REISEN IN SAMAR. -- WETTER. -- BEAMTENWAHL. -- NORDKÜSTE. --
CATBALOGAN. -- FLATTERMAKIS. -- SCHLANGENBÄNDIGER. --
TERTIÄRVERSTEINERUNGEN. -- STROMSCHNELLEN DES LOQUILOCUN. --
GESPENSTERTHIER.
Die Insel Sámar, von beinahe rhombischem Umriss, mit wenig ausgezackten
Rändern, erstreckt sich NW.--SO. von 12° 37' bis 10° 54' N., ist im
Mittel 22 M. lang und halb so breit; ihr Flächenraum beträgt über 220
quadr. M. Im Süden wird sie durch die schmale San Juanico-Strasse
von der Insel Leyte getrennt, mit welcher sie früher zu einer Provinz
vereinigt war. Jetzt steht jede Insel unter einem besondern Guvernör.
Von ältern Schriftstellern wird die Insel Tendaya, Ybabáo, auch Achan
und Philippina genannt, später hiess die östliche Seite Ybabáo,
die westliche Sámar, welches jetzt die amtliche Benennung für die
ganze Insel ist; das östliche Gestade wird als die Contracosta
unterschieden. [192]
Der NO. Monsun überwiegt hier, wie an den Ostküsten Luzon's, an
Dauer und Stärke den SW.-Monsun, dessen Gewalt durch die südwestlich
liegenden Inseln gebrochen wird; während die NO. Winde mit ihrer ganzen
Kraft und der Wucht ihrer im grossen Ozean aufgesogenen Wassermasse
gegen die Küsten dieser östlichen Inseln anprallen. Im Oktober treten
zwischen NW. und NO. schwankende, vorherrschend nördliche Winde ein,
Mitte November wird der Nordost beständig und dauert, nur selten
von Nord unterbrochen, bis zum April. Dies ist auch die Regenzeit;
am nassesten sind Dezember und Januar, wo es zuweilen vierzehn Tage
ohne Unterbrechung regnen soll. An der Nordküste bei Láuang dauert die
Regenzeit von Oktober bis Ende Dezember. Januar bis April sind trocken;
Mai, Juni, Juli Regen; August, September trocken. Es giebt also dort
zwei nasse und zwei trockene Jahreszeiten. Von Oktober bis Januar
kommen zuweilen heftige Stürme vor (Baguios = Taifun); sie beginnen
gewöhnlich mit Nordwind, gehen nach Nordwest, von schwachem Regen
begleitet, dann zurück nach N., mit zunehmender Stärke nach NO. und
O., wo sie ihre grösste Gewalt erreichen, und dann mit schwachem
Winde nach Süden übergehen; zuweilen aber drehen sie schnell durch
Ost nach Süd und erlangen erst dort ihre grösste Kraft.
Von Ende März bis Mitte Juni herrschen unbeständige östliche Winde
(NO. O. SO.) mit sehr hoher See an der Ostküste. Der Mai ist gewöhnlich
windstill. Im Mai und Juni häufige Gewitter, welche den SW.-Monsun
einleiten, der in den Monaten Juli, August, September zur Geltung
kommt, aber nie so beständig ist, wie der NO.. Die genannten drei
Monate bilden die trockene Jahreszeit, sie wird aber von häufigen
Gewittern unterbrochen. Es vergeht wohl keine Woche regenlos. In
manchen Jahren findet an jedem Nachmittage ein Gewitter statt. In
dieser Jahreszeit können Schiffe an der Ostküste anlegen; während
des NO.-Monsun ist Schifffahrt dort nicht möglich. Diese allgemeinen
Verhältnisse sind manchen örtlichen Abweichungen, namentlich an
der Süd- und Westküste unterworfen, wo die Regelmässigkeit der
Luftströmungen durch die davor liegenden, bergigen Inseln gestört
wird. Nach dem Estado geogr. 1855 S. 345 tritt alljährlich bei dem
Monsunwechsel, im September oder Oktober eine ausserordentlich
(unter Umständen 60 bis 70 Fuss) hohe Fluth ein, Dolo genannt,
die sich mit furchtbarer Gewalt gegen die Ost- und Südküste wirft,
grossen Schaden anrichtet, aber eine Gezeit nicht überdauert. Das
Klima von Samar und Leyte scheint an den Küsten sehr gesund zu sein
und zu den zuträglichsten des Archipels zu gehören. Ruhr, Durchfall
und Fieber kommen seltener vor als in Luzon; auch Europäer sollen
ihren Anfällen hier weniger ausgesetzt sein als dort.
