Ich lachte laut auf. »Aber ich bin doch kein Professor!«

»Das macht nichts, Professor. Wollen Sie uns Stunden geben?«

»Wem? Ihnen, Madame?«

»Hören Sie. Der große kalifornische Lehrerinnenverein will im Herbst

eine Europareise machen und natürlich auch Deutschland besuchen. Mit

Ihrer praktischen Art können wir schnell noch ein wenig Deutsch lernen.

Ich arrangiere alles, Professor. Es darf aber nicht viel kosten!«

Und sie arrangierte!

Ich glaube, die Professoren des Gymnasiums von Burghausen wären _in

corpore_ aus der Haut gefahren vor entsetzt ungläubigem Staunen, hätten

sie mich abends auf dem Katheder eines großen Schulzimmers der höheren

Mädchenschule von San Franzisko stehen sehen können! Vor einer

Hörerschar von über fünfzig reizenden jungen Lehrerinnen! Frechheit,

steh' mir bei, dachte ich in verzweifeltem Galgenhumor und ließ eine

pseudowissenschaftliche (ganz und gar aus den Fingern gesogene)

Erklärung vom Stapel, in der ich mein Betriebskapital von

gleichlautenden Worten den "gemeinsamen anglosächsischen Sprachschatz"

nannte und sehr wichtig tat. Dann löste sich die Befangenheit. Aus der

Unterrichtsstunde wurde ein lustiges Frage- und Antwortspiel --

»Uasser, Professor?«

»Nein, W--asser!«

Bis der Professor zu den Bänken hinabstieg und die schweren deutschen

Worte seinen Schülerinnen vorsprach. Diese Schülerinnen waren ja

reizend! Eine hübscher als die andere -- eine lustiger als die andere.

Typisch in ihrer Art als Amerikanerinnen. Freilich -- der neugebackene

Herr Professor sah in ihnen gar nichts Typisches, sondern nur die

lustigen netten Frauen!

Aber schon in dieser Lustigkeit lag die ganze freie Art der

Amerikanerin, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt wird, mit dem andern

Geschlecht in formloser Kameradschaftlichkeit zu verkehren und das

Problem von den Wechselbeziehungen zwischen Mann und Frau nicht in jedes

harmlose Gespräch hineinzutragen. Nicht als ob sie nicht ganz Frauen

gewesen wären, diese jungen Amerikanerinnen, mit allen Größen und allen

Kleinlichkeiten, allen Tugenden und Untugenden des Frauentums! Sie

beherrschten das System der drahtlosen Telegraphie mit schönen Augen

meisterhaft und flirteten schändlich mit dem Lausbub von Professor! Doch

in dem Wesen dieser jungen Lehrerinnen, von denen die meisten keine

zwanzig Jahre zählten, prägte sich etwas gewaltig Selbstbewußtes aus.

Nicht das Selbstbewußtsein der selbständigen Frau, die ihr eigenes Geld

verdient. Darüber lachten sie. Zuckten die Achseln und meinten, es sei

_grinding work_ -- aufreibende Arbeit und sie wären viel lieber

verheiratet. Nein, das Selbstbewußtsein des Weibes steckte in ihnen, das

sich seiner Macht über den Mann wohl bewußt -- stolz darauf ist -- und

die Ritterlichkeit des Mannes als einen selbstverständlichen Tribut

gnädig in Empfang nimmt.

Die Frau Amerikas gibt, wenn es ihr gefällt, mit vergnügt zwinkernden

Äuglein einen Zipfel von weiblicher Liebenswürdigkeit her. Sie tanzt

graziös auf dem Drahtseil der Liebelei, aber sie plumpst ganz gewiß

nicht hinunter in ernsthafte Beschädigungen ihres Frauentums; denn sie,

die man niemals sorgfältig behütet und in ängstlichem Familienschutz

eingekapselt hat wie gebrechliche Ware, kennt die Welt und die Männer

recht gut und weiß Gefahren aus dem Weg zu gehen, weil sie die Gefahren

eben kennt. Ihre Weltkenntnis dient der Amerikanerin als Balanzierstange

auf dem gefährlichen Drahtseil des Flirts, in dessen Beschreiten sie

Meisterin ist. Sie schützt sich selbst. Welch' ein Unterschied zwischen

dem amerikanischen jungen Mädchen und dem der alten Welt, hinter dem

glucksend wie ängstliche Hennen fürsorgliche Mamas und ängstliche Tanten

dreinrennen, damit das Schaf von Tochter oder Nichte dem reißenden Wolf

von Mann nicht in die scharfen Zähne gerate -- während das behütete

Schäflein immer neugieriger wird auf diesen sagenhaften bösen Wolf.

