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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Für einige fremdsprachliche Begriffe wurden verschiedene
Schreibweisen verwendet. Diese wurden nicht vereinheitlicht, wenn die
einzelnen Varianten im Text mehr als einmal auftreten.
Die Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Kapitels versetzt.
Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Abweichende
Schriftvarianten werden durch die folgenden Sonderzeichen dargestellt:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration:
Phot. Geßmann.
Pare-Medizinmann]
Im
Banne der Furcht
Sitten und Gebräuche der Wapare
in Ostafrika
Erzählt von =Ernst Kotz=
[Illustration]
Advent-Verlag (E. V.)
Hamburg * Basel * Wien * Budapest * Den Haag
Text und Buchschmuck urheberrechtlich geschützt.
Meinem hochverehrten Lehrer,
Herrn Professor D. Carl Meinhof,
Direktor des Seminars für afrikanische und Südseesprachen
an der Universität zu Hamburg,
in tiefgefühlter Dankbarkeit gewidmet.
Zur Einführung.
Dem Wunsche des Herrn Missions-Sekretärs E. Kotz, seinem Buche ein
kleines Geleitwort beizugeben, entspreche ich mit aufrichtiger Freude
und wahrer Dankbarkeit. Aus genauer Kennerschaft von Land und Leuten
hat uns der Verfasser in diesem Buche eine wissenschaftlich völlig
einwandfreie Monographie über die +Wapare+ geschenkt, die für die
Völkerkunde von Ostafrika dauernd von großem Wert sein wird. Der Titel
„Im Banne der Furcht“ klingt freilich etwas belletristisch, aber wer
je ernsthaft über die Psyche der Farbigen in Afrika nachgedacht hat,
weiß, wie schwer jeder einzelne früher unter abergläubischen und
Wahnvorstellungen gelitten hat und wie erst durch die Bestrebungen der
Missionare und durch die Berührung mit anderen wohlmeinenden Europäern
diese schwere Last allmählich von den Schultern der Farbigen genommen
wird.
Es hat eine Zeit gegeben und sie liegt nicht einmal sehr ferne zurück,
in der es in vielen wissenschaftlichen Kreisen üblich war, die Mission
als solche gering zu schätzen und in jeder Art zu bekämpfen; kaum daß
die rein sprachlichen Arbeiten einzelner Missionare anerkannt wurden,
aber das ganze Missionswesen als solches galt als sentimental und
überflüssig, ja als staatsfeindlich, und es in jeder Weise einzuengen
und zu hemmen, erschien manchen fast wie eine wissenschaftliche
Pflicht. Gerade als ich 1885 als Direktorial-Assistent an das
Berliner Museum für Völkerkunde berufen wurde, war eine solche
Kampagne in vollem Gange. Ein Missionar hatte berichtet, er habe
einen ganzen Berg von Götzenbildern aufgetürmt, „eine Kanne Petroleum
und ein Streichholz“ und das Christentum hätte einen neuen großen
Sieg gefeiert; der Mann sollte zurückberufen und wegen Vernichtung
unersetzlicher wissenschaftlicher Schätze zur Verantwortung gezogen
werden. Ich sandte ihm damals aus eignen Mitteln einen bescheidenen
Geldbetrag und die unbescheidene Bitte, künftighin solche alte
Schnitzwerke erst genau zu studieren und dann an ein heimisches
Museum zu senden; damit war das Eis gebrochen; es entwickelte sich
rasch ein für beide Teile gleich vorteilhafter Verkehr zwischen
Missionaren aller Richtungen und dem Berliner Museum; zahlreiche
Missionare hörten Jahr für Jahr meine Vorlesungen an der Universität,
und auf dem Kolonial-Kongreß von 1910 konnte ich öffentlich erklären,
daß die Interessen der Mission und die der Völkerkunde durchaus
solidarisch seien. Von dieser wahren und echten Solidarität gibt das
hier vorliegende Buch ein in jeder Beziehung glänzendes Beispiel.
Frei von jeder törichten Prüderie berichtet es auch über allerhand
intime Vorgänge im Leben der Farbigen, die dem flüchtigen Reisenden in
der Regel völlig unbekannt bleiben und andererseits von den älteren
Missionaren fast durchwegs als „unanständig“ mit Bewußtsein ignoriert
wurden. Der Verfasser behandelt derlei Dinge aber in einer so absolut
dezenten und doch wissenschaftlich korrekten Art, daß niemand an seiner
Darstellung Anstoß nehmen kann.
Uneingeschränktes Lob verdienen auch die sorgfältig ausgewählten
und gut reproduzierten Abbildungen, deren Zahl schon an sich darauf
schließen läßt, daß der Verleger auf einen großen Absatz des Buches
rechnet. Tatsächlich wird es in keiner ethnographischen oder
afrikanistischen Bibliothek fehlen dürfen und ebenso wird es sicher in
den weiten Kreisen der Missionsfreunde sehr viele und begeisterte Leser
finden.
Ganz besonders aber sei das Buch den gebildeten Laien empfohlen, die
sich aus ihm rascher und leichter ein Bild von dem Geisteszustand
des farbigen Afrikaners machen können, denn aus sehr vielen größeren
Reisewerken. Diese Laien werden das Buch jedenfalls alle mit der
Anschauung aus der Hand legen, wie völlig verkehrt es ist, wenn immer
und immer wieder von schwarzen „Wilden“ gesprochen wird. Die Kultur der
Farbigen ist sicher eine ganz andere als die unserige, aber sie ist
darum nicht an sich schlechter.
=v. Luschan.=
Berlin, 10. April 1922.
Inhaltsverzeichnis.
