Es wird mit diesem Lied die Frau, die ein totes Kind zur Welt gebracht

hat, mit dem Hinweis getröstet, daß selbst die doch als sehr fruchtbar

bekannte Banane (die deshalb auch das Symbol der Fruchtbarkeit

besonders in den Frauenfesten ist) manchmal wohl eine Traube

hervorbrächte, die aber vor der Reife wieder vertrockne. Die Banane

treibt jedoch neue Schößlinge. So wird auch die Frau nach der Feier

des Waldfestes neuen Kindersegen erhoffen dürfen, Kinder, die unter dem

Schutz der Ahnen auch aufwachsen werden.

Nach Beendigung des Rundganges müssen sich sämtliche Novizen mit ihren

Helfern einer neben dem andern mit dem Leib auf die Erde hinlegen und

die Augen mit den Händen zuhalten. Dann tritt ein Mann herzu, der

unter seinem Schurzfell einen gabelförmigen kurzen Knüttel verborgen

hat. Zuerst wälzt er sich auf den Rücken der auf dem Boden Liegenden

herum und stößt brummende Laute aus wie das Waldtier: Vvv, vvv, vvv!

Die andern antworten: ~Murye~ (friß ihn)! Endlich kniet er vor dem

ersten Helfer, der bereits eingeweiht ist, nieder und hält ihm eine

längere Ermahnungs- und Strafrede: „Wenn ihr euch von den Mädchen

betören laßt und ihnen etwas aus dem Mshitu mitteilt, wovon Frauen doch

nichts wissen dürfen, dann werdet ihr sterben.“ Zum Schluß schlägt er

den auf dem Boden Liegenden mit seinem Knüttel unter Uhu-Rufen und

Heha-Antworten der Übrigen heftig dreimal auf Fersen, Waden, Kreuz und

Schulterblatt, den letzten Schlag gibt er besonders kräftig auf den

Kopf. Nachdem alle Novizen mit ihren Helfern diese sehr eindringliche

Ermahnung „angehört“ haben, erhält jeder der Burschen von seinem Helfer

einen vorher bereitgelegten, ganz weiß geschälten Stock (~msenge~)

von etwa 2½ ~m~ Länge. Diesen Stock halten die Knaben auf allen ihren

Ausgängen in den Händen, sie dürfen aber nicht die Erde damit berühren,

sonst heißt es ~ngasu yakela~ = die Festregel ist übertreten, der

Stock will „lecken“. So wird dann der Übertreter bei der nächsten

„eindringlichen Ermahnung“ besonders bedacht.

Nun setzt sich der ganze Zug wieder in Bewegung, um draußen viermal

um das Haus zu marschieren. Liegt das betreffende Dorf weit von

dem Festplatz ab, so begeben sie sich jetzt in langem Zuge zu den

nähergelegenen Häusern, um dort die Nacht zu verbringen. Sie singen

unterwegs:

~Mcheku chunga idafa

ambu mwanao agwa nyika.~

Das heißt:

Mutter, umgürte dich (zum Zeichen der Trauer) mit

einem Strick von Bananenfasern,

denn dein Sohn ist in die Steppe gefallen.

Das bedeutet: das Waldfest bietet durch den „Festlöwen“ dieselben

Gefahren wie ein Marsch durch die Steppe mit ihren Löwen.

Kommt der Zug an einen Wasserlauf, so wird Halt gemacht, und die

Novizen müssen sich wieder alle nebeneinander auf die Erde legen, um

mehr oder weniger heftig geschlagen zu werden. Nachdem die Vai (wie

auch die männlichen Novizen heißen) in Häusern nahe beim Festplatz

untergebracht sind, begeben sich die Männer in den Wald, um dort

die Nacht hindurch zu tanzen. Am andern Morgen, das ist am fünften

Wochentage nach kipare Zählung, werden die Vai morgens ganz früh

abgeholt und auf die große, früher bereits gesäuberte Wiese geführt.

Von hier aus bringt dann jeder Helfer seinen Schützling in den Wald

hinein. Zuerst kommen die Kinder aus der Sippe derer an die Reihe,

die das Fest veranstaltet haben. Dann folgen wohl noch zwei oder drei

angesehene Häuptlinge mit den ihrigen und hierauf die andern.

