Das Hauptackergerät des Paremannes ist die kurzstielige Hacke. Mit

ihr lockert er den Boden, reinigt die Felder vom Unkraut, macht die

Pflanzlöcher und leitet bei der Berieselung das Wasser über die Äcker.

Die Berieselung wird in dem regenarmen Südpare sehr viel, in der

Steppe immer angewandt. Bei Besprechung der Rechtssitten sahen wir

bereits, wie die ordnungsmäßige Verteilung des Wassers an die Entnehmer

einem Deichhauptmann obliegt, der, besonders bei großer Trockenheit,

auch nachts wässern läßt. Da die Bewässerung bei der Dunkelheit aber

äußerst schwierig ist, so steht dem Bauern, der nachts an die Reihe

gekommen ist, gewöhnlich das Wasser des ganzen Kanals zur Verfügung,

während er sonst nur die Hälfte oder ein Drittel entnehmen darf. Will

jemand nachts wässern, so trifft er schon am Tage vorher die nötigen

Vorbereitungen. Er gräbt einen flachen Kanal, in welchem er abends

das Wasser bis auf sein Feld leitet, wo es sich dann in einem Netz

von kleinen ebenfalls vorher angelegten Rinnen auf den ganzen Acker

verteilen kann. In diesen läßt er das Wasser „schlafen“ und beschränkt

seine Tätigkeit in der Hauptsache darauf, die schadhaft gewordenen

Stellen im Zuleitungskanal immer wieder auszubessern; damit das Wasser

unterwegs nicht verloren geht. Beim ersten Morgengrauen hat er dann,

wenn alles gut vorbereitet war, nur noch nötig, das Wasser auf die

in der Dunkelheit übersehenen und deshalb trockengebliebenen Stellen

(~mabango~) zu leiten.

Oft kommt es allerdings vor, daß ein andrer Bauer, dessen Feld auch

dringend des köstlichen Nasses bedarf, den Staudamm im Hauptkanal

ein wenig einreißt, um ihm weiter unterhalb Wasser für seinen Acker

entnehmen zu können. Bald ist der Zuleitungskanal des ersten Bauern

trocken, und der muß nun den oft weiten Weg bis zu seinem Staudamm

zurücklegen, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Wiederholt

sich der Fall, und werden am Stauorte Fußspuren bemerkt, so weiß der

Bauer, daß es sich um einen Dieb handelt, der ihm sein Wasser stiehlt.

Zornig geht er dann wohl nach Hause, um am nächsten Morgen in aller

Frühe das Feld zu suchen, das in der Nacht bewässert worden ist. Den

Betreffenden verklagt er dann beim Wasserverteiler. Der Dieb versucht

sich auszureden. Er sei völlig unschuldig an der ganzen Sache. Der

Kläger habe sich zuviel Wasser in seinen Kanal geleitet und nur

dadurch sei der Damm immer wieder gerissen. Aber alle diese Ausreden

werden hinfällig der Tatsache gegenüber, daß sein Feld schön berieselt

ist. Wohl sucht er auch das als eine ganz zufällige Folgeerscheinung

hinzustellen. Er habe, als das Wasser gekommen sei, geglaubt, es

gehöre niemand, und habe es, um einen nutzlosen Abfluß auf jeden Fall

zu verhüten, auf seinen Acker geleitet. Aber es hilft ihm nichts, er

wird als überführt betrachtet und muß die auf Wasserdiebstahl stehende

Strafe zahlen.

Oft gibt es fruchtbare oder sonst gut gelegene Stellen Land, die

aber stark mit Quecken bewachsen sind. Diese werden mit einem langen

Grabstock (~mulo~) gründlicher umgeackert, als es mit der kleinen

Hacke möglich wäre. Dieser Grabstock wird in die Erde gestoßen,

dicke Erdschollen werden umgebrochen und diese dann mit dem Mulo

auseinandergeschlagen. Einen kurzen Mulo, etwa 75 ~cm~ lang,

gebraucht man gerne zum Ausgraben der Bataten.

