Ein weiteres Tier, welches aus animalistischen Gründen sehr gefürchtet

und nicht getötet wird, ist ein großer Vogel, der mdidi. Über die

Ursache, die zu dieser Furcht Veranlassung gegeben hat, ließ ich mir

folgende Sage erzählen: In grauer Vorzeit hatte ein Mdidi sein Nest

an einen morschen Baum gebaut. Ein Mann namens Seikwicho legte Feuer

an den Baum, und so verbrannte die junge Brut des Mdidi. Seit der

Zeit ruft der Vogel andauernd: ~Se-Seikwicho, va-vaana vangu!~ =

Seikwicho, meine Kinder! Es geht einem hier wie so oft, wenn man sich

die Bedeutung der Tierstimmen einmal von einem Paremann hat erklären

lassen, man glaubt tatsächlich die Worte vernehmen zu können, so genau

deckt sich die Nachahmung mit dem Original. -- Der Seikwicho starb mit

allen seinen Kindern, und seit der Zeit tut niemand dem Vogel etwas

zuleide. Selbst dem toten Tiere geht man scheu aus dem Wege, um sich

nicht zu verunreinigen. Das Sühnopfer für den Mdidi besteht in einem

Schafbock, der auf einem Hügel erstickt und enthäutet wird. Das Fleisch

läßt man unberührt dort liegen, ein Zeichen, daß die Leute den Vogel

sehr fürchten, denn im allgemeinen nehmen sie von den Opfertieren den

Löwenanteil für sich in Anspruch.

Deutlicher tritt noch die animalistische Wurzel zutage bei der

Verehrung, die der ~harya~ (Madenhacker) genießt. Dieser Vogel ist

schon deshalb bei den Leuten beliebt, weil er die Kühe von Ungeziefer

reinigt. Es ist interessant zuzusehen, wie das kleine Tierchen emsig

von dem Rücken, aus den Ohren und selbst vom Bauche all die bösen

Zecken abliest und so die Kühe von manchem Plagegeist befreit. Wird er

bei dieser Arbeit von dem Schwanz der Kuh oder gar durch ein Versehen

des Hirten durch einen Steinwurf betäubt, so melkt man dem „kleinen

Häuptling“ in eine Schale etwas Milch von einer schwarzen Kuh, um ihn

wieder zu sich zu bringen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß das

