Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
Copyright 1911
by Robert Lutz, Stuttgart.
Inhalt.
Seite
=Vom Beginn des Beginnens.=
Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
-- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf
den Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengießermeisters.
-- Erste Liebe und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld
reißt. 5
=Im Zwischendeck der Lahn.=
Im Bremer Ratskeller. -- »So schmiede dir denn selbst dein
Glück!« -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
Nebengeschäftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
-- _Atra cura_ ... -- Das Mädel mit den hungrigen Augen. --
Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen. 19
=Ein Tag in New York.=
Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. --
Hallelujamädchen. -- Im Park. 35
=Das Pokerschiff.=
Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen
Nationallaster. -- »_Fine game_, dieses Poker!« -- Die
Weisheit des Bluffens. -- Key West und Johnny Young aus San
Antonio. -- Eine bissige Bemerkung über Millionäre. -- Im
Salon! -- _Good bye, Miss Daisy_ ... -- Dies ist Texas, mein
Sohn! 49
=Mein letzter Dollar.=
Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wär' ich nur
ein Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat.
-- Auf dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstück. -- Der
gute Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an 69
=Im Reich des Königs Baumwolle.=
Das Städtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr.
Muchow Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer
beim König Baumwolle. -- In Deutschland wär' die Farm ein
Rittergut gewesen ... -- Baumwollpflücken und Baumwollmühle.
-- Die Reklamereiter. -- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub.
-- Wie aus dem Wald das Feld wurde. -- Der Neger. -- Die
amerikanische Krankheit des Wandertriebs. 80
=Da hinten in Texas.=
Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland.
-- Grasgrüner Wissensdurst. -- Die Negerin und das
Liebespulver. -- Ein Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub
langweilt sich. -- Das Gäßchen der winzigen Häuschen.
-- Klein-Daisy. -- Die Dame, das Parfüm und die Folgen.
-- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus dem heiligen
Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden Augen.
-- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise. 118
=Wie die Wanderung begann.=
An der Geleiseböschung. -- Der erste Sprung auf einen
fahrenden Zug. -- Die Fahrt. -- Im Märchenland aufregendes
Erlebens. -- Das Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Königin
Nikotin und ihrem Göttergeschenk. -- Billy der Wanderer! --
Das Abenteurerblut regt sich. -- Ein psychischer Impuls. --
Wanderer Nr. 3. 142
=Unter den Romantikern des Schienenstrangs.=
Von Texas nordwärts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der
betrogene Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma.
-- Jargon des Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und
seine Einflüsse. -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät
des Tramps. -- Die amerikanische Vagabundenarmee. -- Der
Arbeitslose. -- Der Tramp. -- Die Romantiker. --
Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident Roosevelts
Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle
Unterströmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in
exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,
Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.
-- Arbeiten! 158
=Wie das Wandern endete.=
Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific.
-- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boss_«. -- Von
Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hände
in die Höhe! -- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die
braven Spitzbuben von El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit.
-- Von den Schüttelfrösten der Malaria. -- Krank und einsam.
-- Nach St. Louis. -- Ein ganzer Mann. 192
=Die Armen und Elenden von St. Louis.=
Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am
Ufer des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine
Orgie der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf
Arbeitssuche. -- Im Reich der kupfernen Töpfe. -- Die
Miniaturhölle des Palasthotels. -- Das Glöckchen der
Neugierigen. 209
=Im Zeichen der Zeitung.=
Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bücher. --
Kipling-Begeisterung. -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein
erstes literarisches Verbrechen. -- Der Beinbruch als
Glückszufall. -- Ich werde Depeschenübersetzer bei einer
großen deutschen Zeitung. -- Enthusiasmus und Neugierde. --
Aller Anfang ist leicht! -- Ein journalistisches Mädchen für
alles. -- Amerikanisches Deutschtum. -- Der Schwur gegen die
Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen. -- Wieder draußen
in der kalten Welt. -- Reisefieber! 231
=Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.=
Wohin Zukunftssorgen gehören. -- Ein logisches Selbstgespräch.
-- Das Land der Sonne. -- Blühende Obstwälder. -- Ankunft in
San Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und
verlorener Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur.
-- Der tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionärssohn
energisch wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den
Kabeljaus. -- Eine Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht,
lacht am besten! 257
=Die Stadt des Goldenen Tors.=
Das Erbe der Goldgräber. -- Die lustige Königin des Westens.
-- Von vernünftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben
Hügel übertrumpft! -- Kletternde Straßenbahnen. -- Im Park des
Goldenen Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im
Chinesenviertel. -- Die Straße der lebenden Schaufenster.
-- Wie der Lausbub zum Professor wurde. -- Von Deutsch
lernenden Lehrerinnen. -- Die amerikanische Frau. -- Kluge
Mädchenerziehung und törichte Weiberherrschaft. -- Die
Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die Sehnsucht nach der
Zeitung. 274
=Der Lausbub findet die Lebenslinie.=
Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist
werden. -- Auf der Redaktion. -- Jüngster Reporter.
