Die grauen Augen lächelten: »Das wissen Sie so gut wie ich!«

»Ja, wenn ich es wäre, der nach St. Louis wollte, wäre es einfach

genug!«

»Oh, ich habe gehört, um was es sich handelt; so viel Deutsch verstehe

ich. Die Fahrt ist ja ganz einfach für Ihren deutschen Freund -- durch

Texas via Dallas, Oklahoma Territory, Arkansas, Missouri über die

Frisco Linien. Santa Fé und Frisco Linien. Schnurgerade fast nach

Norden.«

Und das nannte dieser Mann einfach!

»Sie gehen nach Norden, Billy?« fragte Starkenbach.

»Bis Dallas. Mit dem 2 Uhr Nacht-Expreß, also in zwei Stunden. Wie

langweilig Sie doch sind, Starkenbach, und wie Sie auf dem Busch

herumklopfen! Weshalb sagen Sie es nicht gleich, daß ich Ihrem deutschen

Freund helfen soll? Er sieht aus, als ob er Schneid hätte, und wenn Sie

es wünschen, will ich ihn gerne ein Stück mitnehmen. Natürlich hat er

hier keine Aussichten.« Er wandte sich zu mir. »Ich will Ihnen den Weg

nach St. Louis zeigen. Es ist eine Eigentümlichkeit von mir, viel zu

reisen und niemals mein Geld an Fahrkarten und dergleichen zu

verschwenden. Meine Art des Reisens ist sehr interessant, verstößt aber

einigermaßen gegen die allgemein üblichen Anschauungen, vielleicht auch

gegen gewisse Gesetze.«

»Wie reisen Sie denn?« fragte ich neugierig.

»Das werden Sie schon sehen!« brummte Starkenbach.

»Schön,« lächelten die grauen Augen. »Wir haben noch anderthalb

Stunden Zeit. Ihr Gepäck müssen Sie hier lassen; Starkenbach kann es

Ihnen ja nachschicken. Der dunkelgraue Anzug, den Sie anhaben, geht sehr

gut. Setzen Sie eine Mütze auf dazu. Die weiße Wäsche geht nicht. Ziehen

Sie ein Flanellhemd an. Nehmen Sie mehrere Taschentücher mit, ein paar

Strümpfe (die können Sie in der Rücktasche unterbringen), Taschenkamm,

Taschenbürste, Rasiermesser, Taschenmesser, Seife (Starkenbach wird

Ihnen ein Stückchen Ölpapier geben), starke Lederhandschuhe, wenn Sie

welche haben, Uhr, aber ohne Kette, Pfeife und Tabak natürlich,

Zündhölzer. Haben Sie ein warmes seidenes Halstuch? Nehmen Sie's mit.

Haben Sie einen Revolver? Ja? Den lassen Sie, bitte, hier. Ist nur

gefährlich. Hm, und feste Stiefel. Das wäre alles!«

Dann fing er an mit der jungen Frau zu plaudern, als sei die

Angelegenheit erledigt. Starkenbach zog mich in ein Nebenzimmerchen, in

dem er allerlei Krimskrams aufbewahrte.

»So, hier können Sie sich umziehen!« sagte er.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen ... Fast empfand ich so etwas wie

Angst, zum mindesten ein Unbehagen. Stärker aber als alles in mir war

bodenlose Neugierde.

»Mann -- wer ist dieser Billy? Wie reist er? Wie soll ich denn nach St.

Louis kommen? Und mein Koffer?«

»Bleibt hier, bis Sie mir schreiben. Billy ist ein Gentleman bis in die

Knochen. Anständiger Mensch. Interessanter Mensch. Ich kenn' ihn seit

vielen Jahren und bin Tausende von Meilen mit ihm gefahren. Ho, Sie

werden sich wundern! Ich kann Ihnen in der Geschwindigkeit das alles

nicht so genau erklären, aber es gibt Mittel und Wege in diesem Land,

einen Eisenbahnzug zu benützen, ohne dafür zu bezahlen. Billy fährt

jahraus, jahrein von Staat zu Staat, von Stadt zu Stadt. Wie er heißt,

weiß ich selbst nicht -- er will nur Billy genannt werden. Spricht

glänzendes Englisch, wie man's hierzulande selten findet und ist

hochgebildet. Was sein eigentlicher Beruf ist, weiß ich auch nicht. Als

wir kein Geld hatten, in Denver war es, schrieb er einige Artikel für

eine dortige Zeitung und wurde glänzend bezahlt dafür. Ich hab' ihn als

Feinmechaniker arbeiten sehen und als Elektriker. Seine Krankheit ist

der Wandertrieb und manchmal wünsche ich -- -- na ja. Herrgott, was

waren das für Zeiten damals! Vorhin erzählte er mir, er wolle nur rasch

ein bißchen nach Arizona -- einige Tausende von Meilen! -- weil dort im

Frühsommer der Kontrast zwischen kakteenbedecktem Sand und grauem

Felsenhintergrund so farbenreich und reizvoll sei. So ist Billy! Nun,

Sie werden sich wundern! Nach St. Louis kommen Sie aber bestimmt durch

ihn!«

Wie im Traum packte ich ein und aus und zog mich um; wie im Traum ließ

ich mir Butterbrot in die Taschen stecken ...

»Es ist Zeit!« sagte der Mann mit den leuchtenden Augen kurz. »Möchte

den Zug nicht versäumen. _Bye -- bye_, Starkenbach!«

»Ich wünsche -- ich möchte mir manchmal wünschen ...« seufzte dieser.

»Wünschen Sie sich keinen Unsinn!« sagte Billy scharf. »Danken Sie

den Sieben Himmeln für Ihre Seßhaftigkeit!«

Und dann ging's hinaus in die Dunkelheit.

Wie die Wanderung begann.

An der Geleiseböschung. -- Der erste Sprung auf einen fahrenden

Zug. -- Die Fahrt. -- Im Märchenland aufregenden Erlebens. -- Das

Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Königin Nikotin und ihrem

Göttergeschenk. -- Billy der Wanderer! -- Das Abenteurerblut regt

sich. -- Ein psychischer Impuls. -- Wanderer Nr. 3.

In der Apotheke funkelte noch ein Licht, und trübe schimmerte es rot und

grün von den farbigen Glaskugeln im Schaufenster. Bald waren wir am

Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude mit seinen Lichtern ließ der schweigsame

Mann neben mir links liegen und betrat zwischen langen Reihen von

Frachtwagen die Geleise. Es war dunkel hier. Nur das Weiß und Rot der

kleinen Signallämpchen an den Weichen blitzte da und dort auf und

erleuchtete den blanken Stahl des Hauptgeleises. Wie ein

grellschimmernder Fleck auf schwarzem Grund lag weit hinten der Bahnhof

da. Vorsichtig schritt Billy zwischen den Frachtwagen dahin, dem weißen

Fleck wieder entgegen. Ich folgte ihm lautlos. Dann ging es die Böschung

hinab, an Haufen von aufgestapelten Schwellen entlang. Dreißig Meter vom

Bahnhof blieb Billy stehen, kauerte sich nieder und winkte mir, das

gleiche zu tun. Unsere Köpfe ragten nur ein wenig über die Böschung

empor.

»Noch zehn Minuten,« sagte Billy, auf die Uhr sehend.

»Und -- -- --?«

»Pst! Nicht sprechen!«

Ein leises Zittern, ein kaum merkbares Sichregen in den Stahlschienen

vor unseren Köpfen. Es wurde stärker, lauter. Ein feuriges Riesenauge

blitzte auf. Und nun ein Gerassel, ein schallendes Dröhnen. Ein greller

Pfiff. Der Expreß brauste heran, und mit einemmal war alles Leben und

Lärm. Kondukteure sprangen herab, Reisende stiegen aus und ein;

Schwatzen, Lachen, Rufe und Kommandos tönten herüber.

Billy rührte sich nicht. Das Riesenauge der Lokomotive warf weithin

blendenden Schein über das Geleise. Wir, an der Böschungsseite, blieben

im Dunkel. Aus einer gewaltigen Röhre ergoß sich Wasser in den Tank des

Tenders. Der Lokomotivführer, eine Petroleumfackel in der Linken, eine

langstielige Kanne in der Rechten, schritt von Ölkapsel zu Ölkapsel

seiner Maschine, ölte und untersuchte.

»Hören Sie!« flüsterte Billy. »Wenn der Zug sich in Bewegung setzt,

springen Sie auf den ersten Wagen nach dem Tender. Direkt nach dem

Tender. Ja nicht vergessen! Das ist der Postwagen und die einzige

Möglichkeit. Links und rechts vom Trittbrett sind Messingstangen.

Klammern Sie sich an und schwingen Sie sich hinauf. Geht es nicht, so

lassen Sie sich nach rückwärts fallen. Kümmern Sie sich nicht um mich;

ich werde nach Ihnen springen. Warten Sie aber ja, bis die Lokomotive

ganz nahe hier ist, sonst werden wir vom Bahnhof aus gesehen. So

-- jetzt!«

Der Expreß hatte sich in Bewegung gesetzt. Mir schien es eine Ewigkeit

zu dauern, bis die Lokomotive herankam. Endlich. Mit einem Satz sprang

ich auf, geblendet einen Augenblick lang durch die Laterne, verspürte

etwas wie Luftdruck, ließ die schwarze Masse des Tenders vorbeidröhnen

und sah Stufen, einen Messinggriff. Blindlings griff ich zu. Und wurde

förmlich hinaufgerissen. Im gleichen Augenblick schob mich etwas

vorwärts und neben mir stand lachend Billy.

»Ausgezeichnet für's erste Mal,« sagte er. »Machen Sie sich's

bequem.« Er hockte auf dem Boden der Plattform nieder, mit dem Rücken

gegen die Wagenwand gelehnt. »Wie gefällt es Ihnen?«

Ich schnappte nach Luft und nickte nur.

