Von den Rändern seines grünen Gartenflecks dehnte sich weit und breit

trostloser Sand, und gegen Norden schimmerten stahlblaue Felsenmassen.

Glühend brannte tagaus, tagein die Sonne nieder aus tiefblauem Himmel,

an dem nie ein Wölkchen zu sehen war. Die trocken heiße Luft war von

unbeschreiblicher Klarheit und Durchsichtigkeit. Weit entfernte

Gegenstände schienen zum Greifen nahe. Und Sand, überall Sand; bald

glänzend weiß, bald tiefbraun. In einzelnen Fleckchen wuchs zähes

rostbraunes Gras, und überall wucherten, kaum aus dem Sand hervorlugend,

winzigkleine Kakteen mit eisenharten Dornen. Das war unser Spielplatz.

Wie Kinder gebärdeten wir drei Männer uns. Viele Stunden lang lagen wir

oft im heißen Sand und rauchten und schwatzten. Der sonst so schweigsame

Billy konnte ganze Nachmittage hindurch mit wahrer Wollust die

absurdesten Pläne ersinnen und sie uns begeistert auseinandersetzen:

Hetzfahrt nach San Franzisko! Dann sollten wir drei ein billiges

Zimmerchen mieten und arbeiten wie besessen. Irgend etwas -- Und sparen

wie Russel Sage! (Das war ein berüchtigt geiziger New Yorker Milliardär,

der einmal erklärte, es sei eine Sünde, mehr als einen Dollar bares Geld

bei sich zu tragen. In der Bank verdiene das Geld doch Zinsen!) Jeder

Narr könne Geld sparen, wenn er das Sparenwollen zur fixen Idee mache,

behauptete Billy. Und wenn wir Geld hätten, würden wir uns als

Kohlenzieher nach Honolulu verdingen, dort arbeiten und die Sprache der

Südsee lernen. Dann kaufen und verkaufen und im Kleinen importieren und

reich werden ... Oder: Über Galveston nach New Orleans, nach Mobile und

so weiter nach Florida. Von dort aus sich den kubanischen Insurgenten

angeschlossen. Denn ein amerikanischer Revolver mit einem Amerikaner

dahinter sei überall sein Gewicht in Diamanten wert -- --

»Aber das ist ja blinkeblanker Unsinn!!« so schlossen immer Billys

lange Reden. »Augenblicklich ist die Welt wunderschön und das genügt.

Wenn wir einmal übrige Zeit haben, können wir ja gelegentlich auch reich

werden --!«

Wettrennen liefen wir über den heißen Sand hin. Kein Tag verging ohne

Boxen, in dem Billy ein Meister war. In der Wüste von Lucky Water lernte

ich es, mich mit harten Fäusten zu wehren, in Geschicklichkeit und Ruhe,

die allemal über brutale Kraft triumphiert. Ich verspürte den Hieb von

unten auf das Kinn, der auch den stärksten Mann bewußtlos hinschleudert;

den Schlag auf die Herzgrube, der den Getroffenen nach Luft schnappend

hinsinken läßt. Wir zerhämmerten uns gegenseitig, bis jeder Fleck am

Oberkörper brannte wie Feuer -- und waren glückselig dabei.

Dann die Abende des Schweigens draußen im Sand! Wenn im Westen der

Feuerball in roter Glut in das Land eintauchte, blieb auf Sekunden der

Himmel tiefblau. Dann kam das Farbenmärchen. Ein greller Purpurstreifen

leuchtete tief unten am Horizont, funkelnd grün an den Rändern, mit

goldenen Strahlen an den Seiten, bis in unmerklichem Wechsel dunkles

Violett aus dem Purpur wurde und fahles Grün weithin über den Himmel

kroch und mit den blauen Tönen verschwand und das Violett aufsaugte. Und

dann, schnell wie ein Blitzschlag, tiefstes Dunkel. Schwarzblaue

Schattenmassen, in denen es fein, ganz fein aufglitzerte. Immer

deutlicher wurden die Lichtpünktchen, und ehe man sich's versah, flammte

es da droben in der abgründig blauen Unendlichkeit von Millionen

strahlend weißer Schönheiten -- in einem Zittern, einem Tanzen, einem

Flimmern, als müßte im nächsten Augenblick ein ungeheurer Sprühregen

weißen Lichts herabsinken auf die Erde.

Und stundenlang hab' ich oft in den Mond gestarrt; zu meiner Frau im

Mond, von der ich um alles in der Welt den beiden andern nichts gesagt

hätte. Meine Frau im Mond! Ganz unten am rechten Rand der Lichtscheibe

war in blendender Weiße der Büstenansatz und der schlanke Hals, aus dem

in feinen Schatten das Köpfchen emporwuchs mit massigem, tiefdunklem

Haar. Weit lehnte sich das Weib zurück, als starre es in die

Sternenpracht hinein. Über den Lippen bildeten helle und dunkle

Mondflecken in undeutlichen Umrissen einen Männerkopf, zum Küssen sich

niederneigend.

Traum über Traum kam, ein Luftschloß nach dem andern stieg empor und

zerfloß in sehnsüchtigem Grübeln. Mein nur waren die Luftschlösser, wie

es sein muß in den Träumen der Jugend. Wie leicht war es doch, sich

Macht und Reichtum und Schönheit herunterzuholen aus den Sternen und in

die Heimat zurückzukehren: Da bin ich -- ich! Und Gold ausstreuen, und

den bunten Rock des Offiziers anziehen, der von frühester Kindheit an

mir den Lebenstraum bedeutet hatte. So lebten sie glücklich immerdar --

sie beide -- denn in die Träume gaukelte das Bild der alten Herzogsburg,

und der Glückspilz von Träumer wandelte Hand in Hand mit dem Mädel in

unbeschreibliche Seligkeiten hinein ...

»Sie können uns gebrauchen!« lächelte Billy so ganz nebenbei am Morgen

des letzten Tages. »Mister Agent war so liebenswürdig, zu

telegraphieren!«

»Wer kann uns brauchen?« sagte Joe erschrocken.

»Die Reparatursektion der Santa Fé sechzig Meilen westlich. Hast du die

Frachtzüge mit den neuen Eisenbahnschwellen nicht bemerkt, die in den

letzten Tagen hier durchkamen?«

»Eisenbahnarbeit?« stöhnte Joe. »Ach du meine selige Tante Jemima!

Billy -- das is' -- -- nee, Billy das is' gräßlich.«

»Arbeiten müssen wir, mein Sohn, und wenn du im südlichen Arizona

andere Arbeit findest, bist du klüger als ich. Also weine nicht!«

»Pfui Deibel!« sagte Joe aus gequältem Herzen. »Pfui -- Deibel --!!«

Billy lächelte.

»_Well_,« meinte er, vergnügt blinzelnd, »das ist so etwas wie

wunderschön poetische Gerechtigkeit, mein Sohn. Sonst haben wir die

Eisenbahn -- nun hat die Eisenbahn uns!«

Wie das Wandern endete.

Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific. -- Als

Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boss_«. -- Von Kindern

Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hände in die Höhe!

-- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die braven Spitzbuben von

El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit. -- Von den Schüttelfrösten der

Malaria. -- Krank und einsam. -- Nach St. Louis. -- Ein ganzer

Mann.

Dicht neben dem Schienenstrang, viele Meilen weit von den beiden

nächsten Stationen entfernt, stand ein schmuckloses hölzernes Haus mit

vielen kleinen Fensterchen, über dessen Türe in schwarzen Buchstaben die

Inschrift stand: Sektion 423, Southern Pazific. Der Zug hielt einen

Augenblick lang, und wir sprangen ab. Ein vierschrötiger Mann in blauen

Arbeitskleidern, mit respektablem Bäuchlein und wirren feuerroten

Haaren, trat aus der Türe und sah uns prüfend an.

»Die drei von Lucky Water?« fragte er. »Versteht ihr 'was von der

Arbeit?«

»Halt' den Mund!« raunte Billy mir zu. Dann gab er Antwort:

»Oh ja!«

»Ist mir verflucht angenehm,« brummte der Feuerrote. »Wie heißt

ihr?«

»Billy Smith, Joe Donovan, Ed Müller.«

»Amerikaner?«

»Wir beide, ja. Unser Freund hier ist Deutscher.«

»So? Das macht nichts aus. Nun kommt herein zum Essen. Die

Arbeitsbedingungen kennt ihr ja. Einen Dollar siebzig im Tag, glatt,

Essen und Wohnen schon abgezogen. Arbeitszeit mindestens 31 Tage. Wer

vorher geht, bekommt kein Geld. _Come in!_«

Beim Hineingehen sagte er: »Ein Segen, daß man mit euch wenigstens

christliches Englisch reden kann, _begorra_!« (Er war offenbar ein

Irländer.) »Die andern sin' Italiener, hol' sie der Kuckuck, und wenn

ich was sag', grinsen sie. Mit den Nasen muß ich sie auf die Arbeit

stoßen, bis sie kapieren, was getan werden soll. Mit den Händen muß ich

reden wie ein gesegneter Indianer -- hol's der Teufel! Wozu braucht

eigentlich dies Land schnatternde Söhne von affenbesitzenden

Orgeldrehern? Das möcht' ich wissen! _Well_, kommt nur herein!«

An dem langen, wachstuchbedeckten Tisch in der Stube saßen, eifrig

kauend, sieben italienische Bahnarbeiter, die uns alle miteinander ihr

"_parla italiano_?" entgegenschrien und enttäuscht aussahen, als wir die

Köpfe schüttelten. Eine dicke Frau mit einem lustigen Gesicht trug das

Abendessen auf, und wir griffen zu. Ich wunderte mich über die

Reichhaltigkeit der Speisen. Es gab gebratenes Fleisch und gebackene

Kartoffeln. Dazu Tomaten. Dann wurden ausgezeichnete kleine Pfannkuchen

gebracht, Platten mit wahren Bergen davon, und endlich Apfelkuchen.

Teller mit Speck, schneeweißes Brot, Flaschen mit allerlei Saucen

standen auf dem Tisch.

»Haben Sie "_overalls_"?« fragte Billy den Feuerroten nach dem Essen.