[Illustration: Pare-Mädchen.

Mädchen rechts mit umgehängter Schnupftabaksdose.]

[Illustration: Mwai mit Fellschurz und Schellengurt.]

[Illustration: Mwai vor der Hütte mit ihren Handtrommeln.]

Im Innern des Waldes sind von den Festbereitern vier Tore aus

Bäumen und Zweigen hergestellt. Durch diese Tore muß jeder Helfer

seinen Schützling durchbringen. Schauerlich schallt im Düstern und

in der Stille des Waldes das ungeheure Gebrumm des Waldtieres, das

sich anschickt, die Neulinge zu verschlingen, um sie dann wieder

auszuspeien. An jedem Tor stehen einige Wächter, die mit Knütteln die

Anstürmenden zurücktreiben, so daß stets nur einer durch die etwa 75

~cm~ hohen Tore hindurch kann. Hinter dem letzten Tor sitzt das

„Waldtier mit seiner Frau“, so wenigstens glauben die Neulinge es. Zu

beiden Seiten des Tores steht je ein Mann, der eine Art Bambusrohr in

seiner Hand hält, dessen Ende in einen großen Topf ausmündet. Das Rohr

und auch der Topf ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt. Der andre

Mann hat einen etwas kleineren Apparat, der das weibliche Waldtier

vorstellt. An diesen beiden wird nun der nackte, meist vor Kälte und

Angst zitternde Junge vorbeigeführt. Die Augen hält ihm sein Helfer

fest zu, denn sehen soll er das vermeintliche Ungeheuer nicht. Erst

beim nächsten Waldfest darf er, nunmehr selbst zum Helfer geworden,

einen kleinen Jungen durch die Tore führen und sieht dann, daß der

gefürchtete Festlöwe bedeutend ungefährlicher ist als sein Ruf. Heute

ist ja dem Waldfest sein Schrecken genommen, weil die Regierung

gefürchtet wird. Aber in früheren Jahren war das anders. Da standen

bei dem letzten Tor in der Nähe des Waldtieres eine Menge Männer, mit

Knüppeln in den Händen, um die anstürmende Menge, die zum letzten

Tore hinauswollte, abzuhalten und nur einzeln durchzulassen. Große

Schlägereien waren an der Tagesordnung. Oft soll es vorgekommen sein,

daß der nebenhergehende Mkunjiga (Helfer) gerade noch sah, wie sein

Schützling von einem aus der Menge mit einer Keule erschlagen wurde.

Ihm blieb dann die traurige Pflicht, der armen Mutter die Kleider

ihres Sohnes zurückzubringen mit der Botschaft: ~Ngasu yammia~

= das Fest hat ihn verschlungen. Deshalb wurde ja auch der Mutter

beim Fortgehen des Sohnes im Liede geraten, als Zeichen der Trauer

einen Bananenstrick um den Leib zu binden, denn sie konnte nicht

wissen, ob ihr Sohn wieder lebendig zurückkommen würde. Die glücklich

Heimkehrenden aber singen, wie wir noch sehen werden: „Mutter, binde

den Bananenstrick los. Denn alles ist gut verlaufen, und deinen Sohn

haben wir gesund zurückgebracht.“

Sind die Vakunjiga mit ihren Schutzbefohlenen durch das letzte Tor, und

am Waldtier ohne Unfall vorübergekommen, so wird den Vai von einem dort

bereitstehenden Manne mit einem kurzen Stück Holz eines heiligen Baumes

mittels Kreide ein Siegel auf Stirn, Schläfen und Gelenke gedrückt. Den

Frauen wird gesagt: „Das ist der Speichel des Waldtieres, es hat die

Knaben verschluckt, aber wieder ausgespien.“ Die Helfer gehen mit ihren

Schützlingen auf die Wiese, aus welcher der Kirumbe-Tanz aufgeführt

wird. Sie singen:

~Kirumberumbe ee,

ehee, teri ya ng’ombe.~

Das heißt:

Eine ungeheure Menge,

ja, wie der Staub unter den Rindern.