Samar ist fast nur an seinen Rändern von zivilisirten Indiern bewohnt,
und zwar von Bisayern, die durch Sprache und Sitten etwa in demselben
Grade von den Bicols verschieden sind, wie diese von den Tagalen. Im
Innern fehlen Strassen und Dörfer beinahe gänzlich; es ist mit dichtem
Walde bedeckt und dient unabhängigen Stämmen zum Aufenthalt, die etwas
Ackerbau treiben (Knollengewächse und Bergreis), und die Produkte des
Waldes sammeln, namentlich Harze, Honig und Wachs, woran die Insel
sehr reich ist.
Am 3ten Juli verliesen wir Legáspi, schlichen, durch häufige
Windstillen aufgehalten, am Nordrande von Albáy bis zur Punta Montúfar,
dann an der kleinen Insel Viri vorbei, und erreichten Láuang erst
am 5ten Abends. Das Gebirge von Bácon (Pocdol bei Coello), das mir
auf früheren Reisen durch Nacht oder Nebel verborgen geblieben,
zeigte sich im Vorüberfahren deutlich als ein Kegelberg, daneben
ragte eine sehr schroffe tiefgefurchte Bergwand auf, anscheinend der
Rest eines Ringgebirges. Nachdem der Steuermann, ein alter, aus der
Gegend gebürtiger Indier, der die Reise schon oftmals gemacht, uns
zuerst nach einem falschen Hafen gefahren, setzte er das Schiff auf
der Barre fest, obgleich hinreichend Wasser vorhanden war, um bequem
in den Hafen einzulaufen.
Die Ortschaft Láuang (Láhuan) von mehr als 4500 Einwohnern, liegt
zusammengedrängt auf dem 40 Fuss hohen Südwestrande der gleichnamigen
kleinen Insel, durch einen Arm des Catúbig von Sámar getrennt. Nach
einer verbreiteten Ueberlieferung lag der Ort früher auf Sámar
selbst, inmitten seiner noch heut dort vorhandenen Reisfelder, bis
wiederholte Ueberfälle von Seeräubern die Einwohner bewogen sich
trotz der damit verbundenen Unbequemlichkeiten zu ihrem Schutz auf
der Südkante der steil aus dem Meer emporsteigenden kleinen Insel
anzusiedeln. [193] Diese besteht aus fast horizontalen, 8 bis 12 Zoll
dicken Tuffbänken. Die an der Fluthgrenze von den Wellen fortwährend
benagten Schichten veranlassen die obern Bänke abzubrechen, so dass
die ziemlich gleich dicken, durch vertikale Sprünge zerklüfteten
Schichtenköpfe wie Festungsmauern erscheinen. Die Kirche und das
Convento haben des beschränkten Raumes wegen jeden flachen Absatz
des Felsens in verschiedenen Höhen benutzen, sich der Oertlichkeit
anbequemen müssen und sind daher, wohl ohne Absicht des Erbauers,
ganz malerisch geworden.
Der Ort liegt hübsch, die Häuser sind aber nicht, wie sonst häufig,
von kleinen Gärten umgeben, es herrscht grosser Wassermangel und übler
Geruch. Zwei oder drei spärliche Quellen, fast im Meeresniveau, liefern
ein trübes, brackisches Wasser, mit dem die trägen Leute sich begnügen,
so lange es eben ausreicht. Wohlhabende lassen ihr Wasser von Samar
holen, wozu auch die Aermeren zuweilen durch das Versiegen der Quellen
gezwungen werden. Zum Baden reicht das Quellwasser nicht aus, Seebäder
sind nicht beliebt, die Leute sind daher sehr schmutzig. Ihre Kleidung
ist dieselbe wie in Luzon, die Frauen tragen aber keinen Tapis, sondern
nur Camisa (ein kurzes, die Brüste kaum deckendes Hemd) und Saya, meist
aus grober, störriger Guinara, die hässliche Falten bildet und wenn
nicht schwarz gefärbt, sehr durchscheinend ist. Schmutz und dezentes
Wesen schützen aber mehr als dichte Gewänder. Die Bewohner von Láuang
stehen wohl mit Recht in dem Ruf sehr träge zu sein. Ihr Gewerbfleiss
beschränkt sich fast auf etwas Landbau, selbst der Fischfang wird so
vernachlässigt, dass es häufig an Fischen mangelt. Eigene Schifffahrt
ist kaum vorhanden, obgleich es keine Landstrassen giebt. Der Handel
wird meist durch Schiffer aus Catbalógan betrieben, die den Ueberschuss
der Ernten gegen andere Erzeugnisse eintauschen.
