sich z. B. jemand vom Medizinmann behandeln, daß seine Person gegen
jeglichen bösen Zauber gefeit wird, so schneidet ihm der Arzt einige
Haare und den Nagel eines Fingers, gewöhnlich des kleinen Fingers ab
und legt dies auf ein schwarzes Läppchen zusammen mit seiner andern
Arznei. Nunmehr heißt er den „Patienten“ etwas von seinem Speichel
mit der Arznei vermischen. Nachdem er dann geheimnisvolle Sprüche
gemurmelt hat, wird das Läppchen zusammengebunden, und das Amulett
ist fertig. Denselben Vorgang lernten wir schon bei der Besprechung
des Kikobwa-Schutzzaubers kennen. Dort wurden auch die Haare sowie
Zehen- und Fingernägel als kräftige Seelenträger bei der Bereitung des
Amulettes mitverwandt. Unzählige Vorschriften betreffs des Scheerens
der Haare sind auf den Seelenglauben zurückzuführen. So bestimmt der
Arzt manchmal, daß einem kleinen Kinde nach seiner „Behandlung“ nicht
eher das Kopfhaar abrasiert werde, bis er es selbst unter Einhaltung
gewisser Regeln tun werde. Da hierüber manchmal zwei Jahre vergehen, so
müssen dem Kinde (genau wie bei den Vai va nyumba) die Haare mit Wasser
und Fett eingerieben werden, so daß sie mit der Zeit in langen Strähnen
herunterhängen. Auch auf die Mutter dehnt sich diese Vorschrift oft
aus. In Zukunft darf das Kind nur von diesem Arzt behandelt werden, bis
die Haare wieder abgeschnitten sind. Der behandelnde Arzt wird also
gewissermaßen zum Hausarzt ernannt. Für ihn hat dieser Glaube auch
noch die praktische Seite, daß ihm so auf jeden Fall sein „Honorar“
nicht von einem zweiten Arzt abwendig gemacht werden kann. Wir sahen
oben schon (S. 51. 52), daß die langen Haare des Mädchens, wenn es die
Frauenfeste durchgemacht hat, auf dem Dachboden sorgfältig versteckt
werden, um sie nicht in die Hände von Zauberern fallen zu lassen, denen
damit eine gewisse Macht über das Kind verliehen wäre. Sie könnten es
z. B. unfruchtbar machen. Daß südafrikanische Neger dem in der Fremde
Gestorbenen eine Haarlocke abschneiden und diese dann in der Heimat
begraben, ist schließlich die letzte Folgeerscheinung der Vorstellung,
welche die Seelenkräfte in die Wachstumsprodukte des Körpers verlegt.
[Illustration: Eingeborene bei der Feldbestellung.]
[Illustration:
Phot. Geßmann.
Bananenstauden.]
[Illustration:
Phot. Geßmann.
Maisstapel.]
Der Speichel.
Eine noch ausgedehntere Rolle in den Anschauungen unsrer Wapare spielt
der Speichel als Seelenträger. Am häufigsten tritt das bei dem Brauch
des Bespützens in die Erscheinung. Zauberschnüre aus Bananenbast werden
vor dem Anlegen an den betreffenden Körperteil bespützt. Mit Wunden
geschieht das gleiche, um die Blutung zu stillen, eine suggestive
Behandlungsweise, die sich ja selbst in Deutschland noch in manchen
Gegenden erhalten hat. Jede Arznei wird vor dem Gebrauch bespützt.
Sobald bei der Geburt der Kopf des Kindes erschienen ist, wird dies
Mittel eifrigst angewandt, um ein Zurücktreten zu verhüten. Den
ungeratenen Sohn verflucht der Vater oder die Mutter, indem sie den
Opferplatz an der Haussäule bespützen und ihren Fluch aussprechen.