Einen Teil seiner Maisernte legt der Eingeborne auf den Boden seiner

Hütte, wo er durch den Rauch wohl äußerlich völlig gebräunt, zugleich

aber wirksam vor dem alles zerfressenden Bohrkäfer und der Fäulnis

geschützt wird. Auch entkernter Mais und Bohnen werden in großen

Tontöpfen auf diese Weise geräuchert und erhalten. Im übrigen ist das

Aufbewahren von Körnerfrüchten in den Tropen eine äußerst schwierige

Sache. Schon in der Trockenzeit hat man neben den diebischen Affen

die Bohrkäfer und Termiten zu bekämpfen, in der Regenzeit dagegen

die besonders im Gebirge fast nicht zu beseitigende Neigung zur

Schimmelbildung. Kein Wunder also, daß der Neger alsbald einen Teil

der Ernte bei fröhlichen Gelagen vertrinkt und daß er überhaupt

nicht mehr anbaut, als zu seinem Unterhalt nötig ist. Daß aber die

Produktionskraft des schwarzen Bauern, auch des Paremannes, leicht

gesteigert werden kann, zeigte sich überall da, wo er für seine

Produkte in irgendeinem europäischen Betriebe einen +sicheren+ Abnehmer

gefunden hatte.

Beliebt ist der Verkauf von Mais gegen Vieh. Einer der oben erwähnten

großen Maisstapel, der Mako, kostet eine Ziege, also je nach Größe

4-5 Rupien. Drei Mako kosten einen Ochsen. Bei einer Hungersnot

oder schlechten Ernte schnellen die Preise für einen solchen Stapel

natürlich sofort in die Höhe, aber meistens nur dann, wenn man mit

barem Gelde kauft. Für den Tausch gegen Vieh bleiben gewöhnlich die

alten Sätze bestehen, trotzdem die Viehpreise nicht gleichzeitig

mit den Nahrungsmittelpreisen in die Höhe gehen, sondern ziemlich

beständig sind, besonders im Tauschhandel. Diese Erscheinung findet

ihre Erklärung darin, daß nach althergebrachter Sitte der feste

Satz für einen solchen Stapel eine Ziege ist. Nimmt der Bauer bares

Geld, etwa 10 Rupien, so ist das ein „moderner“ Handel, über den im

ungeschriebenen Gesetzbuch der Väter keinerlei Bestimmung getroffen

worden ist, der folglich auch auf dem Rechtswege nicht angefochten

werden kann. Würde der Verkäufer aber dem Stammesgenossen zwei

Ziegen, die früher nominell nicht einmal den gleichen Wert wie 10

Rupien besaßen, abverlangen, so würde der Käufer später, wenn die Not

vorbei, diesen Kauf unter Berufung auf das Gesetz rückgängig machen,

bzw. auf Herausgabe eines zweiten Stapels klagen. Aber auch nach der

finanztechnischen Seite hin entbehrt diese gute Sitte ihrer Begründung

nicht; denn während Bargeld für den Eingebornen totes Kapital ist,

welches dazu noch sehr leicht gestohlen werden kann, verzinst sich in

Vieh angelegtes Geld im allgemeinen sehr gut.

Ehe ich dieses Kapitel beschließe, möchte ich noch darauf hinweisen,

daß man auf einigen an steilen Hängen gelegenen Batatenfeldern die

Anfänge einer Terrassierung beobachten kann. Die Steine werden

nämlich überall zu kleinen Mauern zusammengetragen und die so

gebildeten Terrassen sind bald völlig mit Erde und Bataten bedeckt.

Sie erleichtern auch die an solch steilen Hängen äußerst schwierige

Bewässerung, da sie das Wasser immer wieder im Lauf aufhalten und

verteilen. +Düngung+ mit Kuhmist wird eigentümlicherweise, soweit mir

bekannt ist, nur auf Tabakfeldern angewandt, die man deshalb auch fast

immer nahe bei der Hütte angelegt findet.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß der Paremann ein den

Verhältnissen seines Landes und seiner primitiven Technik entsprechend

guter Bauer ist, und daß auch von ihm und seinem Ackerbau das gilt,

was Prof. Weule von den Eingebornen Afrikas im allgemeinen sagt:

„Die einfache Art der Urbarmachung und Bestellung des Feldes besagt

keineswegs, daß der Hackbau nun auch überall eine minderwertige

Wirtschaftsform sei. Wer einmal gesehen hat, wie sauber die Neger ihre

oft weitgedehnten Anpflanzungen mit den vielen kleinen Feldern von

Hirse und Bohnen in mehreren Arten von Mais, Maniok, Süßkartoffeln,

Erdnüssen usw. halten und wie sie sie hegen und pflegen und von hohen

Wachthäuschen aus mit Geschrei und Schleuderwurf die kleinen Schädlinge

(Vögel), mit Bogen und Flinte die großen, die Affen, Schweine und

Elefanten, zu verjagen trachten, und was sie aus dem Boden trotz

der überall fehlenden Düngung herausholen, wird rasch vom Gegenteil

überzeugt sein.“

[Illustration]

Elftes Kapitel.

