Im vierten Monat wird das Paremädchen in die Behandlung einer

älteren Frau, der Mwasirika gegeben. Deren Aufgabe besteht darin,

das Durchbrechen der zwei unteren und oberen Schneidezähnchen zu

überwachen. Vor allem muß sie verhüten, daß die oberen vor den unteren

herauskommen. Zuerst „bringt sie die Zähne zusammen“ (~kuvunganya

majego~), indem sie unter ziemlichem Druck eine Massage des

Zahnfleisches nach der Mitte hin ausübt. Damit aber ja nicht etwa die

oberen oder seitlichen Zähne auch schon durchbrechen, streicht sie

auf jene Teile des Kiefers eine Zaubersalbe, die aus Eidechsenkot und

einigen Kräutern besteht. Diese „Behandlung“ wird einen Monat lang

fortgesetzt, und zwar geschieht es im Lichte der auf- und untergehenden

Sonne, die bei unsern Wapare verehrt wird. Im selben Monat bindet die

Mwasirika dem Mädchen eine Schnur um den Hals, die aus dem Bast einer

weißen Banane besteht. Daran bindet sie ein ganz kleines hölzernes

Gäbelchen (vom Mrushu-Baum) mit zwei Ausgängen, entsprechend den zwei

neuen Zähnen, die „herausgebracht“ werden sollen. Dieses Amulett heißt

Mlinga. Im nächsten Monat macht sie mit dem langen Nagel des Daumens

der rechten Hand da, wo die beiden Zähne zu erwarten sind, einen

Schnitt ins Zahnfleisch des Unterkiefers. Das austretende Blut wird mit

einem Blatt des Mdangu-Strauches abgewischt und auf die zwei wunden

Stellen eine Salbe aus Asche und Salz gelegt, welche „gräbt“ und das

Zuheilen verhindert. Dann hält sie das Kind hoch in der Richtung nach

Sonnenaufgang und -untergang, sie „übergibt es der Sonne“, damit auch

sie das Wachstum fördere.

Am nächsten Tage wird der Eiter, der sich auf der Wunde gebildet hat,

mit einem Blatt des Mdangu-Strauches entfernt. Mit einer zugespitzten

Kohle werden die Wundränder noch ein klein wenig auseinandergedrängt,

und die Wunde wieder mit Asche und Salz bestreut. Mit dem kleinen

Gäbelchen streicht die Frau dann zwei oder viermal über das Kinn nach

oben. Sie darf nicht etwa fünfmal streichen, da dann ein fünfter

Zahn durchbrechen könnte, der dem Leben des Kindes ein Ende machen

würde. Diese Behandlung wird solange morgens und abends fortgesetzt,

bis die unteren Zähne durchgekommen sind. Dann wendet die Frau ihre

Aufmerksamkeit dem Oberkiefer zu, um auch da das Durchbrechen der Zähne

zu überwachen und vor allem zu sehen, daß die beiden mittleren Zähne

zuerst durchbrechen. Sind diese auch glücklich zum Vorschein gekommen,

dann ist die Tätigkeit der Mwasirika beendigt.

Die Mutter des Mädchens darf in dieser ganzen Zeit kein Kleid nähen, da

ja entsprechend jedem Nadelstich ein Zahn bei dem Kinde hervorbrechen

könnte. Auch keinen Pilz wird sie ausgraben, da er nur „eine Wurzel“

hat (ungerade Zahl) und vielleicht die Veranlassung würde, daß statt

der erwarteten zwei bzw. vier Zähne nur einer durchkäme. Im übrigen

muß sowohl die Mutter des Kindes wie auch die behandelnde Frau in

jeder Weise enthaltsam leben. Andre Gewohnheiten und Gebräuche lassen

sich hier schlecht wiedergeben, nur will ich noch erwähnen, daß es

verpönt ist, die Zähne bis zu einer gewissen Zeit beim wahren Namen zu

nennen. Sie heißen vielmehr Vujembe, die kleinen Hacken, eine Sitte,

die uns erst dann verständlich wird, wenn wir wissen, daß durch solche

kleinen Kniffe die dämonischen Kräfte getäuscht werden sollen. (Vgl. S.

198-200.)

[Illustration: Schlucht im Pare-Gebirge.]

[Illustration: +Einst+

gab es keine andre Möglichkeit, Afrika zu bereisen als auf diese

mühsame Weise, und die Parole war „~mpoa, mpoa~“ = „langsam und

vorsichtig“.]

