Das größte Gottesurteil ist das Ntongo in der Landschaft Chome. Es

wird nur bei Zaubern angewandt. Fünf kleine Eisenkugeln wurden in

einem irdenen Topf glühend gemacht und dann Schaffett und Honig

darüber in den Topf gegossen, daß eine hohe Flamme herausschlug. Der

im Verdacht der Zauberei stehende Mann mußte nun vier solcher Kugeln

einzeln herausholen, zwischen den Händen reiben und fortwerfen.

Die Dabeistehenden sangen: ~Mwewe, hora nyama~! = Habicht,

stoße aufs Fleisch, d. h. die glühenden Kugeln. Zu Hause hatte man

dem Verdächtigten die Hände genau auf etwaige Schwielen und Wunden

untersucht. Zeigten sich nach der Feuerprobe neue Blasen oder Wunden,

so war sein Urteil gesprochen. Im andern Falle wurde er zum Zeichen

seiner Unschuld mit weißer Erde eingerieben. Daher wird das Wort

~kuzera~ = weißwerden auch gebraucht, wenn man ausdrücken will:

von falschem Verdacht befreit werden. Übrigens hat das hier verwendete

Feuerholz gewissermaßen schon in erster Instanz als Gottesurteil

gedient. Beide Parteien müssen nämlich vorher je zwei Holzstücke mit

zwei Axtschlägen in vier Teile spalten. Gelang das dem Beklagten und

dem Kläger nicht, so war der Verdacht unbegründet, und man redete

dem letzteren zu, die Klage zurückzunehmen und eine Ziege oder einen

Ochsen als Buße zu zahlen. Ließ dieser es aber erst auf die Feuerprobe

selbst ankommen, und wurde sie bestanden, so war als Buße eine Färse

zu zahlen. Auf dem ganzen Wege erschallt der Triumphruf des „Reinen“:

~Wee, hocha rya!~ Hat der Verkläger recht behalten, so ruft man:

~Wee, hocha sire!~ = Rache!

Das ist in kurzen Worten das Hauptsächlichste aus dem Verlauf der

bekanntesten Gottesurteile. Während diese nun für die Beteiligten

keinerlei Lebensgefahr in sich bergen, gibt es eine weitere Art der

Beschwörung oder Vereidigung, die für den Schuldigen den Tod in

bestimmter Frist bringt. Es ist hier nicht der Ort, Versuche zur

Erklärung dieser Erscheinungen zu machen, bei denen die Furcht und

Suggestion sicherlich eine Rolle spielen. Ich will nur erwähnen, daß in

allen Fällen, von denen mir Kenntnis geworden ist, der eine der Gegner

in der festgesetzten Frist starb.

Diese berühmteste der Beschwörungen an Eides Statt ist das „Hineingehen

zum Dachfetisch“ (~kungia he mpingu~ oder ~murungu wa gu~).

Der Verlauf ist in der Hauptsache so: die beiden Streitenden

erscheinen jeder mit seinem nächsten erbberechtigten Verwandten vor

dem Fetischpriester. Der Priester setzt ihnen auseinander, daß diese

Eidesform keine Spielerei bedeute, sondern unwiderruflich den Tod für

einen bringen müsse. Die Parteien erklären aber, bei ihrem Entschluß

beharren zu wollen. Jeder hat eine Opferziege mitgebracht, von denen

die eine bei der Beschwörung geschlachtet wird, während man die andre

für die spätere Entsühnung aufhebt. Beide Gegner fassen die Ziege an je

einem Vorderfuß und bitten den Dachgötzen, schon jetzt sein Urteil zu

sprechen, indem er in dem lebendigen Tiere die Eingeweide auf der einen

oder andern Seite verfaulen lassen soll. Jeder schlägt dann die Ziege

mit der Hand in die ihm zugewandte Seite. Dann wird das Tier erstickt,

und der Priester ersieht aus den Eingeweiden und der Leber den

voraussichtlichen Ausgang der Sache. Wenn die Ermahnungen des Priesters

auch jetzt die erbosten Parteien nicht veranlassen können, von der

Anrufung des Fetisches Abstand zu nehmen, gehen beide Prozessierenden

in den „Tempel“. Jeder hat ein Bruststückchen der inzwischen gerösteten

Ziege in der Hand und reibt es an der Haussäule, indem er die Gottheit

beschwört, seine Schuld oder Unschuld ans Licht zu bringen. Dann essen

beide das Fleisch auf, und der Priester bittet den Fetisch, innerhalb

einer bestimmten Frist das Todesurteil zu sprechen. Ist einer der

Gegner zur festgesetzten Frist gestorben, hat der als Zeuge tätig

gewesene Erbe des Unterlegenen die Ansprüche des andern zu befriedigen.