Formen des Kultus bei den Wapare.

„Ihr werdet mitnichten des Todes sterben.“

Satan.

Allgemeine Seelenvorstellungen.

Die mannigfaltigsten Erscheinungen auf dem Gebiete des Seelenglaubens

und des Seelenkultus fassen wir mit dem Worte Animismus zusammen (vom

lat. ~anima~ = Seele). Erstrecken sich die mit dem Seelenglauben

verbundenen Vorstellungen auch auf Tiere, so haben wir eine besondere

Form des Animismus vor uns, den Animalismus.

Wer die Vorgänge, mit denen wir es hier zu tun haben, eingehend

studieren will, den verweise ich auf das höchst interessante und

ausführliche Buch: W. Wundt, „Völkerpsychologie Bd. 2, Mythus und

Religion“, auf welches ich mich im folgenden des öfteren beziehe.

Es wird häufig gesagt: Der Animismus sei die primitive Religion der

Primitiven, und wie man von den Wirtschaftsformen der Primitiven

Rückschlüsse auf die ursprüngliche Form der Wirtschaft macht, so

glaubt man dasselbe auch bei der Religion tun zu können. Aber aus

dem Aberglauben kann sich keine Religion entwickeln, und selbst

wenn heute echt heidnischem Aberglauben ein christlicher Mantel

umgehängt wird, so ist deshalb aus dem Aberglauben noch keine Religion

geworden. Animismus ist keine Religion sondern Aberglaube, er ist

nicht entwicklungsfähig sondern bereits degeneriert. Nur ganz wenige

Spuren in ihm deuten darauf hin, daß den Urahnen göttliche Grundsätze

bekannt waren. Das am Kopfe dieses Kapitels stehende Motto besagt

schon, wer nach unsrer Auffassung der Urheber des Glaubens an eine

in sich unsterbliche Seele ist, an eine Seele, die beim Tode nicht

stirbt, sondern ewig lebt „wie Gott“; die nicht durch eine besondere

Äußerung der göttlichen Lebenskräfte „die Unsterblichkeit anzieht“,

sondern bereits unsterblich ist und nach dem Tode bewußt an den

Schicksalen der Menschen teilnimmt bzw. dieselben gar beeinflußt.

Es liegt nicht im Rahmen dieser Abhandlung, die theologische Seite

der Frage weiter auszuführen. Die Bedeutung der Unsterblichkeitslehre

erhellt aber schon aus der Tatsache, daß mit ihr jedes heidnische

bzw. aus dem Heidentum übernommene Religionssystem zusammenbrechen

würde und ebenso manche „christlichen“ Gebräuche, die aber, wie Wundt

das überzeugend nachweist, rein heidnischen Ursprungs sind. Mit den

Worten unsres Mottos wurde schon im Paradiese der Grund zum Animismus

gelegt. Wundt schreibt in seiner „Völkerpsychologie“, (Abschn. „Die

Körperseele“): „Gegenüber den bereits geläuterten Vorstellungen von

einer rein geistigen Psyche, wie sie die griechische Philosophie

entwickelt hatte, kehrte so das Christentum wieder zu der Idee der

Körperseele zurück, und erst der Philosophie der Renaissance war es

vorbehalten, auch hier die Gedanken der griechischen Philosophie zu

erneuern, ohne damit freilich bis zum heutigen Tage dem geltenden Dogma

gegenüber durchzudringen.“ Wenn man nun danach trachtet, die Gedanken

der griechischen Philosophie zu erneuern und dem Christentum statt der

Idee der Körperseele die der rein geistigen Psyche zu geben, so steht

doch nach unsrer Überzeugung fest, daß beide Ideen mit dem Christentum

und der Bibel nichts zu tun haben. Der Vorgang bliebe immer nur die

Entwicklung von einer heidnischen Idee zur andern.