[Illustration: Phot.

Lutteroth.

+Jetzt+

ist das Land von einem Eisenbahnnetz überzogen. -- Vor Abfahrt der

Zentralbahn.]

Die Mühe, die sich die Leute beim Überwachen dieses Vorgangs nehmen,

hat ihren Grund wieder in einer abergläubischen Furcht. Die Regel

bei ihnen ist folgende: Zuerst die unteren mittleren Zähnchen. Der

Mondmonat, in dem das geschieht, muß unter allen Umständen vorüber

sein, ehe die oberen Zähne durchbrechen. Kommen die oberen noch im

selben Monat, oder kommen sie gar zuerst, oder kommen die oberen wohl

im rechten Monat aber fast gleichzeitig mit anderen mehr seitlichen

Zähnen, so ist damit dem armen Kinde das Todesurteil gefällt. Die

Vaasu sagen dann: ~Mwana abuka ijego~ -- dem Kind ist ein

Zahn herausgeplatzt; während der normale Ausdruck lautet: ~Mwana

akweža ijego~ -- es hat gezahnt. Im ersteren Falle wird die ganze

Verwandtschaft des Mannes und der Frau zusammengerufen und ihnen

gesagt: „Beseht euch das Kind! Das ist nicht unser Kind! Wir haben

etwas Schlechtes bei ihm gesehen!“ Wenn dann die andern den unzeitig

hervorgekommenen Zahn bemerken, sagen sie: „Was sollen wir da tun? Nun

kann das Kind nicht am Leben bleiben, sonst werden wir alle sterben

müssen.“ Ist das Urteil im Familienrat gefällt, dann stimmen alle die

Totenklage an und holen die Schüsseln, Geräte und Kleider des Kindes

herbei. Später tragen die Verwandten das Kind und alle seine Sachen in

den Busch. Kleine Kinder wurden einfach an den Felsen hinabgestürzt,

größere erstickt. Man legte sie auch wohl, wenn sie schliefen, an das

abschüssige Ufer eines Teiches oder einer hohen Klippe. Wachten sie

später auf, dann wurde ihnen die erste Bewegung verhängnisvoll. Die

Mutter saß währenddessen zu Hause und sang ein ergreifendes Klagelied:

O weh, o weh!

Mein Kind, mein Kind!

Wenn ich’s (das Unglück) bekriegen könnte,

ich würde es bekriegen.

Wenn ich es zertreten könnte,

ich würde es zertreten.

O weh, o weh!

Mein Kind, mein Kind!

Ihr Geister, warum habt ihr euch nicht besonnen,

warum habt ihr mir mein Kind genommen?

Ach hätt’ ich doch für es sterben können,

wie gern würd’ ich ihm das Leben gönnen.

Nun wird keiner in meinen Armen schlafen!

O weh, o weh!

Es ist ergreifend, von solcher Klage zu hören und diese Nöte des

Heidentums kennenzulernen. Viele Frauen wollen in ihrem Schmerz

Selbstmord begehen. Wohl hat die Regierung derartige Greuel verboten;

aber der Aberglaube und die Furcht sind größer als die Scheu vor der

Regierung, und solche Kinder werden auch heute noch heimlich aus dem

Wege geräumt.

Es ist früher schon vorgekommen, daß ein Vater sich weigerte, trotz

des Unglückszahnes sein Kind töten zu lassen. Einige Fälle sind mir

bekannt geworden. Das Kind wuchs auf, aber ein Verwandter nach dem

andern mußte sterben. Das Orakel sagte: „Da ist einer, der euch alle

umbringen wird. Nur sein Tod kann die Geister versöhnen.“ Das Kind

war nun mittlerweile, wie in einem mir mitgeteilten Falle, zum Manne

herangereift, der Frau und Kinder hatte. Nachdem mancher Versuch, ihn

mit Gift zu ermorden, mißlungen war, lud man ihn einst zum Essen ein.

Als er seine Hand in die Schüssel tauchte, wurde er überfallen und

erwürgt. Auch die Kinder mußten sterben, um den Zorn der Ahnengeister

zu besänftigen.