So soll nämlich der nun zu erwartende Kindersegen werden. Hier

tanzen auch sterile Frauen in derselben Hoffnung. Draußen sammeln

sich die einzelnen Abteilungen und überreichen den Veranstaltern des

Festes je eine Kürbisflasche mit Bier. Die Vai erhalten ihre Stöcke

(~misenge~) wieder, und wie sie kamen, sieht man sie in großen

Schlangenlinien wieder über die Berge abziehen. Dabei singen sie dann:

Einer: ~Horere, horere ehee~,

Chor: ~Ee horo munyanya, ehee~,

Einer: ~Meheku chungua idafa~,

Chor: ~Ee horo munyanya, ehee~,

Einer: ~Ambu mwanao twamwete~,

Chor: ~Ee horo munyanya.~

Das heißt:

Mutter, binde dein Trauerband los, denn wir haben deinen Jungen

wieder mitgebracht.

Alle möglichen Vorgänge werden nun aus dem Stegreif besungen. So sang

bei einem kürzlich abgehaltenem Feste ein alter kriegslustiger Heide,

als er an einem unsrer Christendörfer vorbeikam:

~Vazungu navahongere,

vaturundižiža vaana,

vaosha vabwange va mikosha.~

Das heißt:

Schönen Dank den Europäern,

sie machen unsre Kinder zu Dummköpfen,

die Knaben machen sie zu Stockträgern.

Anstatt daß sie auch fernerhin, wie sich das für einen Varemann

geziemt, Bogen und Pfeile auf ihren Ausgängen mitnehmen müssen, haben

sie nur noch ein Spazierstöckchen nötig, denn Krieg gibt es ja leider

keinen mehr. Das ist natürlich ein sehr vereinzelter Standpunkt

früherer „Raubritter“, der in diesem Spottgesang zum Ausdruck kam. Im

allgemeinen freuen sich die Leute, daß sie heute, nachdem die Regierung

Ordnung geschaffen, ohne Waffen durch das Land ziehen können.

Die Veranstalter des Festes bleiben bis zuletzt im Walde. Wenn alle

andern hinaus sind, beraten sie sich über die Verteilung der Häute

und das Geschenk für den Kimbokoko. Das füllt den Rest des fünften

Tages aus. Am letzten, dem sechsten Tage der Parewoche, werden die

Tore „geschlossen“. Der Kimbokoko fängt bei dem Topf, der das Waldtier

darstellte, an zu beten und opfert Bier und Fleisch der vorher

geschlachteten Opfertiere. Zu dem Zweck nimmt er etwas Bier in den Mund

und spützt es in der Nähe des Topfes auf die Erde. Ebenso macht er es

mit einem Bissen Fleisch. Dann betet er: „Ihr Ahnen, hier habt ihr euer

Opfer, das Waldfest ist aus. In fünf Jahren kommen wir wieder, um dir,

o Wald, ein Opfer zu bringen. Wenn irgendeiner in der Zwischenzeit

an dir frevelt, deine Ruhe stört, Holz fällt oder sonst etwas

Unanständiges in dir tut, so verfolge ihn!“ -- Alle: „Ja, verfolge

ihn!“ -- „Hat sich jemand über dieses Waldfest und seinen Veranstalter

geärgert, der möge sterben!“ -- Alle: „Ja, der soll sterben!“ -- „Aber

jeder, der das Waldfest und seinen Veranstalter ehrt, der möge lange

leben!“ -- Alle: „Ja, ewig leben!“ --

So wird auch an jedem der einzelnen Tore gebetet und damit das Tor

geschlossen. Die kommende Regenzeit und die dann besonders üppig

aufsprießende Vegetation wird in wenigen Wochen jede Spur des Festes

verwischt haben. Bald liegt über dem Ganzen die den afrikanischen

Hochwäldern eigentümliche Grabesstille. Die Sonne bemüht sich

vergebens, das Gewirr von Bäumen und Schlingpflanzen zu durchdringen.

Affen turnen wieder von Ast zu Ast; selten, daß ein einsames Vöglein

seine Stimme für einen Augenblick erschallen läßt, sonst feierliche

Totenstille. Der Mshitu hat sein Opfer erhalten .... ~mshitu

washinjia~ .... der Wald schläft!

