Schon in den ersten Wochen nach der Geburt wird dem Kinde eine

Bastschnur oder etwas ähnliches um den Hals gebunden, „damit er nicht

aussieht wie ein Toter“, denn ein Toter wird ja auch begraben, wie er

geboren ist, nämlich völlig nackt und ohne Schmuck. Oder sie sagen

auch wohl: „Unser Junge soll nicht aussehen wie eine ~ibunga~,

d. i. ein schlecht geformter Flaschenkürbis, dessen Hals ja ebenfalls

keinerlei Schmuck aufweist.“

Während das Mädchen erst im vierten Monat in die Behandlung der Frau

gegeben wird, geschieht dies bei dem Knaben bereits im dritten, in

welchem er das erste Zahnamulett, das Mlinga, erhält, das wir schon

beim Mädchen kennenlernten. Bis zum Durchbruch der unteren Zähne

wird der Junge auf der nach unten gelegenen Hausseite behandelt. Die

Behandlung der oberen Zähne wird auf der entsprechenden oberen Veranda

vorgenommen. Allerlei Sympathiemittel dienen auch hier wieder dazu,

den Durchbruch der gewünschten Zähne zu erleichtern und das vorzeitige

„Herausplatzen“ der gefährlichen seitlichen Zähnchen zu verhüten. Dem

ersteren Zwecke dient z. B. Kot von Schnecken. Wie aus dem Kopf der

Schnecke die „Hörner“ hervorkommen, sollen auch auf der mit ihrem Kot

bestrichenen Stelle die Zähne durchbrechen. Kot von Hyänen dient dem

entgegengesetzten Zweck, nämlich der Verhütung des Durchbrechens der

seitlichen Zähne. Wie diese feigen Tiere sich fast nie dem Menschen

zeigen, sollen auch die „schlechten Zähne“ unsichtbar bleiben. Die

erste Arznei heißt „Zugpflaster“, die andere „Zurückhaltungsarznei“.

Sind die vier ersten Zähnchen glücklich durchgekommen, so wird das

schon weiter vorn erwähnte Fest gefeiert: ~kumvonyesha mwana~

= das Zeigen des Kindes. Würde dies nicht geschehen, so müßten

die Verwandten doch Befürchtungen hegen, ob alles mit der Zahnung

in Ordnung sei. So aber kann jeder sich überzeugen, daß die Zähne

regelmäßig gekommen sind, und keiner darf das Kind in späteren Jahren

beschuldigen, daß es durch sein Dasein als „Zahnkind“ das Leben seiner

Verwandten gefährde und nachträglich getötet werden müsse.

Erziehung bis zur Beschneidung und nachher.

Im allgemeinen sind die Wapare sehr nachsichtig gegen ihre Kinder und

mit körperlichen Strafen nicht schnell bei der Hand. Ihre Erziehung

liegt ihnen aber doch am Herzen. Eine Frau, die selbst sauber ist,

erzieht schon ihren Kleinen zur Reinlichkeit und versetzt ihm wohl

auch, wenn das Reden nichts nützt, einen Klaps; aber die körperliche

Züchtigung ist bei ihnen immer die ~Ultima ratio~. Schon der

kleine Junge ist bei irgendeiner Krankheit, nachdem der Arzt gerufen,

von diesem behandelt worden, indem die betreffende kranke Stelle des

Körpers mit einem kleinen Messer überall aufgeritzt und Arznei in die

Wunden gerieben wurde. Dabei ging es natürlich nicht ohne viel Ach

und Weh ab. Ist nun der Junge unfolgsam, so sagt die Mutter wohl:

„Gleich werde ich den Doktor rufen!“ Das hilft in den meisten Fällen.

Einmal ritt ich an einem Gehöft vorbei, als die Mutter gerade ihrem

ungehorsamen Sohne sagte: „Siehst du, das ist der Europäer mit dem

großen Tier, welches dich schon immer fressen sollte. Versprich mir,

daß du dein Schwesterchen nie mehr auszankst!“ Als er mit der Abgabe

des Versprechens zögerte, hielt ich mein Maultier an, und sofort

gelobte er unter großem Geschrei, sich fernerhin sittsam zu betragen.

