Bruder Leichtfuß fand den Wegweiser nicht --

Tag für Tag war ich in der backofenheißen Inselstadt umhergewandert, im

Hafengetriebe, in menschenwimmelnden Hauptstraßen, staunend, starrend,

und wurde mit jedem Tag verwirrter, hilfloser. Frau Logika dozierte mit

sonnenklarer Deutlichkeit, daß etwas geschehen müsse, irgend etwas, denn

selbst Bruder Leichtfuß (der seelenruhig im besten und teuersten Hotel

Galvestons wohnen blieb) erkannte die große Wahrheit, daß das Leben Geld

kostet. Und das Geld schwand dahin und bald würd' mir's ergehen wie dem

armen Mann im schwarzen Walfisch zu Askalon.

Den Wegweiser finden -- den Wegweiser ...

Stundenlang jeden Tag stöberte ich im Hotelvestibül den Anzeigenteil der

Zeitungen durch. Da wurden Schneider verlangt, und nach Schustern war

rege Nachfrage, und um Bäckergesellen schien man sich zu reißen; aber

irgend eine Stellung, die ~ich~ hätte ausfüllen können, stand niemals in

der Zeitung. Mehr als einmal dachte ich: Wärst du nur ein Schuster oder

doch wenigstens ein Schneider! Keinen Pfennig schienen mein Latein und

mein Griechisch und die ganze humanistische Bildung in dieser Texasstadt

wert zu sein. Herrgott, man konnte doch nicht wildfremde Menschen

fragen, ob sie vielleicht etwas für einen zu tun hätten! Wie machte man

es? Stundenlang quälte ich mich mit der Abfassung eines Stellengesuches.

Gebildeter junger Deutscher sucht -- -- Ja, was denn eigentlich? Was

konnte ich denn leisten?

Da kam die große Idee. Das deutsche Reich unterhielt in den großen

Städten des Auslandes deutsche Konsuln, um deutschen Reichsangehörigen

mit Rat und Tat beizustehen. Natürlich! Dorthin mußte ich gehen und dort

würde mir geholfen werden! Ich ließ mir im Hotel die Adresse geben und

rannte spornstreichs nach dem Konsulat, drückte ganz aufgeregt vor

Freude auf die Türklinke und --

»Können Se nich' anklopfen?« schrie mir eine Stimme entgegen.

In einem kahlen Raum mit zwei gelbangestrichenen Stehpulten, den Bildern

des Kaisers und der Kaiserin und einer riesigen Holzbarriere saß auf

hohem Drehstuhl ein Mann, der mich wutentbrannt über seine Brille

hinweg anfunkelte. Hinter seinen beiden Ohren steckten Federhalter.

»Was wollen Se?«

»Ich wünsche, den deutschen Konsul zu sprechen.«

»Is' nich' da. Un' überhaupt -- sagen Se nur, was Se wollen. Ich bin

der Kanzleichef.«

Da genierte ich mich gewaltig und wußte nicht recht, wie ich's anstellen

sollte.

»Ich bin soeben erst aus Deutschland angekommen und --«

»Nu ja und was wollen Se hier?«

Die Frage verblüffte mich. »Ich weiß eben nicht ... ich möchte Rat

erbitten --«

Der Kanzleichef kletterte von seinem hohen Sitz herab und stellte sich

vor mich hin.

»So? So--oh? Haben Se Papiere?«

Mein deutscher Reichspaß machte den Gestrengen um eine Nuance

freundlicher.

»Na, und?«

In meiner Verlegenheit tappte ich sofort in _medias res_ hinein. »Ja,

ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Rat geben könnten. Ich

habe nämlich nur noch sehr wenig Geld und --«

Da gab sich der Kanzleichef einen förmlichen Ruck. In strenger

Mißbilligung glotzten mich die brillenbewehrten Äuglein an, und

schnarrend, schnell, als ob er Auswendiggelerntes herunterleiere, sagte

er:

»Der Deutsche, der nach Amerika kommt, hätte erstens lieber in

Deutschland bleiben sollen. Zweitens kann das deutsche Konsulat ihm

keine Arbeit verschaffen, denn es hat keinen Einfluß auf

den Arbeitsmarkt und muß als Behörde es ablehnen, sich mit

Arbeitsvermittlung zu beschäftigen!«

»Aber --«

»Drittens verfügt das Konsulat über keinerlei Mittel zu

Unterstützungszwecken. Tja -- wenn Sie kein Geld mehr haben, können Se

wiederkommen und 'ne Karte an den deutschen Verein haben. Dort kriegen

Se 'n Vierteldollar und 'n Mahlzeitticket.«

»Herr -- seh' ich so aus?« sagte ich wütend. Mir war, als müßte ich in

den Boden sinken. Dieser Mann war ein Barbar, ein Prolet, ein -- --

»Tja -- das kann man nich' wissen!«

Er grinste mich an und ich starrte ihn an.

»Wollen Se sonst noch was wissen?«

»Herr, ich bin humanistisch gebildet!« schrie ich, knallte die Tür zu

und stolperte die Treppenstufen hinunter. Ein Hohngelächter gellte mir

nach. Mit zornrotem Kopf lief ich die Straße entlang. Dem Konsul würde

ich schreiben und ihm gründlich meine Meinung über das Betragen seines

Kanzleichefs sagen! Meinem Vater würde ich schreiben und ihn bitten,

sich beim bayerischen Ministerium zu beschweren und --

Herrgott, was anfangen!

Heute war Wochenende, und nach Bezahlung der Wochenrechnung im Hotel

würde mir wahrscheinlich kein Geld mehr übrig bleiben. Was tun -- was

tun? Ich nahm mir vor, aus dem Adreßbuch deutschklingende Namen von

Kaufleuten herauszuschreiben und die um Rat zu bitten, so schwer's auch

sein würde. Irgend etwas mußte sich doch finden ... Wenn sich aber

nichts fand! Wenn ich da stand ohne Geld? Bittere Gedanken stiegen in

mir auf und formten sich zu bitteren Vorwürfen. Trotz allem und trotz

allem -- war es recht gewesen, daß man mich aufs Geratewohl

hinausgeschickt hatte in die weite Welt? Und auf einmal kam mir in

meiner Verzweiflung der Gedanke, daß das Geld in meiner Tasche das

einzige Bindeglied zwischen mir und der Hilfe in der Heimat war. Heute

konnte ich noch telegraphieren, morgen würde ich das Geld für das

Kabeltelegramm nicht mehr haben ...

Ich ging aufs Telegraphenamt. Auf einer Fensterbank in einem stillen

Winkel beschrieb ich ein Formular nach dem andern, nur um eines nach dem

anderen zu zerreißen. »Sofort Kabelgeld.« Nein, so war's nicht

richtig; einen Grund wenigstens mußte man angeben, kurz und klar, denn

natürlich kostete jedes Wort viel Geld. »Hilflos, erbitte Kabelgeld.«

Dieses Formular zerriß ich schnell, kaum geschrieben, so schämte ich

mich vor mir selber. Hilflos. Wie das klang. Nein: »Bitte hundert

Dollars Hotel City Galveston, da Arbeitssuche noch erfolglos.« Wieder

zögerte ich. Ich stellte mir vor, wie das Dienstmädchen das Telegramm

ins Wohnzimmer bringen würde -- Ich bildete mir ein, mein Vater würde

die Achseln zucken und irgend etwas Scharfes, Häßliches sagen, und meine

Mutter würde bitten ... Wenn ich meiner Mutter kabelte? »Noch erfolglos

schlimm daran schnell hundert Dollars Hotel City Galveston.« Hundert

Dollars waren freilich sehr viel Geld und --

»Nein!« sagte ich auf einmal, so laut, daß vorbeigehende Herren mich

neugierig anstarrten.

Nein!

Mochte es gehen wie es wollte. Ganz recht hatten sie da drüben im

geliebten alten München -- hatten Kummer und Sorgen genug gehabt mit

mir. War weiter nichts als verdammte Anstandspflicht, sie mit meinen

Affären nicht mehr zu behelligen.

* * * * *

Die Wochenrechnung war fällig. Die Wochenrechnung, die mein letztes Geld

verschlang. Der Mann im Hotelbureau strich gleichgültig Banknoten und

Silber ein und fragte mich ebenso gleichgültig, ob ich irgend welche

besonderen Wünsche hätte und ob ich noch längere Zeit zu bleiben

gedächte.

»Weiß noch nicht,« sagte ich.

Ich setzte mich auf einen der Rohrstühle im Rauchzimmer, paffte eine

Zigarette und befühlte verstohlen den harten Silberdollar in meiner

Westentasche. Das war mir übrig geblieben -- ~ein~ Dollar. Ein einziges

Silberstück stand zwischen mir und dem Nichts. Ich biß die Zähne

zusammen und versuchte, nachzudenken. Es war etwa drei Uhr nachmittags.

Zuerst mußt du deine Uhr und ein paar Anzüge versetzen oder verkaufen,

sagte ich mir. In Amerika wird's wohl auch Leihhäuser geben. Aus dem

Hotel mußte ich noch heute fort, natürlich; irgendwo mußte man doch

billiger wohnen können. Ich beschloß, einen Polizisten darüber zu

befragen. Und dann mußte ich Arbeit suchen, mußte Arbeit finden, sonst

-- Daran zu denken, an das andere, an das, was geschah, wenn ich keine

Arbeit fand, wagte ich nicht. Ich kam mir so verlassen vor, so hilflos,

so -- --

Da sprach mich ein Herr an, der neben mir saß, weit zurückgelehnt im

Schaukelstuhl mit übergeschlagenen Beinen. Den schneeweißen Filzhut mit

riesiger Krämpe hatte er weit in den Nacken geschoben, und die schlanke

Gestalt umschlotterte ein bequemer Anzug aus dünner Rohseide.

Scharfgeschnittenes Gesicht. Lustig blinzelnde Augen. Es sei furchtbar

heiß heute. Ob ich die Hitze nicht vertragen könne? Ich sähe miserabel

aus. Ob ich mich nicht wohl fühlte?

»Nein. Ja. Doch!« stotterte ich verwirrt.

»_Well_, sollten einen Whisky nehmen! Feine Sache, so 'n kleiner

Whisky, wenn man nicht ganz _allright_ ist. Kommen Sie mit mir zur Bar!

-- So! Mann, vorhin sahen Sie ja kreideweiß aus. Besser jetzt?«

»Ja, danke,« murmelte ich.

»_And that's allright_,« lächelte der Texaner, sich bequem gegen die

Bar lehnend. »Sie sind frisch von drüben? Ja? Kam mir nämlich so vor.

Mein Vater ist auch von Deutschland nach Texas gekommen. Hm ja, ich

spreche aber lieber englisch. Was wollen Sie hier beginnen?«

»Das weiß ich eben nicht!« platzte ich heraus.

»Kann ich mir denken!« meinte er. Er sah mich nachdenklich an und

kaute an seiner Zigarre. »_Well_, lassen Sie uns wieder ins Rauchzimmer

gehen, wenn's Ihnen recht ist. Bißchen plaudern. Ja?«

Wir setzten uns in die weichen Rohrstühle, ich und der erste Mensch in

dieser Texasstadt, der sich um mich kümmerte.

»_Well_ -- und wie gefällt's Ihnen im guten alten Texas?«

»Gar nicht!« stöhnte ich.

Da lachte er auf und schlug sich aufs Knie. »Mann, erzählen Sie 'mal,

wenn Sie wollen. Will mich ja nicht aufdrängen. Würd' Ihnen aber gerne

einen Rat geben.«

Bruder Leichtfuß ließ sich nicht lange nötigen in seinem Jammer und

sprudelte hervor, wie schlecht es ihm ginge und wie erbärmlich er daran

sei.

»Ist nichts dabei. Gar nicht schlimm!« sagte der Texaner gleichmütig,

als ich geendet hatte. Und dann brach er auf einmal in schallendes

Gelächter aus.

»Hoh -- Sie haben also wirklich kein Geld mehr?«

»N--nein!«

»Und dann wohnen Sie im besten Hotel!« Er lachte Tränen.

»Ich will heute noch ausziehen.«

»Wohin denn? Ohne Geld?«

»Ich muß eben Sachen versetzen.«

»Ach so!« Er lachte und lachte.