Erstes Kapitel: =Negerpsychologie und Negersprache= 15
Zweites Kapitel: =Geburt= 22
Drittel Kapitel: =Die ersten Lebensjahre des Mädchens= 30
Namengebung 30
Zahnzauber 31
Schutzzauber 34
Beschneidung des Mädchens 36
Viertes Kapitel: =Das erste Frauenfest= 37
Fünftes Kapitel: =Das zweite Frauenfest= 42
Sechstes Kapitel: =Die ersten Lebensjahre des Knaben= 53
Der Zahnzauber 53
Erziehung bis zur Beschneidung und nachher 54
Die Beschneidung 57
~Kuliwa masoro~ 58
Siebentes Kapitel: =Das Waldfest= 60
Eine Skizze nach dem Leben über das Pare-Waldfest 73
Achtes Kapitel: =Die Heirat= 84
Werbung, Hochzeit, Haussklave 84
Ehescheidung 95
Einblick in die Negerküche 100
Neuntes Kapitel: =Auszüge aus dem Pare-Recht= 105
Das Familienrecht 105
Das Erbrecht 107
Das Vermögensrecht 109
Das Recht an beweglichen Sachen 113
Der Leih- und Kaufvertrag 114
Bürgschaft 117
Das Strafrecht 119
Diebstahl 120
Körperverletzung 121
Totschlag 121
Das Prozeßrecht 121
Zehntes Kapitel: =Technik und Wirtschaftsform= 130
Der Hausbau 130
Die Koch- und Hausgeräte 134
Die Schmiedekunst 138
Die Jagdgeräte 141
Die Kleidung 143
Ackerbau und Viehzucht 145
Elftes Kapitel: =Formen des Kultus bei den Wapare= 153
Allgemeine Seelenvorstellungen 153
Das Blut als Seelenträger 156
Die Wachstumsprodukte 159
Der Speichel 161
Ausscheidungsprodukte als Seelenträger 163
Die Seele im Blick 163
Hauch- oder Schattenseele 164
Der Name als Seelenträger 165
Der Seelenwurm und andre Seelentiere 167
Baumseelen 172
Flüsse als Seelenträger 174
Der Totemismus 176
Der Nkoma-Dienst und Opfergebräuche 178
Der Dämonen- und Fetischglaube 183
Der Vegetations- und Dämonenkultus 183
Der Fetischdienst 189
Die Himmelskörper 192
Zwölftes Kapitel: =Der Aberglaube im täglichen Leben= 194
Das Orakel 203
Dreizehntes Kapitel: =Der kranke Heide= 207
Wenn Heiden sterben 213
Vierzehntes Kapitel: =Mission, Islam und Neger= 219
Fünfzehntes Kapitel: =Dichten und Denken= 225
Sechzehntes Kapitel: =Die Not der Heiden und das Evangelium= 239
Verzeichnis der Kunstdruckbeilagen.
gegenüber Seite
Pare-Medizinmann (Titelbild)
Kilimandjaro am Abend 16
Goma-Wasserfall, oberer Teil 16
Goma-Wasserfall, unterer Teil 17
Schlucht im Paregebirge 32
Trägerkarawane 33
Vor Abfahrt der Zentralbahn 33
Bogenschützen aus Pare 48
Aus dem Mädchenfest: Zwei Novizen mit ihrer Führerin 48
Einholen der Novizen zum letzten Mädchenfest 49
Negertanz 49
Pare-Mädchen 64
Mwai mit Fellschurz und Schellengurt 65
Mwai vor der Hütte mit ihren Handtrommeln 65
Mgaia mit Ohrschmuck 80
Darstellung auf dem Markt nach Beendigung des letzten
Mädchenfestes 80
Tanz der Frauen beim letzten Mädchenfest 81
Pare-Frauen 81
Schülerinnen, im Vordergrunde ~vabora va masambi~ 96
Kleinkinderschule 96
Tor, das zum Festplatz in dem Hain des Stammesfestes führt 97
Christenfrauen beim Maisstampfen 112
Wapare beim Mpure-Essen 113
Muhamed bin Ali, Kihurio 128
Zahmer Hundsaffe mit seinem schwarzen Wärter 129
Kiondo in Tränen 129
Mwanangwa von Ntusu mit Frau und Kind 144
Hirsehüter in Ntusu 145
Eingeborene bei der Feldbestellung 160
Bananenstauden 161
Maisstapel 161
Große Wäsche am Mombobach 176
Missionszöglinge mit einer hl. Riesenschlange vor einem
Affenbrotbaum 177
Frau mit Elefantiasis 192
Taubenhaus aus übereinandergetürmten Bienenstöcken 192
Kleines Hospital auf der Missionsstation Friedenstal 193
Schlafkrankes Mädchen 193
Pare-Häuptlinge 208
Missionsdirektor Conradi überreicht dem Sultan von Majita eine
elektrische Taschenlampe 208
Taufe in Friedenstal, Südpare 209
Missionar Kölling und Pare-Lehrer 209
Missionsstation Majita 224
Sprachkonferenz in Friedenstal 224
Die Missionsglocke 225
Verzeichnis der Textzeichnungen.
Chirurgisches Messer 29
Senamwai 79
Zwei Quirle 100
Trinkschalen 101
Holzmörser und Stampfer 101
Töpfe 102
Kürbisflaschen 103
Hütte im Rohbau 131
Feuerstelle 132
Erfindung der „Herdringe“ 132
Mattensackgewebe 135
Wie ein Kitangu entsteht (Boden) 135
Fertiges Körbchen 135
Hocker 136
Werkzeuge des Fundi 137
Feuerzeug 137
Bienenstock 137
Schwerter 138
Buschmesser 138
Verschiedene Pfeilspitzen 139
Befestigte Pfeilspitzen 139
Umwickelter Pfeilgriff 139
Befestigen der Federfahnen am Pfeilschaft 139
Die Fahne der Feder wird stückweise von der Spule losgelöst 139
Einquirlen der Pfeilspitze in den Schaft 139
Bogen 140
Schild 140
Köcher 140
Würgefalle 142
Bohlenfalle, je nach Größe für Ratten und Raubtiere 142
Hacke und Axt 149
Ifingo 197
[Illustration]
Erstes Kapitel.
Negerpsychologie und Negersprache.
Wer auch immer mit den Schwarzen zu tun hat, sei es als Pflanzer,
Kaufmann, Beamter oder Missionar, ein ersprießlicher Verkehr kann sich
nur da entwickeln, wo man versucht, sich gegenseitig zu verstehen.
Dies verlangt aber ein Studium. Wißmann sagt einmal: „Gerade weil der
Neger die weit höhere Stellung des Europäers anerkennt, besteht das
wirksamste Erziehungsmittel darin, ihn bis zu einem gewissen Grade als
seinesgleichen anzuerkennen.“ Dieser Ausspruch ist interessant, weil er
den Standpunkt vertritt, den die Mission von jeher hat einnehmen müssen
und der vielfach als übertriebene Liebe zu den Eingebornen mißdeutet
worden ist. Nur auf diesem Wege findet man den Schlüssel zur Erkenntnis
der Negerpsyche.
Paulus schreibt an die Galater (4, 12): „Seid doch wie ich bin, denn
ich bin wie ihr!“ Wir dürfen den Schwarzen immer wieder sagen: Seid
doch wie wir, indem wir ihren sittlichen und kulturellen Stand zu
heben suchen; erkennt ja doch auch die Bibel die bevorzugte Stellung
Japhets Ham und verwandten Völkern gegenüber an. Aber der Nachsatz:
„denn ich bin wie ihr“, bewahrt entschieden vor einer der übelsten
tropischen Erkrankungen -- dem Tropenkoller. Boetcher schreibt in
seinem Buche „Rund um Afrika“, daß er nur wenige Europäer gesehen habe,
die im Verkehr mit den Schwarzen ihre natürliche Stimme beibehalten
hätten. „Sobald sie mit Negern sprechen, nimmt der Ton eine gewisse
Schimpffärbung an, in die einige Tropfen Galle geträufelt sind.“ Das
ist leider sehr wahr. Doch wer auch immer den Neger erziehen will, sei
es auf religiösem oder wirtschaftlichem Gebiet: in dem Augenblick,
wo er sich schämt, im Neger den Menschen anzuerkennen, hat er einen
Weg beschritten, der einen wahren und dauernden Erfolg ausschließt.