Werden die Jungen größer, so machen sie sich bald über solche Drohungen

der Mutter lustig. Da nimmt denn die Mutter als letztes Mittel einen

großen Mattensack, tut Brennesseln hinein und auch den Bösewicht,

der sich nun in dem zugebundenen Sack auf der Erde wälzt und dadurch

das Verfahren zu einem immer peinlicheren macht. Diese Strafe soll

eine sehr gefürchtete sein. Auch mit dem ~ngurunguru~, dem

Waldungeheuer, von welchem wir noch weiter unten hören werden, wird den

Kindern gedroht. Anderseits verspricht die Mutter als Belohnung für

gehorsam getane Arbeit, den Kindern etwas vom Markt mitzubringen, etwa

schöne, reife Bananen.

Spielend lernt das Kind zu arbeiten. Dem Knaben gibt die Mutter eine

wilde Frucht, bindet eine Schnur daran und sagt zu ihm: „Das ist deine

Kuh, führe sie fort.“ Sie macht ihm frühzeitig einen kleinen Bogen und

kleine, einfache Pfeile, wenn er auch noch nichts damit schießen kann.

Ihrer Tochter gibt sie ein Stück von einer Bananenstaude, zerstößt das

eine Ende etwas, daß die Fasern wie die Haare einer Mwai wa nyumba

herunterhängen, und sagt dem Mädchen: „Das ist dein Kind, verwahre es.“

Mit solchem Spielzeug sind die kleinen Parekinder mindestens ebenso

glücklich wie die unsern mit ihren manchmal recht kostbaren Puppen

und Pferden. Neues kann außerdem jeden Tag angefertigt werden. Die

Phantasie des Kindes ersetzt auch bei den Negern das Fehlende.

Wird der Junge größer, dann übernimmt er schon selbständig kleinere

Arbeiten. Er bewacht während eines kurzen Ausganges der Mutter den

Mais, daß die Affen nichts stehlen, oder der Vater übergibt ihm ein

krankes Schäflein, damit er es in der Nähe des Hauses an einem Stricke

weide. Da wird dem Jungen dann die Phantasie rege. Er sieht sich schon

als Besitzer einer großen Herde, bindet sein ihm anvertrautes Schaf

an einen Baum und baut sich einen kleinen Stall. Dahinein trägt er

allerlei Früchte, große und kleine, das sind seine Kühe und Ziegen.

Und er hat sich so in sein Spiel vertieft, daß er gar nicht bemerkt,

wie sich das Schaf mit einem Ruck losreißt und in Nachbars Garten den

Mais abfrißt. Erst des Vaters scheltende Stimme ruft den in sein Spiel

Vertieften in die Wirklichkeit zurück. Und wenn dann der Nachbar sich

seinen Schadenersatz beim Vater holt, wird dem angehenden Hirten wohl

auch handgreiflich demonstriert, daß die Arbeit, wenn auch spielend

erlernt, einmal erlernt eben kein Spiel mehr ist.

Mit zunehmendem Alter verfertigt der Vater seinem Sohne einen richtigen

Bogen und Pfeile und unterweist ihn gleichzeitig in der Kunst des

Schießens. Fast jeder etwa zehnjährige Parejunge ist schon ein kleiner

Meister im Verfertigen dieser Waffen. Zuerst übt er sich, indem er etwa

auf eine Bananenstaude schießt, später auf Vögel und Affen. Beim Hüten

lernt der kleine Bursche auf die mannigfaltigen Vorgänge in der Natur

zu achten und seine Kenntnisse von all diesem würden manchen doppelt

so alten Gymnasiasten in der europäischen Großstadt in Erstaunen

versetzen. So ein Junge kennt schon die meisten Bäume bei Namen, weiß

von den Gewohnheiten vieler Tiere und der Verwendung von mehr als

einer Arzneipflanze. Auf der andern Seite erwirbt er schon in frühester

Jugend besonders auf den Tanzfesten mancherlei Kenntnisse, die seine

Gedanken vergiften und die es ihm nachher schwer machen, sein Herz dem

Christentum zu öffnen. Solange die Jungen noch klein sind, schlafen

sie zu Hause. Aber schon im jugendlichen Alter werden sie auf die

nächtlichen Viravu-Tänze gebracht, damit sie sich beizeiten an diese

Dinge gewöhnen. Bald wird es dann nicht mehr für anständig gehalten,

daß sie zu Hause bei ihren Eltern schlafen. Sie suchen sich, meistens

mehrere Genossen zusammen, eine Schlafstelle bei irgendeinem Bekannten,

bei dem sie bleiben, bis sich jeder von ihnen selbst ein Heim gründet.