Ist das vereinbart, wird die beim Priester zurückgelassene zweite

Ziege getötet, um „die Beschwörungen herauszunehmen“ (~kung’ola

miomo~). Der Erbe teilt dem Fetisch mit, daß er sich seinem Urteil

unterwerfe und zur Zahlung der Rinder bereit sei. Unterläßt der Erbe

das Sühnopfer, steht auch er in Todesgefahr.

Ein nicht minder gefürchteter Beschwörungseid der auch heute noch bei

schwierigen Rechtsstreiten mit Erlaubnis der Behörde von den Leuten

selbst angewandt wird, ist das „Topfschlagen oder Topfessen“. Beide

Parteien fassen einen Tontopf mit den Händen an, spützen hinein, und

jeder spricht seine Beschwörung etwa wie folgt: „Du Topf, bringe

meinen Prozeß zu Ende. Bin ich im Unrecht, töte mich, ehe der Mais

reif ist; ist mein Gegner im Unrecht, töte ihn zur selben Zeit!“

Nach der Beschwörung wird eine Ecke aus dem Topf geschlagen und

hineingelegt. Andre brechen den Topf mit den Händen in zwei Stücke.

Ganz hitzige Gegner werfen die Stücke in den Fluß, damit eine spätere

Entsühnung ausgeschlossen ist und die ganze Sippe ausstirbt. Gewöhnlich

aber wird der Fluchtopf bei einem Alten untergestellt, bis er sein

Urteil gesprochen hat. Statt des Speichels kommt auch hier Urin

als Seelenträger in Frage. Hat der Topf gewirkt und den Schuldigen

getötet, so muß seinem weiteren Wirken durch ein Sühnopfer Einhalt

geboten werden. Sühnmittel ist auch hier wieder der Mageninhalt

des Opfertieres, beim Dachgötzen meist eine Ziege, beim Fluchtopf

gewöhnlich ein Schaf.

In einem früheren Kapitel lernten wir die Blutsfreundschaft

(~mma~) kennen, deren Verletzung ebenfalls den Tod zur Folge hat.

Es gibt noch zahlreiche derartige Mima, die an Eides Statt angewandt

werden, um bei schwierigen Prozessen den Schuldigen herauszufinden.

Handelt es sich z. B. um einen Kuhhandel, und behauptet der erste

Besitzer, die Msaguo-Ziege nicht erhalten zu haben, ohne daß Zeugen

für diese Behauptung beigebracht werden können, so nimmt man seine

Zuflucht zum ~mma wa ng’ombe~ -- Bluteid mit der Kuh. Die

beiden Parteien fassen die umstrittene Kuh je an einem Ohr. Der die

Beschwörung leitende Mann sagt: „Du Kuh, halte still, und trenne die

Streitenden.“ Diese sprechen dann ihre Beschwörungen, indem jeder sich

sozusagen verpflichtet, im Falle seiner Schuld zu sterben, bevor die

Kuh zum zweiten Male gekalbt hat. Der „Priester“ schießt alsdann die

Kuh mit einem glatten Pfeil in die Halsader. Das hervorquellende Blut

wird in einem Töpfchen aufgefangen und auch der Pfeil in diesen Topf

gesteckt; denn die zu erwartende Krankheit soll ja den Schuldigen in

den Leib treffen wie der Pfeil die Kuh. Beide Gegner trinken das Blut.

Der Bogen wird der Kuh über den Kopf gehalten und die Sehne mit den

Worten zerschnitten: „Du Kuh, bringe die Leute schnell auseinander“,

d. h. sorge dafür, daß dem Betrüger schnell die Adern und Sehnen im

Leibe zerreißen, wie symbolisch am Bogen vorgemacht. Der Topf wird

vom „Priester“ in Verwahrung genommen, um später in bekannter Weise

entsühnt zu werden.

