von Rud. Virchow.
(Hierzu Taf. I-III.)
Herr Jagor hatte die grosse Güte, mir die von ihm auf den Philippinen
gesammelten und von dort mitgebrachten Schädel zur Bearbeitung zu
überlassen. Ich legte die erste Reihe derselben in der Sitzung der
Berliner anthropologischen Gesellschaft am 15. Januar 1870 vor und
bemerkte darüber Folgendes:
»Als Herr Jagor mir die Mittheilung machte, dass er eine grössere
Anzahl von Schädeln von den Philippinen mitgebracht habe, welche
er meiner Untersuchung unterbreiten wolle, machte ich mich alsbald
daran, um wenigstens Einiges über ihre anatomische Beschaffenheit
seinem Vortrage hinzufügen zu können. Der erste Blick zeigte,
dass eine der seltensten künstlichen Verunstaltungen des Schädels,
welche überhaupt bekannt ist, in ausgezeichneten Exemplaren hier
vorliegt, und dass diese Schädel ein ganz besonderes Interesse in
Anspruch nehmen. Ein Theil von ihnen hat wesentlich dieselbe Form,
welche sich im nordwestlichen Nordamerika findet, und unter dem
Namen des Flachkopfes (Flathead) bekannt ist. Namentlich einer der
von Herrn Jagor mitgebrachten Schädel aus der Höhle von Lanang ist
ein Flachkopf von musterhafter Ausbildung; er ist von oben und vorn
her flachgedrückt, wie ein Kuchen, und von den weit nach hinten
geschobenen Seitenbeinhöckern (Tubera parietalia) läuft das fast
ganz abgeplattete Hinterhaupt in einer Ebene schräg nach unten gegen
das grosse Hinterhauptsloch (Taf. I. fig. 3-4). Einige der anderen
Schädel verhalten sich ähnlich, wenngleich ihre Verunstaltung keinen
so hohen Grad erreicht hat.
Dass auf den Inseln Asiens ähnliche Gebräuche geherrscht haben, wie
in Amerika, ist allerdings, wie sich bei genauerer Nachforschung
gezeigt hat, von einzelnen Schriftstellern berichtet, indess ist
die Thatsache doch so verborgen geblieben, namentlich ist sie so
wenig durch authentische Funde belegt worden, dass davon auch in den
Werken der Specialschriftsteller kaum die Rede ist. Nur Thévenot,
dessen Werk [343] am Ende des 16. Jahrhunderts erschienen ist, lässt
einen Geistlichen in einer Beschreibung der Philippinen berichten,
dass die Eingebornen auf einigen dieser Inseln die Gewohnheit hätten,
den Kopf ihrer neugebornen Kinder zwischen zwei Bretter zu legen und
so zusammenzupressen, dass er nicht mehr rund bliebe, sondern sich in
die Länge ausdehne. Er fügt hinzu, dass sie auch die Stirn abplatteten,
indem sie glaubten, dass diese Form ein besonderer Zug von Schönheit
sei. Eine genauere Betrachtung der vorliegenden Schädel ergiebt in
der That deutlich die doppelte Compression, welche einerseits schräg
von hinten und unten her, andererseits von vorn und oben her auf den
Schädel ausgeübt ist, und man braucht sich diese beiden Druckflächen
nur verlängert zu denken, so bekommt man die nach vorn zusammengehende
Stellung der Druckbretter, welche noch heute bei gewissen wilden
Stämmen der nordamerikanischen Westküste im Gebrauch ist.
Die Sache hat gegenwärtig eine ganz besondere Bedeutung, weil die
Zahl der Fundstellen solcher verunstalteter Schädel im Laufe der
letzten Jahre immer grösser geworden ist, und zwar auch in Europa. Was
insbesondere Deutschland anbetrifft, so sind am meisten bekannt die
in der Nähe von Wien gefundenen difformen Schädel, über welche lange
und gelehrte Streitigkeiten stattgefunden haben, indem die eine Partei
meinte, es handele sich um Awarenschädel, möglicher Weise um direkte
Ueberreste der alten Hunnen, während auf der anderen Seite sogar
die Frage auftauchte, ob nicht bei der grossen Aehnlichkeit, welche
diese Schädel mit gewissen Peruaner-Schädeln zeigen, anzunehmen sei,
dass durch die Beziehungen der alten Habsburger zu Peru Schädel von
da nach Deutschland gekommen und hier verloren gegangen sein könnten.
Diese letzte Frage, die immerhin discussionsfähig war, hat ihren Boden
gänzlich verloren, seitdem in den letzten Zeiten ähnliche Funde auch
an anderen Orten Europas gemacht worden sind. Nachdem schon Blumenbach
in seiner berühmten Schrift De generis humani varietate nativa, 1776,
p. 63 eines derartigen Schädels aus einem Göttinger Grabe gedacht
hat, ist neulich von Hrn. Ecker in Freiburg im ersten Bande des
Archives für Anthropologie S. 75 ein solcher Fund aus Rheinhessen
genauer beschrieben worden. Der Schädel wurde gefunden in der Nähe
von Niederolm, zwischen Mainz und Alzey, innerhalb einer grösseren
Gräberreihe, welche dort aufgedeckt worden ist. Diese Beschreibung hat
Hrn. Barnard Davis Veranlassung gegeben, auf einen schon früher von ihm
in seinen Crania britannica bezeichneten Schädel aufmerksam zu machen
(Archiv f. Anthropologie II. S. 17), welcher auf einem seiner Meinung
nach angelsächsischen Kirchhofe zu Harnham bei Salisbury, Wiltshire,
aufgefunden worden ist.
Es wird daher wohl kaum noch zweifelhaft sein können, dass in der That
auch in Europa einheimische Stämme ähnliche Gebräuche gehabt haben,
und wenn wir nun auf der anderen Seite das Gebiet dieser Difformitäten
sich weit über die bisher gekannten Grenzen auf die Inseln Ostasiens
ausdehnen sehen, -- bisher war Tahiti der von Osten her am meisten
vorspringende Punkt, von welchem derartige Schädel bekannt waren,
-- wenn wir sehen, dass dasselbe Verfahren auf den Philippinen geübt
worden ist, so wird man sich wohl darein finden müssen, anzunehmen,
dass durch eine gewisse Uebereinstimmung des menschlichen Geistes,
wie sie uns auch sonst oft genug überrascht, derartige Gebräuche
sich an den verschiedensten Orten festgestellt haben, ohne dass man
daraus Folgerungen auf einen direkten Zusammenhang der Völker ziehen
darf, und ohne dass man, was meiner Meinung nach das Wichtigste ist,
von dem Vorkommen gewisser Schädel-Difformitäten berechtigt ist auf
die Abstammung der Völkerschaften und auf prähistorische Wanderung
derselben zurückzuschliessen. Ich betone dies namentlich gegenüber
den Ausführungen des Herrn Gosse (Mém. de la soc. d'anthrop. de
Paris. 1861 T. II. p. 567), welcher aus gewissen übereinstimmenden
Verunstaltungen der Schädelform darthun will, dass von Florida eine
alte Bevölkerung in Mexiko eingewandert sei und sich später bis nach
Peru ausgebreitet habe.
Von besonderem Interesse sind die sehr ähnlichen Schädel, welche in
der Krim gefunden worden sind, und die Herr v. Baer zum Gegenstande
einer besonderen Abhandlung [344] gemacht hat. Es ist dies eine
klassische Gegend, denn schon Hippokrates hat uns Nachrichten von einer
Völkerschaft an der östlichen Ecke des schwarzen Meeres hinterlassen,
welche er Makrocephalen nennt, die sich nach seiner Aussage durch die
Gestalt ihres Schädels vor allen anderen Völkern auszeichnete. Durch
Anlegung von Binden und Maschinen zwangen sie, wie er sagt, schon
den Kopf des neugebornen Kindes, in die Länge zu wachsen, und zwar
deshalb, weil sie die Länge des Kopfes für ein Zeichen des Adels
hielten. Nach Hippokrates haben verschiedene andere Schriftsteller
über diese Völkerschaft berichtet.
Ueberall, von wo wir seitdem Nachrichten über die Entstehung dieser
Difformität erhalten haben, kommen sie darin überein, dass die
neugebornen Kinder entweder auf ein Brett gelegt werden und ihnen dann
durch Binden der Kopf gegen dasselbe angezogen wird, oder dass ihr Kopf
zwischen zwei Bretter gezwängt und dadurch ein Druck auf zwei Punkte
desselben ausgeübt wird, oder endlich, dass an bestimmte Stellen des
Kopfes Compressen angelegt und darüber Binden in allerlei Zirkeltouren
um den Kopf herumgeführt werden, so dass durch die Compresse eine
Abplattung, durch die Binden circuläre Eindrücke hervorgebracht werden.
Die ersten ikonographischen Mittheilungen über diese Verhältnisse
hat der berühmte amerikanische Reisende Catlin veröffentlicht; bei
ihm finden wir auch Abbildungen der Compressionsmaschine. In seiner
Beschreibung der Chinook's an der Westküste Nordamerikas zeichnet er
auf der einen Tafel eine flachköpfige Dame, welche ihr neugebornes
Kind im Druckapparate hält, auf der nächstfolgenden Tafel ein kleines
kahnartiges Werkzeug, in welchem das Kind eingewickelt liegt, und
welches so eingerichtet ist, dass es auf den Rücken gehängt werden
kann, um so die Wanderungen mitzumachen, welche diese wenig sesshaften
Völkerschaften unternehmen.
Dass ähnliche, wenn auch nicht so complicirte, aber doch nicht minder
wirksame Operationen noch gegenwärtig in Europa vorgenommen werden,
ist namentlich durch verschiedene Beobachtungen in südfranzösischen
Departements festgestellt worden. Man kennt 3-4 solche Gegenden,
wo noch gegenwärtig durch Druckeinwirkungen der Kopf der Neugebornen
verunstaltet wird. Da nun auch in verschiedenen Gegenden Deutschland's
ähnliche Schädel gefunden worden sind, so erlaube ich mir ganz
besonders die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, da es
wünschenswerth wäre, darauf Acht zu geben, ob etwa Rückstände dieser
Gebräuche auch in der norddeutschen Bevölkerung anzutreffen sind,
worauf eine Notiz bei Blumenbach (De generis humani varietate nativa,
p. 60) speciell für Hamburg hindeutet.
Nachdem wir die Analogie der difformen Schädel von den Philippinen mit
denen der Chinooks und verschiedener anderer flachköpfiger Bevölkerung
constatirt haben, so fragt es sich: Was mag der Volksstamm, welchem
diese Schädel angehörten, für eine primäre Gestaltung des Schädels
besessen haben? wie würden diese Schädel ausgesehen haben, wenn sie
nicht künstlich missgestaltet worden wären?