Die Festbereiter gehen nun in das Haus des eigentlichen Veranstalters,

um der vorhergehenden Beratung gemäß die Felle der geschlachteten

Opfertiere zu teilen. Diese sollen sich oft auf 30-40 belaufen. Die

Männer bitten die Ahnen des Veranstalters, sie in den kommenden

Jahren zu behüten. Dem Kimbokoko geben sie dann noch eine Strecke das

Ehrengeleit, und jeder geht darauf seines Weges.

In der Zwischenzeit haben die Mütter zu Hause viel Speise gekocht

und Bier bereitet. Wird der Gesang der Heimkehrenden vernommen, so

kommen die Frauen alle vor dem Hause eines angesehenen Mannes oder des

Häuptlings zusammen, um dort ihre Kinder zu erwarten. Sie gehen ihnen

eine Strecke Wegs entgegen und stampfen tanzend vor Freude heftig mit

den Füßen auf die Erde. Wenn aber die Heimkehrenden singen: ~Mcheku,

umanyere~ = Mutter, gewöhne dich daran (nämlich daß du keinen Sohn

mehr hast), dann weiß man: Einer ist nicht wieder zurückgekommen, das

Waldtier hat ihn verschlungen.

Auf dem Gehöft werden nun Tänze aufgeführt und folgende Lieder

gesungen, die ich z. T. etwas abgekürzt wiedergebe:

~Hoyehoyeho, ee hoyeho,

shota miziru~ (verbrenne die Stöcke),

~oe twangia, ee twafuma ee,

shota miziru~.

Das heißt:

Wir sind hineingegangen (in den Wald)

und glücklich herausgekommen,

verbrenne die Stöcke!

Die glückliche Heimkehr wird besungen und auf das Ende des Festes

hingewiesen, bei welcher Gelegenheit die langen heiligen Stöcke

(~misenge~, hier ~miziru~) verbrannt werden. Aber hauptsächlich

freut man sich, daß die Zurückkehrenden nun offiziell in den Stamm

aufgenommene Männer sind und reicher Kindersegen zu erwarten ist. Diese

Hoffnung findet Ausdruck in dem zweiten Liede:

~Lukungu tandama ee,

na lutandame!

Lukamoga ntungo ahee,

lukamoga na mirere.~

Das heißt:

Nußbaum, breite dich aus,

ja, breite dich aus!

Bringe Früchte hervor,

kleine und große!

Hier wird die nunmehr zu erwartende Fruchtbarkeit besungen; manchmal

werden auch einzelne Teilnehmer, um ihnen eine besondere Ehre zu

erweisen, mit Namen aufgerufen und ihre Nachkommenschaft mit der

Lukungu-Schlingpflanze verglichen, die, wenn sie sich ausbreitet,

zahlreiche Nüsse hervorbringt. Aber in der allgemeinen Festfreude,

die in diesen Tagen besonders solche ergreift, die einige Kinder

oder wenigstens eins haben, soll sich keiner überheben und die

Minderbegünstigten oder gar Krüppel verspotten, denn:

~Enemuseka Ngoye,

kwao enevyala ntumbiri,

hiyanga hombo homaya, hee,

kwao enevyala ntumbiri.~

Das heißt:

Wer sich über einen Krüppel lustig macht,

des Mutter wird Affen gebären.

Die Alten, die von diesem Fest keine direkten Folgen zu erwarten haben,

trösten sich in der Erinnerung an die Vergangenheit mit der Freude an

ihren Kindern und Enkeln:

Meine Zeugungskraft ist zwar erloschen,

~hiyanga hombo homaya~,

aber sie hat mir ein Kind gegeben,

~hiyanga hombo homaya~,

ein außergewöhnlich schönes Kind,

~hiyanga hombo homaya~.

Unterdes ist es Abend geworden. Die Vai und ihre Helfer haben sich an

Speise und Trank gütlich getan und ziehen sich nun in das Haus eines

älteren Mannes zurück, dessen Frau in einer andern Hütte schlafen muß.

Ihre Stöcke stecken die Vai in das Dach des Hauses. Die ganze Nacht

hindurch wird getanzt. Wenn einer der Helfer sieht, daß jemand vom

Schlaf überwältigt wird, so stößt er den Uhu-Ruf aus. Sofort herrscht

Stille, und nach einer kurzen Begründung erhält der Betreffende wegen

dieses Mangels an Disziplin die oben schon erwähnte Prügelstrafe mit

dem gabelförmigen Holz in mehr oder weniger gelinder Form.