H--allelujah! -- Das erste Interview. -- Die Lebenslinie. 293
Der Deutsche Lausbub
in Amerika
Das Amerika der Leichtsinnigen.
Wenn Bruder Leichtfuß gar zu arg gehaust hat, und geplagte
Familiengeduld reißt, so verfällt man in deutschen Landen häufig auf den
bewunderungswürdig energischen und einfachen Ausweg: das schwarze Schaf
der Familie nach Amerika zu schicken; nach den Vereinigten Staaten, in
denen es so schöne Gelegenheiten zu segensreicher Arbeit gibt, und die
so hübsch weit weg sind, daß eine respektable Entfernung die arme
Familie schützt. Jeder Hapagdampfer, jedes Lloydzwischendeck trägt
alljährlich Hunderte dieser Art von Menschenkindern über das große
Wasser, deren Sündenregister von fast monotoner Gleichförmigkeit ist:
Leichtsinnsstreiche und Schulden!
* * * * *
Das schwarze Schaf ist im Yankeeland. Und nun fängt der Humor an; ein
grimmiger Humor voll grotesken Lachens und bitteren Weinens; eine
moralische Komödie mit den schönsten tragischen Möglichkeiten. Das neue
Land nimmt Bruder Leichtfuß -- den verdorbenen Gymnasiasten, den
leichtsinnigen Studenten, den verschuldeten jungen Leutnant oder was er
sonst gewesen sein mag -- liebevoll in seine Arme, verschluckt mit
unbeschreiblicher Schnelligkeit die goldenen Pfennige der Heimat und
spielt dann Fangball mit ihm. Hop -- auf und nieder. Hop -- arbeiten
oder hungern. Hop -- ihm die Nase auf den Boden gedrückt, wie man's mit
einem Kätzchen macht. Hop -- ihn zu Boden geworfen, daß alle Knochen
krachen. Hop, hop, hop -- ihn geschüttelt und zerzaust und geschunden!
Da schnappt Bruder Leichtfuß nach Luft, ist furchtbar verwundert, fühlt
sich merkwürdig elend und erkennt langsam aber sicher die primitiven
Wahrheiten des Lebens von Geld und Hunger und Arbeit und Liebe, -- wenn
er nicht schon längst vorher elend zugrunde ging.
Manchmal aber ist unter diesem Amerikaheer von deutschen Leichtsinnigen
der richtige leichtsinnige Strick mit einem Stückchen Poesie im Leib,
der nach dem ersten Luftschnappen sich jubelnd in den Lebensstrom da
drüben stürzt, glückselig, in seinem Element, sehnsüchtig nach
Abenteuern über alle Maßen. Wundervoll frei fühlt er sich; allen Zwangs
entledigt. Eine Welt des Sehens und Erlebens liegt vor ihm, und Hunger
und Not erscheinen nur winzige Dinge in der immer neuen Begeisterung,
die jeder neue Tag bringt. Frei wie ein Vogel in der Luft ist Bruder
Leichtfuß und jedem Impuls darf er folgen in köstlicher Naivität. Er
tastet -- er sucht -- er trinkt in vollen Zügen die groteske Romantik
des ungeheuren Landes ein, das mit aller drastischen Wirklichkeit so
starke Reize abenteuerlicher Poesie vereint ...
So ist es mir ergangen. Um des brausenden Lebens willen ist dieses Buch
meiner amerikanischen Wanderjahre geschrieben, in lächelndem Erinnern an
jagende Jugend. Ein Buch des Leichtsinns.
Aber wenn ich heute auf die drei Jahre von 1894-1897 zurückblicke, die
dieser erste Teil meiner Erinnerungen aus der Amerikazeit schildert, so
will es mir scheinen, als sei der Leichtsinn gar ehrlich erkauft
gewesen! In ehrlicher Münze zahlte der Lausbub mit Hunger und Elend und
harter Arbeit für seinen jungfrischen Optimismus, denn grimmiger
Lebenshumor will es, daß sich mit zügellosem Leichtsinn starke Kraft
paaren muß, soll Freund Optimist im Leben bestehen. Und in dieser Kraft
stecken Möglichkeiten.
Den starken Leichtsinnigen sei dieses Buch des Leichtsinns gewidmet.
Bruder Leichtfuß im Yankeeland, der du erst in Jahren verstehen wirst,
weshalb dich das tätige Leben so hin und her schüttelt, sei gegrüßt!
Seist du im Osten oder im Westen, im Wolkenkratzer oder auf der Prärie,
sei gegrüßt von einem, der das erlebte, was du erlebst, und der mit dir
weinen und mit dir lachen kann. Fast möchte ich in lächelnder Wehmut
dich beneiden, Bruder Leichtfuß, denn mein Märchen der Jugend ist
ausgeträumt.