»Was soll ich denn sonst anfangen?«

Der Texaner zündete sich umständlich eine neue Zigarre an. »Unsinn!«

sagte er. »Bessere Männer als Sie sind schon ohne Geld dagesessen. Is'

nix dabei. Müssen eben arbeiten. Das bißchen Geld zum Leben verdienen

kann jedes Kind. Was können Sie denn eigentlich?«

Da sprudelte ich mein ganzes bißchen Lebenslauf hervor.

»Schwierig!« sagte er. »Sehr schwierig. Aber auch für den dicksten

Baum ist eine Axt gewachsen. Ich glaub' nicht, daß Galveston etwas für

Sie ist. Hier drängt sich alles zusammen. Hm ja, Sie sind also grasgrün

im Land, sind Ihr Leben lang auf Schulbänken gesessen, und haben noch

nie 'was gearbeitet. Wollen Sie denn arbeiten -- irgend etwas?«

»Natürlich!«

»Sicher? Irgendwelche Arbeit?«

»Alles!«

»Na, dann kommen Sie mit auf unsere Farm!«

Ich ließ mich in den Stuhl zurückfallen und schnappte förmlich nach

Luft. Siedendheiß lief es mir über den Körper. Ich konnte kaum sprechen.

»Auf Ihre Farm?« stotterte ich. »Sprechen Sie -- sprechen Sie im

Ernst?«

»Selbstverständlich.«

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken -- --«

»Unsinn, Mann. Ist ein ganz einfaches Geschäft. Sie sind jung und Sie

sind stark und Sie können ganz zweifellos arbeiten, wenn Sie wollen. Der

"alte Mann" und ich haben alle Hände voll Arbeit auf der Farm. Weiße

Männer sind selten und teuer in der Erntezeit, und die Neger hier unten

sind die faulsten Stricke auf der ganzen Gotteswelt. Abgemacht? _And

that's allright!_« Und er streckte mir die Rechte zum Handschlag

hin.

Stundenlang konnte ich nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich sah mich

auf galoppierendem Pferd dahinjagen -- sah mich arbeiten draußen in

frischer Luft -- sah mich als freien Mann, der durch seiner Hände Arbeit

sein Brot verdiente ... Der Texaner hieß Charles Muchow. Die Farm seines

Vaters lag hundert Meilen nördlich von Galveston, bei dem Städtchen

Brenham, und morgen schon wollte er die Rückreise antreten, ich mit ihm.

Er hatte einen neuen Farmwagen und einen Rotationspflug in Galveston

gekauft. Wie's mir wohl ergangen wäre, wenn nicht der Zufall mich mit

ihm zusammengeführt hätte? Jetzt hatten die Sorgen ein Ende und das neue

Leben begann. Vom ersten Augenblick an hatte mir der junge Texaner mit

seinem merkwürdigen Selbstbewußtsein und der unerschütterlichen Ruhe

gefallen, und während der langen Abendstunden im Rauchzimmer waren wir

beinahe Freunde geworden. Er nannte mich Ed, ich nannte ihn Charley.

»Das Mistern ist nicht Mode in Texas,« hatte er gesagt, »und Ihr

gesegneter Name ist zu vertrackt. Sagen wir Ed. Kurz und klar -- einfach

Ed!«

Früh am nächsten Morgen weckte er mich, und nach dem Frühstück ging's

zum Bahnhof der Santa Fé Eisenbahn. Die Wagen unseres Zuges

trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Express_

-- Einsamer-Stern-Expreß. Wir stiegen ein. Ein weicher Teppich bedeckte

den Boden, und statt Bänken oder Polstersitzen standen in langen

Reihen, je zwei und zwei nebeneinander, bequeme Lehnstühle mit weichen

Ledersitzen, die sich in alle möglichen Lagen zurechtschrauben ließen.

Auf den Rücken der Stühle vor uns waren kleine Flaggen mit einem Stern

in der Ecke eingepreßt, und darunter stand wieder in Goldbuchstaben

»_Lone Star Express_«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten

den Deckenschmuck des Wagens; überall, an den Wänden, an den Türen

prangte die Flagge mit dem einsamen Stern -- das Wahrzeichen des Staates

Texas.

Der Expreß jagte dahin. Zwischen weiten, weißglänzenden Flächen. Aus

tiefblauem Himmel brannte die Sonne, drückend heiß schon, trotz des

frühen Morgens. Unübersehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich

die ungeheuren Massen von tiefem Grün; Gebüsch, Sträucher, in

schnurgeraden endlosen Reihen, dazwischen in feinen Strichen die

schwarze Erde. Über dem massigen Grün lag es wie frisch gefallener

Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberleuchtenden

Schneebällen. Wie Silberfäden und Spinngewebe breitete sich die weiße

Schönheit über das ganze Land.

Wir fuhren durch das Reich des Königs Baumwolle.

Im Reich des Königs Baumwolle.

Das Städtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr. Muchow

Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer beim König

Baumwolle. -- In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen

... -- Baumwollpflücken und Baumwollmühle. -- Die Reklamereiter.

-- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub. -- Wie aus dem Wald das Feld

wurde. -- Der Neger. -- Die amerikanische Krankheit des

Wandertriebs.

»Brenham!« riefen die Kondukteure.

Wir schritten durch tiefen weichen Sand. Da und dort standen Schuppen,

bald aus rohen Brettern, bald aus grauem Rollblech; dazwischen

Lagerplätze, angefüllt mit Bretterhaufen und Kohlen und langen Reihen

von Fässern. Vor uns zeichnete ein rotes Gebäude aus nackten

Ziegelsteinen sich scharf gegen den blauen Himmel ab, inmitten eines

weiten Straßenvierecks von Häusern aus Holz, die von Farben flammten. An

allen Wänden waren Inschriften in Rot und Gelb und Grün und Weiß,

Reklame in Worten, in Bildern; von den Dächern flatterten Fahnen mit den

Namen von Firmen neben Sternenbannern. Bunt, schreiend, grell war das

Bild. Reiter auf galoppierenden Pferden jagten über den Sandboden vor

den Häusern, Männer in farbigen Hemden, rote und blaue Tücher um den

Hals geschlungen, den Sombrero im Nacken. Zwischen ihnen fuhren in

scharfem Trab leichte zweirädrige Wägelchen. Pferde überall. Über dem

hölzernen Fußweg die Häuserreihen entlang lief, Haus mit Haus

verbindend, eine auf Holzpfosten erbaute Überdachung, eine Art Loggia,

ein Wandelgang. An den Pfosten waren Hunderte von Pferden angebunden,

fertig gesattelt. Aus Sand und Holz und Farben und Pferden bestand das

Städtchen. Die sausenden Reiter, die Neger, die da herumstanden, die

grellen Farben, das Hasten und Jagen -- mir war, als stünde ich vor dem

Tor einer Wunderwelt.

»Müssen zuerst nach Robert Brothers,« sagte Charley. »Dort wird der

alte Mann sein.«

Die Herren Gebrüder Robert hausten in einem Laden im Wandelgang. Auf

schmutzigem rohem Bretterboden und an verwahrlosten Wänden standen und

hingen Tausende der verschiedensten Dinge; Haufen von Pflügen, Sätteln,

Wolldecken, Schaufeln, Kleidern, Pyramiden von Hüten. Silberverziertes

Zaumzeug bedeckte den Boden. Fässer mit Mehl, Kisten mit Tabak, Säcke

mit Zucker und Salz standen überall herum. Auf dem Handgriff eines

Pfluges balanzierte mit verlockender Grandezza ein Seidenhut, und

zwischen allerlei Lederzeug waren Revolver und Gewehre achtlos

hingeworfen; auf einem Whiskyfaß prangte ein pompös befederter Damenhut,

und in einer Schachtel teilten sich Patronen den Raum mit friedlichen

Biskuits. Und überall, wo nur ein Plätzchen frei war, hockten auf

Fässern und Kisten Männer mit Pfeifen zwischen den Zähnen und Gläsern

mit Bier in den Fäusten.

»Hello!« sagte Charley. »Da ist er ja!« Er schritt auf einen Winkel

zu.

»Guten Tag, Vater!«

»Guten Tag, Charley,« sagte eine Gestalt in derbem blauem Leinen.

»Deinen alten Vater haben sie beim Würfeln so hereingelegt, daß er für

die ganze Gesellschaft die _drinks_ bezahlen mußte. Kein Narr ist so

schlimm wie ein alter Narr, mein Junge!«

»Wie du meinst, Vater. Dies ist ein junger Deutscher. Heißt Ed. Freund

von mir.«

»Verdammt angenehm!« sagte der Alte.

»Er kommt mit uns auf die Farm.«

»Wie du meinst, Charley,« antwortete der Alte. »Frisch von drüben,

nicht? _Well -- well ..._ Kauf' ihm, was er braucht, Charley. Was ich

noch sagen wollte, die Mexikaner mit den Ponys sind da, und ich hab' um

einen Schimmel gehandelt. Wollen nachher hinfahren.«

Der alte Mann mit dem struppigen grauen Bart blinzelte mir vergnügt zu.

Ich stand da, schüchtern wie ein kleiner Junge, und sagte kein Wort. Und

ließ mich von einem Warenhaufen zum andern zerren, ließ mir einen

breitrandigen grauen Sombrero mit silberbeschlagenem ledernem Hutband

kaufen, blaue baumwollene Arbeitskleider, derbe Stiefel und lederne

Reitgamaschen, eine Pfeife und einige Päckchen Tabak.

Dann half ich, unsere Koffer auf den grünen Farmwagen packen und

kletterte ungeschickt auf den Wagensitz neben den alten Muchow. Die

beiden Maultiere spitzten die langen Ohren, streckten die

glattgeschorenen Schwänze mit den komischen Haarbüscheln an den Enden

kerzengerade in die Höhe, und los ging es. Wir sausten die Häuserreihen

entlang, bogen um eine Ecke und hielten mit einem Ruck vor einem

winzigen hölzernen Kirchlein. Hunderte von Pferden tummelten sich auf

dem großen freien Sandplatz neben der Kirche, in drängender Masse, in

buntfarbigem Knäuel, fortwährend umkreist von Reitern in gestrickten

Jacken und spitzigen zuckerhutförmigen Hüten, die mit gellenden Zurufen

und knallenden Peitschenhieben die Tiere zusammengedrängt hielten.

Keines der Pferde stand ruhig; sie galoppierten durcheinander, wieherten

und bissen sich.

»Die weiße Stute dort in der Ecke!« sagte der alte Muchow. »Dreißig

Dollars!«

Ein Mexikaner, der zu uns herangeritten war, nickte, gab seinem Gaul die

Sporen und sauste in den Pferdeknäuel hinein. Rechts und links stoben

die Tiere auseinander. Nun hatte er den Schimmel erreicht, der den Kopf

hochwarf, mit einem gewaltigen Satz durch die Reihen der Pferde brach

und in sausendem Galopp auf uns zujagte. Charley saß ruhig auf seinem

Fuchs und schwang in immer größer werdenden Kreisen den Lasso. Die

Schlinge zischte durch die Luft, fiel über den Hals des Pferdes, spannte

sich. Ein scharfer Ruck, und wie vom Blitz getroffen, brach der Schimmel

zusammen. Im Nu waren Charley und der Mexikaner über ihn her, legten ihm

einen dicken Strick in kunstvollen Schlingen über Hals und Maul, banden

das andere Ende des Strickes an den Wagen und --

»Fahr zu, Vater!« schrie Charley. »So schnell du kannst. Wir haben

ihn!«

Die Peitsche klatschte auf die Maultiere, der Schimmel wurde

emporgerissen, und in tollem Jagen ging es vorwärts. Das verängstigte

Tier stürmte gegen den Wagen an, aber da war Charley schon neben ihm,

und in schweren Schlägen sauste die Peitsche auf den Schimmel nieder. Er

schreckte zusammen, machte einen jähen Satz zur Seite, wurde wieder

fortgerissen durch den Strick, der ihm das Maul zusammenschnürte. Immer

wieder wehrte er sich und immer wieder siegte der winzige Knoten über

die riesige Kraft des Tieres.

