Etwa ein bis fünf Jahre, früher auch wohl noch länger, bleibt das

Mädchen in der Hütte als „Jungfrau des Hauses“. Während dieser Zeit

darf sie sich ihr Haar nicht scheren lassen, sondern sie trägt die

jeder Mwai wa nyumba eigene Frisur. Zu dem Zwecke kaut sie Zuckerrohr

aus, und mit dem so gewonnenen Sirup reibt sie den Kopf von Zeit zu

Zeit ein. Gegen Ende der Jungfrauschaft hängen diesen Mädchen die

zusammengeklebten Haare wie lange Stäbchen bis tief in den Nacken.

Diese Frisur macht beim Tanzen jede Bewegung mit, und gerade darin

soll, wie ich mir sagen ließ, der Hauptzweck der ganzen Manipulation

liegen. Wahrscheinlich ist aber wohl, daß auch hier, wenigstens

ursprünglich, aus religiösen Motiven und animistischen Vorstellungen

das Abschneiden des Haupthaares verboten wurde.

Nach der oben angegebenen Zeit beraten sich die Eltern und beschließen

das Mädchen „herauszubringen“, d. h. ihrer Mwaischaft ein Ende zu

machen. Ihr selbst wird vorläufig nichts Näheres mitgeteilt, weil sie

den Schritt aus dem Dolcefarniente einer Mwai wa nyumba ins Leben nur

ungerne tun wird. Wohl aber wird ihr gesagt, sie möge zu einem sechs

Tage lang währenden Kiravu-Tanz einladen. Mit ihm sollen nämlich

die Festlichkeiten eröffnet werden. Diese besonderen Tänze heißen

~maaganya~ = Abschiedstänze.

Schon in jener Woche kommen hin und wieder Frauen und helfen der

Mutter bei der Mehlbereitung. Der Haupttag aber ist Nguta, der erste

Wochentag, an welchem alle diese Frauen zusammenkommen, um unter

Freudentrillern der Mutter bei den Vorbereitungen zur Hand zu gehen.

Für denselben Tag hat auch der Vater seine Freunde zu sich gebeten,

damit sie ihm bei der Bierbereitung helfen. Nachdem die Männer die

Zuckerrohre geholt und auch gleich auf dem Felde geschält haben,

bringen sie die Lasten nach dem Hause der Mwai. Der Vater geht mit

leeren Händen dem Zuge voran. Die Männer singen:

~Oe, oe, hea!

Ninkani shengo na lumo

nizeharuria magenge!

Magenge agwa na nyika,

lila lakweia kwa mbee gu,

oe, oe, hea!~

Der erotische Text ist hier zur Wiedergabe nicht geeignet. Zu Hause

angelangt, umziehen sie die Hütte viermal. Dann nehmen ihnen die Frauen

die Zuckerrohrlasten ab und geben ihnen Speise.

Abends ist wieder Kiravu-Tanz. Wenn die Leute sich müde getanzt

haben, singen die Mädchen (~vabora va masambi~ und ~vabora va

shuke~) der Jungfrau folgendes Lied:

~Serere, serere, Semboge woyoiyo,

ahee, e Semboge ehee!

Ibaru werati kuia, tuia?

Tuiie cha yoo se?

Ahee, etuiae!

Serere, serere, ni mhero muhakano.~

Das heißt:

Du Mwai, du wolltest doch weinen,

Nun weine!

Beweinst du nicht, was heute vorgeht?

Nur zu, bewein es!

Das ist das Ende, das Allerletzte.

Dann werfen sie sich alle in einem Winkel über der Mwai zur Erde und

weinen. Nach diesem Vorgang heißt der ganze Tanz ~kiravu cha kuia~

= der Tanz des Weinens. (Siehe ähnlichen Vorgang in Hes. 8, 14. Das

Weinen über den Thammus [griech. Adonis], der Liebling der Liebesgöttin

Venus, dessen zeitweiliges Verschwinden in der Unterwelt von den

Weibern sieben Tage lang beweint wurde. Das Fest hatte wahrscheinlich

seine tiefere Bedeutung im Verschwinden des schönen Naturlebens nach

Eintritt der höchsten Sonnenhitze. Man beweinte die verschwundene

Schöne des Jahres und zeigte Angst vor dem kommenden Winter. So wird

hier von der sorgenfreien Jugend weinend Abschied genommen.)

