man wieder ob dieses bösen
Zeichens in Unruhe und befragt das Orakel. Im anderen Falle aber gießt
der Mann ein Trankopfer am Hausaltar auf die Erde und betet: „Ihr
Geister! dies ist euer Bier. Heute wollen wir euch einen Genossen
zuführen, damit seine Kinder ihm hier opfern können.“ Unterdes sind die
andern Teilnehmer am Opfer mit der Ziege gekommen; den Schädel hat man
von der Scherbe fortgenommen und in einen Topf getan. Zwei verschieden
geformte Kürbiskalabassen werden mit Bier gefüllt, dann wird die Ziege
geschlachtet. Von dem Fleisch werden Stückchen von allen Körperteilen
auf vier Brathölzchen gespießt und gebraten. Zwei sind für die Männer
und zwei für die Frauen bestimmt. Ist es gebraten, so werden kleine
Stückchen davon abgeschnitten und auf je einen Strohteller gelegt. Der
Priester läßt sich nunmehr eine Schale voll Bier einschenken und bringt
dem Schädel als dem Sitz der Körperseele das erste Gebet dar: „Du
Soundso, heute haben wir dich der Reihe der Ahnen angegliedert. Hier
ist dein Bier und Opferfleisch. Trink und iß und gib es deinem Vater
und deinem Großvater und denen, die bei euch sind. Sag’ ihnen, daß wir
dir heute ein Opfer gebracht haben, damit ihr euch freut und wir uns
auch freuen können.“ Unter solchen Worten gießt er etwas Bier vor dem
Topf mit dem neuen Schädel aus und legt einige Fleischstückchen mit auf
die Erde. Dasselbe geschieht dann vor den andern Ahnentöpfen.
Nunmehr wendet er sich unter Beobachtung derselben Zeremonien an die
weiblichen Geister, beginnend mit der Stammutter, die auch den andern
von dem Opfer mitteilen soll. Nach dem Priester betet der leibliche
Sohn des Toten: „Vater! du hast dich beschwert, daß wir dich nicht
ausgegraben haben. Jetzt ist es geschehen, wir haben dich zu deinen
Genossen gebracht usw.“ Der Rest des gebratenen Opferfleisches wird
unter die anwesenden Männer und Frauen verteilt, und die gewohnte
Mahlzeit schließt sich an.
Von Leuten, die keine Kinder haben, werden die Schädel nicht
aufgehoben. Für sie ist auch sonst keine Möglichkeit vorhanden, unter
die Ahnen eingereiht zu werden. Da soll schon mancher Vater, dessen
einziges Kind die christliche Taufe empfing, geseufzt haben: „Ich hatte
mir es schon so schön gedacht, einstmals Opfer zu erhalten. Aber jetzt
bin ich wie einer, der kein Kind hat, und meine Hoffnung ist dahin.“
Die Flußläufe, Teiche und große Wiesen bilden den Aufenthaltsort für
die Schatten, die kinderlos gestorben sind. Dahin ziehen sich auch die
Urahnen zurück; denn nur zu Vater, Mutter, Großvater und Großmutter
betet der Mpare. Die Schatten der Urahnen wie der Kinder halten sich
an oben erwähnten Plätzen auf und freuen sich, wenn auch sie bei
Gelegenheit ein Opfer erhalten.
Von Zeit zu Zeit bringen sich die Ahnen bei ihren Nachkommen in
Erinnerung, der Mwasu sagt: ~Nkoma žirota.~ Man erhält erst
durch die Vermittlung des Orakels Kenntnis davon, welches man wie
immer sofort bei irgendwelchem Unglück oder Krankheit zu Rate
zieht. Irgendeiner von den Ahnen, die Großeltern der Mutter oder
des Vaters, oder Mutter und Vater selbst werden für die Krankheit
verantwortlich gemacht. Das Orakel behauptet, einer der Ahnen fühle
sich vernachlässigt und wolle ein Speis- und Trankopfer. In der schon
erwähnten vorsichtigen Weise, welche die Wapare bei jedem Gelübde ihren
Götzen gegenüber an den Tag legen, wird ein Scheinopfer dargebracht,
und erst wenn die Genesung des Kranken die Sicherheit geboten hat,
daß es sich tatsächlich um den vom Orakel als Ursache festgestellten
Ahnengeist handelt, erhält er das wirkliche Opfer. Es besteht
gewöhnlich aus irgendeiner gekochten Speise und Bier. Der Schädel wird
aus dem Topf geholt und etwas von dem anhaftenden Schmutz und den
Spinngeweben gereinigt, dann mit Öl gesalbt und auf ein Fell an den Fuß
der Haussäule gelegt. Hierauf wird dem Geiste das Opfer in der schon
beschriebenen Weise dargebracht.