Man sagt dann: ~Mwana einkiwe lute~ = der Junge hat „Speichel“
bekommen, welcher Ausdruck deutlich erkennen läßt, daß dem Speichel
die magischen Kräfte zugeschrieben werden, die ausgesprochenen
Drohungen zu verwirklichen. Will der Vater seinen Sohn dagegen
segnen, so spützt er leicht in dessen Hände, und dieser reibt sich
die Spuren des „Seelenträgers“ ins Gesicht. Bei Sternschnuppenfällen
und Kometenerscheinungen wird nach der betr. Gegend hin gespützt, um
Krankheit, Hungersnot und Krieg abzuwehren, also ähnliche Vorgänge, wie
sie sich in dem aufgeklärten Europa zur Zeit des Halleyschen Kometen
zeigten.
Hier wäre noch die Herstellung eines Amuletts zu erwähnen, welches
gegen alle Arten von Verzauberung schützen soll und aus einer Mischung
von mancherlei Seelenträgern besteht. Der Medizinmann saugt zu
behandelnden Personen mittels eines Schröpfkopfes Blut aus und gießt
es in eine Topfscherbe, wo es zu Asche geröstet und dann mit andern
Sympathiemitteln vermischt wird. Von diesem Pulver streut er einen
Teil in einige kleine schwarze Läppchen. Die zu behandelnden Leute tun
etwas von ihrem Speichel, Haupthaar, Augenbrauen und Wimpern sowie
Finger- und Zehennägel dazu. Des weiteren bildet Erde, auf welche man
den Schatten von Hand, Fuß und Kopf hat fallen lassen, einen wichtigen
Bestandteil. Die Läppchen werden zusammengebunden, und die „Medizin“
ist fertig. Um sie möglichst wirksam zu machen, muß sie oft spät am
Abend auf einem Kreuzwege eingegraben und nach Mitternacht beim ersten
Hahnenschrei wieder hervorgeholt werden.
Der Speichel bildet übrigens schon einen Übergang von dem Begriff der
gebundenen Körperseele zu dem der Hauchseele. Dies tritt besonders
bei dem Bespützen zu Tage, indem der Name an den +Speichel+ erinnert,
die eigentliche Tätigkeit sich aber fast ganz darauf beschränkt, den
+Hauch+ zwischen den wie zum Kuß gespitzten Lippen hervorzustoßen.
Hier scheint also die Vorstellung des Hauches als Seelenträger den
ursprünglichen Gedanken an den magischen Speichel allmählich zu
verdrängen. Einer meiner Gewährsleute erklärte mir auch das Bespützen
der Medizinmänner eigentümlicherweise klipp und klar dahin, daß der
„Geist“ (Hauch) des Arztes in den Kranken hineinfahren und dessen
Gesundung bewirken solle.
Einige besondere Arten von Freundschaftsbündnissen oder
Seelenvermischungen bestehen zwischen Eheleuten. Auch hier spielt der
Speichel neben andern schon erwähnten Seelenträgern eine Rolle. Der
Grund zu solchen Bündnissen bildet meistens die Eifersucht. Manchmal
sind natürlich auch andre Motive vorhanden; z. B. ist mir ein Fall
bekannt, wo die Frau ohne Anhang dastand und sie den Mann für jeden
Fall an sich fesseln wollte. Bezeichnend für die Auffassung des
Eheverhältnisses unter unsern Wapare ist die Tatsache, daß in den
meisten Fällen nur die Frau sich verpflichtet, die eheliche Treue zu
halten. „Der Mann kann das verlangen, er hat ja Kühe für seine Frau
bezahlt!“
Sind sich beide Teile darüber klar geworden, daß sie ein solches
Bündnis eingehen wollen, so nehmen sie einen kleinen Topf mit irgend
einer Fleischbrühe, Bier oder Milch. Zuerst speit jeder einmal in den
Topf, um dann von der Oberfläche einiger seiner Fingernägel etwas
abzuschaben und es ebenfalls mit der Brühe im Topf zu vermischen. Nun
fängt der Mann etwa mit der Beschwörung an:
„Wenn du die Ehe brichst, soll dich unsere Bundesspeise töten; bist du
aber treu, so werde sie dir an deinem Leibe wie Öl. Wenn ich dich mit
andern Männern schwatzen sehe, eifersüchtig werde und dich schlage,
so soll mich die Bundesspeise töten, darum, daß ich ihr nicht getraut
habe, denn sie ist ja fortan dein Tugendwächter.“
Hierauf erwidert die Frau:
„Wir machen den Bund, weil wir uns lieben. Wenn du mich schlägst und
ich bin nicht untreu gewesen, so soll dich die Bundesspeise töten; gebe
ich mich aber mit einem andern Manne ab, so wird mich die verwünschte
Speise umbringen.“
Nun reicht einer dem andern mit zwei Händen den Topf an den Mund
und läßt ihn trinken. Ist das geschehen, so schlägt der Mann eine
kleine Ecke aus dem Topf, um ihn dann zu vergraben. Es gibt viele
verschiedene Arten der Seelenvermischung zwischen Mann und Frau, von
denen einige zu anstößig sind, um sie hier beschreiben zu können.