Kommen Besucher, die auch an dem Tanz teilnehmen wollen, so müssen sie

sich draußen kniend mit dem Uhu-Ruf melden. Sofort ist drinnen Stille,

alle erwidern: ~Heha!~ Nun muß der Einlaßbegehrende die Festparole

abgeben.

Wer diese Parole hersagen kann, wird ins Haus gelassen, andernfalls

muß er draußen warten, oder er bekommt die bekannte Prügelstrafe. Die

Wiedergabe der Parole selbst ist hier nicht angängig.

Am sechsten Tage frühmorgens fegen einige Männer einen Platz, wenn

möglich in einer Höhle, rein, oder es wird ein andrer Platz vom

Gestrüpp befreit. Er heißt dann ~kiuga~. Bei Sonnenaufgang gehen

die Vai mit ihren Helfern in die Landschaften, um, wie wir es schon bei

den Mädchen gesehen haben, zu pflücken (~kuatunda~). Sie dürfen

in den Garten irgendeines Mannes gehen, um hier eine Bananentraube,

dort einige Zuckerrohre oder Nüsse und Mais zu holen. Auf den Gehöften

erhalten sie Hühner. Sollte etwa einer der Leute den Vai die Mitnahme

seines Huhnes oder anderer Dinge, die sie „gepflückt“ haben, verweigern

und keinen Ersatz dafür anbieten, so stecken sämtliche Novizen

ihre Misenge (Stöcke) in das Dach seines Hauses. Nun wird er bald

andern Sinnes werden und ihnen mehr geben als sie erbeten hatten. Im

schlimmsten Falle, wenn der Mann wirklich den Mut hätte, eine ganze

Nacht zu trotzen und die Misenge in seinem Dach stecken zu lassen, so

würde er sicher schon am andern Morgen mit einer Ziege erscheinen, um

durch diese Sühne die Vai zum Abholen der Stöcke zu veranlassen.

Die Jungen haben einen besonderen „Pflückgesang“ und ziehen damit durch

die Landschaft. Alles was sie mitnehmen, müssen sie mit den Händen,

ohne Zuhilfenahme eines Messers, abreißen. Kommen sie unterwegs über

ein größeres Wasser, so erhalten die Novizen wiederum die bekannte

Prügelstrafe, die einen „schlagenden“ Beweis für ihre Männlichkeit

liefern soll. Man sagt den Jungen, die dabei Miene zum Weinen machen:

„Seid männlich und haltet aus; hiermit erkauft ihr euch das Recht zu

heiraten.“

Nachmittags zieht der Trupp zum Kiuga (Tanzplatz) zurück, an dessen

Eingang sie die oben erwähnte Parole in der Kniebeuge abzugeben haben.

Unterdes haben die Mütter in die Nähe Essen hingestellt und dies durch

Freudentriller angekündigt. Ein Mann holt das Essen herbei, da den

Frauen jede Annäherung streng verboten ist. Die Nacht hindurch wird

wiederum getanzt, während die Vai allerlei Belehrungen erhalten und

Kraft- und Geschicklichkeitsproben ablegen müssen. Es wird z. B. jedem

einzelnen die Aufgabe gestellt, sich auf den Rücken zu legen, Hände

und Arme aufzustützen und dann mit dem Munde ein leicht in die Erde

gestecktes Hölzchen herauszuholen. Entfällt einem dabei der Mut, so

wird er mit der Prügelstrafe immer wieder angefeuert.

Der zweite Pflücktag verläuft ähnlich. Die Jungen bringen von ihren

Ausgängen allerlei mit nach Hause, so eine Art Erdwespe. Am dritten

Tage holen sie Brennesseln sowie eine Zwiebelart (~kimuumuu~),

welche bei der Berührung mit der Haut diese sehr reizt, sowie eine

Bananentraube mit geschlossener Blüte am Ende des Fruchtstandes.

Am Morgen des vierten Tages gehen die Novizen ganz früh an einen Teich,

um sich zu waschen und allerlei symbolische Handlungen vorzunehmen.

Dann kehren sie auf den Kiuga zurück, um dort bis zum Mittag zu tanzen.