Im Banne der Furcht! --

Sind die vier Zähnchen gut durchgebrochen und auch in dem betreffenden

Monat keine weiteren hinzugekommen, so wird ein kleines Fest

veranstaltet, das heißt „das Kind zeigen“ (~kuvonyesha mwana~,

oder: ~kuvambaža mwana~). Allen erschienenen Männern und Frauen

wird das Kind „gezeigt“ und jeder muß sich die Zähne ansehen. Die

Gäste begrüßen die glücklichen Eltern mit dem Gruß, der heimkehrenden

Kriegern oder sonst Leuten, die einer schweren Gefahr entronnen sind,

zuteil wird. Dabei werden Vater, Mutter und die nächsten Verwandten

tüchtig an den Ohren in die Höhe gezogen, eine Zeremonie, deren

Bedeutung mir nicht ganz klar geworden ist. (Vgl. Entsühnung nach dem

Genuß eines toten Tieres. S. 178.)

Die Frau wird mit den Worten begrüßt: „Freundin, Heil dir!“ und sie

erwidert: „Das geht uns alle an“ (denn wenn das Kind ein „Zahnkind“

geworden wäre, wären wir alle in gleiche Todesgefahr geraten; und

wenn es hätte getötet werden müssen, dann wäret ihr ja ebenso traurig

gewesen wie ich). Auch der Vater und die Verwandten werden ähnlich

begrüßt. Die Besucher bringen dem Kinde kleine Geschenke mit,

Perlenschnüre, Geld oder gar ein Stück Baumwollstoff. Die „Arzneien“

(Zaubergeräte) werden von der Mutter mit einem Säckchen voll Mais und

einer Kürbisflasche voll Zuckerrohrbier zu der Frau gebracht, die die

Zahnbehandlung gegeben hat. Der Säugling ist nunmehr in einen neuen

Lebensabschnitt eingetreten, und die größten Gefahren, die das kleine

Wesen schon in frühester Jugend bedrohten, sind glücklich überstanden,

zur nicht geringen Freude der Eltern, die bis dahin oft genug für sein

Leben haben zittern müssen.

=Schutzzauber= (~kikobwa~).

Die Kinder werden in einem Lederbeutel oder in einem Tuch auf den

Hüften oder dem Rücken der Mutter getragen, in welcher Lage sie schön

in Schlaf gewiegt werden. Etwa vom zweiten Monat nach der Entbindung

an geht die Frau ihrer gewohnten Beschäftigung im vollen Umfange

wieder nach. Will sie auf dem Felde arbeiten, nimmt sie das Kind mit

und setzt es auf dem Acker in den Schatten eines Baumes. In den ersten

Monaten wird aber ängstlich darauf geachtet, daß nicht viele Leute das

Kind zu sehen bekommen, aus Furcht vor dem bösen Blick und sonstiger

Verzauberung. Das gilt im besonderen für die Zeit, solange die Zähne

noch nicht durchgekommen sind, also die Möglichkeit besteht, durch

Verzauberung diesen Vorgang ungünstig zu beeinflussen.

Zum Schutz gegen diese Zauberer wird frühzeitig ein Medizinmann

gesucht, welcher der Mutter und dem Kinde ein Amulett (~kikobwa~)

macht, das beide vor den bösen Einflüssen schützt. Dazu schneidet er

etwa 4 ~cm~ vom Hals einer Kürbisflasche ab. In diesen Zylinder

werden von Fuß und Hand je ein Stückchen Zehen- bzw. Fingernagel, des

weiteren ein kleines Büschel Haare und etwas Erde hineingetan, auf

die man vorher den Schatten der Hände, der Füße und des Kopfes der

Mutter hat fallen lassen. Die Wahl dieser Mittel läßt sich aus dem

Seelenglauben der Neger erklären. (S. 164. 165.) Die Öffnungen des

Behälters werden mit Wachs verschlossen. Dieses Amulett trägt das

Kind an einer Schnur um den Hals. Für die Mutter wird ein gleicher

Zauber bereitet und mit Nägeln und Haaren usw. des Kindes gefüllt.

Der Medizinmann nimmt nun eine Schale mit Bier, setzt sich an dem

Opferplatz neben der Haussäule auf die Erde und gießt etwas von dem

Bier als Trankopfer für die Ahnengeister auf den Boden. Dabei betet er:

~Nkoma nijenjani, ambu nekirita, nde nywi vabaha, nemuarira. Ambu

twekivona vwedi aho mtondo tunemukumbukawa!~ = Geister, helft mir!

denn wenn ich auch hier behandle, ihr bleibt die Großen, denen ich

vertraue. Wenn alles glücklich abläuft, so werden wir uns euer erinnern!