Ausscheidungsprodukte als Seelenträger.
Wir sahen schon, daß man der Kreißenden, wenn die Geburt sich in
die Länge zieht, Urin des Mannes zu trinken gibt, um ihr auf diese
Weise besondere Seelenkräfte zuzuführen. Ich erwähnte bereits weiter
oben die Amulette, welche die Wapare sich von ihren Medizinmännern
gegen Verzauberung machen lassen. Oft ordnet der behandelnde Arzt
an, daß sein Patient sich vier Tage lang nicht waschen solle. Nach
Ablauf der Zeit zerkaut er eine Ölnuß und reibt sich mit dem so
gewonnenen Brei den Körper ab. Die auf diese Weise erhaltenen,
gewissermaßen konzentrierten Ausscheidungsstoffe werden den Amuletten
des Medizinmannes als wertvolle Bestandteile einverleibt. Der Leser
sieht, statt der christlichen Hoffnung besitzt der arme Neger nur recht
traurige und unappetitliche Ersatzmittel. Bei den Tänzen, die von den
Vai va nyumba bei den verschiedenen Gelegenheiten aufgeführt werden,
steht immer ihre Helferin in der Nähe, um ihr den Schweiß abzuwischen.
Würde jemand anders aus der Umgebung das vornehmen, so könnte er sich
starken Unannehmlichkeiten aussetzen, da er sofort gefragt würde, was
er mit dem Schweiße beginnen wolle. Also auch hier wiederum der Glaube,
daß der Besitz von solchen Dingen, die als Seelenträger andrer gedacht
werden, wenigstens zu gewissen Zeiten dem Besitzer Gewalt über die
betreffenden Seelen verleiht.
Die Seele im Blick.
Auch im Auge denkt sich der Mwasu (Mpare) besondere Seelenkräfte
konzentriert. Er sieht im Auge des Sterbenden den Glanz und das Feuer
erlöschen, es wird matt, er kann sein eignes Spiegelbild im Auge des
andern nicht mehr entdecken. Da denkt er sich, die Seele, die dem Auge
Glanz und Kraft verliehen habe, sei entwichen.
Diese Seelenkräfte im Auge, welche sich bei den meisten Menschen als
ganz harmlos erweisen, können doch in manchen Fällen Unheil anrichten,
indem sie durch das Sehloch austreten und im Körper anderer Krankheiten
verursachen. Besonders sind es die Frauen, die durch den „bösen Blick“
vor allem kleine Kinder der Nachbarn verzaubern und töten. Als die
Regierung zum Dorfbau aufforderte, um die ganz vereinzelt liegenden
Hütten zusammenzubringen, war dieser Aberglaube ein Grund zu weiteren
Befürchtungen, da es ja nun durch das nahe Zusammenwohnen den Hexen
bedeutend leichter sein würde, die Kinder umzubringen. Während das
Auge der Hexen und Zauberer böse Seelenkräfte ausstrahlt, ist es beim
Regenzauberer das Mittel, den Regen herbeizuholen oder zu vertreiben.