Das amerikanische Mädel aber guckt sich das Untier an, lacht und zähmt

es zu einem treugehorsamen Hündlein, das sich nicht mucksen darf und mit

der Peitsche scharfen Spotts gezüchtigt wird, sollte es ungezogen

werden. Den Tragödien und Komödien der Liebe ist ja auch die

Amerikanerin untertan wie alle Menschenkinder. Dann aber erlebt sie mit

offenen Augen, wissend, einer starken Macht gehorchend ...

So hat sich der amerikanische Frauentyp herausgebildet, der sich in

starker Eigenart von den Frauen anderer Länder, den Frauen Europas vor

allem, unterscheidet. Die freie Frau, die über den Wall Jahrtausende

alter Überlieferung hinübergeklettert ist und tut, was ihr gefällt. Sie

genießt die gleichen Rechte und die gleiche Erziehung wie der Bub. Sie

nimmt sich das Recht des Vergnügens wie der junge Mann, mit dem sie

Seite an Seite studiert. Sie treibt Sport wie er. Sie nimmt sich das

Recht, im Vaterhaus zu kommen und zu gehen, wie es ihr beliebt, und es

fällt ihr nicht im Traum ein, die Mama um Erlaubnis zu bitten, ob sie

mit Herrn X oder mit Herrn Y ins Theater gehen darf. Sie geht einfach.

Sie ist emanzipiert im besten Sinn -- natürlich -- Mensch. Als junger

heranwachsender Mensch wenigstens. Das Schreckgespenst zu behütender

Geschlechtlichkeit ist ihren Eltern ein lächerlicher Unsinn.

Doch sonderbar. Die gleichen Menschen, die mit so gesundem praktischem

Sinn das Problem psychischer wie physischer Mädchenerziehung lösen und

als wundervolles Gut ihren Töchtern ein vernünftiges Menschentum und

eine prachtvolle Unbefangenheit mit ins Leben geben, sündigen wieder

gegen wahre Frauenwerte durch eine groteske Frauenüberschätzung, die

tief in alle gesellschaftlichen, ja in die wirtschaftlichen Verhältnisse

des Landes hineinschneidet. Das gleiche Mädel, das so stolz auf ihr, man

möchte fast sagen: geschlechtsloses Menschentum ist und _en bon

camerade_ mit ihren männlichen Freunden tollt, wird in unmerklichem

Übergang zur anspruchsvollen Königin, zur herrschenden Macht, je mehr

das Weib in ihr sich regt. Das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern,

das Sitte und Erziehung herstellen wollen, verschiebt sich

unbeschreiblich weit zugunsten des Weibes. Sie heiratet. Ein guter

Kamerad ist die amerikanische Gattin, klug, erfahren, vorzüglich dazu

geeignet, mit dem Mann seine Pläne, seine Arbeit zu besprechen; ihn zu

beraten. Im scharfen Gegensatz zu dem Hausfrauentum, das die Frau in

Küche und Haus, den Mann ins Erwerbsleben verweist. Die Amerikanerin

würde entsetzt sein, wollte man ihr von Hausfrauenpflichten reden. Sie

kocht miserabel und ist hilflos ohne Dienstboten. Sie treibt

beispiellose Verschwendung im Haushalt. Sie fordert, daß der Mann ihr

die Möglichkeiten schaffe, alle ihre Wünsche zu befriedigen -- und

langsam entwickelt sich das typische Verhältnis zwischen amerikanischen

Ehegatten:

Der Mann arbeitet Tag und Nacht, um die Dollars herbeizuschaffen! Die

Frau amüsiert sich in Luxus und Verschwendung!