»Dies ist ein blinder Postwagen,« erklärte er. »Blind, weil er vorne

und hinten keine Türen hat, sondern nur Seitentüren; zum Schutz gegen

Eisenbahnräuber. Sie verstehen -- damit nicht Verbrecher vorne

aufspringen (so wie wir's gemacht haben) und dann von der Plattform aus

die Türe erbrechen können. Mögen die Götter den Mann segnen, der den

Einfall des blinden Postwagens hatte. Wenn es nicht etwa dem Heizer

beifällt, über den Tender zu klettern, sind wir bis zur nächsten

Haltestelle sicher.«

Der Zug jagte dahin mit ungeheurer Geschwindigkeit. Von beiden Seiten

und von vorwärts, über den niedrigen Tender hinweg, fegte der gewaltige

Luftdruck auf uns ein wie Sturmwind. Feuchter Dampf und winzige, scharf

stechende Kohlenteilchen peitschten unsere Gesichter. Der Wagen, auf

dessen Plattform wir saßen, rüttelte so, daß ich mich krampfhaft

anklammern mußte. Sprechen war fast unmöglich geworden in dem tosenden

Lärm des dahinjagenden Zuges; man hätte schreien müssen, um sich zu

verständigen. Ich starrte und starrte. Draußen huschte es vorbei wie

gigantische Schatten; schwarze Schatten der Nacht, bald tiefdunkel, bald

grau in grau -- Häuser und Bäume und Felder und Dörfchen. Ein einsames

Licht dann und wann, glitzernd nun, dann verschwunden, wie hüpfendes

Irrlicht im Sumpf. Ich zitterte vor Kälte und duckte mich zusammen unter

dem einpeitschenden Luftstrom. In mir aber jubelte es. Mir war es, als

sei ich im Märchenland aufregenden Erlebens, fern von den Dingen des

Alltags. Ich war wie trunken. Damals wußte ich es nicht -- aber was ich

zum erstenmal erlebte in jener Texasnacht, war berauschendes

Zigeunertum, nackte Romantik, der alte Traum vom Dahinstürmen in die

Welt hinein, primitivstes Mannestum. Das ließ einen zittern und jubeln

zugleich; das ließ einem die Augen aufleuchten und das Herz rascher

schlagen. Weiter, immer weiter. Mehr Schatten. Mehr Lärm. Mehr Lichter

tauchten auf, erlöschend, von neuem geboren. Immer mehr. Wie ein leiser

Ruck, wie ein sanftes Knirschen ging es durch den Zug, und das

Dahinjagen verlangsamte sich.

»Herunter -- sobald wir durch den Bahnhof sind!« rief der Mann neben

mir.

Ein Auftauchen von flutendem Licht -- ein Sprung -- und wieder lagen wir

auf feinem Kohlengeröll an einer Böschung und warteten wieder endlose

Sekunden, bis das pfauchende Ungetüm auf uns zustürmte, und wieder

sprangen wir.

Das wiederholte sich viermal, fünfmal, achtmal. Aus den tiefen

Nachtschatten wurden graue Nebel, in denen hier ein Haus, dort ein Stück

Wald in unbestimmten gespenstischen Umrissen erschien, vorbeisausend,

noch ehe das Auge bestimmte Formen unterscheiden konnte. Weiter, immer

weiter. In Dampf und Lärm und Sturmwind. So Schönes hatte ich noch nie

erlebt. Immer lichter wurden die Nebel und weit draußen im Osten säumte

es sich wie ein feiner heller Streifen am Horizont hin, wie ein dünnes

silbernes Band. Und mit einemmal kam ein zartrosa Schimmern in die weiße

Linie, dann ein rotes Glühen, und ein leuchtendes Stückchen des

Sonnenballs zerriß das Grau in Grau der Dämmerung, schuf Farben.

Gelbleuchtenden Sand, sattes Feldergrün.

Weiter, immer weiter. Eine Station -- der Sprung ...

Als wir so dalagen, schlenderte ein Kondukteur an der Lokomotive vorbei,

sah sich forschend um, guckte die Böschung entlang und kam auf uns zu.

»Hello, Jungens,« sagte er. »Hab' euch abspringen sehen. Schluß! Ich

könnte in Unannehmlichkeiten kommen, wenn man euch sähe. Ich selbst

werde auf der blinden Plattform fahren bis zur nächsten Station. Gebt

euch also keine Mühe!«

»_Allright!_« rief mein Begleiter und stand lachend auf. »Komm, mein

Junge. Dieser Zug hat seine Schuldigkeit getan.«

»Probiert es ja nicht!« rief der Kondukteur noch einmal.

Billy schlenderte ganz langsam über das Geleise und betrachtete

sehnsüchtig den Kuhfänger, den schaufelförmigen Holzaufbau an der

Lokomotivenspitze, der dazu da ist, Hindernisse auf dem Geleise

wegzuschleudern. (Das erklärte er mir erst später.)

»Man könnte auf dem Kuhfänger -- --« murmelte er. »Aber nein, hat

keinen Sinn. Ist ja gleich heller Tag.«

Er zog mich mit sich, nachdem er einen raschen Blick auf den Namen am

Stationsgebäude geworfen hatte. Clifton hieß die Station. Wir

verschwanden auf Nebengeleisen, zwischen Reihen von Frachtzügen, und der

Expreß toste vorbei. Billy sah sich die Frachtwaggons sehr sorgfältig an

und öffnete dann die Schiebetüre eines leeren Wagens --

»Hotel zur Eisenbahn!« lächelte er. »Klettern Sie nur hinein.«

Und in diesem leeren Frachtwagen studierten wir Karten und Fahrpläne.

Hundertundfünfzig Meilen weit waren wir gefahren in der Nacht. Dann

legten wir uns zum Schlafen hin, uns mit den Röcken zudeckend, denn so

war es wärmer ... Ein Geschüttel und Gerüttel weckte mich auf, und als

ich aufstehen wollte, wurde ich gegen die Wand geschleudert. Der Zug war

in Bewegung.

»Alles in schönster Ordnung!« rief Billy mir zu, ohne aufzustehen.

»Der Zug geht in unserer Richtung; dessen habe ich mich versichert, ehe

wir hier hineinkletterten. Ein Segen, daß die faulen Bremser nicht in

die leeren Wagen guckten vor der Abfahrt!«

Ich zitterte am ganzen Leibe vor Kälte, so heller Sonnenschein auch

durch die Türritzen drang; in jenem unbeschreiblichen Zittern, dem

Gefühl hilfloser Schwäche, das zu einer im Freien und in den Kleidern

verbrachten Nacht gehört wie Sonnenaufgang zum Tagesanbruch. Instinkt

zeigte mir das Heilmittel. Eine Zigarette. Ah -- du Wunderkraut, du

Ruhespender, du duftendes Göttergeschenk! Seist du nun in Reispapier

gehüllt oder in deine eigenen Blätter eingewickelt, oder glimmst du in

der Schale einer Pfeife -- du bist Sorgenbrecher und Tröster immerdar.

Zauberkraft wohnt in dir. Du vermagst es, hinwegzutäuschen über Hunger

und Kälte; du vermagst es, die geheimnisvollen Zellen im Menschengehirn

anzuregen zu hohem Flug. Märchen kannst du erzählen. Träume gaukelst du

vor. In deinen blauen Wölkchen wiegen sich Feen. Vielleicht muß man arm

sein, um deine Wunder wirklich zu erkennen, arm und jung; den Armen aber

und den Jungen bist du fürwahr ein göttlich Ding, du Wunderding voller

Widersprüche und Zartheit. Du beruhigst den Ruhelosen -- du nimmst die

Trägheit von den Trägen. Du wärmst in Kälte und du kühlst in Sonnenglut,

du stillst nagenden Hunger. Den Jungen unter den Armen bist du Sektkelch

und Schönheit und Lebenstraum, du Wunderkraut!

Denke ich an harte Zeiten zurück, so darf nie die Dankbarkeit fehlen

gegen die duftenden tiefbraunen Blätter. Die einem oft mehr halfen als

Menschen es hätten tun können! Wenn nicht die Worte den Armen fehlten,

würden sie Göttin Nikotin preisen in tausend Zungen --

Billy blinzelte zu mir herüber.

»Es ist ein Nachteil dieses Landes,« sagte er, »daß seine Zigaretten

so schlecht sind! Man sollte eigentlich nur türkische Importen rauchen!

Ihre Zigarette ist jener Mischmasch von Virginiatabak und Parfümierung

(wenn sie wenigstens Opium dazunähmen!), der den Lungen so unsagbar

schädlich ist -- haben Sie übrigens noch eine?«

Ich lachte laut auf und bot ihm mein Zigarettentäschchen an.

»Danke! Lachen Sie nicht! Eine schlechte Zigarette ist besser als gar

keine Zigarette. Mit den übrigen Dingen des Lebens ist es ja genau

ebenso!«

Rücken an Rücken saßen wir da, gegen die rumpelnde, stoßende Wagenwand

gelehnt. Billy paffte, streifte die Asche ab, paffte wieder.

»Sie haben das unschätzbare Talent, den Mund halten zu können,«

lächelte er. »Sie plagen mich nicht mit Fragen. Und nun sind Sie wohl

neugierig?«

»Unbeschreiblich!«

»Hm, na ja. Ich heiß' Billy, kurzweg Billy. Mein Familienname ist

gleichgültig. Manche Freunde nennen mich Billy den Wanderer. Das ist

geschmacklos, aber im allgemeinen zutreffend. Dann und wann erschafft

die Weltordnung, die unsere Frommen den Herrgott nennen (man müßte sie

eigentlich um ihres Glaubens willen beneiden!), Männer, die so gar nicht

hineinpassen in das Weltsystem von Dollars und Cents, und Essen und

Trinken, und Liebe und Ehe. Zigeuner. Ruhelose Geister. Arme Teufel mit

allzuheißem Blut. Einer von denen bin ich wohl. Ich habe sehr viel Geld

verdient in meinem Leben, wenn gewisse Notwendigkeiten an mich

herantraten oder wenn es mir der Mühe wert schien, aber glücklich bin

ich nur auf einem Eisenbahnzug. Und zwar als Kontrebande. Weil es

gefährlich ist, vielleicht, oder aus Trotz, -- was weiß ich. Im

Salonwagen fahren kann jeder Narr. Na ja. Staatauf, staatab, bald in

Kalifornien, bald in Missouri, oder in Nevada, oder in Texas;

interpunktiert leider durch Arbeitspausen, denn Geld gehört zu jeder Art

von Leben. Wie's gemacht wird, haben Sie nun schon so ungefähr gesehen.

Ich warne Sie dringend, daß die Geschichte gefährlich ist und zweifellos

gegen gewisse Gesetze verstößt, was mir gleichgültig ist, es Ihnen aber

nicht sein sollte. Dieser schauderhaft langweilige Frachtzug wird uns

nach Cleburne bringen, das höchstens vierzig Meilen von hier entfernt

ist. Dort verzweigt sich die Santa Fé nach Norden und nach Nordosten.