Die Mwai selbst stimmt das Abschiedslied an:

~Ngoma yangu ya ugu,

kishede changu, mcheku!

Mcheku wanishina, vava wanishina,

mwanifwinya, ne mdori.

Nekibiga ngoma, tamwazihirwa?~

Das heißt:

Wo bleibt nun meine Trommel,

wo bleiben meine Schellen, Mutter?

(Schellen = Wahrzeichen einer glücklichen Jugend.)

Mutter, du bist mir böse,

und du Vater, du zürnst mir!

Warum stellt ihr mich so jung schon ins Leben?

Hat euch mein Trommelspiel etwa mißfallen?

Wenn das Mädchen dann immer mehr weint, sagt die Mutter wohl kurz: „Laß

nur das Weinen, wer ist denn eigentlich gestorben? Willst du denn hier

im Hause wie ein Ochse großgefüttert werden, ohne zu arbeiten?“ Einige

der Mädchen bleiben auch während der Nacht bei der Jungfrau, die andern

gehen wieder nach Hause.

Am nächsten Morgen begeben sich die Frauen zum Festplatz, um dort

geschälte Zuckerrohre auf Steinen zu einer faserigen Masse zu

verreiben. Diese wird von den Männern ausgepreßt und aus dem so

gewonnenen Saft das Bier hergestellt. Die Arbeit wird regelmäßig

von vielen Gesängen begleitet, und die Berge hallen wider von den

Freudentrillern der Frauen. Den Abschluß bildet ein Festessen. Die

andern Mädchen sind schon am Morgen ganz früh in die Büsche gegangen,

um dort allerlei Früchte und Pflanzen zu suchen, oder wie es offiziell

heißt: ~kuatunda~ = zu pflücken. Die so gesammelten Dinge werden

sorgfältig vor den Augen aller Unberufenen, besonders der Männer,

verborgen, indem sie in Säckchen gesteckt oder mit Bananenblattscheiden

umwickelt werden. Bei den in der kommenden und besonders der

nächstfolgenden Nacht stattfindenden symbolischen Tänzen spielen

diese Dinge eine große Rolle. Aber selbst +dem+ Europäer, der mit

ihren Sitten ziemlich vertraut ist, fällt es außerordentlich schwer,

sich in diesem Wirrwarr von anscheinend nichtssagenden Handlungen und

Gesängen zurechtzufinden und von allem die Bedeutung zu verstehen.

Erschwert wird der Versuch bei den Liedern noch durch die altertümliche

Sprache, der gegenüber oft meine sämtlichen Gewährsleute versagten.

Vor Männern werden diese Dinge überhaupt streng geheim gehalten, und

aus einer Heidenfrau ist unter keinen Umständen etwas herauszubringen,

weil eine jede, die etwas ausplaudert, verflucht ist. So hieß es, bei

diesen Forschungen das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, denn

die heranwachsenden Christenmädchen werden diese Dinge hoffentlich

überhaupt nie kennenlernen. Den in jenen Jahren getauften Frauen und

Mädchen war aber noch alles frisch im Gedächtnis.

Bei der Rückkehr vom „Pflücken“ singen die Mädchen:

~Ho cha ndere

mbora dengera henyu!

Ahee, ho cha ndere.~

Das heißt:

Mädchen, solange du noch zu Hause bist,

geht es dir gut!

Die Gespielinnen der Mwai werden an der Tür der Hütte von einer Frau

empfangen. Diese nimmt dem ersten Mädchen die „Sachen“ ab, und auch die

andern bringen ihre „Geheimnisse“ ins Haus. Sie erhalten Speise, worauf

die Nahewohnenden nach Hause gehen. Abends ist ein Tanz, der ~itunda

idori~ = das kleine Pflücken heißt. Eingeleitet wird er damit, daß

die Frauen alle die verfluchen, die sie bei ihren Festgeheimnissen

belauschen. Die ganze Nacht hindurch werden schwer zu beschreibende

symbolische Tänze aufgeführt, durch die der angehenden Frau und Mutter

allerlei Lehren veranschaulicht werden sollen.

Am Morgen des dritten Tages gehen die Mädchen wiederum in die Büsche,

~kuatunda~ = weitere wilde Früchte usw. zu „pflücken“. Bei ihrer

Rückkehr erhalten sie Speise und Bier. Auch die Männer haben sich zu

einer kleinen Kostprobe eingefunden und sehen nach, ob das Bier schon

gut ist.