Gebärt sie ihrem Mann Kinder, so erfüllt sie damit nicht natürliche

Weibesbestimmung, sondern ist eine arme Märtyrerin der Ehe und des

Mannes; sie gibt dem Mann mit den Kindern ein Gnadengeschenk, das ihm

die Pflicht auferlegt, sich Genüsse zu versagen und rastlos Dollars zu

jagen, um sie der Märtyrerin, der Königin, zu Füßen zu legen.

Weiberherrschaft. Weiberherrschaft, die einen eisernen Gürtel um das

Land zieht und verantwortlich ist für lächerliche Übertreibungen im

Kampf gegen Alkohol und Tabak, für die Schließung aller

Vergnügungsstätten an den Sonntagen, für ein sonderbares Muckertum, das

gar nicht hineinpaßt in den freien natürlichen Charakter der

amerikanischen Menschen. Weithin dehnt sich der Kreis der

Weiberherrschaft. Literatur und Kunst muß sich dem Weiberwillen beugen,

denn die Frau ist es ja, die allein für Kunst und Schönheit Zeit übrig

hat, während der Mann die Dollars jagt für seine Königin und zu nichts

sonst Zeit hat. Die Frauen sind es, unter deren Reich die New Yorker

Oper blüht und Tenören Märchenhonorare bezahlt wie keine andere Oper der

Welt. Die Frauen waren es aber auch, die entsetzt die Absetzung der

"unsittlichen" Salome vom Spielplan forderten und durchsetzten -- und

die Frauen sind es, die das amerikanische Schauspiel zu der jämmerlichen

Groteske von sentimentalem Melodrama machen, die es ist. Weil große

Kunst, die das Leben wahr schildert, nicht hineinpaßt in das kleine

Sittlichkeitshirn der Durchschnittsamerikanerin. Durch die

Weiberherrschaft regiert der sentimentale Roman, in denen engelhafte

Frauen dulden und leiden und endlich die weißgewaschene, frischgestärkte

Tugend _à la_ Amerika unwiderruflich siegen muß -- die Weiberherrschaft

hat den Künstler Gibson verhunzt, seine große Kunst auf die Knie

gezwungen, ihn den weltbekannten amerikanischen Frauentyp schaffen

lassen: Groß, schlankgliedrig, weiche, fallende Schultern, majestätisch

nicht zum sagen, Gesichtszüge wie regierende Fürstinnen während ihrer

Krönung ...

In die Gesetze hinein ist sie gedrungen. Eine amerikanische Frau darf

einen Mann niederschießen: in neun Fällen aus zehn werden die

Geschworenen sie freisprechen. Sie darf stehlen: die Geschworenen werden

nur entsetzt sein, daß in ihrem glorreichen Land es möglich ist, daß

eine Frau, Ihre Majestät die Frau, zum Stehlen getrieben werden kann.

Sie darf Männer betrügen um noch so hohe Summen: die Geschworenen geben

dem Mann die Schuld.

So ergibt sich eines der wunderlichsten Zerrbilder der modernen Welt --

ein kerngesundes Menschenkindlein von Mädchen, dessen Art und Erziehung

man geruhig den Ländern der alten Welt zum Vorbild hinstellen kann und

das als Weib in einer nationalen Epidemie von weiblichem Größenwahn

unfehlbar verdorben wird. Ein Zerrbild ...

* * * * *

Der Herr Professor verdiente viel Geld mit seinen lustigen Lehrerinnen

und fand das Leben wunderschön, wenn er mit jener Schülerin heute in den

_Golden Gate Park_ ging und mit dieser morgen unter gefährlichem Flirten

in einem französischen Restaurant dinierte. Bis einmal Frank sagte:

»Die Geschichte wird nicht lange dauern, _amice_!«

»Meinst du?«

»Aber das ist doch selbstverständlich. Eines schönen Tages werden sie

des Spiels überdrüssig werden (ich kenne meine Leute) und dann -- adieu,

Professor. Armer Professor!«

Da wurde der Lausbub von Professor nachdenklich; hatte er ja selbst

schon mehr als einmal empfunden, daß sein deutscher Unterricht

schließlich nur eine Art lustiger Charlatanerie war und der Teufel los

sein würde, wenn einmal die Grenze erreicht war, wo die Geschichte ohne

grammatikalische Gründlichkeit versagen mußte!