Selbstverständlich bedient sich der Regendoktor dazu auch noch andrer
Zauberarzneien; aber es genügt schon, wenn er in der heißen Steppe
wandert, daß er starr nach oben sieht, um die Wolken zu veranlassen,
sich vor die Sonne zu schieben. Diese Leute werden von ihren
Lehrmeistern unter den Augen geritzt und behandelt, um die Fähigkeit
zu erlangen, Regen zu „ziehen“. Mit diesem ist schon der Übergang zur
freien Psyche, der
Hauch- oder Schattenseele
gegeben. Der Schattenseele sind wir schon bei verschiedenen Gebräuchen
begegnet, so beim Kikobwa-Zahnzauber. Dort läßt ja der Zauberer den
Schatten des Kopfes und andrer Körperteile auf die Erde fallen, um dann
von der Stelle etwas Erde in das Amulett zu bringen. Das entsprechende
Chasuwort für Hauchseele ist ~kisuka~, oder auch ~kivuri~ = Schatten.
Es gibt zwei Schatten, den großen und kleinen. Letzteren können die
bösen Zauberer, die Vasavi, stehlen um den Menschen zu peinigen oder
zu töten. Die Legenden berichten von solchen Zauberern, welche die
gefangenen Schatten nachts an die Arbeit auf dem Felde und im Hause
stellen. In der Dunkelheit kommt der böse Zauberer mit seinen Amuletten
und zwei Bambusstäben, die er durch Stoßen auf den Erdboden erdröhnen
läßt. Bis auf einige vertrocknete Bananenblätter ist er unbekleidet.
Durch eins der kleinen Fensterlöcher bläst er seinen Zauber ins Haus,
dessen Bewohner nun in einen tiefen Schlaf verfallen. Dann ruft er
die Schattenseele seines Opfers heraus und nimmt sie mit. Ist der
Betreffende vorher von einem berühmten Arzt behandelt worden, so wird
der Msavi bald merken, daß es ihm nicht möglich ist, die Schattenseele
vom Körper des Betreffenden zu lösen. Gelingt es ihm aber, dann nimmt
er sie mit sich nach Hause und verbannt sie in eine Höhle oder auf
einen Baum. Er bringt ihr Speise und schlägt sie auch oft; dann wird
der Mensch ohne Schatten immer kränker. Eigentümlicherweise glauben sie
nun, daß der böse Zauberer oft die Schattenseele tötet, um damit auch
dem Leben ihres früheren Besitzers ein Ende zu machen. Umgekehrt ist
es nach manchen ihrer Geschichten schon vorgekommen, daß der Mensch
+vor+ seiner Schattenseele gestorben ist und der Schatten dann den
Hausbewohnern erschien, bis auch er getötet wurde. Aber nicht immer
ist der Ausgang tödlich. Begibt sich der Kranke rechtzeitig in die
Behandlung eines tüchtigen Arztes, so besteht die Möglichkeit, die
Schattenseele wiederum in den Körper zurückzurufen. Das geschieht unter
bestimmten Zeremonien. Oft läutet der Arzt als Teil seiner „Behandlung“
mit einer Glocke und ruft: „Du Soundso, bist du in einer Höhle oder auf
einem Baume, so komme wieder.“ Daß die Leute sich besonders im Anfang
unsres Hierseins sehr vor jeder Photographie und besonders vor ihrer
eignen fürchteten, ist demnach leicht verständlich.
Der Name als Seelenträger.
Wenn man einen Paremann nach seinem Namen fragt, so gibt er für
gewöhnlich einen falschen an. Ich habe oft, besonders an Orten, wo ich
fremd war, Mütter nach dem Namen ihrer Kinder gefragt, und man gab mir
unrichtige Auskunft. Warum geschieht das? Will man dem Europäer nur
etwa vorlügen? Nein, denn auch einem Schwarzen, der ihnen unbekannt
ist, sagen sie ihren wahren Namen nicht ohne weiteres. Als Erklärung
dafür gaben einige meiner Gewährsleute an, daß die Fragesteller Leute
sein könnten, die eine alte Schuld von Großvaters Zeiten her eintreiben
wollten und nach dem Schuldner forschen. Aber man ist sich auch hier
wie so oft der ursprünglichen Bedeutung der Sitten nicht mehr bewußt
und sucht nach Erklärungen. Daß es sich bei der Verschweigung des
Namens wenigstens ursprünglich um Dinge gehandelt hat, die in das
Gebiet des Seelenglaubens gehören, zeigt ein Brauch, der allgemein
bekannt ist. Es ist nämlich bei den Wapare sehr verpönt, irgend jemand
bei Nacht mit Namen anzurufen. Man ruft vielmehr: „Du da unten im
Hause!“ oder gebraucht ähnliche Umschreibungen. Dies geschieht, damit
„dem Zauberer nicht durch den Klang des Namens der betreffende Mensch
selbst überliefert werde“. Denn bei Säuglingen und überhaupt nachts,
wenn die Traumseele so leicht den Körper verläßt, würde schon die
bloße Namennennung genügen, einem in der Nähe befindlichen Zauberer
den Raub der Seele zu erleichtern. Aus diesem Grunde legen sich die
Wapare für ihre nächtlichen Tanzfeste besondere Namen zu, bei denen
sie sich dann ohne Gefahr auch nachts rufen können. Natürlich sprechen
da noch andre Gründe mit, die hier nicht erörtert zu werden brauchen.
