noch von dem Tanzfest gesprochen, das am übernächsten Abend im Gehöft
des alten Sempeho stattfinden soll und hoffen, alle ihre Freunde
und Freundinnen zu treffen. Es wird sicherlich recht lustig werden;
fatal ist nur, daß der Missionar ihnen allen am nächsten Morgen die
durchschwärmte Nacht ansieht und womöglich versäumte Schularbeit unter
seiner Aufsicht nachmachen läßt. Aber die eine oder andere tröstet sich
damit, daß Vater oder Mutter zum Lehrer gehen und die Tochter wegen
plötzlicher schwerer Erkrankung entschuldigen wird. Die Freude auf das
Tanzfest läßt sie den gewichtigen Tonkrug mit Wasser leicht heben. Ein
sehr praktisches, aus Bananenbast gearbeitetes Tragpolster ermöglicht
es, die Last frei und sehr graziös auf dem Kopfe zu tragen. Eine jede
eilt auf schmalem Pfade der Hütte der Eltern zu, die im Bananenhain
versteckt liegt.
Langsam schiebt sich der Mond hinter der schwarzen Gebirgswand
Usambaras hervor und taucht alles in sein sanftes Licht. Die saftgrünen
Bananenblätter glänzen wie flüssiges Silber. -- Abend wird es wieder;
über Wald und Feld säuselt Frieden nieder, und es ruht die Welt. --
Es ist eine eigentümliche Stimmung, die über einer afrikanischen
Abendlandschaft liegt. Sie ist ganz verschieden von der unheimlichen
Grabesstille, die über den Palmenhainen der ägyptischen Wüste selbst
tagsüber brütet. Sie regt vielmehr zum beschaulichen Denken an. Man
fühlt sich Gott näher, über die nichtigen Kleinlichkeiten des Alltags
erhaben, als sei man bereits da, „wo der Mensch nicht hinkommt mit
seiner Qual“; denn das Grausamste und Störendste in der Natur ist der
zivilisierte Mensch. Das hat in Afrika so recht der Krieg gezeigt. --
Irgendwo in der Ferne läßt ein Klippschliefer sein melancholisches
„Kochiko“ ertönen. Hin und wieder trägt der Wind uns Bruchstücke einer
Melodie ins Ohr, zu deren Takt einige Kinder sich im Tanze wiegen. Man
denkt zurück an die eigene Kindheit, an die Heimat und die Lieben dort.
Aber trotz allem Weh, das hin und wieder bei solchen Betrachtungen im
Herzen aufsteigen will, erfaßt uns gleichzeitig eine heiße Liebe zu dem
Lande, das uns eine zweite Heimat geworden ist. Hier fühlt man sich
geborgen, weitab vom tollpulsierenden Großstadtleben, aller ungesunden
Kultur und heuchlerischen Zivilisation. Die Verbindung mit den
Naturkindern wird zum Bedürfnis. Man spricht ihre Sprache, man lernt
ihre oft kraus erscheinenden Gedankengänge verstehen, und man gewinnt
ihr Vertrauen. Erst dann kann man die so verschlungenen Wege der
Negerpsyche studieren, und wer sich die Mühe nimmt, die Inlandschwarzen
+so+ kennenzulernen, der nur lernt sie recht kennen und -- lieben.
Wenn sie nur wüßten, die schwarzen Freunde, wie mancher von denen,
die ihnen nur als ~bwana mkubwa~ (großer Herr) oder als ~bibi mkali~
(gestrenge Herrin) gegenübergetreten sind, heute eine große Sehnsucht
nach ihnen und ihrem Lande im Herzen tragen und ihnen manche ungerechte
Schroffheit im stillen abgebeten haben!
Doch kehren wir im Geiste in die oben beschriebene Parelandschaft
zurück, so sehen wir zwei der Wasserträgerinnen, die am weitesten bis
zu ihrer Hütte zu laufen hatten, plötzlich erschrocken stehen bleiben.
Die jüngere unterdrückt mit Mühe ein Uwi!, den Hilferuf des Stammes.