»Wir möchten unsere Kleider schonen.«

»Jawohl,« meinte er. »Das nenn' ich christlich. Die Italiener sin'

nich' so sauber. Könnt' ihr haben. Wäsche auch.«

Er fischte aus einer Truhe die blauen Arbeitshosen hervor, sackartige

Affären, in die man hineinkletterte und sie sich über den Schultern

zuknöpfte; Flanellhemden und derbe Wäsche. Dann kauften wir uns noch

Tabak und bezahlten zu seinem großen Staunen bar, statt uns den Betrag

später abziehen zu lassen. Dann ging's ins Bett. Einer der beiden

Schlafräume war von den Italienern voll besetzt, so daß wir im Nebenraum

allein schliefen. Saubere eiserne Feldbetten standen da, frisch

überzogen, und in der Ecke war einfaches Waschgeschirr, aber ebenso

sauber.

»Die Arbeit ist schwer,« erklärte Billy, »so schwer und

verhältnismäßig so schlecht bezahlt, daß sich Amerikaner nur selten und

dann nur kurze Zeit dafür hergeben. In den _sections_ gibt's fast nur

Italiener. Aber die Lebensbedingungen sind gut.«

Im Dämmergrauen am nächsten Morgen wurde gefrühstückt, eine sehr solide

Mahlzeit, und kurz nach Sonnenaufgang ging's hinaus auf den

Schienenstrang zur Arbeit. Auf _handcars_. Das sind Draisinen

einfachster Konstruktion, deren Räder genau auf die Geleise passen, mit

Pumpgriffen versehen wie eine Feuerwehrspritze. Durch das Auf- und

Niederdrücken der Handgriffe überträgt sich die Kraft auf die Axen. Wir

"pumpten" uns mit Eilzugsgeschwindigkeit vorwärts bis zum Arbeitsplatz

des Tages. Dort lagen riesige Haufen von weißglänzenden neuen

Eichenschwellen, die gegen die alten ausgewechselt werden mußten. Die

Arbeit war bitterhart, denn es mußte im Eiltempo gearbeitet werden. Der

Amerikaner duldet kein Zeitvertrödeln. Mit Stahlhammer und Stemmeisen

wurden die schweren Klammern herausgeschlagen und dann die alten

verfaulten Schwellen unter den Schienen hervorgezerrt. Die neuen

Schwellen mußten eingeschoben, niedergeklammert (ich lernte es schnell,

den riesigen Hammer zu führen) und in den Kies des Schienenbetts

eingestampft werden. "Tamponieren" hieß der Fachausdruck dafür. Mit

langen eisernen Stangen, deren Ende schräg abgestumpft war, wurde unter

die Schwellen hineingestoßen, bis Schwellen und Untergrund eine feste

Masse waren. Auf dem "_boss_", dem Herrn, dem Vorarbeiter, ruhte

gewaltige Verantwortlichkeit, denn es mußte nach der Wasserwage

gearbeitet werden, damit die Schienen völlig horizontal blieben, und an

Kurven mit der erhöhten Außenschiene war sogar eine recht schwierige

Kalkulation erforderlich. In Deutschland hätte ein Ingenieur solche

Arbeit geleistet. Hier tat's ein alter Irländer, der kaum lesen und

schreiben konnte. Ein Praktiker, unter dessen Aufsicht vierzig Meilen

Schienenstrang standen, für dessen Beschaffenheit er und nur er allein

verantwortlich war. Er mußte dafür sorgen, daß nicht verfaulte Schwellen

das Geleise unsicher machten, er wechselte Schienen aus, er grub

raffinierte Abzugskanäle, wenn Grundwasser den Bahndamm bedrohte, er

patroullierte mit seiner Handvoll Leute täglich die Riesenstrecke, über

die er herrschte. Die Eisenbahngesellschaft machte den simplen Praktikus

zum Selbstherrscher und holte so die denkbarste Höchstleistung aus ihm

heraus. Sie zwang ihn zu denken! Zu organisieren! Und so leistete er

weit mehr, als wenn er in bureaukratischem Befohlenwerden und Gehorchen

gleichgültig sein Tagewerk getan hätte. Dafür bezahlte ihn die Bahn gut

und ließ ihn an der Beköstigung seiner Arbeiter Geld verdienen.

Von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang wurde gearbeitet, mit einer

kurzen Pause dazwischen, in der das mitgebrachte Lunch verzehrt wurde.

Jeder Muskel am Körper schmerzte. Der Rücken wollte mir beinahe brechen

vor lauter Hämmern und Stoßen und Schaufeln. Aber ich arbeitete darauf

los -- aus Leibeskräften. Denn ich wollte hinter keinem zurückstehen.

Und ich begriff bald den Zweck der Arbeit, ihre Feinheiten. Selbst

gröbste Arbeit hat ja ihre Tricks.

»Das is' christlich!« sagte O'Flanagan, der _boss_, als wir abends

müde und zerschlagen auf die Draisinen stiegen. »Billy ist extraprima,

Joe is gut un' der Deutsche wird noch gut. Das is mir verdammt angenehm.

Weg von den Handgriffen, ihr drei! Pumpen sollen nur die Italiener; bin

froh genug, daß 'mal gesegnete Christen da sin', denen man eine

Wasserwage und einen Maßstab in die Pfoten geben kann!«

So wurde die abendliche Patrouille, die sich jedesmal über mindestens

zwanzig Meilen erstreckte, für uns zu einer Spazierfahrt. Unsere

Bevorzugung führte natürlich zu Händeln, bei denen es im italienischen

Lager prachtvolle blaue Flecken um die Augengegend gab. Das mag sehr roh

gewesen sein -- aber es war sehr schön!

Man arbeitete, man aß, man kroch früh am Abend todmüde ins Bett. Ein Tag

war wie der andere. Nur an den Sonntagen schlief man bis in den hellen

Tag hinein und las am Nachmittag die Zeitungen der Woche. Es dauerte

nicht lange, so wurden meine Hände schwielig und meine Muskeln

eisenhart. Aber ich versäumte an keinem Abend die Handeinreibung mit

Glyzerin und die sorgfältige Nagelpflege, die Billy mir mit wahrem

Fanatismus vormachte. Man müsse Hände und Finger gut behandeln, wenn sie

nicht ewig die Schaufel führen sollten, pflegte er zu sagen. Ein

diszipliniertes Hirn sorge unter allen Umständen für ein diszipliniertes

Äußere! Billy war weise.

Vierzig Tage waren vergangen, als der Extrazug mit dem Zahlmeister kam,

der die Sektionen des Bahnsystems ablohnte, und wir bekamen unser Geld.

O'Flanagan richtete es so ein, daß die Patrouillenfahrt an jenem Abend

uns bis zur nächsten westlichen Station brachte.

»Adieu, Jungens,« sagte er, »seid christlich gewesen! Wär' mir

lieber, ihr würdet noch bleiben. Kann's euch aber nicht übelnehmen, _be

jabers_. Könnt was Gescheiteres tun, als Eisenbahnarbeiten. _So long!_«

»Das merk' dir, Billy!« grinste Joe.

»Man muß die Arbeit nehmen, wie sie kommt,« antwortete Billy

achselzuckend.

»Jetzt aber wird der Spieß umgedreht, _my dear Billy_! Hat die

Eisenbahn uns gehabt -- so haben wir jetzt, bei meiner seligen Tante

Jemima, wieder die Eisenbahn!!«

Und der nächste Schnellzug führte drei nichtzahlende Passagiere nach

Westen.

Tag und Nacht ging es dahin, als müsse versäumte Zeit eingeholt werden.

In kaum zehn Tagen legten wir eine ungeheure Strecke zurück, zuerst auf

einer Nebenlinie nach Westen, dann zurück im Bogen nach Osten, die

Arizonalinie überschreitend, über Albuquerque nach dem Norden, durch

Neumexiko nach Colorado hinein -- gepackt vom Fieber des

Vorwärtshastens. Auf dieser Fahrt kam ich zum ersten und einzigen Mal in

den Vereinigten Staaten mit der Macht des Gesetzes in Konflikt.

Es war in einem kleinen Städtchen nicht weit von La Junta in Colorado.

Der Frachtzug rumpelte in dem prachtvollen Sommermorgen dahin, hielt,

rumpelte wieder hin und her. Und dann war Ruhe.

»_Confound it_,« sagte Billy nach einer Weile, »ich glaub', wir sind

auf einem Nebengeleise.« Er öffnete vorsichtig die Schiebetüre einen

Spalt weit und guckte hinaus. »Wahrhaftig! Infames Pech. Winzig kleine

Station auch noch!«

Verärgert kletterten wir hinaus, um uns umzusehen und so schnell als

möglich mit einem anderen Zug weiterzufahren. Zuerst sprang Billy zu

Boden, dann Joe und endlich ich. Kein Mensch war zu sehen. Wir wollten

über das Geleise hinweg zur Straße hinübergehen, als urplötzlich aus

der Böschung eine Gestalt auftauchte und eine drohende Stimme rief:

»Hände in die Höhe!«

Billy und Joe hielten prompt die Arme empor, während ich fassungslos den

Mann im Schlapphut und die riesigen Revolver in seinen Fäusten

anstarrte.

»Hände in die Höhe!!« donnerte es wieder. »_Hands up_ -- oder, bei

Gott, 's gibt ein Begräbnis!!«

Da schossen auch meine Arme senkrecht empor, und eine unbeschreibliche

Angst kam über mich. Billy aber lächelte.

»Umdrehen!« befahl der Mann im Schlapphut, und ich merkte, wie seine

tastende Hand meine Taschen befühlte.

»So! Nun marschiert ihr vor mir her; links, wenn ich links sage,

rechts, wenn ich rechts sage, und wer einen Versuch macht, zu

entfliehen, bekommt eine Kugel. Vorwärts, im Namen des Gesetzes!«

»Was ist denn nur -- was kann es denn sein ...« rief ich, erschrocken.

Billy aber fragte, ohne den Kopf zu wenden:

»Lieber Herr, haben Sie vielleicht den Sonnenstich?«

»Keine Witze!« befahl der Mann hinter uns. Aber ich hörte, wie er

leise lachte.

»Ist man in dieser Gegend immer so unhöflich?« fuhr Billy fort. »Und

ich möchte mich wirklich erkundigen, was im Namen aller Unvernunft Sie

eigentlich von uns wollen?«

»Das werdet Ihr beim Friedensrichter hören!«

»So? Nun, der Friedensrichter wird auch von mir Verschiedenes zu hören

bekommen.«

»Ach, das wird keinen Unterschied machen,« lachte der Mann hinter uns.