Häuptlinge versichern sich auf ähnliche Weise eidlich ihre

Friedensabsichten, was gewiß besser geholfen hat als die Haager

Friedenskonferenzen. Auch Bündnisse mit der Verpflichtung gegenseitiger

Heeresfolge wurden so geschlossen (~mma wa nkondo~). Ein im

Verdacht der Zauberei Stehender muß Mma mit der Erde, die seine Opfer

„gegessen hat“, oder mit Blut aus seinem eignen Knie essen.

So haben unsre Wapare in schwierigen Fällen immer Mittel an der Hand,

auch verwickelte Fragen zu erledigen: Entweder das Gottesurteil oder

den Bluteid, der allem Hader ein Ende macht.

[Illustration: Muhamed bin Ali, Kihurio.]

[Illustration: Zahmer Hundsaffe mit seinem schwarzen Wärter.]

[Illustration:

Phot. Lutteroth.

Kiondo in Tränen.]

In den jungen Christengemeinden wird natürlich derartigen Gebräuchen

nicht mehr gehuldigt. Es ist aber verständlich, daß bei einem

Streitfalle der eine oder der andre resigniert sagt: „Mein Bruder

leugnet nur, weil er weiß, daß ich ihn als Christ nicht mehr

nach heidnischer Weise den Blutseid ablegen lassen kann. Vor dem

Gottesurteil würde er sich fürchten.“ Sehr geschickt erinnerte Adamu,

einer unsrer älteren Christen, gelegentlich eines Streitfalles, der vor

die Gemeindeältesten gebracht wurde, an den „christlichen Blutsbund“

im hl. Abendmahl. Er wies auf die große Hilfe hin, welche die Heiden

durch ihre Zaubergebräuche hätten, und illustrierte das durch folgende

Geschichte: „Ein Mann hatte einst seinen Blutsfreund geschickt, Kleider

für ihn einzukaufen. Der kam wieder und behauptete, er sei unterwegs

von Räubern angefallen worden und er habe, um sein Leben zu retten, die

Kleiderlast wegwerfen müssen. In Wirklichkeit hatte er aber die Kleider

nur versteckt, um sie später zu holen. Der Besitzer blieb bei dieser

Erzählung ganz ruhig und sagte nur: ‚Das macht nichts, haben die Räuber

dich wirklich überfallen, dann war ich mit dabei, mein Blut ist ja

in dir. Hast du die Last dagegen versteckt, so bin ich auch auf dem

Gange bei dir gewesen. Unser Blutsbund ist der Richter.‘ Da fürchtete

sich der Dieb und gestand sein Unrecht ein.“ Adamu erinnerte nun die

Beteiligten, daß Christen nicht nur den Blutsbund untereinander gemacht

hätten, sondern im Abendmahl auch mit Jesu. Wir hätten aber noch

mehr Grund als die Heiden anzunehmen, daß Er, unser Bruder, überall

dabeigewesen wäre, sollten uns also noch mehr hüten, die Unwahrheit

zu sagen als jene. Daraufhin gestand der Beschuldigte beschämt sein

Unrecht ein.

[Illustration]

Zehntes Kapitel.

Technik und Wirtschaftsform.

Der Hausbau.

Will der Mwasu ein neues Haus errichten, und hat er einen ihm

zusagenden Platz gefunden, so säubert er diesen von allem Strauchwerk

und Gras (~kufora kivanza~ = den Bauplatz graben). Dann geht er in den

Busch und fällt dünne und dickere Stämme, die er mit Hilfe seiner Frau

und einiger Nachbarn an den Bauplatz bringt. Zunächst muß er sich nun

Stricke besorgen, mit denen er die Latten und Balken zusammenfügen

kann. Dazu dienen ihm gewisse besonders geeignete Lianenarten

(~kaganda~, ~kikozi~, ~kigwira nguluwe~, ~luhaga~, ~senkunde~). In der

Steppe werden meistens die Fasern der Sansiveren verwandt.