-- Selbst die Stimme nehmen die bösen Zauberer und bringen dadurch
Unheil über den Sprecher. So werden kleine Kinder verwarnt, des Nachts
nicht zu schreien, damit sie nicht verzaubert würden. Heute, wo auf
Steuerzetteln und Arbeiterkarten der Mann den Namen angeben muß, den
er immer führt, wird dieser Aberglaube etwas bekämpft. Trotzdem ist
es bezeichnend, daß die Leute für diese Karten fast immer falsche
Namen angaben, so daß sie verschiedentlich unter Androhung von Strafen
aufgefordert werden mußten, diese Sitte fallen zu lassen.
Viele Leute nahmen auf Reisen die bekannten Safari- oder Reisenamen an,
eine Sitte, der ursprünglich sicher animistische Motive zugrunde lagen.
Mit der Zeit merkten die Betreffenden dann bald, daß es auch noch andre
Vorteile hatte, wenn man als ~Pendakulala~ = „Schlafmütze“ (solche
Namen sind besonders bei den Wanyamwezi beliebt) in A. einen Diebstahl
ausführen konnte, um dann in B. als ~Mwacheapotee~ = „Laß ihn nur
laufen!“ wiederum aufzutauchen. Diese Erkenntnis war aber sicher eine
im Laufe der Zeit erworbene.
Das Ganze ist übrigens ein Beispiel dafür, wie vorsichtig man in seinem
Urteil über das eine oder andre sein muß, was beim Neger unangenehm
auffällt, weil es schwer ist, den Irrgängen der Negerpsyche immer
nachzugehen. Dasselbe ist auch bei ihren Übertreibungen der Fall. Der
Gedanke zu lügen liegt ihnen im ersten Augenblick dabei ganz fern. Aber
sie wollen durch ihre übertriebene Darstellung (z. B. des Unglücks) die
Geister veranlassen, von ihnen abzustehen.
Eine eigentümliche Sitte unsrer Wapare besteht darin, die oberen vier
Schneidezähne spitz zu meißeln und die unteren beiden Schneidezähne
auszubrechen. Diese Operation wird bei Knaben und Mädchen etwa im
achten Jahre vorgenommen. Zu dem Zweck wird ihnen ein Holz quer in den
Mund gelegt, auf welches sie beißen müssen. Es soll das zum Schutz des
Gaumens dienen und auch gleichzeitig das Schließen des Mundes verhüten.
Dann nimmt der Operateur, der übrigens kein Arzt zu sein braucht, sein
Instrument und meißelt die Zähne spitz. Später werden von einem andern
Operateur die unteren Zähne ausgebrochen, falls der erste diese Kunst
nicht auch versteht.
Zur Begründung dieser Sitte werden heute die wunderlichsten Dinge
angegeben. Den kleinen Kindern erzählt man, daß die ungefeilten Zähne
nachts aus dem Munde wandern und Kot kauen. Das dient wohl nur dazu,
sie für die manchmal schmerzhafte Behandlung willig zu machen. Sonst
hört man, daß für das Feilen der Zähne nur Schönheitsrücksichten
maßgebend seien. Wundt aber führt auch diese Sitte auf den
Seelenglauben zurück, indem durch das Feilen und gänzliche Ausbrechen
der Zähne der Hauchseele der Austritt erleichtert werden sollte, was
z. B. bei Jägern dazu diente, der Beute um so leichter habhaft zu
werden. Heute sind sich jedenfalls die Leute einer solchen ursprünglich
sicher vorhanden gewesenen Seelenvorstellung nicht mehr bewußt,
höchstens daß sie in dem Glauben, Leute mit ungefeilten Zähnen hätten
bei den Frauen kein Glück, noch leise durchklingt.
