»Nein.«
»Na, hören Sie 'mal -- dann ist's aber höchste Zeit. Machen Sie, daß
Sie 'runterkommen. Die Treppe dort.«
Ich nahm meinen Handkoffer und stieg hinunter, in einen Riesenraum mit
langen Reihen von Holzgestellen: nebeneinander und übereinander
geschichteten Kojen. Viele Hunderte von Schlafplätzen waren es. Jedes
Bett enthielt eine Strohmatraze, zwei hellbraune Wolldecken und ein
Kopfkissen. Auf jedem Kopfkissen waren ein Blechbecher, ein zinnerner
Teller, Messer, Gabel und Löffel hingelegt. Überall auf den
Holzgestellen kletterten Männer herum, und da und dort stritt man sich
um die Plätze. Ich muß recht hilflos dagestanden haben. Ein Steward sah
mich prüfend an, dann ging er auf mich zu:
»Das wird Ihnen man nich' gefallen hier unten mit die Polacken un' die
Jüden un' die ganze Gesellschaft -- das is nix nich' für junge Herren,
sag' ich. Kommen Sie mit.«
Natürlich ging ich mit. Mir war alles furchtbar gleichgültig. Durch
endlose Gänge und über unzählige Treppen führte er mich ins Bureau des
vierten Zahlmeisters.
»Können wir nich' 'ne Koje fixen für diesen jungen Herrn?« fragte mein
Begleiter den Zahlmeister.
Jawohl, es ging. Gegen eine Entschädigung von zwanzig Reichsmark wollte
der Herr Zahlmeister eine Koje für mich im Vorratsraum aufstellen
lassen. Ja, sie stand merkwürdigerweise schon fix und fertig da, in
einem Winkel, durch eine aufgespannte amerikanische Flagge schamhaft
verhüllt.
»Das is schandbar billig,« flüsterte mir der Steward zu. »Da haben
Sie Glück gehabt. Nu wollen wir aber einen trinken. So 'ne kleine
Flasche Hamburger Kümmel kost' nur 'ne Mark fufzig. Haben Sie zufällig
eine da, Herr Zahlmeister?«
Jawohl; es war eine da.
»Prost!« (Einundzwanzig Mark und fünfzig Pfennige wechselten ihre
Besitzer). Da starrte mich der Steward auf einmal entsetzt an. »'n
Strohhut? Nee, is' nich' möglich -- 'n Strohhut! Mensch, haben Sie keine
Mütze?«
Nein, ich hatte keine Mütze.
»Mensch! So 'n feiner Strohhut -- der geht über Bord, sag' ich Ihnen.
Bei dem Wind! Ich hab' zufällig 'ne Mütze. Kost 'n Taler! 'ne feine
Mütze!«
Natürlich kaufte ich die Mütze.
Dann komplimentierte mich der Zahlmeister höflich aber energisch hinaus.
Ich kennte ja jetzt meinen Schlafplatz. Von 7 Uhr morgens aber bis 9 Uhr
abends hätte ich in seinem Bureau nichts zu suchen.
Auch das war mir sehr gleichgültig -- wie alles und jedes an Bord der
Lahn an jenem ersten Tag. Ich aß fast nichts, interessierte mich für
nichts, lief stumpfsinnig an Deck auf und ab, stand stundenlang in einem
einsamen Winkel an der Reeling, schlich mich früh am Abend in des
Zahlmeisters Bureau, ging ins Bett und weinte unter der Decke wie ein
kleiner Junge ...
Fröhlicher Sonnenschein flutete durch die kleinen rundlichen
Kajütenfenster, als ich am nächsten Morgen erwachte und schläfrig um
mich blinzelte. Was war das für ein Tönen und Surren? Im ganzen Körper
fühlte ich das Vibrieren des vorwärtspeitschenden Riesenschiffes -- mir
war, als läge ich in einer Schaukel, auf und ab schwingend; als würde
ich der Decke zugeschleudert, bliebe dort einen Augenblick hängen und
versänke dann in unendliche Tiefen. Ein Stückchen von mir selbst schien
jedesmal zurückzubleiben; droben an der Decke und unten in der Tiefe.
Einmal hatte ich das entsetzliche Gefühl, als hätte sich mein Magen von
mir getrennt und schwebe irgendwo in der Kajüte. Ich sprang aus dem
Bett, und sofort hörte das Rumoren in meinem Innern auf. Im Handumdrehen
war ich angezogen, eilte an Deck und machte mich mit wahrem Heißhunger
über Kaffee und Brötchen her, die aus einem großen Kessel und einem
Ungetüm von Korb durch zwei Stewards verteilt wurden. Wenig Menschen
waren an Deck. Ich trat an die Reeling. Da draußen war majestätische
Ruhe. Wie die Unendlichkeit selbst sahen sie aus, die immerzu
vorwärtsrollenden Wasserberge, in ihrer gewölbten Mitte tief schwarz und
doch glänzend wie ein Spiegel grünblau aufsteigend, schaumig weiß an den
Rändern. Dann überholte der eine Wasserberg den andern,
zusammenstürzend, und eine neue Welle wurde aus ihnen geboren, zu kurzem
Spiel. Nimmer aufhörende Bewegung und doch verkörperte Ruhe. Ich trank
die salzige Luft ein, die einem die Augen aufleuchten ließ und das Blut
schneller durch die Adern jagte. Und schaute in den Sonnenhimmel. Frisch
und froh und leicht fühlte ich mich. »So schmiede dir denn selber dein
Glück --« Vergangen war vergangen und feige wäre es, die Ohren hängen
zu lassen. Hast du Schneid genug zu dummem Leichtsinn gehabt, so mußt du
auch Schneid genug haben, nicht in nutzloser Reue zu flennen.
Ich wurde unternehmungslustig und stieg ins Zwischendeck hinab. Es war
fürchterlich da unten. Armselige Häuflein menschlichen Elends lagen auf
den Kojen herum, mit grüngelben Gesichtern, jammernd in den Qualen der
Seekrankheit, zu energielos, um in frische Luft an Deck zu gehen. Eine
Unterwelt des Stöhnens und der Gerüche. Und die Konsequenzen der
Seekrankheit machten sich sehr bemerkbar, so daß ich allen Göttern für
mein Schlafplätzchen im Vorratsraum dankte.
»Se belieben nix ssu sein seekrank?« fragte mich ein alter Jude, der
knoblauchduftend auf einem Bündel neben seiner Koje saß.
»Nein.«
»Nu, das frait mich. Was ham Se genommen ein for de Magen?«
»Nichts. Ich blieb nur in der frischen Luft.«
»Püh, frische Luft. Wer' ich raufgehen ssu sitzen in der frischen Luft?
Wer' ich nich'! Bin ich gegangen rauf und hab mer gesetzt auf Stricke.
Is 'n Goj gekommen, wo hat ge--soogen an die Stricke un' bin ich
gefallen auf 'n Rücken.
»'s Tauwerk is nich' zum Sitzen da,« sagt er.
»Se ver--sseihen gütigst,« sag ich. Nu bin ich gegangen ssu sitzen auf
'e Bank ganz vorne.
»Paß man auf. Da is feucht!« sagt der Goj.
Nu, ich bin geblieben sitzen. De Bank is for alle da und er hat mer nix
nich' ssu sagen, denk' ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e
Welle un' macht mer himmelschreiend naß. Waih geschrien, sag ich, was is
das for e Gemeinheit?«
»Siehste,« sagte der Goj.
»Nu belieben Se gütigst ssu verstehen, daß ich nix will wern naß un'
nix will haben tun mit die Gojim vons Schiff. Püh! Was wern Se machen
drieben, wenn ich fragen derf?«
»Weiß ich noch nicht.«
»Nu? wie haißt? Sind Se e Millionär?«
»Nee! Leider nicht. Was wollen denn Sie in Amerika anfangen?«
»Nu, der Silberberg is gegangen nach e böse Pleite in Wodcziliska in
Galizien nach New York, un' is geworden e gemachter Mann. Bei de
Geschäfte is' ssu machen e Rebbach, schreibt er an de Verwandtschaft. Nu
-- wer ich handeln -- wie der Itzig Silberberg aus Wodcziliska.«
Als ich wieder oben war und dankbar die frische Luft einatmete, lachte
ich laut und lange über den handelstüchtigen Sohn Israels. Dann wurde
ich nachdenklich.
»Was wern Se machen drieben?...«
Zum Teufel auch, was würde ich eigentlich anfangen? Was werden wir
essen? Was werden wir trinken? Ich glaube, ich habe dieser wichtigen
Lebensfrage etwa zehn Minuten gewidmet. Zukunftssorgen waren bis jetzt
nicht meine Spezialität gewesen: In schleierhaften Erinnerungen an
allerlei Indianerbücher dachte ich an galoppierende Pferde und
schießende Cowboys, und ... damit war der Schatz meines Wissens
erschöpft. Hm, abwarten. Es war mir ja auch so unendlich gleichgültig.
Da drüben, irgendwo in der zusammenfließenden Masse von Himmel und
Wasser würde in so und so viel Tagen neues Land auftauchen, neue
Menschen, neue Dinge. Das würde zweifellos sehr interessant und sehr
lustig sein. Ich freute mich schon so auf dieses neue Land, als hätte
ich weiß Gott welche wichtigen Pläne. Nebenbei mußte man dann allerdings
Brot verdienen. Man mußte arbeiten oder dergleichen. Irgend etwas. Nun,
das würde sich schon finden.