Das Städtchen bestand aus höchstens zwei Dutzend Häusern. Wir wurden in

ein Haus hineinmarschiert, in dem eine Eisenhandlung war, und fanden uns

in einer Stube, die nichts enthielt als eine Bank, einen Tisch und einen

Stuhl. Wir mußten uns auf die Bank setzen, und der Mann mit den

Revolvern pflanzte sich neben uns auf. Nach einer Weile trat ein

weißbärtiger Herr in Hemdsärmeln ein, nahm einen Rock vom Nagel an der

Türe, zog ihn an und sagte:

»Die Gerichtssitzung ist eröffnet! Was haben Sie dem Gericht zu melden,

_Mr. Sheriff_?«

»Drei Tramps, Euer Ehren!«

»Schön. Heben Sie die rechte Hand empor und schwören Sie -- im Namen

m--m--m die Wahrheit um--m--um ... nichts als die Wahrheit ... m--m --«

Der Sheriff murmelte auch etwas.

»Tatbestand?« fragte der Friedensrichter.

»Illegales Fahren auf der Eisenbahn, Euer Ehren, und gemeingefährliches

Herumtreiben ohne Subsistenzmittel. Ich persönlich habe die drei

Angeklagten beobachtet, wie sie aus einem Frachtwaggon kletterten.«

Der würdige Richter rieb sich die Hände.

»Vier Tage Zwangsarbeit im Straßenbau!« verkündete er. »Das Gericht

ist geschlossen!«

Ich fiel beinahe um.

»Einen Moment,« sagte Billy, »darf ich in die Tasche greifen?«

»Jawohl.«

Billy holte eine Handvoll Dollarnoten hervor, die der würdige Richter

überrascht betrachtete und sich darauf schleunigst wieder hinsetzte.

»Die Gerichtssitzung ist wieder eröffnet!« sagte er.

»Wir müssen uns illegalen Fahrens schuldig bekennen,« begann

Billy; »ich bitte jedoch, in Erwägung dessen, daß wir nicht ohne

Geldmittel und nicht gemeingefährlich, sondern nur auf Arbeitssuche

sind, auf eine Geldstrafe zu erkennen.«

»Zugestanden!« erklärte der Friedensrichter sofort. »Sagen wir einmal

6 Dollars für den Mann!«

»Ein bißchen viel, Euer Ehren -- für Arbeitslose.«

»Hm -- sagen wir 10 Dollars für alle drei?«

Der Sheriff trat zum Richtertisch und flüsterte etwas. Ich hörte

deutlich die Worte: bar Geld -- Tramps gibt's genug ...

»Fünf Dollars Gesamtgeldstrafe, in Anbetracht der Umstände!« entschied

der Richter, und Billy bezahlte.

»So!« sagte Seine Ehren, das Geld einstreichend: »Die Gerichtssitzung

ist geschlossen!«

Der Sheriff führte uns wieder auf die Straße und meinte, es sei Zeit zum

Mittagessen. In seinem Hause könnten wir für einen halben Dollar alle

zusammen ausgezeichnet essen! Als wir am Tisch saßen, meinte Billy:

»Kluge, gerissene Gegend hier, nicht, Mr. Sheriff?«

»Sehr!«

»Macht Ihr es immer so?«

»Hm,« sagte der Sheriff gemütlich, »das ist doch furchtbar einfach.

Wir bauen hier eine neue Straße un' haben verflucht wenig Geld dazu.

_Well_, un' wenn wir Tramps erwischen, müssen sie gratis arbeiten. Feine

Idee! Wenn die Zeiten gut sind, haben wir schon dreißig Mann in der

Woche gekriegt. Aber ich will verdammt sein, wenn Ihr nicht die ersten

seid, aus denen wir bares Geld herausbekommen haben!«

»Großartig!« sagte Billy. »Der Scherz ist beinahe fünf Dollars wert.

Übrigens -- wie heißt denn dieses hoffnungsvolle, aufblühende

Gemeinwesen?«

»El Dorado,« sagte der Sheriff.

Da lachten wir alle drei schallend auf.

»Wenn ich mich einmal zur Ruhe setze,« prustete Billy, »dann komm'

ich hierher. Eine Stadt, in der man andere die Arbeit tun läßt, die man

selbst tun sollte, ist wirklich ein Dorado. Ihr könntet euch doch zum

Beispiel auch euer Holz von gelegentlichen Vagabunden spalten lassen?«

»Das ist keine schlechte Idee,« sagte der Sheriff. »Aber wenn's

einmal bekannt wird, kommen sie nicht mehr hierher!« setzte er betrübt

hinzu.

* * * * *

Sommer und Herbst waren dahingeschwunden in einem rastlosen Wirrwarr von

hastendem Dahinjagen und Arbeit. Durch große Strecken von Colorado,

durch das südliche Kansas, wieder nach Texas und nach Arkansas hinüber

und zurück nach Kansas, hatte unser planloser Weg uns geführt.

In einem Steinbruch arbeiteten wir einmal; wir halfen Farmern dann und

wann, wir plagten uns einen Monat lang auf einer Sektion der

Kansaseisenbahn, wir schleppten Kohlensäcke, wir arbeiteten in einem

Elektrizitätswerk. Ein unendlich armes Leben wäre es gewesen, wenn nicht

die Eisenbahn eine so wunderbare, immer neue Anziehungskraft ausgeübt

hätte. Und wenn nicht Billy mit seinem Humor, seiner Klugheit, dem

unbeschreiblichen Einfluß, der von ihm ausging, uns zusammengehalten

hätte. Aber über ihn wie über mich kam es in all den Träumen und all dem

Hasten oft wie ein Sehnen nach anderem Leben, und wir sprachen so manche

Arbeitspläne durch.

»Zuerst Geld in den Händen haben und dann mit dem Kopf arbeiten!«

Das war der Grundzug seiner Ideen. Schließlich beschlossen wir, nach San

Franzisko zu gehen, das Billy gut kannte, und dort uns das Glück zu

erjagen; die Mittel zu ganz großen Wanderzügen, zu Aufregung und Erleben

im großen Stil. In Kansas war es, auf einer winzig kleinen Station der

Union Pazific, wo wir diesen Entschluß faßten. Wir wollten ihn sofort

zur Ausführung bringen. Joe, der simple, Billy getreu wie ein Diener dem

Herrn, ging überallhin mit, ohne zu fragen und ohne sich im geringsten

um Dinge der Zukunft zu kümmern. Nach Westen also ging unser Weg.

»In zwölf Tagen spätestens sin' wir in Frisco,« sagte Billy, »und

dort arbeiten zuerst nur Joe und ich, bis du uns wieder gesund geworden

bist. Langweilige Geschichte, krank zu sein. Tu's nicht wieder!«

Denn ich war krank.

In fortwährendem Fieber. Mein Gesicht war zitronengelb fast geworden,

wie das eines Chinesen, und von Tag zu Tag wurde ich schwächer. Ich litt

an Malaria. Die Keime der Krankheit hatte ich mir wahrscheinlich schon

in Texas oder vielleicht auch in den Sumpfgegenden des Staates Arkansas

geholt. Billy erkannte sofort, was mir fehlte. Täglich schluckte ich so

und soviele Pillen des einzigen Gegenmittels, das es gab, Chinin. Der

Tag fing mit Chinin an und hörte mit Chinin auf. Zuerst machte sich die

Krankheit auch kaum anders bemerkbar, als in der sonderbaren

Gesichtsfarbe, in Fieber und in Müdigkeit. Aber ich war so abgehärtet,

daß ich mir aus dem bißchen Fieber wenig machte. Das dauerte wochenlang.

Dann kam es über mich wie Schlafsucht, und oft mußte ich mich auf

gefährlicher Fahrt gewaltsam wachhalten. Und dann packte mich der

Schüttelfrost der Malaria.

Ein unangenehmer Geselle. Ich saß zusammen mit Billy und Joe in einem

Frachtwagen, als es mich auf einmal glühend heiß überlief. Kaum eine

Sekunde später schauderte ich in eisiger Kälte, und die Zähne fingen mir

an zu klappern. Und dann schüttelte und rüttelte es mich, als sei ich

eine Ratte in den Zähnen eines Foxterriers. Mein Körper flog hin und

her; der Mund klappte auf und zu, ohne daß ich ein Wort sprechen

konnte; Arme und Beine zuckten wie in Krämpfen. Da half kein Wollen,

keine Selbstbeherrschung. Der Begriff Schüttelfrost ist viel zu blaß und

schwach, um die Urgewalt solch' eines Malariafrostes wiederzugeben.

Wehrlos war man wie ein Kind. Die Beine trommelten auf dem Boden des

Wagens, der Körper wurde umhergeworfen. Und merkwürdigerweise verspürte

ich dabei weder Schmerz noch ein besonderes Kältegefühl -- nur ein

willenloses Nachgeben jedes Muskels unter geheimnisvoll rüttelnder Macht

-- ein Wundern, was das sein mochte, wie lange es dauern mochte.

Zehn Minuten währte der Anfall, auf den Erschöpfung und Müdigkeit

folgte.

Nun begann das Elend. Pünktlich jeden zweiten Tag, um die gleiche

Stunde, zur selben Minute fast wiederholte sich regelmäßig der Anfall

von Schüttelfrost. Und in immer zunehmender Stärke. Wenn es halb zwei

Uhr wurde je am zweiten Tag, so wußte ich genau: Jetzt kommt mein treuer

Feind, der Schüttelfrost! Da half weder Chinin, selbst in den

ungeheuerlichsten Dosen, noch Whisky in großen Gaben. Geschüttelt mußte

werden. Geschüttelt, daß ich oft meinte, die Glieder müßten mir aus den

Gelenken gerissen werden; gerüttelt, daß Hören und Sehen mir verging. So

waren Wochen vergangen, Wochen von Frost und Fieber. Und immer schwächer

und elender wurde ich. Immer magerer. Immer gelber im Gesicht.

Aber ich ließ es mir nicht merken, wie erbärmlich mir zumute war, und

freute mich wie ein Kind auf das sonnige Kalifornien. Täglich

verschluckte ich mehr Chinin und täglich mußte ich mehr und mehr alle

Kräfte zusammennehmen.

Da kam ein Tag im Spätoktober, der dem Träumen und dem Wandern ein Ende

machte. In der Nähe von Roßville war es, auf einer kleinen

Wasserstation. Ich war sehr krank.