Am Abend findet ein Tanz statt, der ~itunda ibaha~ = das große

Pflücken heißt. Durch die an diesem und am vorhergehenden Tage geholten

Früchte, Bananenblütenstengel usw. werden zumeist die an diesem Abend

besungenen Naturvorgänge illustriert. Alle diese Tänze finden im

Festhause statt. Etwaige Lauscher werden zuerst wiederum verflucht.

Eine besondere Zeremonie wird mit allen den jungen Mädchen vorgenommen,

die noch nie einem solchen Feste beigewohnt haben. Sie müssen sich an

die Feuerstelle begeben. Auf jeder Seite steht eine Novize und eine

Eingeweihte. Letztere streicht der Novize Asche an sämtliche Gelenke.

Sie muß sich dann mit den Händen auf die Knie stützen, während die

Eingeweihte von hinten herzutritt, ihr die Augen zuhält und den

„Fluchtanz“ beginnt.

Eins der Lieder, die in jener Nacht gesungen werden, heißt ~Kaia

mpelele, keyoie mpanga~ = der Klippschliefer weint angesichts der

Höhle (die ihm doch Schutz und Versteck bietet). Damit wird auf die

nunmehr bald bevorstehende Heirat des großjährig erklärten Mädchens

angespielt und auf die Tatsache, daß jetzt die Sorgen erst kommen

werden. Alle, die während der Tänze in der Hütte vom Schlaf überwältigt

werden, „züchtigt“ man mit dem Stengel einer Schmarotzerpflanze

(~kasosa~) bis sie wieder munter sind. Gegen Morgen werden

zwei Knollengewächse (~maomba a nguve~) hervorgeholt, die mit

Perlschnüren geschmückt sind und zwei Kinder vorstellen. Damit beginnt

ein neuer Tanz und Gesang, in welchem die zukünftige Mutterschaft des

Mädchens mit ihren Leiden und Freuden besungen wird. Beim Morgengrauen

soll in einem weiteren Tanz der angehenden Gattin gezeigt werden, wie

der Krieg mit rauher Hand das Familienglück zerstört und der Mann

oft sein Leben lassen muß. Eine der Frauen steigt auf den Boden und

ruft plötzlich: „Der Krieg ist gekommen!“ Die Untenstehenden stoßen

daraufhin den Hilferuf aus und singen:

~Kimpanga, kimpanga, e,

e hora ee, e ho

ne Kiondo tearoka, tearoka e

e hora ee eho.~

Das heißt:

O Schwert, o Schwert,

dein Mann kommt nicht wieder,

er kommt nicht zurück.

Dabei schlagen sie mit Lianen, die Schwerter vorstellen, auf die Erde.

Am Morgen des vierten Tages wird die Öffentlichkeit wiederhergestellt,

indem die Frauen und Mädchen mit der Mwai vor die Tür gehen und dort

noch allerlei symbolische Tänze aufführen. Zum Schluß laufen die

Mädchen mit der Mwai etwas vom Hause fort, nehmen Blätter von den nahen

Sträuchern, werfen sie von sich und rufen: ~Nandigo we, Nandigo we,

na ukatahuža, ihumpa lako zilo!~ Die Nandigo hatte nämlich vor

langen Jahren das Schlimmste getan, was eine Mwai überhaupt machen

kann, sie war vor Beendigung des Festes ~kirya~ geworden. An

dieses Vorkommnis wird erinnert, wenn die Mädchen die Blätter von sich

werfen und rufen: „Du Nandigo, wenn du auch schweigst, da ist deine

Seuche!“ D. h. wir wollen davon nicht angesteckt werden. Unsre Mwai ist

ja nun bald aus dem Fest entlassen. Sie hat sich ordentlich gehalten

und es nicht so gemacht wie du.

