Aber auch ich fing an zu erzählen, und Frank Reddington wollte sich
ausschütten vor nimmerendendem Gelächter über die Familienähnlichkeit
zwischen den Professoren seiner Harvard Universität und den
Schulmeistern meiner Gymnasien. Sie ermangelten ja so gänzlich des
Humors! Hüben wie drüben!! Als ich von Billy und den Tollheiten des
Schienenstrangs berichtete, murmelte er ein über das andere Mal: »_By
Jove_; das probier' ich auch noch!« -- und über die Westliche Post riß
er die Augen weit auf ...
»_The devil!_ Das haben Sie aber dumm angestellt, _my dear boy_! Dort
bleiben hätten Sie sollen! Hinhängen hätten Sie sich müssen an die
gesegnete Zeitung wie ein hungriger Floh an ein fettes Hündlein!!«
Bis spät in die Nacht hinein saßen wir zusammen. Und als wir uns nach
einer letzten Zigarette trennten, sagte Frank:
»Sie und ich -- ich und Sie ... wir passen zusammen wie Zwillinge. Was
für ein närrischer Geselle der Zufall doch ist! Schwarze Schafe und
verlorene Söhne alle beide -- aber noch immer sehr lebendig. Hei -- oh!
Sie kein Geld und ich kein Geld! Und gestern haben die Ferien
angefangen! _That's a good thing!_ Wissen Sie was? -- Fahren wir Tandem!
Spannen wir uns zusammen ins Joch! Jagen wir gemeinschaftlich den
verrückten runden Dingerchen nach, die man in diesem gesegneten Land
Dollars nennt -- wollen Sie?«
Ob ich wollte!!!
Frühmorgens riß jemand meine Zimmertür auf und eine Stimme schrie. »Auf
in den Kampf, Torero! 'raus mit Ihnen, Bruder -- der Gott der Arbeit
pfeift den verlorenen Söhnen!«
Schläfrig rieb ich mir die Augen.
»Man kleide sich prestissimo an!« befahl Frank. »Im Examiner von
heute morgen steht ein lakonisches Inserat: »_Men wanted_ -- Männer
werden gesucht. Broad Street 21.« Männer sind wir, nicht wahr? _Well_,
dann, _hurry up_ -- fix schnell ...«
Broad Street 21. erwies sich als elegantes Kontor (Johnson & Komp.,
Konserven, stand auf dem Firmenschild), vor dessen Türe in langen Reihen
schäbige Gestalten standen. Frank grinste. »Gibt noch mehr Männer in
San Franzisko, heh? Scheinen nicht die einzigen zu sein! Welch' ein
Segen, daß wir elegant genug aussehen, um frech sein zu dürfen!« Wir
schoben uns an den Wartenden vorbei und ließen uns beim Geschäftsführer
melden.
»Und womit kann ich Ihnen dienen, _gentlemen_?« fragte der Manager.
»Was ist das für ein Inserat?« fragte Frank zurück.
»Oh -- wir brauchen Leute für unsere Fabrik von Fischkonserven in der
Bai.«
»Zu welchen Bedingungen?«
»Zwei Dollars im Tag und freie Verpflegung. Aber verzeihen Sie, ich
begreife nicht recht --«
»Bodenlos einfach!« grinste Frank. »Wir brauchen Geld -- Arbeit --
und -- wollen Sie uns nehmen?«
»Eh?« sagte der Manager und machte ein verblüfftes Gesicht.
»Annehmen -- engagieren!«
»Die Arbeit ist aber schwer ...«
»_Well_, das macht nichts!«
Und unter lustigem Lachen und zweifelhaften Witzen wurden wir prompt
angenommen.
»Ich tu' Ihnen gelegentlich auch einmal einen Gefallen! _Thank you!_«
bedankte sich Frank.
Der Geschäftsführer lachte und lachte, und wir liefen schleunigst nach
Hause, um alles einzurichten. Aus dem Weg kauften wir uns billige
Arbeitskleider. In einer Stunde sollten wir uns wieder im Kontor
einfinden, um auf einem Kutter nach der Arbeitsstätte zu fahren.