Vom Convento überblickt man einen Theil der Insel Samar, deren
Bergformen die Fortsetzung der flachen Schichtung anzeigen. In der
Mitte der Landschaft ragt in Entfernung einiger Meilen ein in der
Geschichte der Gegend berühmter Tafelberg hervor. Dorthin hatten sich
die Eingeborenen des nahen Dorfs Palápat, nachdem sie ihren Pfarrer,
einen zu lüsternen Jesuitenpater, ermordet, zurückgezogen und Jahre
lang mit den Spaniern Guerillakrieg geführt, bis sie endlich durch
Verrath überwältigt wurden.
Das Innere der Insel ist schwierig zu bereisen, da keine Wege
vorhanden sind; die Küsten werden sehr von Seeräubern heimgesucht. In
den letzten vierzehn Tagen waren mehrere Pontins und vier mit Abacá
beladene Schoner gekapert, die Mannschaft zum Theil grausam ermordet,
ihre Leichname zerstückelt worden, -- eine Abweichung vom Brauch,
denn gewöhnlich werden die Gefangenen während der Dauer des Raubzuges
zum Rudern benutzt und später in den Inseln der Solosee als Sklaven
verkauft. Es war gut, dass wir den Piraten nicht begegnet, denn
obgleich wir vier kleine Kanonen an Bord führten, verstand Niemand
ihre Behandlung. [194]
Der zur Leitung der Wahlen für die Gemeindeämter erwartete Guvernör
sandte, durch Krankheit verhindert, einen Stellvertreter. Da die Wahlen
alljährlich im ganzen Lande nach derselben Vorschrift vollzogen werden,
so mag diese, der ich beiwohnte, als Beispiel beschrieben werden:
Sie findet im Gemeindehaus statt; am Tisch sitzt der Guvernör (oder
sein Vertreter), ihm zur Rechten der Pfarrer, links der Schreiber,
der zugleich Dolmetscher ist. Sämmtliche Cabezas de Barangay, der
Gobernadorcíllo und die es früher gewesen, haben auf Bänken Platz
genommen. Es werden zuerst durch das Loos je 6 von den Cabézas,
und von den Gobernadorcillo's zu Wählern ernannt; der fungirende
Gobernadorcíllo ist der dreizehnte, die Uebrigen verlassen den
Saal. Nachdem der Vorsitzende die Statuten verlesen und die Wähler
zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflicht ermahnt, treten diese
einzeln an den Tisch und schreiben drei Namen auf einen Zettel. Wer die
meisten Stimmen hat, wird, wenn weder Pfarrer noch Wähler begründeten
Einspruch erheben, sofort zum Gobernadorcíllo für das kommende Jahr
ernannt, vorbehaltlich der Bestätigung der Oberbehörde in Manila,
die wohl immer erfolgt, denn schon der Einfluss des Cura würde eine
missliebige Wahl verhindern. Auf dieselbe Weise findet die Wahl der
übrigen Beamten statt, nachdem zuvor der neue Gobernadorcillo in
den Saal gerufen, damit er etwaige triftige Einwendungen gegen seine
aus der Wahl hervorgehende künftige Beamten machen könne. Die ganze
Handlung ging mit grosser Ruhe und Würde vor sich. [195]
Am folgenden Morgen fuhr ich in Gesellschaft des gefälligen Pfarrers,
dem sich fast alle Knaben des Dorfes anschlossen, in einem grossen Boot
nach Samar über. Von elf kräftigen Gepäckträgern, die der Vertreter des
Guvernörs für mich ausgewählt hatte, bemächtigten sich vier einiger
Kleinigkeiten und eilten damit voraus, drei andere verbargen sich im
Gebüsch, vier waren schon in Láuang davongelaufen. Das Gepäck wurde
auseinandergenommen, unter die zurückgeholten vier Träger und die zum
Vergnügen mitgegangenen kleinen Jungen vertheilt. Wir folgten dem
Seestrand in westlicher Richtung und erreichten sehr verspätet die
nächsten Visitas, wo es dem Cura nach vieler Mühe gelang, die fehlenden
Träger zu ersetzen. Westlich von der Mündung des Pambújan springt
eine Landzunge in's Meer, ein Lieblingsaufenthalt der Seeräuber, da
sie dort im Walde verborgen, den Strand übersehen können, der sich
zu beiden Seiten in weiten Bogen ausdehnt und die einzige Strasse
zwischen Láuang und Catárman bildet. Schon viele Menschen sind hier
geraubt worden und nur mit genauer Noth war der mich bis hierher
begleitende Pater vor einigen Wochen dieser Gefahr entgangen.