Hamburg, im Sommer 1911.
Erwin Rosen.
(Erwin Carlé).
Vom Beginn des Beginnens.
Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
-- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf den
Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengießermeisters. -- Erste Liebe
und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld reißt.
Das Übereinstimmen der beteiligten Kreise war erstaunlich.
»Oin Lausbube!« sagten die Professoren in München.
»A solchener Lausbub ...« erklärte der Pedell.
»Dieser lie--ii--derliche Bursche!« stöhnte der Ordinarius dreimal
täglich.
»Ja -- der Lausbub!« nickten die Tanten und die Verwandten.
»Ein furchtbarer Strick bist du gewesen!« pflegt meine Mutter zu
sagen. »Gräßliche Geschichten hast du gemacht!« Dann lacht sie und
fragt regelmäßig, ob ich mich denn auch an Frau Schrettle erinnere und
an die Kuchen ...
Ich war zwölf Jahre alt. Quartaner. Lateinschüler der Klasse 3a des
Königlich Bayrischen Maxgymnasiums in München. Meine Würde als
Lateinschüler schützte mich aber keineswegs davor, gelegentlich zu der
Frau Kolonialwarenhändlerin Schrettle an der Ecke geschickt zu werden,
um irgend etwas für den Haushalt zu holen.
»An Empfehlung an d' Frau Mama!« sagte jedesmal die dicke Frau
Schrettle, während ich ebenso regelmäßig vornehm nickte und dabei kein
Auge von den Kuchen auf dem Ladentisch verwandte. Von Frau Schrettles
berühmten Kuchen. Sie waren aus Blätterteig; sie waren mit Himbeeren
belegt; sie waren Wunderwerke -- und sie führten den Lateinschüler so
lange in Versuchung, bis er eines Nachmittags vor Klassenanfang Hals
über Kopf in den Laden stürzte.
»Einen Himbeerkuchen soll ich holen!«
»Bitt' sehr! A schöne Empfehlung!« dienerte Frau Schrettle und schrieb
der Mama einen Himbeerkuchen an.
Der Raub war gelungen, und der Lausbub wiederholte die Operation einen
ganzen Monat lang fast jeden Tag! Verzehrt wurden die Kuchen auf dem
Schulweg, in ehrlicher Teilung mit den Spezerln und Freunderln aus der
Quarta. Bis an einem Novembersonntag die Katastrophe kam -- Frau
Schrettle mit ihrer Rechnung. Mir fiel das Herz in die Hosen, als meine
Mutter fragend sagte:
»Himbeerkuchen?«
»Guat sans, nöt?« meinte Frau Schrettle stolz.
»Aber wir haben ja gar keine Himbeerkuchen gehabt!« rief meine Mutter
entrüstet.
Nun war die Reihe zum Erschrecken an Frau Schrettle.
»Der Herr Sohn hat's g'holt!« stotterte sie. »Jeden Tag!«
Kladderadatsch. Frau Schrettle erhielt ihr Geld und ich vorläufig eine
Ohrfeige mit der Aussicht auf mehr, wenn der Vater nach Hause kam. Meine
Mutter weinte und ich weinte und meine Mutter sagte, es sei ja
fürchterlich, und ich fand, es sei noch viel fürchterlicher! Zehn
Minuten später schlich ich mich heulend aus dem Haus und rannte in
dichtem Schneegestöber durch die Straßen, durch den englischen Garten,
der Isar zu. Bei der Bogenhausener Brücke begann die einsame Landstraße.
Es war bitter kalt. Die Schneeflocken peitschten mir ins Gesicht, und
ich kleiner Kerl mußte mich tüchtig gegen den scharfen Wind anstemmen.
»Ich geh' nicht nach Hause!« murmelte ich immer wieder vor mich hin.
»Nach Hause geh' ich ganz gewiß nicht ...«
Spät abends stolperte ein halb verhungerter und halb erfrorener
Lateinschüler in die Gaststube des Roten Ochsen im Städtchen Freising.
»Da schaugt's her,« rief der Ochsenwirt. »Ja was wär' denn dös! Was
willst denn du nacha im Wirtshaus?«
»Was zum essen möcht' i'.«
»Wo kimmst denn her?«
»Von München. A--an Ausflug hab' ich g'macht,« log ich, beinahe
weinend.
»Woas?« schrie der Wirt. »Den Sauweg von Minken bist herg'loffen in
dem Sauwetter? Lüag du und der Teifi. Dös wär' a sauberer Ausflug. Wia
heißt' denn und wo wohnst'?«
Wie ein Häuflein Elend stand ich schlotternd da, gab dem Riesen vor mir
Auskunft und sah mit Zittern und Bangen, wie er zu dem großen Gasttisch
in der Ecke schritt, wie er mit den Gästen zischelte, wie er mit Frau
Wirtin tuschelte, wie der Hausknecht gerufen und mit einem Zettel
fortgeschickt wurde.