Um die Hauswand schön kreisförmig zu machen, schlägt er in der Mitte

des Bauplatzes einen Pflock in die Erde und befestigt daran einen

Strick. Diesen schlingt er um seinen Fuß, daß die Entfernung vom

Mittelpunkt etwa 2 ~m~ beträgt. Dann zieht er einen Kreis,

indem er mit dem angebundenen Fuß die Kreislinie auf dem Erdboden

markiert. Dieser folgend, hebt er einen schmalen, etwa 30 ~cm~

tiefen Graben (~mkembe~) aus und gießt Wasser hinein. In den so

aufgeweichten Boden stößt er die angespitzten Stangen im Abstande

von etwa 30 ~cm~. Um dieses kreisförmige Gerüst wird dann die

untere Mauerlatte, bestehend aus einer Anzahl zusammengelegter dünner

Stangen, in etwa 2 ~m~ Höhe befestigt. Auf diese werden später die

Bodenbalken gelegt. Die Lücken in der Hauswand werden durch weitere

in den Boden gestoßene Stangen ziemlich dicht ausgefüllt, Querlatten

befestigt und schließlich auch die obere Mauerlatte angebracht, auf

welcher die Dachsparren ruhen sollen.

Das Dach baut man auf ebener Erde, um es in halbfertigem Zustande

auf das Haus zu setzen. Zu dem Zweck verfertigt sich der Mpare einen

kleinen Ring von etwa 10 ~cm~ Durchmesser aus starkem Strick,

gerade weit genug, um die vier ersten Sparren hindurchzwängen zu

können. Um diese windet er kreisförmig dünne Dachlatten, dabei immer

neue Sparren einschiebend. Das so gebildete ~kiare~ wird, bevor

es zu schwer ist, mit Hilfe einiger Freunde auf das Haus gesetzt, wo

es vollendet wird und die Sparren durch einfaches Anstecken bis auf

den durch Stützen getragenen äußeren Lattenring verlängert werden

(s. Abbild.). Das Dach wird mit Schilf gedeckt, im Gebirge auch mit

Bananenblattscheiden (~malamba~). Das gut getrocknete Schilf wird

in kleinen Bündeln mit Sansiverenfasern oder Lianen von unten anfangend

auf die Dachlatten gebunden, während man die etwa 10 ~cm~ breite

Malamba einfach von unten an um die einzelnen Latten schlingt und die

Enden nach außen herunterhängen läßt.

[Illustration: Hütte im Rohbau.]

Das Ausfüllen der Wände mit Lehm nennt man ~kukanda~. Zu dieser

Arbeit werden sämtliche Nachbarn geladen. Frauen tragen das Wasser,

während die Männer den Lehm mit den Füßen kneten und das Fach- bzw.

Flechtwerk damit ausfüllen. Diese Arbeit trägt den Charakter eines

Festes, da sämtliche Teilnehmer Speise mitbringen, die am Ende

gemeinschaftlich vertilgt wird. -- Auch der Dachboden wird mit Lehm

ausgeschmiert. Später wird die Wand innen und außen mit Sand und

Kuhmist geglättet (~kukuluga~).

[Illustration: Feuerstelle.

~a~ und ~b~ große Herdsteine, ~c~ Haussäulen, ~d~

Kochtopf, ~e~ „Herdringe“.]

[Illustration: Erfindung der „Herdringe“.

~a~ große Herdsteine, ~b~ große Steinplatte als dritter

Herdstein, ~c~ Haussäulen, ~d~ Kochtöpfe verschiedener

Größe, ~e~ erster „Herdring“, ~e¹~ und ~e²~ weitere

„Herdringe“ für noch kleinere Töpfe.]

Diese Art des runden Hauses nennt man nyumba ya lukumbi, d. h.

Verandenhaus. Es ist anscheinend von den in der Steppe wohnenden

Wazegua übernommen worden. Die ursprüngliche Art scheint mir das

~nyumba ya msoma si~ (auf die Erde stoßendes Haus) zu sein.

Bei ihm gehen Dach und Wand ineinander über. Von außen wird solches

Haus bis zur Erde mit Schilf oder Bananenblattscheiden gedeckt und

innen mit Lehm verschmiert. Diese Art sieht man heute fast nur noch

im Gebirge. Dem mit der Kultur in Berührung gekommenen Schwarzen

sagt das Verandahaus mehr zu, weil es geräumiger ist und man durch

Aufführung einer Verandamauer leicht weitere große Räumlichkeiten

schaffen kann. Ebenso hat die rechteckige Hausform schon viele Freunde

gefunden, was auch vom hygienischen Standpunkte aus sehr zu begrüßen

ist, da in derartige Häuser meistens Fenster eingesetzt und für Küche,

Schlafraum und Stall besondere Abteilungen gebaut werden. In den andern

Wohnstätten fehlen Licht und Luft dagegen fast vollständig.