Nest des Harya einen wichtigen Bestandteil bei der Bereitung eines

der Hauptgötzen der Wapare bildet. Dies Nest besteht aus Haaren, die

sich der Vogel von allerlei Tieren, die er besucht, auszupft und in

einem Baumloch zusammenträgt. Das Tier ist also schon allein mit

seinem Neste der Lieferant wichtiger Stoffe, die wir bereits als

Seelenträger kennenlernten. Aber auch dem Vogel selbst wird, falls

er durch Unvorsichtigkeit getötet worden ist, ein Honig- und Ölopfer

dargebracht, und zwar wird das Fett und der Honig an den Stamm eines

Baumes gestrichen, in welchem solche Harya wohnen. „Denn“, sagen unsre

Leute, „der Harya ist ein Häuptling, den muß man ehren.“

Auch Katzen werden manchmal vom Orakel für irgendein Unglück

verantwortlich gemacht. Ist solch ein Tier vor langer Zeit getötet

worden, so rächt sein Geist sich oft nach Jahren an irgendeinem

Familiengliede. Der Katze wird dann auf Anraten des Orakels ein

Schafbock geopfert. Der eigentümliche Stamm der Wambugu, der nach

Pare eingewandert ist, scheint den Katzendienst weiter ausgebildet

zu haben, wenigstens holen sich die Wapare einen Mbugupriester, der

für sie das Opfer darbringt. Dieser Priester hüllt sich während

der Zeremonie in ein schwarzes Tuch. Sämtliche Familienglieder

müssen beim Opfer anwesend sein, wollen sie sich nicht der Rache des

Katzengeistes aussetzen. Eine große Menge Honig und Zuckerrohrbier wird

bereitgehalten. Der Priester zerschneidet ein wenig Fleisch, tut es

zusammen mit Honig in eine Topfscherbe und gibt es einer mitgebrachten

Katze zu fressen. Während sämtliche Anwesenden im Kreise herumstehen,

sitzen der Priester und der Veranstalter des Opferfestes in der Mitte

und beschwören den Geist der Katze: „Du Katze, hier ist die Sühne

dieses Mannes. Sein Vorfahr hatte einen deines Geschlechtes getötet,

nun laß aber ab von ihm, denn er opfert dir. Laß ihn reich werden an

Vieh und Kindern.“

Der Opfernde betet dem Priester diese Worte nach. Auch Bier und etwas

Speise schüttet der Priester noch auf die Erde. Diese Speise bildet

übrigens eine Eigentümlichkeit des Katzenopfers, da sie sich aus lauter

solchen Feldfrüchten zusammensetzt, die von der vorjährigen Ernte

herrühren müssen. Das Beibringen dieser vorjährigen Früchte macht

meistens ziemlich viel Mühe, da sich ja in den Tropen fast nichts

überwintern läßt. Daher sagt dann auch wohl der Paremann, wenn er

einen Gläubiger bezahlt hat und nach Jahren zu Unrecht zum zweitenmal

zahlen soll: „Ich habe doch keine Katze getötet, daß ich noch heute

damit beschäftigt sein müßte, das ‚Lösegeld‘ zusammenzusuchen;“ d. h.:

Die Sache ist längst erledigt und hat mir lange nicht soviel Mühe

gemacht, als wenn ich für eine Katze das reichhaltige Speisopfer hätte

zusammenstellen müssen. -- Einer Katze legt auch niemand einen Strick

um den Hals. Solch ein Vergehen würde zur Folge haben, daß die ganze

Sippe ebenfalls von ihren Feinden mit Stricken gebunden würde. Man

hütet sich sogar, die Katze zu schlagen, aus Furcht sie dabei zu töten

und damit die ganze Sippe vor die schwierige Aufgabe zu stellen, das

Löseopfer zu bringen.

Bei dem benachbarten Stamm der Washambaa besteht eine Art von

genießendem Totemismus, indem bei ihren Zauberopfern Hundefleisch

gegessen wird. Unsre Wapare fürchten sich im Gegensatz dazu gerade vor

toten Hunden und gehen ihnen möglichst aus dem Wege. Als Hundesühnopfer

nimmt man einen Bock oder eine Ziege. Während der Geist einer getöteten

Katze sich gewöhnlich erst an den Nachkommen des Betreffenden

rächt, bringt ein getöteter Hund dem Übeltäter selbst Unglück, bis

er das schuldige Opfer gebracht hat. Dabei ist es wie auch bei der

Katze und andern Seelentieren gar nicht einmal nötig, daß man das

Tier selbst getötet hat. Schon der Anblick eines solchen Kadavers

genügt, jemand sühnepflichtig zu machen. Der Kranke läßt in dem Falle

einen Hundepriester kommen und durch ihn dem Geiste des Hundes ein

Pfand geben, wie wir es schon beim Schlangenopfer kennenlernten.

Hundepriester sind die Washambaa. Hat der Mann keine Ziegen, so nimmt

er wohl auch nur eine Hacke und gibt sie dem Hunde als Pfand, indem er

verspricht, im Falle seiner Genesung damit eine Ziege zu erackern,

d. h. einen Acker gegen eine Ziege umzutauschen. Der weitere Verlauf

ist ähnlich wie beim Schlangenopfer.