In dieser Beziehung bemerke ich, dass Herr Gosse, ein Genfer
Arzt, der eine sehr verdienstvolle Abhandlung über die künstliche
Verunstaltung des Schädels [345] geschrieben hat, die schon von
Hippokrates aufgestellte Meinung wiederholt hat, es könne sich
allmählich eine erbliche Fortpflanzung dieser Form einstellen, und es
bedürfe in der Folge der Generationen nicht mehr einer ausgiebigen
Einwirkung, um sie zu erzeugen; sie erhalte sich von selbst auf dem
Wege der Heredität. Dagegen sprechen alle sonstigen Erfahrungen: bei
Catlin sind Chinook-Indianer abgebildet aus der neueren Zeit, wo diese
Bräuche nicht mehr herrschen, deren Schädel sich nicht difform zeigt;
ja, unter den östlicheren Stämmen Amerika's giebt es einzelne, wie die
Choctaws, die ursprünglich mitten in dem jetzt cultivirten Nordamerika
gewohnt haben, unter denen früher ähnliche Sitten herrschten, und
in deren Gräbern man noch abgeflachte Schädel gefunden hat, bei
denen jedoch jetzt jede Spur dieser Schädelform geschwunden ist,
nachdem sie die Compression aufgegeben haben. Dazu kommt, dass in
manchen Stämmen die Verunstaltung ein Vorzug der männlichen und zwar
der adeligen männlichen Bevölkerung war und dass ausser den Sklaven
auch die Frauen davon ausgeschlossen waren, -- ein Umstand, welcher
der Vererbungstheorie keineswegs günstig ist. Man darf daher nirgends
annehmen, dass sich diese Difformität von selber fortgepflanzt hat,
und es wird überall, wo man sie antrifft, die Frage aufgeworfen
werden müssen: giebt es Schädel, aus welchen man die ursprüngliche
Form erkennen kann?
Für die Erörterung dieser Frage an den Philippinen-Schädeln ist
ein Umstand von besonderem Nutzen. Ausser dem Eingangs erwähnten
Muster-Schädel gehören noch 4 andere demselben Fundorte an. Sie
sind sämmtlich in der Höhle bei Lanang unter Verhältnissen gefunden,
welche ein grosses Alter andeuten. Ich erwähne zuerst einen ringsum
mit starken Kalkmassen incrustirten und dadurch colossal vergrösserten
Schädel, welcher ein ganz formidables Aussehen darbietet und als
richtiger fossiler Schädel erscheint. Trotz der Kalkmassen, die ihn
umhüllen, kann man sehr wohl erkennen, dass er wesentlich derselben
abgeplatteten Form angehört oder ihr jedenfalls sehr nahe steht. An
einem dritten Schädel dagegen ist keine Spur jener künstlichen Form
vorhanden, so dass durchaus kein Zweifel darüber bestehen kann, dass
er niemals einem Druckverfahren unterlegen hat, und da er an derselben
Stelle mit den anderen gefunden worden ist, so ist meiner Meinung nach
auf dies Verhältniss ein grosser Werth zu legen. Endlich die letzten
beiden Schädel, obwohl sie deutliche Spuren der Abplattung an sich
tragen, zeigen dieselbe doch in abnehmendem Maasse, so dass man, wenn
man einen nach dem andern mit jenem ersten vergleicht, eine ziemlich
regelmässige Stufenfolge der Verunstaltung erkennt. Ich habe von diesen
letzteren Schädeln den Kalküberzug grossentheils abgesprengt, worauf
sich ergab, dass man schon auf eine mehr natürliche Form gelangt,
welche weit davon entfernt ist, eine augenfällige Aehnlichkeit mit
den Chinook-Köpfen darzubieten; freilich der schnelle und ebene Abfall
des Hinterhauptes deutet immer noch darauf hin, dass eine künstliche
Einwirkung stattgefunden hat (Taf. I, fig. 1-2).
Noch wichtiger ist es, dass aus einer anderen und zwar aus einer von
der eben erwähnten ziemlich entfernten Lokalität, nämlich aus der
von Herrn Jagor (Zeitschrift für Ethnologie I. S. 80) beschriebenen
Felsklippe von Nipa-Nipa, welche in der Strasse zwischen Samar und
Leyte gelegen ist, zwei andere Schädel (Taf. I, fig. 5-6) von ihm
mitgebracht worden sind, von denen der eine dieselbe Verunstaltung,
wie die besprochenen, in hohem Maasse darbietet (fig. 6). Ich erwähne
nur aus der Mittheilung des Herrn Jagor, dass vom Meere aus eine
Art Thor in die Klippe hineingeht, durch welches man in eine innere
Bucht gelangt, die von steilen Felswänden umgeben ist; an einer der
letzteren befindet sich hoch über dem Meere die schwer zugängliche
Höhle, aus welcher die Schädel genommen sind.
Auch an diesen beiden Schädeln aus der Höhle von Nipa-Nipa zeigt sich
eine entschiedene Differenz: an dem einen bemerken wir eine positive
Abplattung, einen steilen Abfall, von den Tubera parietalia nach unten,
wie er niemals an einem natürlichen Schädel vorkommt (Taf. I, fig. 5),
und von unmittelbar derselben Lokalität rührt ein anderer Schädel von
übrigens ganz ähnlicher Färbung und Beschaffenheit der Knochen her,
der vielleicht einer leichten Abplattung unterlegen hat, worauf eine
gewisse Verschiebung nach der einen Seite hin deutet, der aber im
Uebrigen ganz offenbar dem gewöhnlichen oder ursprünglichen Zustande
sich nähert (Taf. I, fig. 6).
Auf diese Weise kann man, wie mir scheint, seinen Weg von den künstlich
erzeugten zu den ursprünglichen Verhältnissen zurückfinden, und es
ist möglich, zu Schädelformen zu gelangen, bei welchen man wenigstens
annähernd richtig gewisse Verhältnisszahlen aufstellen kann, welche
zur Vergleichung mit anderen Befunden dienen dürfen. Unsere Zuversicht
in die Richtigkeit der Schlussfolgerungen ist um so grösser, als die
Zahlen beider Beobachtungsreihen sich gegenseitig controliren.
Für diejenigen, welche nicht Anatomen sind, bemerke ich, dass es
in neuerer Zeit Gebrauch geworden ist, die ethnologisch wichtigsten
Maassverhältnisse des Schädels zunächst in der Weise zu bestimmen,
das man Verhältnisszahlen zwischen Länge, Breite und Höhe des Schädels
sucht, in der Art dass die Länge = 100 gesetzt und Breite und Höhe
darnach reducirt werden. Der Kürze wegen kann man die gefundene
procentische Zahl für die Breite als Breitenindex, diejenige für die
Höhe als Höhenindex bezeichnen. Das Verhältniss von Höhe zu Breite wird
gleichfalls auf eine Breite von 100 berechnet und die Zahl für die Höhe
als Breitenhöhenindex aufgeführt. Thut man dies nun an den am wenigsten
difformen Schädeln der Philippinen, so kommt man immer noch auf einen
Breitenindex, welcher nach den bisher bekannten Erfahrungen für die
ostasiatische Inselbevölkerung ganz unerhört ist. Bei dem einen relativ
normalen Schädel aus der Höhle von Nipa-Nipa beträgt der Breitenindex
89,1, der Höhenindex 78,9, der Breitenhöhenindex 88,5; bei dem
einen Lanang-Schädel ist der Breitenindex 80,1, der Höhenindex 77,8,
der Breitenhöhenindex 97,1. Solche Breitenverhältnisse sind überall
ungewöhnlich; z. B. die äusserste Grenze der Breitenverhältnisse in
Europa finden wir bei den Lappen, wo sie zwischen 82 und 83 schwankt.
Es ergiebt sich zunächst aus diesen Verhältnissen in ganz
unzweifelhafter Weise, dass diese in ausgezeichnetem Sinne
brachycephale Bevölkerung, die doch, wie es scheint, einer lange
vergangenen [346] Zeit angehört, nichts zu thun hat mit den
Negritos, insofern diese, soviel bis jetzt angenommen wird, mit
den Melanesiern in Beziehung stehen, welche sich alle auszeichnen
durch die relativ geringe Breite ihres Schädels im Vergleich zu einer
relativ beträchtlichen Länge. Einige andere polynesische Stämme sind
geradezu ausgezeichnet durch die geringe Breite des Schädels bei
einer ungewöhnlichen Höhe und Länge (Hypsistenocephali).
Man ist daher für unsere Schädel darauf angewiesen, andere
Verwandtschaften aufzusuchen, und die nächste Frage, welche sich
hier aufwirft, ist die: ist es eine malaische Bevölkerung gewesen,
mit der wir es zu thun haben? Auch für die malaische Rasse im Ganzen
liegen die angeführten Verhältnisse ausser aller Erfahrung. Es giebt
allerdings ein paar Punkte im Gebiete der Malaien, an welchen erheblich
breite Schädel gefunden worden sind. Welcker (Archiv für Anthropologie
II. S. 154-156) hat die extremsten Verhältnisse an den von Madura,
einer nördlich von Java gelegenen Insel, hergebrachten Schädeln
nachgewiesen, bei denen aber doch solche Verhältnisse nicht vorkommen,
wie wir sie hier vor uns finden. Nach seinen Mittheilungen betrug der
Breitenindex der Maduresen, der übrigens dem Höhenindex gleich war,
82 [347]. Nächstdem stehen in der Liste von Welcker die Menadaresen
mit einem Breitenindex von 80 und einem Höhenindex von 81. Für die
Javanesen berechnet er einen Breitenindex von 79, während freilich
andere Autoren 82-84 haben. Immerhin ist durch die neuere Untersuchung
constatirt, dass innerhalb der malaischen Reihe eine gewisse Breite
der Schwankungen nach Stämmen existirt, und dass man bei einzelnen
derselben zu Breitenindices kommt, welche denen der Lappen nahezu
analog sind.
Unter den vorliegenden Schädeln stammt nur einer, derjenige nämlich,
welchen Herr Jagor am Ysarog auf der Insel Luzon ausgegraben hat,
nach den Nachrichten, welche er erhielt, von einem der heutigen
Eingebornen; es war bekannt, dass der betreffende Mann, ein Cimarrone,
durch einen Hieb am Hinterhaupte sein Leben verloren hat. Dieser
Schädel ist unglücklicherweise der einzige unter den von Herrn Jagor
mitgebrachten, von welchem man sicher ist, dass er einer noch jetzt
bestehenden Race angehört, und da wir auch sonst wenig Nachrichten über
die Craniologie der Philippinen [348] haben, so bin ich nicht in der
Lage, etwas Bestimmtes über seine Stellung zu sagen. Sein Breitenindex
beträgt 76,9, der Höhenindex 76,1, der Breitenhöhenindex 98,9, die
Capacität 1315 Cub.-Cm. Auch wenn man die einzelnen Schädelknochen
mit denen der Lanang- und Nipa-Nipa-Schädel vergleicht, so sind
seine Verhältnisse so wesentlich abweichend, dass in der That keine
Beziehungen des modernen Schädels zu den Höhlen-Schädeln aufgefunden
werden können. Dagegen kann ich allerdings nach den sonst vorliegenden
Messungen sagen, dass der Cimarronen-Schädel eine gewisse Aehnlichkeit
mit Malaien-Schädeln von den benachbarten Sunda-Inseln, namentlich
mit Dajak-Schädeln [349] darbietet.