Eine wundervolle Fahrt war es über die tiefblauen Wasser der Bai hin,
zwischen den blühenden Städten, die wie ein Kranz von Blumen die Gestade
umsäumten; an Kais mit gigantischen Ozeandampfern entlang zuerst, an
Inselchen vorbei, zwischen Fischerflottillen hindurch. Und als die
Königin des Westens in spinngewebigen, feinen Umrissen weit zurück im
Westen lag, landeten wir mit den zwei Dutzend Menschen, die außer uns
der Kutter trug, an der Landungsbrücke einer winzigen Felseninsel mit
simplen Holzgebäuden. Das war das Inselchen der Fische. Und in einer
halben Stunde standen Frank und ich nebeneinander hinter einem breiten
Holztisch, lange, scharfe Messer in den Händen; zogen sonngedörrtem
Kabeljau die Haut ab und schnitten das kernige, gelbweiße Fleisch in
lange Streifen ...
Auf der Insel regierte als Alleinherrscher Seine Majestät _Cod_, der
Kabeljau. In Dutzenden von ungeheuren Bottichen auf einer
Balkenplattform zwischen Fabrikgebäude und Wohnhaus waren in grobem Salz
Millionen von Fischen eingespeichert, die allmorgendlich von uns Männern
in langschäftigen Stiefeln aus der Tiefe der Bottiche herausbefördert
und zum Dörren in die Sonne gebreitet wurden. Reif, _sun-cured_,
sonnengetrocknet, waren sie in zwei, drei Tagen. Dann wanderten sie zu
uns in die Fabrik, wurden abgehäutet, entgrätet, zerschnitten und in
hübsche kleine Holzschachteln gepackt; das Rückenfleisch als _extra
prime quality_, das Seitenfleisch als Ware zweiter Güte: Stockfisch! So
standen wir und zerlegten und schnitten von sechs Uhr morgens bis sechs
Uhr abends.
»Hab' ich es mir doch gleich gedacht, daß die Geschichte irgend einen
Haken haben mußte,« sagte Frank ironisch lächelnd schon am ersten Tag.
»Zwei Dollars im Tag werden nicht umsonst gezahlt. Und nun haben wir
die Bescherung!«
Der Haken war da -- die Bescherung ganz besonders unangenehm! Die Haut
der _cods_ und ihr Fleisch waren von scharfer Salzlauge so durchtränkt,
daß bei dem Häuten und Zerlegen schon in den ersten Stunden uns
Arbeitern die Hände wund wurden. Dann schnitt man sich natürlich in der
Hetzarbeit, und auch die scharfen Gräten rissen Wunden. Selbst die
peinlichste Vorsicht konnte das nicht vermeiden. In diese wunden Stellen
drang ätzend und beißend die Salzlauge! Es war eine Art Martyrium; eine
recht harmlose und ungefährliche Märtyrerschaft zwar, aber gerade
schmerzhaft genug für meinen bescheidenen Geschmack.
»_The dickens!_« sagte Frank erstaunt am ersten Abend und rieb sich
zärtlich die geschundenen Hände.
»Scheußlich!!« brummte ich und tat desgleichen.
Meine Hände waren schön rot wie ein gesottener Krebs und bluteten an
zwanzig Stellen, besonders unter den Nägeln. Doch wir trösteten uns mit
Vaseline und Philosophie und schwatzten stundenlang mit dem chinesischen
Koch der Insel, der uns in seinem schauderhaften Pidgin-Englisch von der
Chinesenstadt Frisco's vorschwärmte. Von den Spielhöllen, in denen die
Kinder des himmlischen Reichs Tag und Nacht Fan-Fan spielten und sich
gelegentlich dabei gegenseitig totstachen; von den "Sechs
Gesellschaften", den geheimen Vereinen, die unumschränkt in der
Chinesenschaft herrschten und die Einfuhr und Rückbeförderung von
Chinesen als Monopol betrieben. So mächtig waren sie, daß keine
Dampfergesellschaft einen Kuli als Zwischendeckspassagier zur Rückreise
annahm, wenn er nicht einen Erlaubnisschein der "Sechs Gesellschaften"
vorweisen konnte, als Zeichen, daß er seinen Verpflichtungen dem
Geheimbund gegenüber nachgekommen war. Wie Diktatoren herrschten die
sechs Gesellschaften; schossen Geld vor, belobten, bestraften,
errichteten Schulen für die chinesische Jugend, Tempel für die
Erwachsenen. Sam Ling machte immer ein ängstliches Gesicht, wenn er von
diesem Geheimbund sprach ...
