Beinahe wäre ich umgefallen vor freudiger Überraschung --

»Nun wär' es mir aus besonderen Gründen lieb,« fuhr er fort, »wenn

Sie mir erzählen würden, was Sie in Malheurika eigentlich treiben!«

»... Hm,« grinste er endlich, »dieses Herumkugeln ist typisch. Es

geht den meisten so! Nun hören Sie: Unser zweiter Depeschenübersetzer

hat sich in der Sylvesternacht aus Glatteisgründen, ja, und sonstigen

Gründen, ein Bein gebrochen und wir brauchen jemand zur Aushilfe, bis

der arme Doktor Morgenstern wieder gesund ist. Wollen Sie es versuchen?

Ja? Das Honorar -- Honorar heißt Ehrensold -- beträgt zwölf Dollars

wöchentlich. Dann gehen Sie also mit Gott zu meinem lieben Freund und

Widersacher, dem Depeschenredakteur, grüßen Sie ihn von mir, und sagen

Sie ihm Bescheid. Da draußen -- rechts -- auf dem Gang! Guten Morgen,

Herr Kollege!«

Herr Kollege! He--err Ko--ll--ege! Fabelhaft! Zum Weinen schön!

Überglücklich stürmte der nagelneue Kollege hinaus auf den Gang und sah

in einer Art schmalen Verschlags von Glaswänden ein grauhaariges kleines

Männchen auf hohem Drehstuhl sitzen. Das Männchen putzte sich eben

umständlich eine große feuerrote Nase mit einem noch röteren Taschentuch

und stak im übrigen bis an die Ohren in einem wahren Berg von

seidendünnen Papierblättchen.

»Mein Name ist Carlé -- ich bin zur Aushilfe angestellt und soll mich

bei Ihnen melden!« sprudelte ich hervor.

»Sähr angenähm. Ich heeße Schulze, Doktor Schulze, Härr Kollege, und

bin ä gemiedlicher Sachse. Sind Sie Fachmann, Härr Kollege?«

»Nein, Herr Doktor!«

»Ach herrjemmerschnee, das is' aber ungemiedlich -- ich ersticke,

erstücke ja in düssem Berg von _Associated Press copy_. Fangen Sie nur

gleich an, Härr Kollege, es wird schon schiefgehen!«

Damit drückte er mir ein Bündel der seidendünnen Papierchen in die Hand

und führte mich ins Nebenzimmer an den verwaisten Tisch des Mannes mit

dem Beinbruch. Ein Herr, der an einem zweiten Tisch saß -- es war der

Polizeireporter -- stand auf, klappte die Hacken zusammen und stellte

sich vor: Pressenthin!

»Ein Härr Carlé, lieber Härr Referendar,« erläuterte das graue

Männchen, »der mür helfen würd, das vertrackte Zeug der Associated Preß

Luderchen in anständiges Deutsch zu bringen. Übersetzen Sü nach

Gutdünken, Härr Kollege -- lassen Sü den Mist weg und spinnen Sü die

besseren Sachen ein wänig aus. Fabrizieren Sü gute Überschriften und

heben Sü mir, bitte, die Originale auf. Nun, wür werden ja sehen!«

Mit brennendem Eifer machte ich mich an die Arbeit und fand, daß das

Übersetzen der mit der Schreibmaschine auf dünnes Seidenpapier

vervielfältigten Zeitungstelegramme kindereinfach war. Das erste

Telegramm schon war niedlich. Ein pathologisch anormaler Arzt in Chicago

hatte sich das merkwürdige Vergnügen geleistet, auf offener Madison

Street in Chicago am hellichten Tag alle Damen zu küssen, denen er

begegnete, und war natürlich eingesperrt worden. Während ich diese echt

amerikanische Sensationsnachricht übersetzte, fiel mir auch schon eine

Überschrift ein -- ein Heinezitat, das famos paßte: »Herr Doktor, sind

Sie des Teufels?« Ich fand die Spitzmarke so nett, daß ich vergnügt vor

mich hin kicherte. Nach einer halben Stunde kam der Depeschenredakteur

wieder:

»Lassen Sü einmal sehen, Härr Kollege. Ist das schon alles fertig?

Menschenskind, das gefällt mür. Häh! Hoh! Herr Doktor, sind Sie des

Teufels? Ausgezeichnet, _mi fili_; häh, gute Idee -- wir beide werden

schon miteinander auskommen!«

So war ich nun ein Rädchen in der großen Maschine der Tagespresse; ein

winzig kleines Rädchen freilich, ein krasser Rekrut in der Armee der

Männer von der Feder. Die Neuigkeitsdepeschen der Associated Preß, des

Wolff-Bureaus der Vereinigten Staaten, kamen natürlich in englischer

Sprache und mußten nicht nur in Deutsch übersetzt, sondern auch

bearbeitet werden. Denn im Original waren sie trocken wie Stroh und

sachlich wie ein Gothaischer Hofkalender. Die Associated Preß versorgte

Ihre Majestät die Presse mit nackten Tatsachen und nichts als Tatsachen.

In den ersten Tagen übersetzte ich glatt. Aber das graue Männchen mit

der komischen Nase war ein journalistisches Genie, ein Enthusiast, der

es meisterhaft verstand, in wenigen gelispelten Worten unschätzbare

Winke zu geben.

»Düs üst ein knochiges Skölett,« pflegte er zu lächeln. »Zaubern wür

dem Skölett ein bißchen Fleisch auf die Knochen! Presto! Eins, zwei,

drei -- die Geschüchte ist furchtbar einfach ...«

Und dann wattierte er eine magere Depesche mit einigen Sätzen fein

stilisierter Einleitung; machte mit einem geschickten Wort hier, mit

einem Schlaglicht dort die trockene Meldung interessant, ohne sich

jemals an der Wirklichkeit der Tatsachen zu vergreifen. Denn ein

Schuster müsse mit seiner Ahle umgehen können, und ein Journalist mit

den Raffiniertheiten der geschriebenen Sprache.