Es bleibt aber noch eine Reihe von Schädeln, 6 an der Zahl,
zu betrachten, welche zwar sämmtlich aus einer anderen Höhle
genommen sind, als die bisher besprochenen, aber doch von demselben
Felsencomplex von Nipa-Nipa stammen, in welchem die eine der
vorhin erwähnten Höhlen liegt. Diese Schädel (Taf. II, fig. 1-3)
haben namentlich durch die häufige Erhaltung der Unterkiefer einen
besonderen Werth. Sie gehören ihrer ganzen Erscheinung nach einer
anderen Kategorie an und machen, namentlich durch ihre gute Erhaltung,
den Eindruck einer mehr modernen Gruppe. Für das chronologische
Datum, welches man ihnen beilegen kann, tragen sie noch ein besonderes
Indicium an sich: es sind nämlich zwei derselben exquisit syphilitisch,
so dass sie wirklich als Musterspecimina in einem pathologischen
Museum aufgestellt zu werden verdienen. An dem einen findet sich eine
Durchbohrung des harten Gaumens und eine Zerstörung im Umfange des
Naseneinganges an dem Oberkiefer und den Nasenbeinen, welche jedoch
offenbar geheilt gewesen ist; der andere (Taf. II. fig. 3) bietet
ein mustergültiges Beispiel von Caries sicca, welche die Gegend der
Stirn einnimmt und von da auf die Nasenwurzel übergreift, so dass
kein Zweifel sein kann, dass es sich um eine chronische Periostitis
gummosa des Stirnbeines und der Nasenbeine gehandelt hat.
Nun giebt es freilich über das Alter der Syphilis verschiedene
Meinungen, indess ist bis jetzt weder die Meinung aufgestellt worden,
dass die Syphilis ursprünglich auf den Philippinen geherrscht habe,
noch ist irgend eine Thatsache an einem alten Schädel entdeckt worden,
welche darthäte, dass syphilitische Veränderungen in der alten Zeit
bestanden hätten. Man wird also immerhin annehmen können, dass diese
Schädel erst zu einer Zeit in die Höhle gebracht worden sind, als schon
ein längerer Contact mit europäischen Völkern stattgefunden hatte,
also wahrscheinlich nach dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Andererseits
darf man nicht wohl annehmen, dass eine christianisirte Bevölkerung
noch diese Höhle benutzt habe, da, wie Herr Jagor berichtet, die
christlichen Priester mit grosser Heftigkeit gegen diese Ueberreste
gewüthet haben. Es lässt sich daher wohl mit ziemlicher Sicherheit
schliessen, dass die Zeit, innerhalb deren diese Leichen in der Höhle
von Nipa-Nipa deponirt worden sind, nicht allzu lange nach demjenigen
Zeitpunkte zu suchen ist, in welchem eine häufigere Beziehung mit
Europäern hergestellt worden war, und man wird vielleicht annehmen
dürfen, dass die Schädel dem Ende des 16. oder dem Anfange des
17. Jahrhunderts angehören; denn diese Zeit ist es, wo die spanische
Herrschaft sich ausbreitete, und es ist nicht wahrscheinlich, dass
derartige Bestattungs-Gebräuche von dieser Zeit ab gerade unter der
Küstenbevölkerung, von der ein grosser Theil vorher muhamedanisirt
worden war, weiter fortbestanden haben.
Da nun die Stämme, welche an der Küste ihren Sitz haben, mit denjenigen
im Innern des Landes in loserer Berührung stehen, so wird in der Regel
wohl der Fundort der Schädel dem Sitze der Bevölkerung, von welcher
sie stammen, entsprechen. Handelt es sich also, wie bei der Höhle von
Nipa-Nipa, um eine Küsten-Lokalität, so wird man auch annehmen können,
dass der betreffende Volksstamm an der Küste gewohnt hat. Es liegt
daher nahe zu schliessen, dass diese Gruppe von Schädeln eine Beziehung
zu den noch jetzt vorhandenen Stämmen der Küste hat, und in der That,
wenn man diese Schädel betrachtet und damit die Physiognomien der
Leute auf den Abbildungen des Herrn Jagor vergleicht, so zeigen sich
gerade bei den Bisayos gewisse Eigenschaften, welche an allen diesen
Schädeln wiederkehren: die verhältnissmässige Kürze bei relativer
Breite der Schädel findet sich bei der Vergleichung der Profil-
und Frontalansichten der Bisayerinnen leicht wieder; dazu kommt
die charakteristische Bildung der Stirn- und Nasengegend, die von
der kaukasischen gänzlich verschieden ist, insofern die stärkste
Wölbung der Stirn gerade da liegt, wo bei uns eine flache Vertiefung
(Glabella) besteht; endlich sind die ungewöhnliche Niedrigkeit der
Nase und der stark prognathe Zustand der Kiefer überall deutlich zu
erkennen. Wenn man die Profile mit einander vergleicht, so ist so viel
Aehnlichkeit vorhanden, wie man überhaupt zwischen einem Schädel und
einem lebendigen Gesichte nur erwarten kann.
Auch diese Schädel besitzen eine ungewöhnliche Breite; sie haben
im Mittel gerechnet einen Breitenindex von 83,3 bei einer Höhe
von 76,5, ein nach den Messungen von Davis und Schetelig auch
bei Bisayos-Schädeln gefundenes Verhältniss, welches sonst noch
von keiner andern hinterasiatischen Bevölkerung bekannt ist. Noch
weniger findet es sich bei der Bevölkerung der polynesischen Inseln;
in Australien, Neukaledonien, Neuseeland, Tahiti treten ganz andere
Stammeseigenthümlichkeiten hervor, so dass dieser Theil der Bevölkerung
der Philippinen als ein ganz eigenthümlicher und charakteristischer
erscheint. Ich bemerke zu ihrer Charakteristik noch, dass sie eine
Höhlung von durchschnittlich 1282 Cub.-Cm. Inhalt besitzen, dass der
Breitenhöhenindex ihrer Orbitae 94,7, der Höhenbreitenindex ihrer
Nasen 41,3 und der Breitenhöhenindex ihrer Schädel überhaupt 91,7
beträgt. Auch ist erwähnenswerth, dass weder an diesen Schädeln, noch
an den übrigen etwas von künstlicher Feilung der Zähne zu bemerken ist,
die doch sonst bei Malaien so häufig vorkommt und die auch auf den
Philippinen von Thévenot noch erwähnt wird. Nur an einzelnen zeigen
die Zähne die Betelfärbung.
Ich verzichte auf die weiteren Details der Schädelfrage; ich will nur
noch auf ein besonders wichtiges Verhältniss hinweisen. Wenn es sich
feststellen lassen sollte, dass innerhalb des Gebietes der malaischen
Rasse eine in so eminentem Grade brachycephalische Bevölkerung an einer
verhältnissmässig gut gegen fremde Einwanderung geschützten Stelle sich
lange erhalten hat, während nicht bloss auf den benachbarten Inseln
(Borneo, Java, Sumatra) eine sich mehr den Dolichocephalen annähernde
Bevölkerung vorkommt, sondern auch dicht daneben im Innern von Luzon
noch jetzt nicht civilisirte, dolichocephalische Stämme leben, wie
der beschriebene Cimarronen-Schädel zu beweisen scheint, so würde man
anerkennen müssen, dass in einer und derselben Rasse die äussersten
Schwankungen der Schädelformen vorkommen, und es würde damit ein sehr
erheblicher Einwand gegeben sein gegen die Bemühungen, ganzen Rassen
durch die Aufstellung der Breitenindices ihre Stelle anzuweisen;
es würde vielmehr auf das Unzweideutigste dargethan sein, dass nur
durch eine grössere Menge von Vergleichungszahlen die ethnologische
Position eines Schädels gefunden werden kann.
Es sind endlich noch zwei Schädel zu erwähnen, welche von den bisher
besprochenen wesentlich verschieden sind. Der eine ist in der zweiten
Höhle von Nipa-Nipa unmittelbar bei einem Holzsarge gefunden worden,
welchen Herr Jagor mitgebracht hat, und in welchem noch ein zum Theil
mit mumificirten Resten von Weichtheilen und Fetzen zerfallender
Bekleidung bedecktes, jedoch schädelloses Skelet liegt [350]. Dieser
Schädel zeichnet sich durch eine grössere Längenentwicklung aus,
aber nichtsdestoweniger beträgt sein Breitenindex 80,2 (bei einem
Höhenindex von 76); er schliesst sich auch sonst in vielfacher
Beziehung, namentlich wegen seiner beträchtlichen Capacität von 1450
Cub.-Cm., der zuerst besprochenen Gruppe an. Der andere Schädel ist
ungewöhnlich klein; seine Capacität beträgt nur 1160 Cub.-Cm. Er ist
nebst anderen Knochen in einem Walde auf Samar, 1 Legua landeinwärts
von Borangan, ausgegraben worden und von unbekannter Abkunft. Manches
trennt ihn in seiner Entwicklung von den anderen Schädeln, aber auch
sein Breitenindex beträgt 79,3 bei einem Höhenindex von 75,7.
Diese ziemlich grosse Reihe untereinander verschiedener Schädel hat
jedoch, von dem Cimarronen abgesehen, in sich eine nähere Beziehung,
als sie zu irgend einer der benachbarten Rassen hat, und wenngleich
die einzelnen Gruppen wieder so viele Differenzen haben, dass ich wohl
geneigt bin, anzunehmen, dass die Stämme, von welchen sie stammen,
unter sehr verschiedenen Verhältnissen gelebt haben müssen, so wird man
doch nicht umhin können, sie einer grösseren Familie zuzurechnen. Von
den beiden Hauptgruppen der Höhlenschädel kann man sagen, dass die
aus der zweiten Nipa-Nipa-Höhle, welche durchweg geringere Dimensionen
haben, den Eindruck einer zarteren, sesshaften und mehr civilisirten
Bevölkerung machen, während an den Schädeln aus der ersten Nipa-Nipa-
und denen aus der Lanang-Höhle sich eine grosse Energie, eine gewisse
Massenhaftigkeit und Kräftigkeit der Entwicklung zeigt, welche einem
mehr wilden Volke anzugehören scheint.
Was die Grössenverhältnisse betrifft, so zeigt der erste Blick, dass
die Schädel der letzteren Gruppe bei ihrer grossen Breite auch eine
relativ grosse Höhe haben. Auch die künstliche Verunstaltung hebt dies
Verhältniss nicht ganz auf, denn selbst der am stärksten abgeplattete
Schädel hat bei einem Breitenindex von 94,8 noch immer einen Höhenindex
von 80. Dies begründet einen wesentlichen Unterschied von den
Chinook-Schädeln. Mit dieser Grösse hängt zusammen die beträchtliche
Capacität der Philippinen-Flachköpfe. Die in der That makrocephalen
Schädel von Lanang besitzen eine durchschnittliche Capacität von
1510 Cub.-Cm., die aus der ersten Höhle von Nipa-Nipa von 1380,
während die mehr runden Schädel aus der zweiten Höhle von Nipa-Nipa,
wie erwähnt, im Durchschnitt nur 1282 Cub.-Cm. fassen. Es sind dies
Grössen-Differenzen, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf.