Der Expreß war herangebraust. Billy und Joe sprangen auf die blinde

Plattform. Ich sprang neben ihnen her. Und in dem Augenblick, als ich

mich hinaufschwingen wollte, tanzte es vor meinen Augen wie tausend

Sterne, und in meinem Kopf schienen die Dinge zu wirbeln. Trotzdem

packte ich blindlings zu. Dann verspürte ich einen Stoß, einen Ruck und

kollerte die Böschung hinab. Ich hatte den Messinggriff verfehlt und war

gegen die Wand des Postwagens angesprungen ...

Zitternd an allen Gliedern richtete ich mich auf.

Nachdenken! Billy und Joe hatten natürlich nicht mehr abspringen können

und fuhren ohne mich weiter. Ich sah im Fahrplan nach. Der Expreß fuhr

69 Meilen weit ohne Aufenthalt. Selbstverständlich würden Billy und

Joe auf jener Station auf mich warten. Also weiter mit dem nächsten

Zug! Der kam, ein Eilfrachtzug, in einer Stunde. Ich trank Wasser,

rauchte eine Zigarette. Aber mit einemmal, durch den Shock des

Herabgeschleudertwerdens wahrscheinlich, kam all' die mühsam verhaltene

Krankheitsschwäche zum Ausbruch. Die Dinge schwammen mir vor den Augen.

Ich konnte kaum stehen, nur mit großer Mühe gehen. Als der Eilzug kam,

wollte ich mitfahren, fiel aber beim zweiten Sprung vorwärts schon hin.

Da wußte ich, daß ich sehr krank war und in meinem Zustand niemals nach

Kalifornien kommen würde, und setzte mich hin und heulte zum

Steinerbarmen um meinen Billy. War ich doch nur ein kaum zwanzigjähriger

Junge!

Und ich dachte nach und dachte nach. Wenn ich Billy auch mit einem

Personenzug nachfuhr, so war es doch nur neuer Jammer. Ich war krank und

würde ihm nur eine Last sein. Denken -- denken ... Ich starrte auf die

Karte, und in mein fieberndes Hirn schlich sich ein Gedanke ein:

Nach St. Louis! In eine ganz große Stadt; in die Stadt, die im

Vorfrühling mein Ziel gewesen war. Mit dem Wandern war es ja aus; denn

wer kaum stehen konnte, der mußte weg vom Schienenstrang, der Kraft und

Mut erforderte.

Billy! Billy!!

Keinen einzigen Augenblick lang beschäftigte mich der Gedanke, was ich

in St. Louis anfangen würde. Solche Dinge waren dem Mann im Fieber

unendlich gleichgültig! Ich wußte nur, daß es aus war -- aus. Keine

Schnellzüge mehr; kein Springen. Und daß ich nach St. Louis wollte!

Mit vieler Mühe schlich ich nach der Station hinüber und fragte, was

eine Fahrkarte nach St. Louis kosten würde. Die Entfernung war

verhältnismäßig gering, kaum 400 Meilen.

»Siebzehn Dollars,« sagte der Agent.

»Bitte! Wann geht der nächste Zug?«

»4 Uhr 32 Minuten.«

Das war in kaum einer Stunde. Ich bezahlte, und wenige Dollars blieben

mir übrig. Dann verschluckte ich eine Chininpille nach der andern und

versuchte zu rauchen. Und dann saß ich auf einmal auf weichem Polster

und träumte todmüde im Halbschlaf in mich hinein, in einer einzigen

Vorstellung, in einem einzigen Gedanken.

Billy!

Immer wieder sah ich den Mann mit den leuchtenden Augen vor mir; ihn,

den ich vergötterte wie nur Jugend vergöttern kann. Kein häßliches Wort

-- keinen häßlichen Gedanken hatte ich je von ihm gehört. Denn dieser

Mann, hart an der Linie wandernd, die den nützlichen Menschen und den

Vagabunden scheidet, war ein ganzer Mann[A]. Stolz und vornehm und frei.

Und der fiebernde junge Mensch da im Schnellzug schluchzte in sich

hinein --

Die Welt war ärmer geworden für ihn.

[Fußnote A: Nicht ganz zwei Jahre später traf ich Billy wieder, auf

Kuba, im spanisch-amerikanischen Krieg -- Mr. Billy van Straaten,

Leutnant in einem Freiwilligen-Regiment. Die Episode wird in dem zweiten

Teil meiner amerikanischen Erinnerungen und Eindrücke geschildert

werden. E. R.]

Die Armen und Elenden von St. Louis.

Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am Ufer

des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine Orgie in

der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im

Reich der kupfernen Töpfe. -- Die Miniaturhölle des Palasthotels.

-- Das Glöckchen der Neugierigen.

Der Schnellzug brauste in die weite Bahnhofshalle von St. Louis. Sehr

langsam, sehr vorsichtig, denn die Glieder waren mir schwer und träge

wie Blei, stieg ich aus und wurde von der nach den Ausgängen flutenden

Menschenmenge erfaßt und weitergeschoben; den Bahnhofssteig entlang,

durch eine Vorhalle in eine breite Straße. Menschen hasteten vorbei,

Wagenwirrwarr zog dahin. Mechanisch ging ich vorwärts, guckte in

Ladenfenster, betrachtete das Straßenbild und bog in einen weiten,

ruhigen Platz ein. Mein Kopf fieberte. Das Gehen wurde mir schwer. Ich

versuchte, zu überlegen, was ich nun zunächst tun müßte, war aber so

gleichgültig und müde, daß der Gedankengang immer wieder in ein Nichts

zerfloß. Langsam schlenderte ich dahin. Da überrieselte mich ein

Schauer, eiskalt, dann ein siedendheißes Wallen, und nun packte mich der

Malariafrost, daß mein Körper zuckte und hin und her geschleudert wurde,

während ich mich krampfhaft an einem Laternenpfahl festhielt --

»Was ist denn los?« fragte eine Stimme, die mir von weither zu kommen

schien, und ein riesengroßes blaues Etwas tauchte neben mir auf.

»Sind Sie krank?«

Das blaue Etwas war ein Polizist, einen Kopf größer als ich, der

erstaunt auf mich niederguckte. Ich wollte antworten, konnte es aber

nicht vor Geschütteltwerden und Zähneklappern.

»Krank is' er!« sagte der Polizist. »Werden wir gleich haben. Umarmen

Sie nur die alte Laterne, mein Junge -- halten Sie sich fest. In einer

Minute bin ich wieder da. Geh' nur zur Telephonbox.«

»Sie hat's ordentlich,« meinte er, als er zurückkam.

Ich wollte lächeln, nicken, aber es ging nicht. Glockengerassel ertönte,

Hufschläge galoppierender Pferde donnerten, hilfreiche Hände erfaßten

mich und schoben mich zwischen weiche Kissen. Und dann fand ich mich auf

einmal in einem kleinen Zimmerchen, auf weichem Lehnstuhl. Eine Gestalt

im weißen Linnenmantel des Arztes beugte sich über mich, mir mit einem

Elfenbeinstäbchen die Haut am Oberarm ritzend.

»Da wären wir ja!« sagte der junge Arzt. »Sie stellen den schönsten

Fall von Schüttelfrost dar, junger Mann, der mir seit einiger Zeit

vorgekommen ist. Aber wer wird denn gleich in Ohnmacht fallen! Schon

mehrere Male Schüttelfrost gehabt?«

»Seit sechs Wochen -- jeden zweiten Tag. Wo bin ich eigentlich?«

»Oho!« rief der Arzt und pfiff durch die Zähne. »O -- ho!! Sie sind

im öffentlichen Hospital von St. Louis, junger Mann, und augenblicklich

werden Sie geimpft.« Er strich die Lymphe ein. »Wir werden Sie

gründlich ausleeren, mein Junge, und Ihnen diese Malariadummheiten schon

austreiben!«

Die nächsten Tage waren ein einziges langes Schlafen, mit Bildern

dazwischen von Krankenschwestern, die mir Medikamente einflößten und

Milch gaben. Nur schlafen, schlafen. Dann kamen die Tage der Genesung.

»Sie sind nun kerngesund,« lächelte der junge Arzt, als ich nach drei

Wochen zur Entlassung in das Bureau des Krankenhauses geführt wurde.

»Stark und kräftig! Viel Glück! Wenn Sie einmal reich geworden sind,

mein Junge, schicken Sie uns netten Leuten vom öffentlichen Hospital

einen fetten Scheck. So! Nun schlagen Sie sich mit der Welt da draußen

herum, Sie leichtsinniger Teutone, und lassen Sie es sich möglichst gut

gehen. _In rebus adversariis_ -- oder wie heißt es? Halt -- als einem

Geistesbruder in Latein und Griechisch will ich Ihnen noch etwas

zeigen.«

Er holte aus einem Schrank mit vielen Fächern eine nummerierte

Glasplatte hervor, schob sie unter das Mikroskop auf seinem Arbeitstisch

und ließ mich durchgucken. »Was sehen Sie?« fragte er.

»Einen runden Kreis,« antwortete ich; »weiß, rosa an den Rändern, und

in der Mitte rostbraune kleine Pünktchen und Striche.«

»Ganz richtig. Was ist das wohl?«

»Ein mikroskopisches Präparat.«

»Natürlich. Der runde Kreis ist ein Blutstropfen, und zwar ein

Tröpfchen Ihres Blutes, mein Junge, und die Punkte und Striche, die Sie

ganz richtig rostbraun nennen, sind die Malariaparasiten, die in Ihnen

rumorten! Denen haben wir den Garaus gemacht!«

... Es war ein sonniger Nachmittag in den ersten Novembertagen, klar und

kalt, als ich aus der Pforte des Hospitals wieder in die Welt

hinaustrat. Trübselig schaute ich an mir hinunter. Die barmherzigen

Samariter in dem ziegelroten Gebäude dort hatten in einem Punkt ein ganz

klein wenig gesündigt; in einer Kleinigkeit, aber in einer wichtigen

Kleinigkeit. Meine Kleider waren, wie es nach der Vorschrift geschehen

mußte, in Dampf desinfiziert worden und sahen nun betrüblich aus; so

zerknittert und ungebügelt, daß ich mir zerzaust vorkam wie Freund

Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf

Kleingeld -- weniger als ein Dollar, und so hieß es sofort Arbeit finden

in der großen Stadt.