Am Tage, der auf das erstmalige Ausschmieren der Wände mit Lehm

folgt, zieht der Mwasu in sein neues Heim ein. Er hat es mit seinem

Umzug so eilig, weil er verhüten muß, daß irgendein böser Mensch

ihm einen Schabernack spielt und z. B. in der neuen Hütte uriniert.

Damit hätten nämlich die den Ausscheidungsprodukten innewohnenden

Seelenkräfte von dem Hause Besitz ergriffen (~kuvyala nyumba~)

und würden den rechtmäßigen Eigentümer quälen und schließlich töten.

Liegt ein derartiger Verdacht vor, so ruft der Mpare den schon des

öfteren erwähnten Sühnepriester, den Mtani, der die bösen Geister

vertreiben muß. Liegt dagegen kein Bedürfnis vor, den Mtani rufen zu

lassen, so begibt sich der Besitzer mit den Nachbarn ins Haus. Die

Frauen fegen die Hütte aus, während die Männer eine große Steinplatte

herbeischleppen, die an die beiden Mittelstützen gelehnt wird. Vor

diese werden zwei weitere Steine gelegt, und der Küchenherd ist fertig.

Ist ein Topf zu klein, um ohne weiteres auf diese drei Steine gestellt

zu werden, so klemmt die Hausfrau flache Steinstückchen zwischen Topf

und hintere Herdplatte ein. Wir haben also hier die Urform vor uns, die

sich im Lauf der Zeit zu unsren Herdringen entwickelt hat.

Doch zurück zu unserm Hausbesitzer. Dieser schreitet nämlich jetzt zur

Zeremonie des Feueranzündens. Hierzu darf er sich keine glühende Kohle

vom Nachbar holen, sondern er muß selbst neues Feuer mit Hilfe der

Reibhölzer erzeugen. Dieses heilige Feuer ist ein Bild der alle Morgen

neues Leben gebenden Sonne. Dann opfert er den Ahnen, indem er etwas

Bier an den Fuß der Mittelstütze gießt und betet: „Ihr ~nkoma~

(Ahnen), nehmt euer Bier! Ich beziehe heute mein neues Haus. Laßt mich

hier guten Schlaf finden und von Krankheiten verschont bleiben. Laßt

mich hier viele Kinder zeugen und Kühe, Ziegen und Hühner züchten.

Teilt das Opfer mit den Ahnen der männlichen und weiblichen Linien.

Freuet euch und schlaft! -- ~nkoma shinjiani!~“ Die Erschienenen

trinken den „Rest“ des Bieres (nebenbei bemerkt, übertrifft er wie

immer so auch hier die Menge des Opferbieres um ein Erkleckliches) und

nehmen wohl auch einen kleinen Imbiß, den die Hausfrau zurechtgestellt

hat.

Zum Schluß noch die Bemerkung, daß der Polygamist früher für jede

Frau eine besondere Hütte baute. Seit der Einführung der Hüttensteuer

unterläßt man es jedoch. Dies hat allerlei das Volksleben schädigende

Folgen nach sich gezogen, auf die ich schon hingewiesen habe. Mädchen-

und Knabenhäuser gibt es bei unsern Wapare nicht, ebensowenig besondere

Häuptlingshütten.

Die Koch- und Hausgeräte.