Die Worte: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“ und der Anblick

eines toten Menschen ließen sich nicht anders zusammenreimen, als

daß man bei dem Toten nicht das Leben als erloschen ansah, sondern

nur die Bewegung. Der Tote sieht und hört alles und nimmt an der

Gestaltung der Geschicke seiner Nachkommen regen Anteil. Diese

Vorstellung findet ihren Ausdruck in den Kulten, die eine Erhaltung

der Leiche oder gewisser Teile derselben bezwecken. Bei einem großen

Teil unsrer Wapare äußert sie sich in dem Bestreben, den Schädel als

wichtigsten Knochen der Leiche aufzubewahren. Der an diesen Schädel

gebundenen Körperseele werden später allerlei Speisopfer dargebracht,

und man glaubt, daß die Seele davon genieße. Diese echt heidnische

Vorstellung von der Körperseele fand ich z. B. auch in Rußland, Serbien

und Bulgarien wieder, als ich dort die Priester dem Leichenzuge mit

einem Speisopfer voranschreiten sah, das angeblich auf dem Grabe des

Verstorbenen geopfert wird. Über die weitere Entwicklung dieser Art

des Seelenglaubens sagt Wundt: „Da diese Methoden der Konservierung

die wichtigsten Teile der Körperform, die des Angesichtes, stark

beeinträchtigten, so hat hier die spätere ägyptische Sitte dadurch

abzuhelfen gesucht, daß der Mumie das Portrait des Verstorbenen

beigegeben wurde, eine Sitte, die auf dieser im übrigen schon weit

fortgeschrittenen Stufe des Totenkultus noch einmal die Macht jener

Assoziationen bezeugt, aus denen die Vorstellung der Körperseele

hervorgegangen ist. Indem sich aber hier diese Assoziationen teilweise

von dem Körper loslösen und auf dessen künstliche Nachbildung

übergehen, bringt diese Erscheinung zugleich den Kultus der Körperseele

in unmittelbare Beziehung zu zahlreichen andern, auf die nämliche

Quelle zurückgehenden Erscheinungen. Ist es doch die gleiche,

festgewurzelte Assoziation, die bis in die höheren Kulturformen

hinauf in jedes einzelne Götterbild oder auf christlichem Boden in

jedes Marien- oder Heiligenbild etwas von der Seele des dargestellten

Wesens übergehen läßt.“ Derselbe Gedankengang ist die Ursache, daß

der Neger nur mit großem Grauen sein eigenes Bild betrachtet und es

auch offen ausspricht, daß ihm durch dieses ein Teil seiner Seele

bzw. Seelenkräfte genommen worden sei. Ich denke hier an unsre ersten

Erfahrungen mit den Wapare beim Photographieren. Glücklich hatte ich

eine interessante Gruppe zusammengestellt. Als ich aber hinter den

Apparat trat und das schwarze Tuch über den Kopf nahm, da liefen sie

alle schreiend auseinander, weil ich, wie sie glaubten, ihre Seele in

den wunderlichen Kasten sperren wollte. Auch heute noch betrachten

besonders heidnische Frauen ihr Bild oft mit Ausrufen des Entsetzens.

Diese Gedankenverbindung, daß nämlich die Seelenkräfte des Verstorbenen

auf sein Bild übergehen, kann aber in unsrer modernen Zeit auch

bedeutend freundlichere Vorstellungen auslösen. So wurde folgendes

aus Wien gemeldet: „Ein Bataillon des 32. I. R. weilte bei den

Schießübungen in Triest und wurde von dort nach Vasovitza kommandiert.

Nächst der Ortschaft befindet sich in einer Felsennische eine

Marienstatue, für die ein reicher Gutsbesitzer eine Goldkrone im Werte

von 10000 Kr. anfertigen ließ. Ein Soldat, der im ganzen Regiment als

sehr fromm bekannt war, verrichtete dort täglich seine Andacht. Eines

Tages nun verschwand die Goldkrone vom Haupte der Marienstatue und

wurde schließlich im Koffer jenes frommen Soldaten gefunden. Der gute

Mann erzählte, er habe die Heilige um Unterstützung gebeten, worauf die

Statue Leben bekommen und ihm die wertvolle Krone gereicht habe. Das

Protokoll gelangte im Instanzenwege bis zum Kriegsminister, der sich

jedoch in derlei Dingen nicht kompetent fühlte und an den Feldvikar

die schriftliche Anfrage richtete, ob heute noch Wunder geschähen.