»Hinter dem Reiter auf dem Pferde sitzt die schwarze Sorge ...«
Das war mir schon in Tertia komisch vorgekommen. Laß sie doch sitzen!
Und ich pfiff mir eins und entschied, die Sache sei vorläufig erledigt.
Es klang famos, ein Glückssoldat zu sein. Das Wesen eines Glückssoldaten
war mir zwar sehr schleierhaft, aber ich vermutete, die Hauptsache sei,
sich um nichts zu kümmern, was ich wunderschön fand, und wozu ich
unbestritten großes Talent hatte.
Alles war überhaupt wunderschön. Prachtvolles Gefühl, so sein eigener
Herr zu sein. Freilich -- ein dutzendmal jeden Tag sah ich an mir
hinunter, konstatierte, daß mein heller Sommeranzug ausgezeichnet saß
und wünschte mich sehnlichst zu den eleganten Herren und Damen auf das
Promenadedeck hinüber. Da gehörte ich doch hin! Von Rechts wegen!
Nach und nach waren all die Jammergestalten nach überstandener
Seekrankheit an Deck gekommen und verzehrten mit großer Regelmäßigkeit
unglaubliche Mengen der derben Schiffskost, als wollten sie Versäumtes
wieder einholen. Da waren oldenburgische Bauern, wortkarge Hünen, die
den ganzen Tag lang in besorgter Wacht auf ihren Habseligkeiten saßen
und niemals mit irgend jemand sprachen. Da waren galizische Juden,
ungarische Arbeiter, deutsche Handwerker.
Sie hockten gewöhnlich in Gruppen zusammen. Sie scherten sich den Teufel
um die Schönheiten des Meeres und die Fremdartigkeit des
Schiffskolosses, aßen und tranken und rauchten und wuschen Wäsche und
flickten Zeug und machten aus dem Zwischendeck ein Dorf mit alten
Gebräuchen und alten Sitten. Die Weiber säugten ihre Kinder und holten
ihren Männern das Essen und tanzten kreuzfidel, wenn der lustige
bayrische Bierbrauer seine Ziehharmonika herbeiholte, und die Männer
stritten sich und vertrugen sich wieder und erzählten ein wenig und
logen ein bißchen, und die Stewards spielten bald die Polizeigewaltigen,
weil sie Deutsche waren und ihnen das im Blut steckte; bald erinnerten
sie sich daran, daß sie Kellner waren, und ergatterten Nickel.
Die oldenburgischen Bauern hatten Geld im Sack und gingen nach Kansas,
um sich in einer deutschen Ansiedlung Land zu kaufen. Die Handwerker
berichteten Wunderdinge von amerikanischen Wunderlöhnen -- die
ungarischen Arbeiter schnatterten den ganzen Tag in ihrer aufgeregten
Art -- die Juden hockten auf Kisten und Koffern zusammen und
mauschelten.
Ich hatte wenig Verständnis für sie und ihre Art; das Zwischendeck der
Lahn ist mir eine verschwommene Erinnerung, aus der nur ein paar
Menschen auftauchen.
Da war ein schlankes Mädel mit hungrigen Augen. Sie reiste allein und
erzählte jedem, der es hören wollte, daß sie des Dienstmädchenspielens
und der gnädigen Frauen überdrüssig sei und -- ja, da drüben gab's Geld,
viel Geld und schöne Kleider, und sie sei ganz gewiß nicht dumm. Die
Frauen im Zwischendeck betrachteten sie mit tiefster Abneigung, und die
Männer verdrehten die Augen, wenn sie sich blicken ließ. Sie saß
stundenlang ganz vorne an der Spitze des Schiffes und starrte aufs Meer
hinaus. Einmal setzte ich mich neben sie.
»Einen Pfennig für Ihre Gedanken!«
»Hoh!« sagte das Mädel, und ihre Augen lachten, »meine Gedanken sind
viel mehr wert.«
»Wieviel denn?«
»Nicht zum sagen. Ich hab' daran gedacht, daß ich alles Schöne haben
will, was es nur gibt -- alles, alles!«
Sie drehte sich um und sah mich an. Ich war zu jung damals, um in den
hungrigen Augen zu lesen, und sie lachte und ging weg.
Und da waren meine beiden Däninnen. Schwestern, blutjunge Dinger in
blauen Matrosenanzügelchen und kleinen schwarzen Hütchen. Sie saßen
immer zusammen und kicherten, und wenn die Sonne schien, leuchteten die
goldblonden Haare. Ich sagte einmal irgend etwas zu ihnen, da
schüttelten sie lachend die Köpfe, denn sie sprachen nur dänisch und
verstanden keine andere Sprache. Am letzten Abend der Reise aber war ich
mit ihnen zusammen. Spät war's schon, und ich saß allein auf dem dunklen
Verdeck und starrte in die Sternenwelt hinaus. Da kamen die Schwestern,
kichernd und lachend, und eine setzte sich rechts von mir und eine
links. So blieben wir die ganze Nacht im Dunkeln und schauten aufs Meer
hinaus und schauten einander an, und betrachteten das Sternengeglitzer
und freuten uns, wenn die Wellen silberschäumend aufblitzten. Stunde auf
Stunde verrann, und wir rückten immer enger zusammen.
Ohne auch nur ein einziges Wort sprechen zu können.
Ich hab' die beiden armen Dinger nach Jahren wieder gesehen in
jämmerlichem Elend. Aber das ist eine andere Geschichte.
* * * * *
Wie ein feiner Dunstschleier lag's über dem Meer. Graue Gebilde tauchten
auf am Horizont, kaum sichtbar in verschwommenen Umrissen, aber von
erdrückender Masse, schwer, ungeheuer. Sie wuchsen, stiegen empor,
nahmen Form und Gestalt an, zergliederten sich in schattenhafte
Häusermassen, zerteilt, interpunktiert von himmelstrebenden,
riesengroßen Schatten, die grob und eckig wie Würfel aussahen und
gewaltig, als habe eine übermenschliche Hand sie hingestellt. Das Meer
wurde lebendig. Schiffe kamen in Sicht -- Dampfer, groß und klein,
Segler, Ozeanschlepper. Und langsam lösten sich aus den Schatten Farben
heraus, das Meer erdrückend, als wolle die Riesenstadt sagen: Hier
herrsche ich!
Getöse überall. Aus dem Wasser taucht ein Weib auf, fackelschwingend,
eine Strahlenkrone um das Haupt, die Statue der Freiheit. Nun fahren wir
mitten im Häusergewirr, das auf allen Seiten unabsehbare Linien von
Schiffen bunt umsäumen, in allen Farben, in allen Größen.
Zwei zierliche Schleppdampfer drängen unseren Schiffskoloß hübsch
langsam und vorsichtig an den Pier, von dem aus schwarzer Menschenmenge
weiße Tücher grüßend flattern. Die Gangplanken werden gelegt, die
Kajütspassagiere gehen an Land, die Dampfwinden fördern eilend ihre
Kofferlasten aus dem Schiffsbauch. Wir Zwischendeckler müssen lange
warten, bis auch wir das Schiff verlassen dürfen und uns in der
Landungshalle zur Zollrevision aufstellen können.
Die ging schnell genug vorüber; bei den armen Leuten vom Zwischendeck
war nicht viel zu holen für Onkel Sam. Dann marschierte man uns auf
einen kleinen Dampfer, der uns nach den Auswandererhallen hinübertrug.
Es war ein riesengroßer Raum, durch Holzwerk in lange, schmale Gänge
eingeteilt, mit kleinen Holzhäuschen für die Ärzte und die
Auswanderer-Kommissare. An denen mußten wir im Gänsemarsch
vorbeischreiten. Nach einer Stunde etwa kam auch ich an die Reihe. Der
Arzt sah mich flüchtig an und winkte nur mit der Hand, ich dürfe
weitergehen; der Kommissar fragte mich nach meinem Namen und sah auf
einer Liste nach, die er in der Hand hielt.
»Sie sind Deutscher?«
»Ja.«
»Was haben Sie in Deutschland gearbeitet?«
»Nichts!« platzte ich heraus, und der Beamte lachte.
»Was wollen Sie hier in Amerika?«
Ich muß wahrscheinlich auf diese Frage ein recht dummes Gesicht gemacht
haben, denn der Beamte wartete die Antwort gar nicht ab und fragte
lächelnd:
»Zeigen Sie mir die erforderlichen dreißig Dollars.«
Er warf einen flüchtigen Blick auf die Goldstücke in meinem
Geldtäschchen.
»Schön. Sie können passieren. Und viel Glück!«
Da stand ich nun in der kleineren Seitenhalle mit ihren Kofferbergen und
mir fiel ein, daß auf dem Fahrschein der Dampferlinie, die mich nach
Texas bringen sollte, umständlich auseinandergesetzt war, man müsse bei
der Ankunft in New York die Fahrkarte auf den Hut stecken. Das tat ich.
Sofort schoß ein bewegliches kleines Kerlchen auf mich zu:
»Hello, _mister_. Sie fahren mit der Mallory-Linie. Ich bin der Agent.