»Hock di' hin an Tisch,« brummte der Wirt. »D' Frau bringt dir was
zum essen.«
Ich entsinne mich noch dunkel, daß ich gierig alles verschlang, was mir
vorgesetzt wurde, daß Frau Wirtin mich in die Wohnstube führte und auf
ein Sofa bettete. Und daß eben auf einmal mein Vater da war und ich mich
furchtbar vor ihm schämte und eine fürchterliche Angst vor ihm hatte.
Aber was der Ochsenwirt von Freising zu meinem Vater beim Abschied
sagte, das weiß ich noch ganz genau.
»Is nix zu danken, Herr,« sagte er. »Den 12 Uhr Zug nach Minken
werd'n S' grad no' derwischen. Ja, dö Buam! Früchteln san' halt
Früchteln. Is eh nix dabei. Aber an Hintern tät i' eahm halt do'
vollhau'n!«
Was am nächsten Tag ausgiebigst geschah!
* * * * *
Der Lausbub wurde älter, stieg mit Ach und Krach von Klasse zu Klasse,
und blieb ein Lausbub ... »Ein leichtsinniger Schüler,« hieß es in den
Zeugnissen. »Seine Leistungen stehen in bedauerlichem Mißverhältnis zu
seinen Fähigkeiten; sein Betragen ist nichts weniger als
zufriedenstellend«. Ich muß bei meinen Lehrern in einem erbärmlich
schlechten Ruf gestanden haben. Die Abneigung beruhte jedoch auf
Gegenseitigkeit. Heute noch ist mir das Gedenken an meine Gymnasialzeit
das Gedenken an eine harte Zuchtanstalt, an gedankenloses Eintrichtern
von Lehrbüchern, an schablonenmäßiges Auswendiglernen, an mangelnde
Liebe und mangelndes Verständnis, an bakelschwingende Schulmeisterei, an
groben Unteroffizierston, an fast komisches Nichtverstehen. Ich erinnere
mich an ein beständig schnupfendes Ungeheuer von einem Professor mit
rotem Taschentuch und fettigem Rockkragen, der über ein _ut_ mit dem
Indikativ in viertelstündige Raserei zu verfallen pflegte; ich erinnere
mich an donnernde Philippiken, wie unsittlich es sei, daß ein so fauler
Bursche wie ich sich ohne Arbeit nur durch sein bißchen Talent das
Aufsteigen in die nächsthöhere Klasse erschwindele; ich erinnere mich an
einen Ordinarius der Untersekunda, der mich mit dem geschmackvollen und
gut deutschen Ausdruck "Frechjö" belegte, weil ich, nachdem er mir die
Erlaubnis, das Schulzimmer zu verlassen, verweigert hatte, ihn aus einem
höchst natürlichen und dringenden Grund ein zweitesmal darum bat. Aber
ich kann mich nicht entsinnen, daß jemals mich ein Lehrer beiseite nahm
und in Güte mit mir sprach, um herauszubekommen, was in meinem Hirn
vorging; weshalb der dumme Junge so dumme Streiche machte -- und ein
Lausbub war.
* * * * *
»Düsser Bursche!« sagte der Herr Rektor wutschnaubend, als ich ihm
vorgeführt wurde. »Düsser unver--bösserliche Lümmel! Das Maß üst voll.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er brücht!«
Der Schulgewaltige hatte recht. Ich war ein infamer Bengel. Von meiner
Unverbesserlichkeit zeugte eine lange Reihe von Karzerstrafen, wegen
Rauchens auf der Straße, wegen Nichtablieferung von Schularbeiten, wegen
Betroffenwerden in dem Hinterzimmer einer Gastwirtschaft. Außerdem hatte
mich das Lehrerkollegium schon längst im Verdacht, der berüchtigten
Schülerverbindung des Maxgymnasiums anzugehören, die in versteckten
Vorstadtkneipen studentische Gebräuche nachäffte. Trotz aller
Anstrengungen des Pedells gelang es nie, die Sünder _in flagranti_ zu
erwischen. Stellten wir doch stets den jüngsten "Fuchs" als Wache auf
die Straße, und wenn der Pedell oder ein Professor sich blicken ließen,
wurden wir prompt gewarnt, kletterten aus Hinterfenstern, flüchteten
über Höfe, stiegen über Mauern. Aber man wußte im Maxgymnasium doch so
von ungefähr, welche Schüler die Schuldigen waren, und sah den
verdächtigen Subjekten scharf auf die Finger. Ich jedenfalls galt als
besonders verdächtig!