Zu Hause wird der Knabe früh daran gewöhnt, mit seinem Vater zu essen,

das Mädchen mit ihrer Mutter, damit die Kinder, wenn Gäste kommen,

keine Schwierigkeiten machen; denn dann müssen der Sitte gemäß Männer

und Frauen ihre Mahlzeit getrennt einnehmen.

Die Missionsschule hat natürlich etwas ganz Neues in das Leben der

Kinder gebracht. Zuerst verhielten sich die Alten sehr ablehnend, weil

sie glaubten, jeder, der die Schule besuchte, müßte notwendigerweise

zum Christentum übertreten. Auch verlangten sie wenigstens Tagelohn für

jeden Schüler. Nachdem sie aber gesehen hatten, daß viele die Schule

durchmachten, ohne Christen geworden zu sein, daß sie auch nicht dazu

gezwungen wurden, haben sie mit raschem Blick den dargebotenen Vorteil

erkannt. Wenn auch bei vielen die Bedenken noch nicht geschwunden

sind, so dringen doch die meisten Eltern erfreulicherweise bei ihren

Kindern auf einen regelmäßigen Schulbesuch, wenigstens war das in

Pare der Fall, wo wir auf unsern vier Stationen und den dazugehörigen

Außenschulen über 2000 Knaben und Mädchen in allen Elementarfächern

unterrichteten. Die Kleinen lernen im allgemeinen sehr leicht, und

es ist eine Freude, sie zu unterweisen, besonders wenn man etwa 150

aufgeweckte Steppenkinder vor sich hat. Dieselben dummen Streiche, die

zu Hause in der Schule verübt werden, findet man auch hier wieder, und

überhaupt ist der ganze Schulbetrieb der gleiche wie in Deutschland.

Sobald der Junge schreiben kann, schreibt er leidenschaftlich gern

Briefe. Ja, selbst die erste schüchterne Anfrage bei der künftigen

Frau geschieht heutzutage brieflich. Ist der Junge etwa 16 Jahre

alt, dann wird er von der Regierung zur Steuerzahlung herangezogen.

Unter deutscher Herrschaft erhielt er eine Arbeitskarte, die ihn

verpflichtete, innerhalb vier Monaten fünf Wochen beim Europäer zu

arbeiten. Die Einführung dieser Sitte war für die allgemeine Hebung des

Volkes sicher von Bedeutung. So ist der Parejüngling in einem Alter, wo

die meisten Europäer noch Kinder sind, schon Arbeiter, Steuerzahler und

oft auch Familienvater.

Die Beschneidung.

Das Alter der für diese -- bei unsern Wapare entschieden religiöse

Handlung -- in Frage kommenden Knaben ist verschieden. Manche werden

in früher Jugend beschnitten, andre erst, wenn sie 8-10 Jahre alt

sind. Ich selbst konnte auf die Einladung eines hiesigen Häuptlings

hin einmal der Beschneidung eines etwa sechsjährigen Knaben beiwohnen.

Als „Festspeise“ wurde ein Ochse geschlachtet. Weniger vornehme Väter

begnügen sich mit einem Ziegenbock. Während der Mann seine Freunde

zum Zuckerrohrschneiden einlädt, ruft die Frau ihre Nachbarinnen, ihr

bei der Bereitung der Speise und dem Zerreiben der Zuckerrohre zwecks

Bierbereitung zu helfen.

Am Abend des der Beschneidung voraufgehenden Tages richtet der Vater in

seinem Hause an die Ahnengeister etwa folgendes Gebet: ~Nkoma, guhani

luhwa lwenyu, ambu mawa enyu e uko wanga. Mrereheni uu mwana, ambu

yavo henevecha mkea aha. Uu mwana ni nkungu mposha, tevonwa ni mbiba.

Mukome vibamba meso, kangi hasitee verigana.~ -- Ihr Ahnengeister,

nehmt dieses Opfer von ungegorenem Bier an, denn euer gegorenes Bier

ist oben auf dem Hausboden (wo es über Nacht der Gärung harrt)! Habt

acht auf diesen Jungen, denn morgen wird ein Dieb hier vorbeigehen.