Sie fahren mit der Nordostlinie, die, tausend Meilen lang ungefähr, den

schnurgeraden Weg nach St. Louis bedeutet. In St. Louis angekommen,

reden Sie! Sehr guter Rat von Starkenbach! Hm ja, klettern Sie einfach

in einen leeren Frachtwagen, und wenn der Bremser kommt, geben Sie ihm

einen halben Dollar. Das ist das Sicherste -- für Sie. Sie werden in

fünf bis acht Tagen dort sein.«

»Und Sie?«

»Ich? Ja, das weiß ich eigentlich noch nicht. Das ist ja eben das

Schöne. Ich nehme vorläufig die Nordlinie, über Fort Worth nach Oklahoma

und nach Kansas, um dann, es gibt keine anderen Linien, wieder nach

Südwesten abzubiegen, nach Neumexiko und Arizona. Möchte einmal wieder

Arizonasand sehen und blühenden Kaktus. Im übrigen wartet in Fort Worth

ein Freund auf mich.«

Nun erzählte ich. Und als ich einmal im Eifer einen Homervers zitierte

-- falsch -- korrigierte mich der Mann mit den leuchtenden Augen ohne

eine Miene zu verziehen! Wir aßen unsere Butterbrote und schliefen

wieder. Kurz vor Mittag rumpelte der Zug in die Station Cleburne und wir

kletterten hinaus. Eine einsame Pumpe des Frachtbahnhofs gab Wasser her

zur Toilette (auch eine kleine Kleiderbürste trug Billy bei sich!), und

dann gingen wir in das Städtchen, um in Kaffee und gebratenem Speck und

Maisbrot zu schwelgen. Bei Zigaretten und Geplauder vergingen die

Nachmittagsstunden wie im Flug. Billy wollte mit dem Abendexpreß nach

dem Norden fahren; ich sollte den später abgehenden schnellen Frachtzug

nach dem Nordosten benützen. Die Aufschriften der Waggons hatte er mir

genau auseinandergesetzt, damit ich mich nicht irren konnte, und mir

obendrein vom Bahnhof Karten und Fahrpläne geholt, die es dort, wie

überall in den Vereinigten Staaten, gratis gab. Er erklärte und

erläuterte und erklärte wieder. Gedankenlos hörte ich zu und hatte

sicherlich im nächsten Moment vergessen, was ich einen Augenblick vorher

gehört.

Nach der großen Stadt am Mississippi, nach dem Hasten und Treiben der

Menschen, dem vielen Reden und dem Glücksjagen sehnte ich mich gar nicht

mehr! Nein, mich lockte die Gegenwart. Der rätselhafte Mann neben mir;

die Kraft, das Selbstbewußtsein, das er ausströmte. Das Geheimnisvolle

seines Lebens. Neugierde. Eigenes Abenteuerblut vielleicht. Die ganze

Umgebung.

Wir saßen wieder in der Nähe des Bahnhofes, auf weicher Grasböschung,

mitten im Getriebe der Eisenbahn. Züge jagten vorbei. Eine komische

kleine Lokomotive rannte unter angstvollem Gestöhn und fürchterlichem

Geschimpfe (so klang es!) auf und ab und ab und auf, dort einen

Frachtwagen vor sich herpuffend, hier lange Wagenreihen schleppend.

Schimpfende und gestikulierende Männer eilten hin und her mit der

schimpfenden Lokomotive, holten sich vereinzelt dastehende Frachtwagen

herbei und bumpsten andere auf Nebengeleise. Alles war Leben und

Bewegung; das Städtchen über dem Geleise drüben sah wie tot aus im

Vergleich. In den Telegraphendrähten über unseren Köpfen klang und

surrte es -- ja, das tote Holz der Telegraphenstange neben mir bebte und

zitterte, als trüge es schwer unter der Wucht der Botschaften, die über

die Drähte huschten. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und

unzählige Lichtpünktchen flammten neben dem Geleise auf; die Wegweiser

der Eisenbahnstadt. Eine fremde Welt, die mir voller Bedeutung und

voller Geheimnisse schien; deshalb vielleicht, weil die Aufregung der

nächtlichen Fahrt noch in mir nachzitterte.

»Mein Zug wird in wenigen Minuten da sein,« sagte Billy, die Pfeife

zwischen den Zähnen, scharf nach der Stadt hinsehend. »Ich rate Ihnen

noch einmal, sich an die Frachtzüge zu halten und sich den guten Willen

der Bremser zu erkaufen, wenn Sie entdeckt werden. Der Eilfrachtzug nach

dem Nordosten wird ungefähr in zwei Stunden abgehen. Die Wagen müssen

entweder die Aufschriften "St. Louis" oder "via Springville" tragen.

Passen Sie darauf auf! Ich glaube nicht, daß Sie besondere

Schwierigkeiten haben werden. Und nun _good bye_! Lassen Sie sich's gut

gehen im alten St. Louis! Viel, viel Glück!«

»Und vielen Dank ...«

»Du meine Güte, was ist da zu danken!«

Der Expreß brauste in die Station. Es dauerte lange Minuten, bis er sich

wieder in Bewegung setzte. Jetzt -- die Lokomotive kam langsam daher.

Der Mann mit den leuchtenden Augen stand auf, nickte mir lächelnd zu,

trat an die Schienen und sprang.

Und während seines Springens, in dem winzigen Bruchteil einer Sekunde,

faßte ich einen plötzlichen Entschluß, an den ich vorher auch nicht

einen Augenblick lang gedacht hatte! Drei gewaltige Sätze machte ich

neben dem schon ziemlich rasch fahrenden Zug her und bekam glücklich

die Messingstange des Postwagens zu fassen. Ein krampfhaftes

Emporziehen --

Ich stand neben Billy auf der Plattform.

»Du Narr!« sagte er. »Du verdammter Narr!«

Ich lachte laut auf.

»Du querköpfiger Narr -- ich denke, du willst nach St. Louis?«

Der Zug machte einen solchen Lärm, daß ich schreien mußte. Und ich

schrie:

»Eisenbahnfahren will ich!«

»Dann dreimal Narr du!«

In einer halben Stunde hielt der Expreß an der nächsten Station, und

Billy riß mich fast mit Gewalt von der Plattform herunter, mich zur

Böschung hinzerrend. Auf alten Schwellen setzten wir uns nieder.

»So,« sagte er, »der Expreß kann zum Teufel gehen, wenn ich auch

eigentlich nicht einsehe, weshalb ich meine wertvolle Zeit vertrödeln

soll, nur, weil du ein großer Narr bist. Nun erzählst du mir ganz genau,

was in deinem Kopf vorgegangen ist, als du mir nachsprangst. Hattest du

es dir vorher überlegt?«

»Nein.«

»Weshalb bist du mir dann nachgesprungen?«

»Weil ich wollte. Ich kann das nicht so genau erklären. Ich mußte

einfach!«

»Hoh -- man nennt das psychische Impulse! Ich verstehe ja ganz gut, daß

das Eisenbahnfieber einen packen kann; an der Krankheit laboriere ich

selbst. Ich würde mir die Geschichte aber doch noch überlegen an deiner

Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputtgehen

dabei. Man ist, niemand weiß das besser als ich, bei diesem Leben eine

_quantité négligeable_ (oder hast du dein Französisch schon vergessen?),

sich selbst und andern verdammt wenig wert. Ich persönlich bin hart wie

Stahl und kenne das Leben, was du von dir wohl kaum sagen kannst. Ich

tue, was ich will. Es ist mein Wille, im Lande umherzuhetzen, weil es

nichts gibt, das mir mehr Freude macht, mehr Glück gibt. Gefällt es mir,

mein Leben zu ändern, so brauche ich nur dem Schienenweg adieu zu sagen

und kann mir da oder dort Erfolg holen. In anderen Worten, ich bin ein

fertiges Menschenkind und du bist weich und formfähig, wie -- na, wie

Butter. Geh' also nach St. Louis, mein Sohn!«

»Nein!«

»Huh -- so energisch?«

Ich sprudelte hervor, daß ich noch nie so Schönes erlebt hätte und

daß --

»Ganz richtig. Und der Hunger?«

»Ist mir gleichgültig.«

»Und du wirst sehr schwer arbeiten müssen, denn auch zu solchem Leben

gehört Arbeit!«

»Gern.«

»Hm -- als ich ein Bub war, erwischte mich mein Vater einmal beim

Zigarettenrauchen. Worauf er mich in sein Arbeitszimmer führte, mir

höflich Platz und eine schwere Zigarre anbot, die ich unter seinen Augen

zu Ende rauchen mußte. Die Folgen dieser Zigarre waren bei weitem

unangenehmer als Prügel! So rauch' du denn die Zigarre des

Schienenlebens, mein Sohn. Dir wird sehr übel werden! Du wirst

anderseits aber auch viel lernen. Und dann werde ich dir nach St. Louis

helfen. Dann wirst du nicht mehr weich wie Butter sein! Komisch, daß ich

unsteter Geselle nun auch noch Verantwortung auf meine Schultern nehmen

soll!«

»Ich bin für mich selbst verantwortlich.«

»Ja freilich. Sehr!«

Und wir lachten beide. In einer Stunde kam ein Frachtzug durch, mit dem

wir weiterfuhren. Diesmal kostete die Fahrt Geld, denn ein Bremser

ertappte uns beim Hineinklettern und erhob prompt einen Tribut von einem

halben Dollar dafür, nichts gesehen zu haben. In wenig mehr als dreißig

Minuten kamen wir in Fort Worth an, das nur vierzig Meilen entfernt war.

Billy ging sofort nach dem Aussteigen zu dem riesigen hölzernen

Wasserbehälter auf dem Frachtbahnhof, aus dem die Lokomotiven gespeist

wurden, und leuchtete mit Zündhölzern sorgfältig den unteren Rand ab.

Dann zeigte er mir mit einem Ausruf der Befriedigung ein frisch

geschnittenes, rohes "J".

»Aha!« sagte er. »Joe ist schon da.«

»Wer ist Joe?«

»Ein Freund, ein lieber Kerl, den ich schon seit langen Jahren kenne.

Eisenbahnkrank, so wie ich. Er hat die Zeichen hier hineingeschnitten,

damit ich weiß, daß er da ist. Nun warten wir hier. Er wird bestimmt

öfters nachsehen, ob ich schon gekommen bin.«

Es dauerte auch gar nicht lange, so tauchte eine Gestalt hinter dem

Holzrahmenwerk des Behälters hervor und eine elektrische Taschenlampe

blitzte auf.

»Oho!« sagte Billy. »Du bist aber vornehm geworden, Joe! Elektrische

Beleuchtung in der Tasche!«

»Fein! Nich' wahr, Billy?«

»Nun, und wie war's mit der Arbeit im Elektrizitätswerk?«

»Schön. Fünfzig Dollars verdient in zehn Tagen. Aber --«

Billy kicherte leise.