Je mehr man sich dagegen bemüht, den oft verschlungenen Wegen der
Negerpsyche nachzugehen, desto leichter fällt es, sich den paulinischen
Grundsatz zueigen zu machen. Und warum auch nicht? Wenn man sieht, wie
die Schwarzen lieben, hassen, leiden und sich freuen, nach Stellung
und Ansehen streben; wenn man in ihre Sprache eindringt und ihre
Märchen und Sprichwörter liest, stellt man unwillkürlich Vergleiche
mit den heimatlichen Verhältnissen an und wundert sich über die Fülle
verwandter Anschauungen.
Manches wird uns bei solchen Betrachtungen mit Recht abstoßend
vorkommen; aber auch der Neger ist in vielen Dingen, und ebenfalls
oft mit Recht, bei weitem nicht von der Überlegenheit unsrer Sitten
überzeugt. Manches wird uns zuerst unverständlich erscheinen, genau so
wie der Inlandneger z. B. mit Staunen wahrnimmt, daß wir im Gasthaus
für Lager und Essen bezahlen müssen, während wir dem Wirte doch wie
unserm alten Bekannten die Hand drücken. Verächtlich spinnt er den
Gedanken weiter aus und glaubt es fest: Die Europäer schreiben alles
auf, was ihre Kinder essen oder an Kleidung gebrauchen, damit sie
nachher sich alles zurückzahlen lassen können. So wenig sie für so
manche unsrer Sitten die Voraussetzungen kennen, können wir uns oft
ihre Beweggründe klarmachen.
~Dr.~ Karstedt sagt in seinem lesenswerten Büchlein „Beiträge zur
Praxis der Eingebornen-Rechtsprechung“: „Wenn mir ein Neger im tiefsten
Unyamwezi alle Fragen glatt mit den handgreiflichsten Phantasien
beantwortet, so kann ich ihn allerdings einen Lügner nennen, weil ich
in keiner europäischen Sprache den Ausdruck finde, der ihn in seinem
Bestreben charakterisiert, den Europäer das hören zu lassen, was er
nach seiner -- des Eingebornen -- Meinung hören will. Trotzdem lügt
der Mann im Sinne des Negers nicht [s. auch S. 165. 166]; denn was ihn
zu seinen Lügen veranlaßt, ist nicht die Absicht der Täuschung des
Fragenden, sondern zunächst sein Unverständnis für den Zweck dieser
Fragen. Diesen allerdings klar zu machen, erfordert eine Geduld und
Konzentrierung aller Sinne, die im Einzelfall aufzubringen nicht
immer möglich ist. Ist es aber gelungen, dann ist die gegenseitige
Verständigung nicht mehr schwer, denn es gibt kein leichter zu
behandelndes Wesen als unsern Inlandsneger!“
[Illustration: Kilimandjaro am Abend.]
[Illustration: Goma-Wasserfall, oberer Teil.]
[Illustration:
Phot. H. Wilke.
Goma-Wasserfall, unterer Teil.]
Wer sich berufen fühlt, den Neger zu erziehen und versucht, ihm
innerlich näherzukommen, wird seine Bemühungen von Erfolg begleitet
sehen. Eins der wichtigsten Hilfsmittel bei diesem Versuche, die
Negerpsyche zu verstehen, ist die Sprache. Das ist ein Gebiet, auf
welchem manchmal unglaubliche Anforderungen an die Kombinationsgabe des
-- Schwarzen gestellt werden. Daß der Erzieher auch die Pflicht hat,
sich seinen Schülern verständlich zu machen, wird zu oft vergessen.
Entweder betrachtet man die Negersprache als eine derartig einfache
Sache, daß sie ein eingehenderes Studium überhaupt nicht lohnt, oder
man tröstet sich damit, daß man sagt: Der Neger mag Deutsch lernen!
Meiner Ansicht nach wäre dann der Umgang mit den Schwarzen gerade kein
Genuß mehr, ganz abgesehen von den großen Schwierigkeiten, die unsre
Sprache dem Eingebornen bietet. Um so leichter wird ja dem Europäer das
Erlernen der Bantusprache fallen, und erst dann, wenn diese Brücke zum
Verständnis geschlagen ist, kann die Erziehung richtig einsetzen. Doch
wie schon gesagt, man muß sich oft wundern, wie gut der Neger selbst
das wenige, was ihm hier geboten wird, noch zu verarbeiten versteht.
Und wie oft wird er bestraft, weil er zufällig nicht richtig kombiniert
hatte, oder weil er genau das ausführte, was sein Herr ihm sagte, aber
nicht hatte sagen wollen!
Wer an das Studium der Negersprachen mit dem Gedanken herangeht, die
Sache mit einigen Lektionen abzutun, hat sich gründlich getäuscht
und wird allerlei unliebsame Überraschungen erleben. Er wird Formen
finden, die unsre grammatikalischen Ansichten auf den Kopf stellen,
und dabei einen Reichtum z. B. der Verbformen, der direkt verwirrend
wirkt und der selbst nach langen Jahren der intensiven Beschäftigung
mit der Sprache noch nicht erschöpft ist. Die Buchstaben unsres
Alphabetes sind bald zu Ende, aber noch lange nicht alle Laute
bezeichnet. Die Hauptwörter haben keinen Artikel, werden aber dafür
z. B. im Chasu in 24 Singular- und Pluralklassen eingeteilt. Noch
schwieriger wird die Sache bei den Tonhöhen. Da hat ein und dasselbe
Wort vier oder mehr Bedeutungen, die gänzlich voneinander verschieden
sind. Der Schwarze verwechselt sie nie, weil sein Ohr geschult ist,
die feinen Tonunterschiede zu hören. Der Europäer steht da in vielen
Fällen vor einem fast hoffnungslosen Unternehmen. Dasselbe gilt von
vielen Hauptwörtern, die, falsch betont, dem Redner oft zu einer
unfreiwilligen Komik verhelfen. Wie schwer die rechte Wiedergabe der
Tonhöhe in diesen „primitiven“ Sprachen ist, dafür im folgenden nur
einige wenige Beispiele. ~Enekukoma~ heißt je nach der Betonung:
Er wird sich töten. -- Wird er sich töten? -- Er wird dich töten! --
Wird er dich töten? Bei allen Wörtern spielt der Ton für die wahre
Bedeutung eine große Rolle und der Neger versteht uns meistens nur,
weil er durch das Zusammenleben mit uns die „deutsche Art der Betonung“
gelernt hat, oder er errät die Bedeutung des jeweiligen Wortes aus dem
Zusammenhang. Je nach der Betonung heißt ~makuku~ grüner Mais oder
Schmutz oder große Hühner, ~mwezi~ Mond oder Amme, ~mvera~
Tor oder Dank, ~nkanga~ Kleiderstoff oder Rost oder Perlhühner,
~muto~ Kissen oder lange Reihe von Leuten oder Spitze, ~musi~
Stampfer oder Tag, ~mwaži~ krank oder offen, ~muvwa~ Dorn
oder Blasebalg, ~nkungu~ Knöchel oder Sturm oder Nuß. Dieser kurze
Hinweis wird genügen, den Leser verstehen zu lassen, wie schwer es ist,
die Negersprachen wirklich richtig zu sprechen.