Brenham lag hinter uns. Da und dort tauchten noch vereinzelte Holzhütten

auf, auf einsamen sandigen Strecken. Dann kam Wald, dann kamen grüne

Felderstrecken, dann wieder Sand, dann ging's durch einen Bach, daß das

Wasser hoch aufspritzte. Der alte Mann stand hochaufgerichtet vorne im

Wagen, die Pfeife zwischen den Zähnen, und peitschte auf die Maultiere

ein; Charley galoppierte neben dem Schimmel her und drängte ihn

vorwärts, wenn er sich sträuben wollte; ich war nach hinten geklettert

und scheuchte mit fuchtelnden Armen und geschwungenem Hut das Pferd

zurück, wenn es in seiner Angst auf den Wagen einstürmte. Ich war toll

vor Aufregung, sah nichts, hörte nichts, hatte nur Augen für den Kampf

mit der wilden Kreatur, die immer wieder zerrte und sich aufbäumte und

fortgerissen wurde und mit weißem Schaum bedeckt war. Mir war, als

seien nur Minuten vergangen, als wir vor einem Drahtzaun so jäh

anhielten, daß ich gegen die Wand geschleudert wurde. Als ich

heruntersprang, hatte Charley schon den langen Strick vom Wagen gelöst

und um einen Baum geschlungen. Das weiße Pferd stand zitternd still und

starrte uns aus erschreckten Augen an.

»Und das ist _allright_!« sagte Charley. »Ed, Sie haben geschrieen,

als ob Sie am Spieße stäken!«

Inmitten des Drahtzauns waren Gebäude aus Holz; ein Wohnhaus mit einer

breiten Veranda, Ställe, an einer Seite offen, in denen Pferde und

Maultiere standen, ein paar Hütten. Ein Neger eilte herbei, öffnete ein

Tor aus Rahmenwerk und Stacheldraht und führte den Wagen hinein. Eine

alte Frau und zwei Mädchen kamen. Wir gingen ins Haus, setzten uns an

einen Tisch in einem Zimmer, an dessen Wänden Gewehre und Lederzeug

hingen, und aßen. Gekochten Speck gab es und Maisbrot und gebackene

Süßkartoffeln, deren gelbes Fleisch genau so schmeckte wie Kastanien.

Beim Essen wurde ausgemacht, daß ich alles frei haben sollte und

fünfzehn Dollars im Monat.

Wir gingen in den Hof. Charley betrachtete nachdenklich den Schimmel,

der an seinem Strick zerrte.

»Ich reit' ihn doch!« brummte er. »Eigentlich sollte er über Nacht an

dem Baum angebunden bleiben und nichts zu fressen und nichts zu saufen

bekommen. Dann wär' er morgen mürbe. Aber das ist eine Schinderei. Ich

will ihn schon kriegen. Sie können mitreiten, wenn Sie wollen.«

Ob ich wollte!

Jim der Neger sattelte mir ein Pferd. Während ich aufsaß, warfen er und

der alte Muchow dem Schimmel Leinen um die Füße und hielten sie straff

gespannt. Das Tier konnte sich nicht rühren. Charley trat vorsichtig

heran, legte ihm Decke und Sattel auf und schnürte die Gurte mit aller

Kraft zusammen. Dann sprang er selbst auf. Die Leinen wurden losgelassen

und der Strick um den Hals des Pferdes durch einen raschen Schnitt

gelöst. Zitternd stand es da. Mit einem Male machte es einen gewaltigen

Satz, drehte sich im Kreise, bockte, schüttelte sich. Aber der Reiter

auf seinem Rücken saß fest. Ein schallender Peitschenhieb. Und das Tier

brüllte auf und jagte davon -- mein Pferd im Galopp hinterdrein.

Beim ersten Sprung wäre ich fast aus dem Sattel geschleudert worden, und

ich hatte instinktiv mit beiden Fäusten in die Mähne gegriffen, ums

liebe Leben zupackend. Bald aber fühlte ich, daß ich breit und sicher

saß, merkte, daß das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte:

spürte in meinen Beinmuskeln, wie es sich dehnte und streckte. Langsam

beugte ich mich vor und drückte die Schenkel an. Da schoß Molly

vorwärts, dem weißen Flecken mit dem schwarzen Punkt da vorne nach.

Holtergepolter ging's über den Sandboden, in Grasland hinein, über grüne

Stauden hinweg, hinter dem weißen Flecken her, der größer und deutlicher

wurde und jetzt wieder erkennbar war als Mann und Pferd.

Das Grün der Felder flog vorbei, Grasboden kam wieder, dann Sand. Da sah

ich, daß der Mann vor mir sich mit aller Kraft in die Zügel legte, bis

der Schimmel herumflog und verzweifelt aufbäumte, sich im Kreis drehend.

Aber das harte Eisen in seinem Maul blieb erbarmungslos und -- neue

Schmach! -- Sporen wurden ihm in die Seiten gestoßen, und Peitschenhiebe

hagelten auf ihn nieder, Schlag auf Schlag ...

Noch wehrte sich der Schimmel. Während ihn das Eisen im Maul und die

Peitsche in großen Kreisen über den Sand trieb, duckte er mitten im

Jagen zur Seite, ballte sich zusammen wie eine Katze und sprang in die

Höhe. Der Sattelgurt hielt, der Mann blieb sitzen. Mehr Peitsche! Mehr

Sporen! Immer enger wurden die Kreise, die Schleifen. Dreimal, viermal

ging die tolle Jagd an mir vorbei. Mir schien es, als verlangsame sich

das sinnlose Dahinschießen, als gebe sich das Pferd geschlagen. Aber das

duldete der Mann auf seinem Rücken nicht. Unaufhörlich arbeitete seine

Peitsche.

Da brach mit einemmal das Pferd mitten im Lauf zusammen. Der Reiter

glitt leicht aus dem Sattel. Ich galoppierte hin. Da stand Charley zu

dem Schimmel hinabgebückt, und das Tier wieherte leise und rieb die

rosige Schnauze an seinem Ärmel und beschnupperte seine Hand. Mann und

Pferd waren schweißbedeckt und schmutzüberzogen; dem Pferd zitterten die

weißen Schaumflocken auf dem Leib -- auf des Mannes Gesicht lag der

Staub in dicker Kruste.

»Der Schimmel ist mein,« sagte Charley. »_Texas Girl_ soll die Stute

heißen, Texasmädel. Du bist ein gutes Pferd, Texasmädel, und ich denke,

wir beide brauchen die Peitsche nicht mehr.«

Er stand auf, und der Schimmel folgte ihm wie ein Hündchen.

Langsam gingen wir zurück. Es war Spätnachmittag, und die Sonne brannte

nicht mehr so heiß wie mittags in Brenham. Aber noch lag es wie

zitterndes Geflimmer in der drückenden Luft. Wir schritten auf weiter

Grasfläche. Vor uns streckten sich grüne Massen von Laubgebüsch mit

Millionen von weißen Flecken, die Baumwollenfelder. Das Land gehörte zum

größten Teil den Muchows. Fünf Zehntel waren mit Baumwolle bepflanzt,

ein Zehntel mit Mais, ein Zehntel mit Zuckerrohr. Der Rest war Gras und

Wald.

In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen, der alte Mann mit

den komisch schlotternden Hosen ein staatsstützender Agrarier, und

Charley ein Gardeleutnant!

Hier unten in Texas wohnte der Besitzer von fast zwei Quadratmeilen Land

in einem Holzhäuschen, das so aussah, als sei es in einem Tag

zusammengenagelt worden, und aß in Hemdärmeln Speck und Kartoffeln zum

Abendbrot.

In dem großen Zimmer, das als Wohnraum und Eßraum diente, stand auf

rohem Bretterboden ein kostbares Piano, und über dem Piano hingen

Tabakblätter zum Trocknen von der Decke herab -- vor einem

Schaukelstuhl aus Mahagoni lag ein Holzklotz als Fußschemel -- eine

zerbrochene Fensterscheibe war mit Papier zugeklebt; überall war die

gleiche merkwürdige Mischung von teuren Dingen und primitivstem

Behelfen. Das Haus hatte kein Fundament. Es war auf vier

Ziegelsteinpfeilern errichtet, einen Meter hoch vom Erdboden, und in der

Wohnstube konnte man hören, wie die Schweine unter dem Fußboden wühlten.

Draußen auf dem Hof standen, achtlos in einer Ecke zusammengeschoben,

landwirtschaftliche Maschinen, die Tausende wert sein mußten, ohne Dach

und Fach, ohne jeden Schutz vor der Witterung. Vierzehn Pferde hausten

in einem Schuppen, der an einer Seite offen war und vier Maultiere waren

einfach an einen Zaun angebunden. Und am gleichen Zaun hing Sattelzeug,

das von Silber strotzte ...

»_Well_, Sie müssen sich verdammt komisch vorkommen!« sagte der alte

Muchow, der Tränen gelacht hatte über Charleys Bericht von unserem

Zusammentreffen in Galveston. »Schadet aber nichts. Wird sich schon

machen. Arbeit schändet nicht, sag' ich. Wenn Sie erst 'mal ein bißchen

Amerikaner geworden sind, können Sie vielleicht 'was Gescheiteres tun,

als auf einer Farm zu arbeiten. Aber bei uns sind Sie willkommen. Sie

arbeiten mit Charley das, was Charley arbeitet und -- _well_, werden

schon auskommen.«

Ich schlief oben im Dachraum zusammen mit dem jungen Muchow, denn Raum

war knapp in dem Häuschen. Was ich alles träumte! Von Baumwollkönigen

und _Texas Girls_ und Sträuchern, auf denen weißes Silber wuchs, und

genialen jungen Deutschen, die wunderbar schnell reich wurden. Da störte

mich eine polternde Stimme in meinem Reichwerden.

»_Hello, boys!_«

* * * * *

Wir gingen in die Morgendämmerung hinaus, Säcke mit breiten Tragbändern

über den Schultern, wassergefüllte Tonkrüge in den Händen. Ein Stückchen

glühendroter Sonne war schon am Horizont zu sehen, und der feine weiße

Nebel über dem Meer von Grün zog sich langsam in die Höhe. In wenigen

Minuten hatten wir das Baumwollenfeld erreicht, das gepflückt werden

sollte. Der alte Farmer und die beiden Mädchen tauchten sofort in die

Buschreihen hinein.

»Du hängst dir den Sack um, so, daß du ihn neben dir herschleifst,«

erklärte Charley, »und dann pflückst du mit beiden Händen die Früchte

aus den Kapseln und steckst sie in den Sack. Und in zwei Stunden wird

dir der Rücken so weh tun, daß du meinst, mit deinem Rückgrat sei irgend

ein Malheur passiert. Aber das ist nur die Baumwollkrankheit und sie

hört auf, wenn du dich erst einmal an das Bücken gewöhnt hast.«

Er fing an einer Sträucherreihe zu pflücken an, ich an der nächsten.

Seine Arme arbeiteten wie Windmühlenflügel und seine Hände wühlten in

den Baumwollbüschen, zupfend, greifend, pflückend ... Wie feines,

schneeweißes Haar sahen die Silberknollen aus. Sie steckten in vier

zusammengewachsenen rundlichen Kapseln und ließen sich mit einem leisen

Griff herauszupfen, so, wie reife Eicheln leicht aus ihren Bechern

fallen. Dort, wo die Früchte aus den Kapseln herauswuchsen, waren sie

fest und hart; die von den Fäden ganz umsponnenen Samenkügelchen konnte

man deutlich fühlen. Aus dem festen Kern heraus aber quoll es

seidenweich, faustgroß, in runden Bällen, von denen zwischen breitem

Grün Dutzende und Aberdutzende an jedem der Sträucher saßen. Ich zupfte

und zupfte, doch Charley war schon weit voraus. Da kam der Eifer des

Wettbewerbs über mich. Mit flinken Fingern ging's in die weiße Pracht

hinein, die Bälle einheimsend, so schnell es nur gehen wollte. Ich hatte

nur Augen für meine Hände, die hastend vom Busch zum Sack und vom Sack

zum Busch flogen. Bald fing mein Rücken zu schmerzen an, denn die

Sträucher reichten einem nur bis zu den Schultern und man mußte

fortwährend in gebückter Stellung stehen.

»Ausleeren!« rief Charley.

Sein Vater und seine Schwestern waren herbeigekommen. Der Alte zog eine

primitive Federwage aus der Tasche und begann mit dem Wiegen.