Ich will für diesmal nicht genauer darauf eingehen, inwiefern die
künstlichen Veränderungen des Schädels einen Einfluss auf das Gehirn
haben. Ganz kurz erwähne ich, dass derselbe Herr Gosse, welcher die
schon erwähnte Monographie geschrieben hat, die Meinung vertritt,
welche sich hauptsächlich auf tahitische Tradition stützt, dass
es möglich sei, durch die Gestaltung des Schädels den psychischen
Eigenschaften eines Individuums eine ganz bestimmte Richtung zu
geben. Es wird nämlich erzählt, dass man auf Tahiti zwei Arten von
Deformation des Schädels erzeugt habe; den Kriegern habe man die Stirn
eingedrückt, dagegen, wie sich ein Redner in der anthropologischen
Gesellschaft zu Paris ausdrückte, den Senatoren das Hinterhaupt. Herr
Gosse erklärt dies so, dass man beabsichtigt habe, bei den Kriegern
die energischen Eigenschaften des hinteren, bei den Staatsmännern
die mehr intellektuellen Eigenschaften des vorderen Abschnitts des
Gehirns ganz besonders zur Ausbildung zu bringen, und er ist ernsthaft
der Meinung, dass dieser Versuch als Muster für moderne Pädagogik
empfehlenswerth sei. Ich kann dieser Ansicht nicht beistimmen,
insofern die Erfahrung ergiebt, dass auch das Gehirn so gut wie
der Schädel dislocirt werden kann, dass also das Vorderhirn sich
zurückschiebt, wenn die Stirn zurückgedrängt wird, und ebenso die
hinteren Theile des Gehirns sich vorschieben bei einer Abflachung der
hinteren Partie des Schädels. Wie ich früher nachgewiesen habe, pflegt
einer Verkürzung des Schädels eine compensatorische Verbreiterung und
umgekehrt zu entsprechen. Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen,
dass eine Abflachung einzelner Schädeltheile an sich eine Verminderung
der Hirnmasse nicht zur nothwendigen Folge hat, und es stimmt damit
überein die Angabe namhafter Beobachter, dass die Flatheads in der
That keinen Mangel an Intelligenz wahrnehmen lassen.«
Diese Mittheilung hatte das glückliche Ergebniss, die Aufmerksamkeit
auf die so lange vernachlässigte Craniologie jener entfernten Inseln
zu lenken. Zunächst erhielt unsere anthropologische Gesellschaft von
dem holländischen Residenten in Gorontalo auf Celebes, Hrn. Riedel die
Mittheilung, dass noch gegenwärtig bei den Bewohnern der Landschaften
Buool, Kaidipan und Bolaangitam die Sitte der künstlichen Verunstaltung
des Schädels bei den neugebornen Kindern geübt wird (Zeitschr. für
Ethnologie Bd. III. S. 110. Taf. V.). Sodann besprach Hr. Barnard
Davis eingehender die Negrito-Schädel. Da mir selbst inzwischen neues
Material zugegangen war, so machte ich in der Sitzung der Gesellschaft
am 10. Dezember 1870 folgende weiteren Mittheilungen:
»Die interessanten Mittheilungen aus Celebes, welche uns heute
von Hrn. Riedel zugegangen sind, haben dargethan, dass mein erster
Bericht über die Philippinen-Schädel in der Sitzung vom 15. Januar
1870 zu rechter Zeit die Aufmerksamkeit auf ein Gebiet gelenkt hat,
welches gerade in ethnologischer Beziehung die höchste Wichtigkeit
hat und welches doch noch so wenig erforscht ist. Nichts konnte mehr
überraschend sein, als dass für eine Weltgegend, aus der seit länger
als zwei Jahrhunderten keine Nachricht über künstliche Verunstaltungen
der Schädel zu uns gelangt ist, durch eine in Europa ausgeführte
craniologische Untersuchung die Thatsache des Fortbestehens einer
solchen Sitte gleichsam erschlossen worden ist. Leider benimmt uns
der Brief des Hrn. Riedel alle Aussicht, entsprechende Schädel von
Celebes zu erhalten, denn er besagt, dass die dortige Volkssitte dem
zu sehr widerstrebe. Wir werden uns daher vor der Hand noch an die
Philippinen-Schädel halten müssen.
Glücklicherweise habe ich seit der Zeit, wo ich zuerst über
die Philippinen zu sprechen die Ehre hatte, Gelegenheit gehabt,
meine Erfahrungen zu vervollständigen. Zunächst hatte Hr. Jagor
noch eine gewisse Zahl zertrümmerter Schädel aus einer grossen
Höhle von Caramuan auf der Insel Luzon. Dieselben waren so vielfach
zerbröckelt, dass es kaum möglich schien, daraus etwas zu machen. Es
ist mir jedoch gelungen, den grösseren Theil der Stücke wieder
zusammenzusetzen und auf diese Weise wenigstens die vorderen
Hälften von drei Schädeln, mit Einschluss des grössten Theils des
Gesichtes, wiederherzustellen. Dieselben sind von etwas verschiedener
Beschaffenheit: zwei (E. 319-20) sind mit einer rauhen Kalkschicht
überzogen, welche an vielen Punkten durch Eisenbeimischung bräunlich
erscheint; die Knochen selbst sind sehr brüchig, kleben an der Zunge
und sehen auf dem Bruche kreidig aus; ein anderer (E. 318) ist viel
glatter, die Knochen selbst sind tief braun geworden, ja am rechten
Theil der Stirn sehen sie vollständig grünlich aus.
Alle drei zeigen sehr deutliche Spuren künstlicher Abplattung. Es ist
dadurch das Vorkommen dieses Gebrauches, welchen wir bis dahin nur
von der Insel Samar kannten, auch für die Insel Luzon dargethan. Am
stärksten ist die Abplattung an den beiden erstgenannten. Bei
dem einen (E. 319) ist freilich nur der Vorderkopf vorhanden,
indess beginnt die Abflachung sofort hinter den Superciliarbogen;
die Stirnhöcker sind fast ganz verschwunden, die Stirn selbst sehr
breit und erst kurz vor der Kranznaht endet die künstlich hergestellte
Fläche mit einer rundlichen Wölbung. Obwohl nicht so stark, so doch
ungleich mehr charakteristisch ist der zweite Schädel (E. 320),
bei welchem glücklicherweise die Basis cranii und der Anfang der
Hinterhauptsschuppe erhalten sind. Hier lässt sich deutlich die
doppelte Abplattung erkennen: eine ziemlich steile hintere und eine
schräg zurückgehende vordere. Bei dem dritten Schädel (E. 318) ist die
Stirn so rundlich gewölbt, dass man ohne Kenntniss der anderen Formen
schwerlich eine Abplattung vermuthen würde, obgleich doch auch hier
die Breite der Stirn und die geringe Prominenz der Stirnhöcker sehr
auffällig sind. Dagegen lässt sich am Hinterhaupte, trotzdem dass der
Schädelgrund fehlt, eine sehr starke, steil abfallende Deformation
erkennen, welche eine fast winklige Einbiegung der Seitenwandbeine
hervorgebracht hat. Ganz besonders interessant ist jedoch das Stirnbein
eines etwa zweijährigen Kindes, welches aus derselben Höhle stammt,
äusserlich gleichfalls einen gelbbraunen Beschlag zeigt, übrigens
sehr stark an der Zunge klebende Oberflächen besitzt. Innerlich
zeigt dasselbe sogenannte osteophytische Auflagerungen als Zeichen
einer inneren Entzündung und dem entsprechend ist es verhältnissmässig
dick. Ganz deutlich lassen sich die Spuren der Abplattung erkennen. Bis
zu den niederen Höckern ist die Stirn wenig verändert; oberhalb
derselben weicht sie aber sofort, fast unter einem Winkel, zurück,
und was besonders charakteristisch ist, kurz vor der Kranznaht liegt
eine stärkere Wölbung, von der aus gegen die Naht zu die Fläche sich
wieder senkt.
Ob diese Schädel einer Zeit und einem Stamme angehört haben,
wage ich nicht zu entscheiden. Der erstgenannte zeigt eine
solche Uebereinstimmung mit einem der früher von mir beschriebenen
Höhlenschädel aus Lanang (Z. 842), dass ihre Zusammengehörigkeit kaum
bezweifelt werden kann. Aehnlich verhält sich der zweite Schädel von
Caramuan (E. 320), der mit einem Schädel aus der Höhle von Nipa-Nipa
(Z. 873) parallel gestellt werden kann. Dagegen gleicht der dritte
Schädel (E. 318) weit mehr den neueren Schädeln aus der grossen Höhle
von Nipa-Nipa, welche Zeichen der Syphilis tragen. Namentlich stimmt
mit diesen die Gesichtsbildung sehr überein. Dasselbe gilt von dem
kindlichen Stirnbein, sowie von einem zarten Unterkiefer (E. 322),
der vielleicht zu dem Schädel E. 318 gehört und der sich durch den
colossalen Prognathismus seines Mittelstückes auszeichnet, während ein
anderer, nach Form und Incrustation zu E. 319 gehöriger Unterkiefer
von grosser Stärke ganz wenig prognath ist und eine ganz andere,
weit geräumigere Ausrundung zeigt.
Ich möchte es daher für wahrscheinlich halten, dass auch in der
Höhle von Caramuan längere Zeit hindurch Beerdigungen stattgefunden
haben und dass daselbst neben einander Personen verschiedener Stämme
niedergesetzt worden sind. Was die Form der Abplattung betrifft,
so entspricht sie in hohem Grade einer peruanischen, wie ich später
darthun werde; keines der Beispiele erreicht jedoch die Verhältnisse,
welche wir früher an Beispielen aus der Höhle von Lanang kennen
gelernt haben. --
Eine zweite Gruppe von Philippinen-Schädeln wurde mir durch die Güte
des Hrn. Dr. Schetelig, der gleichfalls längere Zeit in Asien war, zur
Verfügung gestellt. Es sind dies 8 Schädel, grossentheils gut erhalten,
darunter 4 mit Unterkiefern; zu dem einen gehört ein vollständiges
Skelet. In Verbindung mit den von Hrn. Jagor mitgebrachten Schädeln
ergiebt diese Sammlung ein recht bedeutendes Material.
Nach den Mittheilungen des Hrn. Schetelig stammt der grössere Theil
seiner Schädel, nämlich 5, von Kirchhöfen. Er bemerkt in seinem
Briefe, dass man dort in den spanischen Ländern die Sitte habe, die
Gräber alle 3 Jahre zu leeren, falls nicht die erforderliche Zahl
von Seelenmessen gelesen oder die Kirchhofsteuer jährlich entrichtet
werde. Wie es scheint, häuft man dann die Schädel auf, wie es auch
in manchen katholischen Ländern Europas geschieht. Dann unterliegen
sie natürlich manchen atmosphärischen Einflüssen. Hr. Schetelig
verweist auf diese wegen der Verschiedenheit in dem äusseren Verhalten
der Schädel. Ich hatte namentlich die Frage aufgeworfen, ob nicht
einer dieser Schädel, der äusserlich mit einer weissen, hier und da
grünlichen Incrustation überzogen ist, gleichfalls aus der Kalkschicht
einer Höhle stamme; er hat es aber in Abrede gestellt. Vier Schädel
sind von ihm im Mai 1867 in Tabaco (Provinz Albay, Luzon) gesammelt;
nach seiner Angabe sind es ganz bestimmt Bicol-Schädel. Darunter
ist ein jugendlicher, wahrscheinlich weiblicher, mit noch nicht
hervorgetretenen Weisheitszähnen und noch offener Synchondrosis
spheno-occipitalis. Ein anderer Schädel, mit einer gut erhaltenen
Sutura frontalis, scheint einem erwachsenen Weibe angehört zu
haben. (Es ist der oben erwähnte incrustirte.) Der fünfte (April
1867) stammt ebenfalls von einem Kirchhofe und zwar aus Tibi, einem
Orte in der Nähe von Tabaco; Hr. Schetelig erklärt ihn auch für
einen Bicol-Schädel. Sodann finden sich zwei, an der Oberfläche
stark veränderte, sehr leichte und vielfach verletzte Schädel,
welche als Cimarronen-Schädel [351] bezeichnet sind, aus der Nähe
von Albay; auch sie stammen aus der Erde. Hr. Schetelig schreibt sie
einer Mischlingsrace von Negritos und Bicols zu. Endlich der letzte
Schädel ist derjenige, welcher das grösste Interesse beansprucht,
insofern er einem Negrito-Häuptling angehört haben soll. Dazu ist
auch das in seinen Haupttheilen erhaltene Skelet vorhanden.