Der Rest des Trankopfers wird an die Hausbewohner verteilt, auch

die kleinen Kinder trinken davon. Anschließend findet ein kleines

Biergelage statt, bei welchem der Medizinmann den Eltern die Sorgen

ob der Zähne des Kindes und seiner weiteren Entwicklung damit zu

verscheuchen sucht, daß er sie auf den Schöpfer hinweist: ~Kiumbi ni

kibaha~ = der Schöpfer ist groß, ihr habt eure Pflicht getan, nun

laßt ihn sorgen!

Dem Kinde wird das Haupthaar nicht eher abrasiert, als bis es laufen

kann. Die Mutter läßt dementsprechend ein Haarbüschel auf der Mitte des

Kopfes stehen. Wird das Kind nachher krank, so wird es zum Hausarzt

gebracht, der es behandeln muß. Nachdem die Zahnung glücklich vorüber

ist, und das Kind laufen kann, wird der Arzt wieder gerufen. Er bringt

den Ahnengeistern das versprochene Speis- und Trankopfer dar mit den

Worten: „Habt Dank, ihr Geister, nun wissen wir, daß ihr mächtig seid

und helfen könnt. Helft dem Kinde weiter; wenn es groß ist, wird es

euch seinen Dank bringen.“

Der Rest des Trankopfers wird von allen Anwesenden getrunken, dann

wieder andres Bier eingegossen, um dem Kinde und der Mutter den Kopf

damit zu waschen, nachdem der Medizinmann ihnen die Haare abrasiert hat.

Beschneidung des Mädchens (~kuiva~).

Ist das Mädchen ungefähr vier Jahre alt geworden, dann sagt die

Mutter zu ihrem Manne: „Jetzt wird es Zeit, daß wir unser Mädchen

beschneiden lassen, damit sie nicht das Messer (mit Verstand) sieht“,

d. h. versteht, was an ihr vorgenommen werden soll und aus Angst vor

dem Messer fortläuft. Die Eltern beschaffen Speisevorrat für das

Beschneidungsfest. Auch ein Ziegenbock wird bereitgehalten. Dann

wird für den zweiten oder vierten Wochentag nach ihrer Zählung das

Beschneidungsfest angesagt. Eine ältere Frau führt gewöhnlich die

Operation aus.

Die Beschneidung findet im Busch nahe bei dem Hause statt. Die Frau

bindet dem Mädchen je eine Zauberschnur um den rechten Fuß und um das

Handgelenk. In diese Schnur hat sie unter Beschwörung Zauberknoten

hineingemacht, die den allzu reichlichen Blutverlust verhindern sollen.

Nachdem die anwesenden Frauen sich im Kreise aufgestellt haben, um

jedem etwa heimlich Zuschauenden die Aussicht zu versperren, nimmt

eine Frau ihre Kleider ab und legt sich auf die Erde. Das Mädchen wird

nun auf diese Frau gelegt, und sofort treten einige andre hinzu, die

es an Armen, Kopf und Beinen festhalten. Die Operateurin schneidet

dann schnell die Klitoris ab und verbirgt sie in einem kleinen Ballen

Kuhmist. Auch das Blut wird sorgfältig damit aufgetupft, um nichts

davon in die Hände eines bösen Zauberers fallen zu lassen, dem damit

die Macht gegeben wäre, das Kind zu verhexen. Diese Kotkugel wird

in einem Spalt in der Hauswand versteckt und mit Lehm verklebt. Das

Mädchen wird nach Hause getragen, nachdem man ihm eine Zauberschnur

um den Leib gebunden und auf die Wunde etwas Butter gebracht hat.

Die Operateurin bekommt Bier und einen Vorderfuß der inzwischen

geschlachteten Ziege.

Die Wunde wird jeden Tag mit einer Feder gereinigt, bis nach einigen

Wochen die Heilung eingetreten ist. Im Anschluß daran müssen sich die

beiden Eheleute noch einer eigenartigen Zeremonie im Hause unterwerfen,

deren Wiedergabe hier nicht angängig ist.

Nach der Beschneidung wartet das Mädchen ungefähr vier Jahre, um dann

das nächste Frauenfest (~kuaika~) durchzumachen. Inzwischen

unterrichtet die Mutter es im Ackern und Kochen. Auch übt es sich im

Tanzen, darf es doch bald die Tanzfeste besuchen.