Die Mwai wird darauf von ihren Gespielinnen mit trocknen

Bananenblättern geschmückt, und auch die Mädchen selbst behängen sich

damit. Abwechselnd nehmen sie dann die Mwai auf den Rücken und tragen

sie bis nach ihrem Hause. Dort gehen sie mit ihr viermal um die Hütte

herum. Dann nimmt eine Frau der Mwai den Bananenblattschmuck ab und

legt ihn etwas entfernt von dem Hause auf die Erde. Die Mädchen werfen

ihre Bananenblätter alle dazu. Darauf befiehlt ihnen die Frau, unter

diese Blätter zu kriechen und grunzende Laute auszustoßen, während sie

selbst eine große Schale mit Bier über ihnen opfert, indem sie es auf

die Köpfe der Kinder und in den Haufen der trockenen Bananenblätter

gießt. Dabei spricht sie die bedeutsamen Worte: ~Muni, wala

ng’ombe!~ = Muni, nun hast du deine Opferkühe bekommen! Die letzten

beiden Worte sprechen die umstehenden Frauen laut mit. Darauf dürfen

die Kinder wieder hervorkriechen, und der ganze Blätterhaufe wird

angezündet. Die Mwai und ihre Gefährtinnen müssen mehrere Male durch

die Flamme springen, bis das Feuer nahezu ausgebrannt ist. Mit den

Füßen treten sie die glimmende Asche vollends aus und tanzen auf ihr

herum. In die Asche gießt eine Frau Bier, die Mädchen vermischen sie

außerdem noch mit Kuhmist. Die so hergestellte geweihte Salbe streichen

sie mit einem Pinsel, den sie sich aus einer jungen Bananenstaude

herstellen, jedem Manne und Burschen, der zum Biertrinken in das

Festhaus kommt, auf den rechten Fuß.

Als ich von dem oben erwähnten Brauch und dem Namen Muni hörte, mußte

ich sofort an Moloch und den Sonnendienst im Altertum denken. Ich

gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß wir es hier mit Überresten

eines solchen Dienstes zu tun haben. Daß die Kinder als Munis Opfer

bezeichnet werden und sie auch durch die Flamme springen müssen,

erinnert augenfällig an den Molochdienst. Herrschte doch im Altertum

die Sitte, Kinder durchs Feuer zu reinigen und zu weihen, eine Taufe,

die schon in der Bibel verboten ist (3. Mose 18, 21). Hoffentlich

läßt sich bei andern Stämmen noch mehr über ähnliche Vorkommnisse

in Erfahrung bringen, die dann auch den Namen Muni vielleicht näher

erklären oder die sprachliche Ableitung besser erkennen lassen.

Die kleinen Mädchen werden nun mit gekochten Bananen, Fleisch und

Bier, die größeren Mädchen mit Maisspeisen und Bier bewirtet. Wenn sie

sich sattgegessen haben, gehen sie nach Hause, die kleineren um nicht

zurückzukehren, da sie bei dem Tanz in der letzten Nacht nicht anwesend

sein dürfen.

Gegen 3 Uhr nachmittags gehen die Vai va shuke und die jüngeren

Frauen wieder zum „Pflücken“ in den Wald. Sie bringen u. a. einen

Blütenstengel der wilden Banane (~irigo~) mit heim. Am Festhause

angekommen, ziehen sie viermal um dasselbe herum. Dann nimmt eine

alte Frau dem führenden Mädchen den Sack ab, der die Festgeheimnisse

(~ngasu~) enthält, und gibt ihnen allen Bier. Am Abend beginnt

der Tanz, der die ganze Nacht hindurch währt. Ich will den Leser nicht

mit einer Beschreibung der Einzelheiten ermüden. Die Vorgänge sind

z. T. sehr schwer klarzulegen, wenn man nicht allzu ausführlich sein

will, z. T. bleibt die Bedeutung dieser Tänze und Gesänge selbst den

Eingeborenen dunkel.

Gegen Morgen wird an den oben erwähnten Blütenstengel der wilden

Banane ein Strick aus Bananenfasern gebunden und dieser über die

Erde geschleift. Der Irigo stellt ein Rind vor; die Mwai geht mit

einem kleinen Stöckchen hinterher und treibt die „Kuh“. Die andern

Frauen greifen dann auch nach dem Strick, als ob sie die Kuh rauben

wollten. Die Mwai stößt den Hilferuf aus und sie lassen ihn wieder

fahren. Endlich wirft die Führerin den Strick auf die Erde. Die

Mwai ruft: „Laß das Fest noch nicht aufhören, mein Mann ist der

Soundso.“ Die Erklärungen, die mir gemacht wurden, klangen alle sehr

unwahrscheinlich. Die meisten Leute kennen die tiefere Bedeutung

mancher religiösen Zeremonien selbst nicht mehr.