»Ein gesunder Mensch, der keine Arbeit findet, ist entweder bodenlos

dumm, oder auf eine bestimmte Art von Arbeit versessen, die es im

Augenblick eben nicht gibt!« hatte Billy immer gesagt.

Gesund war ich wieder und für bodenlos dumm hielt ich mich nicht. Es

mußte gehen! Freilich, der junge Mensch, der viele Monate lang da

draußen im weiten offenen Land gelebt und nur für simple Menschen

gearbeitet hatte, fühlte sich fremd zwischen den ungeheuren

Wolkenkratzern, den eleganten Läden, den hastenden Leuten. Es war nicht

gar so einfach, da den Hebel anzusetzen. Die Stunden zerrannen.

Ich war eine sich senkende abschüssige Straße hinabgegangen, eine

menschenwimmelnde, schmutzige Straße, mit Hunderten von kleinen Läden,

und stand nun an ihrem Ende, vor einer Hölle von Lärm und Arbeit.

"Levee" hieß es auf dem breiten Straßenschild an der Ecke.

Ein schmutzig gelber Strom, riesenbreit, wälzte träge seine Wassermassen

dahin, in einem Getümmel von Dampfbooten mit vielen Stockwerken, die

eines hinter dem andern den Kai säumten. In der Ferne ragte das

Stahlwerk von Brücken empor. Tausende, Abertausende, Millionen von

Säcken und Fässern und Kisten waren längs der Dampfer aufgestapelt, und

dazwischen huschten mit polternden Karren Tausende von Menschen hin und

her. Ein lärmender Wagenverkehr erfüllte die Levee, die sich

unübersehbar weit den Fluß entlang hinzog mit ihrer Häuserreihe und der

rauchqualmenden Linie von Dampfern den Häusern gegenüber. Ehrfurchtsvoll

fast starrte ich auf die Fluten dieses Stromes der Ströme -- als Bub

schon war mir sein tönender Name etwas Geheimnisvolles gewesen:

Mississippi. Ich schaute und staunte und trieb mich in dem Lärm umher.

Meine Not vergaß ich ganz, bis Schneeflocken zu fallen anfingen und in

beginnender Dunkelheit die Häuserreihe drüben in grellem elektrischem

Licht aufflammte. Es wurde immer kälter. In einem Restaurant, das mit

großen roten Buchstaben im Schaufenster versprach, für 10 Cents eine

Mahlzeit zu liefern, aß ich ein "Lammhaché" und trank eine Tasse

Kaffee --

Du mußt Geld haben! Du mußt Arbeit finden! Was hätte ich nicht darum

gegeben, wäre nun Billy neben mir gesessen -- er, der Schwierigkeiten

weglächelte und immer genau wußte, was zu tun war, und wie man die Dinge

anpacken mußte. Verstohlen zählte ich mein Geld. Es waren 70 Cents.

Einen Augenblick lang wollte es mich überkommen wie lähmender Schrecken,

dann gab ich mir einen Ruck: Der morgige Tag mußte Arbeit bringen. Bei

Tagesanbruch mußte ich auf den Beinen sein und so lange suchen und so

lange fragen, bis ich etwas fand.

Als ich aus dem warmen Raum wieder hinaustrat in den wirbelnden Schnee,

fror ich erbärmlich. Es war bitterkalt da drunten am Mississippiufer.

Schon wollte ich einen Polizisten aufsuchen, um mich nach billiger

Unterkunft zu erkundigen, als mir ein grelles Transparent auffiel, über

einem Hauseingang angebracht, aus dem es hervorleuchtete: _Lodging! 10

cents, 15 cents, 25 cents!_ Einen Augenblick lang zögerte ich. Wußte ich

doch von Billy, daß in derartigen Logierhäusern, in denen man für wenige

Cents schlafen konnte, der Abschaum der Großstadtmenschheit sich

herumtrieb. Aber es war ja nur für eine Nacht. Ich trat ein. Im Hausflur

hing ein zweites Transparent, eine Hand mit ausgestrecktem Finger, die

zu einer Türe an der Seite hinwies.

Rauchiger Qualm schlug mir entgegen, als ich die Türe öffnete, stickig,

atemraubend, verpestet; ein Höllenbrodem von Menschenausdünstung,

furchtbar überheizter Luft und schalem Tabaksrauch. Auf einem Stuhl

neben dem Eingang saß ein Mann in Hemdsärmeln, der krachend die Türe

hinter mir zuwarf, als ich eingetreten war; unter ärgerlichem Gebrumm

über die verdammte kalte Luft da draußen.

»Zahlen!« sagte er und streckte mir die Hand hin. »Zehn Cents!«

Für meine beiden Nickel bekam ich ein schmutziges Pappstück, die

Quittung, die mich berechtigte, über Nacht hier zu hausen.

»Kannst hier sitzen oder gleich nach hinten gehen un' dich

hinschmeißen,« murmelte er. »Wie dir's verdammt angenehm ist!«

Eine Petroleumlampe mit rußgeschwärztem Schutzglas hing an der Decke,

und ihr trübes Licht schimmerte in sonderbarem, bald gelblichem, bald

rötlichem Schein durch die grauen Massen von Rauch und Dunst hindurch.

Zwei lange Tische standen in dem mächtig großen Raum, und auf den Bänken

vor ihnen saßen viele Menschen. An einer Bar im Hintergrund hantierte

ein altes Weib, emsig beschäftigt, in riesengroße Gläser Bier

einzuschenken. Alles schrie und lachte und fluchte durcheinander.

Erstaunt, entsetzt war ich am Eingang stehengeblieben und sah

gedankenlos einem schmierigen Menschen zu, der neben mir am Boden

hockte, sich den Rock ausgezogen hatte und fluchend die Riemen losband,

mit denen sein linker Arm fest an die Körperseite geschnallt war.

»Was beim Teufel gibt's hier zu schauen?« fuhr er mich endlich an.

»Heh? Hast noch nie 'ne angebundene Pfote gesehen?«

Da begriff ich. Der Mann war ein Scheinkrüppel; ein Bettler, der ein

Gebrechen heuchelte.

Mein erster Impuls war, wieder umzukehren. In den Boden hinein hätte ich

mich schämen mögen. Dann dachte ich an die Kälte draußen und an die

wenigen Pfennige in meiner Tasche. Es mußte ertragen werden -- doch eine

Nacht nur, das schwor ich mir. Um nicht allzusehr aufzufallen durch

Stehenbleiben, setzte ich mich auf die Ecke der nächsten Bank, wo noch

ein Plätzchen frei war, und zündete mir mechanisch eine meiner letzten

Zigaretten an. Wenn man nicht rauchte, war es nicht zum aushalten in

dieser Luft.

So war ich nun mitten unter den Armen und Elenden der Riesenstadt am

Mississippi, anstreifend an einen Menschen mit aufgedunsenem Gesicht,

dessen Rock in Fetzen an ihm herabhing und der sich die Hände wohl lange

nicht mehr gewaschen hatte, so schmutzig waren sie. Ich wußte wenig

damals von Armut und Elend, von ihren Ursachen und Wirkungen; ich mag

unduldsam gewesen sein, wie es die empfindliche Nase und die

empfindlichen Ohren reinlicher Jugend sind -- aber mir schien es, als

hätte ich in meinem jungen Leben noch nie etwas so Furchtbares gesehen,

etwas so Erbärmliches wie diese Männer in diesem Raum. Von Schmutz

starrten alle. Die zerschlissenen Kleider, die eingebeulten Hüte kamen

mir grotesk vor, unnatürlich und häßlich nicht zum sagen. Ein Grauen

packte mich -- man muß älter sein, als ich es damals war, um die

Ärmsten der Armen mit verstehenden Augen betrachten zu können. Die

Sprache, die ich hörte, war widerlich wie ein verfaulendes Ding.

»Eh -- du! -- Sohn einer Hündin -- hast 'n verfluchtes Zündholz?«

fragte da einer den andern.

Die Antwort ist nicht wiederzugeben. Das Wort vom Sohn einer Hündin

wurde von jedermann gebraucht; es ging von Mund zu Mund, als sei es ein

Kosename der Brüderschaft der Elenden. Ich kannte den Ausdruck wohl; in

Texas und im Westen, wo Fluchen und Derbheit zu Hause sind und es keinem

Menschen einfällt, selbst den stärksten Ausdruck übelzunehmen, galt

dieses Wort als das Unsagbare, als ~die~ Beleidigung. Wer "_son of a

bitch_" sagte, wollte bis aufs Blut weh tun und -- griff gleichzeitig

nach dem Revolver. Das Wort hat schon manchen Todschlag verschuldet. Und

hier wurde es grinsend gesprochen und mit Lachen angehört. Die Flüche

jagten sich. Es war eine Orgie in Häßlichkeit für Auge und Ohr ...

»Nix gemacht heute, heh?« fragte mich der Zerlumpte neben mir. »Soll

ich dir ein Glas Bier bezahlen? Ja -- 's ist hart genug im Winter in

dieser verdammten Stadt!«

Ich murmelte irgend etwas über einen kranken Magen, der kein Bier

vertragen könne, und gab ihm eine Zigarette, staunend über seine

Gutmütigkeit. Scham gab es hier nicht. Da und dort sah ich ein bleiches

stilles Gesicht unter den lachenden und schreienden Menschen; die

meisten aber der Gäste des Zehn-Cent-Hotels machten sich entschieden

keine Kopfschmerzen über ihre jämmerliche Lage. Sie nahmen auch kein

Blatt vor den Mund. Der Mann mir gegenüber erzählte grinsend von

jüdischen Bäckern in einer Straße des Judenviertels; sei der Mann da, so

bekomme man frisches Brot, sei die Frau da, so gebe es ein Nickelstück

obendrein. Ein anderer meinte, man müsse in die vornehmen Läden gehen;

da bekäme man schon etwas, nur, damit sie einen los würden. Daß es ein

Kinderspiel sei, sich »'s Futter zu besorgen,« darin stimmten alle

überein, nur bares Geld für Schlafen und einen Schluck sei rar.... Ihr

Elend und ihr Betteln waren diesen Armen selbstverständliche und

notwendige Dinge. In mir stritten sich alle möglichen Empfindungen, und

mehr als einmal wollte ich hinauslaufen in die Kälte und wieder allein

sein; doch der Trieb nach Wärme und Schlaf war stärker als der

Widerwille.