Er war ein quecksilberiger kleiner Kerl, der famos kochte und die
unglaublichsten Leistungen in seiner Bretterbude von Küche an der
Felsenwand vollbrachte. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie er es
fertig brachte, um sechs Uhr morgens für vierzig Mann (soviele waren
wir) Pfannkuchen zum Frühstück zu liefern. Delikate, winzig kleine
Pfannkuchen, kaum so groß wie eine Untertasse, die man bebutterte und
bezuckerte, immer einen auf den andern klappend. Ein Dutzend mindestens
aß ein jeder. Ein Dutzend mal vierzig -- das waren fünfhundert
Pfannkuchen, die der arme Sam Ling herzauberte -- vor sechs Uhr morgens.
Wie er es auch machte -- sie waren da; frisch, heiß, knusprig. Die
Verpflegung war vorzüglich und die Schlafräume hell und sauber. Wenn
nur das Salz nicht gewesen wäre -- das verdammte Salz!
Frank und ich waren fast immer zusammen und kümmerten uns wenig um die
anderen Männer. Abends verbanden wir uns immer gegenseitig die wunden
Hände. Dabei gewöhnten wir uns das sonderbare Vergnügen an, recht
kräftig zuzupacken und einer dem andern ins Gesicht zu starren, ob sich
nicht vielleicht doch ein Schmerzenszug entdecken ließ.
»_Good God_,« sagte Frank regelmäßig jeden Abend, wenn er seine Hände
betrachtete. »Stockfisch! _Cod!_ Unschuldiger Stockfisch! Man sollte es
doch nicht glauben, daß solch' ein unschuldiger Stockfisch einen so
schinden kann! Wenn der Gouverneur mich jetzt sehen würde, wäre er
vielleicht zufrieden! Heh?«
Dann gingen wir zur Felsenspitze und starrten wortlos ins Meer hinaus,
in das saphirblitzende Gewoge mit den braunen und braunroten
Fischersegeln und den unförmigen Dampfern dazwischen. Wenn dann weit im
Westen der Sonnenball niederging und es sich wie Rubinengefunkel in das
Blau mischte, lachten wir uns nickend zu. Da drüben lag San Franzisko.
Der schwache rote Schimmer am Horizont dort war ein Widerschein seiner
nächtlichen Lichterpracht. Wie wollten wir herumstöbern in dem
Lichtschein dort, wenn einmal die Zeit erfüllet war und -- wie wollten
wir unsere Hände pflegen!
Tag um Tag verging, und endlich war ein Monat vorbei. Eines Morgens
fragte der Vorarbeiter im Arbeitssaal laut:
»Wer will aufhören und nach San Franzisko zurück? Morgen kommt der
Kutter.«
Merkwürdigerweise (mir wenigstens kam es merkwürdig vor) meldete sich
niemand. Frank und ich sahen uns an -- sahen uns wieder an -- genierten
uns gegenseitig, bis ich endlich den Anfang machte und rief:
»Ich!«
»Ich auch!« schrie Frank dazwischen und lächelte: »Und warum denn
nicht! Wir sind ja hier (sämtlichen Göttern Homers sei dafür gedankt!)
nicht angewachsen, noch mit den dreimal vermaledeiten _cods_
verheiratet. Mann, ich bin froh! Hände -- freut euch!«
Ein Sommermorgen war es, an dem wir das Felseninselchen zum letztenmal
sahen und einander feierlich versprachen, wir würden, wie es auch kommen
und wie es uns noch ergehen möge in diesem lustigen Leben, eines
niemals, aber auch niemals tun: Stockfisch essen!