Ein andres Opfer, welches den Ahnen etwa am sechsten Tage nach der
Geburt eines Kindes von den beiden Eheleuten dargebracht wird,
heißt ~vishindio~. Es besteht aus gekochten Wurzelknollen, die
zuerst der Mann und gleich nachher die Frau beim ersten Morgengrauen
an einem Kreuzwege niederlegen, „damit das Neugeborene nicht ewig
schläft“! Hiermit wäre schon die Überleitung zu den freiwilligen Opfern
gegeben, welche die Wapare ihren Ahnen darbringen, ohne vorher durch
Unglück und Orakel gemahnt worden zu sein. Sie nennen das ~kukezya
nkoma~ = die Geister begrüßen. Allerlei Speis- und Trankopfer werden
den Schatten dargebracht, entweder als Dank für die Erhörung von
Gebeten oder aber um sie versöhnlich zu stimmen. Mancher Mwasu läßt
solch eine Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne die Ahnen in nicht
mißzuverstehenden Worten an ihre Pflicht zu erinnern, ihm zu Kühen --
die für das Herz eines Paremannes der Inbegriff alles Begehrenswerten
bilden -- zu verhelfen. Er betet wohl: „Ihr Geister, hier habt ihr ein
wenig Maisbrei. Das ist meine Kuh, ihr gebt mir ja keine andere, da
kann ich euch auch kein Fleisch bringen, und ihr müßt eben Mehlbrei
essen.“
Einer unsrer Christen hörte einen Mann namens Konamboa, der dazu noch
der Familienpriester war, in einer Schädelhöhle folgende Worte an die
Ahnengeister richten: „Hier sind Leute, die euch anbeten wollen, laßt
mich aber in Frieden. Kinder habt ihr mir keine gegeben, Rinder habe
ich auch keine, und dazu wollt ihr immer Opfer haben, soll ich euch
denn Menschen opfern? Ihr Kerle habt auch keine Ohren (~mantu aa na
masikio esina~)!“ Daß tatsächlich die Ahnen oder andre Götzen im
höchsten Zorn einmal so beschimpft werden, nur, um sich wahrscheinlich
bald mit einem Opfer wieder versöhnen zu lassen, wurde mir auch von
einem heidnischen Gewährsmann bestätigt.
Die verschiedenen Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche sind
viel zu zahlreich und auch schon nach den Landschaften verschieden,
als daß sie sich alle hier aufzählen ließen. Ich muß mich damit
begnügen, das Hauptsächlichste anzuführen, und will deshalb nur noch
eines wichtigen Gebrauches Erwähnung tun, des Kirurumo-Opfers. Dieses
muß jedem Ahn einmal dargebracht werden, und zwar wartet man, bis die
Geister selbst ihr Opfer fordern, was festzustellen wie immer die
Aufgabe des Orakels ist. Man bespricht sich mit den Verwandten. Dann
wird ein Ochse gesucht, der unbedingt unbeschnittene Ohren haben und
von ganz schwarzer Farbe sein muß.