Der Seelenwurm und andere Seelentiere.
Sah man -- etwa auf einem Kampfplatz -- die aus dem verwesenden
Leichnam kriechenden Fäulniswürmer, so mußte man auf den Gedanken
kommen, daß mit ihnen Seelenkräfte den Körper verließen. Und von
da war es kein allzugroßer Schritt, in gewissen Schlangen das Bild
dieser Seelenträger zu sehen. Der Gedanke wird verständlicher,
wenn man hört, daß auch heute noch eine in der Nähe des Dorfes
getötete Riesenschlange verbrannt wird, weil im andern Falle die dem
verwesenden Leibe entkriechenden Würmer alle zu Riesenschlangen würden.
Der Schlangendienst beschränkt sich nicht, wie die Verehrung der
Totemtiere, auf gewisse Sippen, sondern er wird allgemein unter den
Wapare angetroffen. Ich will noch vorausschicken, daß die Leute für
ihren Ahnendienst sowie für einige andre Götzen den Ausdruck kutasa =
beten (opfern) gebrauchen, während sie bei den Seelentieren das Wort
~kusemba~, was hier ungefähr beschwichtigen heißt, anwenden. Das
mag daher kommen, daß diese Seelentiere meistens vom Orakel als die
Ursache irgendeines Unglückes festgestellt werden, so daß ihr Zorn
deshalb beschwichtigt werden muß. Anderseits werden ihnen aber auch
Gelübde dargebracht um etwas Gutes, z. B. Kindersegen, zu erlangen,
wenigstens ist das bei der Riesenschlange der Fall.
Neben der Riesenschlange wird die Puffotter verehrt. Ihr werden, wenn
sie als Ursache einer Krankheit ermittelt ist, Hühner geopfert.
Sieht ein Mpare eine tote Riesenschlange am Wege liegen, so befürchtet
er sofort, daß sie ihn in kommenden Tagen krank machen könnte. Um sich
aber für jeden Fall ein +kleines+ Opfer zu sichern, bricht er einen
Zweig ab und spricht die für den ganzen Animismus bezeichnenden Worte:
„Du Schlange, ich habe dich nicht getötet, meine Kuh hat nur zwei
Beine“, d. h.: Wenn du mich krank machen solltest, so werde ich dir
als Sühneopfer nur ein Huhn bringen. Für gewöhnlich besteht das Opfer
für die Riesenschlange nämlich in einer Ziege oder einem Schaf. Das
Abbrechen oder Durchbrechen eines kleinen Zweiges ist das gewöhnliche
Sühnezeichen.
Oft genug mag es nun vorkommen, daß das Orakel irgendeine Krankheit im
Hause des Ratsuchenden darauf zurückführt, daß der Betreffende selbst
oder irgendeiner seiner Vorfahren eine Riesenschlange getötet hat.
Solch ein Mann sucht nun einen andern Stammesgenossen auf, der bereits
in die Riten des Schlangendienstes früher durch ähnliche Umstände
eingeweiht worden ist. Er teilt ihm mit, daß das Orakel etwa die
Krankheit seines Kindes auf eine früher getötete Schlange zurückführe.
Er solle nun der Schlange ein Scheinopfer bringen, um sie zu
veranlassen, den Kranken nicht weiter zu quälen. Dieses Scheinopfertier
ist das Pfand für das der Schlange später zu schlachtende Schaf. Der
Chasuausdruck lautet auch ~kugwira mchunga~ = der Schlange „ein Pfand
geben“. Der Priester läßt nun den Mann, der das Opfer später bringen
will, irgendein, wenn auch ihm nicht gehöriges Schaf am Ohr festhalten,
während er selbst seine Hand dem Tier in den Nacken legt. Dann betet
er: „Geist der Schlange, du sollst die Ursache für die Krankheit des
Kindes sein. Dies Schaf hier ist dein Pfand. Stirbt das Kind, so
erhältst du nichts, denn dann ist etwas anderes die Ursache gewesen.