Nun war das Krüglein meiner Sünden übergelaufen:
Ich schwänzte drei Tage die Schule! Fürst Bismarck war nach München
gekommen und in Lenbachs Villa abgestiegen. Dorthin lief ich
schleunigst nach dem Mittagessen, ließ Nachmittagsunterricht eben
Nachmittagsunterricht sein und stand bis zum späten Abend auf der
Straße, aus Leibeskräften hurraschreiend. Weil die Freiheit gar so schön
war und der junge Sommer gar so sonnig, ging ich am nächsten Tag auch
nicht ins Gymnasium, und am dritten Tag erst recht nicht, sondern trieb
mich in den Isarauen herum und schwelgte in unzähligen Zigaretten und
machte erschrecklich schlechte Gedichte.
»Ein Schüler der 6. Klasse schwänzt! Das üst noch nücht vorgekommen!«
donnerte der Rektor. »Was haben Sü zu sagen?«
Stotternd versuchte ich zu erklären, daß ich es gar nicht so böse
gemeint hätte, daß --
»Oine gemeine Lüge! Gekneipt haben Sü!«
»Das ist nicht wahr. Das verbitt' ich mir,« brauste ich auf.
»Halten Sü das lose Maul! Sü sind ein Verlorener. Sü sind eine Gefahr
für die tugendhaften Schüler. Der Lehrerrat wird das weitere über Sü
beschließen.«
Binnen vierundzwanzig Stunden wurde ich aus dem Tempel des Humanismus
hinausgeworfen, dimittiert, und damit nicht nur vom Maxgymnasium,
sondern auch von jeder anderen höheren Lehranstalt in München
ausgeschlossen. Meine Reue war tief und ehrlich.
Das Königliche Seminar in Burghausen, einem kleinen bayrischen
Gymnasialstädtchen an der österreichischen Grenze, nahm den Entgleisten
auf. Das Seminar war ein Internat, eine Art Besserungsanstalt. Die
Zöglinge wurden morgens ins Gymnasium geführt und mittags wieder
abgeholt; nachmittags wieder hingeführt und abends wieder abgeholt. In
der Zwischenzeit aß man an langen Tischen im Speisesaal, arbeitete in
den Studiersälen, schlief des Nachts in gemeinsamen Schlafsälen -- jede
Minute unter Aufsicht, unter strengster Zucht. Sechs Monate lang ging
alles gut, und meine Zeugnisse schnellten zu verblüffender Güte empor.
Dann fing's wieder an.
Die Aufsicht in unserem Studiersaal führte ein Präfekt, den wir alle aus
tiefstem Herzensgrund haßten. Das kleine Männchen im bis an den Hals
zugeknöpften Priesterrock pflegte auf leisen Sohlen hinter unsere Bänke
zu schleichen und uns über die Schultern zu gucken. Wir Obersekundaner
empfanden sein Spionieren, wie wir es nannten, als eine ungeheuerliche
Beleidigung. Er war ein gestrenger Herr, der über nichts viele Worte
verlor, sondern bei Verstößen gegen das Hausregiment einfach in knappen,
kurz hervorgesprudelten Sätzen Strafarbeiten auferlegte. Strafarbeiten
erster Güte. Mit dem Auswendiglernen von hundert Versen der Odyssee
begann erst sein Repertoire. Auf den Spaziergängen verbot er uns das
laute Sprechen; nachts wandelte er stundenlang im Schlafsaal auf und ab.
Wir hatten natürlich keine Ahnung, daß diese nächtliche Vigil einen ganz
bestimmten Zweck hatte, und nicht das geringste Verständnis dafür, daß
er nur seine Pflicht tat! Wir sahen in ihm nur die Verkörperung einer
erbarmungslosen Autorität, die uns stets auf dem Nacken saß. Und haßten
ihn.
Nun war es Sitte im Seminar, daß einmal im Monat die höheren Klassen
unter Führung ihrer Präfekten einen Ausflug machten, bei dem in irgend
einem Dorfwirtshaus Bier getrunken und geraucht werden durfte; eine
Vergünstigung, die als Sicherheitsventil wirken sollte. Diesmal teilte
uns der Leiter des Seminars mit, daß auf Vorschlag unseres Präfekten der
Ausflug in diesem Monat unterbliebe. Wir seien einer solchen
Vergünstigung nicht würdig. Wir sollten gefälligst fleißiger sein und
uns nicht so viele Hausstrafen zuziehen!
Unsere Wut kannte keine Grenzen.
»Der Schleicher!«
»Der Spion!«
»A solchene Gemeinheit!«
Prompt wurde eine Verschwörung organisiert. Auf dem nachmittäglichen
Spaziergang stopften wir unsere Taschen voll kleiner Steinchen. Und
abends, als alles ruhig geworden war im Schlafsaal und wir alle in den
Betten lagen, klirrte mit scharfem Klang ein Steinchen gegen das
Glashaus des Präfekten. Glashaus? Jawohl! Der Gegenstand unseres Hasses
schlief in einem winzigen deckenlosen Gemach, dessen Wände aus
Rahmenwerk mit Glasfenstern bestanden; in einem richtigen Glashäuschen.