Der letzte Theil der Tagereise verlief sehr munter. Ein vorausgesandter
Bote hatte an allen Flussmündungen Kähne stellen lassen; da man in
diesem Gebiet kaum andre Europäer kennt, als Geistliche, so wurde
ich in der Dunkelheit für einen Kapuziner im Reiseanzug gehalten,
die Männer leuchteten mir mit Fackeln bei der Ueberfahrt, die Frauen
drängten sich heran um mir die Hand zu küssen. Ich übernachtete
unterwegs und gelangte am folgenden Tage nach Catárman (Caladman auf
Coellos Karte), einem reinlichen, geräumigen Ort von 6358 Seelen, an
der Mündung des gleichnamigen Flusses. Sechs Pontins aus Catbalógan
lagen dort um Reis für Albáy zu laden. Die Bewohner der Nordküste
sind zu schlechte Seefahrer, um ihre Produkte selbst auszuführen;
sie überlassen es den Leuten aus Catbalógan, die, weil es ihnen an
Reisfeldern mangelt, gezwungen sind, ihre Thätigkeit auf anderen
Gebieten zu entfalten.
Früher mündete der Fluss von Catárman weiter östlich und war sehr
verschlämmt. Im Jahre 1851 bahnte er sich in dem lockeren, aus
Quarzsand und Muscheltrümmern bestehenden Boden nach anhaltendem,
heftigen Regen einen neuen, kürzeren Ausgang zum Meer, den jetzigen
Hafen, in welchem Schiffe von 200 Tonnen unmittelbar am Lande laden
können, zerstörte aber dabei den grössten Theil des Dorfes, auch die
steinerne Kirche und Priesterwohnung. In dem neuen Convento sind zwei
Säle, der eine von 16,2×8,8, der andre von 9×7,6 Schritt Inhalt,
mit Brettern aus einem einzigen Ast eines Dipterocarpus (guiso)
gedielt. Den Schritt = 30 Zoll, die Dicke der Bretter mit Inbegriff
der Abfälle zu einem Zoll angenommen, entspricht dies einem festen
Holzblock, so hoch wie ein Tisch (2 1/2'), ebenso breit und 18' lang,
etwa 110 Cubikfuss. [196] Die Häuser sind von Gärten umgeben, zum Theil
auch nur von Einzäunungen, in denen Unkraut wuchert. Bei dem Neubau
des Dorfes nach der grossen Wasserfluth wurde die Anlage von Gärten
befohlen; es fehlt aber oft der Fleiss, sie zu erhalten. Südlich vom
Dorf dehnen sich Weideplätze aus, mit feinem kurzem Grase bewachsen,
doch ist mit Ausnahme einiger dem Cura gehörenden Rinder und Schafe,
kein Vieh vorhanden.
Immer noch ohne Diener, fuhr ich mit meinem Gepäck in zwei kleinen
Kähnen den Fluss hinauf, an dessen beiden Seiten sich Reisfelder
und Kokoshaine ausbreiten, die aber, durch einen dichten Saum von
Nipapalmen und hohem Rohr verborgen, nur durch gelegentliche Lücken
sichtbar sind. Die zuerst flachen, sandigen Ufer werden allmälig
steiler, bald zeigt sich anstehendes Gestein, feste Bänke von
sandigem Thon, mit seltenen Spuren undeutlicher Versteinerungen. Eine
kleine Muschel [197] hat an der Wassergrenze so zahlreiche Löcher
in die Thonbänke gebohrt, dass diese wie Honigwaben aussehn. Um
12 kochten wir unsern Reis in einer einzeln stehenden Hütte bei
freundlichen Leuten. Die Frauen, die wir in zerlumpten, schwarzen
Guináragewändern überraschten, zogen sich beschämt zurück und
erschienen bald darauf in sauberen bunten Sayas, messingenen Ohrringen
und Schildkrötenkämmen. Als ich ein kleines nacktes Mädchen zeichnete,
nöthigte die Mutter sie ein Hemd anzuziehn. Um 2 bestiegen wir die
Boote wieder, ruderten die ganze Nacht und erreichten um 9 Vormittags
eine kleine Visita, Cobocóbo. Nach Abzug der zweistündigen Mittagsrast
hatten die Leute 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet und waren guter
Dinge, wenn auch etwas müde.