Wird es aber wieder gesund, so sollst du dein Opfer haben.“
Ist das Kind von seiner Krankheit genesen, so sucht der Vater
einen Schafbock. Hat er ihn gefunden, dann ruft er wiederum den
Schlangenpriester, der ihm helfen soll, das gegebene Versprechen
einzulösen. Um das Opfer darzubringen, begeben sich alle
Familienglieder mit dem Priester in den Busch. Der Priester erkundigt
sich, ob die Schlange von einem Verwandten mütterlicher (~nkeni~)
oder väterlicher Seite (~lumeni~) getötet worden sei. Ist das
festgestellt, so richtet der Priester den Kopf des Schafes nach
der Gegend, aus welcher die Betreffenden hergekommen sind. Alle
Familienglieder treten jetzt an das Opfertier und fassen es mit einer
Hand an, um damit ihre Teilnahme an dem Opfer auch äußerlich darzutun.
Der Priester macht den Geist der Schlange darauf aufmerksam, daß die
Familie ihr Gelübde nunmehr eingelöst habe. Alle bis auf den Priester
lassen dann los und setzen sich auf die Erde in der Richtung nach der
Gegend hin, wo seinerzeit die Schlange getötet worden ist. Der Priester
führt jetzt das Schaf viermal um die Opfernden herum, indem er betet:
„Du Schlange, ich habe dir kürzlich ein Pfand gegeben. Heute ist es
eingelöst worden. Hier ist dein Schaf. Nun laß den Mann in Frieden,
laß ihn ruhig schlafen mit all seinen Kindern, segne ihn, denn er
opfert dir, gib ihm neuen Kindersegen und laß die Kinder groß werden.“
Das Schaf wird dann erstickt aber nicht enthäutet. Mit einem
zweischneidigen Messer wird aus allen Körperteilen ein Stückchen
herausgeschnitten und auf ein Bananenblatt gelegt. Aus den Bewegungen
der Eingeweide ersieht der Priester, ob die Schlange das Opfer
angenommen hat oder nicht. In letzterem Falle muß wieder die Hilfe des
Orakels in Anspruch genommen werden. Ist das Opfer genehm, so legt
der Priester das Fleisch an der Wurzel eines heiligen Baumes nieder.
Das Schaf wird zerstückt und mit der Haut geröstet und gegessen. Die
Knochen bringt der Priester zu dem eigentlichen Opferfleisch, wobei
auffallend ist, daß er bei dieser Zeremonie rückwärts auf den Baum
zuschreitet.
Fleisch von einem Schlangenopfer muß an Ort und Stelle verzehrt
werden. Kranken, die im Dorf zurückbleiben mußten, kann man wohl
etwas mitnehmen, aber es muß draußen vor dem Tor gegessen werden. Ins
Dorf selbst darf man nichts davon tragen. Nach beendeter Mahlzeit
waschen sich alle sorgfältig die Hände und entfernen die Fasern aus
den Zähnen, um ja nicht gegen obige Regel zu verstoßen. Damit ist das
Opfer beendigt. Es sei nur noch erwähnt, daß Männer für männliche
Familienglieder, die verhindert sind, dem Opfer beizuwohnen, einen
Grasring (~ikongwe~) um das Handgelenk binden, damit auch diese
vertreten seien und an den durch das Opfer bewirkten Erleichterungen
ihren Anteil haben. Dasselbe tun die Frauen für weibliche Verwandte.
Es ist rührend zu sehen, was diese im „Banne der Furcht“ lebenden
„glücklichen Naturvölker“ alles auf sich nehmen, um den Frieden zu
erlangen, den ihnen doch nur einer geben kann. -- Nach geraumer Zeit,
manchmal erst nach Jahren, wird der Schlange das dazugehörige zweite
Schaf oder „Fettopfer“ gebracht, welches sich aber von dem oben
beschriebenen in der Hauptsache nur durch seinen Namen unterscheidet.