Als letztes Seelentier will ich hier noch die +Hyäne+ erwähnen, deren

Tötung ebenfalls mit Gefahr für die Nachkommen verbunden ist. Es war

ja ein sehr naheliegender Gedanke, in einem solchen Leichenräuber, der

in seiner Gier selbst Knochen, also wichtige Seelenträger verschlingt,

ebenfalls ein Seelentier zu erblicken. Eine gewisse Erkrankung der

Atmungsorgane führt das Orakel regelmäßig auf den Geist einer von

irgendeinem Vorfahren getöteten Hyäne zurück. Die Leute aus der

Landschaft Chome sollen Hyänen in ihren Hütten halten, und sie sind

auch die Priester, die man für ein Hyänenopfer kommen läßt.

Zuerst betet der Priester im Hause des Kranken zu dem Geist des Tieres,

er möge geben, daß das ihm zu opfernde Tier „rein“ sei. Findet man

nämlich bei derartigen Opfertieren in den Eingeweiden oder der Leber

eigentümliche Zeichen oder Narben, so kann das Opfer nicht stattfinden,

wie wir auch noch weiter unten sehen werden. Nach diesem Gebet zu Hause

begibt sich der Priester mit dem Kranken oder dessen Stellvertreter in

die Chomelandschaft, um dort unter Beobachtung allerlei eigentümlicher

Zeremonien das Hyänenopfer darzubringen.

Baumseelen.

Bevor wir dazu übergehen, den Seelenkult zu besprechen, bei welchem

man sich die Seele an den Schädel als wichtigsten Knochen gebunden

denkt, müssen noch zwei Bäume erwähnt werden, die ebenfalls Gegenstand

eines Kultus sind: der ~mdarya~, ein unscheinbares Bäumchen mit

apfelartigen, eßbaren Früchten und der ~mramba~ (Affenbrotbaum).

Der Mdaryabaum ist sozusagen der Stellvertreter für die Ahnengeister,

der Platz, an welchem sie sicherlich angetroffen werden, ähnlich wie an

Flußläufen. Um den Stamm legt man Steine, welche den Opferaltar bilden,

auf welchem die Speis- und Trankopfer niedergelegt werden. Wird nun

einer aus der Sippe derer, die den Mdaryabaum für heilig erachten,

krank, so führt man dies nicht auf den Baum selbst sondern auf die

Ahnengeister zurück, als deren Vertreter er gilt. Die Opferriten sind

den bei der Anbetung der ~nkoma~ (Ahnenschädel) befolgten ähnlich,

die wir weiter unten besprechen wollen.

Im Gegensatz zum Mdarya ist dem Affenbrotbaum eine selbständigere

Stellung eingeräumt. Ihm selbst, nicht wie bei dem Mdaryabaum den

Ahnengeistern, werden Speis- und Trankopfer dargebracht. Er kann den

Leuten Unglück bringen, um sie an ihre Opferpflicht zu erinnern. Hat

das Orakel einen Affenbrotbaum als Ursache zu irgendwelcher Krankheit

festgestellt, so geht der Betreffende zum Baumpriester seiner Sippe und

teilt ihm die Sachlage mit. Es wird ein Tag festgesetzt, an welchem sie

mit den andern Angehörigen der Sippe das Baumopfer darbringen wollen.

Jeder der Geladenen hat eine Ziege mitzubringen, außerdem genügend

Bier, welches teils aus schwarzen, teils aus weißen Zuckerrohrstangen

bereitet sein muß. Dann ziehen sie alle mit Weibern und Kindern zu

dem heiligen Baum, der ebenfalls durch an den Stamm gelegte Steine

gekennzeichnet ist. Der Priester nimmt bei der Opferung etwas Bier

in den Mund, bespützt damit den Affenbrotbaum, und betet ungefähr

folgendes: „Wir sind nun alle hier. Du hast nach uns verlangt. Wir

haben uns auch schon lange nicht mehr sehen lassen. Wenn du uns

wirklich das Unglück gebracht hast, dann laß es uns daran erkennen, daß

unsre Opfertiere ‚rein‘ sind!“

Dann befiehlt er, die Ziege, die er mitgebracht hat, zu töten.