Will man die Sprache der Eingebornen verstehen, so muß man die
Bedeutung der Gleichnisse kennen, mit denen sie ihre Rede schmücken,
oder man setzt sich andauernd Mißverständnissen aus. Im Chasu
heißt unser Buße tun: ~kuchwa muti~ = Baum brechen; denn bei
Entsühnungen und zum Zeichen der Reue brechen sie einen kleinen Zweig
durch. Kommt da ein Missionszögling zum jungen Missionar und bezeugt
seine Reue mit den Worten: ~nnechwa muti~ = ich werde einen Baum
brechen. Der übersetzt den Ausdruck wörtlich mit Holz spalten und
erzählt gerührt seinem Kollegen, daß der Junge sich selbst erboten
hätte, zum Zeichen seiner Reue Holz für ihn zu spalten....
Manchmal redet auch der Europäer wieder in Gleichnissen, über die
dann der Schwarze starr ist. Ein Sergeant tadelte einen Askari
(schwarzen Soldaten), der einen alten Mann trotz seines geschwollenen
Fußes geschlagen hatte, und kleidete den Verweis in das klassische
Kisuaheli: ~Sababu kupiga hii mzee, mguu yake ana mimba~ (statt
~umevimba~). Übersetzt heißt das etwa: Warum du schlagen dieses
alte Mann, sein Fuß ist schwanger (statt geschwollen). Es wurde uns
Zuhörern schwer, die Situation zu retten und den Ernst zu bewahren.
Die nur geringe Kenntnis der Eingebornensprache bildet auch den Grund
für zahlreiche Mißverständnisse und Fehler, die von Afrikareisenden
bei der Notierung von landesüblichen Namen für Berge, Flüsse usw.
gemacht werden. Ganze Sätze sind da schon als Berg- oder Flußnamen
aufgeschrieben worden. ~Dr.~ R. Kandt, der unter deutscher
Herrschaft Regent von Urundi war, schreibt darüber in seinem äußerst
interessanten Buche „Caput Nili“:
„Ich habe in dieser Beziehung die komischsten Mißverständnisse
konstatieren können. So zeigte mir einmal ein Herr eine Rundpeilung,
deren Berge von dem Eingebornen, dessen Blick der hinweisenden Hand
des Europäers folgte, ungefähr so bezeichnet wurden: ‚Deine Hand‘,
‚Ein Berg‘, ‚Ich sehe ihn‘, ‚Ich kenne ihn‘, ‚Er ist sehr groß‘
usw. Manchmal handelt es sich in solchem Fall um Abwehrlügen der
Eingebornen, manchmal macht es ihnen auch Spaß, den Europäer zu foppen;
am häufigsten aber ist ein naives Mißverstehen, besonders dann, wenn
keiner des andern Sprache kennt, und der gute dumme Neger glaubt, daß
der Europäer auf die Objekte der Unterhaltung wegen zeigt, worauf er,
ob solcher Herablassung entzückt, sich verpflichtet fühlt, jedesmal in
irgendeiner harmlosen Bemerkung seinen Senf dazuzugeben, einen Senf,
der protokolliert und in Karten und Atlanten verewigt wird....“
Bezeichnend für die Art und Weise, wie die sprachlich unbegabten
Engländer mit den Eingebornen verkehren, war folgende Unterhaltung
eines englischen Polizeisergeanten mit einem Schwarzen. Der Engländer
befahl ihm: ~Safisha W. C. killa siku very clean, and if you don’t
safisha the W. C. very clean, you will get hamsa shrain!~ (Reinige
den Abort jeden Tag sehr sauber, und wenn du den Abort nicht sehr gut
reinigst, wirst du 25 Hiebe bekommen.) Vor diesem Gemisch von Englisch,
schlecht ausgesprochenem Kisuaheli und noch schlechterem Arabisch
versagte selbst die Kombinationsgabe des Schwarzen. Ratlos schaute er
von seinem neuen, drohend den Kiboko (Peitsche) schwingenden „humanen“
Herrn zu mir. Und der „Herr“, ebenfalls zu mir gewandt, meinte
ärgerlich: ~The beggar does not understand +his own language!+~ (Der
Kerl versteht nicht mal +seine eigene Sprache+!)
Sicherlich ist es in jeder Hinsicht lohnend, sich mit einer der
zirka 600 afrikanischen Sprachen zu beschäftigen, ist doch auch
die Wissenschaft an ihrer Erforschung äußerst interessiert. Über
die Sprache unserer Vaasu kann jeder Interessierte in der kleinen
Chasugrammatik[1] das Hauptsächlichste nachlesen. Hier wollen wir
uns im folgenden über Sitten und Gebräuche der Leute unterhalten.
Ich schicke da die Bitte an die Leser voraus, nichts Erschöpfendes
zu erwarten. Viele Lücken werden noch bleiben und manche Symbolik
wird auch weiterhin unverständlich sein. In China war es, glaube ich,
wo ein Forscher über die Chinesen befragt wurde. „Das weiß ich noch
nicht, ich bin erst 30 Jahre hier,“ gab er zur Antwort. Das ist wohl
die Erfahrung eines jeden, der sich draußen mit dem Geistesleben der
Neger beschäftigt: Täglich Überraschungen, täglich neue Einblicke
in Dinge, die man bisher übersehen hatte. So wird es wohl auch noch
auf Jahre hinaus bleiben. Was mir aber in etwa 13jährigem vertrauten
Umgang mit dem Volke bekannt geworden ist, will ich versuchen hier
mitzuteilen, und zwar wollen wir mit der Beschreibung der Geburt
eines Kindes beginnen und es dann auf seinem Lebenswege begleiten.
Vorher aber sei mir noch eine allgemeine Bemerkung gestattet.
Glücklicherweise hat man auch in christlichen Kreisen den -- zudem
völlig unbiblischen -- Standpunkt überwunden, demzufolge die Jugend
in allen sexuellen Fragen möglichst unwissend gehalten werden sollte.