Unterdes sind die mitgebrachten Zwiebeln zerrieben worden und in

Verbindung mit diesen sowie den Brennesseln und der Bananenblüte, die

eine Frau darstellt, werden nun die Vai zur Belustigung der zusehenden

Alten allerlei Standhaftigkeitsproben unterworfen, die sich hier nicht

wiedergeben lassen, auf die aber schon Paulus in Röm. 1, 24 hingewiesen

hat. Später werden die Vai an einen Baum geführt, und es wird ihnen

gesagt: „Hier sind wilde Bienen, die ihr ausräuchern sollt.“ Bei dieser

Gelegenheit werden sie dann mit allerlei brennesselartigen Pflanzen

„gestreichelt“, z. B. unter der Nase. Jetzt, so sagt man dem Knaben

dabei, hast du auch einen Bart, jetzt bist du ein erwachsener Mann

und kannst heiraten. Bis alle so einzeln vorgenommen worden sind, ist

es nachmittag geworden. Nun wird ein Feuer angezündet, in welchem

sofort alle Überreste der Speisen und die Federn der verzehrten Hühner

verbrannt werden. Auch die Stöcke der Vai werden bis auf ein etwa ¾ ~m~

langes Stück, welches ihnen verbleibt, ins Feuer geworfen. Um dieses

Feuer tanzen die Helfer mit ihren Schützlingen und springen dann auch,

ähnlich wie wir es schon beim Mädchenfeste beobachteten, durch die

weihende Flamme. Die Helfer verfluchen alle, die jemals die Mysterien

dieses Festes Fremden preisgeben.

Schon vorher sind an die kurzen Überreste der Stöcke Halsfedern eines

Hahnes und andere geheimnisvolle Dinge von den Helfern angebunden

worden. Die Frauen, die das Essen brachten, haben für ihre Kinder

Öl und Perlschnüre bereitgelegt. Nunmehr salben die Helfer ihre

Schützlinge und schmücken sie mit den Perlen. Wie den Mädchen werden

auch ihnen Stirnkränze umgelegt. Ihre bis dahin vom Helfer verwahrten

Kleider dürfen sie nunmehr wieder anziehen. Die Vai werden ermahnt,

ihre Misenge quer vor sich zu halten, keinen zu grüßen, sondern

stumm vor sich zu sehen. Vor dem Häuptlingshause wird noch einmal

der Kirumbe-Tanz aufgeführt. Daraufhin bringt jeder Mkunjiga seinen

Schützling nach Hause, wo er, falls er unverheiratet oder sonst

abkömmlich ist, noch einige Tage bleibt, um den Knaben zu all seinen

Verwandten zu führen. Hier wird der neu in die Stammesgemeinschaft

aufgenommene junge Paremann überall mit Pfeilen, Ketten, Hellern

usw. beschenkt. Frauen und Mädchen spricht er nicht eher an, bis er

ein Geschenk von ihnen erhalten hat. Die Mädchen treten auf ihn zu

und kitzeln ihn; aber wenn er eine Gabe erhalten will, darf er nicht

lachen, sondern muß, wie es einem Manne ziemt, würdevoll und ernst

dabei bleiben. Er spricht auch nur mit leiser Stimme.

Nach einer Woche etwa bringt eine ältere Frau den ganzen Trupp der Vai

auf einen Acker und führt ihnen die Hände bei einigen, gewissermaßen

offiziellen Hackenschlägen. Um der Tatsache ihrer Aufnahme in den

Stamm möglichste Verbreitung zu sichern, werden sie später auch auf

den Markt geführt, aber nicht getragen wie die Mädchen. Dann wird

ihnen der Festschmuck abgenommen. In der Woche, in welcher den Novizen

zum Abschluß des Mshitu auch die Misenge genommen werden, bereitet

man Bier. Am vierten Tage gehen die Vai wiederum nackt aus in die

Landschaft, um zu „pflücken“. Die „gesammelten“ Bananen usw. werden

gekocht, und die Alten schlachten sich bei dieser Gelegenheit den Hahn,

dem man vorher die Halsfedern ausgezogen hatte, um die Misenge damit

zu schmücken. Alle Überreste werden in einem Feuer verbrannt und auch

die kurzen Stockenden hineingeworfen. Wiederum müssen die Vai durch

das Feuer springen; für den Fall der Preisgabe der Mysterien werden sie

dabei verflucht. Nachdem die Knaben mit Öl gesalbt und mit Perlschnüren

geschmückt worden sind, setzt sich der Zug zum letzten Male vom Kiuga

nach dem Dorfe zu in Bewegung, wo nochmals gemeinschaftlich der

Kirumbe-Tanz aufgeführt wird. Dann werden die Vai entlassen, und manche

legen noch am selben Abend ihren Schmuck endgültig ab.