Alles in Ordnung. Geben Sie mir Ihren Gepäckschein her. So! Bleiben Sie
hier stehen. Rühren Sie sich ja nicht vom Platz. Sie haben gar nichts
zu tun. Wird alles besorgt. Ist alles bezahlt.«
Und weg war er. Bald sah ich ihn hier, bald dort im Menschengedränge
auftauchen, und immer hatte er neue Schutzbefohlene am Wickel, die er
schleunigst zu mir in die Ecke führte. Endlich waren wir vollzählig.
»Eins, zwei, drei -- sieben!« zählte er. »_Allright._ Alles in
Ordnung. Gepäck wird gebracht. Gehen wir. Immer hinter mir drein!«
So betrat ich die Straßen New Yorks.
Ein Tag in New York.
Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. -- Hallelujamädchen.
-- Im Park.
»Bleiben Sie lieber im Heim,« meinte das kleine Männchen. »Es ist
gescheiter und billiger!«
»Fällt mir nicht im Traum ein,« sagte ich.
»_Well_, ich habe Sie gewarnt. Dies ist eine große Stadt, eine feine
Stadt, aber eine merkwürdige Stadt. Wenn Sie morgen in Ihr leeres
Portemonnaie gucken und weinen, dann ist's Ihr eigenes Begräbnis! Also
der Dampfer geht morgen früh um acht Uhr ab!«
Und er trippelte aus dem Bureau.
Ich sah ihm lachend nach. Hier im Auswandererheim in der _State Street_
wehte Zwischendeckluft, und Zwischendeckluft hatte ich gründlich satt.
Da waren große Räume mit lauter Schlafplätzen dreifach übereinander;
Kojen, richtige Kojen -- da war ein Eßraum mit riesig langen Tischen und
Bänken. An denen saßen Auswanderergestalten, denn es war gerade
Essenszeit. Und Bündel lagen umher, und dumpfe Luft war in dem Raum, und
ich machte, daß ich hinauskam.
»Wohin?« fragte der Mann mit der Mütze, der an der Türe stand.
»'raus!«
»Lieber nicht. Viel zu heiß zum Spazierengehen.«
»Mir egal. Ich will 'raus.«
»Hm. Fahren Sie weiter?«
»Ja. Mit dem Mallory-Dampfer morgen früh.«
»Texas? Was Sie nicht sagen! Haben Sie schon 'n Revolver?«
»Mann!« sagte der mit der Mütze erstaunt und mitleidig, als ich den
Kopf verneinend schüttelte. »Da unten muß man unbedingt 'n Schießeisen
haben!«
Daß ich aber auch daran nicht gedacht hatte! Ich machte mir schwere
Vorwürfe über meinen unverzeihlichen Leichtsinn und war von tiefer
Dankbarkeit erfüllt, als der Mann mit der Mütze sich erbot, mir einen
Laden zu zeigen. Er führte mich in ein Geschäft am Broadway, flüsterte
mit dem Verkäufer, bekam irgend etwas in die Hand gedrückt, und ging
wieder. Er dürfe nicht lange fortbleiben -- der _gentleman_ dort würde
mich schon _fixen_.
»_I -- I desire to buy a revolver!_« stotterte ich.
»_Certainly_,« antwortete der Verkäufer. »_Talk German._ Bitte,
sprechen Sie nur deutsch. Sie wünschen einen Revolver?«
Ich bejahte.
»Sie müssen natürlich das beste haben, was es nur gibt, besonders da
Sie nach Texas reisen, wie mir der Mann vom Heim sagte. Dort kann das
Leben eines Mannes leicht genug von der Güte seiner Waffe abhängen!«
(Texas muß ja fa--mos sein! Dachte ich mir, freudig überrascht).
»Ich möchte Ihnen diesen Smith und Wesson Revolver bestens empfehlen.
Feinster Nickelstahl. Selbsttätiger Patronenauswurf. Selbstwirkende
Sperrvorrichtung. Treffsicherheit auf dreihundert Meter garantiert.
Kolossal bequem in der Hüftentasche zu tragen!«
»Ich weiß doch nicht ...« sagte ich, die kleine Maschine möglichst
sachverständig betrachtend. »Gerade mit diesem System bin ich nicht
vertraut.« (Ich verstand überhaupt nichts von Revolversystemen.)
»Ich erkläre Ihnen den Mechanismus genau. Außerdem können Sie die Waffe
auf unserem Schießstand probieren. Diese Tür dort!«
Ich zitterte vor Freude. Das war ja wunderbar. Kaum konnte ich meine
Ungeduld meistern, als wir in die Schießbahn kamen, und er mir zuerst
den Mechanismus, das Laden, das Patronenauswerfen zeigte. Endlich gab er
mir den Revolver in die Hand, und schleunigst knallte ich auf die von
Glühlampen hellbeleuchtete kleine Scheibe los.
»Ausgezeichnet!« rief der Waffenhändler.
»Hab' ich getroffen?« fragte ich erratend.
»Ob Sie getroffen haben?« meinte er. (Als ob das gar nicht anders
möglich sei.) »Selbstverständlich. Ins Zentrum haben Sie getroffen!«
Beinahe hätte ich Hurrah geschrien. Ich freute mich wie ein kleiner
Junge. Nach dem zwölften Schuß ging der Waffenhändler zur Scheibe und
brachte mir das Stückchen Pappe. Sämtliche Schüsse saßen in den beiden
inneren Kreisen. Wie stolz ich war! So stolz, daß ich ohne weiteres den
sehr teuren Revolver kaufte. Hätte ich damals schon gewußt, daß es ein
alter Trick amerikanischer Waffenhändler ist, auf den Schießständen
sauber zurechtgeschossene Scheiben in Bereitschaft zu haben, die den
Kunden für ihre eigenen unterschoben werden, so würde ich wohl bedeutend
weniger eingebildet gewesen sein!
Die sollten mir nur kommen in Texas! Meine texanische Zukunft schien mir
gesichert! Ich besaß einen Revolver!
* * * * *
... Ich muß versucht haben, den Fahrweg des Broadway zu überschreiten.
Eine elektrische Straßenbahn wenigstens gab sich die erdenklichste Mühe,
mich zu rädern -- die Pferde eines Lastwagens versuchten mit zynischem
Gleichmut, mir die Füße wegzutreten -- ein Radfahrer kollidierte zuerst
mit meinen Rippen und hielt sich dann vertrauensvoll an meinem Halse
fest -- und siebenundzwanzig Kutscher brüllten zu gleicher Zeit auf mich
ein.
»Hilfe!« schrie ich.
Da tauchte ein Hüne von Polizist mit grauem Helm, blauem Rock und einem
niedlichen kleinen Knüppel in der Hand neben mir auf, sah mich
mißbilligend an und hob den kleinen Finger der rechten Hand ein bißchen
in die Höhe. Wie durch Zauberschlag standen all' die Wagen still,
schwiegen all' die Kutscher, hörten all' die Elektrischen mit ihrer
dröhnenden Klingelei auf. Und der Hüne faßte mich behutsam am Arm und
bugsierte mich auf die andere Seite der Straße.
»Donnerwetter!« rief ich.
»Oh -- aha!« sagte der _policeman_ in deutscher Sprache. »Frisch von
drüben? Lassen Sie sich in eine Unfallversicherung aufnehmen!«
Sprach's und schritt majestätisch weiter. Ich aber guckte betrübt an mir
hinab und konstatierte, daß mein Rock bestaubt, meine Stiefel mit
Schmutz bespritzt und meine Manschetten zerknüllt waren.
Da sah ich an der Straßenecke einen pompösen, mit Messingblech
verzierten Lehnstuhl stehen, vor dem ein Negerjunge hockte, und ich
begriff, daß das ein Etablissement zum Stiefelputzen war.
Wie hießen doch Stiefel auf englisch? Richtig -- _boots_. Aber wie
drückte man sich auf englisch aus, wenn man etwas geputzt haben wollte?
Keine Ahnung! Damals begann ich zum erstenmal, speziell den Lehrern der
englischen Sprache zweier bayrischer Gymnasien allerlei Übles an den
Hals zu wünschen. In Zukunft tat ich das noch häufig. Wie der schöne und
wahre Satz: »Die Tugend ist das höchste Gut« auf englisch hieß, das
hatte man uns gelehrt; die spartanischen Jünglinge und die verschiedenen
Enormitäten ihrer Erziehung -- das war ein sehr beliebtes
Übersetzungsthema gewesen. Aber wie man sich auf englisch die Stiefel
putzen ließ -- das war den Herren Humanisten wahrscheinlich zu
gewöhnlich gewesen. Und auf dem Broadway von New York dankte ich den
Göttern, daß ich als Primaner in Burghausen so viele englische
Schundromane gelesen und so viele englische Liebesbriefe geschrieben
hatte. Sonst wär' ich dagesessen mit meinem humanistischen Englisch!
Nein, das Wort für reinigen fiel mir nicht ein. Ich kletterte daher
wortlos auf den Lehnstuhl. Der Neger fiel auch sofort über meine Stiefel
her, bürstete, ölte, frottierte mit sieben verschiedenen Tüchern und
erzielte eine glänzende Herrlichkeit, die ich mit Staunen betrachtete,
während ich meinen Schädel damit quälte, wie ich elegant fragen könnte,
was die Geschichte kostete.