»Das üst grobes Handwerk, _mi fili_! Dü feinen Instromente des

Zeitungshandwerks aber stecken oben im Schädel, und um sie zu schleifen

muß man lesen -- zehntausendmal so vül lösen als man schreibt. Lesen

Sie, Mann, lesen Sü, wenn Sie nur können, und Sie werden dem alten

Depeschenmenschen noch einmal dankbar sein.«

Begeistert war ich von der Arbeit der Zeitung. Das kleine Zimmerchen bei

der Witwe Dougherty sah mich nur zur Schlafenszeit, denn die engen,

ungemütlichen, lärmerfüllten Redaktionsräume der Westlichen Post waren

mir ein Paradies, das unwiderstehlich lockte. Ich war der erste, der

morgens kam, und der letzte, der spät nachts ging. Wenn ich in der Frühe

das Redakteursexemplar durchstudierte und in richtiger Jungeneitelkeit

die Depeschen, die ich bearbeitet hatte, mit dem Rotstift anstrich, war

ich stolz wie ein König und fand bescheiden, daß doch ein gewaltig

großer Teil der Zeitung aus meiner Feder hervorgegangen war ... Und wenn

der gute alte sächsische Doktor brummte: »Sü machen sich -- Sü machen

sich, _mi fili_!« dann hätt' ich mit keinem Dollarkönig in keinem

Dollarwolkenkratzer getauscht. Ich glaube, ich war eitel wie ein Pfau,

wie es Bruder Leichtfuß ja sein mußte nach dem Riesensprung vom

Kesselputzer zum Redaktionstintenfaß -- und oft dachte ich mit jenem

Respekt, mit dem man an eingetroffene Prophezeiungen denkt, an die

Worte, die mir der alte Rektor des Gymnasiums von Burghausen einst ins

Dimissionszeugnis geschrieben hatte: »Die Leistungen dieses Schülers

hätten weit bessere sein können; hervorzuheben wäre nur eine gewisse

Gewandtheit im deutschen Aufsatz und sein Interesse für die englische

Sprache.« Hoh! Diese Gewandtheit und dieses Interesse brachte mir jetzt

zwölf Dollars in der Woche und Träume, die unter Brüdern

Hunderttausende wert waren. Und glückselige Briefe schrieb ich nach

Hause, so stolz, als sei meine Ernennung zum Chefredakteur nur eine

Frage höchst kurzer Zeit -- --

War der Lausbub lächerlich eitel, so war er mindestens ebenso neugierig

und dreimal so enthusiastisch. In dem Enthusiasmus rosenroter Jugend,

der über die schwierigsten Schwierigkeiten mit einem Hopla-hop

hinwegsetzt, weil er sie gar nicht erkennt! Jahre später hörte ich

einmal bei einem Klubdiner von Zeitungsmenschen in New York einen Toast

von Jakob Pulitzer, dem großen Zeitungsmann, der die Zirkulation seiner

Zeitung "World" in kaum einem Jahr auf eine halbe Million

hinaufgetrieben hatte und sich vor einigen Jahren erschoß, weil er unter

der Last seiner ungeheuren Pläne zu einem armen Nervenbündel geworden

war.

»Meine Herren -- es lebe die Jugend!« toastete Jakob Pulitzer. »Die

Jugend lebe; die tolle unverschämte Zeitungsjugend, meine Herren, die

voller Arbeitskraft ist und voller Begeisterung; die noch enthusiastisch

genug ist, um in einem Reporterstückchen ein welterschütterndes Ereignis

zu sehen! Geben Sie mir Jugend, meine Herren, die nichts Besseres

verlangt, als zwölf Stunden im Tag arbeiten zu dürfen, die nichts weiß

von Geld und Frauen und Lebenskunst, die darauf losstürmt und naiv

schildert, was sie sieht -- und ich zeige Ihnen den Weg zum großen

Zeitungserfolg. Männer von weiser Erfahrung als kommandierende Generäle

an der Spitze der Ressorts und tolle Jugend in Reih und Glied! Wir

lenken nur. Wir sichten. Die rohen Werte aber schafft die Jugend. Es

lebe die Zeitungsjugend, meine Herren!«

Mein Enthusiasmus kannte keine Grenzen. Es schien mir, als sei das alte

Sprichwort herumgedreht -- als müsse es heißen: Aller Anfang ist leicht!

Dem Jungen, der keine Verantwortung kannte und auf sie gepfiffen haben

würde, hätte er sie gekannt, der kaum die Anfangsgründe des Journalismus

kennen gelernt hatte, schien das Getriebe der Zeitung ein Spiel. Die

rasche Arbeit des Depeschenübersetzens ließ viel freie Zeit übrig, die

es mir erlaubte, dutzende und aberdutzende von englischen Zeitungen im

Tag zu lesen und nach Herzenslust umherzuschnüffeln. Überall pfuschte

ich hinein. Herr Pressenthin, mit dem Spitznamen Herr Referendar, den er

aus seiner deutschen Juristenzeit mit hinübergenommen hatte ins neue

Land, versah das wichtige Ressort der Polizeireportage und trieb sich

tagsüber auf der Polizei und in den Gerichten herum. Wenn er dann abends

kam, war der Hüne mit dem urgemütlichen sanftgeröteten Gesicht und den

biervergnügten Äuglein todunglücklich. Und wenn er endlich seine sieben

Bleistifte gespitzt und seine Notizen zurechtgelegt hatte, ließ er sich

vorerst eine Flasche Bier holen. Dann fing er an zu jammern:

»Ogottogottogottogott, das Leben ist schwer und zeitraubend --

ogottogott, was soll ich nun wieder schreiben über den Mist!!«

Fünf Minuten darauf hatte er sich sicher in irgend einer schauerlichen

Partizipialkonstruktion so festgerannt, daß er beinahe weinte! Mir war's

ja eine persönliche Ehrung, wenn ich nur arbeiten durfte, und so manche

gräßliche Polizeigeschichte hab' ich zusammengedichtet, während der gute

Referendar mit seiner Bierflasche auf und abging und mir die Tatsachen

diktierte. Dafür hatte er dann immer das gleiche Lob: »Menschenskind,

Sie sind gewandt wie ein Affe ...«

Und da war im Nebenraum ein schwindsüchtiger armer Teufel, ein stiller

junger Mensch, stets tief über den Zeichentisch gebeugt.