Und eines Abends träumte ich von der Zeitung in St. Louis, und wie

unbeschreibliche Sehnsucht kam es über mich; jene Sehnsucht, die den

Menschen packt und schüttelt und sich hineinfrißt in sein innerstes

Denken wie eine fixe Idee. Ich träumte und träumte.

Endlich kam, in dem prachtvollen Optimismus der Jugend, dem kein Ding

unmöglich scheint, ein vermessener Entschluß. Der Lausbub setzte sich

hin und schrieb tagelang, eilend, ändernd ...

»Famos ist's, Professor. Du kannst mehr Englisch als ich!« sagte

Frank.

So gingen die beiden Manuskripte, über die Fischerinsel das eine, ein

Hafenbild das andere, an den _San Francisko Examiner_ ab. Gleichzeitig

ein langer Brief an den lieben alten sächsischen Doktor mit der Bitte,

ob nicht er oder einer der Herren der Redaktion mich an den _San

Francisko Examiner_ empfehlen könne. Der Professor fing an, lebensklug

zu werden ...

Der Lausbub findet die Lebenslinie.

Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist

werden. -- Auf der Redaktion. -- Jüngster Reporter. -- Hallelujah!

Das erste Interview. -- Die Lebenslinie.

Über Nacht fast wurde der törichte Junge zum Mann. Vor allem: Er

verdiente viel Geld! Zum erstenmal in diesen kindlich einfältigen

Wanderjahren verfügte er über mehr Geld, als der Tag erforderte. Das gab

Rückgrat und Selbstbewußtsein. Dann waren da die jungen Amerikanerinnen,

in deren Gesellschaft er sich frei bewegen lernte (das Linkischsein

Frauen gegenüber verflog merkwürdig rasch!) -- da war Frank Reddington,

dessen frischer froher Lebensoptimismus der Art des deutschen Jungen so

verwandt war und doch wieder auf ganz neue Wege hinwies. Dieser

amerikanische Bruder Leichtfuß ließ sich nicht blind, gedankenlos,

ohnmächtig vorwärtstreiben, sondern dachte klar und scharf. Er hatte

nicht nur eine ausgezeichnete Meinung von sich selbst, sondern wußte

auch in seiner flotten, knappen amerikanischen Manier so aufzutreten,

daß sein Selbstrespekt sichtbar war und auf andere Menschen wirkte.

Rückgrat! Männerstolz!

So lernte der Lausbub. Zog mit den eleganten amerikanischen Anzügen, die

ihm ein guter Schneider nach Franks Garderobe kopierte, auch ein wenig

von Franks Wesen an. Machte nicht mehr die tiefen Verbeugungen vor allen

Menschen! Plapperte nicht mehr jungenhaft alles heraus, was ihm gerade

im Kopfe steckte ...

Als die Schülerinnen nach und nach wegblieben, weil der Reiz der Neuheit

verblaßt war, da setzte ich es mir in den Kopf, um jeden Preis

Journalist zu werden. Kurz entschlossen ging ich auf die Redaktion des

San Franzisko Examiners. Melden ließ ich mich bei dem _managing editor_,

dem stellvertretenden Chefredakteur, der an amerikanischen Zeitungen der

eigentliche Chef des Redaktionsstabs ist. (Das wußte ich von St. Louis

her.)