Um 2 1/2 Uhr traten wir den Landweg über die Salta Sangley
(Chinesensprung) nach Tragbúcan an, welches in gerader Richtung etwa
eine Meile entfernt, an der Stelle liegt, wo der an der Westküste bei
Punta Hibáton mündende Calbáyot für Nachen schiffbar wird. Mittelst
dieser beiden Flüsse und des kurzen aber beschwerlichen Landwegs
besteht eine Verbindung zwischen den bedeutenden Ortschaften Catárman
an der Nordküste und Calbáyot an der Westküste. Der Landweg, im besten
Falle ein schmaler, von der Sonne nicht beschienener Pfad im dichten
Walde, oft nur eine Richtung, führt über schlüpfrige Thonrücken,
verschwindet in den Schlammpfützen der dazwischen liegenden Niederungen
und läuft zuweilen im Bett der Bäche hin. Die Wasserscheide zwischen
dem Catárman und Calbáyot wird von der genannten Salta Sangley,
einem flachen, aus Thon- und Sandsteinbänken bestehenden, nach
beiden Seiten treppenförmig absteigenden Rücken gebildet, von der
das oben angesammelte Wasser in kleinen Kaskaden herabfällt. An den
schwierigsten Stellen sind rohe Bambusleitern angebracht. Ich zählte 15
Bäche auf der NO. Seite, die den Catárman speisen und etwa ebenso viele
Zuflüsse des Calbáyot auf der SW. Seite. Um 5 Uhr 40 Minuten erreichten
wir den höchsten Punkt der Salta Sangley (etwa 90' Meereshöhe). Um 6
Uhr 30 Minuten einen Fluss, den oberen Lauf des Calbáyot, in dessen
Bett wir wanderten, bis die zunehmende Tiefe uns zwang, im Dunkeln
unsern Weg mühsam durch das Unterholz an seinem Rande zu bahnen;
um 8 Uhr befanden wir uns der Visita Tragbúcan gegenüber.
Der Fluss war hier bereits 6 Fuss tief, ein Nachen nicht
vorhanden. Nach langem Rufen, Bitten und Drohen entschlossen sich
die durch einen Revolverschuss aus dem Schlafe geschreckten Leute ein
Bambusfloss zu bauen, auf dem sie uns und unser Gepäck übersetzten. Das
nur aus wenigen ärmlichen Hütten bestehende Oertchen liegt hübsch,
von bewaldeten Hügeln umgeben, auf einer Sandplatte 50 Fuss über dem
schilfbesäumten Fluss.
Dank der Rührigkeit des mich begleitenden Teniente von Catárman war
in aller Frühe ein Boot herbeigeschafft worden, so dass wir um 7
Uhr die Reise fortsetzen konnten. Die Ufer blieben 20 bis 40 Fuss
hoch. Ausgenommen das Schreien einiger Nashornvögel, die auf den
höchsten Bäumen von Ast zu Ast flatterten, nahmen wir keinen Laut,
keine Spur von Thierleben wahr. Um 11 1/2 Uhr gelangten wir an eine
kleine Visita, Taibágo, um 1 Uhr 35 Minuten an eine ähnliche, Magubáy,
und nach zweistündiger Mittagsrast, um 5 Uhr an eine Stromschnelle, die
wir geschickt, fast ohne Wasser zu schöpfen, hinabglitten. Der bisher
im Mittel 30 Fuss breite, wegen vieler hineingestürzter Baumstämme
schwierig zu befahrende Fluss wird hier doppelt so breit. Gegen 11 Uhr
Nachts erreichten wir das Meer und ruderten bei völliger Windstille
1 Legua weit die Küste entlang nach Calbáyot, dessen Convento eine
herrliche Aussicht auf die davorliegenden Inseln gewährt.