»Darf ich zusehen?« pflegte ich Herrn Westermann, den Zeichner, zu

fragen. »Aber es ist mir ja eine Ehre, Herr Kollege!«

Dann konnte ich stundenlang zusehen, wie die Stahlnadel Linien und

Schraffierungen in die Kreidefläche grub. Es war ein eigentümliches

Illustrationssystem, jetzt schon längst veraltet, glaube ich. Herr

Westermann zeichnete die Illustrationen der Tagesereignisse mit feinem

Stahlstift in mit harter Kreide dick ausgelegte Zinkplatten. Mit

fabelhafter Geschicklichkeit. Sobald der Stift die Zinkplatte erreichte,

(durch die Kreidelage durchkratzend) bedeutete das Auftauchen des grauen

Zinkuntergrundes den wirklichen Zeichenstrich, dick oder dünn, je

nachdem der Untergrund bloßgelegt wurde. Diese Kreideplatten, mit Blei

ausgegossen vom Stereotypeur, ergaben ein Negativ, das dann

stereotypiert und so im Druck zum Positiv ward.

Oder auf einmal schlug schrill der Feuertelegraph an, der die Redaktion

mit der Hauptfeuerwache verband -- eins, zwei, drei Schläge, Großfeuer

-- Pause, ein, zwei, sieben Schläge -- im 7. Distrikt. Ein Blick auf die

Feuerdistriktkarte, die an der Wand hing, und holtergepolter sauste ich

mit dem Feuerreporter und dem Zeichner die Treppe hinunter. Während der

Feuerreporter die wichtigen _facta_ zusammentrug, Brandursache,

Versicherungshöhe und dergleichen, stand ich nur und schaute, und

schrieb dann in fliegender Eile ein Bild des Geschauten nieder, um in

Seligkeiten zu schwelgen, wenn der Lokalredakteur meine

Federphotographie in Borgis durchschossen zum Setzen gab.

Das Glück erreichte seinen Höhepunkt, als ich nach den ersten Wochen auf

einmal fünfzehn Dollars Wochengehalt bekam und zu allerlei selbständigen

Reporteraufgaben in die großen deutschen Vereine und auf ihre Bälle

geschickt wurde, denn es war ja Faschingszeit. Man wurde feierlich

empfangen auf solchen Bällen! Die Ehrenkarte der Westlichen Post war ein

Talisman, der ganz mechanisch die schönsten Verbeugungen der Herren

Vereinsvorstände produzierte, Vorstellungen nach links und rechts,

Liebenswürdigkeiten von jungen Damen, und -- vor allem eine sauber

ausgeschriebene Liste der "prominenten" Teilnehmer, damit der Herr

Doktor (ich!) von der Westlichen Post auch ja niemand vergaß. Und der

Herr Doktor wurde stets zu Sekt eingeladen --

Klar und scharf traten auf den Bällen und Festlichkeiten von

Turnvereinen und Liedertafeln die Eigentümlichkeiten des

Deutschamerikanertums hervor. Der sonderbare Kampf zwischen alter

Anhänglichkeit an die Heimat und dem Anpassenmüssen an das neue Land.

Zum allergrößten Teil waren die St. Louis'er Deutschen der wohlhabenden

Kreise schon längst amerikanische Bürger geworden und behalfen sich, so

gut es eben ging, mit dem alten Deutschamerikanermotto:

»Unser Deutschland ist uns die Mutter, zu lieben und zu ehren; das Land

des Sternenbanners ist uns die Frau, mit der man durch dick und dünn

geht ...«

Sie pflegten deutschen Sang und deutsche Gemütlichkeit, tranken

deutsches Bier und importierten deutsche Kartoffeln aus den Vierlanden,

weil sie doch anders schmeckten als die wässerigen amerikanischen

Gewächse. Sie wetterten gegen das verdammte Muckertum und die

Weiberwirtschaft in der amerikanischen Gesellschaft, und arbeiteten mit

Geld und Einfluß gegen die frömmelnde Sonntagsheiligung, die Theater und

Restaurants am Sonntag hermetisch verschloß. Aber sie zersplitterten

sich auch in Kleinigkeiten der Vereinsmeierei und persönlichen

Eifersüchteleien; zersplitterten sich so, daß die ungeheure politische

Macht, die das Deutschtum von St. Louis bedeutete, niemals geschlossen

in die Wagschale geworfen werden konnte. Deutsch fühlten sie sich auf

ihren Festen. Im Alltagsleben aber hatte das Muß der Dollarjagd, die

Formlosigkeit, die Hast, das Vorwärtspeitschen des "amerikanischen"

Geschäftsmannes sie in den Krallen. So naiv ich war, so lachte ich doch,

als mir ein merkwürdiger deutscher Herr, der mir als sehr reich und

"prominent" geschildert worden war, auf solch einem Ball einmal sagte:

»Es ist 'was Schönes um die deutsche Gemütlichkeit, aber beim Dollar

hört die Gemütlichkeit auf. Mei' Sohn lacht, wenn ich will, daß er

deutsch sprechen soll, und sagt er könn' kei' _money_ machen mit dem

Deutschreden!«

Selbst auf den deutschen Bällen sprach ja das junge Volk nur Englisch

und redete höchstens mit den Eltern ein barbarisches Gemisch von Deutsch

und Englisch:

»_Poppa_ (Papa) gib mir ein wenig _small change_ (Kleingeld); ich mecht

mir ein _ticket_ (Karte, in diesem Fall: Los) für die _lottery_ kaufe!