In seinem Vortrage vom 15. Januar hatte Hr. Jagor erwähnt, dass im
Innern und an der Nordostküste der Insel Luzon noch ein schwarzer
Menschenstamm von kleiner Statur und mit krausem Haar existirt,
der ganz verschieden von den Küstenvölkern ist, von denen wiederum
verschiedene Stämme (Tagalen, Bicols, Bisayos u. s. w.) unterschieden
werden. Die ethnologische Stellung jener sogenannten Negritos
war bis jetzt völlig dunkel geblieben. Gewöhnlich hat man sie den
Papuas zugerechnet. In diesem Sinne hatte sich auch Hr. Semper (Die
Philippinen und ihre Bewohner. Würzb. 1869. S. 48) ausgesprochen,
indem er zugleich eine eingehende Schilderung von ihnen entwarf. Seine
Angaben sowohl, als die in unserer Gesellschaft gemachten Mittheilungen
haben Hrn. Barnard Davis Veranlassung gegeben, in dem Journal of
Anthropology (Lond. 1870, Oct., p. 139) eine kritische Besprechung
über die Negrito-Frage zu veranstalten. Er betont darin mit Recht,
dass alle früheren Angaben über diese Rasse willkürlich gewesen seien,
weil man sich nur auf Aeusserlichkeiten eingelassen habe und daraus
allerlei verwandtschaftliche Verhältnisse mit anderen ostasiatischen
und australischen Völkern hergeleitet habe. Er macht auch mir, und
wohl mit Recht, den Vorwurf, dass ich mich von diesem Vorurtheile
habe leiten lassen; ich muss wenigstens anerkennen, dass nach dem,
was er selbst über Negrito-Schädel von Luzon berichtet, und nach
dem, was die von Hrn. Schetelig mitgebrachten Schädel ergeben, keine
Beziehung zwischen den Schwarzen der Philippinen und denen Melanesiens
und Australiens aufrecht erhalten werden kann. Ihre Schädel sind
ganz verschieden von einander, und, wenn sie als massgebend angesehen
werden dürfen, so kann auf sonstige verwandtschaftliche Verhältnisse
kein Werth mehr gelegt werden.
Diese Frage hat aber ein überaus grosses wissenschaftliches Interesse,
da nach den bisherigen Vorstellungen es in der That nahe lag, wie
auch Hr. Semper angenommen hat, in den Negritos das Urvolk der Insel
zu sehen, welches sich im Innern der Gebirge noch erhalten habe,
nachdem es durch eine spätere Einwanderung von den Küsten mehr und
mehr zurückgedrängt sei. Erinnert man sich, dass auf den benachbarten
Inseln anthropoide Affen vorkommen, die in ganz ähnlicher Weise in die
Gebirge zurückgedrängt sind, so kann sich leicht der Gedanke daran
schliessen, dass im Sinne der Descendenztheorie gerade hier eine
Uebergangs-Rasse construirt werden dürfe. Allein schon Hr. Jagor
hat sein Bedenken über jene Auffassung der Negritos ausgedrückt,
und Hr. Davis schliesst aus den von mir gegebenen Beschreibungen
der Höhlen-Schädel, dass eben so viel Grund vorhanden sei, gewisse
weisse Stämme, welche sich von der malaischen Rasse unterschieden,
mindestens neben den Negritos als autochthon anzunehmen.
Es scheint mir, dass dies zu weit gegangen ist. Nachdem Hr. Jagor
dargethan hat, ein wie weiter Seeverkehr von Alters her zwischen
den Inselgruppen stattgefunden hat, welcher mit den gebrechlichsten
Fahrzeugen bewerkstelligt wurde, so wird man sich dem Gedanken
Forster's nicht verschliessen können, dass die Wahrscheinlichkeit
eines Zurückdrängens der Urbevölkerung in die Gebirge durch eine
eingewanderte Küstenbevölkerung nahe liegt. Mag man immerhin
zwei Aboriginer-Stämme annehmen, so kann dies doch zunächst
nur soviel heissen, dass das Küstenvolk schon vor sehr langer
Zeit eingewandert ist und dass im historischen Sinne beide als
Urbevölkerung gelten müssen. Ich will jedoch zugestehen, dass dies
lauter Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind, denen man, ehe man nicht
genauere Kenntniss über die Einzelheiten hat, keinen zu grossen Werth
beilegen darf.
Hr. Davis hat in seiner Besprechung einen Negrito-Schädel
von Panay auf Luzon abbilden lassen, und er erwähnt, dass er
ausserdem noch zwei andere besitze. Er findet, was übrigens
schon d'Omalius d'Halloy (Des races humaines ou éléments
d'ethnographie. Brux. 1869. p. 103.) angenommen hatte, am meisten
Uebereinstimmung mit den Schädeln der Andamanen-Insulaner, jedoch
auch Verschiedenheiten genug, um beide Rassen von einander zu
trennen. Seiner Abbildung nach zu urtheilen, hat der von Hrn. Schetelig
mitgebrachte Schädel in seinem Kopftheile manche Aehnlichkeit mit dem
von Hrn. Davis erwähnten, aber die Gesichtsbildung erscheint ziemlich
verschieden. Der letztere hat einen starken Unterkiefer und ist sehr
bedeutend prognath; der erstere zeigt, trotz einer gewissen Verletzung
am Oberkiefer, das Gegentheil.
Hier kommt nun freilich die schwierige Frage nach der Reinheit der Race
in Betracht. Hr. Dr. Schetelig theilt mir mit: »Ich habe das Skelet
dieses mir von seinem Stamme verkauften Häuptlings eigenhändig am
Abhange des malerischen ausgestorbenen Vulkans von Buhi, des Arituktuk
[352] ausgegraben. Der Stamm ist, wie die meisten der sogenannten
Negritostämme, nicht mehr rein-melanesisch, sondern beträchtlich mit
Bicol-Elementen versetzt. Doch haben die Leute noch sehr krauses Haar,
das keine Eigenthümlichkeit der Malaien bildet.« Hr. Davis giebt
über die Herkunft seiner Negritos-Schädel nichts Genaueres an. Es
ist das um so mehr zu bedauern, als dieselben unter sich verschieden
sind. Zwei davon sind dolichocephal und einer brachycephal, so dass der
eigentliche Rassen-Typus schwer gefolgert werden kann. Hr. Davis selbst
schwankt daher über die Bedeutung der Form. Es liegt auf der Hand,
dass, wenn es sich um einen exquisit dolichocephalen Typus handelte,
die Aehnlichkeit mit den übrigen schwarzen Rassen gross sein würde.
Was nun den Schädel von Arituktuk (oder Yriga) betrifft, so gehört er
einem ausgewachsenen, aber wahrscheinlich jüngeren Manne an. Es fand
sich freilich an dem zugehörigen Skelet, dass die Knorpelfuge zwischen
dem Handgriffe des Brustbeins und dem Körper desselben noch offen war,
allein dies war die einzige Stelle, welche sich so verhielt. Ausserdem
war ein mit beträchtlicher Verkürzung (um 3,5 Centim.) geheilter
Knochenbruch am rechten Oberschenkel vorhanden. Nicht unwahrscheinlich
trägt der überaus zarte und gracile Knochenbau einen Theil der Schuld
an der Fraktur. Die Knochen sind nämlich durchweg wenig ausgebildet
[353] und von nahezu kindlichem Aussehen. Zugleich zeigen einzelne
leichte Krümmungen, jedenfalls stärkere, als wir sonst zu sehen gewohnt
sind, so dass mancher, namentlich der französischen Ethnologen, auf
eine rachitische Form derselben zurückzugehen geneigt sein möchte. Ich
will in dieser Beziehung besonders darauf aufmerksam machen, dass
bei den Debatten über die prähistorische Bevölkerung Frankreichs
vor allen anderen Knochen das Schienbein die Aufmerksamkeit auf sich
gezogen hat. Auch bei der Negrito-Tibia hat die seitlich comprimirte
Form ihrer oberen Hälfte etwas sehr Auffälliges. Der Knochen ist hier
fast so platt, wie eine Säbelscheide; er hat eine hintere Crista,
welche beinahe so beschaffen ist, wie sonst die vordere. Dagegen ist
die Fossa supracondyloidea humeri undurchbohrt. Besonders abweichend
von den bekannten Formen ist die Gestalt des vorderen Randes des
Darmbeines; hier steht die Spina ant. inferior so stark nach innen
(hinten) und die über ihr liegende Incisura iliaca minor ist so
beträchtlich, dass dadurch eine ganz specifische Bildung entsteht.