»-- du hättest mich nich' alleinlassen sollen, Billy. Die verdammten

Soldaten im Fort droben haben mir jeden Dollar beim Pokern wieder

abgeknöpft. Die gesegnete Laterne hier -- das is' alles, was übrig

blieb!«

Billy lachte laut und lange.

»So ist nun einmal das Leben, mein alter Joe,« stieß er hervor, noch

immer lachend. »Ich hab' noch sechzig Dollars, und wenn die zu Ende

sind, müssen wir eben wieder arbeiten. Dies ist Ed. Deutscher. Fährt mit

uns.«

Joe, sauber und adrett in dunklem Anzug und Mütze, hatte ein rotes,

rundes, volles Gesicht. Listige Äuglein blinzelten aus diesem Gesicht

hervor -- -- --

Unter den Romantikern des Schienenstrangs.

Von Texas nordwärts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der betrogene

Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma. -- Jargon des

Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und seine Einflüsse.

-- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät des Tramps. -- Die

amerikanische Vagabundenarmee. -- Der Arbeitslose. -- Der Tramp.

-- Die Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident

Roosevelts Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle

Unterströmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in

exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,

Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.

-- Arbeiten!

Hastend trieb Billy vorwärts. Schnurgerade nach Norden ging es zuerst,

durch das nördliche Texas in Oklahoma hinein, durch ungeheure Flächen

von welligem Grasland und spärlichem Wald; immer mit Schnellzügen auf

der blinden Plattform der Postwagen.

Einmal verbrachten wir eine tolle Nacht auf dem Piloten einer

Expreßlokomotive, zu dritt, eng zusammengedrückt, aneinander geklammert;

auf den hellen Fleck starrend, den die Laterne über unseren Köpfen auf

die Schienen warf. Die Welt schien körperloses, schwarzes Dunkel. Nur

der gelbweiße Schein da vorne auf dem Schienenstrang barg rasende

Bewegung in sich. Als ob sie auf uns zuspringen wollten, so stürmten uns

die hölzernen Blöcke entgegen, die den stahlglänzenden feinen Strich

auf beiden Seiten verbanden. Zuerst, am Rande des Lichtscheins, in der

Verjüngung, sahen die Schwellen fein und zart aus wie Zündhölzer. Dann

wurden sie stärker, massiver -- riesengroß zu unseren Füßen. Es war wie

ein wunderlicher Hexenwirbel. Wie ein sturmwindgepeitschter Zauberkreis

von funkelnden Schienen und dunkel glänzenden Schwellen, von Steinchen

und Erde und Grasbüscheln; uns entgegenjagend, wirbelnd, sich drehend.

Man mußte wie fasziniert auf den Blendkreis der Laterne starren, jedes

Steinchen, jeder Schwellenbuckel prägte sich einem ein. Dazu das Rütteln

und Stampfen der Stahlmasse, auf der wir hingekauert waren, und der

peitschende Luftdruck, der schmerzend wie feine Nadeln in die Haut

drang, jedes Stück Zeug am Leibe flattern ließ und sich wie schwere Last

gegen den Körper anstemmte. Und Stille ringsum, als schweige alles vor

dem dahersausenden stählernen Ungetüm auf den stählernen Schienen; als

regierten nur seine Geräusche -- -- -- Das dumpfe Poltern mit dem hellen

Metallklang dazwischen. Das Rauschen und Rasseln. Das Stöhnen in den

glühenden, dampfschnaubenden Lungen.

Aus Dampf und Rauch und jagender Bewegung und vorbeihuschendem Land

schien die Welt zu bestehen. Jeder Funke Energie konzentrierte sich auf

Vorwärtskommen. Alles andere war gleichgültig. Man fuhr in Frachtzügen

untertags, weil man dann in leeren Frachtwagen schlafen und so den

Schlaf mit dem Vorwärtseilen verbinden konnte. Die unfreiwilligen Pausen

(wenn ein Kondukteur oder ein Bremser uns ertappte und grinsend

erklärte, wir möchten lieber dem nächsten Zug die Ehre schenken) wurden

zum Essen benutzt und zu sorgfältigem Erkundigen über die nächsten Züge.

Es war ein wunderliches Leben. Und das wunderlichste daran war die

Geschäftigkeit! Kein noch so energischer Kaufmann hätte mehr Zeit und

Mühe aus seine wichtigsten Affären verwenden können als wir auf unser

zweckloses Vorwärtshasten. Dabei riskierten wir auch noch täglich die

Hälse!

Ich war wunschlos glücklich damals in dem fortwährendem Fieber des

Neulings. Und es scheint mir heute, als sei die trotzige Energie, die

dieses sonderbare Leben einem einimpfte, ohne daß man es merkte, die

Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Beschwerden, das praktische Anpassen

an harte Lebensbedingungen, das man wie im Spiel lernte -- als sei dies

alles die verschwendete Zeit voll und ganz wert gewesen ...

Das Leben war wie ein Dahinhuschen durch eine mehr oder weniger

gleichgültige Welt voll der verschiedensten Menschen und der

verschiedensten Farben, in der das einzig Wichtige die Züge auf dem

Schienenstrang und wir drei Menschen schienen. Wir drei Menschen! Nie

wieder im Leben hab' ich so das Gefühl engstverbundener Freundschaft mit

Männern gehabt wie damals! Was dem einen gehörte, gehörte auch dem

andern, und der eine stand für den andern ein mit allem, was er hatte

und konnte. Und doch blieb die dünne Scheidewand bestehen, die

Männerfreundschaft haben muß, wenn es nicht einfach _frère et cochon_

sein soll -- das Respektieren persönlicher Dinge, die Disziplin

gewisser Höflichkeiten, eine Art Respekt des einen vor dem andern.

Dieses eigenartige Zusammenhalten in einem Mischmasch von Herrentum und

Vagabundenleben ist mir etwas Unvergeßliches wie Billy selbst.

Wir kamen nach Guthrie in Oklahoma, eine Stadt mit dem typischen

Gemengsel des Westens von vornehmen Villen und bescheidenen

Bretterbuden. Guthrie war damals, und ist wahrscheinlich heute noch, was

der Amerikaner eine _wide open town_ nennt, eine "weit offene Stadt",

wörtlich übersetzt. Der Begriff ist simpel. Weit offen. Alles darf

hinein. Spielhöllen, geöffnet die Nacht hindurch; Salons, in

ununterbrochenem Betrieb Tag und Nacht; profitables Dulden von elegant

gekleideten und energisch bemalten Damen. Skrupellose Dollarjagd

überall. Eine Bar neben der andern säumte die Hauptstraßen. "Zum

sporenklingelnden Cowboy" hieß da ein Salon, "Das Glück von Oklahoma"

ein anderer; "Zum toten Indianer" -- "Die sieben Whisky-Seeligkeiten" --

"Das Paradies der Getränke" -- "Zum letzten Schuß" -- -- so nannten sich

die Trinkhallen Guthrie's. Reiter galoppierten hin und her, deren Beine

in dem geteilten Hosenschurz aus Buffalofellen steckten, der das

Kennzeichen der Cowboys ist. Am Sattelknopf hing stets der Lasso; an

einem Riemen um die Hüften baumelte der schwere Revolver. Zwischen den

Reitern drängten sich Fußgänger; bald im einfachen Flanellhemd und den

riemengegürteten Hosen des Westens, bald in eleganten Anzügen und

tadelloser weißer Wäsche.

»Lebendiges altes Städtchen!« brummte Billy.

Wir traten in eine Bar ("Zum grinsenden Prairiehund" hieß sie), und ich

vergaß ganz meinen Whisky über meinem Staunen. Da war ein Gefunkel von

Spiegelscheiben und geschliffenen Gläsern und zwischen den

Spiegelscheiben leuchtete ein Kolossalgemälde, ein üppiges Weib auf

weichen Kissen hingestreckt. Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf

darüber, wo ich das Bild schon gesehen haben mochte --

»Rubens-Kopie,« lächelte Billy, »mit einigen Zutaten freier Phantasie

wiedergegeben. Du wirst das Ding noch tausendmal sehen in ebensoviel

Salons. Es ist ein niedliches Beispiel, wie sehr wahre Kunst und

wirkliche Schönheit in diesem merkwürdigen Land manchmal auf den Hund

kommt.«

Dann ging's in ein kleines Hotel, wie sich das Bretterhaus mit seinen

winzigen Zimmern für einen halben Dollar im Tag stolz nannte; denn wir

verbanden einen ganz bestimmten Zweck mit dem kurzen Aufenthalt im

Oklahomastädtchen: Toilettesorgen! Billy hatte seine besondere Art, die

Toilettenfrage zu lösen. Frisch gekaufte Wäsche gehörte dazu, ein

Badezimmer und ein in den Küchenregionen ausgeborgtes Bügeleisen, das

unseren Kleidern wieder Eleganz verlieh und vor allem durch die

Dampfentwicklung beim Bügeln gründliche Reinigung vom Kohlenstaub des

Schienenstrangs erzielte. Die getragene Wäsche blieb natürlich zurück,

denn ein Sichabschleppen mit Gepäck selbst in kompaktester Form war

unmöglich bei unserem Leben. Das wiederholte sich immer wieder -- die

Bügelszene war eine Art wöchentlicher Etappe im Wanderleben, die

ziemlich viel Geld kostete. Aber in den kleinen Stationen später im

Südwesten wusch und bügelte Madame vom Boardinghouse gerne unsere Wäsche

für wenige Cents, während wir wartend in den Betten lagen.

Den halben Nachmittag plagten wir uns mit der Bügelarbeit. Abends nach

dem Essen (es war sehr hübsch, wieder an einem weißgedeckten Tisch zu

essen), schlug ich vor, durchs Städtchen zu wandern.