Ein Gewittersturm zwang uns, die Fahrt nach der 7 Leguas entfernten
Hauptstadt Catbalógan (oder Catbalónga) auf den Nachmittag zu
verschieben. Wir fuhren in einem langen, aus einem Baumstamme
gezimmerten, mit Ausriggern versehenen Boote am Strande hin, an welchem
sich eine Reihe niedriger bewaldeter Hügel mit vielen kleinen Visitas
hinzieht, und umschifften mit einbrechender Dunkelheit die Spitze
Napalísan, einen Felsen aus trachytischem Konglomerat, der durch
senkrechte Klüfte mit abgerundeten Kanten in eine Reihe thurmartiger
Vorsprünge gegliedert, 60 Fuss hoch wie eine Ritterburg aus dem Meere
hervorragt. Nachts erreichten wir Catbalógan, die Hauptstadt der Insel
(6000 E.) in der Mitte des Westrandes gelegen, in einer kleinen von
Eilanden und Landzungen malerisch umgebenen Bucht, schwer zugänglich
und dennoch wenig geschützt. -- Nicht Ein Fahrzeug ankerte im Hafen.
Die Häuser, darunter viele von Brettern, sind zierlicher als in
Camarínes, die Leute zwar träge, aber bescheidener, ehrlicher,
gutmüthiger und von reineren Sitten als die Bewohner Süd-Luzon's. Durch
die gefällige Verwendung des Guvernörs erhielt ich schnell eine
geräumige Wohnung und einen Diener, der Spanisch verstand. Auch traf
ich hier einen sehr intelligenten Indier, der sich grosse Fertigkeit in
den verschiedensten Handwerken angeeignet hatte. Mit dem einfachsten
Werkzeug besserte er manches an meinen Instrumenten und Apparaten,
deren Zweck er schnell begriff, zur vollständigen Zufriedenheit aus
und gab viele Proben bedeutender geistiger Fähigkeit.
In Samar sind Flattermakis oder Lemure, Káguang der Bisayer,
Galeopithecus, nicht selten. Die Thiere, von der Grösse einer
Hauskatze, gehören zu den Vierhändern, sind aber, ähnlich wie die
fliegenden Eichhörnchen, mit einer am Halse entspringenden, über
Vorder-, Hinterglieder und Schwanz reichenden Flatterhaut versehn,
vermittelst welcher sie von einem Baum zum andern in einem sehr
stumpfen Winkel gleiten können. [198] Körper und Flatterhaut sind mit
einem sehr zarten kurzen Pelz bekleidet, der dem Chinchilla an Feinheit
und Weiche wohl kaum nachsteht, und deshalb sehr gesucht ist. Während
meiner Anwesenheit trafen zum Geschenk für den Pfarrer sechs lebende
Káguangs ein (drei hellgraue, ein dunkelbrauner, zwei graubraune,
alle mit kleinen weissen unregelmässig vertheilten Flecken), von
denen ich ein Weibchen mit ihrem Jungen erhielt.
Es schien ein harmloses ungeschicktes Thier. Als es von seinen
Fesseln befreit war, blieb es am Boden liegen, alle vier Glieder
von sich gestreckt, die Erde mit dem Bauch berührend und hüpfte dann
in kurzen schwerfälligen Sprüngen, ohne sich dabei emporzurichten,
nach der nächsten Wand, die aus gehobelten Brettern bestand. Dort
angekommen tastete es lange mit den einwärts gebogenen scharfen
Krallen seiner Vorderhände umher, bis ihm endlich die Unmöglichkeit
an jener Stelle emporzuklettern klar geworden. Gelang es ihm in
einer Ecke oder mit Benutzung einer gelegentlichen Spalte, einige
Fuss aufwärts zu klimmen, so fiel es alsbald wieder herab, weil es
die verhältnissmässig sichere Stellung seiner Hinterglieder aufgab,
bevor die Krallen der vorderen festen Halt gefunden hatten; es nahm
aber keinen Schaden, da die Jähheit des Falles durch die schnell
ausgespannte Flughaut gebrochen wurde. Diese mit unerschütterlicher
Beharrlichkeit fortgesetzten Versuche zeigten einen auffallenden
Mangel an Urtheil, das Thier muthete sich viel mehr zu, als es
ausführen konnte; daher blieben seine Bemühungen erfolglos, stets
aber fiel es ohne sich zu verletzen, Dank dem Fallschirm, womit die
Natur es ausgestattet hatte. Wäre der Káguang nicht gewöhnt sich so
ganz und gar auf diese bequeme Vorrichtung zu verlassen, so hätte
er wohl seinen Verstand mehr gebrauchen, seine Kräfte richtiger
beurtheilen gelernt. Das Thier hatte seine fruchtlosen Versuche so
oft wiederholt, dass ich es nicht weiter beachtete, -- nach einiger
Zeit war es verschwunden. Ich fand es in einem dunklen Winkel unter
dem Dache wieder, wo es wahrscheinlich die Nacht erwarten wollte,
um seine Flucht fortzusetzen. Offenbar war es ihm gelungen den
oberen Rand der Bretterwand zu erreichen und zwischen dieser und
der festaufliegenden elastischen Decke aus Bambusgeflecht seinen
Körper durchzuzwängen. Das arme Geschöpf, das ich voreilig für dumm
und ungeschickt gehalten, hatte unter den gegebenen Umständen die
grösstmögliche Geschicklichkeit, Klugheit und Beharrlichkeit gezeigt.