Die Wände verhüllten Vorhänge, durch die er uns aber beobachten konnte.
Was ja auch der Zweck des Glasgemachs war. Wir Münchener nannten es den
Glaspalast.
Ein zweites Steinchen prallte gegen den Glaspalast; ein drittes, ein
viertes. Der Präfekt, völlig angekleidet, kam hervorgeschossen.
»Ruhe!«
Dann verschwand er wieder. Und im nächsten Augenblick knatterte es wie
Gewehrfeuer gegen seine Wände. Diesmal kam er sofort und rief mit vor
Entrüstung bebender Stimme:
»Lausbuben!«
»Unverschämt!« schrie eine Stimme aus einem Winkel des Schlafsaals.
(Das war ich!)
»Lassen Sie die Kinderei!« befahl der Präfekt ruhiger werdend.
»Bestrafen werde ich Sie morgen.«
Aber wir waren viel zu aufgeregt, um Vernunft anzunehmen. Ohn' Unterlaß
klatschte der Hagelsturm von Kieselsteinen gegen die Glaswände. Der
Präfekt rannte zwischen den Bettreihen auf und ab und stürmte und
wütete. Unterdessen sorgten die Bettreihen, denen er jeweilig den Rücken
zukehrte, für Aufrechthaltung des Bombardements. Es war eine Orgie.
Schließlich lief er davon und holte den Rektor. Denn der Leiter des
Seminars war gleichzeitig Rektor des Gymnasiums -- ein Grobian, den wir
liebten.
»Wenn während des Restes der Nacht nicht völlige Ruhe in diesem
Schlafsaal herrscht,« erklärte der Rektor trocken, »so werde ich
höchstpersönlich erscheinen und Sie alle körperlich züchtigen. Ich werde
an dem einen Ende der Bettreihe anfangen. Und so weiter. _Ad infinitum._
Wenn Sekundaner sich wie Volksschüler betragen, so muß man sie prügeln
wie Volksschüler. Dies ist Logik. Guten Abend!«
Ich unverbesserlicher Sünder aber lachte die halbe Nacht hindurch, indem
ich mir vorstellte, wie grandios doch diese Prügelszene gewesen wäre!
Am nächsten Morgen kam alles ans Licht der Sonnen ...
»Haben Sie geworfen?«
»Jawohl, Herr Rektor.«
»So? Soo? Soo--o? Weshalb haben Sie das getan?«
»Wegen des Ausflugs.«
»So--oh! Ich stehe in _loco parentis_ und habe gute Lust, Sie zu
ohrfeigen.«
Im nächsten Augenblick: Klatsch links, klatsch rechts.
»Sie sind wirklich unverbesserlich. Im Seminar kann ich Sie nach dieser
Leistung nicht länger belassen. Aus dem Gymnasium werde ich Sie nicht
entfernen, weil Sie wenigstens nicht gelogen haben. Aber ich warne Sie!
Nur die geringste Kleinigkeit -- und Sie fliegen!«
Am gleichen Nachmittag noch wurden in feierlicher Zeremonie ich und ein
anderer Schüler für unwürdig des Seminars erklärt und vom Pedell ins
Städtchen geführt. Mich brachte er zu einer Frau Glockengießermeister
die mich in Kost und Verpflegung nahm.
* * * * *
Ich aber segnete den Präfekten und den Glaspalast und die Steinchen,
denn nun war ich ein freier Bursch, ein Stadtschüler! Auf dem Stübchen
bei Glockengießermeisters konnte man lange Pfeifen rauchen, soviel man
nur wollte, und am Abend holte Glockengießermeisters Töchterlein gern
eine Maß Bier. Das war wunderschön -- goldene Freiheit. Fast ein Jahr
lang ging alles gut, bis das Märchen kam; ein richtiges Märchen: Es war
einmal eine Königin, die neigte sich zu einem Pagen, und ein groß'
Gerede entstand im Königsschloß ...
In wundernder Rührung gedenke ich jener Zeiten erster Liebe. Die Königin
war eine junge Dame, vielumworben im Städtchen, älter als der
Unterprimaner, der ein Mann zu sein glaubte, es aber durchaus nicht war.
Ich weiß noch genau, wie ich mich geärgert hatte, als ein Brief meines
Vaters mich zwang, zum Besuch in jener Familie "anzutreten"; mit welchem
Widerstreben ich dann bei einer zufälligen Begegnung auf dem Eisplatz
meine Schulverbeugung vor Mutter und Tochter machte und wohl oder übel
die junge Dame zum Schlittschuhlaufen einladen mußte. Familiensimpelei
nannte ich dergleichen damals. Doch es dauerte nicht lange, und der
Unterprimaner wartete oft stundenlang in zitterndem Bangen auf dem
Eisplatz, ob ~sie~ kommen würde -- -- und war glückselig, wenn sie kam.