»Charley, 25 Pfund.«

»Ich armer alter Mann: 23 Pfund.«

»Mary, 24 Pfund.«

»Lizzie, 22 Pfund.«

»Ed, 18 Pfund. Verdammt gut für einen Grünen.«

Ein Schluck Wasser aus den Tonkrügen, und dann ging's wieder in die

Buschreihen hinein. Die Stunden flogen dahin; Reihe auf Reihe wurde

abgepflückt, Sack auf Sack gewogen und ausgeschüttet, bis am Ende des

Feldes es sich auftürmte wie Hügel frischgefallenen Schnees. Immer

heißer wurde es. Der schwere Hut drückte auf meinen Schädel, das

Tragband schnitt in die Schultern ein, die Kleider schienen mir am Leibe

zu kleben; aber ich war so vergnügt wie schon lange nicht mehr, froh wie

ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. Beim Mittagessen aß ich

mehr, als ich je in meinem Leben gegessen hatte und am Abend war ich so

müde, daß mich die ganze Familie auslachte! Und am Abend des dritten

Tages schrieb ich einen begeisterten Brief an meine Eltern. Ich sei

Texasfarmer. Mir ginge es ausgezeichnet. Es sei wunderbar -- einfach

wunderbar ...

Die Neger kamen. Sie halfen pflücken und luden ihre Baumwolle auf dem

Farmhof ab. Denn ein großer Teil der Muchowschen Farm war an Neger

verpachtet, die Land und Werkzeug geliefert bekamen und dafür die Hälfte

der Ernte abliefern mußten. Sechs Familien waren es, Männer in

zerfetzten Hosen, Weiber in roten und blauen Röcken und grellkarierten

Kopftüchern, splitternackte Kinder, die alle zusammen schwatzend und

schreiend in die Baumwollenfelder zogen und gefüllte Säcke

herbeischleppten, bis sich weiße Berge auf dem Farmhof türmten.

* * * * *

Am Ende der Woche ging's mit vier hochbeladenen Wagen nach der

Baumwollenmühle. Einen Wagen fuhr ich und kam mir sehr wichtig vor auf

meinem hohen Sitz und hielt die Zügel krampfhaft in den Händen, als ob

die alten Maultiere nicht auch ohne mich hinter den Wagen dreingelaufen

wären! Nach einer halben Stunde Fahrt hielten wir mitten im Wald vor

einem wackelig aussehenden hölzernen Gebäude, aus dessen hohem eisernem

Schornstein schwarzer Rauch quoll.

Drinnen begannen Maschinen zu stampfen. Ein Wagen nach dem andern wurde

dicht an das Gebäude herangefahren und sein weißer Inhalt mit großen

Holzschaufeln in eine breite Öffnung hineingeschaufelt. Von dort

brachte ein endloser Aufzug, ein breites Lederband mit Holzkästchen, die

Baumwolle nach oben. Wir gingen in die _Cottongin_, die Baumwollenmühle,

hinein, an einem Dampfkessel vorbei, den ein halbnackter Neger mit

Holzklötzen fütterte, und stiegen auf einer Leiter zu dem

Maschinenstockwerk empor. Aus dem Aufzug flutete ein weißer Strom von

Baumwolle in ein Sägewerk, dessen mit ungeheurer Geschwindigkeit sich

hin und her bewegende kleine Sägen die Silberfrüchte zerrissen und

zerfetzten. Die federleichten weißen Fäden wurden von der Maschine

weitergeschoben in einen breiten Holzkasten hinein, der senkrecht bis

hinab auf den Erdboden reichte, während die schweren Samenkörner durch

eine Öffnung in den unteren Raum fielen. War der Holzkasten mit

Baumwollfasern angefüllt, so senkte sich eine hydraulische Presse

herab, die genau in seine Öffnung paßte, und preßte die leichte weiße

Masse in einen schweren Ballen zusammen, den mechanische Vorrichtungen

mit Sackleinwand und Eisenbändern umspannten.

Der alte Muchow pinselte mit schwarzer Farbe auf jeden Ballen ein

gewaltiges M.

»So,« sagte er, »nun wollen wir den Samen in einen Wagen schaufeln

und die acht Baumwollballen auf einen zweiten Wagen laden. Ihr beide

könnt dann nach Brenham hineinfahren. Euch Jungens macht es doch mehr

Spaß, wenn ihr in die Stadt fahren könnt, als mir. Ich denke, wir

spannen die vier Gäule vor deinen Wagen, Charley, und geben Ed die

Maultiere. Mit denen kann er zurecht kommen.«

»Selbstverständlich!« behauptete ich.

Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich eine Dampfmaschine zu erbauen

verstünde, würde ich wahrscheinlich auch ja gesagt haben! Das

Vierspännigfahren ging gut, eine Tatsache, die für den gesunden

Pferdeverstand der Muchowschen Maultiere zeugte. Die Straße war zwar

miserabel und hatte allerlei gefährliche Löcher und Rinnen, aber die

Tiere wichen ganz von selber aus. Als wir uns Brenham näherten und der

Weg breit und eben wurde, rief mir Charley zu, ich solle neben ihm

fahren.

»Die Reklamereiter werden gleich kommen!« schrie er herüber.

»Die was?«

»Die Reklamereiter, mein Sohn. Jungens, die eine volle Whiskyflasche in

der Satteltasche stecken haben und sich ein besonderes Vergnügen daraus

machen werden, einem gewissen Charley und einem gewissen Ed einen

ordentlichen Schluck von der richtigen Sorte anzubieten! Die Sache ist

nämlich so: für Baumwollsamen bekommst du bei jedem Agenten genau das

gleiche Geld, die Tagesnotierung selbstverständlich. Die Samenagenten

können also ihre Konkurrenten nicht durch höhere Preise überbieten,

sondern nur durch größeren Umsatz. Deshalb schicken sie Reklamereiter

auf die Landstraßen hinaus, gerissene Jungens, die jeden Farmer im

Umkreis von fünfzig Meilen kennen. Oft lauern auf einer einzigen

Zufuhrstraße ein halbes Dutzend solcher Reklamereiter. Sobald eine

Wagenladung in Sicht kommt, reiten sie auf den Farmer zu und sind so

liebenswürdig zu ihm, als ob er der Präsident der Vereinigten Staaten

wäre; bieten ihm Whisky an, erzählen ihm die neuesten Brenhamerwitze,

reiten neben seinem Wagen her, so lange, bis einer von ihnen die Ladung

gekriegt hat. Heidi, da sind sie schon!«

Zwei Reiter kamen herangejagt, was die Pferde nur laufen wollten, hart

nebeneinander, weit vornübergebeugt auf ihre Gäule, und parierten mit

scharfem Ruck vor unseren Wagen.

»_Hello, Muchow, old boy!_«

»Guten Tag, Jungens! Warum habt ihr's denn so eilig? Ist der Sheriff

hinter euch drein?«

»Nee, Muchow. Der Sheriff sitzt zu Hause und rechnet sich aus, wer fürs

Gehängtwerden reif ist. Er schwankt noch zwischen dir und einem

übelberüchtigten Neger aus Palavera County.«

»Donnerwetter, Kinder, da habt ihr aber Glück,« sagte Charley

todernst. »Der Sheriff von Brenham wird immer nachlässiger. Er weiß

wohl gar nicht, daß ihr beide wieder im Land seid?«

Da hielten die beiden Reiter lachend die Hände in die Höhe:

»_Allright, Charley._ Wir geben's auf. Dagegen können wir nicht an. Wer

soll denn nun deinen Baumwollkram haben, Muchow? Ich reite für Smith &

Donahan und John hier für Faraday & Co. Wer soll's sein?«

»Kommt darauf an,« lachte Charley. »Trockene Gegend hier, nicht?«

Eine Whiskyflasche kam prompt zum Vorschein, und Charley beguckte sich

lange und andächtig den Himmel durch den Flaschenhals.

Der andere Reiter reichte mir eine Flasche herüber. »Neu in der Gegend

hier?«

»Danke. Ja. Ich bin erst kurze Zeit im Land.«

»Aber Ed! Das mußt du nicht jedem hergelaufenen Pferdedieb gleich auf

die Nase binden!«

»Doch, doch!« meinte der Reklamereiter. »Ihr noch unschuldiger Ruf

könnte sonst leiden. Denn nur einem ganz grasgrünen Grünhorn

(entschuldigen Sie den Ausdruck!) kann man es verzeihen, wenn er sich zu

einer halbtoten Mumie, wie diesem Muchow hier, auf 'ne gottverlassene

Farm hinhockt.«

»Jawohl!« grinste Charley. »Allerlei Leben würd' er mit euch sehen --

die innere Ausstattung des Countygefängnisses aber auch! Dicky, du

kriegst die Ladung; dein Whisky ist so schlecht, daß du unbedingt Geld

verdienen mußt, um besseren kaufen zu können. Du kommst das nächstemal

dran, John. So! Reitet, Jungens! _Go to the devil!_«

»Sollen wir 'was ausrichten?« schrien lachend die Reiter, schon im

Davonjagen ...

»Siehst du, Ed, das sind nette, manierliche Jungens, mit denen man

wenigstens ein vernünftiges Wort sprechen kann, ohne daß man einen

Seidenhut auf dem Schädel haben und bei jedem dritten Wort eine

Verbeugung machen muß. So laß ich's mir gefallen. Gute alte Texasmode,

Sohn!«

»Grasgrünes Grünhorn hat er gesagt!« meinte ich. »Nette

Höflichkeit!«

»_Well_ -- wenn Euer Kaiser nach Texas käme, wäre er auch ein Grünhorn.

Is nix dabei!«

* * * * *

In Brenham waren wir unsere Ladung in einer halben Stunde los; den Samen

bei Smith & Donahan, die Ballen im Schuppen von Roberts Brothers. Die

Pferde und die Maultiere banden wir vor dem gleichen Laden wie neulich

an. Wir wollten gerade hineingehen, da kam einer der umherlungernden

Neger auf uns zu, ein schlanker schwarzer Bursche. Sein Hut strahlte in

sieben verschiedenen Farben und hatte mindestens doppelt so viele

Löcher; seine Hosen hielt er mit beiden Fäusten krampfhaft fest, weil

sie viel zu weit waren und stetig herabzurutschen drohten; sein Hemd

mochte in unschuldiger Jugend einmal weiß gewesen sein.

»Mistah Muchow -- dies schwarze Kind hier is' sehr angenehm froh, daß

Mistah Muchow in Stadt sin'!«

»So, du Sohn eines faulen Vaters? Und was machst du denn in Brenham?

Und wie steht's mit dem Pflücken? Heh, Slim?«

»Macht Melusina Maryanne, Mistah Muchow. Dieser Nigger hat kein'

Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen für

fünf Dollars, Mistah Muchow!«

»Der alte Mann hat dir erst vorige Woche einen Kreditschein gegeben!«

»Huh -- is' alles weg.«

»Ja, dann kriegst du aber schließlich nicht mehr viel Geld, wenn wir

deine Baumwolle verkaufen, Slim.«

»Is nix dabei. Un -- klein' bißchen weißes Geld möcht' Slim, Mistah

Muchow, ein Dollar oder zwei!«

»Wozu denn?«

»Diesem Nigger juckt die rechte Hand, Mistah Muchow, un' das ist ein

feines Zeichen, bringt jedesmal Glück. Slim will 'n bißchen _crap_

schießen un' die schwarze Gesellschaft 's ganze Geld abnehmen!«

»Hier hast du 'n Dollar, Slim. Jetzt lauf weg, Slim. Wenn du morgen

nicht beim Baumwollpflücken bist, frißt dich der alte Mann mit Haut und

Haaren auf, das kann ich dir sagen!«

Grinsend trollte sich der Neger.

»Das ist einer von unseren Pächtern,« sagte Charley, »und der

lustigste Nigger, den ich im Leben gesehen hab'. Nun wollen wir 'mal

zugucken, wie er seinen Dollar los wird.«

Wir bogen um die Ecke, und richtig, da in dem Nebengäßchen, hockte Neger

Slim mit einem halben Dutzend schwarzer Spießgesellen im Sand, und auf

einer alten Jacke rollten Würfel hin und her.

»Komm, kleine Sieben!« rief Neger Slim beschwörend. »Willst du wohl

'rauskommen, du miserabel langweilige Sieben. Schnell -- und kauf'

Frauchen ein Paar Schuhe. Liebe süße Sieben ...«

Sieben! Slims schwarze Tatze schoß hervor und strich die Silbermünzen

ein, die auf der Jacke lagen.