Der Opfertag ist der heilige vierte Wochentag. An den vorhergehenden
Tagen werden umfassende Vorbereitungen getroffen und Bier aus dunklem
und hellem Zuckerrohr gebraut. In der Nacht vom dritten auf den vierten
Wochentag wird der Ochse gegen drei Uhr morgens erstickt. Dabei dürfen
nur Leute tätig sein, die das Kirurumo-Opfer den Ahnen bereits gebracht
haben. Der Priester betet vorher, daß alles gutgehen möchte und der
Ochse im Todeskampf niemand verletze, daß ferner aus dem Befund der
Eingeweide und der Leber die Annahme des Opfers bestätigt werden möge.
Aus zwei Kalabassen gießt der Priester zuerst Bier von dunklem und
darauf von hellem Zuckerrohr als Trankopfer auf die Erde. Der Rest wird
von den Versammelten getrunken. Das Tier wird nunmehr auf die Erde
geworfen und auf grausame Weise erstickt, indem ihm schwammartige,
trockene Zuckerrohrfasern, Restbestände von der Bierbereitung, mit
einem „schwarzen“ Zuckerrohr in Maul und Nase gestoßen werden. Bevor
der an allen vieren stark gefesselte Ochse ganz tot ist, setzen sich
die Nachkommen des betreffenden Mannes viermal auf das Opfertier, und
zwar zuerst die Männer, dann die Frauen. Dabei sagen sie: „Vater, jetzt
haben wir dich vergessen.“
Bei Tagesanbruch bringt man dem Ahn zuerst an der Haussäule ein
Trankopfer dar und später, nachdem man den Ochsen enthäutet und zerlegt
hat, erhält er ein weiteres Fleisch- und Bieropfer an einem Kreuzwege.
Man betet: „Hier ist dein Rind. Wir haben dich nun deinen Freunden dort
ebenbürtig gemacht, teile es mit ihnen, damit auch sie dir in Zukunft
nichts vorenthalten!“
Die Geladenen erhalten zu Hause jeder seinen Anteil an dem Fleisch
und stärken sich vor ihrer Rückkehr noch durch einen guten Trunk. Am
Abend bringt der Sohn seinem Vater das letzte Opfer dar und bittet um
seinen Segen. Am nächsten Tage wird der Schädel des Ochsen von der
Haut befreit, und nachdem die Ratten ihn im Laufe der Zeit völlig
saubergenagt haben, dient er den Leuten als Stuhl. Bei der Gelegenheit
sei noch erwähnt, daß man für Leute, die im Kriege erschlagen
worden sind und deren Leichen man nicht aufgefunden hat, eine Ziege
schlachtet, deren Schädel dann später den übrigen Ahnenschädeln
beigefügt wird und die Stelle des eigentlichen Nkoma einnimmt.
Bis jetzt ist es mir nicht gelungen, den Schleier, der über diesem
Opferfest zu liegen scheint, zu lüften. Für das geheimnisvolle
viermalige Niedersetzen auf dem Opfertier und den eigentümlichen Namen
~kirurumo~, von dem Verbum ~kururuma~ = brummen, brüllen,
donnern, abgeleitet, habe ich keine Erklärung finden können.
Nächtliche Tanz- und Trinkgelage, wochenlang anhaltende Feste, welche
die Berge widerhallen machen von den Freudentrillern und Tanzgesängen,
alle diese Dinge sind dazu angetan, dem Uneingeweihten das Wesen des
Heidentums zu verbergen. Aber zieht man diesen Schleier etwas zurück,
so sieht man, wie diesen „lustigen Naturkindern“ auf Schritt und Tritt
ein grausiges Gespenst folgt: +die Furcht+. Da wird das Gebet zu einer
ergreifenden Klage, zu einer wuchtigen Anklage gegen den Bösen, der
seinen nach Frieden schreienden Kindern statt des Brotes einen Stein
anbietet: ~Nkoma shinjiani!~ -- -- -- Ihr Geister, schlaft!
Der Dämonen- und Fetischglaube.
Der Vegetations- und Dämonenkultus.