Unser Junge ist eine taube Nuß, um die kümmert sich der Mbiba (Hamster)

nicht. Macht alle die Käfer blind, sorgt dafür, daß kein Streit

entsteht. -- Zum Verständnis sei folgendes bemerkt: Das eigentliche

Wort für schneiden, ~kuchwa~, wird ungerne gebraucht, die Wunde

würde dann schlecht heilen. Deshalb nimmt man dafür das Wort „stehlen“,

der behandelnde Arzt ist der „Dieb“, der bei dem Hause vorbeikommen

wird, um das Präputium zu stehlen. Der Junge wird mit einer tauben Nuß

verglichen. Deshalb sollen sich die bösen Zauberer um ihn so wenig Mühe

machen wie der Hamster um eine taube Nuß, die er schon beim Aufheben

als solche erkennt und wieder fallen läßt. Auch werden die Geister

gebeten, allen Käfern, gemeint sind die Hexen, die Augen zuzuhalten,

damit sie durch ihren bösen Zauber die Wunde nicht zu einer schwer

heilenden machen. Das würde auch geschehen, wenn die Gäste im Rausche

einander Grobheiten sagen.

Zur gleichen Zeit betet der Hausarzt über seinem kleinen chirurgischen

Messer zu seinen Ahnen wie auch zu den Ahnen der Familie derer, die

das Fest veranstalten: „Ihr Geister, ihr habt euch doch bei Lebzeiten

gekannt, helft meinem Messer, daß alles glücklich verläuft und ich ein

angesehener Arzt werde, den alle Leute rufen.“

Am andern Tage findet dann die eigentliche Beschneidung statt. Etwas

im Gebüsch verborgen treffen die Männer die Vorbereitungen, die

in der Hauptsache im Schlachten und Zerlegen des Ochsen oder der

Ziege bestehen. Sie erhalten gleich ihren Anteil, den sie mit nach

Hause nehmen dürfen. Unterdes ist auch der Arzt erschienen. Schnell

setzt sich einer der Männer auf ein bereitliegendes Fell. Der meist

ahnungslose Junge wird gegriffen und auf dieses Mannes Schoß gesetzt.

Andere halten ihn an Armen und Beinen fest, und in etwa einer Minute

ist die Operation beendigt. Sie ist natürlich für den kleinen Kerl

äußerst schmerzhaft, und er schreit dementsprechend unaufhörlich.

Nach Beendigung der Operation nimmt der Arzt einen Schluck Bier und

bespützt damit die Wunde. Um zu verhüten, daß die Leisten oder andre

Teile anschwellen, wird eine Schnur aus der Rinde des Rizinusbaumes mit

vier Zauberknoten dem Knaben um den Leib gebunden. Das Präputium sowie

das auf dem Fell haftende Blut wird sorgfältig in einen Ballen aus

Kuhmist getan und dieser in die Wand des Hauses eingemauert. Denn wenn

solche Seelenträger einem bösen Zauberer in die Hände fielen, wäre die

schnelle Heilung der Wunde ausgeschlossen.

Das Messer des Arztes ist ein heiliges Messer, d. h. es wird zu

nichts anderem als nur zum Zwecke der Beschneidung gebraucht. Nach

der Operation findet ein Festmahl und Biergelage statt. Die Wunde

wird am andern Tage von der Mutter oder vom Vater mit einer Feder

gewaschen und mit feinem Sand bestreut. Ist dieser Sand am nächsten

Tage festgetrocknet, so überläßt man das übrige ruhig der Natur. In

etwa zwei Wochen ist alles verheilt. In diesen Tagen bedeckt der Junge

nur den Oberkörper mit einem kleinen Lappen und wartet im Hause seiner

Eltern die Heilung ab.

~Kuliwa masoro.~

Ist der Junge etwa 7 Jahre alt, so laden die Eltern wiederum ihre

Verwandten und Nachbarn ein, um für den Jungen ein offizielles

Mehlbrei-Essen zu veranstalten, damit er dann durch das

Waldfest, welches im nächsten Kapitel beschrieben wird, in die

Stammesgemeinschaft aufgenommen werden kann.

