Spät abends war es, als leise, ganz leise die Nachtklingel anschlug. Mit
großem Gepolter fuhr ich erschrocken aus meinem Zimmerchen hervor und
rannte zur Türe. Da stand eine gewisse kleine Daisy!
»Ach, Mr. Apotheker,« sagte sie mit vor Lachen halb erstickter Stimme,
»ich möcht' gerne ein Schlafpulver haben!«
»Du -- du!«
Der Mond, der zwischen den grünen und roten Glaskugeln ein bißchen
hineinblinzelte durchs Schaufenster, sah einem tollen Treiben zu in der
ehrsamen Apotheke. Zwei richtige Kindsköpfe waren zusammen, zwei sehr
ungezogene Kinder, die zwischen den Ladentischen einhertanzten und
unbezahlte Limonaden tranken. Der eine Kindskopf war furchtbar
neugierig, und der andere eitel und aufgeblasen wie ein Pfau, denn mir
kam's vor, als zeigte ich dem Mädel meine eigenen Schätze und sei eine
Stunde lang wirklicher Alleinherrscher im Wunderland der Apotheke.
Klein-Daisy trank sechs Limonaden mit Gefrorenem, glaub' ich, beguckte
erschrocken die Glasdose mit klebrigzäher brauner Opiummasse, von der
ich ihr erzählte, daß man mit ihr das halbe Texasstädtchen vergiften
könnte, und steckte ihr Näschen in alle Schubladen. Ein Gekicher und ein
Geflüster! War's ein Zufall oder war es nun ein besonders boshaftes
kleines Teufelchen, das mir den Gedanken an Wohlgerüche eingab -- ich
nahm eine Parfümflasche vom Gestell und bespritzte das lachende Mädel
mit einem Schauer Veilchendufts --
»Süß -- einfach süß, du guter Junge!« jubelte Daisy. »Gib' doch
her!« Und im gleichen Augenblick hatte sie mir auch schon das golden
etikettierte Flakon entrissen, drehte es hin und her in den Händchen,
probierte und probierte.
Da -- ein scharfes metallisches Knipsen -- ein jähes Aufflammen
elektrischen Lichts -- und rot und imponierend, elegant wie immer stand
der Herr Apotheker Mr. Mindus in der Türe. Er schüttelte den gewaltigen
Kopf langsam von einer Seite zur andern und betrachtete sich mit
Kenneraugen die Bescherung.
»Is' ja reizend! Guten Abend!!« sprudelte er endlich hervor.
»Guten Abend!« sagte Daisy höflich. Ich aber stand da, erstarrt wie
weiland Frau Lot.
»Wollten Sie sich so spät noch Parfüm kaufen, mein Fräulein?« fragte
Mr. Mindus eisig.
»Ach nein, ich hab' nur ein bißchen gerochen,« lächelte sie.
»Und mein bestes französisches Violet auch noch! Es ist doch
unerhört ...«
Mich hätte man totschlagen können, aber kein einziges Wörtchen hätte ich
hervorgebracht. Mir grauste einfach. Auch in Daisy schien eine Ahnung
aufzudämmern, daß die Situation aller Gemütlichkeit entbehre.
»Ich glaub', ich könnte jetzt eigentlich gehen,« sagte sie.
»Meinen Sie wirklich, mein Fräulein?« brummte der Apotheker. »Nun,
wie Sie meinen. Allerdings möchte ich mich gerne mit meinem Angestellten
privatim unterhalten!«
»Guten Abend!« sagte Klein-Daisy, guckte mich bedauernd an und hüpfte
hinaus. In der Türe drehte sie sich noch einmal um:
»Es war ja alles nur Scherz!«
»Ganz richtig, mein Fräulein,« war Mr. Mindus' eisigkühle Antwort.
»Und nun,« zu mir gewandt, »wollen wir uns ernsthaft unterhalten,
wenn es Ihnen gefällig ist. Dieser Laden ist eine Apotheke, wenn Sie es
noch nicht wissen sollten. Meine Geduld ist _finished_, -- aus, zu Ende:
Sie sind entlassen!«
Ich sah ihn verständnislos an.
»Auf der Stelle entlassen! Sie sind ein Luftibus. Was wissen Sie von
dem Mädel, heh? Wenn sie nun irgend ein Gift gestohlen und das größte
Unglück damit angerichtet hätte, heh? Von der moralischen Seite der
Sache will ich ganz absehen, obgleich -- Sie sind neunzehn Jahre alt,
nicht wahr? Es ist doch unglaublich!«
»Aber --«
»Sie sind ein Luftibus. Ich habe Sie schon längst beobachtet. Well, Sie
waren fleißig und mehr als willig, aber Sie haben gar keinen Begriff,
was ein Angestellter eigentlich ist. Sie verkaufen drauf los, ohne zu
fragen -- und ich wette, hundertmal, nein, tausendmal haben Sie Sachen
zu billig verkauft, weil Sie nicht erst lange fragen wollten. Wenn Sie
sich jetzt auch noch Mädels in den Kopf setzen, hab' ich keinen ruhigen
Moment mehr. So, nun gehen Sie ins Bett. Morgen werden wir weiter sehen.
Es -- ist -- doch -- unglaublich!«
* * * * *
Mr. Jimmy Hawkins kam nach Hause.
»Hello! Mr. Mindus war soeben da.«
»Der Alte!« schrie Mr. Jimmy entsetzt. »Großer Cäsar -- haben Sie ihm
gesagt, daß ich furchtbare Kopfschmerzen gehabt hätte und nur ein
bißchen -- --«
Da erzählte ich ihm die Tragödie, und der gefühllose Mensch lachte sich
beinahe tot. Mir war gar nicht lächerlich zumute.