In schweigendem Glück zuerst. Und dann brach es wie ein Sturm über uns
Menschlein herein. Aus dem Alltagssprechen wurden gestammelte Worte von
tiefem Sinn, leises Geflüster, zaghaftes Gestehen, ein:
_»Je vous aime!«_
_»I love you so ...«_
Die großen Worte, die ein so wunderbares Geheimnis zu bergen schienen
und doch fast körperlich schmerzten im Gesprochenwerden, wären in
deutscher Sprache nie über unsere Lippen gekommen. Das war das Glück;
unvergeßliche Zeiten der Begeisterung, des Göttertums zweier junger
Menschen, die ein jeder im andern die Vollkommenheit sahen, den heimlich
geträumten Jugendtraum. Wir schwelgten in Goethe und Scheffel und Heine
und schrieben einander lavendelfarbene Briefchen und jubelten laut in
den Gängen der alten Herzogsburg droben auf dem Schloßberg. Wie
glückselige Kinder.
Da fing das Städtchen zu reden an. Die Perückenzöpfe braver Bürger
wackelten erschrecklich vor lauter entsetztem Kopfschütteln. Was mögen
ehrsame Honoratioren und entrüstete Gymnasiallehrer alles gesagt und
alles gedacht haben! Als ich zehn Jahre später wieder in das Städtchen
kam, schlug Frau Glockengießermeisterin die Hände über dem Kopf zusammen
und erzählte drei Stunden lang von den merkwürdigen Dingen, die damals
das Städtchen geredet hatte, nicht mit Engelszungen. Die Königin aber
von damals wohne weit drüben im Schwäbischen am Bodensee und sei eine
stattliche junge Regimentskommandeuse geworden, die dem Herrn Oberst
schon eine Schar von Kindern beschert habe --
Der Unterprimaner wurde schleunigst aus dem Gymnasium fortgejagt, unter
dem ein wenig fadenscheinigen Vorwand, am offenen Fenster eine lange
Pfeife geraucht und einen vorübergehenden Professor nicht gegrüßt zu
haben. Ich hatte ihn nicht gesehen. Aber der Lehrerrat faßte es als
Verhöhnung auf.
Der Rest ist eine häßliche Erinnerung. Durch die zweite Dimission war
dem Entgleisten jedes Gymnasium in Bayern verschlossen, und übrig blieb
nur eine Münchner Presse. Aber nun war Hopfen und Malz verloren; ich
hatte die Empfindung, man hätte mir schweres Unrecht getan und wurde
gleichgültiger denn je. Ich kneipte. Machte Schulden. Groteske Schulden.
Bis eines Tages langgeprüfte Familiengeduld riß und kurzerhand
beschlossen wurde, den Unverbesserlichen drüben über dem großen Wasser
für sich selbst sorgen zu lassen; ein Beschluß, der allzu energisch
gewesen sein mag. Denn schließlich hatte der Lausbub weder gestohlen
noch geraubt. Wenn ich mir aber den Lümmel von damals vorstelle, wie er
alltäglich die schönsten Ermahnungen mit gelangweiltem Gesicht anhörte,
um sich dann zu schütteln wie ein naßgewordener Hund und schleunigst
eine neue Dummheit auszuhecken (die der Familie gewöhnlich ein
Sündengeld kostete) -- so verstehe ich alles! Glaube mir, oh Leser: Der
Lausbub war ein infamer Lausbub!
Im Zwischendeck der Lahn.
Im Bremer Ratskeller. -- »So schmiede dir denn selbst dein
Glück!« -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
Nebengeschäftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
-- _Atra cura_ ... -- Das Mädel mit den hungrigen Augen.
-- Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen.
Den ganzen Tag waren wir in Bremen umhergerannt. Als wir bei der
ärztlichen Untersuchung uns einer langen Reihe von Auswanderern
anschließen und stundenlang warten mußten, sagte mein Vater auf einmal:
»Du solltest eigentlich doch die Überfahrt in der Kajüte machen und
nicht im Zwischendeck!«
Aber sofort besann er sich. »Nein! Es bleibt dabei. Es ist besser, wenn
du dich schon auf dem Schiff an neue Verhältnisse gewöhnst.«
Und dann kam der letzte Abend im deutschen Land.
Bis gegen Mitternacht saßen mein Vater und ich im Bremer Ratskeller, in
einem stillen Winkel, verborgen zwischen bauchigen Apostelfässern. Edler
Wein funkelte in den Gläsern. Von der großen Stube her klang
Stimmengewirr, lustiges Lachen fröhlicher Menschen. Mir war erbärmlich
zumute; ich starrte in den goldgelben Wein und kämpfte immer wieder mit
Tränen und dachte an den Abschied von meiner Mutter und wagte es nicht,
meinem Vater in das vergrämte Gesicht zu sehen.