»_What does that cost?_« meinte ich schließlich.
»_A nickel_ -- fünf Cents,« grinste der Neger. »Deutsches, heh? Nix
englisch, heh?«
Und tief beschämt gab ich ihm meinen Nickel.
Es war so heiß, daß man kaum atmen konnte; es war, als strömten Fluten
glühender Luft aus dem Asphalt der Straße. Ich beneidete die westenlosen
Herren mit ihren dünnen Jäckchen und die Damen, die Fächer trugen und
sich unablässig Kühlung zufächelten; ich wunderte mich, daß trotz der
Hitze alle Leute so rannten; war erstaunt, als ich durch eine
Spiegelscheibe in ein Bankgeschäft hineinguckte und lange Reihen von
Angestellten in Hemdärmeln sitzen sah; in eleganten Hemdärmeln, an den
Ellenbogen von breiten bunten Seidenbändern zusammengehalten. Aber
immerhin in Hemdärmeln. Ich guckte in alle Läden hinein, starrte
verblüfft an himmelragenden Wolkenkratzern empor, ließ mich vorwärts
schieben im Straßengewühl. Ein Barbierladen brachte mich auf die Idee,
mich weiterhin verschönern zu lassen.
Eine Viertelstunde lang saß ich in der Reihe der Wartenden, bis eine der
emsig arbeitenden Gestalten in fleckenlosem weißen Linnen mich ansah und
rief:
»_Next!_«
Der Nächste! Ich war an der Reihe.
Der Barbier war ein Künstler. Leise wie ein Hauch glitt er mir über das
Gesicht. Auf einmal spürte ich etwas an meinen Füßen, merkte, daß ein
Neger sich heimtückischerweise herbeigeschlichen hatte und mir die
Stiefel putzte! Herrgott, sie waren doch schon geputzt worden! Ich
wollte protestieren. Es ging aber nicht, weil der Künstler gerade an
meinen Mundwinkeln operierte. Lieber die Stiefel zweimal geputzt als
einmal geschnitten, dachte ich mir.
Da! Jemand ergriff meine rechte Hand. Diesmal wäre ich fast
zusammengezuckt. Mühsam aus den Augenwinkeln schielend, stellte ich
fest, daß ein anderer Neger mit Scheerchen und Feilen und Bürstchen
meine Nägel bearbeitete! Na, meinetwegen.
Dreimal wurde ich eingeseift, dreimal rasiert. Dann legte sich auf
einmal ein weißes Tuch über mein Gesicht --
Ich brüllte! Das Tuch war kochend heiß.
»_Nice, aint it?_« fragte der Barbier.
_Nice_ -- das hieß hübsch. Die New Yorker Barbiere schienen mir einen
grotesken Geschmack zu haben. Aber wirklich, nach dem ersten Schrecken
fühlte man sich erfrischt, wohlig. Von Zeit zu Zeit fragte mich der
Barbier irgend etwas, und ich nickte nur mit dem Kopf, weil ich seinen
Geschäftsjargon nicht verstand.
So übergoß er meine Wangen mit höllischem Feuer und salbte mich mit
kühlenden Wohlgerüchen -- zerschlug ein Ei auf meinem armen Schädel und
brühte mir die Haare, um gleich darauf durch einen eiskalten Guß einen
brillanten Kontrast zu erzielen -- schnitt mir die Haare -- rasierte mir
den Nacken -- frottierte, rieb, schund mich. Aber es war sehr schön!!
»_Thank you!_« sagte der Künstler.
Und die junge Dame an der Kasse präsentierte mir mit bezauberndem
Lächeln eine Rechnung von fünf Dollars und packte mir eine Haarbürste,
eine Zahnbürste und eine Dose mit Pomade fein säuberlich ein. Ich fiel
beinahe in Ohnmacht. All' das Zeug hatte ich nickenderweise in aller
Unschuld gekauft! Ich wollte protestieren, ich wollte -- -- da sah mich
die junge Dame mit einem süßen Blick an, mit einem Blick, der
einen Eisblock hätte schmelzen können. Da tat auf einmal die
Fünf-Dollarrechnung gar nicht mehr weh. Ich bezahlte nicht nur, sondern
ich bezahlte mit Vergnügen.
Stundenlang wanderte ich ziellos umher, beschauend, staunend. Mir kam's
vor, als sehe eine Straße wie die andere aus, als herrsche überall das
gleiche verwirrende Getöse, das gleiche Getümmel. Ein Eindruck
verwischte den andern. Ich fing an müde und vor allem hungrig zu werden.
Da sah ich ein Schild mit grellen roten Buchstaben: Restaurant.
Schleunigst trat ich ein.
An kleinen Tischen saßen Männer, in angestrengter Arbeit vornüber
gebeugt. Sie aßen krampfhaft darauf los, als sei dies ein Preisessen,
mit einem tüchtigen Preis für den, der zuerst fertig würde. Speisekarten
gab's nicht. Dafür hingen überall an den Wänden Plakate mit Namen von
Gerichten, und riesengroße Schilder besagten, daß hier ein Einheitspreis
herrsche. Was man auch aß, alles kostete fünfundzwanzig Cents.
»Was ist's Ihrige?« brüllte der Kellner im Vorbeijagen.
»_Beefsteak!_« schrie ich ihm nach.
»_Medium?_« brüllte er zurück.
»_Yes!_« schrie ich auf gut Glück, denn ich hatte keine Ahnung, was
"medium" bedeuten sollte. (Das Wort ist ein echt amerikanischer
Spezialausdruck, Restaurantjargon, und heißt "mittel", halb
durchgebraten.)
»Tee, Kaffee, Milch?« erkundigte sich der Ganymed, vom anderen Ende
des Lokals herüberschreiend.
»Bier!« rief ich entrüstet.
»Nix Bier!« johlte er zurück. »Tee, Kaffee, Milch ...«
»Milch!« schrie ich. Ich war empört. Nicht einmal ein Glas Bier konnte
man also bekommen! Wäre ich meinem Englisch nicht so mißtrauisch
gegenübergestanden, so hätte ich dem Kellner gründlich meine Meinung
über seine unkommentmäßigen Getränke gesagt!
Nach wenigen Sekunden schon stürzte er auf meinen Tisch los. Ich starrte
ihn in jähem Erstaunen an. Der Mensch mußte im Nebenberuf Jongleur sein,
denn er balanzierte auf ausgestrecktem linkem Arm eine Pyramide von
hochaufgetürmten Schüsseln und Schüsselchen mit allerlei Gerichten, mit
einer Selbstverständlichkeit, als sei für ihn das Gesetz der Schwerkraft
aufgehoben. Von den dutzend Schüsseln, die da auf seinem Arm schwebten,
nahm er die oberste und warf sie mir hin. Jawohl -- warf sie mir hin.
Die Platte glitt über das Tischtuch und rutschte niedlich in Position
vor meinen Platz. Der reine Zaubertrick. In gleicher Art kam ein
Schüsselchen mit gebratenen Kartoffeln gerutscht und ein Glas Milch.
Dann warf er mir ein rosa Pappstück hin mit dem gestempelten Aufdruck:
25 Cents. Das war die Rechnung. Man bezahlte an einer kleinen Kasse.
Ich glaube, ich habe sehr rasch gegessen. Erstens war ich hungrig und
das Beefsteak ausgezeichnet, und zweitens steckte die Schnellesserei an.
Man konnte in der nervösen Hast dieser Futterstelle mit Dampfbetrieb so
etwas wie beschauliche Gemütlichkeit nicht bewahren.
Wieder stand ich in dem Straßenlärm. Über das hohe eiserne Gerüst in
der Straßenmitte donnerten alle Augenblicke Eisenbahnzüge. Es fing an
dunkel zu werden. Lichter flammten auf, das Meer von Reklameschildern
und Plakaten hell beleuchtend. Denn ein Laden reihte sich hier an den
andern. Die Straßenfront war eine ununterbrochene Folge von
Schaufenstern, von Trödelläden, Kneipen, Kleidergeschäften, Bazaren,
Theatern. Und ein jeder versuchte seinen Nachbarn durch grelle
Anpreisung zu übertrumpfen; hier glitzerten hunderte von Glühlämpchen in
einem Schaufenster, dort lenkte ein schwingendes Feuerrad die
Aufmerksamkeit auf billigen Schmuck, da sollte ein lichtumrahmter
Farbenklecks einer Tänzerin mit flatternden Jupons und rosabestrumpften
Beinen in ein Varieté locken. _Cheap_, billig, war das Motto der
Straße. Billig, billig -- stand überall in Rot und Grün und Gelb
angeschrieben -- billig, schrien an jedem zweiten Fenster Buchstaben aus
Glühlampen geformt. Billig, billig ...
Die Straße war die Bowery, das Viertel der Armut, des Lasters, des
billigen Vergnügens. Das wußte ich freilich damals nicht. Ich sah nur,
wie erbärmlich der lichtumflutete Tand in den Fenstern war -- wie das
Geschäft der Straße hinter dem Pfennig herhetzte -- wie die Menschen
sich drängten und starrten und gafften. Energische jüdische Herren
versuchten, mich in ihre Kleidergeschäfte hineinzuziehen, eine junge
Dame rempelte mich an, ein Mann, der aus einer Bar hinausgeworfen wurde,
sauste an mir vorbei und hätte mich beinahe mitgerissen. Matrosen
johlten. Neben Herren, die trotz ihrer Seidenhüte und trotz der
Brillantbusennadeln merkwürdig gewöhnlich aussahen, drängten sich
Gestalten in halbzerrissenen Kleidern, Neger, Dirnen, barfüßige Kinder.