Unterdes ist es Morgen geworden. Nun ist der Augenblick gekommen, die

Jungfrau aus dem Fest zu entlassen und sie dem Leben wiederzugeben. Die

Frauen singen:

~Mwai, twakudoka shuke,

kangi twakudoka kirama.~

Das heißt: Mwai, wir ziehen dir nun wieder ein gewöhnliches Kleid an,

wie es die andern Leute auch tragen.

[Illustration: Bogenschützen aus Pare.]

[Illustration: Aus dem Mädchenfest: Zwei Novizen mit ihrer Führerin.]

[Illustration: Einholen der Novizen zum letzten Mädchenfest.]

[Illustration: Negertanz.]

Eine Frau bringt ein Schurzfell, welches heute nach der Zeremonie

gewöhnlich bald mit einem Stück Baumwollstoff vertauscht wird. Auch

Perlschnüre werden ihr umgehängt. Die Mwai weint bei dieser Handlung,

durch die sie vor einen neuen Lebensabschnitt gestellt wird.

Sämtliche Frauen gehen alsdann mit ihr vor die Hütte. Hier wirft sich

eine von ihnen auf eine Kuhhaut und legt die Mwai über sich, ähnlich

wie wir es bei der Beschneidung sahen. Haben die Frauen festgestellt,

daß die Mwai noch nicht defloriert ist, so stoßen sie alle die

Freudentriller aus, und die Mutter sagt wohl: „Ich habe doch eine

verständige Tochter geboren, die mich nicht vor allen Leuten beschämt.“

Die Mwai wird mit Butter gesalbt, man bindet ihr den Lederschurz

wieder um, und nun wird sie viermal unter Freudentrillern in die Höhe

geworfen, wobei die Frauen singen: ~Karya ng’ombe, karya ng’ombe, eya

he he!~ = iß die Kühe, iß die Kühe! Dadurch geben sie ihrer Freude

Ausdruck, daß der Mutter nun die beiden Ziegen (Kühe), die der kommende

Bräutigam für die Jungfrau zu zahlen hat, nicht verloren gehen. Dem

Mädchen wird gesagt: „Nun bist du eine ~mwai wa shuke~“ = eine

bekleidete Jungfrau, die sich wieder außerhalb der Hütte aufhalten darf.

Am Nachmittag kommt der Onkel der Mwai mit vier oder sechs

Kürbisflaschen voll Bier und ebenso vielen Frauen, die ihm das Bier

tragen. Um die vorderste Flasche ist ein Ledergürtel gebunden, den die

Mwai als ein besonderes Geschenk von ihrem Onkel erhält. Die Jungfrau

wird bei seiner Ankunft von ihrer Führerin auf den Rücken genommen und

alle umgehen das Haus in feierlichem Zuge viermal, indem sie wieder

wie oben aus Freude ob der Unbescholtenheit des Mädchens singen:

~Karya ng’ombe, halele kitonga ni ndoyo, halele nitamya.~ Die

Gäste erhalten Bier und bleiben bis zum Abend oder gar wohl die Nacht

hindurch beisammen.

Die Mwai sitzt jetzt tagsüber nahe beim Hause im Freien und schlägt

ihre Trommel wie zuvor. Weitere Ausgänge oder Hausarbeiten wie Wasser

und Holz holen darf sie immer noch nicht übernehmen. Auch spricht sie

mit jüngeren Männern nur nach Erhalt kleiner Geschenke. Noch eine

oder gar mehrere Wochen vergehen. Dann ruft die Mutter wiederum ihre

Gespielinnen, jene kleinen und größeren Mädchen, damit sie die Mwai auf

ihrem ersten Ausgang begleiten. Die Vaasu nennen das ~kuramosha~

= aufs Feld bringen. Der geeignete Tag ist der zweite oder vierte

Wochentag. Bald kann man ihren Gesang hören:

~Kushesha e, kushesha e,

kwakwe mwai, e,

kushesha ni kusheshera,

e hoye e, hoye.~

Das heißt:

Verweilen, verweilen,

verweilen muß die Mwai.

Verweilen das meint langsam gehen,

e hoye e, hoye.

Die Jungfrau wird mit diesem Lied erinnert, wie sie sich zu verhalten

habe. Fein züchtig muß sie auf die Erde schauen, langsamen, würdevollen

Schrittes einhergehen, ohne sich mit jemand zu unterhalten. Wie wir

noch sehen werden, haben auch die Knaben ähnliche Festregeln zu

beobachten.