Erst Jahre später habe ich das verstanden, was mir mein Vater an jenem
Abend sagte. Er sprach wie ein Mann zum andern, wie ein Freund zum
Freund; erklärte mir, daß es ihm bitter schwer würde, den einzigen Sohn
in die Welt hinauszuschicken. Er wisse aber keinen andern Rat. Das Leben
selbst mit all' seinen Härten müsse mich in die Kur nehmen ...
»Geh' zugrunde, wenn du zu schwach fürs Leben bist!«
Und ich lächelte unter Tränen, denn meine Art von Stolz hatte ich trotz
allen Gedrücktseins und trotz aller Reue. Das gefiel ihm.
»Du wirst nicht zugrunde gehen, glaube ich. So gefährlich auch das
Experiment ist, für so richtig halte ich es. Du mußt auf deine eigenen
Füße gestellt werden. Du mußt dich austoben! Auf der Universität würdest
du nichts als neue Streiche machen, dich vielleicht ins Unglück stürzen;
Soldat, wie du es werden möchtest, kann ich dich nicht werden lassen,
denn zum armen Offizier eignet sich kein Mensch so schlecht wie du --
ins kaufmännische Leben paßt du erst recht nicht. So schmiede dir denn
selber dein Glück ...«
Stundenlang sprach mein Vater mit mir. Meine Fahrkarte lautete nach
Galveston in Texas. Mein Aufenthalt in New York würde nur wenige Stunden
dauern; am nächsten Tag nach Ankunft der Lahn in New York sollte ich mit
einem Dampfer der Mallorylinie nach Texas weiterfahren. Da draußen im
jungen Land würde es mir weit leichter werden, mich durchzuschlagen, als
in einer Riesenstadt mit ihren Tausenden von Arbeitslosen.
»Such' dir dein Brot! Halte den Kopf hoch, mein Junge; laß dir nichts
schenken; gib Schlag um Schlag; hab' Respekt vor Frauen. Du wolltest ja
immer Soldat werden -- bist jetzt ein Glückssoldat.«
Und die Gläser klirrten zusammen.
Da bat ich schluchzend um Verzeihung -- -- -- Nie in meinem Leben werde
ich jenen Abend vergessen; denn als ich sieben Jahre später wiederkam,
da hatten sie meinen Vater begraben.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Bremerhaven zum Lloyddock. Dort lag
wie ein riesiges schwarzes Ungetüm der Schnelldampfer Lahn. Auf dem
kleinen Häuschen am Dock, das irgend ein Bureau enthalten mochte,
flatterte die deutsche Flagge. Am Kai drängten sich die Menschen, und an
der Schiffsreeling standen in dichten Reihen Kajütenpassagiere, die
Abschiedsgrüße zu ihren Freunden hinunterriefen und Taschentücher
flattern ließen. Wir stiegen die Gangplanke hinan. Ein Zahlmeister des
Norddeutschen Lloyd verlangte meine Zwischendeckkarte, und ein Polizist
prüfte meinen Paß. Auf dem Vorderschiff war ein unbeschreiblicher
Wirrwarr. Männer und Frauen und Kinder standen und saßen herum, zwischen
Köfferchen und Säcken und Bündeln. Irgend jemand spielte auf einer
Ziehharmonika, und ein Mädel sang dazu: »Et hat ja immer, immer jut
jejange' -- jut jejange' ...« Die unbehilflichen Menschen, die sich
gegenseitig im Wege standen, schnatterten und schimpften; die
Ziehharmonika johlte einen Gassenhauer nach dem andern, bis die
Walzerklänge der Schiffskapelle auf dem Promenadedeck sie übertönten.
Mein Vater und ich standen an der Reeling zwischen einem russischen
Juden in fettglänzendem Kaftan und einer Bauernfrau mit buntem Kopftuch.
Ich schluchzte vor mich hin. Die Menschen und die Dinge schwammen mir
vor den Augen; mir war, als müßte ich schreien in bitterer Reue. Mein
Vater sagte ein über das andere Mal:
»Mein lieber Junge -- mein lieber Junge!«
»Besucher von Bord!« riefen die Stewards. Die Glocke begann zu läuten.
Langsam setzte sich der Schiffskoloß in Bewegung. Und ich stand und
starrte mit brennenden Augen nach dem Kai. Hochaufgerichtet stand mein
Vater am äußersten Ende der Landungsbrücke, den Kopf in den Nacken
geworfen, wie das seine Art war, und winkte mir zu. Einmal. Zweimal.
Dann wandte er sich mit einem scharfen Ruck, und in wenigen Sekunden war
er im Menschengewühl verschwunden -- -- --
* * * * *