Nachdem Männer und Frauen das Bier bereitet und die Frauen außerdem

für genügend Speise gesorgt haben, findet am vierten Wochentage die

Zeremonie statt. In dem betreffenden Hause sind nur Frauen anwesend.

Die Mutter und vielleicht auch Verwandte setzen sich in dem Hause

auf die Erde. Sie sind alle unbekleidet. Eine Frau nimmt nun das

Kind und setzt es viermal in den Schoß der Mutter und dann auch der

andern Verwandten. Dabei hört man die üblichen Freudentriller. Darauf

kommt der Vater mit drei seiner Genossen herein, und auch ihm gibt

man das Kind in den Arm. Der Junge (oder das Mädchen) erhält nun

einen neuen Namen, gewöhnlich den seines Großvaters väterlicherseits.

Der nächstgeborene Junge würde den des Großvaters mütterlicherseits

erhalten. Danach heißt auch das Festessen „Namen-Mehlbrei“. In der

Hauptsache ist es den Leuten, wie mir scheint, daran gelegen, einen

Grund zu haben, sich nochmals tüchtig zu betrinken und gut zu essen.

Bei manchen Stämmen schließt sich daran noch ein weiteres Frauenfest,

~mchumbi~, welchem nur solche Frauen beiwohnen dürfen, die das

gleiche Fest auch durchgemacht haben. Der Mutter werden Perlkränze

und Schmuck umgehängt und andre Erinnerungen aus der Jugendzeit

aufgefrischt, so daß sie sich für eine kurze Zeit wieder als Mwai wa

nyumba fühlen kann. Eine nähere Beschreibung ist hier nicht angängig.

Ich will nur noch erwähnen, daß es in dieser Zeit des Kampfes

zwischen Christentum und Heidentum schon vorgekommen ist, daß Leute

für ältere Kinder, die schon getauft waren und sich weigerten, das

Fest mitzumachen, dasselbe auch ohne die Kinder feierten, um die

hergebrachte Sitte dennoch zu befolgen.

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Das Waldfest (~mshitu~).

Der Mshitu oder das Waldfest ist das erste aller Parefeste. Soll es

gefeiert werden, so verbreitet sich die Kunde mit Blitzesschnelle

durch alle Lande, selbst bis nach Usambara hinüber. In langen

Schlangenlinien kommen dann aus allen Richtungen die Festteilnehmer

mit den aufzunehmenden Knaben über die Berge gezogen, und weithin

erschallt eins der Marschlieder durch die stille Landschaft: ~Kombo

ehee, kombo-e, hoe!~ Über dieses berühmte Mshitu sind schon allerlei

Märchen erzählt worden. Was ich selbst auf verschiedenen Festen, zu

denen mir von den Leuten der Zutritt erlaubt worden war, sah, und

was mir dann von meinen z. T. christlichen Gewährsleuten erklärt und

ergänzt wurde, will ich in der Hauptsache im folgenden erzählen. Da

die Lieder, die bei diesem Fest gesungen werden, sowie auch manche der

symbolischen Handlungen z. T. äußerst anstößig sind, so muß ich mich

darauf beschränken, nur eine Auswahl niederzuschreiben, bzw. den Text

in der Übersetzung freier wiederzugeben.

Gewöhnlich hat jeder Stamm und jede Sippe ihren eigenen Mshitu oder

Wald. Diese heiligen Wälder sind in grauer Vorzeit von den Ahnen

angelegt worden. Sie dürfen zwar betreten werden, aber niemand fällt

einen Baum oder sucht Holz in ihnen. Jeder „Holzfrevel“ wird mit einer

Ziege gesühnt, die dann im Walde geopfert werden muß, damit er wegen

der „Wunde“, die er erhalten hat, versöhnt wird.