Während der Fahrt rechneten wir uns aus, daß wir beide zusammen wohl
siebentausend Stockfische, zehn Pfund schwer das Stück ungefähr,
abgehäutet, entgrätet und präpariert hatten. Mit unseren armen Händen!
Zehn Stück in der Stunde etwa, und zehn Arbeitsstunden waren es im Tag,
und zweiunddreißig Tage lang hatten wir gearbeitet. Siebentausend Stück!
»Weinen könnte man!« sagte Frank Reddington. »Weinen! Man kann ja nie
wieder einem Kabeljau ins Gesicht schauen! Wer je im Leben mir
gegenüber das Wort "_cod_" erwähnt, den boxe ich über den Haufen.
So!!«
Und als wir uns umgekleidet und (vor allem) Handschuhe angezogen hatten,
präsentierten wir uns im Kontor mit unseren Zahlungsanweisungen.
»Wie hat's Ihnen gefallen,« fragte der Manager und grinste.
»Famos,« meinte Frank sauersüß.
»Das freut mich sehr. Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Hände!« Dabei
betrachtete der Geschäftsführer augenzwinkernd unsere Handschuhe.
»Mann,« sagte Frank ernst, »spotten Sie nicht meines ehrwürdigen
Alters.« (Das ganze Kontor lachte.) »Sonst gebe ich Ihnen meinen Fluch
und erscheine Ihnen nach meinem Tode dreimal jede Nacht als
Stockfisch!!« (Das ganze Kontor brüllte.)
Wir aber strichen ein jeder vierundsechzig Dollars ein und lachten
auch.
Die Stadt des Goldenen Tors.
Das Erbe der Goldgräber. -- Die lustige Königin des Westens. -- Von
vernünftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben Hügel
übertrumpft! -- Kletternde Straßenbahnen. -- Im Park des Goldenen
Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im Chinesenviertel.
-- Die Straße der lebenden Schaufenster. -- Wie der Lausbub zum
Professor wurde. -- Von Deutsch lernenden Lehrerinnen. -- Die
amerikanische Frau. -- Kluge Mädchenerziehung und törichte
Weiberherrschaft. -- Die Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die
Sehnsucht nach der Zeitung.
Stolz nennen sich die Männer Kaliforniens zum Unterschied von den im
Land der Sonne wohnenden, aber in anderen Staaten der Union geborenen
Amerikanern _the Native sons of California_, die eingeborenen Söhne von
Kalifornien. Stolz sind sie auf ihre Ahnen, die Goldgräber. Diese zähen,
eisenharten Goldgräber von anno dazumal, die sich mit Mensch und Natur
herumschlugen, bis nur der Starke überlebte, haben die Kraft ihrer
Muskeln in Generationen hinein vererbt. Groß, schlank, sehnig sind die
Männer des Kalifornien von heutzutage; stolz, üppig seine Frauen. Im
scharfen Gegensatz zu den überschlanken Amerikanerinnen der Oststaaten.
Noch etwas anderes aber vererbten die Goldgräberahnen: Lachender
Übermut steckt diesen schönen Menschen im Blut; der gleiche
Lebensleichtsinn, dieselbe Genußsucht, das gleiche Eintrinkenwollen der
Freude wie ihren Urgroßvätern. Den Männern des Goldes, die heute arm
waren und morgen reich; heute sich ein Vermögen aus der Erde kratzten,
um es morgen zu verspielen.
Die Königin des Westens war eine gar lebenslustige Dame. Reich wollten
die eingeborenen Söhne von Kalifornien freilich auch werden, gerade so
wie die Dollarjäger in Chicago oder St. Louis oder New York, aber keiner
vergaß über der Hetzjagd des Dollars das Vergnügen. Die Marketstraße
strahlte des Nachts in einem Flammenmeer von Licht. Rechts und links,
Seite an Seite fast, schrien Theater, Varietés, französische
Restaurants, elegante Bars: Amüsiert euch, Söhne Kaliforniens!