Es gibt schene _prizes_ von _valuable_ (wertvolle) Gegenstände --«

Und ebenso barbarisch mahnte die brave Mama, während der Papa das

Kleingeld aus der Hosentasche zog: »Geh nur, mein Kind; aber tanz' mer

net zu _much_« (viel), »damit du mir keine Kohld ketsche tust!« (_to

catch cold_ -- sich eine Erkältung zuziehen.) Und eine bildhübsche junge

Dame sagte mir einmal als höchstes Kompliment: »Sie sehen wirklich gar

nimmer deutsch aus!«

Ausnahmen waren da; starke, selbstbewußte deutsche Männer. Die Mehrzahl

aber lebten in einem sonderbaren Zwiespalt völkischer Gefühle -- bald

deutsch empfindend, bald von der sonderbaren Angst gepackt, vom

Vollblutamerikanertum als nicht ganz gleichwertig angesehen zu werden.

Sie kreuzten die deutsche Flagge und das amerikanische Banner in ihren

Vereinssälen und wußten nicht, sollten sie nun links schielen oder

rechts, sollten sie nun Deutschland, Deutschland über Alles singen oder

Heil dir, Amerika! Sie waren manchmal ein ganz klein wenig komisch und

wirkten sonderbar in ihrer Zwiespältigkeit in kleinen Dingen. Und

dennoch hatte dieses amerikanische Deutschtum einen gewaltig großen Zug,

der hoch über allen Eigentümlichkeiten stand: Den ehrlichen Instinkt des

deutschen Mannes, der sich die Finger sauber hielt von den

Geldschwindeleien und der schmutzigen Wühlarbeit der Stadtpolitik, der

seine Frau ehrte, ohne sie zum Luxusspielzeug zu machen wie sein

amerikanischer Nachbar -- der nur einen greulichen Fluch übrig hatte für

die Salbung und den Sonntagsschwindel amerikanischer Pfaffen. Und immer

stärker wird das Rückgrat der deutschen Männer in Amerika, je stärker

das Reich wird; immer größer die Zahl der Deutschen, die in den

Vereinigten Staaten tüchtige Arbeit leisten und doch stolz Deutsche

bleiben. Die es nicht so wie früher für richtig halten, nach sechs

Monaten in Dollarika vors Gericht zu laufen und die berühmte Formel der

Bürgererklärung zu schwören:

»Ich erkläre es unter Eid als meine Absicht, Bürger der Vereinigten

Staaten von Nordamerika werden zu wollen, und sage allen europäischen

Königen und Prinzen und Potentaten die Treue ab, insonderheit dem

deutschen Kaiser ...«

Bruder Leichtfuß lernte sehr viel in jenen Tagen, ohne es auch nur im

geringsten zu wissen. Gedankenlos, so wie ein Kind an der Milchflasche

saugt, sog er allerlei wertvolles Wissen in sich ein. Er schnüffelte bei

den Setzmaschinen herum und lernte es, das Negativ gesetzter Lettern zu

lesen; er gewöhnte sich an die Schriftarten und ihre Namen; er trieb

sich in der Stereotypie umher. Der alte Chefredakteur Pretorius der

Westlichen Post, der einst Gouverneur von Missouri gewesen war, und auf

dessen Stimme heute noch das offizielle Amerika horchte, gab in seinen

kurzen Leitartikeln ein wunderbares Beispiel von Knappheit und Klarheit

-- der Depeschenredakteur lehrte mich flüssigen Stil und brachte mich

dahin, zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem unterscheiden zu können

-- der Lokalredakteur predigte immer wieder:

»Lernen Sie sehen! Wo Sie auch noch hinkugeln mögen in Ihrem jungen

Leben und was Sie auch noch anfangen mögen mit sich, lernen Sie sehen!

Es wird Ihnen unbeschreiblich nützen. Aus dem Sehen von Einzelheiten

erst erwirbt man sich den Blick für den großen Zug des Ganzen. Aus der

Gabe, scharf zu sehen, erwächst das Können -- für den Zeitungsmann und

überall im Leben. An diesem Schreibtisch hier saß einst ein Mann, der

einer der größten war in dieser Kunst: Karl Schurz. Jawohl, Karl Schurz

war einst Chefredakteur der Westlichen Post und ist heute noch Aktionär.

Er, der Deutsche, der es in Amerika zum Minister brachte, konnte sehen,

und deshalb konnte er mit unbeschreiblicher Schönheit schildern -- weil

er in Bildern schrieb und sprach, riß er die Masse mit sich und schritt

von Sieg zu Sieg in der Politik. Sehen lernen! Aus den feinen Strichen

vieler Einzelheiten entsteht das große Federbild!«

Vor allem aber kristallisierte sich mir aus dem täglichen Lesen

unzähliger amerikanischer Zeitungen und Zeitschriften in ganz

mechanischem und instinktivem Erfassen ein scharfes Bild amerikanischer

Dinge heraus. Die Kämpfe, die Ziele der beiden großen politischen

Parteien des Landes. Das Getriebe des Tages. Tausend beleuchtende

Einzelheiten über Frauen, über Gesellschaft, über Sitten. Dann

technische Dinge: Die Raffiniertheit der Überschriften, die

Federschilderungen in Sensationsprozessen, die ein prachtvolles Beispiel

dafür waren, wie aus einer Unzahl von kleinen Bilderchen der große

Eindruck geschaffen werden konnte. Ein unbewußtes Lernen war es. Ein

Gezwungenwerden zum Denken, zum Mitbeobachten des sausenden Rades der

Zeitereignisse. Und dann war da das naive Bewußtsein des jungen

Menschen, daß hinter ihm die Macht der großen Zeitung stand. Das gab

merkwürdiges Selbstvertrauen! Die Visitenkarte mit der Bemerkung links

unten in der Ecke »_on the editorial staff of the Westliche Post_«

öffnete alle offiziellen Türen, und bei Erkundigungen im Rathaus oder

bei der Polizei wurde man mit unbeschreiblicher Liebenswürdigkeit

behandelt. Der Amerikaner weiß die Macht der Presse zu schätzen.