»Und nun hören Sie einmal!« sagte ich. »Mein Gehalt hab' ich erst
gestern bekommen und entlassen bin ich auch. Ich hab' nicht die
geringste Lust, morgen früh auszuwandern, wenn der Laden gesteckt voll
ist, und mich auslachen zu lassen. Wollen Sie mir helfen, meinen Koffer
zu Gus Meyer hinüberzutragen? Mit dem Packen bin ich in einer halben
Stunde fertig.«
Jawohl, das wollte er.
Bei Gus Meyer im Hinterstübchen regierte, halb Wirt, halb Kellner, mein
Freund Starkenbach, bei dem ich hie und da in den späten Abendstunden
ein Glas Bier getrunken und nebenbei sehr viel über amerikanische Dinge
gelernt hatte. Im heiligen Köln war er Leutnant gewesen und hatte um
eines Mädels willen den bunten Rock ausgezogen. Die Frau
Schwiegermutter, eine verwitwete Hopfenfirma, machte ein scheel Gesicht
und dressierte den Exleutnant und Ehemann zum Hopfenreisenden; sie
schickte ihn nach Holland, da und dort hin, und jammerte ohn' Unterlaß
über seine schauderhaften Spesenrechnungen. Ein groß Gezänk herrschte,
bis eines schönen Tages das leichtsinnige junge Ehepaar nach Amerika
durchbrannte. Starkenbach kannte jeden Staat und jede größere Stadt der
Vereinigten Staaten. Es war ihm bitterhart gegangen, aber er war lustig
geblieben, er und sein Frauchen, die mich zu meinem Entsetzen immer Bubi
nannte. Im Texasstädtchen sparte er sich als rechte Hand Gus Meyers
langsam aber sicher ein Vermögen zusammen.
Er machte ein verdutztes Gesicht, als ich den Koffer hineinschleppte.
Und ich erzählte vom Mädel und vom Apotheker, und er holte seine Frau
aus der Küche, und beide zusammen lachten wie nicht gescheit.
Dann wurde Starkenbach ernst:
»Aber nun wollen wir doch einmal überlegen. Sehr viele Leute in Brenham
würden Ihnen wahrscheinlich Arbeit geben, aber nur deshalb, weil Sie
eine spottbillige Arbeitskraft sind, und nur unter der Voraussetzung,
daß Sie sich mit ein paar Dollars im Monat begnügen. Das ist nichts für
Sie. Sie könnten noch zwei Jahre hierbleiben und um keinen Schritt
weiterkommen. Nein, ich würde Ihnen raten, in eine große Stadt zu gehen
und einmal gründlich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie sind fast neun
Monate hier, wissen etwas vom amerikanischen Leben -- ein wenig! -- und
sprechen gut Englisch. Sie haben arbeiten gelernt. Das wenigstens haben
Sie profitiert. Sie sind also nicht mehr so hilflos wie zuerst. Ich
würde entschieden nicht in Brenham bleiben an Ihrer Stelle. Um
Gotteswillen nicht in einem kleinen Nest sitzen bleiben in diesem Land!
In großen Städten pulsiert das Leben --«
»In großen Städten wohnt der Hunger!« lächelte seine Frau traurig.
»Der Hunger wohnt überall. Hier müssen Sie mit den Händen arbeiten;
dort -- in einer großen Stadt -- können Sie vielleicht mit dem Kopf
arbeiten. Sie sehen, Sie lernen, Sie haben Gelegenheiten. Jawohl, ich
rate Ihnen, sich schleunigst aus Brenham fortzumachen!«
»Und wohin?« fragte ich, schon halb und halb überzeugt, nein, beinahe
schon begeistert.
»Irgendwohin. Chicago, Kansas City, St. Louis -- sagen wir St. Louis.
Es ist am nächsten, keine tausend Meilen weit weg. Die rührigste Stadt
des Mittelwestens, nach Chicago. Und wenn Sie dort sind, dann reden Sie
einfach! Rennen Sie einen Wolkenkratzer nach dem andern ab, verlangen
Sie in jedem Bureau den Geschäftsinhaber selbst zu sprechen, erzählen
Sie den Leuten, was Sie sind und was Sie können. Reden Sie! Sie können
die Menschen interessieren, wenn Sie nur wollen, denn Sie haben etwas
gelernt und gute Manieren. Reden Sie! Man wird Ihnen Ratschläge geben,
wenn auch nur, um Sie loszuwerden; man wird Sie hierhin und dorthin
schicken. Es wird sich etwas finden!«
»Ich tu's!« rief ich. Eine Vision von einer ungeheuren Stadt stieg vor
mir empor -- eilende Menschen -- hastendes Leben -- Tausende von
Möglichkeiten ...
»Sie haben recht! Was kostet die Fahrt?«
»Wieviel Geld haben Sie?«
»Zwanzig Dollars.«
»Viel zu wenig,« murmelte Starkenbach. »Hm, man kann das aber so
machen, und man kann es auch anders machen. Billy!«
Der einsame Gast stand langsam auf und trat zu uns an die Bar. Aus
seinem scharfgeschnittenen Amerikanergesicht leuchteten durchdringende
graublaue Augen; so klar, so abgrundtief, daß man unwillkürlich immer
wieder in diese Augen schauen mußte. Er trug einen dunkelblauen Anzug,
weiches blaues Flanellhemd, weit in den Nacken zurückgeschobene Mütze.
Starkenbach sprach nun englisch. »_Well_, Billy, wie kommt man am
billigsten nach St. Louis?«