Die Antwort lautete: Wiewohl auch heute noch Wunder geschehen können,

ist doch die Mannschaft dahin zu belehren, daß ähnliche wertvolle

Geschenke selbst von der hl. Maria nicht angenommen werden dürfen.“ Der

fromme Soldat wurde tatsächlich freigelassen, und die Statue erhielt

ihre Krone wieder.

In großen Kirchen St. Petersburgs sah ich Heiligenbilder, auf welchen

die täglichen Küsse der Gläubigen tiefe Spuren hinterlassen hatten. In

Kiew, der heiligen russischen Stadt, besuchten wir die Gräber einer

großen Anzahl von Heiligen, die sich bei Lebzeiten ein Kloster unter

der Erde gebaut hatten und auch dort gestorben waren. Während wir

mit Kerzen in der Hand die finsteren Gänge durchschritten, an deren

Wänden die Särge der Heiligen aufgestellt waren, konnten wir uns davon

überzeugen, wie heute mitten in der Christenheit rein heidnische

Gedanken genährt und erhalten werden. Denn wir sahen Mütter immer

wieder ihre Kinder hochheben, damit sie die Strohpuppen küßten, die in

den Särgen lagen und die Heiligen vorstellen sollten. Da der Kuß auch

zu einem Symbol der Vermischung des seelentragenden Hauches geworden

ist, so lag dieser unhygienischen Handlungsweise jener russischen

Orthodoxen, wenn auch unbewußt, der Aberglaube zugrunde, daß die Kinder

durch den Kuß der Seelenkräfte der Verstorbenen -- sei es auch nur in

Gestalt eines Segens -- teilhaftig würden. So sehen wir den heidnischen

Glauben an die Körperseele noch heute mitten in der Christenheit

kräftig erhalten. Leicht ließe sich dieser Glaube in vielen andern

Fällen nachweisen, und wir brauchten durchaus nicht nach Rußland

zu gehen, um Material dafür zu sammeln. Ich habe diese allgemeinen

Bemerkungen nur vorausgeschickt, um dem Leser die entsprechenden

Gedankengänge des Paremannes näherzubringen. Denn mancher gute Christ

hört heute nur mit Schaudern von den tiefstehenden, unzivilisierten

Wapare, daß sie den Schädel des Vaters wieder ausgraben, um ihm ihre

Opfer darzubringen und seinen Segen zu erflehen. Er übersieht nur zu

leicht, daß er in vielen Fällen trotz aller Aufklärung einen Animismus

in seinem Herzen bewahrt hat, der ihn in diesem Stück auf die gleiche

Stufe mit dem verachteten Neger stellt. Ob in christlicher oder

heidnischer Aufmachung, Aberglaube bleibt eben immer Aberglaube.

Das Blut als Seelenträger.

Wenden wir uns nun den Dingen zu, die für den Paremann im besonderen

als Träger der Körperseele gelten, und betrachten wir zuerst die

Stellung, die das Blut hier einnimmt. Die Bibel verbietet den Genuß

des Blutes, weil „des Leibes Leben“ darin ist. Aber mit der Zeit kamen

die Menschen dahin zu glauben, daß ihnen durch das Verbot des Blutes

auch die ihm innewohnenden Seelenkräfte vorenthalten würden. So finden

wir bei den Wapare den Brauch, die Opfertiere durch Ersticken zu

töten, damit kein Blut verlorengehen kann. Dieses mit fettem Fleisch

gekocht, gilt bei ihnen als besonderer Leckerbissen. Kühe werden oft

zur Ader gelassen und ihr Blut in Töpfen aufgefangen. Gequirlt wird

es als gute Arznei gegen Gallenbeschwerden getrunken, sonst auch

mit Milch vermischt. Daß die Alten dem Blute besondere Seelenkräfte

zuschrieben, ersieht man aus der Beschreibung Homers von der Hadesfahrt

des Odysseus, wo die Schatten der Abgeschiedenen durch den Genuß von

Blut zu vorübergehender Besinnung erwachen. Bei den Wapare hat sich

dieser Gedanke am augenfälligsten in der Sitte der Blutsfreundschaft

erhalten. Wie sich beim Kuß die Hauchseelen vermischen sollen, so

tritt dies beim gegenseitigen Genuß des Blutes vom Freunde mit der

Körperseele ein. Ich will hier versuchen, eine kurze Beschreibung der

Blutsfreundschafts-Zeremonie zu geben.