Die Fülle der auf dem Gebiete des Animismus teils ineinandergreifenden,
teils nebeneinander hergehenden Seelenvorstellungen mit ihren
Übergängen ist eine derartig große, daß ich auch hier den sich dafür
Interessierenden auf das Werk von W. Wundt, „Völkerpsychologie
~II~, Mythus und Religion“, hinweisen muß. Das Studium dieses
Werkes wird jedem, der draußen mit Negern zu arbeiten hat, oft
überraschende Aufschlüsse über wohl längst bekannte aber unverstandene
Gebräuche geben. Wenn ich hier zuerst vom Vegetationskultus schreiben
will, dem ein Dämonenglaube zugrunde liegt, so muß ich dabei
vorausschicken, daß die Wapare von eigentlichen Dämonen nichts zu
wissen scheinen, höchstens im Unterbewußtsein. Soviel ist sicher,
daß all die magischen Handlungen, von welchen wir im folgenden
sprechen werden, etwas Ungenanntes bannen sollen, und wir werden nicht
fehlgehen, wenn wir in diesem Ungenannten die Felddämonen suchen. Wundt
unterscheidet zwischen inneren, in den Pflanzen wohnenden Dämonen und
solchen, die ihren Sitz in Sonnenschein, Regen und Wind haben, also
äußeren. Beides fand ich hier bestätigt. Die Sippe der Vamramba schickt
die Hungersnot ins Land, indem sie in einem bestimmten Haine betet, der
also den Hungerdämon beherbergt. Anderseits herrscht die allgemeine
Ansicht, daß alle Seuchen aus der Sonne kommen. Hier scheint also noch
einmal der Sonnengott den Charakter eines Dämonen anzunehmen, während
der Sonne im allgemeinen als schöpferische und erzeugende Macht eine
höhere Stellung zugewiesen ist.
Wenn die Wapare sehen, daß eine Hungersnot vor der Tür steht, gehen
sie zu ihrem obersten Häuptling, um ihn zu bitten, etwas gegen das
drohende Unglück zu unternehmen. Dieser befiehlt jeder Landschaft
die Stellung einer Ziege. Sind diese alle zusammen, dann geht eine
Gesandtschaft mit einem Unterhäuptling an den Zauberer ab, der durch
seine Medizin die bösen Dämonen, die schon einen großen Teil der Ernte
vernichtet haben, bannen soll. Der stellt ein Sympathiemittel her,
indem er allerlei Kräuter stampft und das Ganze mit einigen Exemplaren
der Insekten vermengt, die die Felder des betreffenden Landes im
besonderen heimgesucht haben, nach dem Grundsatz der magischen Medizin:
„~Similia similibus!~“ Den fertigen Brei bespützt er unter
geheimnisvollem Gemurmel, indem er den Atem heftig zwischen den fest
zusammengepreßten Lippen hervorstößt, als ob er in eine Trompete blasen
wolle. Zu Hause angekommen, verteilt der Oberhäuptling den Extrakt an
die Häuptlinge der einzelnen Landschaften. Je zwei und zwei Männer
sprengen diesen mit Wasser reichlich verdünnten Zauber auf die Felder
ihres Bezirks. Zum Sprengen verwenden sie einen Pinsel, der in einem
am Ende zerstoßenen Bananenschößling einer bestimmten Art besteht. Die
Leute müssen tiefschwarze Hautfarbe haben, damit die Maisstauden und
die andern Pflanzen schwarz (d. h. saftgrün) werden. Würden hellfarbige
Männer das Weihwasser sprengen, so läge die Gefahr nahe, daß auch die
Maisstauden eine kümmerliche hellgrüne Farbe annähmen. Das Besprengen
geschieht vier Tage lang. An diesen wird unter keinen Umständen
geackert. Holz darf nur gebrochen, aber nicht mit der Axt abgeschlagen
werden. Auch der Gebrauch des Messers zum Abschneiden einer
Bananentraube oder eines Zuckerrohrs ist untersagt. Die Restbestände
des Zaubers werden im Hause des Häuptlings aufbewahrt. So verfährt man
in Zeiten der Dürre und andrer die Ernte bedrohender Plagen, um von den
Anpflanzungen zu retten, was noch zu retten ist.