Nach und nach wurden die Tische leer. Eine unbeschreibliche Müdigkeit

kam über mich, und zögernd ging ich nach hinten, dorthin, wo alle

hingingen -- dorthin, wo der Schlafplatz sein mußte.

Und blieb entsetzt stehen.

Mitten in einem großen Raum leuchtete der rotglühende Bauch eines

gewaltigen eisernen Ofens. In einer Ecke hing eine schmutzige Laterne.

Der Boden war wie übersät mit Menschen, die da in langen Reihen lagen,

dort in dichten Klumpen zusammengepackt schienen; in der Mitte des

Zimmers, den Wänden entlang, überall. Nur um den glühenden Ofen war ein

schmaler Kreis freigeblieben, und die Männer, die dichtgedrängt am

Rande dieses Kreises lagen, hatten sich halbnackt ausgezogen. Bündel von

Kleidern und Stiefeln dienten ihnen als Kopfkissen. Seite an Seite

schliefen sie, Kopf an Kopf und Köpfe gegen Füße; in einem Wirrwarr von

Leibern, der grauenhaft dicht war in der Nähe des heißen Ofens und sich

ein wenig lichtete gegen die Wände zu. Die Plätze nahe dem

glutstrahlenden Ungetüm waren wohl am begehrtesten um ihrer Wärme

willen. Überall auf dem Boden lagen Zeitungen herum, die Matrazen

dieses Schlafraumes, und Zeitungen waren es, mit denen die Schlafenden

sich zugedeckt hatten. Die Männer stöhnten im Schlaf; sie schnarchten,

sie wälzten sich hin und her. Da fluchte einer über irgend etwas, hier

kroch ein neuer Ankömmling auf Händen und Füßen über die Leiber hinweg,

sich ein Plätzchen in der Menschenreihe suchend. Über die Armen und

Elenden hin sandte der glühende Ofen heiße Luftwellen, und in seine

unerträgliche Hitze mengten sich die Dünste von Menschen und Kleidern

und der Geruch von Bier und Rauch des äußeren Raumes. Ein Stall war

dieses Zimmer; ein Menschenpferch, dessen Luft beizend in Augen und

Lungen drang.

Ich stand und starrte, und immer neue Menschen drängten sich an mir

vorbei und plumpsten wie Säcke nieder, wo noch ein bißchen Raum war

zwischen den Leibern. So müde war ich -- so müde. Und dann vergaß ich

Nacht und Müdigkeit über dem entsetzlichen Raum und flüchtete endlich

wie einer, der vor ansteckendem Pesthauch flieht.

»_Hell!_ Wohin willst du?« fragte der Mann an der Türe. »Der Teufel

soll das 'rein und 'rauslaufen holen!«

»Hinaus!«

»Ist kein Platz mehr drinnen?«

»Doch!« sagte ich, wider Willen lachend. »Aber nicht für mich. Ich

will lieber die ganze Nacht herumlaufen, als da drinnen schlafen. Und

jetzt geben Sie die Türe frei, sonst --«

»Langsam, immer langsam!« grinste der Mann. »Für 25 Cents mehr

kriegst du 'n Bett, und für 50 Cents will ich dir's frisch überziehen.«

»Zuerst muß ich es sehen.«

»Warum denn nicht; Geschäft ist Geschäft.«

Er führte mich eine Treppe empor, in einen kleinen Verschlag mit

eisernem Feldbett, und brachte frische Leintücher und einen neuen

Kissenbezug. Ich zahlte das Geld; meine letzten Pfennige. Als er

gegangen war, zog ich die Oberkleider aus, wickelte mich in die

Leintücher und schlief auf dem Boden. Dem Bett traute ich nicht. Es war

eisig kalt, aber durch die zerbrochene Fensterscheibe drang doch frische

Luft. Und man war allein.

»Nie wieder eine solche Nacht in einem solchen Haus!« war mein letzter

Gedanke. »Lieber in den Fluß springen da drüben!«

Auf einmal fiel mir ein, daß in meiner Tasche ja noch meine Uhr steckte.

Da kam ich mir förmlich reich vor -- --

Stockfinster war's noch, als ich frierend aufwachte am nächsten Morgen

und beim Schein eines Zündhölzchens auf die Uhr sah. Sechs Uhr. Auf der

wassergefüllten Waschschüssel in der Ecke hatte sich eine dicke

Eiskruste gebildet, und das Stückchen Seife in der Schale war so fest

angefroren, daß ich es mit dem Messer loslösen mußte, aber das eiskalte

Wasser erfrischte den Körper unbeschreiblich. Unten in dem Zimmer mit

den langen Tischen und den vielen Bänken waren die Fenster geöffnet und

frische kalte Luft strömte herein. Hinter der Bar stand das alte Weib

von gestern abend.

»Guten Morgen!« sagte sie. »Der Vogel, der früh aufsteht, erwischt

den Wurm, heh? Von denen da drinnen rührt sich keiner vor acht Uhr; dann

müssen sie aber 'raus, weil Joe die Fenster aufmacht und mit der

Gießkanne kommt, hih, hih!«

»Guten Morgen!« antwortete ich und wollte gehen, aber sie stellt eine

große Schale dampfend heißen Kaffees vor mich hin und brummte:

»Bettgäste kriegen 'n Kaffee gratis -- besonders, wenn's solche Narren

sind, die Joe fünfzig Cents für ein Bett zahlen, das bloß fünfundzwanzig

kostet!«

Und diese fünfzig Cents waren mein allerletztes Geld gewesen! Ich lachte

laut auf und dankte leise den guten Göttern für die angenehme

Überraschung des warmen Kaffeetranks.

Arbeit suchen!

Es war hell und klar und sonnig und bitterkalt draußen auf der Straße.

Eine breite Mauer von Schnee, fünf, sechs Fuß hoch, türmte sich

weißglitzernd neben dem Fußgängerweg auf, soweit man sehen konnte, und

Scharen von Männern mit Schneeschaufeln und Besen waren eifrig dabei,

diese winterliche Mauer immer höher zu bauen. Es bedurfte wahrlich

keiner besonderen Intelligenz, um hier die Arbeitsmöglichkeit zu

erkennen.

»Verzeihen Sie --« sagte ich zu dem baumlangen Aufseher, der, die

Pfeife zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen, durch

Kopfnicken die Schar leitete, »entschuldigen Sie -- aber kann man hier

noch ankommen? Ich suche Arbeit.«

»Dann suchen Sie am falschen Platz,« antwortete er. »Schneeschaufler

werden punkt sechs Uhr morgens im kleinen Hof des Rathauses

angenommen.«

»Ich brauche aber sofort Arbeit.«

»_Well_ -- das is' Ihre verdammte Affäre. Wenn's heute weiterschneit,

kann ich Sie morgen früh anstellen. Jetzt nicht.«

So begann die lange Arbeitssuche, das Laufen und Suchen den ganzen Tag

hindurch. Zweimal lief ich die ungeheure Mississippifront auf und

nieder, fragte gewissenhaft jeden Arbeitsplatz ab, sprach mit Hunderten

von Menschen und log erschrecklich über meine Arbeitsfähigkeiten.

Zwanzig, dreißigmal wiederholte sich das gleiche Frage- und

Antwortspiel:

»Können Sie mit schweren Kisten umgehen?«

»Jawohl -- ausgezeichnet!«

»Erfahrung gehabt darin?«

»Massenhaft!« (Das war eine eklatante Unwahrheit ...)

»Schön -- dann melden Sie sich am Montag früh um sieben Uhr!«

Immer wieder erhielt ich diese Antwort. Arbeitsgelegenheit schien in

Mengen da zu sein; nur war diese boshafte Arbeitsgelegenheit stets so

eigentümlich, sich immer erst in einigen Tagen materialisieren zu

wollen. Zwar gab dies Trost und Hoffnung, war aber entschieden

unpraktisch für ein Menschenkind, das seinen letzten Pfennig verschlafen

hatte. Ich fragte und fragte. An Vorarbeiter wandte ich mich bald nicht

mehr, denn die erkundigten sich sofort, ob ich dem "Verbande", der

Gewerkschaft, angehöre und wurden grob, wenn ich verneinen mußte. In den

Bureaus wurde ich entweder abgewiesen oder auf den Montag (den ich

nachgerade zu hassen anfing) bestellt. So gab ich, es war schon fast

Mittag, der Mississippilevee meinen Segen und schlich hungernd und

frierend hinauf nach dem Stadtzentrum. Im Vorbeigehen bat ich einen

dicken Polizisten, der sehr gutmütig aussah, um Rat.

»Heiliger Sankt Patrik,« sagte der, »andere Leute haben auch kein

Geld und andere Leute möchten auch Arbeit haben. Da soll der Kuckuck

raten. Reden Sie und fragen Sie Gott und die Welt, und dann fangen Sie

wieder von vorne an!«

Und ich redete!

In dem Stadtviertel, das die Levee mit dem Geschäftszentrum verband, lag

Fabrik an Fabrik, und Fabrik auf Fabrik suchte ich ab mit dem

stereotypen: »Ich suche Arbeit!« Hier waren die Leute grob und

schüttelten die Köpfe, ohne sich die Mühe eines gesprochenen Nein zu

geben; dort fragte man mich zehn Minuten lang neugierig aus, um dann

achselzuckend zu bedauern. Dort sollte man in einer Woche wiederkommen.

Es war ein Straßenwandern und Fragen zum Herzzerbrechen. Die Müdigkeit

kam und der Hunger machte sich immer bemerkbarer. So hungrig wurde ich,

daß ich geradezu Schmerz empfand, wenn ich im Vorbeigehen in die

Schaufenster von Bäckereien und Delikatessengeschäften guckte; so

hungrig, daß ich immer wieder und wieder krampfhaft nach der Uhr in

meiner Tasche fühlte und mit dem Gedanken liebäugelte, daß das kleine

tickende Ding die schönsten Mahlzeiten in sich barg. Aber ich empfand,

daß ihr Wert das letzte war, das vom Nichts trennte, und biß die Zähne

zusammen. Weiter suchen! Mir war, als sei ich mutterseelenallein

zwischen den ungeheuren Gebäuden, den himmelragenden Wolkenkratzern, die

da die Lehre von der Kunst des Dollarjagens hinausschrien in die Welt;

allein in dem Gewühl von Menschen, die hastig vorwärtsstrebten, als

wisse jeder von ihnen ganz genau, was er tun müsse. Nur ich, ich allein

unter den Tausenden, wußte das nicht. Hart sahen die Männer und die

Frauen aus, gleichgültig. Selbstbewußt aber vor allem; so selbstbewußt,

daß mir jedes scharfgeschnittene Gesicht und jedes klare Auge ein

Vorwurf zu sein schien: Weshalb bist du denn so hilflos -- warum kannst

du nicht was wir können! Erbärmlich klein kam ich mir vor. Und

erbärmlich hungrig.