Unsre Neger haben diese ungesunde Ansicht nie gehabt. Ihre Kinder
erhalten die sexuelle Aufklärung früh, zum nicht geringen Teil in den
weiter unten beschriebenen Fruchtbarkeitsfesten. Mit 5-6 Jahren sind
wohl die meisten von ihnen mit den Vorgängen, die wir im nächsten
Kapitel besprechen wollen, bekannt. Sie würden mit vollem Recht sehr
erstaunt sein, wenn wir ihnen die Märchen erzählen wollten, mit denen
man uns in der Jugend aus Gründen der Moral das Werden des Menschen
zu erklären suchte. Demnach könnte man in den vielen symbolischen
Gebräuchen und Festgesängen der Eingebornen noch einen kleinen
sittlichen Kern erblicken, der sicherlich einmal vorhanden war. Aber
leider haben sich die Wapare auch hierin nicht in aufsteigender Linie
bewegt, sondern sind in das noch schlimmere Extrem verfallen. Bei den
Heiden wird in den meisten Fällen, besonders aber gelegentlich der
Fruchtbarkeitsfeste, die an und für sich anzuerkennende Aufklärung in
der allerverwerflichsten, nämlich in der mit voller Absicht aufreizend
gehaltenen Form geboten, einer Form, die um so bedenklicher scheint,
als sie durch religiöse Vorstellungen mit dem Volkstum unlösbar
verbunden ist. Mit diesen religiösen Vorstellungen aber muß sich vor
allem der angehende Missionar beizeiten vertraut machen; denn niemals
wird er mit Erfolg eine neue Religion zu lehren vermögen, ohne die
alte zu kennen. Anderseits wird er durch seinen von Berufs wegen
vertrauten Umgang mit den Eingebornen manchen Beitrag zur Völkerkunde
liefern können. Solche völkerkundlichen Untersuchungen sind aber auch
für weitere Kreise von Interesse. In dem Sinne schreibt Geheimrat v.
Luschan, Direktor des Museums für Völkerkunde zu Berlin: „So scheinen
also Mission und Völkerkunde genau ebenso auf gegenseitige Förderung
und Hilfe angewiesen, wie wir längst schon eingesehen haben, daß auch
politische Erfolge in den Schutzgebieten stets nur auf der Grundlage
ethnographischer Erfahrungen erwartet und erreicht werden können,
und daß Unkenntnis der ethnographischen Verhältnisse nur allzuoft
von politischen Mißerfolgen und von großen Verlusten an Geld und
Menschenleben gefolgt war.“
Allzu Anstößiges ist nach Möglichkeit fortgelassen worden. Ich habe
versucht, den Paremann dem Leser menschlich näher zu bringen. Und
sicherlich wird mancher des öftern mit dem Dichter sprechen müssen:
„Es gilt ein altes Buch zu blättern,
Vom Harz bis Hellas lauter Vettern.“
Wenn nun bei Erwähnung grausiger Sitten oder törichten Aberglaubens die
Schwarzen wieder in den Augen des Lesers verlieren sollten, so wolle er
freundlichst bedenken, daß Pauli Wort für alle gilt: „Es ist in keinem
andern Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen
gegeben, darin wir sollen selig werden.“ Vielleicht daß es ihm dann ein
Herzensbedürfnis wird, an seinem Teil mitzuhelfen, ihnen dieses Heil zu
bringen.
[1] Grammatik des Chasu, vom Verfasser, „Archiv der deutschen
Kolonialsprachen“, Band X; Reimer, Berlin.
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Geburt.
Besondere Sitten und Gebräuche, die während der Schwangerschaft
im allgemeinen beobachtet werden, sind mir, abgesehen von einigen
Fällen, nicht bekannt geworden. Es ist bei den Schwarzen die Ansicht
verbreitet, daß es Frauen gibt, die Kinder erst nach ungewöhnlich
langer Zeit, etwa nach 12-16 Monaten zur Welt bringen. Für gewöhnlich
rechnen sie mit dem 10. Mondmonat. Scheint sich die Niederkunft zu
verzögern, oder liegen sonst schlechte oder gefahrdrohende Anzeichen
vor, so wird schleunigst zum Orakel gesandt, um die Ursache erforschen
zu lassen. Dieses stellt nun fest, daß die Frau von einem heiligen
Hain, einer Schlange, einem Ahnengeist oder auch von einem bösen
Zauberer verhext ist. Ein oft näher bezeichneter Arzt muß den Bann
brechen. Hier möchte ich gleich erwähnen, daß die Wapare streng
zwischen einem Arzt, dem Mganga, und dem bösen Zauberer, dem Msavi,
unterscheiden. Später werde ich etwas näher darauf eingehen. Die oben
erwähnte Entsühnung nennen die Leute ~kubažižwa mguva~ = das
Zuckerrohr spalten. Der Medizinmann und einige Frauen begeben sich an
einen Fluß oder auf einen Kreuzweg. Dort wird ein weißes Zuckerrohr
und eine Papyrusstaude bis auf ein kleines oberes Ende gespalten.
Beide Teile werden zusammen aufgestellt und unten auseinandergezogen,
daß sich eine Art Tor bildet, welches der Arzt auf der einen und die
Frauen auf der andern Seite halten. Durch dieses geweihte Tor muß
die Schwangere viermal hindurchgehen, nachdem der Medizinmann auf
den rechten Arm weiße Erde und auf den linken, den „schlechten“, Ruß
gerieben hat. Die Frau soll „rein“ (weiß) werden, der böse Zauberer
„schwarz“ (besiegt). Beim letzten Male darf die Patientin sich nicht
mehr umsehen, sondern geht stracks nach Hause. Der Medizinmann reißt
nun die Papyrusstaude vollends auseinander, wirft die Teile zu beiden
Seiten des Standortes der Frau hin und murmelt seine Beschwörung:
„Falls du verzaubert bist, falls ein Ahnengeist oder ein böser Zauberer
dir den Leib verschlossen hat, so lassen wir alles Schlechte hier
liegen. Jetzt bist du ‚weiß‘ (entsühnt) wie die Kreide auf deinem Arm.“
Nach dieser Zeremonie wird nun die Entbindung nicht mehr lange auf
sich warten lassen. Die Frau sagt bald zu einer Nachbarin oder zu
ihrer Mutter: „~Navegwa~, ich verspüre Wehen.“ Nachdem diese sich
überzeugt hat, daß es die Eröffnungswehen sind, sagt sie: ~Kididi,
ni nkondo~ = der Krieg ist wahrhaftig gekommen. Ist die Frau eine
Erstgebärende, so schlafen gewöhnlich vier erfahrene Frauen bei
ihr, sonst wohl auch nur zwei. Bei ganz schwierigen Fällen ist aber
manchmal das Haus voll, und im äußersten Notfall werden selbst Männer
hinzugezogen.
Verzögert sich der Anfang der Geburt ungewöhnlich lange, so wird
wiederum das Orakel nach der Ursache gefragt. Dieses sagt oft: „Es
sind die Ahnengeister, ihnen ist nicht geopfert worden.“ Die Frau
gibt den Geistern dann ein Wasseropfer als Gelübde für ein später
darzubringendes besseres Trankopfer. Dieses Wasseropfer heißt ~kuchwa
mpombe~. Sie nimmt dabei den Mund voll Wasser, spützt es wieder auf
die Erde und betet: ~Saramari! Nkoma guhani! Vava nairwa iti ni we
wenitea ’huo, mira tonga ushinjie, ambu mi ni nkungu mposha~ = Dank
ihr Geister, nehmt hin! Vater, mir wird gesagt, daß du es bist, der mir
dieses zufügt, aber gehe, schlafe (und kümmere dich nicht um mich) denn
ich bin (jetzt in meiner Krankheit wie) eine taube Nuß (um die sich der
Hamster auch nicht kümmert). Vgl. S. 199 das Verhalten des Häuptlings
Mauya.