Sorgfältig untersucht man die Eingeweide und die Leber auf irgendwelche

verdächtigen Zeichen hin. Finden sich solche, dann nimmt man vorerst

von dem Opfer Abstand, um beim Orakel die Ursache für das unerwartete

Hindernis zu erforschen. Da melden sich dann oft die Ahnen, der

Geist des Vaters oder der Mutter, oder sonst ein Fetisch wie der

~mpingu~, von welchem wir noch sprechen wollen, und verlangen

ihr Opfer. Der Priester wird nun beauftragt, dem betreffenden Geiste

vorerst ein Scheinopfer darzubringen und ihn zu bitten, sich solange zu

gedulden, bis der Mramba das seinige erhalten habe.

An dem nunmehr neu anberaumten Tage wird sich alles glatt abwickeln,

die erste Ziege wird ‚rein‘ sein und damit auch die andern. Der

Priester läßt kleine Stückchen Fleisch von allen Körperteilen der

Ziege in einen Strohteller legen und betet dann, indem er von dem

mitgebrachten Bier an den Baum spützt und kleine Fleischstückchen

auf den „Altar“ legt, etwa wie folgt: „Du Affenbrotbaum, wenn du es

bist, der uns bisher all das Unglück in unsern Gehöften und unsern

Herden gebracht hat, dann sorge, daß wir das von nun an nicht mehr zu

befürchten brauchen, denn heute opfern wir dir. Hilf uns, daß wir Kühe

und Hühner bekommen und viele Kinder sowie reichliche Speise.“

Der eigentliche Veranstalter des Festes betet dem Priester diese Worte

nach. Jetzt erhalten auch sämtliche Anwesende, die während des Gebets

der beiden im Kreise um den Affenbrotbaum herumstehen, Bier, und alle

bespützen damit den Baum. Dann fängt der Priester seine Beschwörung an:

Pr.: „Wer auch immer sich darüber aufhält, daß dieser Mann dem Mramba

sein Opfer dargebracht hat, der soll sterben!“

Alle: „Ja, der soll sterben!“

Pr.: „Wer auch immer sagen wird: Es ist gut, daß man ihm geopfert

hat, denn nun werden sie Ruhe haben, der soll leben!“

Alle: „Ja, ewig leben!“

Nunmehr werden auch die andern mitgebrachten Ziegen getötet, d. h.

erstickt, und man gibt sich erleichterten Herzens den Freuden einer

ziemlich reichlichen Opfermahlzeit hin.

Flüsse als Seelenträger.

Wenn der Paremann auch an Flüsse zieht und dort Gelübde und Opfer

darbringt, so ist da wohl die Vorstellung von der Psyche vorherrschend.

Man kann sich das so erklären, daß man in dem schnell dahinbrausenden

Fluß, der aus dem Erdinnern kommt, wohin man die Toten gebettet

hat, die flüchtige Hauchseele wiedererkennt. Wenigstens mag diese

Vorstellung mit dazu beigetragen haben, das Wasser als einen weiteren

Aufenthaltsort der Ahnengeister zu betrachten; denn selbst die Sippen,

die den Schädel der Ahnen aufbewahren, sind sich ebenso sicher, von

diesen Ahnengeistern auch an irgendeinem Flußlauf oder Teich gehört

zu werden. Sind ja doch Flüsse, Teiche und Wiesen der Aufenthaltsort

für alle Geister, die aus irgendeiner Ursache zu Hause nicht angebetet

werden, wovon wir noch weiter unten sprechen wollen. Es ist da wieder

einmal ersichtlich, wie verschlungen die Wege auf diesem Gebiete sind,

indem hier die Vorstellung einer an die Knochen gebundenen Körperseele

direkt Hand in Hand geht mit dem Glauben an eine leicht beschwingte

Psyche, die in jedem Fluß oder größeren Wasser angetroffen werden kann.