»_Not on your life_,« grinste Joe gemütlich. »Fällt diesem Kind hier

gar nicht ein. Meinetwegen kann der Teufel das Städtchen holen! Der

Neffe meiner seligen Tante Jemima schläft viel zu selten in einem Bett,

um nich' gründlich zu schlafen, wenn er kann. Geh' spazieren, wenn du

willst -- ich schlafe!«

»Sehr vernünftig!« lächelte Billy. »Guthrie ist ein teures Pflaster,

mein Sohn, und ich persönlich mag nicht mit Leuten zusammen sein, die

mit Geld um sich werfen, wenn ich nicht mitmachen kann!«

»Ich will aber nur spazierengehen!«

»Dann nimm Geld mit!«

»Aber ich habe ja noch dreizehn Dollars ungefähr, und dann will ich ja

auch gar kein Geld ausgeben.«

»Dann geh' spazieren! Viel Vergnügen, mein Junge!«

So ließ ich ärgerlich die beiden sitzen und lief voller Neugierde die

lichterfunkelnde Hauptstraße entlang, in einem Gedränge von Cowboys und

eleganten Herren und arg geschminkten Damen. Die Salons lockten mich

gar nicht. Aber ein Plakat -- eine Tänzerin darstellend, mit dem in

grellen Lettern daruntergedruckten Vermerk »Eintritt frei in dieses

Varieté!« -- schien mir gerade das Richtige. Ich trat ein. An runden

Tischchen saßen viele Menschen, darunter merkwürdig viele Damen in

phantastischen Kostümen. Das reine Maskenfest! Seide in grellen Farben

überall, funkelndes falsches Geschmeide, bemalte Gesichter.

»Furchtbar interessant ...« dachte ich mir.

Ein Kellner (in dunkelrotem Flanellhemd und Hosen aus Manchestersamt)

brachte mir eine Flasche Bier, für die er einen halben Dollar

einkassierte, was ich teuer fand. Dann öffnete sich der Bühnenvorhang,

und eine dicke Blondine krähte einen Gassenhauer --

»_When the bells go tinge--linge--ling

We'll join hands and sweetly we shall sing:

There'll be a hot time

In the old town --

Tonight, my darling -- tralala ..._«

Die Tingeling Glocken und das süß gesungene Versprechen, daß heute noch

der Teufel los sein würde im alten Städtchen, schienen tiefen Eindruck

auf die Zuhörer zu machen, denn sie brüllten vor Vergnügen und

trampelten in gräßlichem Gedröhn mit ihren schweren Stiefeln. Der Teufel

im Städtchen mußte auch in mystischem Zusammenhang mit den

Lackstiefelchen der Blondine stehen, denn auf diese deutete sie

fortwährend. Dann tanzte sie ein bißchen und machte furchtbar viele

Knixe, und dann löste eine andere junge Dame sie ab. Die hörte ich aber

gar nicht, denn -- die dicke Blondine kam hinter dem Vorhang hervor und

steuerte schnurgerade auf meinen Tisch zu. Neben mich setzte sie sich!

Am liebsten wäre ich davongelaufen!!

»Welch' ein trockenes Gefühl man doch im Hals hat nach dem Singen!«

sagte sie mit einer Stimme, die geradezu rostig klang.

»Flasche Bier?« fragte der Kellner im roten Flanellhemd und stellte

zwei Flaschen hin, ohne eine Antwort abzuwarten. Die tinge-ling Dame

packte eine Flasche und ein Glas, dann die andere Flasche -- und im

Handumdrehen war das Bier den Weg seiner Bestimmung gegangen. Sie mußte

wirklich sehr durstig sein!

»Fremder?« sagte sie. »Ja? Werden finden, daß hier 'was los ist! _You

bet!_«

Und da brachte der Mann im roten Flanellhemd schon wieder zwei Flaschen,

und Fräulein Nachbarin zu meiner Linken leerte prompt die eine ganz und

die andere zur Hälfte.

»Jetzt muß ich wieder singen,« sagte sie und stand auf. »Komm' gleich

wieder.«

In mir aber dämmerte eine Ahnung auf, daß ich Ärmster es war, der für

diese Bierflaschen bezahlen mußte, und in einer wahren Heidenangst vor

dem Durst der Dame rief ich den Aufwärter herbei.

»Vier Flaschen Bier?«

»Sechzehn Dollars!« sagte der Mann im roten Hemd.

»Heh?«

»Sechzehn Dollars -- Sie sin' wohl 'n Fremder? Kommen Sie mit, wir

werden 's Ihnen erklären!«

Und wie ein Schaf zur Schlachtbank wurde ich auf den Vorplatz geführt,

wo ein anderer Mann (der trug ein blaues Flanellhemd!) zu uns trat. Ein

Flüstern zwischen rotem und blauem Hemd. »_Correct!_« sagte das blaue

Hemd. »Sechzehn Dollars. Das weiß jedermann. _Well_, sagen wir zehn

Dollars statt sechzehn -- ich bin nich' so!«

»So viel Geld hab' ich nicht bei mir!« erklärte ich wütend -- und in

Heidenangst, denn der Mann im blauen Hemd trug einen riesigen Revolver

im Gürtel.

»Dann geht Tommy hier mit Ihnen, es zu holen,« entschied das blaue

Hemd ...

Beinahe hätte ich bezahlt, aber da waren wir schon auf der Straße, ich

und das rote Hemd.

»Welches Hotel?«

»M--m--m ...« murmelte ich und bog links ab. In mir kochte alles vor

Wut über die Gaunerei. Und plötzlich wußte ich es: Den Teufel würde ich

bezahlen! An der dunklen Ecke der Nebenstraße blieb ich stehen:

»Gehen Sie nur wieder zurück -- ich habe kein Geld. Ihr seid

Schwindler!«

Und im gleichen Augenblick stieß ich den Mann im roten Hemd mit beiden

Fäusten vor die Brust, daß er zu Boden kollerte, und rannte um die Ecke,

so schnell mich nur meine Füße tragen wollten. Hinter mir knallte es,

-- noch einmal -- dreimal ... Wieder bog ich um eine Ecke, rannte

geradeaus im Dunkeln, lief in die Kreuz und Quer. Erst nach einer halben

Stunde wagte ich mich wieder in die Hauptstraße und schlich vorsichtig

ins Hotel, zu Billy ins Zimmer. Zitternd vor Aufregung drehte ich das

elektrische Licht an und weckte ihn.

»Was ist los?« fragte er blinzelnd. »Oh -- du! Ausgeplündert, heh?

Jeder Centavo fort, heh? Aber das ist doch nicht so wichtig, um mich zu

wecken!«

In fliegender Eile erzählte ich, und seine Augen wurden immer größer.

»Mann! Den Jüngling hingeschmissen -- ausgekniffen ...« und er lachte

wie besessen, sich im Bett wälzend vor Vergnügen. Er lachte wie ein

Verrückter!

»Achgottachgott,« stöhnte er, »gehen wir zu Joe hinüber!«

»Du -- Joe!«

Joe fuhr empor.

»Du Joe -- Ed ist in 'n Varieté gegangen, so eine freie

Eintrittsaffäre, du weißt schon -- vier Dollars die Flasche Bier --

zahlte nicht, konnte nicht, nee wollte nicht -- Kellner mitgegangen --

Kellner biff-biff gegeben -- davongerannnt -- oh Lord, ich lach' mich ja

noch tot! Das Bier -- die dicke Blondine -- der Kellner hat geschossen

... ich sterbe wirklich vor Lachen!!«

Joe begriff zuerst nicht. Als er aber den Zusammenhang verstand,

wieherte er förmlich.

»Ist dieser Ed grasgrün,« stieß er endlich hervor »-- und bindet mit

den geriebensten Gaunern dieser feinen Stadt an! Ein Glück hat er!!

Geschossen hat der Kellner? Das beweist wieder einmal, daß ein Revolver

lange nich' so gefährlich is' wie er aussieht! Und nun empfehlen wir

uns, kalkulier' ich!«

Billy nickte, noch immer lachend, und erklärte mir kurz, daß nach diesem

Intermezzo Guthrie in Oklahoma ein entschieden ungesunder Aufenthaltsort

für mich sei. Die beiden Herren in den roten und blauen Flanellhemden

wurden wahrscheinlich eine eifrige Suche nach mir veranstalten! Noch in

der Nacht verließen wir (ich genierte mich furchtbar über die

Geschichte) das Hotel, eilten, die blendend hellerleuchtete Hauptstraße

klüglich vermeidend, auf weitem Umweg nach dem Bahnhof und fuhren mit

einem langweiligen Frachtzug nach Nordwesten. In Guthrie zweigte die

Santa Fé scharf ab, hinüber zu ihrer riesigen Hauptlinie, die, Tausende

von Meilen lang, durch das nordöstlichste Stück Texas, das sich in das

Territorium von Oklahoma hineinzwängt, durch Neumexiko, Arizona und

Kalifornien nach San Franzisko führt.

Vorwärts -- immer vorwärts ...

Von Kiowa (das war gerade über der Kansaslinie, und so hatten wir drei

riesengroße amerikanische Staaten berührt in zwei Wochen!) ging es

wieder nach Süden, in ein sonniges Land von Sand und Prairie und

fernschimmernden Bergen hinein! Wir reisten sehr schnell. Die Stationen

waren meistens klein, und einen einzigen Schnellzug konnten wir oft

zehn, ja zwölf Stunden lang benützen. Fast auf jeder Station trafen wir

Wanderer, bald Arbeitslose, bald typische Tramps; bald nach Osten

ziehend, bald nach Westen wie wir. Selten wechselten wir mehr als wenige

kurze Worte mit ihnen, denn der Mann vom Schienenstrang ist wortkarg.

Sie erkundigten sich gewöhnlich nach Entfernungen; noch öfter nach den

genauen Fahrzeiten der Lokalfrachtzüge und der schnellen, durchgehenden

Eilfrachtzüge. Der Jargon der "_road_", des Schienenstrangs, war kurz

und knapp und voller Eigentümlichkeiten. Nie wurde man anders genannt

als "Jack" von diesen wandernden Menschen, die man an den Wasserfässern

der Stationen begegnete, als sei dies ein Sammelvorname für alles, was

da auf der Eisenbahn kreuchte und fleuchte.

»Hello, Jack!«

»Selber Hello!«

»'rauf oder runter?« (Hinauf hieß "nach Westen"; hinunter "nach

Osten"!)

»Hinauf!«

»Hm, ihr nehmt die nächste "Schnelle", nich?« (Das bedeutete den

fälligen Eilfrachtzug.) »Paßt lieber auf -- hundert Meilen zurück haben

sie im Fahren abgestoppt und uns mitten auf der Strecke den Boden küssen

lassen!« (Das hieß, daß die Tramps entdeckt und bei verlangsamter Fahrt

vom Zuge geworfen worden waren.) »Habt ihr vielleicht gesehen, ob der

Lokale leere _boxcars_ hat? Ja? Das is' _allright_. _So long, Jack!_«

Das waren so Fachausdrücke. Die Tramps sprachen niemals vom Ort ihrer

Bestimmung, sondern sie reisten einfach »die Linie hinauf oder

hinunter.« Die Riesen-Eisenbahnlinien des Landes bezeichneten sie als

etwas Altvertrautes nur mit den Anfangsbuchstaben: S. F. (Santa Fé) U.