Die Töpferei ist ausschließlich Arbeitsgebiet der Frau, genau so

wie die Anfertigung der Fasersäcke. Hat die Frau sich in einem

Sack genügend Tonerde geholt, so geht sie an deren Bearbeitung. Zu

dem Zwecke breitet sie den Ton auf einem großen flachen Stein aus,

zerkleinert die großen Stücke und liest Steine und andre Unreinigkeiten

aus. Mit Hilfe eines Holzstößers wird der reichlich angefeuchtete Ton

ganz fein gestampft und dann noch mit den Händen wie Kuchenteig auf

dem Stein durchgeknetet. Aus dieser Masse formt die Frau einen je nach

Umfang des gewünschten Topfes verschieden großen Tonzylinder, der mit

dem Stampfer durchstoßen wird. Aus diesem Mantel formt sie nun unter

fortwährendem Anfeuchten und Abschaben mit einfachen Modellierhölzern

die obere Hälfte des Topfes. Das untere noch auf dem Stein haftende

Ende bedeckt sie sorgfältig mit grünen Bananenblättern, um den Ton

dort feucht zu erhalten. Das obere Ende ist am nächsten Tage bereits

soweit an der Luft erhärtet, daß die Frau den Topf umstürzen kann,

um den Boden anzufertigen. Die Öffnung wird immer kleiner, so daß

sie schließlich nur noch einen Finger zur Glättungsarbeit durchläßt,

und schließlich wird sie sauber mit einem kleinen Stückchen Ton

geschlossen. Etwa fünf Tage lang bleibt das Kunstwerk auf dem Boden

stehen, um völlig auszutrocknen. Dann werden meistens mehrere

zusammen in einem offenen Feuer gebrannt. Das Feuerholz wird von

bestimmten Bäumen genommen (~mugi~, ~kisosongo~) und ist

von zunderartiger Beschaffenheit. Es wird unter und zwischen den

Töpfen aufgeschichtet. Die Frau wendet die Gefäße mit einem Stock und

prüft durch gleichzeitiges Beklopfen ihre Beschaffenheit. Klingen

sie endlich, dann sind sie „gar“ d. h. durchgebrannt und werden zum

Abkühlen hingestellt. Mit einer grünen Banane zieht die Künstlerin von

der Mitte des Topfbodens ausgehend gerade Striche nach dem Rande hin,

die sich sofort weiß färben und so auf dem Markte den neuen Topf,

wenn auch in recht bescheidener Weise, verzieren. Die zum Wasserholen

bestimmten Töpfe werden mit Blättern des Nkasha-Strauches rot gefärbt.

Diese Gefäße sowie auch die kleineren Eßnäpfe werden vor dem Brennen

mit einem etwa 4 ~cm~ breiten Punktierhölzchen am Halse bzw. am

Rande verziert. Abbildungen siehe unter dem Abschnitt Negerküche auf S.

102. Während diese eigentliche Töpferarbeit ausschließlich von Frauen

verrichtet wird, werden die tönernen Pfeifenköpfe nur von Männern

angefertigt.

[Illustration: Mattensackgewebe.]

[Illustration: Wie ein Kitangu entsteht (Boden).]

Wie schon erwähnt, gehört auch das Säckeknüpfen zu den Arbeiten,

die nur von Frauen ausgeführt werden. Nachdem man aus den grünen

Sansiveren-Blättern durch Klopfen die Fasern gewonnen, dann gewaschen

und gereinigt hat, werden sie in langen Strähnen von etwa 5 ~mm~

Dicke zusammengeknüpft. Die Art des so gebildeten Gewebes, das übrigens

meist recht weitmaschig ist, ersieht der Leser an der Skizze.

[Illustration: Fertiges Körbchen.]

Des weiteren verfertigen die Frauen Strohteller (~vitangu~), in

denen u. a. Maisbrei und Kartoffeln aufgetragen werden. Sie dienen

auch im Handel je nach Größe als Korn- und Fruchtmaße. Die Vitangu

bestehen aus einem spiralförmig aufgewickelten Stück Bananenbast, das

mit einer etwa 2-4 ~cm~ breiten Palmblattschnur umsponnen wird.

Die Körbchen sind äußerst haltbar. Der Preis belief sich auf etwa 15

Pfennig. Während die meisten Frauen, wenigstens im Gebirge, solche

Teller und Säcke machen können, wird die Töpferkunst nur von kundigen

Meisterinnen ausgeübt. Sie vererbt sich auf die Töchter und entbehrt

auch nicht eines gewissen religiösen Einschlages, da oft Säumige von

den Ahnen an ihre Pflicht, das Gewerbe auszuüben, erinnert werden.

Als Handwerker könnte man wohl die Männer ansprechen, die, wenn auch

nur im Nebenberuf, Mörser, Stühle, Bienenstöcke usw. verfertigen.