In ähnlicher Weise wird ein andrer Zauber angewandt, der dazu dient,
von vornherein einen reichen Ernteertrag zu sichern. Berühmte
Medizinmänner, die in diesem Fach Bedeutendes leisten sollen, sind
die Vamramba, die Affenbrotbaumleute. Diese Sippe soll angeblich ihre
Toten bei solchen Bäumen niederlegen, die wohl ihr Totem bilden.
Vorerst erhält der Zauberer für seine Mühewaltung zwei Ziegen und
nach erreichtem Erfolg eine Färse und einen Ochsen. Den Leuten werden
zweierlei Zaubermittel verabfolgt. Das erste verdünnt der Häuptling in
einem Topf und legt etwas Saatmais in das geweihte Wasser. Am nächsten
Morgen ganz früh entnimmt er dem Topf ein wenig von der Saat, macht
auf seinem Acker unten und oben je zwei Saatlöcher und pflanzt den
geweihten Mais. Zu beachten ist auch hier die immer wiederkehrende
heilige Zahl vier. Er hütet sich, vorher etwas zu essen, weil das für
alle Insekten sozusagen eine Einladung wäre, auch zu essen, und diese
würden natürlich ihren Hunger an den Früchten des Feldes stillen. Hat
der Häuptling den Anfang gemacht, dann kommen alle Leute der Landschaft
in sein Gehöft. Jeder nimmt sich eine Handvoll des geweihten Maises
aus dem Topf, schüttet eine gleiche Menge seiner mitgebrachten Saat
wieder hinein und begibt sich auf seinen Acker, um zu pflanzen. Später
werden die Felder mit der andern „Arznei“ besprengt unter Beobachtung
derselben Regeln, wie oben beschrieben.
Ist die Erntezeit gekommen, so sendet der Häuptling Leute, die auf
jedem Acker einige Maiskolben brechen und diese Steuer (~mshanjo~)
an einem Scheidewege zusammentragen. Hier wird der Ernteschmaus
gehalten. Jeder Fremde, der vorübergeht, darf teilnehmen. Was
übrigbleibt, läßt man zur freien Benutzung für jedermann am Wege
liegen. Damit ist die Ernte offiziell eröffnet.
Auch Seuchen an Menschen und Vieh werden durch Besprengung mit
derartigem Weihwasser vertrieben. Alle Leute stehen am bestimmten
Tage ganz früh gegen 4 Uhr morgens auf, und in jedem Hause werden die
Feuer, die Abbilder der alten Sonne, ausgelöscht in der Hoffnung,
daß auch die Seuche so erlöschen möge. Jede Frau trägt eine alte
Kürbisschale mit gekochtem Mais und ein Stück Feuerholz. Letzteres
wird beim Hause des Häuptlings niedergelegt. Der Medizinmann führt die
ganze große Versammlung an einen Busch, wo die Frauen schnell ihre
Schalen hinsetzen und alle, ohne rückwärts zu schauen, in das Gehöft
des Häuptlings zurückkehren. Das nennt man ~kutaga ihumpa~ = die
Seuche fortwerfen.
Auf dem Hofe des Häuptlingshauses erzeugt der Zauberer mit den
Vinindi-Stäbchen neues Feuer, ein Abbild der nunmehr erneuerten
Sonne, und verbrennt einige Zaubermittel. Die Frauen legen ihre
mitgebrachten Scheite hinein, lassen sie tüchtig anbrennen und tragen
diese neugewonnenen Feuer in ihre Hütten, während die ausgewählten
Männer vier Tage lang mit ihrem Weihwasser durch die Landschaft ziehen
und Häuser, Menschen und Vieh besprengen. Bei dieser Arbeit dürfen
sie übrigens kein Wort reden und müssen selbst beim freundlichsten
Gruß stumm bleiben. Ich will nicht vergessen zu erwähnen, daß allen
diesen Medizinen natürlich auch das allgebräuchliche Sühnemittel, der
Mageninhalt eines Schafes, beigemengt ist. Der unparteiische Beobachter
muß auch hier wieder sagen: Ob der hochkultivierte Europäer sich
kleine Kräuterbündel in der Kirche weihen läßt und diese dann gegen
Blitzgefahr unter das Dach hängt, oder ob sich der unkultivierte Neger
von seinem Medizinmann Weihwasser gegen Hungersnot und allerlei Seuchen
machen läßt, es handelt sich bei beiden um die gleichen Vorstellungen.