»Und was kann ich für Sie tun?«

»Ich will Journalist werden.«

»Halloh! Langsam -- immer langsam ...«

»Ich nehme Ihre Zeit nur drei Minuten in Anspruch --«

»_Go ahead!_«

»Ich will Journalist werden. Vor allem will ich wissen, ob meine

Kenntnisse für die Arbeit einer amerikanischen Zeitung genügen. Ich bin

Deutscher. An der Westlichen Post war ich zwei Monate lang aushilfsweise

angestellt --«

»Aha! An der Westlichen Post -- weiß schon. _Go ahead!_«

»Ich bitte Sie, einen Versuch mit mir zu machen und schlage vor, zwei

Monate lang umsonst für die Zeitung zu arbeiten.«

»Halloh -- haben Sie denn Geld zum Leben?«

»Jawohl.«

»Woher?«

»Mit deutschem Sprachunterricht verdient.«

»So? Ich erinnere mich, einen Brief von der Redaktion der Westlichen

Post erhalten zu haben, in dem Sie empfohlen wurden. Sie könnten

arbeiten, sagt Doktor Pretorius. Können Sie mir etwas zeigen, das Sie

geschrieben haben? In Englisch natürlich.«

Als ich von den eingesandten Manuskripten sprach, bat er telephonisch

den _city editor_, den Stadtredakteur, sich zu ihm zu bemühen und die

Manuskripte mitzubringen.

»Mr. Mc.Grady -- Mr. Carlé. Mc.Grady, haben Sie die Sachen gelesen?«

»Können wir nicht gebrauchen,« brummte der Stadtredakteur.

»Lassen Sie einmal sehen, bitte.«

Der große Mann las meine Arbeiten sorgfältig durch, und ich zitterte

innerlich -- trotz meines nagelneuen Selbstbewußtseins.

»Nun,« sagte er endlich, »für uns ist das allerdings nichts. Zu sehr

skizzenhaft. Wir knüpfen Beschreibungen nur an interessante Ereignisse

an. Aber der Stil ist nicht übel, und das bißchen Fremdartige macht sich

sogar ganz gut. Hier ist übrigens ein grober grammatikalischer Fehler.

Mc.Grady, dieser junge Mann ist Deutscher und will amerikanischer

Journalist werden. Er hat mir gesagt, er wolle wissen, ob er fürs Metier

taugt und zwei Monate umsonst arbeiten. Was meinen Sie? Ist von der

Westlichen Post, deutsche Zeitung in St. Louis, empfohlen.«

»Kann ich schwer etwas sagen,« meinte Mister Mc.Grady. »Die

Fischerinselsache ist ganz nett. Zum Journalisten muß man geboren sein.

Können's ja mal probieren. Im übrigen bin ich kurz an Reportern, seit

Jameson entlassen werden mußte.«

»_Allright._ Mr. Carlé, ich stelle Sie beim Examiner mit einem festen

Wochengehalt von fünf Dollars an. Für Ihre Arbeiten erhalten Sie

Zeilengeld.«

»Gratuliere,« sagte Mc.Grady und lachte. »Ich werde Sie zwiebeln. Wir

haben hier keine Zeit zum reden. Ich will Ihnen also nur kurz sagen, daß

bei mir die Arbeit alles und der Mann gar nichts gilt. Arbeiten Sie.«

Der Chef des Redaktionsstabs nickte. »Bei uns gilt nur die Arbeit. Sie

sind also jüngster Reporter. Mr. Mc.Grady wird Ihnen Ihre Aufgaben

zuweisen. Noch einen Wink: Ich habe Sie deshalb engagiert, weil in Ihrem

Zeugs da die Kleinigkeiten gut beobachtet sind. Sie haben zu beobachten.

In Ausführung Ihrer jeweiligen Reporteraufgabe werden Sie alles tun, um

alle nur erdenklichen Tatsachen zu erforschen und alles, Großes und

Kleines, zu beobachten. Tatsachen brauche ich. Elegante Bemerkungen

können wir uns selbst aus den Fingern saugen. Tatsachen! Beten Sie um

Tatsachen! Wie Sie das machen, wird uns zeigen, ob es der Mühe wert ist,

sich mit Ihnen zu plagen. _Good morning!_«

»Prompt um 5 Uhr nachmittags im Reporterzimmer!« befahl Mc.Grady.

»Lassen Sie Ihren Frackanzug und Wäsche herschicken, damit Sie sich im

Bedarfsfalle hier umkleiden können. _Good morning!_ Geben Sie mir gute

Arbeit, und ich bin Ihr guter Freund -- _good morning_!«

So wurde ich jüngster Reporter der San Franziskoer Zeitung des

Zeitungskönigs Hearst.

* * * * *

Wie besessen stürmte ich nach Hause und rannte -- hopla, immer drei

Stufen auf einmal -- zu Franks Zimmer empor.