Ein neues Spiel begann.

Die anderen Neger rollten die Augen und ärgerten sich.

»Oha, dicke Elf! Komm liebe dicke Elf!«

Wieder gewann Neger Slim. Achtmal hintereinander gewann er, und beim

neunten Spiel konnte er keinen Gegeneinsatz bekommen, denn er hatte

seine schwarzen Brüder bis auf den letzten Cent ausgeplündert!

»Nix weiß' Geld mehr?« sagte er enttäuscht. »Dann is' dies nette

kleine Spielchen alle, _gentlemen_. Wenn ihr Geld habt, könnt ihr

wiederkommen.«

Und würdevoll schlenderte er die Straße hinab, mit den Vierteldollars in

seiner Hosentasche klimpernd.

Charley und ich gingen in Gus Meyers Salon an der Ecke der Wandelhalle.

Der kleine Raum war peinlich sauber, der Boden mit weißem Sand bedeckt.

An der Decke schnurrten elektrische Fächer, deren scharfer Luftzug

Kühlung brachte. Männer, die an der Bar schnell ein Glas Bier

hinunterstürzten, gingen und kamen fortwährend. An einem großen runden

Tisch saß um eine gewaltige Platte von Kaviarbrötchen eine lustige

Gesellschaft.

»Der deutsche Klub,« flüsterte Charley mir zu. »Guten Morgen,

_gentlemen_! Es würde mich eine _pleasure_ sein, die nächsten Biers zu

trihten ...«

»Lieber Muchow, Ihr Deutsch ist 'was Gräßliches,« schmunzelte ein

dicker Herr. »Es würde Ihnen also ein Vergnügen sein, die nächste

Auflage Bier zu stiften? Bewilligt!«

»_Yes, that's it_,« sagte Charley. »Und dies hier ist ein junger

Deutscher, der -- -- «

»Wissen wir,« lächelte der dicke Herr mit vergnügten Äuglein. »Sie

unterschätzen das alte Brenham und seine Neugierde, lieber Muchow.

Meinen Sie wirklich, daß jemand brühwarm aus Deutschland nach dieser

feinen Metropolis kommen kann, ohne daß darüber gesprochen wird?

Prosit!« (Zu mir): »Wie gefällt's Ihnen? Gut? Ja? Das ist merkwürdig,

denn zwischen Gymnasium und Farmarbeit ist doch ein wesentlicher

Unterschied. _Well_ -- manchmal wundere ich mich, was sich eigentlich

deutsche Eltern dabei denken, wenn sie -- -- na ja, dies ist 'ne

verrückte Welt. Sehr verrückt. Aber man darf nur keine Müdigkeit

vorschützen. Es wird Ihnen noch gut gehen -- und es wird Ihnen noch

schlecht gehen -- aber schützen Sie nur ja niemals Müdigkeit vor!«

Er sah sicherlich nicht müde aus. Weder er noch die anderen. Sie

sprühten von Kraft und Selbstvertrauen. Der Herr mit den vergnügten

Äuglein war der Eigentümer des Brenham Herald, der Zeitung der Stadt,

die in einer täglichen englischen und in einer wöchentlichen deutschen

Ausgabe erschien. Da war der Agent einer Großbrauerei und ein

Sattlermeister, der Besitzer einer Sodawasserfabrik und der Vertreter

eines Nähmaschinengeschäfts. Das Gespräch drehte sich nur um Arbeit und

Geld und neue Unternehmungen. In Brenham war Erntezeit in mehr als einem

Sinn. König Baumwolle herrschte, _King Cotton_, wie der amerikanische

Süden seine weiße Silberfrucht nennt -- King Cotton ritt über das Land

und verwandelte sein Reich von feinen weißen Fäden in schweres

gleißendes Gold. Das Geld rollte. Der allmächtige Dollar strömte aus

Dutzenden von Zufuhrstraßen nach dem Texasstädtchen. Der Farmer bezahlte

den Kredit, den er das Jahr über bei den Geschäftsleuten der Stadt in

Anspruch genommen hatte, er kaufte Maschinen und gab Geld für Vergnügen

aus. Und männiglich mühte sich offenbar aus Leibeskräften, möglichst

viel von dem Goldsegen zu erhaschen. Diese deutschen Männer, die deutsch

und englisch wirr durcheinander sprachen, begnügten sich nicht etwa mit

einem einzigen Beruf, mit einem einzigen Geschäft, sondern dehnten ihre

Interessen nach allen möglichen Richtungen aus. Der Redakteur und

Verleger, so hörte ich mit Staunen, betrieb nicht nur nebenbei die

einzige Buchhandlung Brenhams, sondern er besaß auch eine Farm und hatte

außerdem Geld in allen möglichen Unternehmungen stecken. Augenblicklich

war er eifrig damit beschäftigt, bei Kaviarbrötchen und schäumendem

Lagerbier eine Eisfabrik zu gründen. In zehn Minuten setzte er seinen

Freunden auseinander, daß Eis als Stapelbedarf des Südens ein

ausgezeichneter Fabrikationsartikel sei und daß er gar nicht einsehe,

weshalb Brenham sein Eis von auswärts beziehen müsse. Die anderen

nickten zustimmend -- der Sattlermeister, der nebenbei noch eine

Sägemühle besaß; der Bieragent, der Direktor von zwei Brenhamer

Gesellschaften war; der Nähmaschinenmann, der aus Mexiko Mustangs

importierte ...

»_How much?_« fragte der Sattlermeister.

»Zehntausend, oder sagen wir fünfzehntausend,« meinte der dicke Herr.

In weiteren zwanzig Minuten hatte sich die Gesellschaft einverstanden

erklärt. Die _Brenham Ice Company Limited_ war so gut wie gegründet! Und

im nächsten Augenblick wurde fast gleichzeitig darüber gesprochen, wer

als geschäftsführender Direktor der neuen Eisfabrik bestellt werden

sollte, und wo man heute abend pokern wollte.

»_Hustle!_« sagte der Eigentümer des Brenham Herald, mich über die

Brille hinweg anblinzelnd. »Kennen Sie das Wort? Drängen heißt es, sich

rühren, sich mit beiden Ellbogen vorwärts schieben. _Hustle!_«

* * * * *

Die Zeit schwand dahin. Längst war die weiße Pracht der Felder

hinausgewandert nach den Baumwollzentren der Welt; die weiten Strecken

lagen öde, gedörrt vom Sonnenbrand da. Der Indianersommer kam, der

wundervolle Texasherbst mit seinen leuchtenden roten und braunen Farben,

mit seiner goldenen Sonne. In aller Herrgottsfrühe, in der

Morgendämmerung, begann immer die Arbeit der Farm. Zuerst war es

Baumwollpflücken gewesen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann kam

das Einernten der Maiskolben, dann das Schneiden des texanischen

Zuckerrohres, des Winterfutters für Pferde und Vieh. Als die Ernte

eingeheimst war, ging es an Kleinarbeit. Die Stacheldrahtzäune wurden

ausgebessert, wir legten Bewässerungsgräben für die Felder an, wir

flickten unser Sattelzeug, wir bauten einen neuen Stall, wir besserten

die Farmwagen aus und strichen sie schön grün an, oder rumorten zwischen

den Pflügen und Farmgeräten. Die Arbeit der Texasfarm schien mir keine

Bürde.

»Ich kann mir kein rechtes Bild von deinem Leben machen,« schrieb mir

einmal mein Vater. »Du berichtest über Reiten und Schießen und Jagen,

du schreibst uns lustige Negergeschichten. Ist das Bauernarbeit in

Texas?«

Doch die Arbeit war da und sie war schwer. Die ganze Art des Landes

jedoch gab ihr einen romantischen Zug, und dieser romantische Zug

vergrößerte sich ins Ungeheure für einen jungen Menschen wie mich. So

wie es in der Stadt keine kleinere Münze als fünf Cents gab, weil kein

Mensch sich mit Kupfergeld abgeben wollte, so fehlte auch auf der

Texasfarm jede Kleinlichkeit. Wie sonniger Leichtsinn lag es über dem

fast jungfräulichen Land, das ohne künstliche Hilfe reiche Ernte hergab.

Dumpf dahin zu arbeiten, fiel hier keinem Menschen ein. Wir lebten auf

der Farm in freier Natur ein freies Leben, das selbst schwerer Arbeit

einen merkwürdigen Reiz verlieh. Und manchmal war die Arbeit wie ein

Fest ...

»_Well_, Jungens,« sagte der alte Muchow eines Abends, »ich denke,

wir machen uns jetzt an den Wald drüben bei der Slimpachtung und hauen

uns ein neues Stück Feld heraus.«

Am nächsten Morgen ritten Charley und ich zu den Negerpächtern der

Umgegend und trieben Arbeiter auf, und am nächsten Tag schon begann die

Arbeit. Im Morgengrauen zogen wir hinaus. Voraus ritten der alte Mann,

Charley und ich, hinter drein fuhr Jim der Neger mit vier Maultieren und

einem Farmwagen, bepackt mit zwei riesigen Kesseln und Säcken mit

Proviant. Über Ackerfurchen und knisternde Maisstengel ging's hinweg.

Am Waldrande prasselte ein Feuer aus dürrem Holz, an dem zwei schwarze

Gestalten kauerten und sich die Hände an den Flammen wärmten. Es war

Neger Slim und seine Ehefrau Melusina Maryanne.

»Schön' guten Morgen, Mistah Muchow, schön' guten Morgen, Mistah

Charley, Mistah Ed. Feine Sache, so 'n kleines Feuerchen. Nix niemand

noch nich' da von die faulen Niggers.«

»Wie viele kommen denn, Slim?«

»Sechzig Stück, Mistah Muchow -- jeder gesegnete Farmnigger in dieser

Gegend, so wahr dieses Kind einmal in' Himmel kommen will. Nur der

Washington Columbus von Mistah Davis sein' Farm nich' un' das ist

schade, weil das ein Nigger is', der mit die Axt fein Bescheid weiß.«

»Warum kommt er denn nicht?«

»Kann nicht. Is krank. Kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen,

kann kein gar nix.«

»Wieso denn?«

»Oh -- das is' sehr einfach. Ein anderer farbiger Gentleman hat ihm

ein' ganze Ladung Schrot in die rückwärtige Gegend hineingeschossen!«

Wir brachen in schallendes Gelächter aus.

»Wegen ein' kleine Meinungsverschiedenheit beim Würfeln,« fiel

Melusina Maryanne, die junge Negerfrau, mit schriller Stimme ein.

»_Lord_ -- was is' das Würfelspielen für ein' schlechte Gewohnheit! So

was tut mein Slim nicht! Ich würd's ihm auch mit mein' Besen

austreiben!«

»Tut Slim niemals nich',« log der Neger darauf los und schielte

vergnügt zu Charley und mir herüber.

Als das Rot des herbstlichen Sonnenaufgangs durch die Baumreihen zu

schimmern begann, kamen sie von allen Seiten herangeritten, schwarze

Gestalten mit Äxten über den Schultern, auf struppigen Pferden, auf

altersschwachen Maultieren. Im Nu häufte sich ein Berg von alten Sätteln

und Decken am Waldrand. Die Ponys und "_mules_" begannen draußen auf

dem Feld zu grasen. Die Reiter aber drängten sich um das Feuer und

ließen sich von Melusina Maryanne heißen schwarzen Kaffee in ihre

blechernen Becher einschenken, fischten Speckstücke aus der brodelnden

Pfanne und frisches Maisbrot aus dem Kessel. Weiße Zähne zermalmten und

dicke Lippen schmatzten.

»So, Jungens!« rief der Herr der Farm von seinem Gaul herab, »nun

wollen wir dem alten Wald zu Leibe gehen. Charley, Ed, zählt euch

dreißig Mann ab und fangt hier zu arbeiten an. Die anderen kommen mit

mir. Los, Kinder. Wollen 'mal sehen, auf welcher Seite mehr gearbeitet

wird!«

Hemden wurden heruntergerissen, nackte schwarze Oberkörper glänzten im

Sonnenlicht, und donnernd erdröhnten die Axtschläge. In langer Linie

arbeiteten unsere dreißig Neger, Baum an Baum. Mit rhythmischer

Regelmäßigkeit fielen die hoch über die Köpfe geschwungenen Äxte.