Die Kultur, selbst im Verein mit der Kirche hat oft nur die Schale
verändern können, ohne den Kern zu berühren. Die reinen und einfachen
Lehren des Wortes Gottes werden aber beim Neger nicht nur eine
Änderung in der Lebensform bewirken sondern auch seine Gedankenwelt,
besonders aber seine Seelenvorstellungen von Grund aus reformieren.
Wir freuen uns, daß wir heute schon Hunderte von christlichen Negern
haben, die sich schämen würden, geweihte Sträußchen oder dergleichen
Dinge gegen Blitzgefahr in ihr Haus zu hängen, weil sie, die noch
gestern Heiden waren, genau wissen, daß heidnischer Dämonenkult auch
in christianisierter Form bleibt, was er war. Wundt bestätigt das am
Ende seiner Besprechung über die Schutzdämonen, und seine Worte sollten
uns Kulturmenschen, die wir wohl auf die Ideenwelt des Negers mit
Geringschätzung herabblicken, nachdenklich stimmen. Wundt schreibt:
„Aber die Majorität dieser mit Heiligennamen geschmückten Dämonen
gilt doch den Plagen und Befürchtungen, die den Menschen vor jeder
Kultur schon bedrängen. Laurentius hilft gegen Schulterschmerzen,
Sebastian vertreibt die Pest, Rochus die Syphilis, Johannes der
Evangelist bewahrt vor Vergiftung, Benediktus vor Behexung, Vincentius
bringt Verlorenes zurück, Klara verhilft den Mädchen zu Männern. So
hat die Kasuistik des abergläubischen Heiligenkultus jedem Heiligen
sein besonderes Übel zugewiesen, gegen das seine Anrufung schützen
soll. In dieser Teilung der Aufgaben gleichen die Heiligen ganz den
Schutzdämonen der heidnischen Litauer oder der römischen Indigitamenta.
Aber es sind nicht mehr Kulturdämonen, die angerufen werden, sondern
Zauberdämonen des primitiven Animismus, die von den Kulturdämonen nur
das Prinzip der Arbeitsteilung und von den christlichen Heiligen die
Namen übernommen haben.“
Die Vaasu haben außerdem eine ganze Reihe von heiligen Hainen, in
welchen sie Kulthandlungen vornehmen. Ob wir es nun hier mit rein
animistischen Vorstellungen zu tun haben, oder ob die zu besprechenden
Erscheinungen dem Dämonen- oder Fetischkult zuzurechnen sind, das wage
ich nicht zu entscheiden. Ein Zaubermittel aus Holz oder Stein wird
nach Wundt erst dann zum Fetisch, wenn es Objekt eines Kultus wird.
Das findet hier anscheinend in einigen Fällen statt. Anderseits lassen
aber die dabei üblichen Gebräuche so sehr die sonst dem Fetischkult
eigentümlichen Zeremonien außeracht, daß man doch mehr an einen
Dämonenkultus zu denken hat.