An den Ecken lungerten Männer und Frauen, riesige Polizisten schritten
langsam auf und ab. Man war wie eingekeilt. Denn auch der Straßenrand
bildete eine einzige Linie von Licht und Verkaufsbuden, von rollenden
Läden. An jedem der kleinen Wagen steckte eine Petroleumfackel, und der
rote Schein stach sonderbar von den weißen Lichtfluten der Bogenlampen
ab. Da waren Obstverkäufer und Blumenhändler und Limonadekarren. Ein
behäbig aussehender Mann in weißer Schürze hatte einen riesigen Kessel
um sein Bäuchlein geschnallt, einen tragbaren Ofen. Man sah die
glühenden Kohlen auf dem Rost. Er wanderte hin und her am Straßenrand,
aus Leibeskräften schreiend: Wiener Wurst -- Wiener Wurst, _gentlemen_
-- _hot Wiener Wurst_. Da kam ein wanderndes Restaurant, ein kleines
Häuschen auf Rädern von einem Esel gezogen, das _sandwiches_ und
_beefsteaks_ anpries. Daneben stand das Tischchen eines Händlers, der
Spielkarten verkaufte. Die Straße war eine Hölle von Lärm und Getümmel
und Gerüchen -- ich wurde gestoßen und gedrängt, bis ich mir so hilflos
vorkam wie ein biederer Bauer aus Feldmoching auf dem Münchener
Oktoberfest ...
Da ertönte ein Trompetenstoß und helle Frauenstimmen sangen, das
Gedröhne übertönend:
_Hallelujah --
Hallelujah, this is the day of the Lord.
Hallelujah -- Hallelujah!_
Vier Mädchen in den häßlichen Hüten und den blauen Jacken der Heilsarmee
standen an der Straßenecke, eine amerikanische Flagge ausgespannt in den
Händen. Die Straßenbummler scharten sich um sie, und dann und wann warf
jemand ein Geldstück in die Flagge. Da -- jetzt sangen die schönen
Mädchenstimmen in deutscher Sprache:
»Flieh' doch die Versuchung,
Die Leidenschaft brich!
Glaub' immer an Jesum,
Er rettet auch dich.«
Salbungsvoll, marktschreierisch, unangenehm. Und doch -- wie das klang
... In dieser Straße. Unter diesen Menschen!
* * * * *
Das Auswandererhaus lag grau und nüchtern da. In der drückenden
Abendschwüle hatte der Gedanke an die vielen Menschen in den kahlen
Räumen, an die Bettreihen der Brettergestelle, etwas Abstoßendes. So
wanderte ich noch umher trotz aller Müdigkeit. Ganz in der Nähe fand ich
einen kleinen Park, Anlagen mit duftendem Jasmingebüsch und breiten
Bänken, ein grünes Fleckchen, eingekapselt zwischen den Schiffsreihen
des Hafens und den Häusermassen der Wolkenkratzer. In einem Winkel war
noch ein Plätzchen auf einer Bank, neben einem Liebespärchen, lachenden,
schwatzenden jungen Menschen.
Der Park lag in weichem Halbdunkel. Draußen auf allen Seiten flutete es
von Licht, von den Tausenden von Lichtpünktchen im Hafen bis zu dem
grellen Bogenlampenschein der Citystraßen. Rot und gelb und weiß blitzte
es auf -- Feuerräder, die irgend eine Reklame umrahmten hoch droben in
der Luft auf Wolkenkratzern; Dampfer im Hafen, die mit ihren vielen
Fenstern und Hunderten von Glühlampen aussahen wie schwimmende
Lichtmassen; ein Meer von Licht überall. Und, wie aus weiter Ferne
kommend, ein dumpfes Getöse, der vibrierende Ton des nächtlichen New
York, die Nachtsprache der Riesenstadt, die sich aus Millionen, aus
Milliarden von Einzelgeräuschen zusammensetzt, ein unbeschreiblicher
Ton, bald wie leises Flüstern, bald anschwellend zu dröhnendem
Tumult ...
Da kam aus Müdigkeit und Verlassensein das Heimweh über mich. Auf der
Bank im Hafenpark unter einer Laterne schrieb ich den ersten Brief an
meine Mutter. Einen lustigen Brief. Über den Barbier und das Restaurant
und die Bowery.
Das Pokerschiff.
Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen Nationallaster.
-- »_Fine game_, dieses Poker!« -- Die Weisheit des Bluffens.
-- Key West und Johnny Young aus San Antonio. -- Eine bissige
Bemerkung über Millionäre. -- Im Salon! -- _Good bye, Miss
Daisy ..._ -- Dies ist Texas, mein Sohn!
»_There you are! Good bye!_« sagte der zappelige kleine Agent der
Mallorylinie, auf die Gangplanken des Texasdampfers deutend, nickte mir
zu und verschwand im Gewühl.
Ein Höllenlärm herrschte auf dem Pier trotz der frühen Morgenstunde.
Scharen von Arbeitern rannten vom Pier zum Dampfer und vom Dampfer zum
Pier. Säcke, Kisten, Fässer schienen in der Luft umherzufliegen;
Dampfwinden kreischten. Eine dröhnende Stimme von der Kommandobrücke
trieb fluchend zur Eile an. Rußig und ungewaschen sah der schwarze
Dampfer mit den grellroten Schornsteinbändern aus. Zwischen
dahinstürmenden Menschen und daherpolternden Kaufmannsgütern kletterte
ich an Deck, ohne daß eine Menschenseele sich um mich kümmerte. Hier
gab's keine väterliche Fürsorge wie beim Norddeutschen Lloyd -- keine
Polizisten, keine eleganten Schiffsoffiziere, keine uniformierten
Stewards, die einem Plätze anwiesen ... Ein Mann in Hemdärmeln (dafür
trug er aber elegante Beinkleider, Lackstiefel und eine goldberänderte
Offiziersmütze) sah mich verwundert an, als ich ihm meine
Zwischendeckskarte zeigte, und deutete einfach mit dem Daumen nach der
Vorderdeckstreppe. Ich stieg hinab. In einem mäßig großen
Zwischendecksraum standen eine Menge Kojen. Aber jede war mit irgend
einem Gepäckstück belegt. Da kam ein Mann in weißer Jacke die Treppe
herunter.
»Wo ist mein Platz?« fragte ich ihn.
»Hier!« sagte er und deutete auf die Kojen.
»Aber da liegen doch überall Sachen!«
»Dann ist kein Platz mehr da!« meinte der Steward seelenruhig.
»Aber ich habe doch bezahlt!«
»_Well_, das macht nichts aus,« erklärte der Steward. »Für Ihr Geld
kommen Sie nach Galveston. Schlafen können Sie, wo's Ihnen beliebt. In
den Kojen oder auf dem Boden oder auf dem Verdeck!«
Und pfeifend stieg er die Treppe empor.
Ich sah um mich. Kein Mensch war im Zwischendeck, trotzdem überall
Koffer und Bündel lagen. Am andern Ende der Kojenreihen entdeckte ich
aber eine Tür und trat in einen großen, halbdunklen, durch einige
Glühbirnen schlecht erleuchteten Raum, in dem ein paar dutzend Leute vor
einem hohen Bartisch standen.
»Da ist noch einer,« sagte der Mann hinter der Bar. »Was ist Ihre
Spezialität, Herr?«
Ich sah ihn fragend an.
»Was wollen Sie trinken, mein' ich,« erklärte der Mann. »Sie sin'
wohl 'n Fremder?«
»Jawohl,« sagte ich. »Sehr.«
»_Well_, das macht nichts. Der Herr hier traktiert. Was ist das
Ihrige?«
»Ein Glas Bier.«
»Schluck's hinunter, _sonny_!« sagte einer der Trinkenden. »Jawohl --
ich traktiere. Und es wird nicht das letztemal sein, daß dieser gute
alte Junge hier« (er schlug sich auf die Brust) »auf diesem gesegneten
Schiff eine Runde bezahlt. Soll sich der Mensch vielleicht nicht freuen,
wenn er aus New York herauskommt? Im Winter ist es so kalt, daß man
Millionär sein muß, um die Kohlenrechnung zu bezahlen; im Sommer ist es
so heiß, daß man dreimal im Tag den Sonnenstich bekommt und nachts im
Eiskasten schlafen muß. Mit den Löhnen ist's Essig, weil das
italienische Pack von drüben zu billig arbeitet, und ein solides kleines
Geschäftchen kann man auch nicht machen, weil alles schon gemacht ist,
was es in der Geschäftslinie nur gibt. New York ist ungemütlich.
Verdamm' New York, sag' ich. Hat einer von den Herren 'was dagegen?«
»Ich nicht,« meinte der Mann hinter der Bar. »New York kann für sich
selber aufpassen. Groß genug ist es.«
»Das ist wahr. Ein großer, unappetitlicher, rauchiger Haufen von einer
Stadt ist es. Von Wolkenkratzern und elektrischem Licht kann ich nicht
leben, sag' ich. Texas für mich, meine Herren, wo ich der Schlauere
bin, und nicht New York, wo die anderen alle die Schlaueren sind. Texas
für mich, sag' ich.«
Da freute ich mich diebisch, weil ich jedes Wort mühelos verstand, und
trank vergnügt das winzig kleine Glas Bier aus.