Eine geschlossene Hauswirtschaft im Sinne der Lehre Büchers existiert

also nicht oder wenigstens nicht mehr. Nach ihr ist auf einer

primitiven Stufe jeder Haushalt imstande, alle seine Bedürfnisse

aus sich selbst heraus und ohne Zuhilfenahme des Tausches oder des

Handels zu befriedigen. Man ist also in Erzeugung und Verbrauch von

niemand außerhalb der eignen Sippe abhängig. Die Tatsache, daß im

Gebirge solche Unabhängigkeit selbst heute noch größer ist als in den

bereits zivilisierten Steppenlandschaften, spricht dafür, daß sie

nur allmählich verlorengegangen ist bzw. verlorengeht. Dazu trägt

hauptsächlich die Kultur bei. Dem schwarzen Diener, Wäscher, Maurer,

Aufseher, Soldaten, Eisenbahn- oder Postbeamten fehlt die Zeit und

vor allem die durch Übung erworbene Geschicklichkeit, irgendwelche

Geräte selbst zu verfertigen. Er ist also mehr als sein fern von

der „Zivilisation“ lebender Stammesgenosse auf den ~fundi~,

den Handwerker oder Meister angewiesen, und auch unter diesen haben

sich mit der Zeit immer mehr Spezialisten ausgebildet: der eine

macht Hocker, der andre Mörser oder Betten, der dritte flicht die

starken Ochsenstricke. Für Pfeilgift und Schmiedearbeiten ist diese

Abhängigkeit von Nachbarstämmen bzw. besonderen Schmiedemeistern

wohl uralt, aus dem einfachen Grunde, weil Pfeilgifte nicht überall

hergestellt werden können und die Schmiede von jeher eine besondere

Kaste gebildet haben (s. S. 138).

[Illustration: Hocker.]

Hocker werden aus 25 ~cm~ hohen Holzklötzen geschnitzt, Mörser

aus etwa 50 ~cm~ hohen Holzzylindern. Die Werkzeuge des Fundi

sind kleine Äxte, Kratzer und Stemmeisen mit langen und kurzen

Griffen. Die langen Hefte der Stemmeisen erhalten an dem Ende, wo

das Eisen befestigt wird, als Verstärkung einen Ring aus der Schale

der Dumpalmenfrucht, der festsitzt wie Eisen und ein Spalten des

Griffes völlig unmöglich macht. Die Abbildungen lassen auch weitere

Gebrauchsgegenstände erkennen, die von Männern angefertigt werden.

Interessant ist die Tatsache, daß Kürbisflaschen, die geborsten sind,

wieder genäht werden unter Anwendung der gleichen Technik die unsre

Schuhmacher beim Nähen haben. Die Naht wird außen mit der Milch des

Mwasi-Baumes wasserdicht verklebt.

[Illustration: Werkzeuge des Fundi.]

Der Apparat zur Feuererzeugung besteht aus dem Quirlholz

(~kinindi~, Zweig des Mrinditi-Baumes) und dem untergelegten

flachen Holz, ~nke~ genannt. In den Rand des Nke schneidet man

einen Kerb, durch welchen dann beim Quirlen mit dem Kinindi die glühend

gewordenen Holzteilchen auf das untergelegte Messer fallen. Mit Hilfe

eines aus zerriebenen trocknen Bananenblattscheiden gebildeten Zunders

wird die glimmende Asche zum Feuer entfacht.

[Illustration: Feuerzeug.]

[Illustration: Bienenstock.]

Bienenstöcke verfertigt man auf folgende Weise. 100-125 ~cm~

lange Baumstämme werden mit langen Holzkeilen in der Mitte gespalten

und beide Hälften ausgehöhlt. Eine etwa handbreite Öffnung auf

einer der Längsseiten dient zum Ausnehmen des Honigs und wird mit

einem hineingesteckten Holzplättchen verschlossen. Die beiden den

Bienenstock bildenden Holzschalen werden zusammengeschnürt und auf

einen Baum gehängt. Den Honig nimmt man gewöhnlich abends aus. Mittels

Rauch werden die Bienen verscheucht bzw. in das Innere des Stockes

zurückgetrieben. Dann entnimmt der Pare-Imker dem Stock soviel der

begehrten Süßigkeit, wie ohne Gefahr für das Volk möglich ist. Das Bild

zeigt elf übereinandergelegte Bienenstöcke, die als Taubenhaus benutzt

wurden.

Die Schmiedekunst.

Im Banne der Furcht · 第 11 / 22 段