Ich wanderte wieder der Levee zu. In den Wolkenkratzern, in den

eleganten Läden, im Stadtviertel der Banken -- da hatte ich nichts zu

suchen, denn ich kannte den Wert von Geld und äußerer Erscheinung; mein

zerknitterter Anzug, meine Geldlosigkeit bedingten, das wußte ich recht

gut, primitive Arbeit mit den Fäusten. Der Abend war hereingebrochen,

und fast instinktiv spähte ich in dem Lichtermeer der Straßen nach den

drei vergoldeten Kugeln, die in Amerika ein Pfandgeschäft bedeuten.

Essen -- schlafen -- und dann aufs Rathaus morgen in aller Frühe zum

Schneeschaufeln. Da trat dicht vor mir, aus einer Seitentüre eines

riesengroßen Gebäudes aus mächtigen Sandsteinquadern ein Jüngelchen in

dunkelgrünem Pagenanzug mit goldigen Borten und goldigen Knöpfen, eine

Zigarette in seinem Kindermund, und nagelte mit großer Bedächtigkeit ein

Plakat an die Mauer: _Man wanted in kitchen._

Gesucht ein Mann für die Küche ...

»Was ist das?« fragte ich das Kind.

»Dies ist der Seiteneingang zum Palacehotel,« antwortete der

Pagenjüngling. »In der Küche brauchen sie einen Mann zum

Geschirrwaschen. Können Sie nich' lesen?«

»Der Mann bin ich!« sagte ich. »Nimm das Ding nur wieder herunter von

der Wand! Und nun zeig' mir den Weg, mein Sohn!« Die Tätigkeit des

Geschirrwaschens erschien mir zwar einigermaßen komisch. Aber es war

Arbeit, und Arbeit brauchte ich.

»Kommen Se mit,« sagte das Kind mit einem herablassenden Kopfnicken,

denn in seiner Weltvorstellung stand ein Hotelpage natürlich turmhoch

über einem angehenden Geschirrwäscher.

Und in fünf Minuten war ich von einem pompösen Küchenchef, der englisch,

deutsch und französisch wirr durcheinander sprach und ein quecksilbernes

Bündel von empfindlichen Nerven schien, in aller Form als Töpfeputzer

Nummer 2 des Palasthotels angestellt. Arbeitszeit von 6 Uhr abends bis 6

Uhr morgens, Essen und Wohnen frei, dreißig Dollars im Monat, Abgang von

der Stelle nur am 17. eines jeden Monats ...

Die Küche der Riesenkarawanserei, die sich Palasthotel nannte, wäre

jeder Durchschnittsfrau als der siebente Himmel von silberfunkelnder und

kupferglänzender Küchenschönheit erschienen; jede Frau hätte den

ungeheuren Herd, die Köche in schneeweißen Anzügen, die blitzende

Sauberkeit überall staunend bewundert. Jeder Durchschnittsmann aber wäre

vor dem Getriebe nervöser Hast in dieser Küche entsetzt geflüchtet! Ich

wenigstens hab' mir aus dem Arbeitsmonat in jenem Küchenreich einen

unbezwinglichen Widerwillen gegen alles, was Koch heißt, mit

hinübergenommen ins Leben. Diese Köche waren eitel wie die Pfauen,

nervös wie hysterische Weiber und unverschämt wie reiche Parvenus. Sie

zankten sich untereinander in einem endlosen Geschnatter von Französisch

und Englisch und Deutsch und Italienisch, und verfluchten sich

gegenseitig in alle Tiefen der Hölle, bis der großmächtige Küchenchef

aus seinem Privatbureau trat. Dann schwenzelten sie devot um die

Majestät der Küche herum.

Mir bedeutete das kleine Gemach an der Küchenseite, in dem ich arbeiten

mußte, mit seinen ewig nassen Steinfliesen und seinen marmornen

Putzbecken von allem Anfang an eine Miniaturhölle, die in alle Ewigkeit

dazu verflucht war, in heißen Dampf gehüllt zu sein und ein immer sich

erneuerndes Chaos von rußigen Kupferkesseln und Kasserolen und Töpfen in

allen Größen und Formen zu beherbergen. Man kam sich vor wie Sisyphus --

gegen Unmöglichkeiten anarbeitend. Ohn' Unterlaß rannten, wie aus

Kanonen geschossen, zappelige Köche in die Türe und warfen mit vielen

_Sapristis_ und _Nom de Dieus_ und _Hells_ mir ganze Kupferberge vor die

Füße, während ich im Schweiße meines Angesichts mit harten Bürsten und

scharfer Salz- und Essiglösung putzte und wusch. Es ist lustig, sich an

lächerliche Kleinigkeiten zu erinnern; ich verspüre heute noch das

verzweifelte Entsetzen, das mich immer überschlich, wenn ich glücklich

den letzten von Hunderten von Töpfen blitzsauber hatte, und dann auf

einmal eine Höllenschar von Köchen Dutzende und Aberdutzende schmutziger

Kasserolen in meine Miniaturhölle feuerte!

So leicht die Arbeit an und für sich sein mochte -- kein Faden blieb

einem trocken am Leib! Ich war Nummer zwei. Nummer eins, ein

Südfranzose, arbeitete von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Um ein Uhr

nachts gingen die Köche nach Hause, und es wurde still in der

Riesenküche. Meine Arbeit aber begann eigentlich erst, denn von den

späten Theatersoupers war immer noch ein Regiment von Töpfen da. Dann

aber hieß es, jedes Stückchen Metallglanz in der Küche putzen. Den Herd

entlang, der die ganze eine Längswand einnahm, lief ein Anrichtetisch

aus solidem Kupfer, an die fünfzehn Meter lang. Der mußte blitzblank

sein. Der Herd mußte geschwärzt, seine Metallteile geputzt werden; die

Pfannen an dem Gerüst über dem Anrichtetisch sollten blinken und

leuchten und genau nach Größe geordnet sein. Da waren noch die

Messingbänder der Geschirrwaschmaschinen, ungeheurer Bottiche, in denen

Plattformen durch elektrische Kraft rotierten und die aufgestapelten

Teller und Platten mechanisch reinigten. Da waren die Küchenfliesen zu

waschen. Jede Minute der zwölf Arbeitsstunden mußte ausgenützt werden,

wenn ich fertig werden wollte. Um 6 Uhr morgens dann schlich ich mich in

das winzige Zimmerchen im sechsten Stockwerk, in dem der Südfranzose,

Nummer eins, und ich zusammen hausten, ohne uns jemals zu sehen als eine

Minute lang am Morgen und am Abend, wenn wir uns ablösten.

Heute noch kann ich kein Kupfergeschirr sehen, ohne mit Grauen an die

elegante Küche des Palasthotels und ihre Höllenarbeit zu denken! Diese

Küche war eine der Sehenswürdigkeiten des Hotellebens von St. Louis, mit

Stolz gezeigt -- aber unter Vorsichtsmaßregeln. Wurden Besucher ins

Küchenreich geführt, so ertönte schrill eine elektrische Glocke. Das

Glöckchen der neugierigen Affen wurde sie genannt. Ihr Schrillen war das

Signal zu vornehmem Dekorum. Die Köche ließen, wie durch Zauberspruch

gebannt, ab vom Schimpfen und Schnattern; die Mädels bei den

Geschirrmaschinen banden sich rasch frische Schürzen um und gaben sich

Mühe, recht niedlich auszusehen; ich mußte die Türe zu meinem Putzreich

schleunigst zumachen. Und die neugierigen Affen sagten dem Chef

Schmeicheleien über den lautlosen Betrieb ... Ich aber fluchte innerlich

und zählte mir an den Fingern die Tage bis zum 17. Dezember ab und

wunderte mich, ob es denn Männer geben könne auf dieser Welt, die

Töpfeputzen im Palasthotel länger als einen Monat aushielten. Prompt um

9 Uhr morgens bat ich Seine Majestät den Küchenchef um eine Anweisung

auf die Hotelkasse.

»Es ist merkwürdig,« meinte der Chef, »daß wir mit dem Personal des

Putzraumes so häufig wechseln müssen. Die Arbeit ist doch leicht. Nun,

wenn Sie das Geld durchgebracht haben, können Sie wieder vorfragen.«

»_Thank you!_« sagte ich.

Als ich aber für die Arbeit von fünf Wochen ein Bündel von

dreiundvierzig Dollarscheinen zärtlich in die Tasche steckte, mischte

sich in meine komische Wut auf jene Hölle kupferner Greuel leise

Dankbarkeit, und froh wie ein aus Qual Erlöster zog ich meinen besten

Anzug an. Starkenbach hatte mir auf meine Bitte meinen Koffer ins Hotel

geschickt. Ein Zettel lag obenauf:

»Viel Glück, lieber Freund! Wie gefällt Ihnen mein gutes altes St.

Louis? Lassen Sie es sich möglichst gut gehen und nehmen Sie dieses

putzige Leben nicht allzu ernst!«

Da hatte ich laut aufgelacht. Wenn man Kupferkessel putzte, hatte das

Leben so gar nichts Putziges -- und was ich vom guten alten St. Louis

kannte, waren -- -- eine Miniaturhölle im krassesten Elendsviertel der

Stadt und eine andere Miniaturhölle in einer der vornehmsten

Karawansereien der hotelzivilisierten Welt.

Im Zeichen der Zeitung.

Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bücher. -- Kipling-Begeisterung.

-- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein erstes literarisches

Verbrechen. -- Der Beinbruch als Glückszufall. -- Ich werde

Depeschenübersetzer bei einer großen deutschen Zeitung.

-- Enthusiasmus und Neugierde. -- Aller Anfang ist leicht! -- Ein

journalistisches Mädchen für alles. -- Amerikanisches Deutschtum.

-- Der Schwur gegen die Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen.

-- Wieder draußen in der kalten Welt. -- Reisefieber!