»New York hin, New York her,« sagte ein Mann neben mir, ein
prachtvolles Menschenexemplar, riesengroß, mit breiten Schultern und
einem merkwürdig weichen Gesichtsausdruck. »Ich rutsche jetzt zum
drittenmal auf dieser verdrehten Mallorylinie nach Texas hinunter. Wenn
ich dort bin, kalkulier' ich mir zusammen, daß ich wieder in New York
sein möchte, und wenn ich glücklich wieder in New York bin, läßt es mir
keine Ruhe, bis ich mein Fahrgeld nach Galveston wieder bezahlt habe.
Wenn ich in Texas auf einem Gaul sitze, möcht' ich in einem New Yorker
Varieté sein, und wenn ich in New York sechs Monate lang richtige
Mahlzeiten gegessen habe, werd' ich ganz verrückt nach Texasmaisbrot und
Texasspeck. Ich hab' noch nicht die richtige Ruhe, denk' ich mir.«
Die Männer lachten schallend auf.
»So geht's uns allen,« rief einer. »Ich pfeif' auf die richtige Ruhe.
Um die zu haben, müßte ich entweder Millionär sein oder tot und
begraben. Dies ist ein großes Land, und meiner Mutter Sohn will dort
sein, wo etwas los ist. Gefällt's mir nicht in der einen Stadt, geh' ich
in eine andere, und sind im Osten die Zeiten schlecht, so ist damit noch
lange nicht gesagt, daß sie auch im Westen schlecht sein müssen. Das
Glück läuft einem nicht nach. Immer hinter drein! Entfernung spielt bei
mir keine Rolle. Immer hinter drein, meine Herren, und der Teufel holt
den, der zuletzt kommt.«
* * * * *
»Deutscher sind Sie? Und erst vierundzwanzig Stunden im Land? Dann
lassen Sie die Finger davon!« grinste der Riese.
Er war mit mir an Deck gegangen. Während der Sam Houston (so hieß der
Texasdampfer) sich durch das Hafengewirr schlängelte, nannte er mir die
gewaltigen Wolkenkratzer bei Namen und pries in begeisterten Reden die
Vortrefflichkeit der New Yorker Varietés und lobte die Appetitbrötchen
der New Yorker Bars. Als aber die Wolkenkratzer untertauchten in einer
einzigen gewaltigen Steinmasse, als die hin- und herhuschenden Dampfer
seltener wurden und die Millionenstadt langsam am Horizont verschwand,
wurde er ungeduldig.
»Gehen wir 'runter!« hatte er gesagt und mir erklärt, daß sich auf dem
alten Kasten die Zeit natürlich nur durch Pokerspielen totschlagen
lasse.
»Aber spielen Sie ja nicht mit!«
Ich fühlte mich beleidigt. Wenn man die Bänke der Obersekunda neben dem
Sohn eines amerikanischen Konsuls gedrückt hat, so ist man in die
Anfangsgründe des amerikanischen Nationallasters eingeweiht! Die
Geheimnisse der Paare und der vier Asse und des Flush und des Bluffens
waren mir längst keine Geheimnisse mehr. Selbstverständlich würde ich
pokern!!
Überall auf dem Boden des Barraumes waren wollene Decken ausgebreitet,
und auf den Decken saßen und kauerten die Männer von vorhin, in kleinen
Gruppen von vier und fünf, mit Karten in den Händen, mit ernsten
Gesichtern. Vor jedem lagen kleine Häuflein Silbergeld und zerknüllte
Dollarscheine. Biergläser und Whiskyflaschen standen umher.
»Na, nun will ich aber meinen Hut aufessen, wenn das nicht unanständige
Eile ist!« schmunzelte der Riese. »Das gesegnete Schiff ist noch gar
nicht richtig unterwegs, und da fangen die schon mit dem Pokern an.
Sechs Partien! Hoh!! Und ich will meinen Hut noch einmal aufessen, wenn
das nicht eine sehr vergnügte Reise wird! 's ist doch ein wahrer Segen,
daß diesmal keine Frauen und Kinder im Zwischendeck sind.«
Fünf Minuten später war ich mit Jack (so hieß der Riese), Tommy (so hieß
der Barmann) und zwei anderen schon mitten im eifrigsten Pokerspielen,
und in weiteren zehn Minuten hatte ich unter dem schallenden Gelächter
der Runde meinen ersten Bluff verloren ... Jack hatte nämlich vier Asse!
»Gegen vier Asse anzubluffen ist Pech!« sagte Jack trocken. »Tun
Sie's nicht wieder.«
Es war ganz still im Barraum; kein lautes Wort wurde gesprochen. Nur die
Silberstücke klirrten. Die Männer hockten regungslos da, mit halb
verschleierten Augen. Kalt wie Eis. Die Karten glitten über die weiche
Decke, die Dollars sammelten sich zu einem Häuflein an, Banknoten wurden
in den _pot_ geworfen -- bis die Hand des Gewinners das Geldhäuflein an
sich raffte; hin und her wanderten das Silber und die grünen Noten.
»Fünf Dollars mehr ...«
»Das -- und noch fünf!«
»Halte ich -- und fünf mehr!«
So wurde geflüstert; in gleichgültigem Ton, gelassen, ruhig. Und doch
wußte sogar meine unerfahrene Jugend, daß unter der Maske äußerlicher
Ruhe die Spielleidenschaft zittern mußte -- aber wie diese Männer sich
beherrschten! Wie sie mir imponierten! Wie ich sie beneidete um ihre
kühle Ruhe und ihren eisernen Willen!
Nichts war natürlicher, als zu versuchen, es ihnen gleichzutun. Und ich
gab mir große Mühe, recht unbefangen auszusehen. Meine Karten
betrachtete ich nur so nebenbei, als interessierten mich ihre Werte
eigentlich gar nicht, und mein Geld rollte so leichthin auf die Decke,
als könne ich es nicht rasch genug loswerden. Es verflüchtigte sich auch
wirklich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Aber das war mir nicht etwa
eine Mahnung, vernünftig zu sein und aufzuhören, sondern ich spielte nur
um so toller darauf los.
Um ein Uhr nachmittags kam der Steward und brachte das Essen. Kein
Mensch ließ sich dadurch stören. Die Blechteller mit den Beefsteaks und
den gebratenen Kartoffeln, die Blechtöpfe mit starkem schwarzem Kaffee
wurden auf die Decken gestellt, als sei das selbstverständlich, und mit
gleicher Selbstverständlichkeit holte sich der Steward von jeder Decke
einen Vierteldollar aus dem Topf für seine Mühe, ohne ein Wort zu
sagen. Man aß so nebenbei und spielte, spielte, spielte. Röcke wurden
ausgezogen, Westen geöffnet, Kragen abgebunden. Berußte Heizer kamen aus
dem Maschinenraum gestiegen und pokerten mit, Matrosen mischten sich
unter die Spielergruppen. Der Barraum war eine Spielhölle. Ich verlor
und gewann, gewann und verlor, rauchte unzählige Zigaretten, dachte an
nichts als Karten und Geld. Um keinen Preis hätte ich meinen Platz auf
der Wolldecke aufgegeben --
»Drei Dollars mehr ...«
»Wer gibt?«
»_Full house, my money --_«
Als die schmutzige Heizerhand den Geldhaufen einstrich, in dem
mein letztes Silberstück lag, kam der Schiffsingenieur die
Zwischendeckstreppe herunter.
»_Gentlemen!_« rief er. »Dieses gesegnete Pokerschiff verschluckt
nebenbei auch Kohlen und braucht Leute, die es mit Kohlen füttern. Ich
möchte also die Herren Heizer der dritten Wache ersuchen, sich
gefälligst dahin bemühen zu wollen, wohin sie gehören und zwar verdammt
schnell. Runter mit euch, ihr Söhne von Spielkarten!«
»Pokerschiff ist gut,« sagte Jack. »Drolliger Junge, dieser
Ingenieur. Wer gibt?«
Ich war am Geben. Und ich wechselte meinen letzten Zehndollarschein. Laß
dich nicht verblüffen, sagte ich mir, nur ja nichts anmerken lassen! Was
die anderen können, kannst du auch!
* * * * *
Spät nachts kletterten Jack und ich an Deck, denn im Kojenraum war es
viel zu heiß zum Schlafen. Zwischen Fässern und Tauwerk vorne am Bug
machten wir uns aus den Pokerdecken ein Lager zurecht.
»_Good night!_« sagte Jack.
Ich lag da und starrte in den Mond, und unklar stieg in mir die Ahnung
auf, daß ich ein furchtbarer Esel gewesen sei. Reingefallen, mein Junge
... Die Silberstücke und die Dollarnoten, mit denen am Morgen noch mein
Geldtäschchen vollgepfropft gewesen war, trieben sich jetzt in den
Taschen anderer Leute herum -- mir waren nur ein paar Dollars
übriggeblieben. Zu dumm -- --
»_Fine game_, dieses Poker,« meinte der Riese neben mir, »famoses
Spiel!«
Da lachte ich hell auf.