Der Schädel besitzt dem entsprechend eine nur mässige Capacität; er hat
nur 1350 Ccm. Gehalt, immerhin genug, um ihn von den Australierschädeln
zu trennen. Seine Gestalt ist eine ziemlich gleichmässig rundliche:
die Stirn ist voll, der Scheitel hoch gewölbt, die Schläfengegend
ausgelegt, die Hinterhauptsschuppe stark gerundet. An letzterer
findet sich rechts ein besonderer Processus paracondyloideus mit
überknorpelter Gelenkfläche; da der Atlas leider fehlt, so lässt
sich nicht genau sagen, in welcher Weise die Verbindung mit dem
Querfortsatze des Atlas stattgefunden hat. Bei der Messung hat der
Schädel sich als wesentlich brachycephal ergeben; der Breiten-Index
beträgt 83,4 bei einem Höhen-Index von 77,10 (Höhe zu Breite = 93,2
: 100). Obwohl er sich in diesen Verhältnissen den früher von mir
vorgelegten Philippinen-Schädeln, namentlich den jüngeren aus der
Höhle von Nipa-Nipa nähert, so bietet er doch Manches dar, was ihn von
jenen unterscheidet. Insbesondere ist die Bildung des Gesichtsskelets
höchst abweichend; nur einer der früheren Schädel (Z. 865) steht
ihm näher. Ich erwähne hier vor Allem die ungewöhnliche Zartheit der
Knochen des Gesichts, die selbst, wenn man eine jugendliche Entwicklung
annehmen wollte, sehr auffällig sein würde. Wenn man jedoch die
Zähne vergleicht, so ergiebt sich eine sehr merkliche Abschleifung
der Schneide- und Mahlzähne, welche beweist, dass das Individuum
nicht im Jugendalter gewesen ist. Ausserdem sind die Synchondrosis
spheno-occipitalis vollständig, der untere Abschnitt der Sutura
coronaria links und die unteren Abschnitte der Sutura lambdoides
beiderseits verknöchert; der Processus styloides rechts hat eine
ungewöhnliche Länge und Stärke; alle Muskelinsertionen sind durch tiefe
Unebenheiten, Gruben und Vorsprünge bezeichnet; die Superciliargegend
ist durch dicke und poröse Wülste ausgezeichnet, welche über der Nase
zusammengehen. Nimmt man zu diesen anatomischen Merkmalen die Angabe
des Hrn. Schetelig, dass der Mann ein Häuptling gewesen sei, so wird
kein Zweifel bleiben können, dass dieser Schädel einem vollkommen
ausgewachsenen Individuum angehörte. Keiner von den anderen Schädeln
hat eine so verkümmerte Gesichtsbildung, wie dieser; sie erinnert fast
an die von mir beschriebene Physiognomie des Lappengesichts. Die ganze
Höhe (Nasenwurzel bis Kinn) beträgt nur 103 Millim., die Höhe der Nase
46, die mediane Höhe des Unterkiefers 25, der Maxillar-Durchmesser
60. Nur die Orbita (37,4 breit und 34,6 hoch) ist stark entwickelt und
ihre mehr quer-viereckige Gestalt unterscheidet sie wesentlich von
den Augenhöhlen aller anderen Philippinen-Schädel. Dem entsprechend
ist auch die Nasenwurzel schmal, der Nasenrücken scharf vortretend
und scheinbar eine Adlernase andeutend. Der Oberkiefer hat leider in
der Mitte des Alveolarrandes einen kleinen Defect; trotzdem kann man
ziemlich sicher erkennen, das nur ein sehr geringer Prognathismus
des Oberkiefers vorhanden war. Am Unterkiefer fehlt derselbe
gänzlich. Dies ist wohl der grösste Unterschied von den vorliegenden
Bicol-Schädeln. Es ist weiterhin in der Schädelbildung dieses
Mannes auffallend, so wenig Uebereinstimmung mit den gewöhnlichen
Verhältnissen der wilden Rassen zu finden: die Plana semicircularia
reichen nicht weit hinauf, die obere Wölbung zwischen den Ansätzen
der Schläfenmuskeln ist sehr gross, die Jochbeine treten nicht sehr
stark hervor, der Kieferast ist von geringer Stärke. Es lässt sich
daher nicht verkennen, dass die ganze Form den äusseren Verhältnissen
nach nichts Wildes an sich trägt, und wenn man hinzunimmt, dass auch
die Länge der Schädelknochen ziemlich gute Verhältnisse darbietet, so
muss man sagen, dass die Schädelform sich deutlich den civilisirten
annähert. Schon aus diesem Grunde muss eine mögliche Verwandtschaft
mit der australischen Rasse entschieden abgelehnt werden. Andererseits
ist es gewiss bemerkenswerth, dass in Beziehung auf die Zartheit der
Gesichtsbildung wohl die jüngeren Schädel aus der Nipa-Nipa-Höhle
eine gewisse Uebereinstimmung darbieten, aber keineswegs die
Kirchhofsschädel von Tabaco und Tibi. Bei allen diesen ist das
Gesichtsskelet sehr stark entwickelt, namentlich die Jochbeine sehr
vorspringend, der Oberkiefer und die Nasenwurzel breit, das Gesicht
hoch und vor allen Dingen ein überaus starker Prognathismus des Ober-
und Unterkiefers, so dass besonders am Oberkiefer der Alveolarfortsatz
sich fast der horizontalen Stellung nähert. Selbst der jugendliche,
im Ganzen sehr zarte und kleine Schädel von Tabaco zeigt in Beziehung
auf die Gesichtsbildung die grösste Differenz, und namentlich die
vorspringenden Zähne bilden den geraden Gegensatz gegenüber den
Verhältnissen bei dem Arituktuk-Schädel. Bei den Bicols ist in der
That eine affenartige Construction der Fresswerkzeuge vorhanden.
Im Uebrigen bilden diese Kirchhofs-Schädel eine vortreffliche
Ergänzung des von Hrn. Jagor mitgebrachten Materials, insofern sie
uns die Osteologie der neueren Bevölkerung kennen lehren. Alle fünf
bieten unter sich eine grosse Uebereinstimmung dar: neben einem höchst
auffälligen Prognathismus zeigen sie eine Brachycephalie, so stark,
wie wir sie nur irgend an ostasiatischen Völkern kennen. Der Schädel
von Tibi hat einen Breitenindex von 80,2 bei einem Höhenindex von 78,5;
die 4 Schädel von Tabaco haben Breiten-Indices von 81,1 -- 83,3 --
83,1 --84,6 bei Höhen-Indices von 79,7 -- 82,4 -- 80,5 -- 80,5. Dabei
hat der Tibi-Schädel eine Capacität von 1595, die Tabaco-Schädel
von 1505, 1330, 1350 und der jugendliche von 1290 Ccm. Dem
entsprechend beträgt die Circumferenz bei dem Tibi-Schädel 514,
bei den Tabaco-Schädeln 514, 490, 478, 495. Sämmtliche Schädel sind
schön gewölbt, haben volle Stirnen und Schläfen, sehr hohe und stark
ausgelegte Hinterhauptsschuppen und grosse Plana semicircularia. Ueber
ihre Gesichtsbildung habe ich schon vorher gesprochen und die relative
Grösse und namentlich Breite derselben hervorgehoben. Der Tibi-Schädel
hat einen formidablen Unterkiefer von 18,5 Centim. Umfang und 34,5
Centim. medianer Höhe.
Vergleichen wir nun diese Bicol-Schädel mit den früher beschriebenen
Höhlen-Schädeln, so zeigt sich eine nicht geringe Aehnlichkeit zwischen
dem Schädel von Tibi und dem von Hrn. Jagor neben einem Holzsarge
in der Höhle Nipa-Nipa gefundenen, während die Tabaco-Schädel den
jüngeren und zum Theil syphilitischen Schädeln der Nipa-Nipa-Höhle
näher stehen. Nur der weibliche Tabaco-Schädel schliesst sich an
die mehr brachycephalen Schädel aus der anderen Höhle von Nipa-Nipa
(Z. 873. 874), welche Spuren künstlicher Missstaltung zeigen, und es
ist bemerkenswerth, dass gerade bei ihm gleichfalls derartige Zeichen
hervortreten. Das Hinterhaupt fällt nämlich unmittelbar hinter den
Tubera parietalia ab, die Gegend der hinteren seitlichen Fontanellen
ist abgeplattet, und daher die Hinterhauptsgruben für das Kleinhirn
und für die Hinterlappen des Grosshirns stärker vorgewölbt. Die
gleiche seitliche Compression zeigt auch der Mädchenschädel von Tabaco.
Ein noch erhöhtes Interesse haben die Cimarronen-Schädel von Albay,
welche ihrem äusseren Ansehen nach älter sind und einige Analogie mit
den Schädeln von Lanang bieten, welche Hr. Jagor mitgebracht hat. Die
beiden sind allerdings unter sich sehr verschieden. Ob diese Differenz
sich nur durch das verschiedene Geschlecht erklärt, ist mir in hohem
Maasse zweifelhaft; handelt es sich um ein Mischvolk, so liesse sich
die Vererbung wohl mit mehr Recht anrufen. Der Schädel des Weibes
(Omang) ist kurz und breit, der des Mannes (Baringeag) breit und lang;
beide lassen aber deutlich eine künstliche Deformation erkennen.
Der weibliche Schädel schliesst sich einerseits den Lanang-Formen,
andererseits dem weiblichen Tabaco-Schädel und den ihm verwandten
Nipa-Nipa-Formen an. Er hat einen Breitenindex von 87, einen
Höhenindex von 79,7, eine Circumferenz von 488, eine Capacität von
1380. Das Gesicht ist breit, die Nase abgeplattet, der Oberkieferrand
stark vorspringend. Dabei zeigt sich eine starke Veränderung
des Hinterhauptes, welche aber anders ist als die an den alten
Flachschädeln von Lanang. Während an diesen eine einfache Abplattung
der Stirn und des Hinterhauptes vorhanden ist, bemerkt man bei der
Cimarrona, ähnlich wie bei dem Tabaco-Weibe, jedoch viel stärker, dass
jederseits ein seitlicher Druck von hinten und oben her eingewirkt
hat; ja, es ist sehr merkwürdig zu sehen, wie der Druck nur auf die
Gegend ausgeübt worden ist, wo die Lambda-Naht mit der Mastoidal-
und Schuppen-Naht zusammenstösst, also dort, wo die seitliche hintere
Fontanelle liegt. Die Folge davon ist gewesen, dass sich nach drei
Richtungen, nach oben in der Mitte, nach unten rechts und links,
also gleichsam kleeblattförmig, kuglige Protuberanzen gebildet haben,
welche offenbar dadurch entstanden sind, dass das comprimirte Gehirn
genöthigt gewesen ist, sich anderweit Raum zu verschaffen. Es ist
dies eine sehr auffällige Form. Sehr bezeichnend ist übrigens, dass
der laterale Druck ausserdem noch schief gewesen ist, rechts stärker,
als links, so dass das ganze Hinterhaupt dadurch verschoben worden ist.
Der männliche Schädel (Baringeag) ist lang und entschieden
dolichocephal. Bei ihm beträgt der Breitenindex 75,4, der
Höhenindex 77,7, der grösste Umfang 515, die Capacität 1470. Alle
Muskelansätze sind sehr stark, das Gesicht eher etwas schmal,
der Nasenrücken gleichfalls schmal, der Kieferrand jedoch stark
vorspringend. Dieser Schädel bietet entschiedene Beziehungen mit
dem von Hrn. Jagor mitgebrachten Schädel eines Ygorroten vom Berge
Ysarog, der 1856 mit einem Taco (Waldmesser) erschlagen war. Auch
bei ihm muss man annehmen, dass ein seitlicher Druck stattgefunden
hat; denn es erstreckt sich jederseits von den Tubera parietalia
eine ganz steil abfallende Seitenfläche herab, und es sind ausserdem
ähnliche, wenngleich kleinere kuglige Vortreibungen an der Schuppe des
Hinterhaupts. Die obere ist nur dadurch maskirt, dass eine ungewöhnlich
starke Protuberantia occipitalis externa darüber sitzt.
Ich bin daher der Meinung, dass man in beiden Fällen, trotz
ihrer ursprünglichen Verschiedenheit, genöthigt ist anzunehmen,
dass eine gewisse Deformation stattgefunden hat, welche jedoch
wesentlich anders angelegt gewesen ist, wie bei den Flachköpfen
von Lanang. Stammen sie, wie Hr. Schetelig angiebt, gleichfalls von
einem Negrito-Mischvolk, so wird man kaum zweifeln können, dass der
dolichocephalische Mannesschädel dem erblichen Typus der Ygorroten
entspricht, dass dagegen der brachycephale Weiberschädel und der
Häuptlingsschädel, obwohl unter einander nicht wenig verschieden,
sich mehr dem Bicol-Typus annähern. Was in dem einen oder andern
Falle speciell Negrito-Eigenthümlichkeit ist, kann ich nicht sagen;
indess möchte bis auf Weiteres der Häuptlingsschädel als der reinere
angesehen werden dürfen, zumal da die Architectur des Skelets im
Ganzen mit den Beschreibungen der Reisenden von der äusseren Gestalt
der Negritos am meisten harmonirt.