Nun werden die Geister das Kind bald in die rechte Lage rücken, und
die Geburt kann vor sich gehen. Die Kreißende +sitzt+ auf einem
Klotz oder Stein. Die Lage ist ähnlich wie bei den im Mittelalter
angewandten Gebärstühlen. Den Hebammendienst versieht abwechselnd
eine der anwesenden weisen Frauen. Sie sitzt vor der Gebärenden und
übt den Dammschutz aus (~kugwira kamgamba~, oder ~kakondavi~). Nun
beginnt für die arme Frau eine Leidenszeit, die aber weniger in den
Schmerzen der Geburt selbst als vielmehr in dem endlosen Schimpfen der
Hebammen besteht, die durch solche Redensarten die Geburt beschleunigen
und günstig beeinflussen wollen. „Presse, presse, du willst das Kind
nur töten, wir werden dir den Leib aufschneiden,“ und noch weniger
angenehme Dinge werden der Frau zugerufen. Aber es bleibt nicht allein
bei den Worten, sondern mit allen möglichen Kunststückchen wird
versucht, eine schnelle Geburt herbeizuführen. Streichhölzchen werden
plötzlich vor den Augen der Frau entzündet, oder draußen vor der Hütte
wird ein Gewehr abgeschossen, damit die Frau durch den Schrecken das
Kind „losläßt“, denn „die Angst hält ihr den Leib zu“. Je größer die
Nervosität und das Geschrei der Hebammen wird, desto drastischer
werden auch die „Hilfsmittel“, wie ich mich oft mit eignen Augen habe
überzeugen können und wie mir ältere Christenfrauen erzählt haben. Da
wird der Kreißenden der Mund zugehalten, oder ihr eine Bogensehne um
den Finger oder gar die Nase geschnürt, damit die Ärmste durch den
Schmerz verhindert wird, das Kind „zurückzuhalten“. Oder man legt ihr
zur Unterstützung der Geburt gar einen großen Stein auf den Kopf. Ganz
erstaunt waren Heiden und Christen, als es bei Geburten auf der Station
unter der Aufsicht meiner Frau so ruhig herging, und schon viele sind
seither auf die Station gekommen, um der Quälerei zu Hause zu entgehen
und auch ihre Kinder vor dem Schlimmsten zu schützen.
Geht die Geburt immer noch nicht voran, so werden wohl die Bogen
des Mannes, die im Hause stehen, „gelöst“, d. h. die Sehne wird
abgebunden und so der Bogen entspannt, damit sich auch das Kind löse.
In der höchsten Not muß die Frau sogar Harn ihres Mannes, der als
Ausscheidungsprodukt Träger besonderer Seelenkräfte ist (vgl. S.
163), trinken. Eine solche Medizin ist den Leuten natürlich genau so
widerlich wie uns schon die bloße Erwähnung; aber sie leben „im Banne
der Furcht“. Diese Furcht erweist sich auch hier stärker als alle
ästhetischen Bedenken.
Endlich wird der Kopf geboren. Die Hilfe leistende Frau bespützt ihn
gleich bei seinem Erscheinen eifrig, daß er nicht wieder zurücktritt.
Bald folgen die Schulter und der übrige Körper, und das Kind liegt
in den Armen der Hebamme. Diese muß genau aufpassen, daß nicht etwa
ein Beinchen oder Ärmchen des Neugebornen auf die Erde rutscht, sonst
ist sein Leben verwirkt. Dann schreien die Frauen: „Das Kind hat den
Erdboden berührt, das ist nicht unser Kind, es ist ein Unglückskind,
es muß getötet werden, oder es wird uns alle umbringen.“ Dasselbe
geschieht noch in vielen andern Fällen, z. B. wenn das Neugeborene mit
der Plazenta in Berührung kommt oder ein Teil der Plazenta vorliegt und
zuerst geboren wird. Dies alles sind Unglückszeichen, und nur durch
den Tod des kleinen unschuldigen Wesens kann das +der ganzen Sippe+
drohende Unglück abgewendet werden.
Eine unsrer Christinnen, die alte Hanna, erzählte mir folgendes: Sie
war mit einigen andern Frauen zur Geburtshilfe gerufen worden. Das Kind
kam zur Welt, aber ein Teil der Plazenta lag vor und wurde gleichzeitig
mit ihm geboren. Das Kind schrie sofort und war ganz normal, aber
die andern Frauen rissen es aus Hannas Hand und sagten: „Das ist
ein Unglückskind! Da ist etwas nicht in Ordnung! Das haben wir noch
nicht gesehen, es muß getötet werden.“ Später holte eine Frau Wasser
und goß es in einen Holzmörser, der zum Maisstampfen dient. Das arme
Wesen wurde mit dem Kopf hineingehalten und elendiglich in dem Wasser
ertränkt. Nachdem es tot war, wurde es in Bananenblätter gewickelt
und weit fort im Busch auf einen Stein gelegt. Bald würden die Hyänen
kommen und die letzten Spuren des Mordes verwischen. --
Wie viele neugeborene Kinder werden so hingemordet, nur weil irgendein
unglücklicher Zufall das Herz der armen Eltern mit tödlicher Furcht
erfüllt. Da offenbart sich das Heidentum in seiner ganzen Not und
Finsternis. Nein, wenn man solche Einblicke in den heidnischen Jammer
getan hat, dann glaubt man nicht mehr an die Geschichte von den Negern,
die im tiefsten Frieden und aller Glückseligkeit wunschlos dahinleben
und kein Verlangen nach dem Evangelium tragen. Deutlich vernimmt jedes
Ohr, das für die Nöte des Heidentums geöffnet ist, den makedonischen
Ruf der Afrikaner: „Kommt herüber und helft uns!“ Die Furcht, die in
ihrer animistischen Religion begründet liegt, treibt sie von einer
Schreckenstat zur andern und gar häufig zum Kindsmord. Zwillinge,
Kinder die irgendwie verkrüppelt zur Welt kommen, und mag es auch
nur eine Hasenscharte sein, sie sind dem Tode verfallen, weil die
Medizinmänner es so lehren.
Gewiß, heute verbietet die Regierung alles dies streng; aber jeder
weiß, daß trotz aller Verbote kein Zwilling am Leben bleibt. Alle
regelwidrig gebornen Kinder müssen getötet werden, da sie sonst für die
Eltern und die ganze Sippe eine beständige Quelle der Furcht wären.
Nur von innen heraus kann da wirklicher Wandel geschaffen werden, wenn
+der+ ins Herz einzieht, der da sagt: „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“
Nachdem das Kind geboren ist, wird es sofort abgenabelt, da die
Hauptsorge der Hebamme darauf hinzielt, das Kind aus der noch
gefährlichen Nähe der Mutter zu bringen; denn würde die Plazenta mit
dem Kind in Berührung kommen, so wäre es, wie schon oben dargetan, dem
Tode verfallen. Der Nabel des Kindes wird jetzt erst mit einer Schnur
aus Bananenbast oder einem Stückchen Zeug abgebunden, während das nach
der Mutter zu führende Ende unabgebunden bleibt. Man muß sich wundern,
daß bei diesem Verfahren, das von Asepsis weit entfernt ist, nicht alle
Kinder sterben. Man sieht aber häufig schlecht verheilte Nabel.