Die Frau mit den scharfen Linien im Gesicht und dem aus böser Erfahrung

geborenen Mißtrauen der zimmervermietenden Sippe in ihrem Wesen sah mich

prüfend von oben bis unten an und brummte:

»Das Zimmer kostet zwei Dollars die Woche, junger Mann, und wer nicht

pünktlich vorausbezahlt, der fliegt!«

»Wie meinen Sie?«

»Fliegt, hopla, adieu -- die Witwe Dougherty vermietet ihre Zimmer

nicht zu ihrem Vergnügen. Will aber nichts gesagt haben, Herr -- nur

mein Geld muß ich haben. Kohlen kosten zehn Cents der Eimer, und wenn

Sie kochen wollen, leih' ich Ihnen das Geschirr. Wer bar bezahlt, ist

der Gentleman! Nehmen Sie das Zimmer?«

Bruder Leichtfuß, sonnenfroh mit seinem Reichtum von dreiundvierzig

grünen Scheinen des Dollarlandes, bezahlte klüglich gleich für einen

ganzen Monat und richtete sich in einem von Witwe Doughertys winzigen

Zimmerchen häuslich ein, den ersten Abend zwischen den eigenen vier

Wänden in unzähligen Zigaretten selig verträumend. Elegant war er

wieder, der Lausbub, und Geld hatte er in der Tasche! Da war's kein

Wunder, wenn er sich blutwenig um Zukunftspläne und Zukunftsnöte

scherte. Das Ringen um die Zukunft war im Grunde gigantisch einfach!

Furchtbar simpel!! Man -- jawohl, man -- nun, man ging eben nach dem

Rezept von Freund Starkenbach in einen Wolkenkratzer und ließ sich in

den verschiedenen Kontors melden -- nun, und redete -- Das würde sich

alles schon finden. Das hatte ja gar keine Eile! Die Welt war

wunderschön ...

Von einer Straßenbahn in die andere kletterte ich am nächsten Morgen und

trank mit dem Selbstbewußtsein, das in den guten Kleidern und in den

Dollarscheinen steckte, das Getriebe der Mississippistadt ein; das

hastende Straßenbild, die himmelstrebenden Wolkenkratzer, den Wirrwarr

der Riesenstadt, bis der Zufall mich in das Gebäude der öffentlichen

Bibliothek von St. Louis führte, in die Welt der Bücher.

Hunderttausende von Büchern füllten auf breiten Regalen die riesigen

Säle. Raffiniert eingerichtete Kartenkataloge im Vorzimmer gaben einen

ausgezeichneten Überblick. Liebenswürdige junge Damen schafften in

wenigen Sekunden die Bücher herbei, deren Titel und Nummern man auf

einem Zettelchen aufgeschrieben hatte, und dann lockten die weichen

Lehnstühle in den eleganten Sälen zum Lesen und zum Träumen.

Um 11 Uhr morgens war ich in die Bibliothek gekommen -- bis zum späten

Abend blieb ich, ohne an Essen und Trinken auch nur zu denken;

glückselig in der Bücherpracht. Und pünktlich in aller Frühe am nächsten

Tag war der Lausbub wieder da! Wie ein Hungriger verschlang ich Buch auf

Buch, als müßte ich mich für die langen Monate primitiven Lebens mit

einemmal entschädigen; wie Hans im Glück kam ich mir vor, wie ein

ausgeträumter böser Traum lag das Hantieren mit rußigen Kupferkesseln in

weiter Ferne. Es war so still und wohlig in den vornehmen Räumen! Und

die Bücher!! Wahllos las ich durcheinander, bald deutsch, bald englisch,

bald französisch; ja sogar die Schreckgespenster der Schulzeiten, die

Odyssee, der Cicero, waren Offenbarungen von Schönheit für den

Exkesselputzer, dem das Rumoren in den klassischen Sprachen, das

Bewußtsein der Bildung, wieder ein selbstbewußtes Rückgrat gab.

Praktisch gedacht, war's bodenlose Zeitverschwendung -- auf die Straßen

hinaus hätte der leichtsinnige Strick gehört, auf die Arbeitssuche hätte

er gehen müssen! Statt dessen fraß er ein Dutzend Romane im Tag, von der

Marlitt bis zum Sudermann, von den Indianern des guten Fennimore Cooper

bis zu den afrikanischen Geheimnissen Rider Haggards, mit einem Stück

Ilias und einem Kapitel Kant oder Schopenhauer dazwischen ... Eines der

Bücher, die am stärksten auf mich wirkten, waren sonderbarerweise die

Erlebnisse eines Opiumessers von Thomas de Quincey; nicht um der

Opiumträume willen, die mir manchmal sogar langweilig schienen, sondern

ob der unbeschreiblich schönen englischen Wortperlen. Ein gelehrter

Ästhet hatte da aus allen Sprachen der Welt Schönheiten geborgt und sie

kunstvoll hineingemengt in die Simplizität der einfachen englischen

Sprache; ohne gründliche Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen

wäre es unmöglich gewesen, das Buch zu verstehen. Und da war Kipling,

der Meister moderner englischer Schilderung, der in Worten malte und zum

Greifen deutlich darstellte; der Bilder von englischen Soldaten und

krasse Szenen indischen Lebens so in den Leser hineinzauberte, daß man

sich im Märchenland Indien heimisch fühlte, als hätte man von

Kindesbeinen an dort gelebt. Der englische Zauberer, der blaß und matt

wirkt, wenn man seine Wortkunst in andere Sprachen überträgt, ist mir,

bald bewußt, bald unbewußt, auf Jahre hinaus das Vorbild geblieben;

seine farbensprühenden Soldaten waren es, die mir die Sehnsucht

einimpften, so wie er Menschen hinzustellen, die lebendig dastanden vor

dem Leser und eine ganze Klasse, eine Berufsart, einen Typ mit allen

Eigentümlichkeiten verkörperten; so wie er Gegenden zu schildern, daß

man im lesen mit staunenden Augen Land und Leute vor sich sah, wie vor

einem Gemälde stehend.

Leichtsinn war's; unbeschreiblicher Leichtsinn, aber mir ist, als seien

die Tage in der Bibliothek von St. Louis Merksteine gewesen; Wegweiser

des Kismet, die Bruder Leichtfuß auf neue Wege führten.

Wie ein pfennigfuchsender Geizhals sparte ich, um die Freuden der Bücher

ja recht lange ausdehnen zu können; kochte mir selbst Kaffee des

Morgens, trank mittags ein Glas Milch, aß ein Brötchen irgendwo in der

Nähe der Bibliothek und kaufte abends ein wie ein guter Hausvater, um

dann auf dem winzigen eisernen Ofen zu kochen und zu braten. Gar oft

plagten mich freilich Gewissensbisse und ich nahm mir vor, am nächsten

Morgen aber ganz bestimmt die Wanderung in den Wolkenkratzern zu

beginnen. Kam jedoch dann der Morgen, so fand er mich sicher wieder vor

der Bibliothek, ums Portal schleichend wie die Katze um den heißen Brei!

Nur noch einen einzigen Tag! Nur ein paar Bücher noch lesen! Nur ein

wenig noch!! Mochte der Kuckuck die Sorgen holen -- denn da oben war's

ja so schön, so schön ...

»Aber wir schließen um drei Uhr -- jetzt gleich,« sagte lächelnd die

junge Dame am Büchertisch; »wissen Sie denn nicht, daß es heute

Weihnachtsabend ist, Sie unersättlicher Bücherwurm?«

Da schlich ich mich betrübt nach Hause, und weil mir die Bücher gar so

fehlten, gab mir ein Teufelchen den Gedanken ein, selbst etwas zu

schreiben. Ein gräßliches Machwerk wurde es; eine weinerliche Geschichte

von einem deutschen Leutnant, der, in bitterer Armut zum Hotel der Armen

und Elenden am Mississippiufer gesunken, nach einem fürchterlich langen

Monolog über den Jammer der Welt und die Scheusäligkeit der Dinge sich

im Schein des glühenden Ofens eine Kugel durch den gemarterten Kopf

schoß ... Und da dieses Verbrechen einer Skizze mich natürlich in die

schönste Jammerstimmung hineinbrachte, so bedauerte ich mich aus

tiefster Seele ob dieses einsamen Weihnachtsabends und schrieb zum

erstenmal seit langer Zeit einen langen Brief an meine Mutter. Einen

weinerlichen Brief -- den ich am Christmorgen schamrot in hundert Fetzen

zerriß mit dem Vorsatz, dann erst zu schreiben, wenn es mir gut gehen

würde. Meinen deutschen Leutnant aber kopierte ich fein säuberlich und

sandte ihn an die Redaktion der Westlichen Post, der großen deutschen

Tageszeitung von St. Louis.

* * * * *

Zitternd vor Aufregung saß ich auf dem wackeligen Stuhl neben dem

papierübersäten Redaktionstisch und starrte dem Lokalredakteur in das

runde Gesicht mit den boshaft funkelnden Äuglein.

»Ganz richtig!« sagte der Lokalredakteur. »Ich schrieb Ihnen, Sie

möchten vorsprechen. Also,« (er kramte unter den Papieren auf dem Tisch

und zog mein Manuskript hervor) »ich muß Sie vor allem darauf

aufmerksam machen, daß nach den Regeln des praktischen Lebens ein armer

Teufel, dem die Zehen aus den Stiefeln gucken und dem der Hunger im

Magen beißt, ein so wertvolles Besitztum wie einen Revolver nicht zum

Totschießen benützt. Er verkauft ihn, Verehrtester! Lassen Sie also

Ihren deutschen Leutnant zum mindesten zuerst sein Schießeisen aufessen

und hängen Sie ihn dann an einem Strick auf. Oder werfen Sie ihn in den

Mississippi; das ist auch ein schöner Tod! Waren Sie Offizier?«

»Nein.«

»Na, weshalb kaprizieren Sie sich dann auf Ihren Jammerlappen von

Leutnant? Weg mit ihm! Wissen Sie was -- wir wollen den selbstgemordeten

Unglücklichen noch einmal morden!« (Ritsch, ging der Rotstift über

meine schönen drei Seiten Einleitung.) »Und was quatscht der Mensch

alles zusammen!« (Ritsche, ratsche war mein langer Monolog beim

Kuckuck.) »So! Nun haben wir den Stall gefegt, Verehrtester, und was

übrig bleibt, ist die gute Schilderung eines Schlafhauses niederster

Klasse, die ich gerne bringen werde.«

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3) · 第 9 / 14 题