Mir ist die Geschicklichkeit unvergeßlich, mit der der Polizeichef

von St. Louis mich einmal in seinen Dienst einspannte. Vom

Polizeihauptquartier war telephoniert worden, man möchte einen Redakteur

senden, und da Pressenthin auf irgend einer Gerichtsverhandlung war,

mußte ich hingehen.

»Sie sprechen ja englisch, als seien Sie im Lande geboren,« sagte der

Mann mit dem kurzgeschorenen Schnurrbart und den scharfen grauen Augen,

als ich mich mit einigen Worten vorgestellt hatte. »Ich freue mich

stets, wenn ich immer wieder sehe, mit welchem Talent gebildete junge

Deutsche sich in unsere Sprache und unsere Art einarbeiten. Rauchen

Sie?« (Der Polizeichef bot mir eine Zigarre an.) »Es ist mein Prinzip,

den Herren von der Presse gegenüber stets ohne Rückhalt zu sprechen,

damit der jeweilige Fall klar daliegt. Ich werde Ihnen also alles über

den Fall mitteilen, was ich selbst weiß, unter der Voraussetzung, daß

Sie solche Einzelheiten unterdrücken, bei denen ich dies besonders

bemerke. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja, gerne.«

»Es handelt sich um einen Mord, und zwar um einen besonders für Ihr

Blatt interessanten Fall. Heute früh um fünf Uhr wurde im Hause Nummer

763 der Sunbury Avenue (das ist eine unserer elegantesten Villenstraßen,

wie Sie ja wissen werden) um Hilfe gerufen. Der Polizist auf Patrouille

eilte herbei und fand ein händeringendes Dienstmädchen, die ihn in den

ersten Stock führte. Das Haus ist eine kleine Villa. Dort lag in einem

Schlafzimmer eine alte Dame erschossen auf blutüberströmtem Fußboden.

Ich wurde aus dem Bett geholt und war um 5½ Uhr mit meinen Detektiven

an Ort und Stelle. Folgendes sind die ermittelten Tatsachen: Das Haus

gehört einem Herrn Nolden, einem Deutschamerikaner, Kassier der

Schlitzschen Brauerei. Mister Nolden befindet sich augenblicklich auf

einer Geschäftsreise im Süden. Die Erschossene war seine Frau. Eine

Waffe wurde nicht gefunden, und alle Anzeichen deuten auf Mord, dem ein

Kampf vorhergegangen sein muß, da die Möbel in Unordnung und die

Teppiche verschoben waren. Auf dem Fußboden fanden wir einen

ausgerissenen Knopf mit einem Stückchen Zeug noch daranhängend; einen

Knopf von einem hellbraunen Mantel. Fußabdrücke eines Männerfußes wurden

ebenfalls gefunden, jedoch nur auf der Treppe und auf einer Stelle des

Vorplatzes. Die Schußwunde rührt wahrscheinlich von einem 32kalibrigen

Revolver her. Nun liegt, da außer dem Dienstmädchen und Frau Nolden

niemand im Hause war und Spuren gewaltsamen Eindringens sich weder an

den Fenstern noch an den Türen finden ließen, die Annahme nahe, daß das

Dienstmädchen einen Liebhaber ins Haus gelassen hat, und daß dieser den

Mord mit oder ohne ihr Wissen verübte. Wir haben das Dienstmädchen nicht

verhaftet, sie wird jedoch bewacht, um den Mörder abzufassen, wenn er

sich ihr nähern sollte. Bitte bringen Sie über das Dienstmädchen gar

nichts. Oder nein, deuten Sie so ein bißchen geheimnisvoll an, daß der

Chef der Polizei selbst sie zwei Stunden verhörte und daß das Mädchen

nicht verhaftet worden sei. Sie ist Irländerin, hübsch, sehr hübsch. So

aufgeregt über das furchtbare Unglück, daß sie kaum vernehmbar war.

Wahrscheinlich finden wir durch sie den Schlüssel zum Verbrechen. -- Nun

danke ich Ihnen bestens. Ich habe bereits Detailangaben für Sie

zusammenstellen lassen, -- hier bitte,« (er reichte mir ein paar Bogen

mit Maschinenschrift bedeckt). »Alles Wissenswerte. Genaue

Örtlichkeitsbeschreibung und so weiter. Vielen Dank!«

Ich eilte auf die Redaktion und schrieb und schrieb, während der

Lokalredakteur selbst in die Sunbury Avenue fuhr, ohne etwas Neues

herauszubekommen. Schon war alles gesetzt, als spät abends ein Polizist

eine eilige Mitteilung vom Hauptquartier brachte:

»Der Mörder von Frau Nolden ist heute nachmittag vom Polizeichef und

dem Detektivsergeanten O'Hara verhaftet worden. Das Dienstmädchen Lizzie

Roberts, die Geliebte des Mörders, ist Mitschuldige. Der Mörder heißt

Patrick Rafferty und ist Kellner. Die Verhaftung wurde in seiner Wohnung

Doverstreet 73 vorgenommen. Sie dürfen verwenden, was ich heute früh

über das Dienstmädchen sagte.«

Telephonisch bekam ich noch nähere Einzelheiten über die Verhaftung und

beutete dann das Interview mit dem Chef der Polizei weidlich aus ...

»_By Jove_,« sagte der Lokalredakteur, als ich begeistert die

Liebenswürdigkeit des Polizeimannes pries, »Sie sind ein unschuldiges

Schaf!«

»Aber wieso denn --«

»Weil Sie nichts merken. Weil dieser geriebene Kapitän Green niemals

liebenswürdig ist, wenn er nicht die besten Gründe hat. Sehen Sie, in

vier Wochen sind die Wahlen. Er selbst steht und fällt mit seiner

Partei, der im Rathaus herrschenden Partei, die sich in den Wahlausrufen

besonders ihrer guten Polizeiorganisation rühmt. Der Polizeichef braucht

Reklame gerade jetzt!! Verstehen Sie? ~Er~ hat alles geleitet, alles

gemacht, alles verhaftet!!! Und ich wette meinen Kopf, Sie

Unschuldslamm, daß er, als er mit Ihnen sprach, schon längst von Patrick

Rafferty wußte und nur die Spannung vergrößern wollte. Kapieren Sie?