Zögert der Austritt der Plazenta, so wird mit Arzneien nachgeholfen.
Besonders ist dies der Fall, wenn einmal, was wohl nicht oft vorkommt,
die Plazenta nicht geboren wird. Von einer operativen Lösung ist mir da
nichts bekannt geworden, vielmehr muß die Wöchnerin Arzneien trinken,
damit die Nachgeburt im Leibe „verfault“ und so abgetrieben wird. Das
soll manchmal bis vier Tage dauern. Ein ganz vorzügliches Mittel, die
Lösung der Plazenta zu beschleunigen, besteht bei ihnen darin, daß
man die Frau sich auf die Hände stützen und mit aller Macht in eine
vorgehaltene Flasche blasen läßt. Dies ist fast immer von sofortigem
Erfolg begleitet und der Versuch nach meiner Erfahrung selbst bei
gesunden weißen Frauen einer operativen Lösung und dem Credéschen
Handgriff vorzuziehen. Die Nachgeburt wird bei unsern Wapare draußen
verscharrt.
Ist das Kind zur Welt gekommen und die Mutter eine Mwai oder
Erstgebärende, so geht eine Frau vor die Tür und tanzt dort, mit den
Füßen heftig auf den Erdboden stampfend, einen Freudentanz, indem sie
den durch ganz Afrika verbreiteten Freudentriller ausstößt. Er klingt
wie ein sehr hohes, oft wiederholtes Lululu oder Lilili, wobei die
Zunge sehr schnell von einer Seite nach der andern bewegt wird. In der
Hütte haben die Hebammen inzwischen ein Kleid oder Fell zusammengedreht
und der Frau um den Leib gebunden, um die Rückbildung der Organe zu
unterstützen.
Die Frau sitzt nackt am Feuer und wird mit sehr heißem Wasser
abgewaschen oder bekommt eine Massage des Kreuzes und Leibes. Bei einer
Mwai bleiben die vier Frauen meist alle bis zum Ende des Wochenbettes
zugegen, bei einer Mehrgebärenden wohl nur zwei von ihnen. Das
Wochenbett dauert vier Tage, während welcher die Frau am Feuer liegt.
Es wird dem Leser schon aufgefallen sein, daß die Zahl vier immer
wiederkehrt. Sie ist die heilige Zahl und wird uns noch öfter begegnen.
Das Neugeborene schläft in dieser Zeit bei einer der Frauen. Es hat
noch keinen Namen, auch sein Geschlecht wird nicht bekanntgegeben,
selbst der Vater weiß nichts Näheres von seinem Kinde. Die Frauen
nennen es ihren „Gast“ (~mjeni wetu~) oder ~kataa~, den
kleinen Leoparden. Würde es schon beim Namen, der ja ebenfalls
Seelenträger ist, genannt werden, so würde es beständig weinen. Auch
darf man die Dämonen nicht unnötig auf das kleine Wesen aufmerksam
machen, da „sein Geist vorerst nur lose mit dem kleinen Körper
verbunden ist“ und diese Verbindung besonders in den ersten Tagen durch
den geringsten bösen Einfluß gestört werden könnte (vgl. S. 34 unten).
Am vierten Tage endlich darf auch der Vater, der bis dahin auswärts
schlafen mußte, ins Haus kommen, um seine Frau zu begrüßen und sein
Kind zu sehen. Ist die Mutter eine Erstgebärende, so wird der Mann
von vier andern Männern feierlich ins Haus geführt. Eine der Frauen
gibt dann einem Manne aus der Begleitung des Eheherren das kleine
Kind mit den Worten: Hier hast du den oder die Soundso. Damit hat das
Kind seinen Namen erhalten, mit welchem es auch dem Vater überreicht
wird. Dann begrüßen die Eingetretenen die Hebamme mit dem Gruß, der
den glücklich aus dem Kriege Kommenden dargeboten wird: (Männer:)
~Mcheku mpongezi!~ = Mutter, du bist glücklich entronnen! (Frau:)
~Ee apa~ = ja, Vater. An diese Worte schließt sich dann der
gewöhnliche Gruß, den wir noch besprechen wollen. Darauf begrüßt der
Mann seine Frau: ~Mpongezi mche wangu!~ = Heil dir, meine Frau!
-- Ist die Frau Mehrgebärende, so erwidert sie: ~Mpongezi nawe mwosi
wangu!~ = auch dir Heil, mein Mann. Ist die Frau dagegen eine Mwai,
so antwortet sie nur mit einem verschämten Ee! Sie erhält dann auch als
besondere Auszeichnung von ihrem Ehemanne ein Geschenk in Form eines
Kleides.
Wenn die Zeit der Geburt heranrückt, sucht der Ehegatte Speisevorrat
für seine Frau. Die allgemein übliche Wöchnerinnenkost besteht
aus getrockneten Bananen, die als Brei zubereitet und mit einer
sehr fettreichen Nuß vermischt werden (~makafi na makungu~).
Gleich nach der Geburt beginnt das Füttern des Neugebornen, und
wir gehen sicher nicht fehl, wenn die Hauptursache der sehr hohen
Säuglingssterblichkeit mit auf das Konto dieser Unsitte gesetzt
wird. Die Wapare glauben nämlich, daß das Kind sehr hungrig zur Welt
komme und ihm deshalb baldigst Nahrung zugeführt werden müsse. Die
Muttermilch ist aber in den ersten zwei Tagen verpönt, da sie erst
„rein“ werden muß. So streicht man nun dem armen Würmchen schon in
der ersten Nacht trotz seines heftigsten Sträubens zweimal einen Brei
in den Mund, den eine der Frauen herstellt, indem sie eine trockne
Banane und eine der oben erwähnten Nüsse dem Kinde vorkaut. Diese erste
Speisezufuhr heißt ~kudembua mwana~, die Speise selbst ~papa ya
mwana~. Die Sterblichkeit der Säuglinge in den ersten Lebenstagen
ist natürlich eine entsprechend hohe, da der kleine Verdauungsapparat
auf eine derartige Nahrung noch nicht vorbereitet ist. Die Kinder
leiden an Hartleibigkeit oder Durchfall. Die fast regelmäßige und
meistens richtige Diagnose, die unsre Paremedizinmänner stellen,
lautet auf Würmer. Die Leute kommen dann sehr gerne auf die Station
und verlangen die weiße Wurmarznei (Santonin), welche sich eines
guten Rufes unter ihnen erfreut, weil sie schon manchem Erwachsenen
geholfen hat. Natürlich bekommen sie bei uns keine Arznei für die
Säuglinge, sondern wir dringen auf eine naturgemäßere Lebensweise.