»Haben Sie gewonnen?«
»_No._«
»_Well_, morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen desgleichen usw.
Holen Sie sich's wieder. Bluffen Sie!«
Und im flimmernden Mondenschein, unter Wellengemurmel und
Maschinengetöse, wurde mir zum ersten Male amerikanische Weisheit
gepredigt, von einem einfachen Arbeiter. Poker war weiter nichts als ein
Abklatsch des Lebens. Bluffen mußte man im Leben wie beim Pokern, nicht
verblüffen lassen durfte man sich. Wenn man fünfzehn Cents in der Tasche
hatte und nicht wußte, wo man seine nächste Mahlzeit herkriegen sollte,
-- mußte man aussehen und auftreten, als hätte man ungezählte
Dollarnoten in der Tasche und einen offenen Kredit bei der nächsten
Nationalbank. Dabei stellte man sich besser, als wenn man jedem
Menschenkind entgegenschrie: Bemitleide mich, ich Ärmster habe nur noch
fünfzehn Cents! Schneid mußte man haben. Beim Pokern mußte man durch
eiserne Ruhe den Anschein erwecken, als hätte man ausgezeichnete Karten
-- im Leben mußte man sich arbeitskräftiger und klüger und besser
stellen als man war. Nur nicht unterkriegen lassen! Glaub' an dich
selbst, und die anderen werden an dich glauben. Sag' den Leuten, du
seist stark, und man wird nicht gerne mit dir anbinden. Hilf dir selber,
und alle Welt wird dir helfen. Bete nicht: Lieber Gott, hilf mir, ich
bin ja so schwach -- sondern bete: Lieber Gott, ich bin ja so stark, laß
mich so bleiben! Und man mußte stets daran denken, daß das nächste Spiel
das Glück bringen konnte, beim Pokern wie im Leben ... Da schlief ich
seelenvergnügt ein.
Wieder wurden die Decken ausgebreitet, und wieder rollten die Dollars,
und wieder kamen die Heizer und die Matrosen in jeder dienstfreien
Minute. Ich stand im Banne des Pokerschiffs wie jeder andere. Aus meinen
wenigen Dollars wurde ein Silberhäuflein -- dann schmolz es zusammen --
dann wuchs es im ewigen Hin und Her. Der Tag verging mir wie im Flug.
Drei Tage. Am dritten Tage kamen wir in Key West an. Als ein
Schiffsoffizier in den Barraum hinunterrief, wer wolle, könne auf etwa
zwei Stunden an Land gehen, sprang ich auf und eilte die Treppe empor.
Die anderen aber blieben sitzen und pokerten weiter.
* * * * *
Der amerikanische Prediger Talmage nannte einst in einer jener
Sensationspredigten, die eine halbe Stunde nach Schluß des sonntäglichen
Gottesdienstes in seiner berühmten Washingtoner Kirche an alle Zeitungen
Amerikas telegraphiert wurden (von ihm selbst -- gegen Honorar!), das
Pokern die Nationalsünde der Vereinigten Staaten. Unzweifelhaft spiegle
das Teufelsspiel um das goldene Kalb die besonderen Charaktersünden des
Amerikaners getreulich wieder! Alle Glücksspiele zwar seien frevelhaft,
doch dem Pokerspiel fehle sogar das versöhnende Moment des Leichtsinns.
Das sei kein Glücksspiel mehr -- sondern raffiniertes wohlberechnetes
Sündigen! Mit bewußter Gier setze sich der Amerikaner an den Pokertisch
und locke mit ehrbarem kaltem Lächeln dem armen Nebenmenschen (den man
doch als Christ lieben müsse!) einen Dollar nach dem andern ab. Die
Männer, die vier Asse in der Hand hielten und dabei ein betrübtes
Gesicht machten, als hätten sie nicht einmal zwei Könige, um den armen
Nächsten durch diese optische Vorspiegelung falscher Tatsachen saftig
hineinzulegen -- diese Männer seien schlimmere Sünder denn die Zöllner
von dereinst! Ein moderner Tanz um das Goldene Kalb! Es illustriere im
Kleinen die großen amerikanischen Sünden -- die Goldgier; die Anmaßung,
sich klüger zu dünken als der Nachbar; die Sucht, sich durch unehrliche
Mittel zu bereichern, und vor allem einen frevelhaften Mangel an
christlicher Nächstenliebe. Der Mann, der mit selbstzufriedenem Lächeln
die sündigen Resultate eines niederträchtigen Bluffs einstreiche, sei
der alte Pharisäer in moderner amerikanischer Auflage. Nur noch viel
schlimmer! »Pokert nicht mehr, oh Amerikaner, und ihr werdet bessere
Menschen werden!« -- also predigte Ehrwürden Talmage -- und ein
vergnügtes Schmunzeln ging über das ganze Land. Denn jener Kampf im
Pokerspiel von Selbstbeherrschung gegen Selbstbeherrschung, von
Unverschämtheit gegen Unverschämtheit, von Geldwert gegen Geldwert und
von Bluff gegen Bluff ist wahrlich typisch für die Art der Männer des
Yankeelands, und Prediger Talmage hätte wissen können, daß seine
Mitbürger gerade auf das stolz sind, was er ihre Nationalsünden nannte!
Man lachte furchtbar über die Predigt. Und sie löste in jedem braven
Amerikaner den frommen Wunsch aus, doch recht häufig als moderner
Pharisäer mit frommem Augenaufschlag saftige Bluffresultate einstreichen
zu können ... Das ist eben die Nationalsünde!
* * * * *
Auf der Gangplanke des Sam Houston stieß ich mit einem Herrn in weißen
Leinenkleidern und riesigem grauem Schlapphut zusammen.
»_Pardon me_,« sagte er.
»_I beg your pardon_,« antwortete ich.
»_My fault!_«
»Aha -- Sie sind ein Deutscher! _Well_, ich bin Johnny Young aus San
Antonio und meine Freunde behaupten, ich sei unerträglich neugierig.
Also Sie sind Deutscher? Ferner glaube ich sagen zu können, daß Sie noch
nicht lange im Lande sind?«
»N--nein!«
»Aha! Wußte doch, daß kein amerikanischer Schneider diesen Anzug
gemacht hat. Es ist so einfach, ein Prophet zu sein, wenn man die Augen
ein wenig offen hält und nur ein bißchen nachdenkt. _Well, well._ Sie
haben gepokert und verloren?«
Ich sah ihn erstaunt an.
»Ja? Stimmt's? Nein, ich bin kein Zauberer. Alles pokerte. Und
natürlich pokerten Sie mit. Und natürlich verloren Sie!«
Wir schritten in weichem feinem Sand dahin, auf einem breiten Weg,
eingesäumt von Palmen in endloser Reihe. Die dunkelgrünen Fächerwipfel
stachen scharf ab von dem gelben Sand und dem tiefblauen wolkenlosen
Himmel. Die Luft war feucht und schwül. Holzhütten tauchten auf. Im
Hintergrunde schimmerten weißgetünchte Häuser. Es war wie ein Märchen
-- die Palmen ringsum, die schwere Luftschwüle, das grelle Tropenlicht;
der merkwürdige Mann neben mir mit den weißen Haaren und dem frischen
Gesicht, der vom ersten Augenblick an einen unbeschreiblichen Eindruck
auf mich machte. Ich glaube, ich wäre ihm blindlings gefolgt,
irgendwohin. Er war als junger Mensch in Key West gewesen. Während wir
unter den Palmen dahinschritten erzählte er von den Milliarden und
Abermilliarden Zigarren, die alljährlich in dem Hüttengewirr des
Inselstädtchens von den geschickten Fingern kleiner Creolinnen
verfertigt werden; von den Schmugglern Key Wests, von den Wreckern, von
den Flibustiern, von Kämpfen mit Zollkuttern, vom Menschenriffraff der
Florida Keys -- von den Spielen Key Wests hinter verschlossenen Türen,
bei denen Berge von Gold sich auf den Tischen häufen und jeder Spieler
den Revolver schußgerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die
Flibustier Floridas segeln Waffentransporte nach einsamen
Landungsplätzen an der kubanischen Küste, wo Leute warten, die sehr arm
sind, aber trotzdem für Waffen sündhaft viel Geld übrig haben.
Revolutionäre. Die gibt's immer da drüben. Oft genug jagt ein
Kriegsschiff solch einem Segler ein halbes Dutzend Granaten in den Leib.
Aber die Waffen werden mit Gold aufgewogen -- und solange Key West
steht, wird es seine Flibustier haben, ebenso wie es stets das
Hauptquartier der Wrecker sein wird. Das sind desperate Schiffskapitäne
mit kleinen Segelbooten und einer Mannschaft von Inselnegern, die mit
Taucheranzügen umgehen können. Sie kreuzen still und unauffällig an der
Küste. Wenn ein Schiff an den gefährlichen Bänken strandet, so ist bald
ein Wrecker da und schickt seine Taucher hinab, die alles nach oben
befördern, was des Nehmens wert ist, ohne sich lang darum zu scheren,
wem die Ladung gehört. Der Wrecker betrachtet alles als gute Beute. Er
wird ein reicher Mann, wenn es ihm gelingt, Onkel Sam's Kanonenbooten zu
entwischen.