Es mag sein, daß diese Gedankenverbindung den Übergang zu dem Glauben

an Wasserdämonen bildet oder aber daß der besonders nachts unheimlich

daherrauschende Fluß und der gefährliche Sumpfsee einen Treffpunkt der

Schatten bildet analog dem Blocksberg und den Kreuzwegen. So glaubt

man auch tatsächlich an Flußläufen Freudentriller, Gesang, Gelächter

und Trommelschlag zu hören. Da haben die Schatten ihr nächtliches

Tanzgelage. Die wilden Enten auf den Flüssen nennt der Paremann „Hühner

der Schatten“, welcher Ausdruck, wie mir scheint, den Aufenthalt der

Schatten im Wasser mehr als einen dauernden bezeichnet. Auf diese

„Hühner der Schatten“ Jagd zu machen, würde der heidnische Paremann

unter keinen Umständen wagen.

Es mag nun sein, daß der Mpare den Schädel seines Vaters vergeblich

um Erhörung einer Bitte angefleht hat, dann versucht er es wohl, sein

Gebet am Fluß darzubringen, wo er die Ahnengeister auch anzutreffen

hofft. Wohnt er in der Fremde, wo es ihm nicht möglich ist, vor den

Schädeln seiner Ahnen zu opfern, so geht er wohl ohne Umschweife an

irgendeinen Flußlauf, um dort sein Gelübde und später auch das Opfer

darzubringen. Während des Gebetes, welches mit Anrufung der dort

„seßhaften Geister“ beginnt, wirft er etwas von irgendeiner Speise oder

gar nur Sand ins Wasser und gelobt Größeres, wenn seine Bitte erhört

werde. Nun betet er etwa so: „Ihr Geister, die ihr hier in diesem

Flusse wohnt, nehmt diesen Sand. Wenn ihr meine Bitte erfüllt, werde

ich euch veranlassen, den Sand wieder auszuspeien, und ich bringe euch

dafür einen Ziegenbock.“

Findet seine Bitte Erhörung, so wird bald irgendeine Krankheit den

Vergeßlichen an sein Gelübde erinnern; „denn“, sagte einer meiner

Gewährsmänner, „Opfergelübde sind wie Schulden, die bezahlt man

gewöhnlich nicht eher, als bis man von dem Gläubiger gemahnt wird!“

Der Mann sucht nun einen Ziegenbock, borgt ihn vielleicht von Freunden

oder Nachbarn. Eine Nacht muß der Bock in seinem Hause sein, um

gewissermaßen in seinen Besitz überzugehen. Am Morgen bringt er

zuerst an der Haussäule den Ahnen ein Trankopfer dar und bittet sie,

das Opfertier möge ihnen genehm sein und in seinen Eingeweiden keine

Merkmale tragen, die den Grund zu neuen Befürchtungen legen würden.

Nachdem sich die geladenen Gäste durch eine Kostprobe des Opferbieres

gestärkt haben, ziehen sie alle an jene Stelle des Flusses, wo das

Gelübde abgelegt worden war. Hier betet der Betreffende: „Ihr Geister,

die ihr hier in diesem Fluß wohnt. Als ich seinerzeit Trübsal hatte, da

flehte ich euch an, und ihr habt mir das Erbetene gegeben, habt Dank

und nehmt euren Ziegenbock.“

Dann wird das Opfertier erstickt und kleine Stückchen von allen

Gliedern, beim rechten Vorderfuß angefangen, auf zwei Brathölzchen

gespießt und gebraten. Von diesem gebratenen Fleisch schneidet man

wieder kleine Stückchen ab, um diese mit anderer Speise und Bier unter

nochmaligem Gebet in den Fluß zu schütten. Der Rest des gebratenen

„Geisterfleisches“ wird von den Anwesenden als Einleitung zur

eigentlichen Opfermahlzeit verspeist. Einen Teil des Fleisches nimmt

jeder mit nach Hause.

Der Totemismus.