Ein schauriger Laut hat für einen Augenblick die Luft erfüllt. Es klang
wie das zornige Gebrüll eines Ungeheuers, vielleicht eines Löwen,
die hin und wieder ihre Raubzüge bis ins Gebirge ausdehnen. Da war
er wieder! Nun schon ganz in der Nähe! Mit zornigem Gebrumm naht das
Ungeheuer. Sein tiefes Vvuu ist in der ganzen Landschaft vernehmbar.
So schnell wie möglich legen die beiden Mädchen die kurze Strecke bis
zur Hütte der Eltern zurück. Drinnen stellen sie mit allem Ausdruck der
Angst ihre Töpfe hin und fragen: „~Vava, mcheku~ (Vater, Mutter!),
habt ihr es gehört? Ein Löwe! Wir sind tot!“ Die ebenfalls in der
Hütte anwesenden drei Knaben hatten sich, als das unheimliche Gebrumm
ertönte, sofort in den finstersten Winkel der Hütte zurückgezogen.
Sie wußten, daß es mit dem Waldfest in Verbindung stand. Hatte doch
die Mutter bei jedem ihrer dummen Streiche auf die Zeit hingewiesen,
wo sie im Mshitu, dem Waldfest, für ihre Ungezogenheiten würden zu
büßen haben, wenn sie das Waldtier nicht überhaupt ganz verschlänge.
So hielten sie es jetzt für sicherer zu verschwinden. Vater und Mutter
tauschten heimlich ein Augurenlächeln aus, als sie die Angst ihrer
Kinder sahen; aber nur heimlich! Je geheimnisvoller den Kindern die
alten Gebräuche und Kulthandlungen erscheinen, desto weniger werden
sie geneigt sein, das Christentum anzunehmen. Die Eltern haben ein
über das Diesseits hinausgehendes Interesse daran, daß ihre Kinder
an dem alten Ahnendienst festhalten. Denn wie schlecht wird ihre
Stellung im Geisterreiche sein, wenn ihre eigenen Kinder keine Opfer
bringen! Sind sie Christen geworden, so werden sie das natürlich
nicht tun, und darum versuchen dies die Eltern mit allem Aufwand von
Gewalt und List zu verhindern. Der Vater erklärt also: „Die Tiere, die
draußen durch die Landschaft ziehen, sind Ngurunguru, die Abgesandten
oder Kinder des Waldtieres. Dieses selbst ist zu groß, um im Lande
umherzuziehen. Es bleibt im Walde, um auf die Knaben zu warten, die
es frißt und dann wieder ausspeit. Seine Boten aber machen im ganzen
Gebirge, ja selbst bis nach Usambara hinüber auf das bald stattfindende
Wald- und Stammesfest aufmerksam.“ Hätten die erschrockenen Kinder
allerdings gesehen, daß jenes fürchterliche Gebrüll von Männern
hervorgebracht wird, die an einem Strick ein etwa 30 ~cm~ langes
Schwirrholz durch die Luft sausen lassen, ihre Furcht hätte sich
wohl gelegt. So aber erhebt der schwarze kleine Krauskopf Kiondo
im Winkel ein klägliches Geheul, als ihm die Mutter droht, ihn nun
diesen Waldungeheuern zum Fraße vorzuwerfen. Er hatte sich heute
wieder, anstatt auf die ihm anvertraute Ziege aufzupassen, in sein
Spiel mit Pfeil und Bogen vertieft. Die Mutter hatte noch feuchten,
eben enthülsten Mais in einem Strohteller auf das niedrige Hüttendach
zum Trocknen gestellt. Der war von der Ziege heruntergestoßen und
aufgefressen worden. Ein ganz kleiner Teil lag noch auf der Erde
verstreut. Als die Mutter mit einer Last Holz auf dem Kopfe nach Hause
kam, fand sie ihren hoffnungsvollen Sprößling auf der Erde kniend
und damit beschäftigt, eifrig den Schmutz aus dem traurigen Rest des
schnell aufgelesenen Maises zu blasen, um zu versuchen, den Status
quo ante wieder herzustellen. Beim Anblick der zornigen Mutter fiel
dem kleinen Missetäter im Augenblick keine bessere Ausrede ein, als
den Sturm für das fatale Ereignis verantwortlich zu machen. Aber die
herrschende Windstille und des Buben schuldbewußtes Armsündergesicht
nahmen seinen Ausführungen jegliche Beweiskraft, und die Mutter
drohte ihm eine furchtbare Strafe an. Jetzt bot sich Gelegenheit, die
Ngurunguru für ihre häusliche Pädagogik heranzuziehen, und davon wurde,
wie das langanhaltende Geheul Kiondos bewies, ausgiebiger Gebrauch
gemacht, bis er versprach, fortan ein wahrer Musterhirte zu sein.