Aber die Geschichte macht sich gut -- und so mag es ihm hingehen.

Hierzulande wie anderwärts ist man der Presse gegenüber nur dann

liebenswürdig, wenn man etwas von ihr haben will, mein junger Freund!«

* * * * *

Ich war gerade in eifriger Arbeit an einer langen Depesche. Da trat der

Lokalredakteur ein -- und mit ihm ein dicker Herr, der ein wenig hinkte.

Eine fürchterliche Ahnung stieg in mir auf ...

»Guten Morgen, Doktor Morgenstern!« rief Pressenthin. »Gratuliere zur

Wiederherstellung! Nun erzählen Sie uns einmal aufrichtig: War es der

Punsch oder war's wirklich das Glatteis?«

»Beides -- beides, Sie neugieriger Polizeimensch,« lachte der dicke

Herr.

Während ich eine Verbeugung machte und vorgestellt wurde, wünschte ich

dem Dicken aus tiefster Seele Pest, Cholera und einen zweiten Beinbruch

an den Hals, diesem fetten Engel, der mich armen Teufel aus dem Paradies

vertrieb. Ein Gesicht muß ich gemacht haben wie der sprichwörtliche

Lohgerber, dem die Felle fortgeschwommen sind!

Das war das Ende; ein klägliches Ende, so schien es mir, der zwei Monate

des Glücks. Ein trockenes geschäftliches Ende. Eine Gratifikation von

fünfundzwanzig Dollars bekam ich als besondere Anerkennung. Und bei der

nächsten Gelegenheit würde ich im Redaktionsstab angestellt werden --

und ich solle mich recht oft sehen lassen ...

Als ich aus der Redaktion auf die Straße trat, kam ich mir vor wie ein

Ausgestoßener. Wie einer, dem Sankt Petrus die Tür zum Himmelreich vor

der Nase zugeschlagen hat. Schleunigst lief ich in meine geliebte

Bibliothek. Aber die Bücher kamen mir schal vor und die Stille in den

Sälen bedrückend, und ich glaube, am liebsten hätte ich geheult damals.

Welch' ein Esel Bruder Leichtfuß doch war -- welch' ein unbeschreiblich

törichter dickköpfiger Junge! Empfindlich wie ein Goldschlägerhäutchen

und unpraktisch wie ein Pensionsbackfisch trotz aller Lebensschneid und

aller harten Erfahrungen.

So klar lag der Weg da. So einfach wäre alles gewesen! Die guten

Menschen auf der Westlichen Post hätten mich, war doch einer

liebenswürdiger als der andere, dahin und dorthin protegiert und mir

ohne Zweifel im St. Louis'er Deutschtum Stellung verschafft, und im

Laufe der Zeiten wäre ich wohlbestallter Redakteur einer großen Zeitung

geworden. Ein sonnenklarer Weg!

Es mag Kismet gewesen sein, daß ich mich furchtbar genierte bei den

wenigen Besuchen, die ich noch auf der Redaktion machte; daß eine

merkwürdige Unruhe und Unzufriedenheit über mich kam. Für einen Narren

hätte mich jeder vernünftige Mensch gehalten -- denn eines Abends stieg

ich im Bahnhof von St. Louis in den Durchgangsexpreß nach San Franzisko,

ohne im geringsten zu wissen, was ich in San Franzisko eigentlich

wollte!

Reisefieber war es. Tolles Vorwärtsrollen. Unbewußtes Denken an Billy

und an unsere Pläne von damals. Der Entschluß zu der Reise von Tausenden

Kilometern war in fünf Minuten gefaßt worden; etwas mehr Zeit kostete

die Entscheidung: sollte ich heimlich auf Plattformen fahren oder brav

bürgerlich bezahlen? Nein, bezahlen! Das Vagabundenreisen von damals

hatte seinen romantischen Reiz verloren, denn tausendmal reizvoller war

ja die Romantik der Arbeit.

Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.

Wohin Zukunftssorgen gehören. -- Ein logisches Selbstgespräch.

-- Das Land der Sonne. -- Blühende Obstwälder. -- Ankunft in San

Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und verlorener

Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur. -- Der

tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionärssohn energisch

wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den Kabeljaus. -- Eine

Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Wieder bewährte sich glänzend mein schönes Talent, die Sorgen der

Zukunft dorthin zu verweisen, wohin sie von Rechts wegen gehörten -- in

die Zukunft! Flüchtig drängte sich mir zwar der Gedanke auf, daß es weit

schöner und angenehmer gewesen wäre, hätte ich mehr Geld gehabt.

Fünfzehn Dollars etwa besaß ich noch, als ich den Fahrschein bezahlt

hatte.

»Kannst du es ändern?« fragte ich mich.

»Nein!«

»Nach San Franzisko willst du aber?«

»Ja!«

»Na, also.«

»Und was willst du in San Franzisko anfangen?« fragte ein inneres

Stimmchen.

»Wie kann ich das jetzt schon wissen!« gab ein anderes inneres

Stimmchen anscheinend logisch zur Antwort.

Somit war die Angelegenheit zur schönsten Selbstzufriedenheit erledigt.