Zuerst ein Hieb von oben, der tief in den Stamm hineinbiß, dann ein

ergänzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen

herausschleuderte. So entstand eine winzig kleine Kerbe in der Form

eines liegenden _V_, flach wie ein Teller unten, schräg in den Baumstamm

hineinfressend von oben. Mit jedem Hieb wurde die Kerbe größer, bis der

verwundete Stamm sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte, die

Holzfasern rissen und der Baum krachend zur Erde fiel. Dann sprangen

drei, vier Mann auf ihn und hieben ihm die Äste ab, und der alte Jim

schlang eine Kette um den Stamm und schleppte ihn mit seinen Maultieren

an den Waldrand hinaus. Die Äste blieben liegen. Da waren Fichten,

deren rotes Holz so weich und wässerig ist, daß es nur zum Verbrennen

taugt; Buchen, Eichen und Hickorybäume, deren Stämme auf einen

besonderen Haufen gelegt wurden, denn sie waren so wertvoll, daß sie in

Brenham verkauft werden sollten. Ihr Holz ist hart wie Eisen. Die zähen

Ranken, die sich von Baum zu Baum schlangen, der Efeu der alten Eichen

und wucherndes Gestrüpp mit scharfen Dornen fielen unter den Axthieben.

Schritt für Schritt drangen die Neger in den Wald ein. Ich hielt es

nicht lange aus beim Zusehen, sondern sprang vom Pferd, holte mir eine

Axt und schlug darauf los, daß die weißen Holzsplitter flogen.

Da gerieten Slim und ein anderer Neger in Streit. Sie hatten ihre Äxte

verwechselt.

»Is meine Axt!«

»Nein, meine!«

»Das is' ein' dicke Lüge, du schwarzer Gauner!«

»Is' kein' Lüge!«

»Is' es doch!«

»Is' es nich' --«

Wütend funkelten sich die beiden Neger aus rollenden Augen an. Charley

aber zog gelassen den Revolver hervor und spannte den Hahn.

Ȁxte weg, Jungens! Wer von euch beiden eine Axt oder ein Messer

anrührt, den schieße ich über den Haufen. Gebraucht eure Fäuste

meinetwegen, ihr Dickschädel!«

»Komm her, Affensohn!« brüllte der Neger.

»Komm du her!« schrie Slim.

Da auf einmal krümmten sich die beiden zusammen -- senkten die Köpfe --

rannten aufeinander los. Genau wie kämpfende Böcke. Die Schädel prallten

in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stießen die

schwarzen Köpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fünfmal. Beim fünftenmal

kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schädel und

schlich davon.

»Is' das nicht ein fein' kleines Köpfchen, das dies Kind hier auf die

Schultern sitzen hat!« jubelte Neger Slim.

Wir aber lachten, daß wir beinahe von den Pferden fielen.

»Dafür soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,«

sagte Charley. »Das ist das erstemal, daß ich ein richtiges Niggerboxen

gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwürdiges Individuum. Sein

Schädel ist so hart, daß wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz

von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus

dem Fenster fiel und in der Luft inbrünstig gebetet haben soll: _Dear

Lord_, laß mich auf meinen Kopf fallen, _if you please_, und ich armer

Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so

empfindlich, daß ihn der leiseste Stoß schmerzt. Wenn du einmal mit

einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen kräftigen

Fußtritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! _Well_

-- nun hör' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mußt

nicht mitarbeiten beim Baumfällen! Mit Negern arbeitet man nicht

zusammen!«

Ich schämte mich fast, daß ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so

naiv ich den Neger betrachtete, so fühlte ich mich doch in natürlichem

Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenüber genau so als Herr und

Höherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine

Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdünstung des

Negers sein mochte. Für den Neger soll der Weiße übrigens genau den

gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man

amüsierte sich über seinen grotesken Humor, über sein komisches

Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in

dem spärlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf

Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge

und mußten dafür das Land bestellen und die Hälfte des Ertrags

abliefern. Sie waren vollkommen abhängig von dem Herrn der Farm, weil

sie fast niemals bares Geld in die Hände bekamen und immer in der Schuld

des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen

sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen

Wochen; die Männer in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und

waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen für die

einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine

Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwächere

und Untüchtigere unbedingt den Kürzeren ziehen mußte. So wurde das Land

nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch

nachlässige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines

Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe

moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mühte sich

niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten

zu bringen war, weil er als Tagelöhner zum Beispiel unter ständiger

Aufsicht hätte sein müssen. Mir erschienen die Neger von einer fast

kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als

Kinder fühlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns,

sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch

aufgewachsen waren, selbständig verrichten. Man behandelte sie

freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger

durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis

erbeten zu haben; jeder Schwarze mußte ausweichen, wenn wir auf der

Straße ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten

oder sich in öffentlichen Räumen gleichzeitig mit Weißen aufhalten. Er

war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.

Stück für Stück und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stämme türmten

sich draußen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr,

und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Geäst

und nackte, weißschimmernde Baumstümpfe. Nun begann die eigentliche

Rodearbeit; die Stümpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das

ein Heidenvergnügen, und uns drei Weiße hielt es in ständiger Aufregung,

weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das

grobe Sprengpulver spaltete die Stümpfe nur und lockerte sie aus dem

Erdreich. Feuer mußte die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf

den Brand in das Gestrüpp, und langsam fraßen die roten Flämmchen in das

Kleinholz, bis ein Windstoß kam und die kleinen Feuerzüngelchen zum

rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glühendrote Rauchwolke weithin

über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den

Flammenherd und löschten Dutzende und Aberdutzende von Bränden, die

durch glühende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengesträuch

und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Löschmanier war

höchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich

gespannt und schleiften sie im Galopp über den brennenden Boden. Mehrere

Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber hätte man auf der

weiten Fläche kein Stückchen Holz mehr finden können; die Stümpfe, die

herausgesprengten Wurzeln, die Äste, das Gestrüpp, das dürre Laub von

vielen Jahren, der uralte Laubmoder -- das alles war eine

schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weißen Aschenhäufchen. So wurde

aus dem Wald das Feld ...

* * * * *

»Charley und Ed, die beiden Spitzbuben,« sagte der alte Muchow öfter

als einmal, »sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken

sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige

Schießerei hat mich schon halb verrückt gemacht, bei den Negern

strolchen sie herum, -- aber arbeiten tun sie, das muß man ihnen lassen.

In einer Manier freilich, als täten sie's nur, weil's ihnen Vergnügen

macht!«

Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fäuste und in

meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche

Englisch des amerikanischen Südens; lernte den merkwürdigen

Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows

fühlten sich unabhängig wie große Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz,

aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte

Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weißen

Männer auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und

Gleichgültigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art,

aber sie aßen Maisbrot und Speck das Jahr über und wohnten in rohen

Holzhäusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als

Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein

Mensch wäre hundert Meter zu Fuß gegangen, aber die Tiere wurden niemals

beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und

verkommen aus, die Straßen nach der Stadt waren in einem so erbärmlichen

Zustand, daß sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der

Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstücken um sich, und die Hälfte des

Jahres mußten sie bei den Geschäftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch

nehmen. Man arbeitete aus Leibeskräften -- ließ aber auf einmal alles

liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister

So und So von der nächsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos

reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbärenjagd. Dann

sattelte man schleunigst die Gäule und ritt mit.

Es war ein merkwürdiges Leben auf der Texasfarm, das mir unbeschreiblich

verlockend schien. Texasfarmer wollte ich werden! Es war sehr leicht,

wenn man erst als halbwegs tüchtig bekannt war, Kredit zu erhalten und

durch langsames Aufsteigen vom Pächter zum Farmer selbständig zu werden.

Jeder Farmer verpachtete lieber an einen weißen Mann als an einen Neger,

weil der Weiße von selbst arbeitete und der Schwarze nur, wenn er dazu

getrieben wurde. Das Haus bauten einem die Nachbarn, die Geräte lieferte

der Farmer, das Geld, das man bis zur Ernte brauchte, streckte er einem

vor. Wenn die Baumwollenpreise nur einigermaßen gut waren, konnte man

bald genug eigenes Land besitzen.

Wie oft hatte mir der alte Muchow das auseinandergesetzt! Aber für den

Gang meines Lebens bestimmend war sein Sohn. Hätte nicht die

amerikanische Krankheit unstillbaren Wandertriebes ihn erfaßt, so

pflanzte ich heute aller Wahrscheinlichkeit nach Baumwolle irgendwo in

der Nähe der Muchowschen Farm, ein Texasmädel wäre meine Frau,

Texasgrund und Boden wäre mein eigen ...

Denn im Spätherbst kam eine sonderbare Ruhelosigkeit über den jungen

Muchow. Es gab fast nichts zu tun auf der Farm. Das Land sah öde aus;

alles war verdorrt, der Boden, die Büsche und das Laub, das Gras. Man

sah nichts als einförmiges Braun. Wir ritten täglich meilenweit übers

Land, und auf einem solchen Ritt hielt Charley auf einmal seinen Gaul an

und ließ die Zügel fallen. Lange Zeit sah er sich im Kreise um. Dann

richtete er sich auf, wie jemand, der mit sich selber eins geworden ist.

»Ich geh' fort,« sagte er.

»Was?«

»Fort geh' ich. Zu verdammt langweilig!«

»Wohin denn?«

»Weiß noch nicht. Ich reit' jedes Jahr los. Neu-Mexiko war es letzten

Winter, Indian-Territory das Jahr vorher. Für Cowboys gekocht, drüben

bei San Antonio (und die Jungens haben oft genug geschimpft über meine

Kocherei!) -- mitgeholfen beim Branden der Rinder -- dann nach

Nordwesten hinauf -- das verdiente Geld in einem Wagen und Provisionen

angelegt und nach Gold gesucht -- den Teufel 'was gefunden -- halb

verhungert in Albuquerque angekommen, Wagen und Gaul verkauft und nach

Hause gefahren. Das waren famose fünf Monate, _sonny_! Diesmal ist es El

Paso! Bei El Paso wird eine neue Eisenbahn gebaut. Gus sprach davon. Da

strömen die lustigsten Kerle aus dem ganzen Süden zusammen. Jawohl --

es ist 'ne feine Idee! Ich reite nach El Paso! Glory Hallelujah!«

Wie eine ansteckende Krankheit sprang sein Wandertrieb auf mich über.

»Nimm mich mit!« sagte ich.

»_No, sir._«

»Warum denn nicht?«

»Geht nicht. Du kennst das Land noch nicht. Schließlich schlagen sie

dir den Schädel ein und ich bin daran schuld. Nein. Bleib' beim alten

Mann.«

Als wir nach Hause kamen, platzte er mit seinem Projekt heraus:

»Vater -- hm -- Mutter -- hm, ich denke, ich reite morgen ...«

»Ach du meine Güte!« sagte Mutter Muchow leise.

»Wie du meinst!« brummte der Alte. »Eine verfluchte Wirtschaft! Du

wirst schon noch in irgend 'n Malheur 'reintreten. _Well_ -- _well_

-- -- bin auch mal jung gewesen, aber die neue Generation könnte doch

'was zugelernt haben. Hab' mir's schon gedacht, daß die Vagabundiererei

wieder anfängt. Dann reite in drei Kuckucksnamen! Laß dich nicht über

die Ohren hauen! Wo willst du hin?«

»Nach El Paso, Vater. Zum Eisenbahnbau.«

»_Well_, wie du meinst.«

Ich saß da und wäre beinahe geplatzt vor Neid. Und auf einmal kam's über

mich wie fiebernde Unruhe.

»Wenn Charley fortgeht ...« begann ich.

»Hoh!« sagte der alte Muchow. »Da ist noch einer! Zu tun ist ja

freilich nichts auf der Farm, aber du hättest doch wahrhaftig gerne

hierbleiben können!«

Und ich beschloß, mein Glück im Texasstädtchen zu versuchen.

* * * * *

Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San

Antonio und El Paso, unseren Weg. Dort, an der Kreuzung, hielten wir.

Braun, dürr, öde, sandig lag die Gegend da. Auf dem untersten Ast eines

Baumes am Straßenrande saßen träge vier Aasgeier.

»_Good bye_, Vater,« sagte Charley.

»Na, dann reite, mein Junge. Nimm dich in acht mit dem Mexikanerpack da

drüben!«

»_Allright_, Vater. _Good bye_, Ed. Besser, du bleibst beim alten Mann.