[Illustration]

Viertes Kapitel.

Das erste Frauenfest.

(~Kuaika.~)

Mittlerweile ist das Mädchen etwa 7-9 Jahre alt geworden, und die

Eltern denken daran, es in die Mysterien einzuweihen. Wenn ich schon

die allgemeine Bitte voraussandte, keine erschöpfende Beschreibung

aller hierher gehörigen Vorgänge zu erwarten, so möchte ich diese

Bitte hier mit Bezug auf die Feste wiederholen. Man hat ja versucht,

mit Alkohol und Geld die Zunge der Neger zu lösen. Es dürfte dies

aber kaum der richtige Weg sein, denn dazu sitzt die abergläubische

Furcht dem Neger zu tief im Herzen. Bei unsern Christenfrauen ist diese

Furcht nicht mehr vorhanden, und so brauchen sie keine Rücksichten zu

nehmen. Sie erzählen auch alles bis ins kleinste, wie es auf diesen

Festen zugeht. Diese Beschreibungen bieten aber eine solche Fülle von

Stoff, enthalten eine derartige Menge von schwer zu beschreibenden

und auch höchst anstößigen Dingen, daß ich es mir versagen muß, hier

darauf einzugehen, und mich deshalb nur auf die äußeren Umrisse

beschränken werde. Auch die vielen Lieder, die da gesungen werden,

bieten, abgesehen von ihrem fast durchweg erotischen Inhalt, wegen

ihrer poetischen und altertümlichen Sprache der Übersetzung die größten

Schwierigkeiten. Die Leute selbst verstehen den Sinn der Lieder zum

Teil nicht mehr.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich über die Wocheneinteilung noch etwas

sagen, da noch manchmal darauf Bezug genommen werden wird. Die Woche

heißt ~ndisha~, gebildet von dem Stammwort ~kurisha~, hüten.

Es ist die Hütewoche und zählt sechs Tage, nach welchen sich die Hirten

ablösen. Der erste Tag heißt ~nguta~, dann zählen sie weiter:

~ndisha keri~ = zweiter Hütetag, ~ndisha katatu~ = dritter

Hütetag, bis zum fünften Tage. Der letzte Tag heißt ~žekisia~ =

wenn sie (die Hütewoche) aufhört.

Vor ungefähr 25 Jahren soll einer ihrer Propheten, vielleicht unter

dem Eindruck der christlichen Festtage, von denen sie Kunde erhalten

haben werden, den ersten und letzten Tag der Woche zu Feiertagen

gemacht haben. Heute wird an den Tagen Nguta und Zekisia (dem ersten

und letzten Tag der Woche) bei den Wapare auf Befehl eines ihrer

großen Medizinmänner nicht geackert. Andre Arbeit ist erlaubt. Der

zweite und vierte Wochentag sind die wichtigsten, an welchen man

z. B. dem Schwiegervater die Morgengabe überreichen kann. Auch für die

Frauenfeste sind diese Tage von Bedeutung.

Für das Fest legen die Eltern einen Speisevorrat zurecht. Zekisia,

also am letzten Wochentage abends kommen 10-20 kleinere Mädchen zu

der Novize, um bei ihr zu schlafen. Diese Mädchen heißen ~vabora va

masambi~ = Schamschurzmädchen, denn sie tragen noch zwei Felle, ein

langes hinten und ein kürzeres vorne. Ist das Mädchen in die Mysterien

eingeweiht, so trägt es nur noch das bis an die Knie reichende vordere

Fell, um auch dieses nach der Verheiratung gegen den eigentlichen

Frauenfellschurz einzutauschen. Es wird dann entweder an jüngere

Geschwister abgegeben oder als letztes Zeichen der Jungfrauenschaft

zerrissen und fortgeworfen.

Am ersten Wochentage morgens ganz früh binden diese Mädchen der Novize

so viele Bananenbastschnüre um den Leib, daß die beiden Schurzfelle

darunter vollständig verschwinden. Dann kommen zwei alte Frauen,

begrüßen den Vater und die Mutter und setzen sich erst ruhig hin,

um sich dann plötzlich auf des Hauses Tochter zu stürzen, indem sie

versuchen, ihr die beiden Schamschurze zu entreißen. Die kleinen

Mädchen umgeben ihre Freundin, um sie zu „schützen“, aber mit Hilfe

der Eltern gelingt es den beiden Frauen doch, die vielen Stricke,

unter denen die Felle versteckt waren, zu durchschneiden. Nachdem

eine Frau die beiden Felle gelöst hat, eilt sie vor die Hütte und

stößt Freudentriller aus, in welche die andern Frauen einstimmen.