Was war nun die Veranlassung, daß an jenem Abend die „Kinder des
Waldtieres“ wiederum einladend das Land durchzogen? Der alte reiche
Häuptling Kantu hatte von seiner Lieblingsfrau kein Kind. Alle
Medizinmänner hatten ihre Kunst versucht. Das Orakel hatte auf diesen
oder jenen möglichen Hinderungsgrund aufmerksam gemacht. Aber umsonst,
die Frau blieb steril. Schließlich, vielleicht durch einen Traum oder
durch den Wahrsager auf die rechte Spur gebracht, ging Kantu in den
heiligen Wald und erbat von ihm, das heißt von seinen Hütern, den
Ahnen, einen Sohn. Er gelobte ein großes Opfer, eben das Waldfest,
falls sie seine Bitte gewähren würden. Im nächsten Jahr hielt er
einen Sohn in seinen Armen. Etwa fünf Jahre sind darüber ins Land
gezogen. Da wird der Junge schwerkrank, und das Orakel bezeichnet
die Krankheit als eine Botschaft der Waldgeister, die Kantu an sein
Opfergelübde erinnern, das er schnell mit einem Gebet um Genesung des
Kindes erneuert. Als auch diese seine Bitte Erhörung gefunden, hat er
die Angehörigen seiner Sippe und die Alten und Angesehenen des Landes
zusammengerufen, und man verabredet, in etwa sechs Wochen das Fest zu
feiern.
Das war also der Grund für die oben erwähnten Ngurunguru, durchs Land
zu ziehen, um allen, die aufnahmefähige Söhne haben, das Nahen des
Termines kundzutun. Nur Söhne kommen in Frage, denn Frauen dürfen das
geheimnisvolle Dunkel des Waldes nicht betreten. Trotzdem hat das
Mshitufest auch für sie als Fruchtbarkeitsfest eine hohe Bedeutung,
behaupten doch alle Vapare, vom „Walde“ geboren worden zu sein, indem
sie anscheinend dort die Wurzel ihrer Zeugungskraft erblicken. --
Kaum hatte sich der kleine Kiondo in seinem Winkel beruhigt, als die
Ngurunguru mit starkem Brummen vor der Hütte erschienen, vom Vater
drinnen der Sitte gemäß mit ~Murye, murye!~ = Friß ihn! begrüßt.
Die Mutter stellt schnell etwas Essen vor die Tür, hofft sie doch am
andern Morgen einen kleinen Stock daneben liegen zu finden als Hinweis
auf ein bald zu erwartendes Töchterchen.
Der Vater teilt nun seinen drei Söhnen mit, daß sie auch das Fest
mitmachen müßten, um als vollberechtigte Stammesglieder zählen zu
können. Kiondo ist ja eigentlich noch reichlich jung; aber in den
heutigen Zeiten mit ihren modernen Ideen, welche die Jungen aus der
Schule und von ihren Besuchen in den durch Trägerverkehr und Islam
aufgeklärten Steppenortschaften mitbringen, ist es besser, dem Kinde
die Stammeszugehörigkeit so bald als möglich zu sichern. Denn ein
Mensch, der nicht im Mshitu gewesen, ist nichts, ist ein Mshundi,
ein Ausgestoßener, der eine Gefahr für seine Eltern und Anverwandten
bildet, indem er den Zorn der Geister auf sie herabbeschwört. Er
kann nicht heiraten, kann kein Opfer darbringen; er ist eben kein
Volksgenosse. Hat er aber das Stammesfest mitgemacht, so kann er schon
eher Christ werden. Seinem Rücktritt ins Heidentum steht dann jederzeit
der Weg offen. Was für Kämpfe die jungen Christen durchzumachen haben,
welche die Teilnahme an diesem Hauptfest auf Grund ihrer neugewonnenen
Überzeugung verweigern, können wir Europäer uns erst dann richtig
vorstellen, wenn wir erkannt haben, welch einschneidende Folgen die
Nichtbeachtung solch heidnischer Form nicht nur für den Betreffenden
selbst, sondern auch für seine heidnischen Angehörigen nach ihrem
Glauben hat. Diese werden natürlich in solchem Falle sämtlich mobil
gemacht, um durch Güte und Gewalt den Jüngling zurechtzubringen.