Eine lustige Welt. Tag für Tag und Abend für Abend durchstreiften Frank
Reddington und ich die Stadt, eine Woche lang, denn wir waren es ja
unseren Händen schuldig, wenigstens ein paar Tage hindurch die
Nichtstuer zu spielen. Für was alles diese Hände als Ausrede herhalten
mußten! Wenn wir einmal in einem französischen Restaurant speisen
wollten, oder wenn eine Bar lockte oder ein Roulettetisch winkte, da
mahnte lachend einer den andern:
»Es ist ja eigentlich schade um das sauer verdiente Geld -- aber denken
Sie nur an unsere Hände!«
Die Puritaner des Ostens hätten sich hier auf den Kopf gestellt vor
Entsetzen! In den lustigen Varietés, in die wir gingen, gewissenhaft
keines übersehend, setzten sich kichernde Soubretten zu den Gästen an
die Tische und zauberten ihnen Vierteldollars für süße _Manhattan
Cocktails_ und _Brandy Flips_ aus den Taschen; in den eleganten Bars war
stets eine Seitentüre, über der in goldenen Lettern stand: Nur für
Klubmitglieder! Hinter dieser Tür wurde Poker gespielt, dort klappten
Farokästchen und sausten Rouletten. Klubmitglied jedoch war ein jeder,
der einen anständigen Anzug trug und so aussah, als ob er die nötigen
Dollars zum Verspielen besitze! Die Aufschrift war eben weiter nichts
als eine verbindliche, nette, gemütliche Formsache der Polizei
gegenüber. Wir versuchten einige Male unser Glück an der Roulette,
verloren eine Kleinigkeit und gewannen dann an einem Abend zusammen über
siebzig Dollars! Merkwürdigerweise hörten wir auch zur richtigen Zeit
auf! In Franks Zimmer tanzten wir einen wahren Indianertanz der Freude
in jener Nacht und beschlossen feierlich, den größten Teil des Geldes in
neuen Anzügen anzulegen und niemals mehr als drei Dollars auf dem
Roulettetisch zu riskieren.
»Sonst verlieren wir die Geschichte wieder,« grinste Frank. »Ich
finde übrigens, mein lieber Junge, daß wir für schwarze Schafe und
verlorene Söhne verdammt vernünftig sind! Heh?«
Und des Tages streiften wir stundenlang in der Stadt umher. Rom hat den
klassischen Namen der Stadt der sieben Hügel. Nun, ein Römer würde sich,
wanderte er durch San Franzisko, nur in einem Gefühl der Beschämung und
des hoffnungslosen Übertrumpftseins der sieben Hügel seiner Vaterstadt
erinnern! Lumpige sieben Hügel! In San Franzisko wimmelt es von Hügeln.
Acht, neun -- zwölf -- oder gar noch mehr. Flach ist die eine Seite der
ungeheuren Marketstraße, die die Stadt entzweischneidet, flach dem Hafen
zu. Auf der anderen Seite aber streben Hügel empor bis weit hinaus zum
Stillen Meer, zur _Golden Gate_; Hügel mit eleganten Wohnhäusern an
holzgepflasterten Straßen, die auf und nieder gehen in scharfen Winkeln,
bald steigend, bald fallend.
Und diese ewigen Hügel hinauf und hinab kletterte fortwährend ein Gewirr
von Straßenbahnen. Es war ein sonderbares Gefühl, unten zu stehen und
von hoch oben einen Straßenbahnzug rasselnd auf sich zukommen zu sehen.
_Cable Cars_ wurden sie genannt, Kabelwagen. In der Mitte zwischen ihren
beiden Schienen lief eine dritte, gespaltene Schiene, unter der in einem
hohlen Raum unmittelbar unter dem Straßenpflaster ein endloses Drahtseil
dahinsurrte. Eine Art Riesenzange packte auf einen Handgriff des Führers
hin durch den Spalt hindurch das Seil, das dann den Wagen mit sich
weiterriß, während bei Haltestellen die Zange ausgelöst und eine starke
Luftbremse in Tätigkeit gesetzt wurde. Wie in einer Wellenschaukel kam
man sich an besonders schlimmen Stellen vor -- vorwärtsgeworfen --
rückwärts gestoßen -- geschüttelt, gerüttelt ...