Damit ist das berühmte und für unsre Wapare bedeutendste Fest zum

Abschluß gelangt. Ich lasse hier eine in mehr belletristischer Form

gehaltene Skizze folgen. Ich hoffe dadurch dem Leser die geschilderten

Vorgänge noch anschaulicher zu machen und innerlich näherzurücken.

Eine Skizze nach dem Leben über das Pare-Waldfest.

Es ist kurz vor der Regenzeit auf den Höhen Südpares. Die Sonne

hat bald ihren Tageslauf vollendet. Noch einmal vergoldet sie

die Usambaraberge, küßt abschiednehmend die Spitzen Pares, um

dann blutigrot fern am Horizont in die ungeheure Massaisteppe

unterzutauchen. Steigt man auf eine der höchsten Erhebungen, so kann

man deutlich im Norden den Kilimandjaro sehen, der sein eis- und

schneebedecktes Haupt in starrem Trotz von der afrikanischen Sonne

bescheinen läßt. Die Schluchten und Abhänge des östlich liegenden

Usambaragebirges erscheinen jetzt nach Sonnenuntergang eine kurze

Zeitlang wie in ein Farbenmeer getaucht. Hell- und dunkelgrüne, graue,

gelbe, blaue und tiefschwarze Töne liegen in den zartesten Abstufungen

über dem ganzen Gebirgszug. Große Rauchwolken und ungeheure Feuer,

die nach Eintritt der Dunkelheit sichtbar werden, lassen erkennen,

wie fleißig der schwarze Bauer auch dort dabei ist, die Acker- und

Rodungsarbeiten noch vor dem ersten Regen zu beenden.

Ein verspäteter Hirte treibt die Kühe seinem Dorf zu, die säumigen

durch Namensruf zur Eile antreibend: ~Nanzia, Ibanti: herikoni~

(vorwärts)! Einige Vögel singen im Busch ihr Abendlied -- -- --

afrikanischer Abendfrieden! Es ist so still geworden, daß man das Tosen

des Goma-Wasserfalles vernehmen kann. Durch die Schilfdächer der oft

bis auf Rufweite auseinanderstehenden Hütten dringt dicker Rauch, der

anzeigt, daß die Hausfrauen bei der Bereitung des „leckeren Mahles“

sind.

Einige junge Mädchen stehen in fröhlicher Unterhaltung bei der

Schöpfstelle beisammen. Mit einem Holzpfriemen hat jemand in den

Lauf des Quellwassers ein Stück ausgehöhlte Bananenstaude so auf der

Erde befestigt, daß das spärliche Wasser in ihr fortgeleitet wird.

Am Ende dieser Wasserleitung kann man Topf oder Kürbiskalabasse

bequem hinstellen und vollaufen lassen, ohne erst mit dem Mbobo, der

Schöpfkelle, schöpfen zu müssen. Mehrere der Mädchen sind nur mit einem

Fellschurz bekleidet, der den wohlgebauten Oberkörper völlig freiläßt.

Andere, besonders solche, welche die Missionsschule besuchen, tragen

einfache Baumwolltücher. Der Hirte mustert sie wohlgefällig und zieht

grüßend vorüber. Wohl hat er seine Braut unter den Dirnen bemerkt; aber

äußerlich sind beide voller Zurückhaltung. Der junge Bursche hat in

der Herde auch ein Stück eigenes Vieh, einen Teil seines Brautpreises,

nämlich eine Färse und einen Ochsen. Freudigen Auges betrachtet er sie,

wie sie wohlgenährt sind und so sicherlich Gnade vor den Augen des

künftigen Schwiegervaters finden werden.

Im Banne der Furcht · 第 5 / 22 段