Irgendein Fremder, der für eine Nacht gastliche Aufnahme in einer

Hütte gefunden hat, bittet den Gastfreund, mit ihm den Blutsbund

zu machen oder umgekehrt. Die Nachbarn werden eingeladen, der

Handlung beizuwohnen. Die beiden Männer setzen sich auf ein am

Boden ausgebreitetes Fell. Vor ihnen steht ein Strohteller mit zwei

Parenüssen, von denen eine in genau vier Teile zerschnitten ist. Der

Zeremonienmeister faßt nun eine Hautfalte am Leibe des einen Mannes

mit der linken Hand, und der gegenübersitzende Bundesbruder faßt

ebenfalls mit der Rechten zu, während die Linke seinem Gegenüber auf

der Schulter liegt. Dann macht der Bundespriester mit einem kleinen

Messer einen leicht blutenden Schnitt, zuerst beim einen, dann beim

andern. Nun legen sich beide Männer gegenseitig die Hände auf die

Schultern, nachdem jeder vorher mit einem der vier Nußstückchen das

herausträufelnde Blut aufgefangen hat. Jetzt beginnt der Bundespriester

mit seiner Beschwörung. Seine Worte werden von den beiden Freunden

und allen Umstehenden mit einem lauten ~hau~ bekräftigt. Die

Beschwörung lautet ungefähr wie folgt:

„Du Soundso -- hau -- du trinkst jetzt -- hau -- Blutsfreundschaft

-- hau -- mit einem namens Soundso. -- Wenn er zu dir kommt -- und

du gibst ihm nicht Speise wie deinem eigenen Kinde, -- dann hast du

die Blutsfreundschaft verachtet, -- dann möge dein Leib anschwellen

und platzen; -- in deinem Leibe soll es (das Blut deines Freundes)

wie Frösche schreien, -- jawohl, wie ein kahler Bergrücken sollst du

aufplatzen. -- Und wenn dein Freund zu dir kommt -- und du sagst, den

Kerl kenn’ ich nicht, -- dann sollst du auf dem Bauche kriechen müssen

wie die Schlangen, -- so soll es sein.“

Das feierliche ~hau~ muß der Leser hinter jedem Satzglied

ergänzen. Nachdem auch dem andern Bundesbruder die Folgen vorgehalten

worden sind, die eine Verletzung der Blutsfreundschaft nach sich ziehen

würde, wendet sich der Priester -- übrigens ein beliebiger Paremann --

wieder an den ersten, um nunmehr auf beide den Segen herabzuflehen,

falls sie die Bundestreue bewahren:

„Wenn du aber dies alles genau beachtest -- und die Kuh deines

Freundes wie deine eigene hältst, -- so sollst du schön sein wie der

Kibogletscher (Kilimandjaro). -- Wenn die Leute von eurem Bunde hören,

so sollen sie sagen: -- Dieser ist nicht sein Blutsfreund, -- es ist

sein leiblicher Bruder. -- Dann sollst du unterhalb des Wasserkanals

ackern (weil es da fruchtbar ist), -- ein wenig von dir soll dir Großes

bringen; -- aus einem deiner Rinder sollen viele werden. -- Friede sei

mit euch! -- So soll es sein! -- ~hau!~“

Nach dieser Beschwörung reichen beide sich gegenseitig das Stückchen

der Nuß mit ihrem Blut und nachher noch ein weiteres ohne Blut. Die

zweite Nuß wird unter die Bundeszeugen verteilt und dient wohl als

Symbol der Opfermahlzeit. Daraufhin stehen beide auf; der Hausherr

hebt die Hände seines neuen Freundes empor und zeigt auf den Boden

des Hauses, indem er sagt: „Wenn du einmal kommen solltest und es ist

keiner hier in ‚deinem‘ Hause, so wisse: Oben findest du Bier, unten

steht Speise. Du brauchst nicht zu warten, bis jemand kommt.“ --

Dies alles sind nicht etwa leere Formalitäten und äußere Zeremonien,

sondern der Paremann glaubt so fest an die durch das Blut übertragenen

magischen Seelenkräfte, daß er es mit der Blutsfreundschaft sehr

genau nimmt. Die ganze Handlung macht übrigens einen sehr feierlichen

Eindruck, der durch die bilderreiche Sprache in Segen und Fluch nur

noch erhöht wird.