Selbst den Heiden ist es schon aufgefallen, daß fast alle Kinder, die
auf der Missionsstation geboren sind, groß und kräftig werden und nicht
sterben. Es gibt auch schon sehr viele unter den Eingebornen, die ihren
Frauen verbieten, den Kindern ~papa~ zu geben, aber leider ist es
oft vergeblich.
Am dritten Tage etwa kommt der Medizinmann, um die Milch der Frau zu
untersuchen. Er preßt sich etwas in seine Hand und prüft sie. Da heißt
es dann vielleicht: „Eine Brust hat gute Milch, die andre schlechte,
das Kind darf nur an die eine gelegt werden.“ Oder die Milch wird
überhaupt als ungenießbar für das Kindchen erklärt. Dann soll die
Ernährung ausschließlich in jenem erwähnten ~papa~ bestehen.
Mancher Heide glaubt heute wohl noch dem ersten Wahrspruch des
Medizinmannes, aber nicht mehr an die Nützlichkeit der Breifütterung.
So kommt er dann auf die Station und kauft sich eine Kinderflasche mit
Gummisauger, die wir nach den nötigen Belehrungen über peinlichste
Sauberkeit gewöhnlich auch abgaben; denn Kuhmilch ist doch immer noch
besser als jener schwer verdauliche Brei.
Am 4. Tage steht die Wöchnerin (~mvyee~) auf und fängt an, leichte
Arbeit zu tun. Die Rückbildung der Organe geht bei den Schwarzen
meist sehr schnell vor sich, und selten muß eine Frau ein längeres
Wochenbett einhalten. Die Kinder sind bei der Geburt fast weiß oder
doch ganz hellbraun. Aber in den ersten Tagen und Wochen dunkeln sie
schnell nach, bis dann die Stammesfarbe erreicht ist. Hellfarbige
Leute gelten für schöner als die tiefschwarzen. Ebenfalls eine Folge
der abergläubischen Furcht ist der Brauch, in der ersten Zeit von dem
Kinde als von einem „jungen Leoparden“ (~kataa~) zu sprechen. Die
Kinder werden im Durchschnitt zwei Jahre und länger gesäugt, wenn nicht
eine neue Schwangerschaft das Stillen früher verbietet. Im allgemeinen
wird jedoch darauf gehalten, daß die Kinder nicht zu rasch aufeinander
folgen.
Es wäre hier wohl der Platz, noch etwas über besondere Zufälle unter
der Geburt und ihre Behandlung durch die eingeborenen Medizinmänner
zu sagen. Wenn auch die Negerfrauen natürlicher leben als viele
Europäerinnen und ihr Körper nicht durch irgendwelche äußeren Einflüsse
in eine häßliche Form gedrängt worden ist, die dann später die Geburt
zu einem lebensgefährlichen Vorgang machen, so kann man doch auch hier
immer wieder von schweren Geburten hören, wenn auch die Mehrzahl ohne
weitere Komplikationen verläuft. Ein Fall von vorliegender Plazenta ist
mir bekannt geworden. Auch Querlagen, Fußlagen (~mwana akingama~)
und Steißlagen (~mwana aza mchwiri~) kommen vor. Jede regelwidrige
Lage hat nach der Geburt den Tod für das Kind zur Folge. Deshalb
wird bei Querlagen versucht, diese beizeiten in eine Kopflage zu
verwandeln. Gelingt das nicht durch den inneren Eingriff, oder wird
das Kind überhaupt nicht geboren, so schreitet der Medizinmann zur
Enthauptung im Mutterleibe. Der Arzt reinigt sich zuerst die Hände und
schneidet die Fingernägel ganz kurz ab. Die Hände werden mit Butter
eingefettet. Die Abbildung zeigt das gebräuchliche „chirurgische“
Messer. Es wird mit Bananenbast umwunden, und nur an der Spitze bleiben
ungefähr 2 ~cm~ frei. Nun wird der Arm vorsichtig eingeführt
und das Kind enthauptet. Läßt sich der Kopf selbst dann noch nicht
herausziehen, so wird auch wohl der Unterkiefer abgeschnitten. Die
anderen Teile werden dann so entwickelt. Nach der Beschreibung scheinen
die Leute damit sehr gut Bescheid zu wissen, wie sie ja überhaupt als
Hirten, die öfter Tiere schlachten, über den Knochenbau mehr wissen
als der Durchschnittseuropäer. Kindbettfieber ist als Folge von
zurückgebliebenen Teilen der Plazenta bekannt und wird mit allerlei
Arzneien behandelt. Heiß zu trinkende Fleischbrühe spielt dabei eine
Hauptrolle. Im allgemeinen haben die Eingebornen ziemlich genaue
Kenntnisse von den Vorgängen bei der Geburt, nur daß solche Kenntnisse
immer wieder durch den heidnischen Aberglauben verdunkelt und verkehrt
werden.
[Illustration: Chirurgisches Messer.]
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Die ersten Lebensjahre des Mädchens.
Namengebung.
Den Namen geben nicht die Eltern sondern die Frauen, die bei der
Geburt halfen. Manchmal erhält das Mädchen den Namen der Großmutter,
der Knabe den des Großvaters. Doch sprechen bei der Namengebung die
verschiedensten Dinge mit. Fliegt z. B. gerade ein Heuschreckenschwarm
vorbei, so heißt das Mädchen etwa Nanzige (Mutter der Heuschrecken),
der Junge könnte in dem Falle Senzige (Vater der Heuschrecken) genannt
werden (~nzige~ = Wanderheuschrecke). Oder das Kind wird während
einer Hungersnot (~nzota~) geboren, dann kann der Mädchenname
Nanzota, oder der Knabenname Senzota lauten. Geht im Augenblick der
Geburt jemand an der Hütte vorüber, so wird dem Kinde der Name des
Betreffenden gegeben. Besondere, auffallende Ereignisse, Kriege usw.
beeinflussen die Namengebung gewöhnlich. Manchmal wurden Kinder, deren
Anverwandte mich zur Geburtshilfe hatten rufen lassen Mwarimu (Lehrer)
genannt.
Sobald die Knaben oder Mädchen zu jungen Männern und Jungfrauen
heranreifen, legen sie sich neue Namen zu, bei denen sie sich auf den
nächtlichen Viravu-Tänzen rufen. Da singt ein Mädchen etwa:
~Iyoyeo lele,
ni mi ng’anya e, o, ee.~
Das heißt:
Seht alle hierher,
ich bin die Soundso, juchhe!
Diesen neuen Namen führt sie nun fortan neben ihrem eigentlichen
Kindernamen bis zu ihrer Verheiratung. Ähnlich geben sich auch die
Knaben singend einen andern Namen, den sie aber oft, im Gegensatz
zu den Frauen, auch als Männer noch beibehalten. Sind später in der
Ehe Kinder vorhanden, so verdrängt der dann auftretende Nebenname
Seng’anya, Kong’anya (Vater, Mutter des Soundso) manchmal den
eigentlichen Namen.
Zahnzauber.