Überleg' dir's noch.«

Und im vollen Galopp jagte Texasgirl auf der Straße nach Osten vorwärts,

mit einem Reiter, der lustig den Hut schwenkte und die sechs Schüsse

seines Revolvers in die Luft knallte zum Abschiedsgruß --

»Eine verfluchte Wirtschaft!« brummte der alte Mann. »Wenn ich nicht

selber einer von der Sorte gewesen wäre, könnt' ich dem Bengel

wahrhaftig böse sein. Na, er kann für sich sorgen; wer mit dem anbindet,

hat alle Hände voll. Was willst du denn in Brenham anfangen?«

»Keine Ahnung, _sir_.«

»Eine verfluchte Wirtschaft! Ehem! Ich lasse jeden das aufessen, was er

sich einbrocken will. Wenn einer Dummheiten machen will, dann soll er

sie eben machen. Man muß einen Mann mit seinem Mädel allein lassen und

einen Narren mit seiner Narrheit. _Good bye_, mein Junge!«

Da hinten in Texas.

Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland. -- Grasgrüner

Wissensdurst. -- Die Negerin und das Liebespulver. -- Ein

Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub langweilt sich. -- Das

Gäßchen der winzigen Häuschen. -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das

Parfüm und die Folgen. -- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus

dem heiligen Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden

Augen. -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.

An einem der runden Tischchen in Gus Meyers Salon saß, emsig schreibend,

der Redakteur und Verleger des Brenhamer Herald. Neben ihm stand ein

kleiner Junge in Arbeitskleidern, mit Druckerschwärze beschmiert.

»Hello!« rief mir der Redakteur entgegen. »In dreieinhalb Sekunden

hab' ich den Gouverneur von Texas vollends abgemurkst.« (Er schrieb

weiter.) »So. Hier, mein Söhnchen! Lauf! Korrektur und letzte Depeschen

bringst du mir hierher. Gus, noch 'n Bier! Und wie steht's mit Bruder

Leichtfuß aus dem deutschen Vaterland?«

Er schüttelte sich vor Lachen, als ich ihm erzählte, weshalb ich in

Brenham sei.

»Und was wollen Sie anfangen?«

»Ich hab' keine Ahnung ...«

»Selbstverständlich haben Sie keine Ahnung!« schrie er lachend, als

ob das der beste Witz der Welt wäre. »Ich hätte auch keine an Ihrer

Stelle. Es wäre auch wirklich zuviel verlangt von Bruder Leichtfuß, er

solle sich -- hokuspokus, hast du nicht gesehen? -- in einen

geldverdienenden Praktiker umzaubern, sobald er nur auf amerikanischen

Boden plumpst!«

»Könnten Sie mir nicht einen Rat geben, Herr Doktor?«

»Hoh! So ist's recht. Wenn man selbst nichts weiß, so weiß vielleicht

ein anderer etwas!«

Er lachte, und unter Lachen und Biertrinken pumpte er mit unglaublicher

Schnelligkeit alles aus mir heraus, was er wissen wollte. Was mein Vater

sei? Weshalb ich eigentlich Deutschland verlassen hätte? Meine Familie?

Meine Verwandten? Welche Schulen?

»Stimmt alles!« schmunzelte er endlich. »Sie wären auch viel zu jung,

um konsequent und überzeugend zu lügen. Das ist nämlich eine große

Kunst! Hm -- und nun wollen wir sehen, was sich in dieser feinen

aufblühenden Texasstadt alles mit Ihnen aufstellen läßt. Aha -- oho ...

guten Morgen, Mr. Mindus!«

»Tag, Doktor!« sagte ein Herr, der soeben eingetreten war, ein Riese

von respektabler Größe und noch weit respektablerer Breite, ein Riese in

Hemdsärmeln, doch in Hemdsärmeln aus schillernder Seide; in blitzenden

Lackstiefeln, auf dem Kopf einen Panama.

»Interessanter Fall, Herr Mindus!« sagte der Doktor. »Wir haben hier

den jungen Deutschen, der bei den Muchows auf der Farm -- ich erzählte

Ihnen doch davon?«

Der Mann in den seidenen Hemdsärmeln nickte.

»Nun, er hat gemerkt, daß er in der stillen Farmzeit ziemlich

überflüssig war und ist gegangen. Frage: Was fängt er an?«

»Geld?« fragte Mr. Mindus lakonisch.

»Ih wo!«

»_Well_ -- dann muß er arbeiten!«

»Aber, bester aller Apotheker, -- Herr Mindus ist Besitzer der großen

Apotheke da drüben, mein Junge, -- das wissen wir auch! Aber wie und wo?

Ich denke mir, wenn ein verwöhnter junger Mensch frisch von der

Schulbank fünf Monate Farmarbeit aushält, dann muß er zu gebrauchen

sein.«

»Das werden wir ja sehen,« sagte der Apotheker und wandte sich

mir zu. »Wenn Sie wollen, so können Sie bei mir in der Apotheke

arbeiten -- --«

Ich saß da, so erstaunt und so überrascht, daß ich kaum ein Wort

hervorbringen konnte, und hörte, wie mir der Apotheker erklärte, er

"taxiere", ich sei vorläufig fünfzehn Dollars im Monat und Verpflegung

für ihn wert, und in einer Viertelstunde solle ich nach der Apotheke

kommen. Dann schüttelte Mr. Mindus dem Doktor die Hand, nickte mir zu

und ging fort. Der Verleger des Brenham Herald sah mich lachend an.

»Eine verrückte Welt! Nun sind Sie Apothekerlehrling hier hinten in

Texas!«

Eine halbe Stunde später hielt ich einen Mörser zwischen den Knieen und

stampfte arbeitsam auf Kreidekügelchen los. Die zerstampfte Kreide

füllte ich in kleine Schachteln. In jede Schachtel kamen drei Tropfen

Veilchenextrakt. So fabrizierte man hier hinten in Texas Puder.

* * * * *

Gewaltige Glaskugeln mit giftig grün, zart rosa und schreiend gelb

anilingefärbtem Wasser gefüllt, schillerten im Schaufenster als

Wahrzeichen der Apotheke. Auf riesigen Regalen standen die Flaschen und

die Fläschchen mit den Rohstoffen der pharmazeutischen Kunst; endlose

Reihen von Patentmedizinen; von Pillen und Mixturen, Sarsaparillen und

Blutbelebern. In Schaukästen waren alle möglichen Waren aufgestapelt;

Bürsten, Kämme, Toilettenartikel, wundertätige Fleckseifen und

Pokerkarten, Proben von wunderbar wachsenden Sämereien und

garantiert-echte Monte Carlo Rouletten; Vasen, Spielmarken, Puppen. Der

Herrenwelt brachte die Apotheke liebevolles Verständnis durch ein halbes

Dutzend dickbauchiger Whiskyfässer entgegen, denn wer hier Wert auf

guten Whisky legte, kaufte seinen Bourbon oder seinen Rye in der

Apotheke. Für die Damenwelt sorgte die Sodawasser-Fontäne, die Jimmy

Hawkins bediente.

Sie war ein Wunderwerk. In einem pompösen Nickelgehäuse, das den halben

Laden ausfüllte, verbargen sich Eisbehälter, Kohlensäureapparate und

Dutzende von kleinen Fäßchen mit allerlei Fruchtsäften und

Ingredienzien. Auf dieser Maschine spielte Jimmy Hawkins wie auf einem

Klavier; er schlug die Tasten geheimnisvoller Hähne an und komponierte

merkwürdige Getränke. Die Basis war immer ein Glas Sodawasser zu drei

Vierteln gefüllt, dazu kamen Fruchtsäfte oder flüssige Schokolade, und

das ganze krönte jedesmal ein Löffel Icecream, Gefrorenes. Es war der

_punch romain_ europäischer Cafés, verflüssigt, ins Amerikanische

übersetzt und verbilligt, -- der _soda drink_ zu fünf Cents. Die hohen

Stühle vor der Soda Fountain wurden niemals leer. Hunderte von Damen

schlürften alltäglich die eiskalten Herrlichkeiten. Dieser vordere Teil

des Ladens war das Sanktum der holden Weiblichkeit des Texasstädtchens.

Weiter hinten drängten sich die Männer von den einsamen Farmen;

rauchend, schwatzend, plaudernd, denn sie wollten nicht nur kaufen,

sondern auch unterhalten sein, etwas hören vom Getriebe des Städtchens

und den Dingen der großen Welt. Noch weiter hinten an den Ladentischen

-- die Apotheke war riesig groß -- versammelten sich die kaufenden

Negerherrschaften. Und das Ganze war ein unbeschreiblicher Wirrwarr!

Bruder Leichtfuß schien es, als sei er im Wunderland.

Freilich mußte man kehren und fegen und spülen in diesem Wunderland, und

Kisten schleppen und langweilige Salben in langweiligen Mörsern ewig

lange zerreiben. Aber da waren Kasten und Schränke und Fläschchen und

Dosen, die man so wunderschön durchstöbern konnte, und geheimnisvolle

Gifte und geheimnisvollere Apparate und das fortwährende Kommen und

Gehen von vielen Menschen. Ich entwickelte einen gierigen Lerneifer,

gegen den kein Mensch etwas einzuwenden hatte; verbrannte mir die Finger

gehörig an Schwefelsäure und kurierte mir Zahnschmerzen mit so viel

kristallisiertem Cocain, daß ich beinahe sehr krank geworden wäre. Mr.

Mindus und den Prokuristen und Jimmy Hawkins bombardierte ich

fortwährend mit Fragen, die mit einem gemütlichen Grinsen über meinen

grasgrünen Wissensdurst beantwortet wurden. So wurde aus dem

wunderlichen Wirrwarr nach und nach ein vertrautes Hantieren mit

vertrauten Dingen. Es dauerte gar nicht lange, so verkaufte der Lausbub

Chinin (das war ein Stapelartikel) und Patentmittelchen -- und nach

wenigen Wochen schon durfte er neben dem Prokuristen am Rezepttisch

stehen, wenn's viel zu tun gab, und beim Bereiten von Mixturen helfen!

Einem deutschen Apotheker würden die Haare zu Berge gestanden sein über

diesen Leichtsinn, aber man nahm es nicht so genau da hinten in Texas.

Es war auch gar nicht so schwer. Die drei Ärzte des Texasstädtchens

schrieben ihre Rezepte hübsch deutlich und leserlich, wie es Sitte ist

in Amerika, und mein Latein und mein ewiges Herumschnüffeln und Fragen

kamen mir bald zu statten. Ich rezeptierte darauf los ...

Man stelle sich meinen Stolz vor!

Dummheiten machte ich natürlich auch, und ich vergesse nie, wie der

pompöse Mr. Mindus aus dem Häuschen geriet, als ich dem berüchtigtsten

Gauner von Brenham in aller Harmlosigkeit fünf Flaschen Whisky auf

Kredit verkaufte! Und einmal kam eine junge Negerin und verlangte

verschämt:

»_Love powder, please!_«

Liebespulver? Was beim Kuckuck war Liebespulver?

»Wie meinen Sie?« fragte ich verlegen. (Ich hatte damals eine ewige

Angst, einen Kunden mißzuverstehen und mich zu blamieren.)

»'n Liebespulverchen -- ein ganz kleines Liebespulverchen, Herr, aber

nur allerbeste Qualität.« Sie lächelte genierlich. »So 'n recht gutes

Liebespulver; ich brauch's für eine Freundin.«

»Aber ...«

Mr. Mindus trat hinzu.

»Liebespulver? Jawohl! Ich lasse es sofort bereiten -- wir werden unser

Bestes für Sie tun!«

Und mir flüsterte er zu: »Stellen Sie sich doch nicht so ungeschickt an!

Geben Sie ihr eine ganz kleine Dosis Saccharin! Wickeln Sie's in ein

rosa Pulverpapier hübsch ein und berechnen Sie anderthalb Dollars --

nein, zwei Dollars!«

Als die Negerin seelenvergnügt gezahlt hatte und strahlend fortgegangen

war, sagte mir der Apotheker seine Meinung: »Wir haben alles und führen

alles. Das merken Sie sich gefälligst! Fragen Sie mich, wenn Sie selbst

nicht Bescheid wissen. Die schwarze Gans ist natürlich in irgend einen

Nigger verliebt und will Gegenliebe dadurch fabrizieren, daß sie ihm ein

Liebespülverchen beibringt. Die Bande ist nun einmal so abergläubisch.