P. (Union Pazific) S. P. (Southern Pazific) oder mit Spitznamen, wie die

berühmte Käte, wie die Kansas und Texas Eisenbahn genannt wurde. Ihr

Reisen hießen sie _jumping_, springen; Stationen bezeichneten sie nicht

mit Namen, sondern sagten: Nächster _stop_, zweiter, fünfter _stop_ die

Linie hinauf oder hinunter. In einem Frachtwagen zu fahren, hieß -- eine

Leere springen; auf dem Postwagen: den Blinden springen ... Verballhornt

wie die Eisenbahnausdrücke war auch ihre ganze Sprache, ein

heruntergekommenes Englisch. Als müßten sie ihr Sprechen ihren

Verhältnissen anpassen, denn abgerissen, zerlumpt, heruntergekommen

sahen fast alle aus. »Arme Teufel,« pflegte Billy zu sagen. »Arme

Teufel sind's und dumme Teufel! Und geht es einem auch noch so schlecht

... das letzte Geld darf niemals in den Magen wandern, sondern muß auf

den äußeren Menschen verwandt werden! Der saubere Rock ist stets die

Brücke zu den Dingen des Lebens. Er gibt äußere Gleichberechtigung mit

jedem Menschen. Wer sich den sauberen Rock nicht bewahrt, ist ein

Narr!«

Städtchen auf Städtchen huschte vorbei. Jeder Tag brachte neue

Aufregung, neues Vorwärtshasten. Und jeder Tag führte uns Hunderte von

Meilen weiter. Aus den flachen Wellentälern wurden gewaltige

Einschnitte, riesenbreit, in felsiges Bergland, das sich weithin am

Horizont auftürmte; ein Land des Sandes und der Steine, ein Land

glasklarer trockener Sonnenluft, die den Blick auf ungeheure

Entfernungen vorwärtsdringen ließ -- Neumexiko. In wenigen Tagen

durchquerten wir den Staat. Dann kamen wir auf das Gebiet Arizonas.

* * * * *

Im Erinnern an die Zeiten meines Dahinjagens auf den Schienensträngen

der Vereinigten Staaten ist es mir, als sei jede Einzelheit

unauslöschlich in mein Hirn eingegraben wie buntes Mosaik, aus

farbensprühenden Steinchen geformt. Keines der Steinchen verlor in den

fünfzehn Jahren, die seitdem nun verflossen sind, seinen Glanz. Schärfer

treten die Dinge hervor in der Erinnerung, als sie es im leichtherzigen

Erleben gewesen sein mochten; klarer, deutlicher in ihrem starken

Einfluß auf das Werden und Wachsen des Menschen. In Gut und Böse. Den

Trotz hab' ich im Wanderleben gelernt; das trotzige Wollen, ein gewisses

Ziel zu erreichen nur, weil ich es wollte, sei es klein oder groß.

Gleichgültigkeit gegen Geld, das ja dem Manne nur wenig bedeuten konnte,

der in hetzendem, gefahrvollem Vorwärtshasten etwas so unbeschreiblich

Schönes sah, daß Hunger und Entbehrungen lachend in den Kauf genommen

wurden. Verderblichen Lebensleichtsinn, sonderbar gepaart mit Kraft.

Träumen hab' ich gelernt, wie mans nur lernen kann in Einsamkeit, wenn

dahinfließende Stunden ein gleichgültiges Nichts bedeuten. Sehen hab'

ich gelernt! So viele Menschen und so viele rasch wechselnde Bilder

zogen an dem Wanderer vorbei, daß er Menschen und Dinge sehen lernte --

in mehr als bloßem Verstehen von Land und Leuten. Und den Humor hab' ich

mir geholt in jenem Wanderjahr; das lustige Lachen über eigene Torheit

und eigene Schwächen, weil es klüger war, zu lächeln als zu weinen, wenn

die Dinge einem gar zu sehr weh taten. So ist mir das eine Jahr etwas

nie zu Vergessendes geworden.

Ein Wanderjahr unter den Romantikern des Schienenstrangs ...

* * * * *

So riesenschnell waren das Wachstum und die Entwicklung der ungeheuren

nordamerikanischen Union, daß auf die Periode des pfadsuchenden Reiters

und des rohgezimmerten, von Pferden und Maultieren gezogenen

Wanderkarrens ohne Übergang die Zeit der Eisenbahnen folgte.

Vorwärtspeitschende Notwendigkeit rascher Entwicklung schaltete das

Verkehrsstadium wohlgepflegter Landstraßen einfach aus. So wurden die

Schwachen, die Faulen und die Arbeitslosen auf den Schienenstrang

gedrängt; denn Landstraßen für den landstreichenden Wanderer gab es nur

im Osten, während im Westen die wenigen Wege nicht nur schlecht, sondern

völlig planlos angelegt waren; von Farm zu Farm führend, nach einem

Städtchen vielleicht, so, wie es das augenblickliche Bedürfnis der

nächsten Anwohner erforderte. Den schnurgeraden, den nächsten

Verbindungsweg von Ort zu Ort und den einzigen Weg, der sicher nach

größeren Städten führte, bedeutete damals und bedeutet noch heute die

Eisenbahn -- der Schienenweg. Von Schwelle zu Schwelle, also auf dem

Bahngeleise, schritt der Wanderer auf seinem Vagabundenweg und

marschierte so von Städtchen zu Städtchen, bis er Arbeit fand oder das

Versiegen milder Gaben ihn weitertrieb. Einer von diesen Vagabunden nun

kam einmal, als ein Frachtwagen an ihm vorbeirasselte, auf den

naheliegenden Gedanken, daß es doch viel schöner sein würde, zu fahren

als zu laufen!

Er sah die Türe eines leeren Frachtwagens offenstehen, packte krampfhaft

zu, klammerte sich an, zog sich empor und saß gemütlich im Frachtwagen.

Er lief nicht mehr. Er fuhr!

Dieser kluge Mann war der Urvater eisenbahnfahrenden amerikanischen

Vagabundentums.

Er war der Ahne des amerikanischen Tramps, so, wie er seit fünf

Jahrzehnten ist und noch ein, höchstens zwei Jahrzehnte sein wird. Statt

langweilig und mühsam von Eisenbahnschwelle zu Eisenbahnschwelle

vorwärts zu "trampeln", bediente Mister Tramp sich nunmehr in

Wirklichkeit des Schienenstrangs. Bahnwärterhäuschen und sorgfältige

Streckenüberwachung gab es ja nicht und gibt es nicht auf den ungeheuren

amerikanischen Schienenwegen: erforderten sie doch ein Beamtenmaterial,

das jeden Betrieb unrentabel machen würde. Auf den kleinen Bahnhöfen gab

es nur ein oder zwei Stationsbeamte, die keine Zeit hatten, sich darum

zu kümmern, wer sich auf den Schienen herumtrieb, und selbst in den

großen Städten war es leicht, sich in den Wagenwirrwarr eines

Frachtbahnhofs einzuschleichen. Mister Tramp hatte also gar keine so

schwere Aufgabe. Er trieb sich in aller Gemächlichkeit auf den Bahnhöfen

herum, mit den Beamten Verstecken spielend, suchte sich einen leeren

Frachtwagen aus und kletterte hinein, wenn der Zug sich in Bewegung

setzte. Wurde er entdeckt und auf der nächsten Station vom Zuge gejagt,

so wartete er in philosophischem Gleichmut auf den nächsten Zug.

Nach und nach wurde er waghalsiger und bekam immer mehr Appetit auf

diese wunderschöne billige Eisenbahn, die ihn mit solcher Schnelligkeit

von Staat zu Staat führte. Man sperrte die leeren Frachtwagen zu -- da

kletterte er aufs Dach der Wagen oder ritt auf den Puffern, sich an den

Stangen der Wagenwände festhaltend. Bald warf er ein neidisches Auge auf

Schnellzüge und entdeckte, daß man ja auch mit Schnellzügen fahren

konnte! Man sprang auf den ersten Wagen und war sicher wenigstens bis

zur nächsten Station, eine respektable Strecke gewöhnlich. Entdeckte ihn

wirklich ein Kondukteur und wollte ihn verhaften lassen, so sprang

Mister Tramp noch im Fahren ab und war längst verschwunden, ehe der

einsame Bahnhofpolizist nur begriff, um was es sich handelte.

Die Eisenbahner wehrten sich natürlich. Als intelligente

dollarjagende Amerikaner erpreßten die Bremser der Frachtzüge kleine

Geldkontributionen von den Vagabunden, die sie in ihren Wagen

erwischten; prügelten sogar manchmal, nur, um häufig selbst geprügelt zu

werden. Wurde ein Verbrechen begangen auf einer Bahnstrecke, so folgten

Perioden rücksichtslosen Einschreitens gegen die Eisenbahnvagabunden. So

mancher arme Teufel von Tramp ist von brutalen Eisenbahnern mitten in

sausender Fahrt vom Zug geschleudert worden. Brach er sich den Hals, um

so schlimmer für ihn. Jedenfalls krähte kein Hahn danach. Sehr bald aber

merkten die großen Eisenbahngesellschaften, daß ein scharfes Vorgehen

gegen die Tramps sehr unangenehme Folgen für sie habe -- allerlei

Bahneigentum wurde von den schlimmen Elementen unter den Wanderern,

rachsüchtigen Gesellen, zerstört, ja, sogar Züge gefährdet. Schließlich

sagten sich die Gesellschaften, daß es besser sei, ein Auge zuzudrücken,

als sich einen Haufen wertvoller neuer Schwellen nach dem andern von

gereizten Wanderern anzünden zu lassen. Ein System halber Duldung setzte

ein, das noch heute regiert. Eine Duldung, die manchmal gewisser Komik

nicht entbehrt. So ist es in vielen Städten des Westens zur Gewohnheit

geworden, einen bettelnden Tramp, der die braven Bürger belästigt, auf

keinen Fall einzusperren und mehr oder weniger lange Zeit auf

Gemeindekosten durchzufüttern. Oh nein! Mister Sheriff nimmt Mister

Tramp beim Wickel, führt ihn auf Umwegen nach dem Frachtbahnhof und

zwingt ihn mit vorgehaltenem Revolver, sich mit dem nächsten Frachtzug

aus dem Staube zu machen. So ist das Städtchen Mister Tramp los -- und

die anderen Städtchen mögen auf sich selber aufpassen.

Das Wanderleben in den Vereinigten Staaten ist einzig in seiner Art.