[Illustration: Senamwai.]
So war es auch bei Kiondos Bruder, Senamwai, dem Primus der
Missionsschule gewesen. Von Jugend auf schwächlich, hatte er bei
einer Pockenseuche das rechte Auge eingebüßt. Aber in dem schwachen
Körper wohnte ein lebhafter Geist. Schon bevor die Mission in sein
Land kam, hatte Senamwai es sich angelegen sein lassen, an Hand einer
alten Fibel, die aus der Regierungsschule Tanga ihren Weg ins Innere
gefunden hatte, die Anfangsgründe des Lesens zu erlernen. Kaum war
die Missionsschule gebaut, als er nicht nur der regelmäßigste und
beste Schüler wurde, sondern in seinem Bildungsdrange den Missionar
um besondere Fortbildungsstunden bat. Groß war seine Freude, als
er eines Tages als Anerkennung seines Fleißes ein Neues Testament
in der Kisuahelisprache erhielt. Offen kündigte er seinen Eltern
an, daß er beabsichtige, Christ zu werden. Gerade hatte man den
Aufbruch zum Mshitu für einen der nächsten Tage verabredet, als diese
Worte Senamwais wie eine Bombe ins Haus fielen. Das gab eine schöne
Aufregung; denn beim letzten Mshitu vor etwa fünf Jahren hatte Senamwai
an Lungenentzündung daniedergelegen und konnte nicht mitgenommen
werden. Nun boten seine Eltern alles auf, den Jungen zu überreden,
sich nicht etwa durch die Taufe in das „christliche Fest“ aufnehmen zu
lassen, bevor er den Mshitu mitgemacht habe. Unter anderm drohten sie,
ihm die Herausgabe jeglichen Viehs für den Brautpreis zu verweigern,
wenn er sie in die Gefahr bringen würde, einen Ausgestoßenen zum Sohn
zu haben. Auch erzählte man ihm, daß er bei dem „Fest der Aufnahme“
(Taufe) in die christliche Gemeinschaft Schlangen und Krähen essen
müsse und bald nach Europa geschickt würde. Übrigens habe man ihn schon
beim Missionar für die Dauer des Festes vom Schulbesuch entschuldigt,
und dieser habe seine Einwilligung gegeben. Ausschlaggebend aber
war das Versprechen, nach Beendigung des Mshitu seiner Teilnahme am
Taufunterricht auf der Mission keinerlei Schwierigkeiten mehr in den
Weg zu legen. Diese Aussicht machte Senamwai dem Willen der Eltern
gefügig.
Der vierte Tag der Festwoche ist herangekommen, und damit der Tag des
„Aufbindens des Festes“. Jeder Neuling hat einen bestimmten Helfer, den
Mkunjiga, zum Führer, der ihm sagt, was er zu tun und zu lassen hat.
Sie haben sich schon alle in einem der größeren Gehöfte versammelt,
und jedem Mwai werden von einer Frau unter Beobachtung sehr anstößiger
Zeremonien und Absingen allerlei geiler Lieder die Kleider völlig
ausgezogen. Da das Mshitufest ein ausgesprochenes Fruchtbarkeitsfest
ist, so wird das sexuelle Moment in allen Liedern scharf betont. Bald
darauf haben sie ihre erste Standhaftigkeitsprobe, die im vorigen
Kapitel näher beschrieben worden ist, zu bestehen. Als der Mann sich
auf den Rücken der auf dem Boden Liegenden herumwälzt und die Zuschauer
ihr Murye! rufen, klopft dem kleinen Kiondo das Herz zum Zerspringen.