Werfen wir nunmehr einen kurzen Rückblick auf die gewonnenen
Resultate, so zeigt sich uns, mit Ausnahme zweier dolichocephaler
Schädel von Cimarronen, eine durchweg brachycephale Reihe mit mehr
oder weniger ausgesprochenem Prognathismus. Am meisten tritt dieser in
den Hintergrund bei dem auch sonst in vielen Beziehungen abweichenden
Schädel des sogenannten Negrito-Häuptlings. Die modernen Bicol-Schädel
füllen dagegen die früher bemerkte Lücke zwischen den älteren und mehr
oder weniger deformirten Lanang-Schädeln und den offenbar jüngeren,
durch Syphilis ausgezeichneten Schädeln von Nipa-Nipa, zumal wenn
man die Höhlenschädel von Caramuan hinzunimmt. Eine durchgehende
Verwandtschaft lässt sich nicht verkennen. Höchst auffällig bleibt
dabei die grosse Verschiedenheit in der Gesammt-Architectur. Die
Lanang-Schädel zeigen einen sehr starkknochigen, die jüngeren
Nipa-Nipa-Schädel einen ebenso ausgeprägt schwachknochigen Stamm. Die
modernen Bicols stehen auch hier in der Mitte, so dass man nicht mehr
berechtigt ist, wie früher, aus der blossen Zartheit der Formen auf
einen Fortschritt in der Civilisation zu schliessen. Möglicherweise
dürfen wir in dem schwachknochigen Stamme den Bisayer-Typus annehmen,
indess fehlt es für diese feineren Entscheidungen noch immer an dem
nöthigen Material, das erst von weiteren Zusendungen erwartet werden
darf. Für einen wirklichen Stammes-Unterschied spricht natürlich
auch die verschiedene Art der Abplattung, welche wir constatirt
haben. Während die Höhlenschädel von Lanang und Caramuan eine
vordere und hintere Abplattung erfahren haben, zeigen die modernen
Kirchhofsschädel eine seitliche, so dass die Beschreibung von Thevénot
im Ganzen weit mehr für sie zutrifft.
Ich habe noch zu erwähnen, dass Hr. Davis in Beziehung auf das Alter
der Funde, die ich früher besprochen habe, einen Zweifel aufgeworfen
hat, der dahin führen würde, die fraglichen Schädel um ein Jahrhundert
jünger zu machen. Ich hatte nämlich angenommen, dass die Flachschädel
spätestens dem Ende des 16. Jahrhunderts angehören möchten. Ich
war dabei auf die einzige Nachricht über künstliche Verunstaltung
des Schädels, welche uns noch erhalten ist, die von Thévenot [354]
zurückgegangen. Hr. Davis sagt nun, dass das Buch von Thévenot
zwischen 1663 und 1672 erschienen sei, und er folgert daraus, dass die
Schädel erst aus dem Ende des 17. Jahrhunderts stammten. Ich muss hier
allerdings einen Fehler zugestehen: ich war verleitet dadurch, dass
ein sonst sehr zuverlässiger Autor, Gosse (Annales d'hygiène publique
et de médecine légale. 1855. Juill. p. 375.) folgendes Citat giebt:
Relations de divers voyages curieux, par Melchisédec Thévenot. Nouvelle
édition, 2 vol. in-fol., Paris 1591. Ich habe mich nun überzeugt,
dass Melchisedek Thévenot ( 1692) erst gegen 1620 geboren, das Citat
von Gosse also offenbar falsch ist. Indessen folgt daraus doch noch
keineswegs, dass die fragliche Beobachtung erst der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts angehört. Thévenot giebt in seinem grossen Sammelwerk
den Bericht eines Geistlichen, der 18 Jahre auf den Philippinen
gelebt hatte. Letzterer spricht an einer Stelle davon, dass »vor drei
Jahren die Einnahme der Insel Mindanao durch Don Sebastian Hurtado de
Corcuera erfolgt sei« (p. 3.) Diese Einnahme muss nach einem folgenden
Berichte (p. 15) um das Jahr 1636 geschehen sein: es ergiebt sich
also, dass der Geistliche in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
schrieb. Damit stimmt auch die Bemerkung am Schlusse der Relation,
wonach dieselbe die Uebersetzung einer 1638 in Mexico gedruckten
spanischen Schrift ist. Nun findet sich aber darin ausser der Angabe,
dass die Leute ihren Kindern die Köpfe verdrückten, noch der andere
Gebrauch erwähnt, dass sie die Zähne feilten und mit schwarzem und
glänzendem oder feuerfarbenem Firniss färbten [355], und da keiner der
von Hrn. Jagor mitgebrachten Schädel diese Zeichen darbot, so hatte ich
geschlossen, dass die Leichen beigesetzt sein müssten zu einer Zeit,
als diese noch jetzt auf den benachbarten Inseln sehr verbreitete
Sitte noch nicht bestand. Denn es schien mir weniger wahrscheinlich,
dass die Leute eine derartige Sitte schnell aufgegeben haben sollten,
als dass dieselbe erst später von den benachbarten Malaien importirt
worden sei. Indess muss ich zugestehen, dass auch diese Argumente
zweifelhafter Natur sind, und nachdem wir durch Hrn. Riedel erfahren
haben, dass auf einer benachbarten Insel die Deformirung der Schädel
noch heute betrieben wird, so liegt die Frage nahe, ob nicht auch
die Lanang-Schädel einer neueren Zeit angehören, als ich angenommen
hatte. Immerhin ist es bemerkenswerth, dass jene starke Abplattung,
wie sie sich bei den Schädeln aus der Höhle von Lanang findet, unter
der ganzen Reihe der übrigen Schädel nicht wiederkehrt, und wenn man
dazu die übrigen, sehr bemerkenswerthen Charaktere der Lanang-Schädel
nimmt, so halte ich es immer noch für sehr wahrscheinlich, dass sie
ein hohes Alter haben.
Zum Schlüsse will ich noch auf einen Punkt aufmerksam machen,
worauf ich bei einer späteren Besprechung der Peruanerschädel noch
zurückkommen werde. Es findet sich nämlich bei dem Mädchen-Schädel
von Tabaco, der auch deutliche Zeichen der seitlichen Abplattung
darbietet, jenes grosse Schalt-Stück zwischen den Scheitelbeinen und
der Hinterhauptsschuppe (Os epactale) vor, welches man mit dem Namen
Os incae belegt hat. Dasselbe ist fast vollkommen dreieckig und misst
an der Basis 115, an den Schenkeln 76-78 Millim. Ich urgire dieses
Vorkommen deshalb, weil in der neueren Zeit durch Gosse (Bull. de
la soc. d'anthropol. de Paris 1860, Vol. I. p. 549. Mémoires de la
même soc. T. I. p. 165) und Jacquart (Bullet. 1865. T. VI. p. 720)
der Bedeutung dieses Knochens meiner Meinung nach etwas zu wenig
Werth beigelegt worden ist. Man hat sich bemüht zu zeigen, dass diese
Trennung in einer einfachen Entwicklungs-Hemmung beruhe, weil in
einer früheren Zeit des Fötallebens diese Trennung stets vorhanden
sei. Allein daraus folgt meiner Meinung nach nichts Erhebliches für
die Bedeutung eines solchen Vorkommens nach der Geburt. Ich habe
in der letzten Zeit eine grosse Anzahl von Schädeln neugeborner
Kinder maceriren lassen; es war kein einziger darunter, bei welchem
eine solche Trennung noch existirte. Diese ist eine solche Rarität,
dass jedesmal, wo sie vorkommt, die Frage nach der Ursache derselben
aufgeworfen werden muss. Nun ist es doch nicht gering anzuschlagen,
dass unter 8 Philippinen-Schädeln sich einer mit einem solchen Beine
befindet. Noch bedeutungsvoller wird dieser Fund dadurch, dass auch
unter den von Hrn. Jagor mitgebrachten 16 Schädeln ein gleicher ist und
zwar einer aus der zweiten Höhle von Nipa-Nipa auf Samar (Z. 865). Er
gehört einem erwachsenen, kräftigen Manne an. Der Zwischenknochen ist
50 Millim. hoch, an der Basis 115, an den Schenkeln 25-28 Millim. lang,
reicht bis dicht über die Protuberantia occipitalis externa und ist
hier durch eine starke Zackennaht abgesetzt. Was aber noch merkwürdiger
ist, der einzige Negrito- oder Aita-Schädel von Manila, der sich in der
anthropologischen Gallerie des Jardin des Plantes zu Paris befindet,
besitzt nach Jacquart gleichfalls ein Os epactale.
Das Alles mag Zufall sein, aber es wäre doch ein sonderbarer Zufall. So
hat man auch Zweifel über die Bedeutung des Os incae bei den Peruanern
aufgestellt. Wir haben neulich aus Peru zwei alte Schädel bekommen;
einer davon hat das Schaltbein in vollster Ausbildung. Nirgends
sonst, soweit es uns bekannt ist, zeigt sich dasselbe in einer
solchen Häufigkeit, und ich möchte daher wohl annehmen, dass hier
eine ethnologische Eigenthümlichkeit hervortritt, die nicht als eine
gewöhnliche und nichtssagende Erscheinung aufgefasst werden darf. Es
wird ein Gegenstand unserer späteren Betrachtung sein, wie dieses
Vorkommen zu erklären ist und ob daraus irgend welche Aufschlüsse in
Bezug auf die Völkerbeziehungen über den stillen Ocean zu gewinnen
sind«.
Seit der Zeit dieses Vortrages ist nun das Material noch ungleich
mehr angewachsen, indem Hr. Dr. A. B. Meyer eine grössere Anzahl von
Philippinen-Schädeln und Skeleten mitgebracht und der Gesellschaft
überlassen hat. In der Sitzung vom 15. Juni 1872 konnte ich
über 6 Negrito-Skelete und einen Ygorrotenschädel berichten
(Correspondenzblatt der deutschen anthropologischen Gesellschaft
1872. No. 8). Eine spätere Sendung brachte hauptsächlich moderne
Schädel von einem Kirchhof bei Manila.
Von diesen Objekten stimmt zunächst der Ygorrotenschädel mit dem durch
Herrn Jagor überbrachten vom Ysarog (und dem einen Cimarronen-Schädel
von Albay aus der Sammlung des Hrn. Schetelig) am meisten überein,
obwohl er in einem noch viel höheren Maasse lang und zugleich schmal
ist. Er besitzt einen Breitenindex von 68,8 bei einem Höhenindex
von 73,1, ist also in höchstem Grade dolichocephal und zugleich
niedrig. Die Verhältnisse der drei Schädel werden am besten durch
eine Zusammenstellung der Zahlen sich ergeben:
Breitenindex. Höhenindex. Capacität.
Cimarrone vom Ysarog 76,9 76,1 1315
Cimarrone vom Albay 75,4 77,7 1470
Ygorrote (Meyer) 68,8 73,1 1400
Sehr bemerkenswerth sind bei dem letztern Schädel ferner der
geringe Prognathismus des Alveolarrandes, die verhältnissmässig
hohen Augenhöhlen, die hohe Nase mit schmaler Wurzel und der
starke Wulst über der letzteren. Giebt dieser Wulst dem Schädel den
Ausdruck einer gewissen Wildheit, so wird diese gesteigert durch
die stark abstehenden Jochbogen und die bedeutend hinaufgerückten
Plana temporalia, deren Abstand, über den Schädel gemessen, an der
Kranznaht nur 105 Millim. beträgt: also eine colossale Entwickelung
der Kaumuskeln. Es bestätigt sich demnach die Existenz einer wilden
dolichocephalen Rasse, welche den Hypsistenocephalen der Inseln
Polynesiens und der Sundagruppe näher steht.
Die Negrito-Schädel sind davon gänzlich verschieden. Ich beschränke
mich darauf, die entsprechenden Zahlen für 4 derselben zu geben:
Breitenindex. Höhenindex. Capacität.