Friedlich schlief ich in den weichen Polstern die ganze Nacht hindurch

und blinzelte am nächsten Morgen vergnügt in die weiten Kansasebenen

hinaus. In Colorado nickte ich bekannten Stationen vergnügt zu. Billy

und Joe und ich waren da auf der Fahrt nach Osten durchgesaust. Das

Felsengebirge fand ich prachtvoll (vom Speisewagen aus) -- über die

Mormonen unterhielt ich mich während der Fahrt durch Utah ausgezeichnet

mit einer jungen Dame, die sich sehr entrüstet über die umfassende

Heiraterei des Mormonentums aussprach und dabei energisch flirtete --

Nevada verschlief ich zum größten Teil. Dann fuhren wir stundenlang in

Tunnels, den riesigen Schneehütten der Sierra Nevada, die viele Meilen

lang den Schienenstrang überdecken, um ihn vor Schneewehen und Lawinen

zu schützen. Und dann tauchte wie durch Zauberschlag ein

sonnenglänzendes Frühlingsland aus dem Dunkel auf. Saftiges Grün

überall. Wälder von Obstbäumen unter tiefblauem Himmel, übersät in

unbeschreiblicher Pracht mit feinzarten Blüten, schimmernd von

schneeigem Weiß zu silberigen und hellrosa Tönen, strahlend in warmem

Sonnenschein. Kalifornien, das Märchenland des Goldes. Das Land der

Sonne und der Schönheit.

Stunden von Märchenfahrt im Sonnenland. Dörfer, Städte. Und endlich das

Brausen und der Lärm der Königin des Westens, ein Auftauchen von

tiefblauen Meeresfluten, ein Dahinschwimmen auf riesigem Fährboot, das

im Städtchen Oakland, dem kleinen Bruder der glänzenden Schwesterstadt

drüben über der Bai, den ganzen Eisenbahnzug aufnimmt und über die

Wasser hinüberträgt nach San Franzisko; eine gewaltige Bahnhofshalle --

ein Gewühl von Menschen ...

* * * * *

Da lachte ich vergnügt vor mich hin, wie einer lacht, der seinen Willen

durchgesetzt hat, und schritt in den Wirrwarr hinein. Noch interessierte

mich das Leben und Treiben um mich her wenig. Denn Bruder Leichtfuß war

praktisch geworden und gedachte sich, so wie er's in St. Louis getan

hatte, vor allem die vier eigenen Wände zu sichern. Es fiel ihm gar

nicht ein, nach Weg und Richtung zu fragen. Da wo der Lärm am größten

war, wo die Geschäfte sich häuften, wo die Menschen sich am meisten

drängten, da durfte man nur rechts oder links abbiegen und fand

sicherlich in Nebengäßchen die Pappschilder mit der lakonischen Legende

vom zu vermietenden Zimmer. Im geschäftigsten Teil der Stadt hausen ja

immer die Junggesellen. So war es in St. Louis, so ist es überall auf

der Welt, so war es auch hier. In einem Sträßchen, eingekeilt zwischen

der Hafengegend und der glanzvollen Hauptstraße, der Market Street, fand

ich bald ein Zimmer, klein, schäbig, aber mit prachtvollem Blick auf die

Bai. Die sieben Dollars, die es im Monat kosten sollte, zahlte ich

sofort im voraus und hörte geduldig zu, wie Madame Legrange, die Dame

des Hauses, mir erzählte, San Franzisko sei eine Perle (so schön

freilich nicht wie Paris), und sie sei eine Französin (»_ah, la belle

France, monsieur!_«) und Mieter, die monatlich im voraus bezahlten,

könnten auf ihre besonderen _égards_ zählen, und sie sei auch einmal

jung und schön gewesen. Das mußte aber schon lange her sein!

Und jetzt hinaus zur Königin des Westens! Vier Stufen auf einmal nehmend

in Eile und Neugierde (es war Abend geworden über dem Auspacken und dem

Baden) rannte ich die steile Treppe hinab und -- --

»_Hopla -- confound it!_« sagte ich.

»_Hopla -- oh, the devil!_« sagte er.

Gleichzeitig betrachteten wir verblüfft eine Blechkanne, die polternd

die Treppe hinabrollte, in dem offenbaren Bestreben, auch die wenigen

Tropfen Bier, die noch in ihr waren, im Rollen loszuwerden. Er saß unten

auf einer Treppenstufe, ich oben. Zwischen uns breitete sich ein

Miniatursee von Bier und Schaum. "Er" war ein eleganter junger Mensch

mit einem prachtvoll energischen Gesicht.

»_The devil!_« sagte ich.

»_Confound it!_« sagte er.

»Entschuldigen Sie meine Ungeschicklichkeit,« bat ich.

»Aber es ist ja nicht der Rede wert,« versicherte er.

Endlich einigten wir uns dahin, zusammen frisches Bier zu holen an der

Ecke und es zusammen auszutrinken -- eine wahrhaft salomonische Lösung.

"Er" gefiel mir vom ersten Augenblick an mit seiner frischen flotten Art

und seinem kinderlustigen Lachen. Während wir oben auf seinem Zimmerchen

saßen, ich auf dem einzigen wackeligen Stuhl, er auf einem wunderschönen

schweren Lederkoffer, wurden wir, im Handumdrehen fast, vergnügt und

offenherzig wie alte Freunde.

»Der Koffer ist famos, heh?« lachte er, als er meine bewundernden

Blicke sah. »Er tut mir leid!«

»Weshalb denn?«

»Weil ich ihn über kurz oder lang einmal aufessen werde!«

Da war unter schallendem Gelächter das Eis gebrochen. Mitten im Erzählen

waren wir in einer Viertelstunde. Mein neuer Freund hieß Frank

Reddington. Reddington Junior eigentlich ...

Wie er so dasaß, schlank, sehnig, Rasse in jeder Linie, die Hände um die

Knie verschränkt, ein Lachen um die Mundwinkel, Lachen in den Augen,

hätte sich jedes Mädel in ihn verliebt.

»Zug um Zug!« lächelte er. »Zuerst ich. Also die Sache ist so: Zuerst

fing der Gouverneur (_governor_ oder auch _pater_ nannte er seinen

Vater) melodisch an zu brummen. Nach dem Empfang gewisser Rechnungen --

sie waren allerdings sündhaft, wie ich zu des Gouverneurs Entschuldigung

bemerken muß -- stimmte er einen gellenden indianischen Kriegsgesang an

und telegraphierte mir so unerhört grobe Telegramme, daß ich mich vor

den Telegraphenboten genierte. Sie rochen direkt nach Schwefel.