Nun kommt es vor, daß jemand kein Kind hat. Das Orakel sagt ihm, daß

der Mshitu die Ursache sei. Daraufhin geht er in den heiligen Wald

und bittet ihn, ihm doch zu einem Kinde zu verhelfen, oder, falls

die Frau schon guter Hoffnung ist, frühere Kinder aber regelmäßig

gestorben sind, das zu erwartende Kind doch leben zu lassen. Er gelobt

dem Walde bzw. den Ahnen als seinen Hütern ein großes Opferfest,

eben das Waldfest. Dieses Fest ist für die Nachkommenschaft von

außerordentlicher Bedeutung, da alle Wapare behaupten, vom Walde

geboren zu sein. Selbst unfruchtbare Frauen werden, wie wir noch

weiter unten sehen werden, durch Beteiligung an dem Kirumbe-Tanz

Nachkommenschaft erhalten. Der Mshitu wird also auch das oben

erwähnte Gebet erhören, und der Mann wird die Freude haben, seinen

Sohn aufwachsen zu sehen. Vergißt er nun sein Gelübde, so erinnern

die Geister ihn durch Krankheit und andere Beschwerden und durch ihr

Sprachrohr, das Orakel, wieder daran. Er ruft dann die Angehörigen

seiner Sippe zusammen und hält eine Besprechung mit ihnen ab, als deren

Ergebnis der Beschluß gefaßt wird, in einigen Wochen das Waldfest

stattfinden zu lassen und nun die Vorbereitungen dazu zu treffen. Sie

warten gewöhnlich bis kurz vor Beginn der Regenzeit, denn „der gleich

nachher einsetzende Regen wird alle Spuren des Festes verwischen“.

Ungefähr sechs Wochen vor Beginn des eigentlichen Festes werden die

männlichen Glieder der Sippe dessen, der das Fest veranstaltet, zu

ihm ins Gehöft geladen und hier alle Maßnahmen besprochen, die für

den ordentlichen Verlauf des Mshitu getroffen werden müssen. Der

Wirt hat vorher dafür gesorgt, daß seine Gäste nicht zu verdursten

brauchen und einen tüchtigen Vorrat von Zuckerrohrbier gebraut. Auf

dieser Versammlung wird alles besprochen und Verabredungen über die

nächsten Zusammenkünfte werden getroffen. So kommen sie am vierten

Tage der folgenden Woche in der Nähe des Festplatzes zusammen, um

die Wege auszuholzen und einen Tanzplatz (~kiuga~) zu schaffen.

Diesen Kiuga-Platz nennen sie den „Minister“ des Waldes. Ihm wird

ein Opfer dargebracht und er dabei gebeten, dem „Häuptling“, nämlich

dem Walde selbst, Mitteilung von ihrem Kommen zu machen. Es würde

zu weit führen, alle diese Vorgänge eingehend zu schildern. Es mag

genügen, zu erwähnen, daß sie auch in den folgenden Wochen jedesmal

am heiligen vierten Tage im Walde erscheinen, um allerlei Sühnopfer

vorzunehmen und vor allem aus der Lage der Opfertiere sowie aus deren

Eingeweiden und Leber zu ersehen, ob dem Walde das Opfer angenehm

sein wird. Auch kommende Hungersnöte und Seuchen werden hier erkannt

und vorausgesagt. Bei der letzten dieser Versammlungen wird dann die

nächste Zusammenkunft in der eigentlichen Festwoche auf den zweiten

Tag festgesetzt, von welchem Tage an die Männer bis zum „Schließen

der Tore“ am sechsten Tage im Walde bleiben und nicht mehr nach Hause

gehen.

Die Kunde vom bevorstehenden Feste verbreitet sich schnell überall im

Lande und auch in den ferner gelegenen Gebieten.

Beizeiten schon haben die Veranstalter einen gewöhnlich ganz alten

Mann gebeten, während des Festes gewissermaßen die Funktionen des

Oberpriesters auszuüben. Er heißt ~kimbokoko~. Diesen nehmen sie

nunmehr mit in den Wald. Manche erzählen, daß der Oberpriester für

seine Bemühungen ein Extrarind bekäme, denn er würde nun nicht mehr

lange zu leben haben. In Westusambara wohnt der eigenartige Volksstamm

der nach dorthin aus der Parelandschaft Bwambo ausgewanderten

Wambugu. Es sind keine Bantuneger; aber durch langen Aufenthalt in

Pare haben sie die Sitten der Wapare zum Teil angenommen, besonders

das Waldfest. In Chome haben sie einen großen Wald, in welchem das

Fest nach einer Reihe von Jahren abgehalten wird. Zu diesem kommen

dann die Wambugu in langen Zügen von den Usambarabergen nach Pare

herüber. Über das Fest wußten mir weder Christen noch Heiden etwas zu

berichten, da die Wambugu keinen Mann eines anderen Stammes zulassen.