Für den Paremann ist die Blutsfreundschaft von allergrößter Bedeutung.

Um nur ein Beispiel als Beweis dafür herauszugreifen: Er mag einen

Prozeß führen um eine Kuh, die weit weg, vielleicht in Usambara

steht. Wird ihm diese Kuh mit allen inzwischen geworfenen Kälbern

zugesprochen, so wird er durch den in der Nähe wohnenden Blutsfreund

genau auf dem Laufenden erhalten, und der Verurteilte sieht sich

außerstande, irgendein Stück Vieh heimlich beiseite zu schaffen. Wenn

er sich des einen oder andern Kalbes nicht mehr erinnern sollte, -- der

Blutsfreund des Klägers hilft ihm denken.

Von weit größerer Wichtigkeit als heute war die Blutsfreundschaft in

den alten Zeiten, als noch Mord und Totschlag an der Tagesordnung

waren. Da war es dann oft der Blutsbruder des in Gefahr stehenden

Mannes, der an den Beratungen der Feinde seines Freundes teilnahm und

ihn rechtzeitig warnen konnte.

Es kommt nun vor, daß jemand im Grunde seines Herzens gar nicht daran

denkt, dem andern gegenüber die Pflichten der Blutsbruderschaft

zu erfüllen. Ein solcher sagt dann statt des bekräftigenden ~hau~

das ähnlich klingende Wort ~hai~, welches nein bedeutet, geht nach

Beendigung der Zeremonie heimlich an einen Feigenbaum und reibt den

Rest des Blutes auf dessen Rinde mit den Worten: „+Du+ bist mein Freund

und Bundesbruder.“

Außer diesem hier erwähnten Blutsbund gibt es noch mehrere andere

derartige auf animistischen Vorstellungen beruhende Beschwörungen

(~mima~), z. B. der Schutz- und Trutzbund zweier Häuptlinge, durch

den sie sich zu gegenseitiger Hilfeleistung im Kriege verpflichten, und

ein andrer mma, den der Ehemann seiner Frau zu trinken gibt, um ihrer

ehelichen Treue sicher zu sein.

Auf einen weiteren Aberglauben will ich hier noch kurz hinweisen, der

so recht erkennen läßt, daß man sich besonders große Seelenkräfte

an das Blut gebunden denkt. Es ist ein Zauber, der dazu dient, die

Schattenseele des Menschen so fest mit seinem Körper zu verbinden,

daß es den bösen Zauberern unmöglich wird, den Schatten zu stehlen.

Zu dem Zweck läßt sich der Paremann einen angesehenen Medizinmann

kommen. Dieser ritzt die Haut des „Patienten“ an den verschiedensten

Körperstellen und selbst auf der Zunge. Das so gewonnene Blut wird

zusammen mit etwas Hühnerblut sowie Haaren, Zehen- und Fingernägeln und

etwas Erde, auf welche man den Schatten von Kopf und Hand hat fallen

lassen, auf ein Blatt gestrichen. Aus diesen Seelenträgern wird vom

Medizinmann ein Amulett verfertigt und so dem Treiben der berüchtigten

~vasavi~, der bösen Zauberer, die die Schattenseelen des Menschen

stehlen, ein Riegel vorgeschoben.

Die Wachstumsprodukte.

Es ist mir hier natürlich unmöglich, einen auch nur annähernd

vollständigen Bericht all der Sitten zu geben, in welchen die

Seelenvorstellungen ihren Ausdruck finden. Und würde ich selbst alles

das, was mir an solchen Gebräuchen in diesen Jahren zu Ohren gekommen

ist, niederschreiben, so wäre es höchst wahrscheinlich nur ein geringer

Bruchteil dessen, was uns ein Medizinmann mitteilen könnte, wenn er

wollte.

Im Banne der Furcht · 第 13 / 22 段