»Frank -- Franky -- --« schrie ich, noch halb in der Türe, »ich bin

als Reporter beim Examiner angestellt! _Glory hallelujah_ -- Frank --

wir müssen schnell ein Glas Bier trinken, sonst geh' ich aus dem Leim

vor Vergnügen und --«

Da sah ich erst, daß auf dem einzigen wackeligen Stuhl des Zimmers ein

beleibter älterer Herr saß, der mich lächelnd musterte. Frank saß auf

dem Bett und grinste. Frank sah dem älteren Herrn sehr ähnlich -- --

»_Well_, ist das noch so einer, Frank?« sagte der Herr.

»_Exactly, sir._ Richtige Sorte. Alter Junge, ich gratulier' dir

hunderttausendmal zum Examiner. Hoh, hau' dich dran an die alte Zeitung!

Vater, darf ich dir Mr. Carlé vorstellen -- vom Examiner. Exbearbeiter

von verdammt salzigen _cods_ und nebenbei Professor der deutschen

Sprache!«

Mr. Reddington lachte schallend auf.

»Ihr Jungens seid mir fast ein wenig zu fix. Eine unverschämte

Gesellschaft! Ist das bei Ihnen in Deutschland auch Sitte, daß der Vater

zum Sohn kommt und nicht der Sohn zum Vater, heh? Na, ihr habt

wenigstens Schneid. Nun kommt mit ins Hotel, ihr Taugenichtse, und laßt

euch abfüttern!«

In einer Viertelstunde saßen wir drei im eleganten Lunchroom des Globe

Hotel. Mich packte es wie unerträgliches Heimweh, als ich sah, wie stolz

trotz aller oberflächlichen Kürze und anscheinender Gleichgültigkeit der

alte Herr auf seinen Strick von Sohn war, und wie seine Augen blitzartig

aufleuchteten, als Frank erklärte, im Dezember werde er sich bei seinem

Vater in New York für Ordres melden. Bis zur Schlußprüfung aber wolle er

selbst für seine Existenz sorgen. Der alte Herr murmelte zwar, das sei

verdammter Blödsinn, aber man merkte ihm die Freude an, als Frank

trocken erklärte, die Arbeit an der Universität von Kalifornien sei

seine Privataffäre und er gedenke das durchzuhalten, was er begonnen.

»Aber ein gutes Werk könntest du tun, Gouverneur!«

»Heh? Schulden bezahlen?«

»Ach wo. Hab' keine. Nein -- sieh' mal an, Carlé hier ist _allright_

und heute nagelneuer Reporter geworden --«

»Ja! Wird solch' ein Junge, bumps, einfach Reporter! Welche Rätsel Ihr

einem alten Mann zum Lösen aufgebt!«

»-- und du könntest nett sein, _sir_, und ihm etwas erzählen, das er

für die Zeitung gebrauchen kann. Du weißt ja immer etwas.«

»Na ...«

»Bitte, _pater_!«

Und wieder lachte der alte Herr. Eigentlich sei es noch vierundzwanzig

Stunden zu früh, die Katze aus dem Sack zu lassen, aber ausnahmsweise

und weil es der Zufall so wolle -- --

Er diktierte. Knapp, scharf, wie ein General, der seine

Schlachtdispositionen diktiert. Selbst meine Unerfahrenheit begriff,

daß es sich hier um ganz Großes handelte. Die Illinois Central

Eisenbahn (deren Aktien der Vater Franks kontrollierte) hatte eine

unrentable und zum Teil noch gar nicht völlig gebaute Eisenbahnlinie

in Missouri und Arkansas aufgekauft. Die Verbindungslinie zwischen

Chicago, dieser Bahn, und dem tiefen Süden sollte sofort in Bau

genommen werden. Dann kamen finanzielle Details. Und eine meisterhafte

Darstellung, kurz, aber von vollendeter Klarheit, der Städte, die die

Bahn berühren sollte, der Wirtschaftsgebiete, durch die sie führte, der

Erschließungsmöglichkeiten, mit denen das Konsortium rechnete.