Als Eigentümlichkeit wurde mir nur erzählt, daß sie ihren Oberpriester,

den Kimbokoko, nicht wieder mit aus dem Fest nach Hause zurückbrächten,

sondern daß er im Wald getötet würde, zum Heil seiner Nachkommen. Es

hätte ihn noch niemand zurückkommen sehen. Wie weit diese Angaben den

Tatsachen entsprechen, konnte ich nicht mehr nachprüfen.

Bis zum vierten Tage der Festwoche ziehen nunmehr abends die

Ngurunguru, „die Kinder des Waldtieres“ durch das Land, um die Leute

noch besonders auf die Nähe des Festes aufmerksam zu machen. Die

eigentlichen Ngurunguru sind Schwirrhölzer, etwa 30 ~cm~ lang und

10-15 ~cm~ breit, die von den Trägern an einem Bande geschwungen

werden und einen brummenden Ton erzeugen. Das sind die Kinder des

Waldtieres, denn selbst ist es zu groß, als daß es im Lande umherziehen

könnte. Es verschlingt nur die Kinder, die ins Fest kommen, um sie

dann wieder auszuspeien. Hören die Leute in den Häusern den Ton, so

setzen sie Essen draußen hin. Die Ngurunguru streuen Kot oder Sand auf

das Übriggebliebene, um so noch mehr ihren übermenschlichen Charakter

darzutun. Finden die Hausbewohner am Morgen ein kleines Stöckchen neben

dem Topf liegen, so deutet das auf die baldige Geburt eines Mädchens

in dem Hause hin; ein ganz kleiner, nur angedeuteter Bogen läßt sie

einen Knaben erwarten. Wenn die Ngurunguru sich vor der Tür melden, so

antworten die Hausbewohner: ~Murye~ = friß ihn auf, und spielen

damit auf die Haupttätigkeit des Waldtieres, Kinder zu fressen, an. Die

Männer, die in der Zeit im Walde bleiben, haben ein Schlachtfest nach

dem andern und vertreiben sich die Zeit mit Tanzen.

Am vierten Tage haben die Novizen, die das Fest zum ersten Male

mitmachen sollen, sich einer besonderen Zeremonie zu unterziehen. Die

Kleider werden ihnen offiziell ausgezogen, denn die Novizen müssen

unbedingt nackt sein. Die Wapare nennen das ~lungasu luchungwa~ =

das Fest wird aufgebunden. Die Novizen sammeln sich mit ihren Helfern

(~vakunjiga~) in einem der Häuser aus der Nachbarschaft. Einer von

den Festbereitern oder auch sonst einer aus dem Dorfe wird zusammen

mit einer alten Frau erwählt, das „Fest aufzubinden“. Die Mutter eines

jeden Novizen oder eine beliebige Frau setzt sich auf die Erde. Dann

nimmt die erwählte Alte jeden der Jungen und setzt ihn viermal in den

Schoß der anderen Frau. Der daneben stehende Mann sagt jedesmal dazu

~uhu~, die andern erwidern ~uhu~, darauf die auf dem Boden

sitzende Frau ~uwa~. Der Wortlaut der gleichzeitig stattfindenden

Gesänge läßt sich hier schicklich nicht wiedergeben. Die Alte hat

unterdes dem Novizen sämtliche Kleider abgenommen und sie dessen

„Helfer“ übergeben, der sie bis zum Ende des Festes verwahrt. Sind

sämtliche Jungen entkleidet, so ziehen sie alle unter Vorantritt des

Mannes und der Alten viermal um die heilige Feuerstelle herum, unter

Absingen der Festmarschlieder. Da der Mshitu ja ein Fruchtbarkeitsfest

ist, so haben die meisten der Lieder einen für unser Empfinden

anstößigen Text, doch manchen liegt auch eine anziehende Symbolik

zugrunde. So lautet eins:

~Kommbo ehee, Kommbo-e,

hoe!

Kommbo ehee, Kommbo-e,

hoe!

Mche watosha sikukome, Kommboe-e,

hoe!

Ambu na nkinda iratosha, Kommbo-e,

hoe!~

Im Banne der Furcht · 第 4 / 22 段