Währenddessen sitzt das kleine Mädchen im Hause und weint:

~Woyami, isambi langu mcheku,

mcheku wanishina,

waniaika ne mdori,

wajiwa ni ani vujikwi,

wajiwa ni ani kapombe.

Kave ii misi muniagana.

Nanga namanya nikaaha.~

Das heißt in der Übersetzung etwa:

O weh Mutter, wo ist mein Fell,

warum, o Mutter bist du mir böse?

Warum muß ich ins Fest so schnell?

Wer wird nun für dich auf Holzsuche gehn,

wer wird für dich künftig Wasser holen?

(Das ist ihr in Zukunft nicht mehr erlaubt.)

Gegen mich habt ihr euch dieser Tage verbündet,

hätt’ ich’s gewußt, ich wär’ fortgelaufen.

Die Mutter macht dem Weinen aber dadurch ein Ende, daß sie sagt: „Mach

uns hier nicht nervös, wer ist dir denn gestorben, daß du so weinst?“

Das Mädchen bekommt vorläufig die beiden Schurzfelle wieder. Dann fängt

die alte Frau an, sie mit Asche einzureiben, und das Mädchen selbst

pudert sich am ganzen Körper damit ein. Das ist nun vier Tage lang ihre

Arbeit, während welcher Zeit sie sich nicht waschen darf. Auch jeder

Junge oder Mann, der in die Nähe der Hütte kommt, erhält von ihr ein

Aschezeichen auf den Fuß.

Am Abend wird das Kind von zwei Mädchen besucht, die schon eingeweiht

sind, das Fest aber noch nicht beendigt haben. Sie heißen ~vai va

nyumba~. Zugleich kommen auch eine Menge junger Mädchen und Männer,

um im Hause der Novize die berüchtigten Bauchtänze (~viravu~)

zu veranstalten. Die Tänze an und für sich wirken auf die Leute

äußerst erregend, und den Abschluß bilden die schlimmsten Orgien

in den Nachbarhäusern oder auch im Freien. Die Mädchen tragen bei

diesen Tänzen ihre Kleider, die Vortänzer der Männer haben nur einen

Lendenschurz aus Bananenblättern an. Sie stampfen beim Tanzen mit dumpf

dröhnenden Bambusstangen auf die Erde. Diese Viravu-Tänze werden vier

Tage lang abgehalten.

Am fünften Tage findet die „Beraubung“ (~kidedeho~) statt. Männer

und die kleinen Mädchen haben keinen Zutritt, nur Frauen und die

Mädchen, welche das Fest schon hinter sich haben. Die beiden Vai va

nyumba zeigen der Novize, wie sie sich zu verhalten hat. Sie muß fein

züchtig auf den Boden schauen und darf sich nicht einmal den Schweiß

abwischen, dafür hat sie sowie die andern beiden Vai ihre Helferin

(~mkunjiga~). Die Beraubung findet auf dem Boden des Hauses statt.

Nur die Novize und einige alte Frauen und Verwandte des Mädchens

begeben sich dorthin. Die Leiterin faßt das Mädchen an dem Arm und

setzt sie viermal einer jeden Frau in den Schoß. Bei der letzten Frau

angelangt, werden dem Mädchen endgültig alle seine Kleidungsstücke

abgenommen und die Festabzeichen angelegt. Die Frauen singen dabei

folgendes Lied:

~Tunemuhambua, tunamunke vingi,

twekimunka vingi, vinamuazere!~

Das heißt:

Wir werden sie berauben, und andres dafür geben,

auch das, was wir ihr geben, wird sie sehr gut kleiden.

Nun bekommt sie statt der Perlenschnüre Eisenketten um Hals und Leib,

sowie Ketten aus Kaurimuscheln, eiserne Hals- und Armbänder und einen

Schamschurz, der aus lauter kleinen länglichen Eisenschellen besteht.