Ein zum Besuch anwesender Padre aus Calbígan versprach mir so viele
Wunder in seinem Gebiet, -- eine Fülle der seltsamsten Thiere, höchst
unzivilisirte Cimarronen, -- dass ich ihn am folgenden Tage auf
seiner Heimreise begleitete. Eine Stunde nach der Abfahrt erreichten
wir die kleine Insel Majáva, die aus steil aufgerichteten Schichten
eines festen, feinkörnigen vulkanischen Tuffes mit kleinen glänzenden
Hornblendekrystallen besteht. Die Insel Buat (Coello's Karte) wird
von unsern Schiffern Tubígan genannt. In 3 Stunden gelangen wir
nach Umáuas, einem Filial von Calbígan. Es liegt 50 Fuss über dem
Meer in einer Bucht, vor welcher sich, wie so oft an dieser Küste,
eine Reihe kleiner malerischer Inseln hinzieht, 4 Leguas genau
S. von Catbalógan. Calbígan aber, das wir gegen Abend erreichten,
liegt von Reisfeldern umgeben 2 Leguas NNO. von Umáuas, 40 Fuss
hoch über dem gleichnamigen Fluss, fast anderthalb Leguas von dessen
Mündung. An den Ufern des Calbígan ist ein Baum mit schön violblauen
Blüthenrispen besonders häufig, er liefert das geschätzteste Bauholz
der Philippinen, das dem Teak gleichgeachtet und wie dieses zu
den Verbenaceen gehört. Sein inländischer Name ist Molave. (Vitex
geniculata Blanco.) [199]
Nach der Versicherung glaubwürdiger Männer soll es in hiesiger Gegend
Schlangenbändiger geben. Sie pfeifen die Schlangen angeblich aus ihren
Schlupfwinkeln herbei, lassen sie nach ihrem Willen sich bewegen oder
innehalten und hantiren sie nach Belieben, ohne von ihnen verletzt
zu werden. Den berühmtesten derselben hatten aber die Seeräuber
vor Kurzem fortgeschleppt, ein zweiter war zu den Cimarronen in
die Berge entwichen, ein dritter, dessen Ruf nicht recht begründet
schien, begleitete mich bei meinen Ausflügen, entsprach aber nicht
den Schilderungen seiner Freunde. Zwei Giftschlangen [200], die
wir unterwegs trafen, fing er, indem er sie geschickt, unmittelbar
hinter dem Kopf packte, so dass sie wehrlos waren, und wenn er
ihnen still zu liegen befahl, so setzte er ihnen zuvor den Fuss
auf den Nacken. Ich verletzte mir auf der Jagd, an einem im Schlamm
verborgenen spitzen Ast, den Fuss so erheblich, dass ich unverrichteter
Sache nach Catbalógan zurückkehren musste. Die Bewohner von Calbígan
gelten für thätiger und umsichtiger als die übrigen der Westküste,
auch ihre Ehrlichkeit wird gerühmt. Ich fand sie sehr anstellig,
das Sammeln und Zubereiten von Pflanzen und Thieren schien ihnen
Freude zu machen, gern hätte ich einen Diener von hier mitgenommen;
sie trennen sich aber so schwer von ihrem Dorf, dass alle Bemühungen
des Pfarrers, einen zur Mitreise zu bewegen, erfolglos blieben.