Weit hinaus gegen das Meer zu streckten sich die stillen Straßen des
elegantesten San Franzisko, und weit draußen standen die Paläste der
Eisenbahnkönige der Southern Pazific und Union Pazific Eisenbahnen, des
Zuckerkönigs Spreckels, des deutschen Ingenieurs Sutro. Dann kam eine
wüste einsame Sandstrecke, die nach Nordwesten zum Goldenen Tor, nach
Südwesten zum Presidio führte. Eine komische kleine Eisenbahn rumpelte
über den Sand dahin, zu einer der schönsten Parkschöpfungen der Welt.
Ein Deutscher, der Ingenieur Sutro, hat das Wunderwerk geschaffen.
Mitten aus der eintönigen Sandfläche heraus sprießen prachtvolle
Baumgruppen und grünende Grasflächen, Blumenbeete und Palmen. Dann
Felsengruppen, wieder Palmenhaine, und plötzlich, auftauchend wie eine
Zauberwelt, die gewaltige Schönheit des Ozeans. Da eingedrängt in ein
Felsentor schroffer Klippen, dort zwischen Himmel und Erde verfließend
in die Unendlichkeit. _Golden Gate._ Das goldene Tor, die Felsenpforte
von der Welt des Westens zur Welt des Ostens.
Doch auch der dunklen Flecken gab es in der lustigen Sonnenstadt.
Düster, winkelig, schmutzig stieg unten im Osten, dicht beim Hafen,
mitten aus der glänzenden Geschäftsstraße Kearney Street ein bizarres
Häusergewirr auf zwei Hügelchen empor. Mit wenigen Schritten trat man
aus dem Schein strahlender Bogenlampen und reicher Schaufenster in eine
Welt dunkler Schatten -- in die Chinesenstadt San Franziskos. Enge
Gäßchen. Winzige Häuserchen. Geheimnisvolle dunkle Gänge. Über die
Gassen spannen sich leuchtendrote Plakate mit chinesischen Inschriften,
Laden lag an Laden, bezopfte kleine Männer mit gelben Gesichtern
huschten hin und her. Mehr als das Auge jedoch staunte die Nase, denn
wie eine dichte Wolke lagerte ein unbeschreiblicher Geruch über dem
Viertel der Chinesen; fremdartig über alle Maßen; jetzt lockend, nun
abstoßend. Bald duftete es süß und schwer wie von blühendem Jasmin, bald
bedrückend wie schwerer Nebel, bald würzig wie Spezereien -- fremde
Menschen hatten die Gerüche ihres Landes mit sich getragen über den
Ozean. In jedem Gäßchen standen Polizisten (später hat mich mein Freund
der Polizeileutnant gar oft durch die Chinesenstadt geführt); denn in
den kleinen Häuserchen tief unten in den Gängen, die unterirdisch Haus
mit Haus verbanden, hausten Verbrecher und wohnte das Laster. Da waren
Opiumhöhlen und chinesische Spielhöllen und Diebskneipen.
»Wär' ich einer der Führer der öffentlichen Meinung von San
Franzisko,« sagte Frank, als wir eines Abends wieder die Chinesenstadt
durchstöberten, »so würde ich so lange agitieren, bis das Rattennest
weggefegt würde vom Erdboden!«
Der Gedanke war nicht eben neu. Kaum ein Tag verging, ohne daß in den
Friscoer Zeitungen die "Chinesenstadtfrage" ventiliert wurde. Doch die
Chinesen besaßen Geld und wußten gewichtige Dollars da anzulegen, wo sie
in Form von einflußreichem politischem Schutz gute Zinsen trugen. So
behauptete eben die Polizei, das Chinesenviertel sei ja die schönste
Mäusefalle, in der sie Tag für Tag Verbrecher erwische, und die
Stadtbehörden erklärten, ein Zusammenleben der Chinesen erleichtere ihre
Überwachung. Im übrigen war die öffentliche Meinung von San Franzisko
gar nicht empfindlich gegen groteske Zustände:
Sie duldete ja die Straße der lebenden Schaufenster!