Endlich, als das Professorenkollegium der Universität Harvard mich aus

dem Tempel hinausjagte (diese gelehrten Herren haben so wenig Humor),

wurde der Gouverneur tobsüchtig. _Well_, ich wurde also 'rausgeschmissen

und fuhr prompt ins liebe Vaterhaus nach New York. Die _mater_ war

todunglücklich --

»Du sollst sofort nach der Bank kommen. Ach, _Franky dear_, was bist du

für ein schlimmer Junge!«

Das fing gut an. Mir war elend zumute, das kann ich Ihnen sagen. In der

Bank (der Gouverneur ist Präsident der _First National Bank_ von _New

York_) machte der Kassier ein Gesicht, als sei ich eine

verabscheuungswürdige Kreuzspinne, und führte mich ins Privatkontor.

»Nimm Platz,« sagte der Gouverneur. »Nach meinen Informationen aus

Harvard hast du dich betragen wie ein Hanswurst! _Well, sir_, was hast

du zu deinen Gunsten anzuführen?«

Ich hm--hmte. Was soll man auch in solchen Fällen sagen!

»Nichts -- nichts -- gar nichts gearbeitet. Fußball gespielt. (Für den

Betrag deiner Rechnungen der Sportfirma ernährt ein Arbeiter seine

Familie!) Schulden gemacht links und rechts! Dumme Jungenstreiche! Was

war das eigentlich mit dieser letzten Geschichte?«

Ja, diese letzte Geschichte!

Der Schlußkladderadatsch basierte auf einem Hundeschwanz, an den ein

gewisser _Franky dear_ eine geschickte Auswahl von Feuerwerkskörpern

angebunden hatte. Nun frage ich Sie: Was konnte ich dafür, daß der

dazugehörige Hund dem Professor der Physik gehörte und die wahnsinnige

Idee hatte, zu seinem Herrn in die Physikklasse zu rennen -- mitsamt

Schwanz, Knallfröschen und Donnerschlägen! Dabei war das Hündchen

nervös, begreiflicherweise, und rannte in dreieinhalb Sekunden für

mehrere hundert Dollars physikalische Instrumente über den Haufen. Lange

soll es nicht gedauert haben. Aber so lange es dauerte, war das Tempo

dieser Vorstellung ungewöhnlich flott! Und dabei hatte ich doch rein

erzieherische Absichten verfolgt, denn wenn Moppelinus sich heimtückisch

in ein Studentenzimmer schleicht und einen nagelneuen Flanellanzug

schändet, so muß Moppelinus bestraft werden! _Well_, der Gouverneur

lachte nicht einmal. Ich sei der Schandfleck einer sonst ehrbaren

Familie. Aus den einzelnen Posten von Faulheit, Leichtsinn und Frechheit

ergebe sich als Gesamtbilanz ein hoffnungsloser Taugenichts. Ich solle

mich gefälligst zum Teufel scheren, und zwar sofort, augenblicklich,

ohne Zeitverlust. (Wahrscheinlich war irgend eine Lieblingsaktie des

_pater_ auf der Börse bös gezwickt geworden, denn er schien in einer

Schandlaune.)

»Ich finde es entschieden langweilig, Vater eines Sohnes zu sein!«

sagte er dann ganz gemütlich. »Dieses -- dieses Zeug,« dabei deutete

er auf einen Stapel Rechnungen, »werde ich regulieren. Im übrigen

handelt es sich nicht um Geld, sondern um ein Prinzip. Du wirst

arbeiten, _sir_. Mein Privatsekretär wird dir deine Instruktionen

erteilen. Vorläufig wünsche ich dich nicht mehr zu sehen.«

Der Privatsekretär im Vorzimmer grinste und überreichte mir

maschinengeschriebene Befehle. Sehr präzise. Sofort nach Chicago fahren

und sich bei dem Präsidenten der Illinois Central Eisenbahn melden (in

deren Aufsichtsrat der _pater_ saß). Dort angestellt werden im

Hauptbureau -- mit acht Dollars Wochengehalt.

Da fuhr mir der Ärger in die Glieder: »Wissen Sie, was?« sagte ich.

»Melden Sie dem Gouverneur, daß ich seinen Standpunkt für durchaus

richtig hielte und zu arbeiten gedächte. Aber ohne seine verdammte

Protektion! Mitteilungen über meinen Aufenthaltsort werde ich Ihnen von

Zeit zu Zeit zugehen lassen, und Sie werden dem Gouverneur darüber

berichten. _Good morning, sir!_«

Der Privatsekretär fiel beinahe in Ohnmacht.

Du dreifacher Narr! sagte ich mir, als ich auf der Straße stand. Aber

nun hast du einmal A gesagt und mußt auch B sagen. Um eine lange

Geschichte kurz zu machen -- in sechs Tagen war ich in Frisco (die

goldene Uhr und die Schmucksachen und die überflüssige Garderobe hatten

ein nettes Sümmchen gebracht) und bezog die Universität von Kalifornien.

Um jeden Preis fertig studieren, gerade weil der Gouverneur es anders

wollte! Für das laufende Semester reichte das Geld. _Well_, und in den

Ferien wurde ich Kellner -- ein scheußliches Geschäft -- und dann wohnte

ich billig und schrieb Kolleghefte ab für Söhnchen, die überflüssiges

Geld hatten, und gab Privatstunden im Boxen. Gearbeitet hab' ich wie ein

Pferd, und Spaß hat es mir gemacht. Im nächsten Semester kommt das

Schlußexamen, das ich zweifellos bestehen werde, und dann telegraphiere

ich dem Gouverneur, er könne jetzt das Kalb schlachten lassen für den

verlorenen Sohn. Jawohl -- nach den ersten sechs Monaten hat mir

Higgins, das ist der Privatsekretär, gedrahtet, ich sei ein Narr, und

der Kassier sei angewiesen, meine Schecks zu honorieren. Ich hab' aber

gedankt. Zuerst muß der Gouverneur den nötigen Respekt vor mir bekommen,

damit wir eine gemütliche Verkehrsbasis haben!«

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3) · 第 10 / 14 题