Es ist möglich, daß die bei unsern Wapare bestehenden Speiseverbote

nichts weiter als Ausklänge eines alten Totemismus sind. „Totems“

wurden von einigen nordamerikanischen Indianerstämmen die Tiere

genannt, welche eine kultische Verehrung genossen. Unter dem Worte

Totemismus faßt man heute alle Erscheinungen zusammen, die sich auf

die Verehrung von Tieren beziehen. Es ist natürlich sehr schwer

festzustellen, ob die eine oder andere Erscheinung dem Totemismus oder

dem Animalismus zuzurechnen ist. In den Totemtieren sieht der primitive

Mensch entweder seine Ahnen, von denen er auch sein Geschlecht

ableitet, oder aber eine Art Schutzdämonen, die zu töten nicht in

seinem Interesse liegen kann. Die erstere, genealogische Beziehung kann

auf weitere Dinge wie Pflanzen, Bäume und Steine übertragen werden.

Dadurch ist wiederum der Weg gebahnt für zahlreiche Wechselbeziehungen

zu andern Gebräuchen, die mehr in das Gebiet des Glaubens an

Felddämonen und des Fetischdienstes gehören.

[Illustration: Große Wäsche am Mombobach.]

[Illustration: Missionszöglinge mit einer hl. Riesenschlange vor einem

Affenbrotbaum.]

Als echten Totemismus könnte man bei den Wapare die Scheu der

Muhezisippe ansprechen, die graue Meerkatze umzubringen, trotzdem

diese Affenart eine wahre Landplage ist. Sie dürfen aber nicht getötet

werden, weil die Leute sagen, daß diese Affen ihre „Brüder“ sind. Das

genealogische Moment käme also hier zum Vorschein. Die Angehörigen der

erwähnten Sippe gehen sogar soweit, auch von einer fremden Person,

die einen ihrer „Brüder“ getötet hat, das Lösegeld (~irivi~) zu

fordern, welches allerdings nur in einem oder mehreren Maiskolben

besteht, die der Muhezimann zum Teil für seine „Brüder“ in den Busch

legt. Die Leute haben in ihrer Landschaft auch einen heiligen Hain, in

welchem den Meerkatzen geopfert wird. Der Betreffende muß sich aber

die Speisen zu dem Opfer vorher auf dem Markte stehlen und sich so der

Lebensauffassung seiner „Brüder“ nähern. Die Gebete sollen ähnlich sein

wie die bisher besprochenen.

Andre wieder verehren die schwarzen Ameisen. Kommen sie ins Haus, dann

werden sie nicht mit Feuer vertrieben und getötet sondern nur mit Asche

oder Erde bestreut. Andre nehmen wohl eine Schnecke, werfen sie in den

Ameisenhaufen und sagen: „Hier ist euer Ochse, laßt uns in Frieden und

geht wieder nach Hause.“ Wenn im Anschluß an diese Sitte der Beleidiger

dem Beleidigten zuruft: „Dich versöhne ich mit nichts weiter als einem

‚Schnecken-Ochsen,‘“ wie man das bei den winzigen Ameisen macht, so

ist das der größte Schimpf, den man ihm antun kann und den er kaum

ruhig hinnehmen wird. Aber auch die Sippen, welche die Ameisen nicht

unmittelbar verehren, sehen in ihnen besonders dann Abgesandte der

Ahnengeister, wenn sie sich nicht aus ihren Hütten vertreiben lassen

wollen. Man bringt dem unbekannten Gott, der die Ameisen gesandt hat,

ein Scheinopfer dar. Ziehen sie danach ab, dann erkundigt man sich beim

Orakel, wem und wo man zu opfern habe.

Des weiteren sind Krähen Tiere, die nicht getötet werden dürfen. Der

Grund hierzu scheint mir in der Annahme zu liegen, daß die Genossen

einer getöteten Krähe alsbald zum Fluß eilen und sich baden, wie es

nach einem Todesfall üblich ist. Es heißt aber, daß die Tiere diesen

Teil des Totenopfers für den darbringen, der ihren Genossen getötet

hat und nun bald sterben muß. Hat man deshalb doch eine Krähe, die

den Kücken nachstellte oder den gepflanzten Mais wieder aus der Erde

herausscharrte, mit dem Pfeil erschossen, so macht der Schütze schnell

einen Riß in sein Kleid und wäscht sich im Fluß, um durch solche bei

einem Todesfall übliche Handlung den andern Krähen zuvorzukommen und

die Gefahr von sich abzuwenden.