Sage ich ihr, so etwas gebe es nicht, so erzählt sie sämtlichen

Niggerfrauenzimmerchen in Brenham, meine Apotheke sei nichts wert, und

mein Geschäft leidet. Ergo bekommt der Nigger sein Saccharin und

wahrscheinlich wird's auch helfen. Liebe erzeugt Gegenliebe, mit oder

ohne Saccharin, aber das verstehen Sie noch nicht. Geschäft ist

Geschäft. Das merken Sie sich, bitte. Sie müssen noch viel

amerikanischer werden, mein Lieber!«

Und wahrhaftig -- nach einigen Tagen kam eine junge Negerdame in die

Apotheke, die auch verschämt tat und auch verlegen lächelte.

»-- kleines Liebespülverchen ...« bat sie. »So, wie mein' Freundin

Matilda gekauft hat!«

Es mußte also geholfen haben! Jedenfalls nahm man es entschieden gar

nicht genau hier hinten in Texas. Einmal in der ersten Zeit war ich in

heller Verzweiflung. Ich schlief in einem Kabinett hinten im Laden,

zusammen mit Jimmy Hawkins, dem Gehilfen, einem wortkargen Gesellen, der

mir von allem Anfang an kurz und bündig erklärt hatte:

»Abends hab' ich gewöhnlich dringende Geschäfte in der Stadt, mein

lieber Junge. Unter uns gesagt. Offiziell bin ich hier. Sollte dieser

fette alte Mindus einmal kommen, so bin ich soeben ein bißchen an die

frische Luft gegangen, weil ich Kopfschmerzen hatte. _Sabé?_ Kommt

irgend ein Narr mit einem Rezept, so soll er warten, bis ich wieder da

bin. Seien Sie nett zu mir und ich bin nett zu Ihnen! _Sabé._«

Und prompt um acht Uhr verschwand Mr. Jimmy Hawkins regelmäßig, um

gegen Mitternacht zurückzukehren und wortlos ins Bett zu gehen.

Da machte einmal -- es war schon spät Nacht -- die Klingel einen

Heidenlärm. Als ich hinauseilte, stand ein Farmwagen vor der Türe. Ein

Mann, der an allen Gliedern zitterte und kaum sprechen konnte vor

Aufregung, hielt mir ein kleines Kind hin. Ich schlug die Tücher zurück,

in die das leise stöhnende, fast bewußtlose Kind gewickelt war, und sah

mit unbeschreiblichem Entsetzen, daß von den kleinen Füßchen Hautfetzen

herabhingen. Rohe Brandwunden! Ich hätte am liebsten geheult vor

Ratlosigkeit, aber irgend etwas mußte geschehen. So tränkte ich in

fliegender Eile Verbandwatte in Öl und wickelte die armen kleinen

Füßchen darein, mehr um den Vater zu beruhigen als dem Kind zu helfen,

dem ich doch nicht helfen konnte. Rasch noch ein paar Tropfen

kalifornischen Tokaiers eingeflößt -- dann sprang ich auf den Wagen und

fuhr in sausendem Galopp zum Arzt. Der schien ganz zufrieden mit dem

harmlosen Mittelchen, das mir eingefallen war ...

Jimmy Hawkins aber hatte die nächsten acht Tage lang keine dringenden

Geschäfte mehr in Brenham zur Nachtzeit!

Wochen und Monate vergingen. Der Herr Apothekermeister Mindus hatte mir

mit salbungsvollen Ermahnungen ein pharmazeutisches Werk gegeben, in das

ich dreimal hineinguckte, um es dann vorsichtig mit den Fingerspitzen

anzufassen und im fernsten Winkelchen meines Zimmerleins zu verstecken.

Das Ding war noch viel langweiliger als die griechische Grammatik!

Dafür las ich Nächte lang in amerikanischen Zeitungen (ich glaube heute

noch, daß das viel gescheiter war) und durchschmökerte bei

selbstgedrehten Bull-Durham-Zigaretten und raffiniert gebrauten

Limonaden Hunderte amerikanischer Romane, von den drei Ärzten des

Städtchens zusammengeborgt. Dann wieder durchschnüffelte ich Kasten und

Schubladen. Und war sehr zufrieden mit mir selbst und schrieb

begeisterte Briefe nach Hause. Aber gar bald wurden die Apotheke und

dann die Menschen und das Städtchen zu tagesgewohnten Dingen, und Bruder

Leichtfuß fing an, sich sehr zu langweilen.

Die Texasstadt war ja die Einfachheit selbst. Auf dem riesigen Platz vor

der Apotheke, in vier Straßenreihen, spielte sich die Jagd nach dem

Dollar ab. Im tiefen Sand dieser Straßen drängten sich die Menschen und

galoppierten die Pferde den ganzen Tag. An das Geschäftsviertel schloß

sich eine hölzerne Stadt an, kleine Häuschen mit breiten Veranden und

grünen Gärtchen. Dort wohnten die kleinen Leute, die Angestellten und

die Handwerker. Ein freier Platz, der die Stadt aus Holz durchschnitt,

trennte das Viertel der Weißen von der Budenstadt der Neger, die

unerbittliche Sitte zwang, im gleichen Stadtquartier zusammen zu hausen.

Auf der anderen Seite erstreckten sich Villenstraßen weit hinein ins

flache Land; die Gartenstadt der erfolgreichen Brenhams. Unten beim

Bahnhof lagen die Warenschuppen und die wenigen Fabrikgebäude. So sah

das Städtchen aus, in das aus dem Farmhinterland der allmächtige Dollar

floß und gehörig beschnitten in Warenform zurückwanderte -- das

Städtchen war das Hirn, das aus den Früchten eines gesegneten Bodens

eine gewaltige Warenzirkulation schuf und über den ganzen Distrikt

souverän herrschte. Ein fortwährendes Hasten und Jagen im Städtchen, und

dennoch eigentlich primitivste Einfachheit des Lebens und der Menschen

und der Methoden -- wie es dem Lausbub schien, der für feine

Unterschiede noch so gar kein Verständnis hatte.

Er langweilte sich sehr und zwang Mr. Jimmy Hawkins energisch, sich in

die Abendstunden mit ihm zu teilen. Einen Tag du, einen Tag ich! Und

natürlich fand der Lausbub auf seinen Entdeckungsreisen gerade das, was

er nicht hätte finden sollen.

Der Frühling war ins Land gekommen nach dem Texaswinter fürchterlicher

Regengüsse, frohen Sonnenscheins, eiskalter Nordstürme, und wie

jungfrischer Duft breitete es sich über das Städtchen. Die vier Straßen

lagen einsam im Abenddunkel da. Ein Reiter galoppierte dicht an mir

vorbei -- ein alter Neger schlürfte mit schweren Schritten vor mir dahin

-- ein Buggy mit weißgekleideten Damen knirschte im Sand ... Von droben

glitzerte aus tief dunklem Blau die Sternenpracht nieder. Träumend

schlenderte ich dahin durch die Stadt aus Holz, durch den matten

Lichtschein aus den Fenstern, den das Sternenmeer erdrückte, und malte

mir aus, wie's jetzt wohl aussehen würde droben auf der alten

Herzogsburg oder in meinem braungetäfelten Zimmerchen im guten alten

München. An Negerbuden kam ich vorbei. Überall war es still. Dann

überschritt ich das Eisenbahngeleise und fand mich in einem Gäßchen der

winzigsten Häuschen, die man sich nur denken kann, mitten hingestellt in

den Sand, in den man knöcheltief einsank. Ein halbes Dutzend Häuschen --

eng zusammengedrückt, fein und zierlich. Aus winzigen Fensterchen drang

durch festgeschlossene rote Vorhänge warmes rotes Licht. Von irgendwoher

klang ganz leise ein Liedchen --

_Said the devil: I will be good, boys

Most assuredly I'll be!

But I'd rather not begin just yet, boys --

Therefore, deary little darling, come to me!_

Ganz leise klang es, gesungen von irgendeinem Mädel, und ich lachte

schallend auf über den lustigen Teufel. Ein leises Kichern antwortete.

»_Boy -- boy o' mine!_« flüsterte eine Stimme.

In der Türe eines der kleinen Häuschen schimmerte etwas Weißes, und aus

dem Weißen tauchte ein schmales Gesichtchen mit lustigen Augen auf und

ein Händchen zupfte mich am Ärmel.

»Was willst denn du hier, _my boy_?«

»Ich? Gar nichts!«

»Das ist aber wenig! Oh -- ich kenn' dich aber doch? Freilich, du bist

ja der kleine _Dutchy_ von der Apotheke! Und ist es denn hübsch zwischen

deinen Salben und Fläschchen? Ach, ich möchte einmal einen ganzen Tag

lang bei euch sein und nach Herzenslust von all den schönen, süßen,

kalten Sachen trinken. Ich glaub', ich beneide dich ein bißchen, mein

Junge!«

»Ich mag die Limonaden gar nicht mehr,« antwortete ich sehr verlegen.

»Was sind das nur für komische kleine Häuschen! Und was tust du denn

hier?«

»Ich? Ich heiß' Daisy, mein Junge!«

Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Miß Daisy Benett und die

wundervollen durchplauderten Sommernächte im warmen Golf.

»Ist es nicht ein hübscher Name?«

»Sehr hübsch -- Daisy!«

Und das Händchen packte den Lausbub am Ohr und ein kicherndes Geflüster

sagte ihm, er dürfe hineinkommen, wenn er recht artig sein wolle.

»Im Ernst?«

»Freilich!«

Eine schmale Treppe ging's hinauf, an einer Türe vorbei, aus der Lachen

und Stimmengewirr drang, und dann huschte sie, mich mit sich ziehend, in

ein winziges Stübchen. Da war es blütenweiß und blitzsauber und alles so

sonderbar klein und zierlich. Daisy setzte sich hin und plauderte

unaufhörlich, über alle und jeden im Städtchen. Vor vielen Jahren sei

Mr. Mindus nach dem damals viel kleineren Brenham gekommen und in jener

Straße, in der jetzt die Apotheke liege, habe er mit Hustenmitteln und

Chinin hausiert; an der Ecke stehend, einen kleinen Kasten an Riemen

über die Schultern geschlungen. Der reiche Mr. Mindus! Und wen ich denn

noch kenne? Den Doktor von der Zeitung? Ach, das sei ein guter Mensch,

aber ein furchtbar leichtsinniges Menschenkind, das nie auf einen

grünen Zweig kommen würde.

»Woher weißt du denn das?« fragte ich erstaunt.

»Ja -- wir wissen alles!«

Und die Männer seien schlecht und fade und das Leben ein häßlich Ding.

So schwatzte sie stundenlang und lachte lustig, wenn ich etwas so recht

Unbehilfliches sagte, um dann auf einmal fast traurig vor sich

hinzustarren. Und ich sei ein guter kleiner Junge, und es sei so nett,

wieder einmal zu plaudern. Mir aber schien es, als wohne in ihren Augen

der wärmste Sonnenschein, den man sich nur denken konnte, und es kam mir

vor, als sei das Leben auf einmal viel schöner geworden. Wie hübsch es

doch ist, an törichte Jugend zurückzudenken, an eigene Jugend, da man

harte Dinge noch durch feinzart verbergende Rosenschleier sah. Arme

kleine Daisy ...

Ein schüchterner Kuß im Dunkeln bei der Türe zum Abschied. So lernte der

Lausbub das Mädel kennen und holte sich aus dem Sternengeflimmer beim

Heimweg jauchzende Träume vom Himmel herunter, einen schöner als den

andern; Träume, in denen es durcheinander wirbelte von Sonnenscheinaugen

und leisem Gekicher, als ob das etwas ganz Großes und völlig Unfaßbares

wäre. In den hellen Tag hinein spannen sich die Träume.

Dann und wann kam Daisy in die Apotheke, von den Herrlichkeiten der

Fontäne zu naschen, vergnügt zu mir herüberblinzelnd; dann und wann

gab's Lachen und Plaudern im winzigen Häuschen -- immer nach schweren

Kämpfen mit Mr. Jimmy Hawkins, dem es höchlichst mißfiel, daß auch er

die Schönheit stiller häuslicher Abendstunden einmal auskosten sollte.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3) · 第 6 / 14 题