»Als Personalnotiz können Sie bringen, Cyrus F. Reddington sei auf

einige Tage in San Franzisko, um seinen Sohn zu besuchen, der auf der

Universität von Kalifornien studiert!«

Und er lächelte Frank zu.

Ich aber rannte auf die Redaktion des Examiner.

»Um fünf Uhr sagte ich doch!« brummte Mc. Grady stirnrunzelnd.

»Ich habe ein Interview mit Cyrus F. Reddington aus New York.«

»Heh? Was?«

»Reddington. Präsident der Nationalbank --«

»Jedes Kind kennt ihn. Wie kommen Sie zu ihm? Wo ist er abgestiegen?«

»Im Globe. Ich bin mit seinem Sohn befreundet.«

»Kommen Sie mit.«

Er zerrte mich zum Chefredakteur, und eilte dann selbst nach dem Globe

Hotel (wahrscheinlich, um meine Angaben zu verifizieren).

Mr. Lascelles aber, der _Managing Editor_, fuhr mit dem Rot- und

Blaustift zwischen den Zeilen meines Manuskripts hin und her,

unterstreichend, hervorhebend.

»Famos,« sagte er. »Ganz große Sache. Halten Sie sich diese

Verbindung warm. Hat der alte Reddington die Nachricht auch anderen

gegeben? Anderen Zeitungen? Der Börse?«

»Nein, nur mir.«

»Was?« schrie er. »Das ist großartig!«

Noch krassere Überschriften setzte er darüber und leitete die Sensation

mit den Worten ein: »Spezialmeldung des Examiner.« Und unter die zwei

Riesenspalten setzte er die Anfangsbuchstaben meines Namens: E. C.

»Sie haben sich die Sporen verdient,« lächelte er. »Wenn's auch ein

Zufall war.«

Dann wurde ich auf einen Großfeueralarm geschickt. Ein großes Gebäude

im Geschäftsviertel brannte nieder. Zufällig kam ich gerade dazu, als

der Leiter der Feuerwehr den Heizer der Kesselanlage des Gebäudes

verhörte, der umständlich schilderte, wie aus dem Keller mit einemmal

Flammen geschlagen seien, und daß er schon vor einigen Tagen vor der

Selbstentzündungsgefahr der neugekauften bituminösen Kohlensorte gewarnt

habe. Das war wieder etwas sehr Hübsches, und wieder ein Glückszufall!

Mc.Grady aber nickte vergnügt ...

»Wir werden noch einen guten Examinermann aus Ihnen machen!«

* * * * *

Das war eine schlaflose Nacht. Ich starrte aus dem Fenster meines

Zimmerchens hinaus auf die glitzernden Lichter in der Bai, und Traum

jagte sich auf Traum. So wie man selten träumt. Nur nach großem Erleben.

Wenn man dasteht und das hämmernde Blut in den Schläfen fühlt, und ein

ungeheures Glücksgefühl aufsteigt über das erreichte Ziel; wenn man

seinen Jubel hinausschreien möchte in die Welt ... Herrgott, so war ich

nun Zeitungsmann! Schreien hätte ich mögen, jubelnd schreien.

Zeitungsmann an einer der großen Zeitungen der Welt! Der Stolz regte

sich: allein hast du den Weg zur Zeitung gefunden! Wie lächerlich kleine

Dinge lagen die Erlebnisse dieser ersten drei Jahre in Amerika weit

hinter mir -- weit, unbeschreiblich weit. Und mit einemmal kam es über

mich wie ruhige Klarheit, wie ein Gefühl felsenfester Sicherheit, durch

nichts zu erschüttern:

Mein Leben -- das Leben, das ich leben wollte -- lag klar vor mir. Kein

Suchen mehr. Kein Tasten. Kein Umherirren von Beruf zu Beruf. Die

Zeitung und ich, ich und die Zeitung: das war die Lebenslinie. Wie es

auch kommen mochte, festhalten an dem Einen: Du gehörst zur Feder, weil

du zu ihr gehören willst, und mit der Arbeit, die jetzt beginnt, mußt du

stehen oder fallen!

Der Lausbub hatte die Lebenslinie gefunden.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3) · 第 12 / 14 题