Gedenkt er doch der furchtbaren Dinge, die ihm seine Mutter als Strafe
für seine Unarten so oft in Aussicht gestellt hat. Früher hat er sie
ausgelacht, aber hier wird ihm doch recht weinerlich zumute. Die Sache
scheint bitterernst zu werden. Hoffen wir, daß er im stillen Besserung
gelobt. Sein Bruder, Senamwai, hat ihm heute morgen erst anvertraut,
daß er sich, sobald das Fest beendet sei, in den Taufunterricht des
Missionars aufnehmen lassen wolle. In der christlichen Lehre, soviel
hat auch er schon in der Schule gelernt, ist nichts Furchterweckendes,
wie es mit den meisten heidnischen Gebräuchen und auch mit diesem
Waldfest verbunden ist. Vielleicht will Kiondo sich gerade in seinem
Herzen ebenfalls für das Christentum entscheiden, als er in diesem
Entschluß gleichzeitig erschüttert und bestärkt wird, denn nunmehr hält
der Pseudo-Waldlöwe ihnen allen eine Ermahnungsrede: „Laßt euch von den
Mädchen nicht betören und teilt ihnen nichts aus unserm Fest mit, damit
ihr nicht aussätzig werdet. ..“ Weil Senamwai und sein Freund Mavura
zum Christentum hinneigen, fügt er jetzt noch mit besonders drohender
Stimme hinzu: „Verspottet unsre Mysterien nicht und gebt sie nicht den
Europäern preis! Laßt euch nicht taufen und fallt nicht von uns ab.
Reden euch die Missionare zu, so sagt ihnen: Wir können das nicht tun,
wir werden sonst bestimmt aussätzig werden!“
Um nun dieser eindringlichen Mahnung den nötigen Nachdruck zu
verleihen, gibt er jedem der Daliegenden einige heftige Schläge mit
dem Knittel auf Fersen, Waden, Kreuz, Schulterblatt und Kopf. Senamwai
und Mavura erfahren hier wohl zum ersten Male, daß sie als Christen
für ihre Überzeugung werden dulden müssen, denn sie werden besonders
„eindringlich ermahnt“.
Die hier geschilderten Vorgänge beim „Aufbinden des Festes“ haben
sich genau so in allen Dörfern des ganzen Gebirges, die Kinder zum
Mshitu entsenden wollen, abgespielt. Nachmittags kommen Scharen
nackter Burschen, ihre Stöcke in der Hand, einer hinter dem andern
marschierend, in großen Schlangenlinien von allen Seiten angezogen,
um die Nacht in Hütten zu verbringen, die in der Nähe des heiligen
Haines sind. Einem dieser Züge schließen sich unsre drei Bekannten mit
ihren Freunden an. Von allen Seiten hallen die Berge wider von ihrem
Marschgesang: „Kommbo ehee, kommbo-e, hoe!“ Oder sie singen: „Mutter,
binde dir einen Strick von Bananenfasern um, denn dein Sohn ist in die
Steppe gewandert.“
[Illustration: Mgaia mit Ohrschmuck.]
[Illustration: Darstellung auf dem Markt nach Beendigung des letzten
Mädchenfestes.]
[Illustration: Tanz der Frauen beim letzten Mädchenfest.]
[Illustration: Pare-Frauen.
Rechts unten stehende Frau mit kreisförmig abrasiertem Kopfhaar gleich
dem des Kindes.]
Plötzlich sieht man einen der Züge haltmachen und alle Burschen sich
hinlegen. Sie sind vor einem Wasserlauf angekommen, und der Gebrauch
will es, daß sämtlichen Neulingen vor dem Übergang zuerst die oben
geschilderte Prügelstrafe erteilt wird. Wenn die Eltern bis dahin
versäumt haben mögen, den Stock anzuwenden, so wird hier alles in
einem summarischen Verfahren nachgeholt, und mancher der Jungen wird
nach solch mehr oder weniger schmerzlichem Vorspiel mit ziemlichen
Bedenken dem Hauptakt, dem Verschlungen- und wieder Ausgespienwerden
durch den Festlöwen, entgegensehen. Viele ärgern sich, daß die
Standhaftigkeitsproben, die sie hier und später noch auszuhalten haben,
gleichzeitig zur Belustigung der zuschauenden Männer erfunden zu sein
scheinen. Mancher mag sich damit trösten, daß er in den nächsten
Jahren auch Zuschauer sein wird, während dem einen oder andern der
Geweckteren wohl eine Ahnung von der Torheit all dieser heidnischen
Gebräuche kommt. Gewiß, es liegen in diesen und vielen andern Sitten
auch erzieherische Momente. Aber die verderblich wirkende Schale, durch
die man sich hindurcharbeiten muß, ist so dick, daß der kümmerliche
ethische Kern zu teuer erkauft ist, und ob außer philosophisch
veranlagten Europäern von den Negern je einer vor lauter Schale den
kleinen guten Kern jemals erkannt hat? Es ist hier wie so oft der
Fall, daß das Christentum den Kern, das erstrebenswerte Ziel, deutlich
zeigt und auch den Weg, dies Ziel zu erreichen, während das Heidentum
selbst den kümmerlichen Kern, den es noch erhalten hat, durch eine rein
sinnliche Schale verdeckt, wenn nicht völlig vernichtet.