Oben auf dem Hügel der Chinesenstadt lag, halb versteckt in winkeligen
Häusermassen, ein Gäßchen, aus dem des Nachts heller Lichtschein
funkelte, und dem die Müßiggänger in Scharen zupilgerten. An seinem
Eingang, links und rechts, standen Nacht für Nacht zwei Offiziere der
Heilsarmee. Mit ernsten Gesichtern grüßten sie die Vorbeigehenden und
deuteten schweigend auf ein Plakat, das sie zwischen sich ausgespannt
hielten und mit Blendlaternen scharf beleuchteten. Auf dem weißen Fetzen
Leinwand stand in roter Schrift geschrieben:
»Bruder, lieber Bruder! Sieh dir die Schande an! Hilf uns als Mann und
als Amerikaner, mit deiner Meinung und mit deiner Stimme bei den Wahlen,
die Schande zu besiegen! Hilf den Ärmsten der Frauen, lieber Bruder!«
Innen im Gäßchen drängten sich die Menschen, in steter Vorwärtsbewegung
gehalten durch ein halbes Dutzend von Polizisten, deren halblauter Ruf
_move on_ -- _move on_ ... nicht stehen bleiben! -- die einzigen Laute
waren, die aus der sonderbaren Stille hervorklangen, denn alle Welt
starrte und starrte in die beleuchteten Fenster in den winzigen
Häuserchen der beiden Seiten des Gäßchens. Was man da sah, schien bald
grausame Tragik, bald übergroteske Lächerlichkeit.
Die Fenster waren Schaufenster mit lebendigen Waren. Drei Fenster gab es
in jedem Häuschen, bis auf den Boden gehend, und in einem jeden saß auf
erhöhtem Podium, lichtübergossen vom Schein einer Glühbirne, ein Weib.
Gepudert, geschminkt, künstlich frisiert, angetan mit seidenem Kostüm;
ein stereotypes, gemachtes Lächeln wie angefroren auf den Lippen ... Wie
eine Puppe. Wie eine Wachsfigur fast. So lag Schaufenster an
Schaufenster. Bald hätte man am liebsten laut hinausgelacht, denn der
Gedanke dieser lebendigen Ware wirkte unsäglich grotesk; bald hätte man
sich schämen müssen. Frauen aller Länder und aller Rassen hockten in der
langen Schaufensterlinie; Amerikanerinnen, Französinnen, Mulattinnen.
Eine winzige Chinesin dort -- ein Mädel im japanischen Kimono hier. Und
alle lächelten das gleiche gefrorene Lächeln und sahen starr vor sich
hin auf die Straße. Darin lag Methode. Dahinter steckte ein guter Grund.
Denn die guten Polizeiräte der guten Stadt von San Franzisko duldeten
zwar diese Gasse der Groteske, erließen aber fürsorglich besondere
Vorschriften. Sie gaben sozusagen den lebendigen Schaufenstern das
Siegel behördlicher Approbation. Aber die Glühlämpchen in den Fenstern
durften nur eine gewisse Kerzenstärke haben, auf daß kein Fenster mehr
leuchte als das andere, und die Ware im Schaufenster durfte sich nicht
rühren, niemandem zulächeln, keinem Mann zunicken, auf daß niemand
verführt wurde. So wahrte die Friscopolizei das Dekorum. Spielte
gravitätisch eine steife Statistenrolle in der Tragikomödie.
Wir beide, Frank und ich, gaben im gleichen Impuls den sonderbaren
Wächtern der Heilsarmee am Gasseneingang ein Silberstück, als wir die
Gasse verließen. Selbst lustiger junger Leichtsinn wurde nachdenklich
gestimmt in der Gasse der lebenden Schaufenster.
»_Bad taste_,« sagte Frank achselzuckend. »Geschmacklos!«
Und das war ein sehr vernünftiges Urteil.
* * * * *
Zusammen studierten wir den Anzeigenteil des Examiner, zwei Inserate im
besonderen. Freund Frank schüttelte bedenklich sein weises Haupt.