Auf den Schienensträngen des ungeheuren Landes jagt eine Armee von

Vagabunden dahin, Tausende von Männern, deren Zahl mit den

wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes steigt und fällt, um ins

Ungeheure anzuschwellen in arbeitslosen Krisenzeiten. In ihrer

Zusammensetzung ist diese Armee unendlich verschieden, -- so

verschieden, daß eine Welt von Denken und Art zwei Männer trennen mag,

die im gleichen Frachtwagen hocken. In diesen Unterschieden steckt eine

Romantik, die selbst in den Vereinigten Staaten nur wenige Leute auch

nur ahnen. Der Volkswirtschaftler, der sich mit dem Trampunwesen befaßt,

muß ja notwendigerweise verallgemeinern und seine Beobachtung

ausschließlich der sozialen Seite zuwenden. Die Romantik wird ihm

entgehen.

Das harmloseste und in seinen Motiven am leichtesten zu durchschauende

Individuum in der amerikanischen Vagabundenarmee ist der Arbeitslose,

den harte Zeiten und Arbeitsmangel aus einer Stadt wegtreiben, um

anderwärts sein Glück zu versuchen. Mag er nun noch Sparpfennige in der

Tasche haben oder schon mittellos und abgerissen sein -- er ist niemals

ein Vagabund im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern bleibt stets der

Arbeiter, dem das Wandern, die Eisenbahn also, nur Mittel zu dem Zweck

ist, ihn rasch neuen Arbeitsgelegenheiten zuzuführen.

Mit dem Tramp, dem eigentlichen amerikanischen Vagabunden, hat er nichts

gemein. Denn der wirkliche Tramp ist ein arbeitsscheuer Geselle. Der

Amerikaner, der ein scharfes Auge besonders für diejenigen menschlichen

Schwächen hat, die seiner unruhigen, rastlosen, arbeitsfreudigen Art

unsympatisch sind, hat das Wesen des Tramps richtig erkannt, wenn er ihn

spottend "_Weary Willy_" und "_Tired Jack_" nennt -- "den müden Willy"

-- "den todmüden Jack"! Unter ihnen sind Menschen, denen die grausame

Härte des Arbeitsmarkts so mitgespielt hat, daß sie nicht mehr wollen,

vielleicht nicht mehr können; Kranke und körperlich Schwache, deren

Arbeitswert gering ist; Schwächlinge, die sich vor den Mühen des Lebens

und der Härte körperlicher Arbeit so fürchten, daß sie lieber ein

erbärmliches, bettelndes Jammerleben führen, als sich in die Arbeit des

Tages hineinzuwagen -- Schwache und Arme, Schwächlinge und Untüchtige,

den Anforderungen der Zeiten nicht gewachsen. Ihr Los ist hart. Viel

härter als härteste Arbeit. So gutmütig der Durchschnittsamerikaner ist,

so wenig Verständnis hat er in seinem praktischen Denken für das

merkwürdige Verlangen eines Menschen, essen zu wollen, ohne zu arbeiten.

Eine brave Farmersfrau mag sich durch die wehleidige Geschichte eines

Tramps rühren lassen und ihm eine Mahlzeit geben; wenn aber ihr Mann

dazukommt, so wird er Mister Tramp zärtlich ein Beil in die Hand geben

und ihn liebevoll zu dem Holzhaufen im Hof führen: So, mein Junge,

arbeite erst einmal ein bißchen! Der europäische Handwerksbursche, der

von Haus zu Haus Kupferstücke einheimst, würde sich baß wundern im

Yankeeland, so artverwandt Mr. Tramp und er sich auch sein mögen. Nur

ist Mr. Tramp eine besonders groteske Figur. Sein eigenartiges

Eisenbahnleben ist höchst ruinös für Kleider. Neue Kleider kann er sich

nicht kaufen. So wird er äußerlich zur grotesken Verzerrung eines

Menschen. Aus den Stiefeln gucken die Zehen hervor. Die zerfetzten Hosen

mit den vielen Flecken hält ein Strick um den Leib. Der Rock, schwer

malträtiert von Regen und Sonnenschein und Kohlenstaub, schimmert und

glänzt in allen nur möglichen dunklen Farbentönen; der zerknüllte Hut

trägt unfreiwillige Komik in sich. Im Gesicht wochenalte Bartstoppeln.

Und um die Schultern geschlungen an dicker Schnur trägt Mister Tramp

sein eigentliches Wahrzeichen -- die alte Konservenbüchse, die er

notwendig braucht, um seinen Kaffee zu kochen oder die Kartoffeln zu

sieden, die in höchster Not aus Farmerfeldern in seine Tasche

wandern ...

Doch außer den Arbeitsuchenden und bettelnden Tramps gibt es, zum

geringen Bruchteil freilich, noch ein anderes Element in der

amerikanischen Armee der Wanderer; Menschen, so grotesk, so grandios in

der Großzügigkeit ihres Zigeunertums, so eigenartig, daß sie eine Art

Rätsel modernen amerikanischen Lebens darstellen. Romantiker des

Schienenstrangs möchte ich sie nennen, die Menschen unter denen und mit

denen ich ein Jahr gelebt. Ihr Leben ist nackte Romantik, eine Romantik,

die sich auf den Schienensträngen abspielt.

Keine Schwäche, kein Geschlagensein im Kampfe des Lebens treibt sie zum

Wandern, sondern nur ihr eigener abenteuerlicher Wille, eine dumpfe

Sehnsucht nach einem Leben, das außerhalb des Herkömmlichen, des

Durchschnittlichen liegt. Sie tragen anständige Kleider und sie lassen

sich nichts schenken. Sie betteln nicht.

So gehen die Romantiker des Schienenstrangs dahin von Osten nach Westen,

von Süden nach Norden, über ungeheure Flächen. Sie halten es nicht lange

aus an einem Ort. Sobald ihnen Geld in der Tasche klimpert, kommt eine

unbeschreibliche Unruhe über sie, mag die Arbeit noch so lohnend, mögen

ihre Lebensbedingungen noch so angenehm sein. Ein Plakat, eine

Zeitungsnotiz gibt den äußeren Anstoß -- die Schönheiten Kaliforniens

werden beschrieben oder irgend etwas Interessantes über Arizona

gemeldet. Da packt den modernen Zigeuner die tolle Laune. Er, der

vielleicht in Chicago oder in Denver ist, muß sofort, augenblicklich,

ohne Zeitverlust nach Kalifornien oder nach Arizona! Es peitscht ihn

vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt. Er hat nicht das geringste in

Kalifornien oder in Arizona zu suchen; in Wirklichkeit sind ihm auch

beide Staaten mehr als gleichgültig. Wahrscheinlich kehrt er sofort

wieder um. Dumpfe Sehnsucht ist es in Wahrheit, die ihn treibt, ein

übermächtiger Wandertrieb, der zwar ein Ziel haben muß, auf daß die fixe

Idee vollständig sei, dem das Ziel an und für sich jedoch ein Nichts

bedeutet!

Ich will so schnell als möglich nach Kalifornien! Ich muß schleunigst

nach Arizona!!

Ein Mann mit einem Ziel, dem nichts etwas gilt als dieses Ziel! Er ißt

nur einmal im Tag, hungert oft, friert, schläft kaum -- vorwärts, nur

vorwärts. Er erträgt unerhörte Beschwerden, riskiert hundertmal sein

Leben -- immer vorwärts. Auf den Plattformen der Postwagen eilt er

seinem Ziel zu, vorne auf dem Piloten der Lokomotive, er besteigt

gelegentlich, wenn es gar nicht anders geht, einen Frachtzug (den er

verachtet!), fährt mit dem Expreß, sich eng an das gewölbte Wagendach

eines Pullmannwaggons andrückend, in jeder Sekunde in schwerer Gefahr,

hinabgeschleudert zu werden. Nur vorwärts! Ich habe Männer gekannt, die

sich, wenn jede andere Fahrtmöglichkeit versagte, ein Brettchen über die

beiden dünnen Eisenstangen legten, die zwischen den Axen eines

Pullmannwagens angebracht sind, sich auf dieses Brett hinkauerten und so

lange Strecken ~unter~ dem Waggon fuhren! Jedes Mittel ist ihm recht, aber

immer vorwärts. Entdeckt ihn ein Kondukteur vorne auf der Plattform, so

klettert er hinten auf ein Waggondach! Sein Hirn arbeitet fortwährend an

dem Erfinden neuer Tricks zu raschem Fahren; jeder Muskel seines Körpers

ist wochenlang auf das Unerhörteste angestrengt. Etwas Poetisches liegt

in dieser merkwürdigen Sehnsucht, über weite Räume zu ziehen, etwas

Urmenschliches, etwas unbeschreiblich Abenteuerliches. Eine Mischung von

Vagabundentum und Energie, von geheimnisvollen Sehnsuchtstrieben und

nüchterner Kraft.

Er ist in Kalifornien, in Arizona. Dann wieder Arbeit. Dann wieder neue

Hetzjagd nach neuem Ziel!

Bodenloser Leichtsinn liegt über solch unsteten Leben, und doch wieder

auch romantischer Zauber; lockend, verführend. Vor zwei Jahren ungefähr

las ich im Londoner "Daily Telegraph" eine aus amerikanischen Zeitungen

übernommene Meldung, Theodore Roosevelt -- damals war er Präsident und

auf einer Jagdfahrt im Westen -- habe von Denver aus nach Westen auf

einem Spezialzug eine Fahrt von über hundert Meilen auf dem Kuhfänger,

dem Piloten der Lokomotive, gemacht. Er sei voller Begeisterung gewesen

über die lustige Fahrt mit ihren Eindrücken freien Dahinschwebens in den

Raum hinein! Wie hab' ich mich damals amüsiert (Teddy hatte doch immer

etwas übrig für brausendes Leben!); denn -- über genau die gleiche

Strecke war auch ich gefahren. In genau der gleichen Weise, auf dem

Kuhfänger! Allerdings nicht auf einem Spezialzug, sondern in höchst

notwendiger Verborgenheit.

In das lustige Erinnern aber mischte sich rückhaltslose Bewunderung für

den merkwürdigen Mann des tätigen Lebens, der unter den ungeheuren

Aufgaben seiner gewaltigen Stellung sich die Lebensneugierde und die

Spannkraft bewahrt hatte, ein tollkühnes Vagabundenstücklein zu wagen.

Tollkühn! Denn wer auf dem Piloten eines in voller Geschwindigkeit

dahinbrausenden Zuges fährt, dicht über den Schienen, setzt auf jedem

Meter Strecke sein Leben ein. Ein Häschen, über die Schienen rennend,

erfaßt von dem weit hinabreichenden Rahmenwerk und mit ungeheurer Wucht

emporgeschleudert, wird den Leichtsinnigen betäuben, ihn hinabwerfen;

ein vom Piloten gepacktes Steinchen kann ihm den Schädel zerschmettern.