Unsre drei Freunde sind nun unter den im vorigen Kapitel beschriebenen
Zeremonien von dem Waldungeheuer verschlungen und wieder ausgespien
worden. Auf Senamwai hat das Fest keinen Eindruck gemacht. Im
Gegenteil, ihm erscheint das Ganze recht sinnlos, und deutlich erinnert
er sich einer Predigt in der Missionskapelle. Da hatte der Missionar
aus dem 1. Kapitel des Römerbriefes gelesen, daß die Heiden aus der
Schöpfung Gott nicht ersehen, sondern seine Herrlichkeit in das
Bild des vergänglichen Menschen verwandelt hätten. Das waren ja die
Ahnengeister, die im Waldfest angerufen und versöhnt werden sollten.
In dem heiligen Buche hatte er weiter gelesen, daß Gott es solcher
Verirrung halber zugegeben habe, daß sie in ihrem Dichten eitel
geworden und ihr unverständiges Herz verfinstert worden sei. Dem schon
älteren und sehr aufgeweckten Jüngling erschien plötzlich das ganze
Heidentum wie das geheimnisvolle Dunkel des Mshitu, den sie soeben
verlassen hatten, aus dem gleichzeitig fröhlicher Tanzgesang und die
furchterweckende Stimme des Waldungeheuers erschollen war. Sie hatten
mitten darin gestanden, nackt, vor Furcht und Kälte zitternd. Er wußte,
daß trotz aller fröhlichen Feste und Gelage, welche die Alten so häufig
in der ausgelassensten Weise abhalten, ein Gespenst ihnen auf Schritt
und Tritt folgte: die Furcht vor ihren selbsterwählten Göttern, den
Ahnengeistern, und vor dem Heer der andern zu versöhnenden Wesen.
Diese Furcht ließ sie nie recht froh werden. Es war ihm, als ob dieses
Gespenst in jeden Becher der Freude ein paar Tropfen Wermut träufele.
Ja, sie waren im Banne der Furcht. Sie standen nackt und zitternd im
Finstern, wie das Wort des Christengottes es gesagt hatte. Und weiter
hatte der Missionar gelesen: „Darum hat sie auch Gott dahingegeben in
ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber
an sich selbst.“ Wie viele schändliche und unanständige Worte hatte
er in diesen Tagen gehört! Ja, selbst jetzt, während sie so schamlos
nackend mit ihrem Misenge in den Händen dahinziehen mußten, waren sie
da nicht eine lebendige Illustration der Worte: „Darum hat sie Gott
auch dahingegeben“ und „sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr
unverständiges Herz ist verfinstert“? Ja, die letzten Zweifel waren ihm
geschwunden. Sein Entschluß, Christ zu werden, stand fest.
Während diese Gedanken Senamwais Herz bewegten, erscholl der Gesang
seiner vor und hinter ihm im Gänsemarsch gehenden Kameraden laut durch
die Landschaft:
„Mutter, binde deine Trauerbänder los,
denn wir haben deinen Jungen wieder mitgebracht.“
In jedem Flecken, durch den sie kommen, werden sie von den Frauen und
Mädchen mit Freudentrillern empfangen. Die Mütter im Heimatdorf haben
in der Zwischenzeit reichlich Speise gekocht und Bier bereitet. Sobald
der Gesang der Heimkehrenden hörbar wird, sammeln sich die Frauen vor
der Hütte des Häuptlings, um dort ihre Kinder zu erwarten.