Ich hörte in atemloser Spannung zu. Johnny Young lachte, als er endete,
und sah mich vergnügt an.
»Ja, ja -- ich hab' was übrig für rapides Leben trotz meiner sechzig
Jahre. Herrgott, wär' ich noch jung! Könnt' ich noch einmal mittollen!
Sehen Sie, ein anderer würde Ihnen sagen, Sie seien verflucht
leichtsinnig gewesen, Ihre junge Nase in Pokerkarten zu stecken und Ihr
bißchen Geld zu verlieren, anstatt die Centstücke zusammenzuhalten für
die Not der ersten Zeiten in einem neuen Land. Ich sage: Das Geld, das
ein junger Mensch wie Sie mitbringt, ist so wertlos für ihn wie altes
Papier! Es hindert ihn nur im Lebenskampf. Denn je schneller er vor das
Problem gestellt wird, entweder zu hungern oder Geld zu verdienen, desto
rascher lernt er Land und Leute und Art kennen. Das mag bittere Medizin
sein, aber es ist gute Medizin. Ich kann unsere Millionäre nicht leiden,
die einem in salbungsvollen Memoiren vorlügen, wie fleißig sie in die
Kirche zur Sonntagsschule gingen, wie sie Pfennig für Pfennig sich
zusammensparten, wie sie mit ihrem so erworbenen Erstlingskapital von
hundert Dollars sich weitere hundert Dollars hinzuerarbeiteten, wie sie
in harter Plage und getreuer Pflichterfüllung steinreiche Leute wurden.
Das ist verdammter Schwindel. Mit dem Bravsein und dem Pfennigfuchsen
hat noch kein großer Kaufmann Menschenkenntnis und Wagemut gelernt. Geh'
hinaus ins Land, würde ich zu einem jungen Mann sagen. Laß dir das
Leben um die Ohren pfeifen und lerne das Menschenpack kennen, so wie es
ist und nicht wie's in frommen Bilderbüchern steht. Ist einer stark,
dann kann er starke Medizin vertragen, und ist einer schwach, dann ist's
nicht schade um ihn.«
Meine Augen müssen vor Begeisterung geleuchtet haben. Wie wunderbar
mußte es sein, mitten im Leben zu stehen und zu sehen und zu lernen und
stark zu sein. Mir war's, als springe Kraft und Selbstvertrauen von dem
alten Mann auf mich über. Da schrillten vom Deck die mahnenden
Pfeifensignale des Dampfers.
»Ich wollte Ihnen ja noch einen Rat geben,« sagte Herr Johnny Young
aus San Antonio. »Beinahe hätte ich's vergessen. Gehen Sie zum
Zahlmeister und lösen Sie sich eine Karte für einen Kajütenplatz nach.
Der Unterschied für die Strecke Key West -- Galveston wird nicht
besonders groß sein. Es ist gescheiter, bequem untergebracht zu sein,
statt auf hartem Boden zu schlafen und das Geld beim Pokern zu
verlieren. So. In einer halben Stunde geht der Dampfer. Ich habe noch
dringende Privatgeschäfte.«
Und mit einem verabschiedenden Kopfnicken tauchte er in das
Hüttengewirr.
Ich aber rannte glückselig zum Dampfer und sprang an Deck. Im Bureau
zeigte ich dem _Purser_ meine Anweisung auf die Schiffskasse. (Mein
Vater hatte, durch Vermittlung des Norddeutschen Lloyd, arrangiert, daß
mir bei der Ankunft in Galveston fünfhundert Mark ausbezahlt werden
sollten.) Zuerst machte er Schwierigkeiten, weil das Geld erst in
Galveston fällig war, als ich ihm aber erklärte, daß ich von Key West ab
im Salon zu fahren wünsche, wurde er sehr liebenswürdig. Verdiente doch
der Dampfer dabei Geld.
* * * * *
Meine Koffer ließ ich aus dem Schiffsraum holen, zwei Anzüge ließ ich
mir aufbügeln von der Stewardeß, ich fiel über die Waschschüssel in der
eleganten kleinen Kajüte her, ich probierte ein halbes Dutzend
Kravatten, ich machte Toilette wie ein Backfisch vor seinem ersten Ball.
Während ich den kunstvollen Knoten der Halsbinde schlang, dachte ich an
den schmutzigen Barraum und die pokernden Menschen in Hemdärmeln. Wie
war's denn nur möglich gewesen! Die Stewardeß bekam ein Trinkgeld, das
sie einen Knix machen ließ. Im verlassenen Rauchsalon drehte und wand
ich mich in eitler Selbstgefälligkeit vor dem Spiegel -- bewunderte im
Eßzimmer die überladene Einrichtung in Weiß und Gold, das strotzende
Silber auf dem Bufett -- promenierte auf dem segeltuchüberspannten
Kajütendeck unter eleganten Damen und Herren -- ließ mir vom Steward
einen bequemen Deckstuhl bringen und schlürfte aus spitzem
Champagnerkelch Sherry mit Eis und Sodawasser. Da schritt schwerfällig
Jack der Riese unten übers Deck. Er sah mich sitzen, betrachtete mich,
betrachtete mich noch einmal, schüttelte den Kopf und sagte laut und
vernehmlich:
»Jetzt will ich aber verdammt sein!«
Beim _supper_ stellte mich Mr. Johnny Young als seinen jungen Freund
vor, frisch vom Vaterland. Ich machte Verbeugungen nach rechts und nach
links und erzählte von deutschen Gymnasien und deutschen Offizieren. Und
bediente ritterlich die Dame zu meiner Rechten, Miß Daisy Benett, aus
Dallas, Texas.
»Wie tapfer von Ihnen, daß Sie dieses gräßliche Zwischendeck
studierten!« sagte Miß Daisy.
»Es war sehr interessant,« murmelte ich.
Wie der verlorene Sohn kam ich mir vor, der endlich von den Träbern
wieder zu menschenwürdigem Leben übergeht. Jedes _breakfast_, jedes
_dinner_, jedes _supper_ war mir ein Freudenfest, das ich mit tausend
Wonnen auskostete, nicht um der vielen Gänge und der mancherlei
Delikatessen willen, sondern weil ich mir so vornehm schien. So gut
angezogen. So tadelloses Benehmen. So ganz gute Kinderstube. Hans im
Glück war ich sieben Tage lang. Miß Daisy geruhte, mein Englisch drollig
zu finden und konstatierte, ich sei ein guter Junge. Aber artig sein!
Ich schleppte ihr Stühle und Decken und Bücher auf Deck und versorgte
sie für ein halbes Jahr mit Schokolade und Bonbons. Droben auf dem
Promenadedeck verplauderten wir die sommerschwülen Nächte und starrten
zusammen ins Meer. Und in der allerletzten Nacht rauchten wir Zigaretten
und tranken eisgekühlte Erdbeerbowle und --
»_It's good bye, my boy ..._«
»Und _good bye, Miß Daisy_ --«
»Wie jung Sie sind, _my boy_, und -- ja, wie neugierig ich doch bin!
Wie's Ihnen wohl ergehen wird?«
Da lachte ich, lustig und leichtsinnig, als sei's ein Scherz, und
sprudelte hervor, wie wenig Geld ich hätte, und wie ich so gar nicht
wüßte, was beginnen.
»_Fight your way, my boy_,« sagte Daisy. »Schlag' dich durch!«
Gelbe Sandbänke tauchten am Morgen auf, immer klarer hervortretend in
langgezogenen Streifen; das tiefe Blau des Golfmeeres wurde heller,
grünlicher. Gegen Mittag waren wir mitten im Hafenlärm. Scharf umrissen
lagen im grellen Sonnenlicht die Häusermassen Galvestons da.
Dutzende von Negern sprangen an Deck, als der Sam Houston am Pier
anlegte, priesen Hotels an und bemächtigten sich der Gepäckstücke der
Passagiere. Während der Menschenstrom die Gangplanken hinabflutete,
guckte ich noch einmal in den Zwischendecksraum. Da waren die Decken, da
rollte das Geld, da waren die Männer und lachten einen Schiffsoffizier
aus, der, purpurrot im Gesicht, mit der Hafenpolizei drohte, wenn sie
nicht sofort mit dem verdammten Pokern aufhören und sich zum Kuckuck
scheren würden.
»Zehn Dollars mehr!« hörte ich eine tiefe Baßstimme sagen --
Dann ging ich von Bord. Unten am Pier riß mir ein baumlanger Neger den
Koffer aus der Hand.
»City of Galveston, Herr? Feinstes Hotel!«
Ich schlenderte hinter ihm drein, an Mr. Johnny Young aus San Antonio
vorbei, der eben in einen Wagen stieg. Abschiednehmend lüftete ich den
Hut. Johnny Young nickte mir lächelnd zu und deutete mit weitausholender
Armbewegung auf das Getriebe.
»Dies ist Texas, _my son_!«
Mein letzter Dollar.
Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wär' ich nur ein
Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat. -- Auf
dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstück. -- Der gute
Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an ...
In der Situation lag Humor:
~Wie~ machte man es eigentlich, sich das Leben um die Ohren pfeifen zu
lassen? ~Was~ taten Glückssoldaten denn, wenn ihnen das Geld ausging?
~Wo~ stand nun der Wegweiser, der zu Arbeit und tätigem Leben wies?