Es steckt etwas vom Romantiker in Theodore Roosevelt, Soldat,

Expräsident, Jäger, Schriftsteller, Philosoph, Politiker. Ein

D'Artagnan in der Hülle des Staatsmannes!

Wer sich phantastischer Wanderlust so hingibt, wer bloßem

Sehnsuchtstrieb so viel Kraft und so viel Zähigkeit widmet -- in dem

Mann stecken Möglichkeiten, wenn er auch ehrbarer Bürgerlichkeit als

Inbegriff leichtsinniger Tollheit erscheinen mag. Als Episode muß man

das Leben dieser Männer auffassen! Ein kleiner äußerlicher Anstoß lenkt

oft ihre Kraft in geordnete Bahnen. Oder ein großes Erlebnis -- das

Weib, das in dem Männertum ihrer tollen Jugend so gar keine Rolle

spielte. So lange sie aber ihr Leben führen, sind sie Abenteurer _de

pure sang_. Grundverschieden einer von dem andern. Neben dem

arbeitsfäustigen Brausekopf wandert der Gebildete mit dem

disziplinierten Hirn, neben gedankenlosen Gesunden verbissene

Neurastheniker; Abenteurer aber sind sie alle. Sie lauschen auf alles,

was nach Abenteuermöglichkeit aussieht. Sie kennen sich untereinander,

sie sehen, sie hören, sie erwerben sich Freunde hier und dort. Die

Amerikaner, die in den südamerikanischen Revolutionen eine so große

Rolle spielen, rekrutieren sich aus den Romantikern des Schienenstrangs.

Der große Abenteurer, der Glückssoldat, der seinen Degen dem Dienst

südamerikanischen Goldes verkauft, kennt seine Leute. Er darf nur in New

Orleans oder in Galveston einem alten Freund vom Schienenstrang ein

Wörtchen zuflüstern, und in drei Wochen hat er seine Leute. Wie der

Blitz verbreitet sich die Neuigkeit, ohne daß eine Silbe zu den Ohren

von Menschen dringt, die plaudern würden.

Ich hab' oft in drei, vier Sätzen -- denn diese Menschen sind schweigsam

-- von Dingen erzählen hören, die mich ungläubig aufhorchen ließen. Der

eine kannte Kuba wie seine Tasche und grinste über das schlechte

Schießen der Insurgenten; der andere erwähnte so nebenbei, er möchte

wieder einmal nach Haiti; der dritte hatte große Eile, nach San

Franzisko zu kommen, weil er »dort einen Mann kenne, der vielleicht ein

bißchen Geld in eine Goldsucherfahrt stecken würde«. Unrast haust in

jedem von ihnen. Aus dem einen wird ein Führer von Arbeitern am

Panamakanal, ein Amt, zu dem man harte Abenteurernaturen braucht; der

andere stirbt als Glückssoldat, irgendwo in Südamerika erschossen;

wieder ein anderer tritt in den Dienst des Waffenschmuggels, der von

Amerika aus sich überallhin in die Welt erstreckt, wo rebellierende

Minoritäten kämpfen. Ich deute hier nur an -- denn die geheimnisvollen

Unterströmungen modernen Abenteurertums lassen sich nicht verfolgen. Ich

weiß, daß man mir den Vorwurf der Übertreibung machen wird. Ich möchte

aber eine Tatsache erwähnen, die dem Zeitungsleser nicht fremd, dem Mann

mit internationalen Beziehungen wohlbekannt ist:

In jedem modernen Krieg spielen Abenteurer aus den Vereinigten Staaten

eine große Rolle, zum mindesten in den "exotischen" Kriegen. Die

Munitionszufuhr der Buren wurde von amerikanischen Männern und von

amerikanischen Maultieren besorgt. In ihren Reihen kämpften als

Offiziere und Soldaten Abenteurer aus aller Herren Ländern, die -- aber

fast alle auch Englisch sprachen, und zwar amerikanisches Englisch. Im

russisch-japanischen Krieg lag der Betrieb der Blockadebrecher, die Port

Arthur mit Kriegsmaterial versorgten, zum großen Teil in amerikanischen

Händen. Erst ganz kürzlich las ich im "Berliner Tageblatt" die

lakonische Drahtmeldung: »In Guatemala rücken die Revolutionäre, von

Amerikanern geführt, gegen die Hauptstadt vor.«

Die Unterstützung der mexikanischen Insurgenten durch amerikanische

Abenteurer ist ja wohlbekannt.

Das sind Möglichkeiten dieses modernen Romantikertums, die ich erwähnen

muß, weil sie eine Phase verborgenen Lebens unserer Zeit scharf

beleuchten -- aber sie dürfen nicht verallgemeinert, sie müssen als

Andeutungen aufgefaßt werden, als Anregung vielleicht für die wenigen

Wissenden, ihr Scherflein dazu beizutragen, dieses Leben zu schildern.

Und die Romantiker des Schienenstrangs müssen sterben. Zehn Jahre mag es

noch dauern, zwanzig vielleicht. Dann sind die Schienenstränge des

Riesenlandes unter dem Sternenbanner bewacht und abgesperrt wie im alten

Europa, und der Wanderer aus Passion wird ein Ding der Vergangenheit

sein. Übrig bleiben wird nur der landstraßenwandelnde, bettelnde Tramp

und das Heer der Arbeitslosen. Der Abenteurer muß sterben, wenn die

großen Massen vordringen, die mit sich Ordnung und System bringen. Das

ist gut so. Und doch -- man möchte träumend in die Zukunft schauen

können. Was wird aus dem Grand Seigneur glorreichen, freien

Vorwärtsstürmens? Spürt ihr kein Verwandtsein mit meinem törichten,

rastlos dahinjagenden Idealisten, ihr Menschen im Zeitalter des

Fliegens? Ihr, die ihr selbst hastend und hetzend lebt! Nur seid ihr,

nein, sind wir -- denn jene Zeiten gehören vergangener Jugend -- klug

und weise, denn wir schaffen Werte im Dahinjagen, und meine Freunde vom

Schienenstrang schufen sich nichts als Augenblicksrausch. Sie waren

Träumer, wenn sie es auch nicht wußten. Man muß sie lieb haben im

Erinnern; um der Sehnsucht willen, die in ihnen lebte ...

* * * * *

In Arizona war es.

Der Schnellzug hielt im Morgengrauen, wenige Sekunden lang, an einer

winzig kleinen Station. Billy sprang ab und rannte auf das Wasserfaß zu.

Natürlich folgten wir ihm. Und da brauste der Zug auch schon weiter.

»Was hast du denn?« fragte Joe empört. »Jetzt ist der verdammte Zug

glücklich weg. Hat uns ja kein Mensch gesehen -- hätten ruhig

weiterfahren können!«

»Sei still!« lächelte Billy und kauerte sich am Wasserfaß nieder.

»Kinder, vor allem müssen wir feststellen, wieviel Geld wir noch haben.

Gebt einmal euer Geld her.« Er zählte. »-- 42 Dollars. Nun hört einmal

zu: dieser sonnige Arizonasand hat Schönheiten, von denen ihr nichts

ahnt; es ist ein stilles Fleckchen Welt, in dem man wieder einmal

spielen und lachen kann. Hier wollen wir ein wenig bleiben!«

»Grandioser alter Gedanke!« murmelte Joe.

Ich aber wunderte mich nur. Die Hetzfahrt durch die vier Staaten hatte

mich schon gelehrt, zu staunen, ohne viel zu fragen. Bald nach

Sonnenaufgang gingen wir hinüber zu dem winzig kleinen Stationshäuschen,

traten in das Zimmer des Agenten, und Billy setzte mit einer absoluten

Wahrhaftigkeit, die unter den Umständen fast komisch war, dem Mann

auseinander, was er wollte. Der war fast sprachlos vor Erstaunen.

»Hier bleiben wollt ihr?...« stotterte er endlich. »In diesem

verdammten Sandloch?«

Billy erklärte ihm noch einmal, daß wir durchaus keine Tramps, sondern

nur unruhige Gesellen seien, die zwar kein Geld für so törichte Dinge

wie Fahrkarten ausgäben, aber sonst alles bar bezahlten -- »Weiß schon,

verstehe schon!« brummte der Agent -- und daß wir einige Wochen lang

ein billiges Leben führen wollten.

»Sommerfrische! Verstehen Sie denn nicht?« lachte Billy.

»Die verrückteste Idee, die mir in meinem Leben vorgekommen ist,«

meinte der Agent grinsend. »Aber es geht. Es geht wirklich!«

Und es ging. Mrs. Jack Parker, eine rundliche Witwe, der das größte der

vierzehn hölzernen Häuser der Station gehörte, übernahm gegen eine bare

Vorausbezahlung von fünfundzwanzig Dollars gerne die Verpflichtung, uns

drei Männer zwanzig Tage lang zu behausen und zu beköstigen. Es war

spottbillig. Nun konnte ich mich aber nicht mehr halten:

»Dies ist ein Märchen!« sagte ich zu Billy.

»Ist es auch,« jubelte er und seine Augen leuchteten. »Sollen auch

zwanzig Märchentage sein -- gerade so unwahrscheinlich und gerade so

schön wie ein wirkliches Märchen. Hm -- Unsinn. Welch' ein Kind Sie doch

sind! Billige Tage billiger Beschaulichkeit sind es -- weiter nichts!«

Und er lachte lustig ...

"Lucky Water" hieß die Station -- Glückswasser. Sie und die vierzehn

Häuschen hinter ihr verdankten ihr Dasein dem ungeheuer tiefen

artesischen Brunnen neben dem Stationshäuschen, den einst die Santa Fé

hatte bohren lassen müssen, weil die Strecke zwischen den beiden

nächsten Stationen zu lang war, als daß die Lokomotiven sie ohne Wasser

hätten durchmessen können. So reichlich Wasser spendete der Brunnen, daß

es möglich gewesen war, eine einfache Bewässerungsanlage herzustellen

und mitten im Sand Gemüse zu bauen und Vieh zu züchten. So waren die

vierzehn Häuschen entstanden. Und jeden Abend nahm der Eilfrachtzug die

Gemüsekörbe und die Milchkannen mit nach der nächsten großen Stadt. Es

waren einfache Menschen, die Leute von Lucky Water, die uns

wahrscheinlich für ein bißchen verrückt, aber doch harmlos hielten.

In meinem Leben vergess' ich Lucky Water nicht!

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3) · 第 8 / 14 题