Die nächsten Tage werden auf dem Kiugaplatz zugebracht, wohin die
Neulinge mit ihren Helfern nach jedem „Pflückgang“ zurückkehren. Als
an einem Tage der reiche aber geizige Selukindo sah, daß man ihm
seinen besten Hahn „pflücken“ wollte, sprang er wütend dazwischen und
verweigerte den „Dieben“, wie er die Knaben in seinem Zorn schalt,
nicht nur die Mitnahme des Hahnes, sondern auch jeden Ersatz. Das war
eine starke Verletzung der althergebrachten Sitte, die gesühnt werden
mußte. Auf Befehl ihrer Helfer steckten also alle Vai ihre „Misenge“
in das Dach seines Hauses und zogen dann ab. Das so gespickte Dach
wurde dem Alten mit der Zeit doch unheimlich, und immer wieder trat
er vor die Hütte und streifte mit scheuem Blick die ihm jetzt Grauen
erregenden weißen Stöcke. Unzweifelhaft, der Fluch des Waldes und der
Ahnen würde auf ihm ruhen. Was konnte das alles für Folgen haben! Ihm
graute vor der Nacht. Überhaupt fühlte er schon solch eigentümliche
Mattigkeit in den Gliedern! Etwas mußte geschehen. Unter dem mit den
heiligen Stöcken gespickten Dache würde er keine Ruhe finden. Noch
eine Weile rang er mit seinem Geiz. Endlich machte er sich mit einem
Ziegenbock auf den Weg zum Kiugaplatz, wo die Festgesellschaft diese
Sühne gern entgegennahm und sogleich die Misenge durch die Vai holen
ließ.
Auf diesem Kiugaplatz bleiben die Knaben mit den Alten bis gegen Ende
der Woche. Durch Geschicklichkeit und Standhaftigkeitsproben muß sich
jeder das „Recht auf die Frauen“ erringen. Endlich, nachdem die Knaben
allen beschriebenen Zeremonien unterworfen worden sind, läßt man sie
noch einmal durch die weihenden Flammen eines Feuers springen. Dann
legen die Vai ihren Schmuck ab. In die Landschaft, die tagelang von
Festgesängen und Freudentrillern widerhallte, ist wieder der Alltag
eingekehrt. Nur die kleinen Burschen unterhalten sich wohl noch
längere Zeit von dem Feste und sehen halb mit Neugierde, halb mit
Bangen der Zeit entgegen, wenn auch sie von den nunmehr Eingeweihten
hineingebracht werden in das
Ngasu ya mshitu.
[Illustration]
Achtes Kapitel.
Die Heirat.
Werbung, Hochzeit, Haussklave.
Vor der Verheiratung herrscht ziemlich große Sittenlosigkeit. Der
Verkehr zwischen beiden Geschlechtern beginnt früh. Dem Knaben wird
bei diesem Verkehr nichts in den Weg gelegt. Im Gegenteil, ihm
würde ein moralisches Betragen als unmännlich ausgelegt werden und
den Namen ~kirundu~ = Dummkopf eintragen. Und das möchte sich
keiner sagen lassen. Es ist bezeichnend für die Auffassung unsrer
Leute in dieser Sache, daß sie für einen sittenreinen Lebenswandel
eines jungen Burschen, wenn er einmal beobachtet werden sollte, als
Grund nur Impotenz anzugeben wissen. Ist der Vater arm, so ermahnt er
wohl seinen Jungen zur Vorsicht, da er nicht genügend Kühe habe, ihm
eine Frau zu „kaufen“ und auch noch für die Folgen seiner Torheiten
Bezahlung zu leisten. Aber diese Ermahnung bezieht sich nicht auf den
unmoralischen Lebenswandel selbst sondern nur auf seine Folgen, die
in einigen wenigen Fällen ein an den Vater des Mädchens zu zahlendes
Sühnegeld erheischen. Für einen impotenten Mann ist eine Verheiratung
völlig ausgeschlossen, oder die Ehe wird in allerkürzester Zeit wieder
aufgelöst.