Im ganzen Lande zerstreut liegen die heiligen Haine, die
~matasio~. Dicht bei unsrer Missionsstation Friedenstal liegt
der berühmte Zimbwe-Hain, dessen Entstehung uns ein alter Häuptling
folgendermaßen erzählte: In grauer Vorzeit fand ein Mann namens Mabeku
an der heutigen Opferstätte eine junge Riesenschlange, die immer an
einer Stelle liegen blieb. Da seiner Sippe die Schlange heilig war, so
deckte er seinen Fund mit einem Topfe zu und pflanzte einen Isai-Baum
sowie eine Jore-Schlingpflanze daneben. Die Schlange fütterte er, bis
sie groß war, und machte bekannt, daß an der Stelle seines Opferplatzes
kein Baum gefällt werden dürfte. So entstand mit den Jahren ein
großer Hain und zahlreiche Töchterhaine, die von den Gläubigen
mittels Ablegern in ihren eignen Landschaften angelegt wurden. Aber
Zimbwe blieb immer der „Häuptling“, der auch bei den Gebeten in den
andern Hainen als Mächtigster genannt wird. Charakteristisch für die
Umwandlung, die solche Vorstellungen durchmachen können, ist die
Tatsache, daß die Erinnerung an die Schlange immer mehr verblaßte und
mit der Zeit der Hain als solcher angebetet wurde, der Kindersegen
verleihen und den Unschuldigen an den Bösen rächen kann. Man betet
also: ~We Zimbwe, wekininka vaana, nnekunka nzao na ndorome ya
mafuta!~ = Du Zimbwe-Hain, wenn du mir Kinder schenkst, so werde
ich dir einen Ochsen und einen fetten Schafbock opfern! So ist der
ursprüngliche Seelenkult zum Vegetations- und Dämonenkult geworden.
Der Wald, der anfänglich nur den geheimnisvollen Hintergrund für den
Schlangendienst bildete, tritt nunmehr als eine Art selbständiger
Dämon auf, dessen Hilfe man sich durch Versprechungen von Opfertieren
zu sichern sucht. Als Folge dieser Wandlung der Assoziationen wurde
das Verbot, in einem solchen Walde Bäume zu fällen, immer bestimmter,
indem man den Holzschlag nicht mehr als einen am Opferplatz verübten
Frevel ansah, sondern vielmehr als eine dem Hain selbst zugefügte
Beleidigung betrachtete. Natürlich spielen die an die Schlange sich
anknüpfenden Seelenvorstellungen beim Opfer noch immer eine Rolle.
So legt der Priester die Eingeweide des Opfertieres auf die Erde und
ersieht aus den Bewegungen des Dick- und Dünndarmes, ob das Opfer auch
der Riesenschlange und deren kleineren Genossen, ihren Boten, angenehm
ist.
Der echte Dämonenkult tritt uns in andern Hainen, den sogenannten
~mpungi~ entgegen. In ihnen ist der Opferplatz nur durch
Isai-Bäume gekennzeichnet, die im Kreise herumgepflanzt sind. In
der Mitte steht gewöhnlich ein Topf mit unbekanntem Inhalt und ein
Isai-Baum. Solch ein Mpungi macht sich auf dieselbe unangenehme Weise
bemerkbar wie andre Geister. Wenn die Kinder sterben, Menschen und
Vieh erkranken, sagt das Orakel: „Euer Mpungi ist die Ursache, er will
ein Opfer haben.“ In der Nähe einer unsrer Stationen ist ein berühmter
Regen-Mpungi. Diesem Dämon werden große Bieropfer dargebracht, wie
ich selbst einmal sah. Auch ein Ochse wurde getötet. Man betet: „Du
Regen(dämon), wir bringen dir dein Opfer: mach’ uns gesund und mehre
uns und unser Vieh usw.“ Dieser Regendämon scheint also mit der Zeit
seinen Machtbereich weit über sein eigentliches Gebiet ausgedehnt zu
haben, was ja nicht sehr verwundern kann, da für unsre Wapare als
Ackerbauer und Viehzüchter der Regen Lebensbedingung ist. Übrigens
geht jeder, der sich Regenzauber kaufen will, zuerst in diesen Hain,
um dort unter anderm mit einem der schon oben erwähnten Bananenpinsel
geweihtes Wasser als Bild des Regens nach allen Richtungen in die Luft
zu spritzen. Dabei wird der Regen genau so herbeigerufen, wie man sonst
die Rinder ruft, nämlich: ~Purko ko ko!~ Doch meine Freizeit,
die ich dieser Arbeit gewidmet habe, reicht nicht aus, alle diese
mannigfaltigen Gebräuche aufzuzeichnen; daher muß ich mich mit diesen
Andeutungen begnügen.