I. 90,6 77,6 1310
II. 80,8 75,6 1200
III. 83,8 77,8 1250
IV. 86,7 82,3 1150
Von diesen ist No. II. ein männlicher und, wie mir scheint,
verhältnissmässig typischer Schädel, während vornämlich bei
No. I. künstliche Deformation bemerklich ist. Man sieht hier eine
ausgezeichnet brachycephale Rasse, deren Schädel eine mässige Höhe
und durchschnittlich eine geringe Capacität besitzen. Zugleich
sind sie stark prognath, jedoch betrifft die Vorschiebung mehr
die Alveolarfortsätze, während die Ansatzstelle des unteren
Nasenstachels dem grossen Hinterhauptsloche näher liegt, als
die Nasenwurzel. Letztere befindet sich fast senkrecht unter der
Nasenwurzel.
Die Zusammengehörigkeit dieser Negritoschädel wird in deutlichster
Weise dargelegt durch ein höchst characteristisches Zeichen,
nämlich durch die vermittelst Feilung in eine Sägenform gebrachten
Zahnreihen. Es sind die Zähne, namentlich die vorderen und von diesen
wieder am meisten die des Oberkiefers seitlich abgefeilt, so dass sie
in scharfe Spitzen, wie Raubthierzähne, auslaufen, -- eine Art der
Feilung, welche der bisher bekannten malaischen gerade widerstreitet,
indem diese auf der vorderen Fläche der Zähne stattfindet und zugleich
der untere Rand der letzteren geebnet wird. Höchst merkwürdig ist es,
dass beide Arten der Feilung schon von dem alten Thévenot angegeben
sind: les vns rendent les dents égales, les autres les affilent en
pointes, en leur donnant la figure d'une scie. Nur von der mit Gold
gefüllten Oeffnung in der oberen Zahnreihe, welche er gleichfalls
beschreibt, ist nichts wahrzunehmen. Indess mag das längst aufgegeben
sein, da Gold unter den Negritos wohl eine Seltenheit ist. Jedenfalls
stammen die Schädel, welche Hr. Dr. Meyer selbst unter grosser Gefahr
auf dem ihm bekannt gewordenen Begräbnissplatze eines Negrito-Stammes
in der Provinz Bataan (Zambales), im Nordwesten von Luzon, ausgegraben
hat, aus neuer Zeit [356].
Spuren künstlicher Verunstaltung finden sich an der Mehrzahl der
Schädel, jedoch erreichen sie auch nicht entfernt das Maass, wie
diejenigen an den Höhlenschädeln von Lanang und Caramuan. In der Regel
ist das Hinterhaupt sehr steil und die Seitenwandbeine sind dicht
hinter den Tubera parietalia fast rechtwinklig herab gebogen. Nur der
eine und zwar männliche Schädel zeigt gar nichts von Deformation:
sein Hinterhaupt springt stark vor, und zwar findet sich die
stärkste Vorwölbung an der Schuppe oberhalb der Linea nuchae suprema
(vgl. Taf. II, fig. 5-6). Wenn dieser letztere Schädel gegenüber
den weiblichen und deformirten (Taf. II, fig. 4) als der am meisten
typische angesehen werden darf, so könnte es doch sein, dass ihm an
einer andern Stelle die künstliche Verunstaltung nicht fehle. Er zeigt
nämlich eine ungemein breite und platte Nasenwurzel, und die Nasenbeine
sind seitlich mit den Processus nasales des Oberkiefers verwachsen. Da
sich dieselbe Synostose noch bei einem andern Negrito-Schädel findet,
so entsteht die Frage, ob hier eine blosse Rassen-Eigenthümlichkeit
oder ein pathologisches Ereigniss vorliegt. Wenn nun an sich der
ganze Habitus der Stelle diesen Eindruck hervorbringt, so hat mich
eine Mittheilung des französischen Missionärs Montrouzier noch
mehr für diese Ansicht gewonnen. Derselbe berichtet nämlich, dass
in ganz Neu-Caledonien nach der Geburt eines Kindes Wasser heiss
gemacht, die Finger in dasselbe getaucht und mit denselben die Nase
des Neugebornen zerquetscht wird. Freilich ist von den Philippinen
bis jetzt nichts Aehnliches bekannt, aber vielleicht wird es damit,
wie mit der Schädelverunstaltung, gehen.
Ich muss endlich noch eine besondere Eigenthümlichkeit der
Negrito-Schädel erwähnen, nämlich die ausgezeichnet ogivale Form,
welche sowohl in der Stirn-, als Hinterhaupts-Ansicht bemerkbar
wird und welche auch in den Photographien (Taf. III.) zu Tage
tritt. Namentlich bei der männlichen Bevölkerung ist die dachförmige
Gestalt des Vorderkopfes leicht erkennbar. Die Glabella ist an diesen
Schädeln ungewöhnlich voll, die Stirnhöcker schwach entwickelt, in der
Mitte öfter die Andeutung einer Crista frontalis. Damit hängt zusammen
die auffällige Höhe der Plana temporalia, welche sich bei dem Manne
(Taf. II, fig. 5 und 6) bis über die Tubera parietalia erstrecken
und hinter der Kranznaht nur 95 Millim. von einander entfernt sind.
Es lässt sich daher nicht verkennen, dass der Schädeltypus der Negritos
etwas Bestiales, wenn man will, etwas Affenartiges an sich hat. Die
grosse Breite der unteren Theile der Nase, welche in den Photographien
(vergl. die Tafel III.) so auffällig hervortritt, trägt nicht wenig
dazu bei, den Eindruck der Hässlichkeit zu erhöhen. Hr. de la Gironière
(Aventures d'un gentilhomme breton aux îles Philippines. Paris 1855
p. 321) mag daher wohl einen ersten Eindruck, richtig wiedergeben,
wenn er in seiner lebhaften und etwas übertreibenden Weise sagt:
Les hommes -- me paraissaient plutôt une grande famille de singes
que des créatures humaines.
Um das osteologische Bild zu vervollständigen, will ich noch
hervorheben, was auch die übrigen Skeletknochen bezeugen und
alle Reisende berichten, dass die Negritos von niedrigem und
gracilem Bau sind. Ihre Schienbeine sind seitlich abgeplattet, wie
zusammengedrückt. Ihre Oberarmbeine haben öfters ein Loch über den
Gelenktheilen der Ellenbeuge und zeigen überdiess eine andere Drehung
in der Continuität, als die europäischen. Kurz, alles vereinigt sich,
um uns das Bild einer niedrigeren Entwickelung zu geben, aber einer
Entwickelung, welche weder mit derjenigen der afrikanischen Neger,
noch mit denen der Papuas und der Australneger, soviel bis jetzt
ersichtlich, irgend eine Aehnlichkeit zeigt.
Wenn wir nun, nachdem wir im Innern der Philippinen sowohl
dolichocephale, als brachycephale wilde Stämme kennen gelernt haben,
zu der Küstenbevölkerung zurückkehren, so möchte ich zuerst daran
erinnern, dass nach dem Zeugnisse der verschiedensten Reisenden hier
zahlreiche, durch Einwanderung bedingte Kreuzungen stattgefunden
haben. Namentlich werden chinesische und japanesische Beimischungen
als sehr einflussreich geschildert. Es wird daher nothwendig sein,
hier sehr vorsichtig zu sein, und ich möchte namentlich darauf
aufmerksam machen, dass auch Mischungen zwischen der wahrscheinlich
malaiischen Küstenbevölkerung und den erwähnten Bergstämmen sorgfältig
in Betracht gezogen werden müssen. Gerade in dieser Beziehung dürften
die von Hrn. Jagor mitgebrachten Höhlenschädel von Samar sowohl wegen
ihres Alters, als auch wegen der Küstenlage der Höhlen und der mehr
südlichen Lage dieser Insel eine besondere Bedeutung beanspruchen,
da sie vermuthlich reineren Elementen der Bevölkerung angehörten,
als die Kirchhofsschädel, nach denen wir die heutige Küstenbevölkerung
meist zu beurtheilen haben.
Auf den beigegebenen Tafeln sind geometrische Linearzeichnungen der 3
Höhlengruppen von der Insel Samar zusammengestellt, welche ausreichen
werden, um ein übersichtliches Bild dieser Küstenschädel zu geben und
deren Vergleichung mit den Negrito-Schädeln anschaulich zu machen. Es
sind dies folgende:
1) Aus der Höhle von Lanang ist auf Taf. I, fig. 3-4 (z. 841)
der am meisten verdrückte Flachkopf, fig. 1-2 (z. 839) ein nur
massig veränderter Schädel abgebildet. Es sind dies Beispiele eines
ungewöhnlich grossköpfigen und wahrscheinlich starken Stammes, welcher,
obgleich brachycephal, doch nur mässig prognath ist und am weitesten
von den Negritos abweicht.
2) Aus der ersten Höhle von Nipa-Nipa stammen zwei Schädel Taf. I,
fig. 5 (z. 873) und fig. 6 (z. 874), beide stark brachycephal und
mehr prognath, beide, namentlich fig. 6 beträchtlich, von hinten
her abgeplattet.
3) Aus der zweiten Höhle von Nipa-Nipa zwei Schädel Taf. II, fig. 1-2
(z. 867) und fig. 3 (z. 870). Sie gehören jenem zarten und mehr
kleinköpfigen, brachycephalen und eminent prognathen Stamme an,
unter dem die Syphilis verbreitet war.
Ich stelle auch hier, wie früher, einige Zahlen zusammen, indem
ich zugleich die modernen, von Hrn. Schetelig mitgebrachten
Kirchhofsschädel berücksichtige:
Lanang Breitenindex. Höhenindex. Capacität.
No. 839 93,0 78,6 1510
No. 841 94,8 80,0 1470
Nipa-Nipa B.
No. 873 89,1 78,9 1360
No. 874 96,2 83,6 1400
Nipa-Nipa A.
No. 867 78,4 74,5 1210
No. 870 86,6 77,0 1351
Tabaco
No. III. 83,3 82,4 1320
No. IV. 81,1 79,7 1505
Tibi 80,2 78,5 1595
Man ersieht leicht, dass die Brachycephalie durch die ganze Reihe
durchgeht und dass auch die Höhe verhältnissmässig überall beträchtlich
ist. Am meisten schwankt die Capacität, weniger jedoch in den einzelnen
Gruppen der Höhlenschädel, als unter den modernen. Eine endgültige
Entscheidung über die Stellung der verschiedenen Gruppen zu einander
dürfte daher noch immer verfrüht sein. Die Schwierigkeit, welche durch
die künstliche Deformation so vieler diese Schädel herbeigeführt wird,
ist zu gross, um für die einzelnen Gruppen sichere gesetzliche Normen
zu finden. Wie ich schon früher anführte, so zeigen die Indices für
die modernen Kirchhofs-Schädel, welche von Bicols stammen, am meisten
Uebereinstimmung mit den Höhlenschädeln von Nipa-Nipa A, welche jedoch
weit hinter ihnen zurückbleiben in Bezug auf die Capacität. Allein
die hier in Betracht kommenden Höhlenschädel sind auch am wenigsten
durch künstliche Verunstaltung betroffen und es liegt daher nahe, dass
jeder von ihnen den Typus deutlicher wiedergiebt, als die Schädel
der beiden anderen Höhlengruppen. Hoffentlich wird eine weitere
Durchforschung des nun reichlicher zuströmenden Materials bald eine
vollständigere Darlegung gestatten, und so eines der interessantesten
ethnographischen Gebiete klar legen.