Die Mädchen gehen so im Gänsemarsch weiter, bis sie an ein Gehölz

kommen. Dort muß sich die Mwai auf die Erde setzen und nach gewohnter

Weise ihre Trommeln schlagen. Ihre Freundinnen suchen inzwischen jede

eine Last Holz und binden vier Stücke zu einer besonderen Last für die

Mwai zusammen. Man zeigt ihr auch einen Ast, den sie mit einer Axt

abschlagen muß, da sie jetzt gewissermaßen im kleinen alle die Arbeiten

verrichten soll, die sie später als ~mwai wa shuke~ (bekleidete

Jungfrau) und Frau zu übernehmen hat. Die Mädchen legen der Mwai ein

Tragpolster (~ngata~) auf den Kopf und die Miniaturholzlast

darauf. Dann bekommt sie ein kleines Stöckchen, welches sie bis zum

Ende des Festes behält und das sie beim Gehen auf den nunmehr bald

erlaubten Ausgängen lose in beiden Händen vor sich trägt. Nachher, wenn

die Mwai endgültig aus dem Fest entlassen ist, wird dieses Stöckchen

verbrannt.

Die Mädchen nehmen ihre kleinen Holzlasten ebenfalls auf, und der

Zug setzt sich wieder dem Hause zu unter Trommelschall und Gesang in

Bewegung. Wenn die als eigentliche Festleiterin bestellte Frau sie im

Festhause hört, stößt sie den Freudenruf aus und kommt heraus. Der Zug

geht viermal um die Hütte herum, worauf die Frau der Führerin und der

Mwai ihre Lasten abnimmt. Sämtliche Tragpolster werden aufgehoben, um

nachher ebenfalls verbrannt zu werden. Im Hause werden die Mädchen dann

mit Bier und Speise bewirtet.

Nachdem sich alle gestärkt haben, treten sie wiederum vor die Hütte,

und die Frau setzt der Mwai unter Freudentrillern eine Kürbisflasche

zum Wasserholen auf den Kopf und sagt ihr: „Jetzt bist du eine Mwai wa

shuke, nun darfst du wieder Wasser holen wie die andern.“ Die Mädchen

gehen dann alle an die Schöpfstelle, um Wasser zu holen.

Des weiteren bringt die alte Frau das Mädchen in einen Bananenhain, um

ihr bei einigen Hackenschlägen die Hand zu führen. Bald sagt sie dann:

„Nun ist es Abend, du bist müde von der Arbeit, laß uns wieder nach

Hause gehen.“ Dort angekommen, bindet ihr die Frau nach Landessitte

einen kleinen Fasersack um, bringt sie in ein Bohnenfeld, führt ihre

Hände zu den Bohnen, und die Mwai pflückt einige davon. Damit ist sie

in alle diese Arbeiten, die ihr so lange untersagt waren, eingeführt

und darf sie in Zukunft wieder verrichten. Die Frau erbittet von den

Mädchen und auch von andern Leuten noch recht viele Perlschnüre, und

die Mwai wird damit so geschmückt, wie das Bild es zeigt.

Bei dieser Gelegenheit will ich wenigstens erwähnen, daß es außer

den hier beschriebenen Mädchenfesten noch eine Reihe anderer gibt,

die den besonderen Stämmen eigentümlich sind. Sie weisen mehr oder

weniger große Unterschiede auf oder sind ganz von den uns schon

bekannten Festen verschieden. Das letzte Frauenfest des Stammes derer

von Bwambo, der angeblichen Ureinwohner von Pare, heißt ~kuchungua

ngovi~. Sie haben die gute Sitte, daß vor erfolgter Menstruation und

dem sich daran anschließenden Fest bei ihnen ein Mädchen unter keinen

Umständen heiraten darf. Die Bilder zeigen drei Novizen (~vai~) mit

den eigentümlichen, über ¾ ~m~ hohen Kronen aus den jungen, noch

unentwickelten Blattrieben des Zuckerrohres. Diese einzelnen Feste

ausführlich zu beschreiben, würde hier zu weit führen.