»Schlimmer als gesalzener _cod_ kann der Bengel ja auch nicht sein?«
murmelte er. »Ich probier' es. Schön ist es zwar nicht, aber der Sohn
meines Vaters braucht Geld. Jawohl -- ich probier' es!«
»Ich auch!« sagte ich, obwohl mir die Sache sehr verrückt vorkam.
So machten wir uns selbander auf den Weg; er zu dem Vater, der
Privatstunden in Mathematik für seinen Sohn suchte, ich zu der Familie,
die für »zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren gediegenen
deutschen Sprachunterricht« ersehnte. Als wir uns eine Stunde später
wieder trafen, konstatierten wir unter schallendem Gelächter, daß wir
alle beide Respektspersonen geworden waren -- Lehrer der Jugend!
Die Mama meiner Zöglinge -- ihr Götter! -- war eine elegante schlanke
Amerikanerin, die das Engagieren eines deutschen Sprachlehrers als etwas
furchtbar Nebensächliches behandelt hatte.
»Der Doktor wünscht es,« gähnte sie, »daß meine Kinder deutsch
lernen. Er selbst hat keine Zeit, sie zu unterrichten. Ich finde nicht,
daß deutscher Unterricht sehr wichtig ist, aber der Doktor --«
Der Doktor, der dann in den Salon kam, war ihr Mann, ein Arzt, als Kind
deutscher Eltern in San Franzisko geboren. Er sprach mit mir in einem
durch englische Brocken entsetzlich verballhornten Deutsch und schien
sehr zufrieden mit meiner Gymnasialbildung. Das sei ja vortrefflich. Er
wünsche schon um seiner Eltern willen, daß seine Kinder Deutsch lernten,
und dann gedenke er auch, später seinen Sohn in Deutschland erziehen zu
lassen.
»Sagen wir eine Stunde _daily_, in die Tag,« so instruierte mich
Doktor Sanders, »und sagen _uir_ eine Honorar von eine Dollar. Den Plan
vom Lernen _uollen_ Sie machen _as you think best_ -- _ui_ Sie halten es
für die Beste -- nur praktisch, damit sie bald etwas _spreken_ können.«
Die Kinder, das elfjährige Mädel und der neunjährige Bub, waren sehr
altklug und sehr ungeniert.
»_We don't like German!_« erklärten sie mir sofort.
»Deutsch gefällt uns gar nicht!« Das wunderte mich nicht, denn ich
bekam bald heraus, daß ihr deutscher Sprachunterricht bis jetzt darin
bestanden hatte, Worte nachzuschreiben, die der Papa ihnen vorschrieb.
Da kam mir ein glücklicher Gedanke, auf dem Umweg über ein Glas Wasser,
das auf dem Tisch stand --
»Kinder, wir wollen nur Deutsch sprechen! Also: Dies ist ein Glas
Wasser ...«
»Diß is' ain Glas Wass'r,« sprachen beide seelenvergnügt nach.
Damit war der Weg zu dem Interesse der Kinder gefunden. Im Englischen
waren die Worte ja fast gleichlautend -- _this is a glass of water_ --,
so gleichlautend, daß diesen amerikanischen Kindern auf einmal der
Appetit zum Deutschsprechen kam. Es war ja so leicht! So klebte ich denn
während der ganzen ersten Unterrichtsstunde verzweifelt an meinem Glas
Wasser und variierte darauf los -- in diesem Glas Wasser ist eine Rose
-- die Rose ist weiß -- wir trinken Wasser -- bis zu den letzten
Möglichkeiten. Meine Kinder jubelten! Und da es wohl an die Tausend
Worte gibt, die im Deutschen und Englischen fast gleich ausgesprochen
werden, so war die "Methode" glücklich da. Eines Tages kam die Mama in
die Stunde und hörte erstaunt zu, um gleich in der nächsten
Unterrichtsstunde am andern Tag eine Freundin mitzubringen, die
Oberlehrerin einer Mädchenschule.
»Ausgezeichnet, Professor!« sagte sie.