Unzählig sind die Tiere, die von den verschiedenen Sippen nicht

gegessen werden dürfen. Manchmal erstrecken sich die Speiseverbote

auch nur auf gewisse Teile wie Herz, Leber, Lunge. Bei der Bwambosippe

z. B. müssen sich die Leute solchen Verboten unterwerfen, wenn sie

verschiedene Feste mitgemacht haben, Sitten, die aufzuzählen hier zu

weit führen würde. Die Wamjema essen kein Buschbockfleisch, dürfen

Buschböcke aber töten und das Fleisch auf dem Markte verkaufen. Wenn

sie ihren großen Fetisch anbeten, den ~murungu wa gu~, den Gott

des Dachbodens, dann muß jeder, der Buschbockfleisch gegessen hat

oder im Verdacht steht, eine Ziege bringen, die geschlachtet wird,

um den Betreffenden das verbotene Fleisch „erbrechen“ zu lassen. Der

Ausdruck ist natürlich nur ein Sinnbild dafür, daß er nunmehr rein

geworden ist. Wenn Frauen der Wamjema-Sippe von Männern andrer Stämme

geheiratet werden, so können die Ehemänner durch einfaches Ziehen an

den Ohrläppchen ihre Frauen von diesem Gebot befreien.

Der Nkoma-Dienst und Opfergebräuche.

~Nkoma~ bedeutet Ahnengeister und ist zugleich das Wort für die

Schädel, an welche man sich die Schatten gebunden denkt. Die Nkoma

bilden den Eckstein an dem ganzen Gebäude des Animismus, wie er sich

bei unsern Wapare vorfindet. Mag da Freude oder Leid sein, die Nkoma

sind in den meisten Fällen die Ursache. In der höchsten Not ruft man

laut zu den Ahnengeistern. Sie werden gefürchtet als die Urheber von

mancherlei Unglück und Krankheit, so daß man sie auf den Rat des

Orakels mit allerlei Speis- und Trankopfern versöhnen muß. Andernfalls

wendet man sich vertrauensvoll in den vielen Nöten des Lebens an sie.

Und doch zeigt sich hier wiederum der klaffende Unterschied zwischen

Christentum und Heidentum. Denn während der Christ jubelnd ausruft:

„Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht!“ glaubt der Paremann

erst dann Garantie für Frieden und Glück zu haben, wenn seine Ahnen

sich möglichst nicht um ihn kümmern. Schlafen sie, dann droht ihm so

leicht keine Gefahr, wachen sie auf, dann muß ein Opfer sie schnell

wieder unschädlich machen. Wahrlich, ein trauriger Götzendienst,

der seinen Ausdruck so recht in dem Kiparegebet findet: ~Nkoma

shinjiani!~ = Ihr Geister, schlaft!

Die Opfer, welche den Verstorbenen dargebracht werden, sind keine

Zauberopfer, durch welche man die Geister zwingen will, sondern reine

Sühnopfer, welche die Nkoma günstig stimmen sollen. Übrigens ist der

Mpare vorsichtig genug, zumeist das Opfer nur zu versprechen oder ein

Scheinopfer darzubringen. Wenn z. B. das Orakel die Ahnengeister als

Ursache dieses oder jenes Leides festgestellt hat, so betet er zu

ihnen, indem er etwas Wasser auf die Erde spützt und aus einer Schale

auf die Erde gießt (~kuchwa mpombe~). So nähern sich die meisten

Opfer wiederum dem Begriff des Dankopfers, indem sie gewöhnlich

erst nach Erhörung der Gebete dargebracht werden. Am Fuße der beiden

mittleren Haussäulen, in der Nähe der Feuerstelle, befindet sich der

Hausaltar, d. h. der Opferplatz.

Im Banne der Furcht · 第 15 / 22 段