Nach Ablauf einer oder mehrerer Wochen wird die Mwai „auf den Markt

gebracht“ (~kufwinya mwai kiete~). Jene „Frau des Festes“ legt dem

Mädchen allen Schmuck an, und die ganze Gesellschaft, die sich wieder

eingefunden hat, begibt sich auf den Markt. In dessen Nähe angekommen,

wird die Mwai von den Mädchen auf den Rücken genommen und getragen.

Auf dem Marktplatz wird sie auf Bananenblätter gesetzt, manchmal wohl

auch mit einem Tuch verhüllt. Andere wiederum stehen mit nach unten

gerichteten Augen ruhig da. Ist der Markt vorüber, wird die Mwai wieder

ein Stück des Weges auf dem Rücken getragen, um dann mit den andern zu

Fuß nach Hause zu gehen. Nun ist auch den weiter Fortwohnenden, die zum

Markt gekommen sind, bekannt geworden, daß die Jungfrau ihre Festeszeit

ordnungsmäßig beendet hat und damit zumeist heiratsfähig geworden ist.

Am nächsten Tage wird dem Mädchen das in langen Strähnen

herunterhängende Haar abgeschoren, von der Mutter sorgfältig

gesammelt, und auf den Dachboden gelegt, damit es ja nicht einem

Zauberer in die Hände fällt, der damit Unheil über das Mädchen bringen

könnte. Immer noch muß die Mwai die ihr eingeschärften Umgangsformen

beobachten, langsam gehen usw. Nach ungefähr einer Woche wird dem

Mädchen das neugewachsene Kopfhaar bis auf eine kleine Stelle rundherum

abgeschnitten. Die stehengebliebenen Haare werden wieder so mit dem

Saft von ausgekautem Zuckerrohr behandelt wie während der Festzeit

selbst. Nach Verlauf von ungefähr einem Monat wird das Haar noch

einmal abgeschoren, und die schon mehrfach erwähnte Frau nimmt der

Mwai den Stirnperlenkranz ab und stößt den Freudentriller aus. Die

Mwai entledigt sich selbst der übrigen Ketten und Schmuckstücke. Die

alte Frau richtet noch die für die moralische Auffassung unsrer Wapare

bezeichnenden Worte an die Mwai: „Nun bist du aus dem Fest entlassen.

Wenn wir dich jetzt sehen sollten, daß du dich mit den jungen Burschen

abgibst, so haben wir nichts dagegen.“ .. Die Jugend ist dahin. Bald

wird ein Mann, der oft seinem Alter nach ihr Großvater sein könnte, um

sie werben, und wenn die Eltern sehen, daß er reich oder vornehm ist,

dann haben sie viele Mittel an der Hand, das furchtsame heidnische

Herz der Tochter ihrem Willen gefügig zu machen und oft den geliebten

Jugendgespielen fahren zu lassen. Von ihm nimmt sie Abschied. Tränen

werden nicht dabei geweint, dazu sind sie beide zu stolz. Sie sagt ihm

wohl: „Ich muß ihn nehmen!“ Vor wenigen Wochen oder Monaten hatte man

ihr der Sitte gemäß beim „Tanz des Weinens“ das Festlied gesungen:

Du Jungfrau, du wolltest doch weinen,

nun weine!

Beweinst du nicht, was heute vorgeht?

Nur zu, bewein’ es.

Das ist das Ende, das Allerletzte!

Wahrscheinlich hatte sie den Sinn dieses wie so mancher anderer

Festlieder nicht verstanden. Aber bald dämmert ihr die Erkenntnis, daß

sie damals wirklich Grund zum Klagen gehabt hat. Es war „das Ende,

das Allerletzte“ der schönen, sorglosen Jugendzeit. -- -- -- In den

kommenden Jahren der mühsamen Feldarbeit und aufreibenden Nachtwachen

in dürftigen Wachhütten wird die bald verblühte Frau oft an ihre

sorglose Jugendzeit denken, die sie zum größten Teil verbracht hat als

~Mwai wa nyumba.~

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Die ersten Lebensjahre des Knaben.

=Der Zahnzauber= (~kusirika~).

Nachdem wir uns das Hauptsächlichste aus den Frauenfesten vor Augen

geführt haben, wollen wir nun versuchen, die bedeutendsten Ereignisse

im Leben des Knaben kennenzulernen. Über den Zahnzauber der Mädchen ist

das meiste schon unter S. 31 ff. gesagt worden und braucht hier nur

noch das eine oder andre nachgeholt zu werden.

Im Banne der Furcht · 第 3 / 22 段