Die Novize ist jetzt das geworden, was die Vaasu mit „Jungfrau

des Hauses“ (~mwai wa nyumba~) bezeichnen. Sie wird von der

Festleiterin über ihre neuen Pflichten belehrt: „Du darfst nun nicht

mehr ans Sonnenlicht gehen, dein Aufenthaltsort ist dieses Haus. Nur

nach Sonnenuntergang darfst du das Haus verlassen und dich draußen

aufhalten. Wenn jemand ins Haus kommt, so flüchte in den äußersten

Winkel; wenn jemand vorbeigeht und ins Haus hineingrüßt, so darfst du

als Antwort nur pfeifen. Mit keinem Manne oder Knaben sollst du dich

abgeben.“ Dies ist ein besonders wichtiges Gebot. Denn es kommt vor,

daß eine solche Mwai in den Jahren, die sie nun im Hause zubringen muß,

schwanger wird, besonders wenn der Vater aus Armut oder andern Gründen

diese Zeit der Jungfrauschaft ungebührlich lange ausdehnt. Solche

Mädchen heißen ~kirya~. Sie werden aus der Volksgemeinschaft

ausgestoßen. Dem Mädchen wird das Fell eines Schafes auf den Rücken

gebunden, dann wird ein Loch in die Lehmwand des Hauses gemacht und es

durch diese Öffnung, das Symbol des Grabes, hinausgetrieben. Allein

muß es irgendwo weit von den Seinigen die Niederkunft abwarten. Nie

darf es nach Hause zurückkehren. Sieht die Mutter es zufällig später

einmal auf dem Markt, so kehrt sie sofort um und weint, weil sie „die

Tote“ wiedergesehen hat. Wenn sie vertrieben worden ist, stimmen die

Zurückbleibenden den Totengesang an. Die Mutter klagt:

O weh, wie schmerzt der Abschied so sehr,

mein Kind, wenn ich rufe, antwortet nicht mehr.

Daß das Unheil käme über den Bösen (Verführer)!

Wenn auch mich der Tod doch wollte erlösen

von dem Schmerz, hier ohne mein Kind zu sein!

Bei einem Volke wie unsern Vaasu, die den Kindern den freien

geschlechtlichen Verkehr, man kann ruhig sagen, zur Pflicht machen,

sind es natürlich auch in einem solchen Falle nicht etwa moralische

Bedenken, die zur Ausstoßung der Tochter führen, sondern wiederum

die Furcht, die Ahnengeister würden sie bei Nichtbefolgung der

althergebrachten Sitte umbringen.

Die Mwai wa nyumba führt ein sehr sorgenfreies Leben, besonders wenn

noch viele andre Mädchen ihrer Altersklasse im gleichen Feste sind

und sie sich auf den nächtlichen Viravu-Tänzen treffen können, wo sie

dann mit ihren Trommeln den jungen Leuten zum Tanz aufspielen. Denn

ihre Hauptbeschäftigung zu Hause ist die, etwa sechs Handtrommeln zu

schlagen, die sie mit den Stielen zwischen ihren Beinen festklemmen.

Noch heute klingt mir das melancholische Ping-ping, peng-peng,

pang-pang, pong-pong, pung-pung der abgestimmten Trommeln in den Ohren,

das ich so oft beim Ritt durch die Landschaft aus den Hütten schallen

hörte. Wenn eine Mwai Tanzgesellschaft zu sich einladen will, setzt sie

sich nach Sonnenuntergang vor die Tür und trommelt. Kurze Besuche oder

Ausgänge darf sie ganz früh morgens oder abends machen, doch muß sie

von einer Helferin begleitet sein. Früher blieben die Mädchen oft 5-6

Jahre im Hause. Heute ist diese Sitte durchbrochen, da die meisten Vai

schon fröhlich in die Schule kommen. Nur die Helferin geht auch heute

noch dem Mädchen, das nur alte Kleider anziehen darf, voraus. So paßt

sich das Heidentum den Forderungen und Bedürfnissen der Neuzeit an,

und es entstehen neue Sitten, die die Alten erst mit Verwunderung und

Verachtung betrachten. Aber der Zeitpunkt ist nicht mehr allzufern, wo

die alten Sitten der Vergessenheit anheimgefallen sein werden und das

Christentum den Eingebornen bessere Werte gegeben hat. Da wird dann

vielleicht die alte Großmutter den staunenden Enkelkindern abends am

Feuer von den Tanzfesten, den Trommeln und Schellen erzählen und von

dem Leben, das sie vor vielen, vielen Jahren geführt hat als

Mwai wa nyumba.

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Das zweite Frauenfest.

(~Kufwinya~ = herausbringen.)

Im Banne der Furcht · 第 2 / 22 段