In geringer Entfernung NW. von Catbalógan gewahrt man bei Ebbe in
weniger als 2 Faden Tiefe einen der üppigsten Korallengärten. Auf
einem bunten Teppich von Kalkpolypen und Schwämmen erheben sich wie
Staudengewächse Gruppen von lederartigen, fingerdicken Stielen, deren
oberes Ende dicht mit Polypen besetzt ist (Sarcophyton pulmo Esp.), die
ihre in den schönsten Farben schillernden Tentakelrosen weit geöffnet
haben, so dass sie wie Blumen in voller Blüthe erscheinen. Sehr grosse
Serpeln strecken aus ihren Kalkröhren zierliche rothe, blaue und gelbe
Fühlerkronen heraus, dazwischen wuchern fein gefiederte Plumularien;
kleine Fische von wunderbar prächtigen Farben tummeln sich in diesen
Nixengärten.
Nachdem Stürme und die Flucht meines Dieners, der das ihm anvertraute
Geld beim Hahnenkampf verspielt hatte, mich einige Tage in der
Hauptstadt aufgehalten, fuhr ich die Bucht hinauf, die sich im S. von
Catbalógan, WO. bis Paránas erstreckt. Der Nordrand derselben besteht
aus NS. streichenden, gleich hohen, regelmässigen, von W. sanft
ansteigenden, nach O. steil abfallenden Erdwogen, die gegen das Meer
scharf abschneiden; 9 kleine Dörfchen liegen an dieser Küste zwischen
Catbalógan und Paránas, sie ziehn sich unter Kokos- und Betelpalmen
in vereinzelten Häusergruppen von den Mulden aus die westlichen,
sanften Abhänge hinauf und endigen, indem sie den Gipfel erreichen,
mit einem kleinen Castillo, das schwerlich Schutz gegen die Seeräuber,
aber fast immer einen hübschen landschaftlichen Punkt gewährt. Vor
dem Südrande der Bucht und nach SW. hin sieht man viele kleine Inseln
und bewaldete Felsen, im Hintergrunde die Berge von Leyte, sich zu
immer wechselnden Veduten verschieben.
Da die Leute bei schwüler Hitze, völliger Windstille und fast
wolkenlosem Himmel beinahe so viel schliefen als ruderten, so
erreichten wir erst Nachmittags Paránas, ein sauberes zwischen 20
und 150 Fuss Meereshöhe an einem Abhang gelegenes Dorf. Die am Meere
senkrechten Wände bestehn aus grauen gegen das Land einfallenden
Thonbänken, und werden überlagert von einer Schicht Muscheltrümmer,
deren Zwischenräume mit Thon ausgefüllt sind; über dieser liegt eine
festere, durch Kalk verkittete Breccie, aus eben solchen Bruchstücken
bestehend. In den Thonbänken finden sich wohlerhaltene Versteinerungen,
in Farbe, Habitus, und Vorkommen manchen deutschen Tertiärbildungen
zum Verwechseln ähnlich; die Breccien sind gleichfalls fossil,
vielleicht auch tertiär; jedenfalls liess sich die Identität der
wenigen darin erkennbaren Cerithien, Pecten und Venus mit lebenden
Arten nicht feststellen. [201]
Am folgenden Morgen fuhr ich nördlich in einem schmalen Kanal
durch einen stinkenden Rhizophorensumpf und setzte dann die Reise
zu Lande nach einem kleinen, im Walde gelegenen Dörfchen Loquilócun
fort. Halbwegs durchfurtheten wir einen 20' breiten, OW. strömenden
Fluss, mit steilen durch Leitern zugänglich gemachten Uferwänden.
Da ich noch immer lahmte (Fusswunden heilen sehr schwer in heissen
Ländern), liess ich mich einen Theil des Weges auf landesübliche Weise
tragen: der Reisende liegt in einer an einem Bambusrahmen befestigten
Hängematte; eine III versinnlicht die Vorrichtung: der mittlere Strich
stellt die Hängematte, der Rest den Rahmen dar, dessen hervorragende
Enden vier rüstige Polistas auf die Schultern nehmen. Etwa alle zehn
Minuten werden die Träger durch andre abgelöst. Zum Schutz gegen
Sonne und Regen ist der Rahmen mit einem leichten Pandanusdach versehn.
Die Wege, die man nach Analogie von Unmensch und Unwetter Unwege nennen
könnte, waren ziemlich so schlecht, wie die bei der Salta-Sangley;
mit Ausnahme des zuweilen bequemen Seestrandes scheinen in Samar keine
bessere vorhanden. Nach 3 Stunden gelangten wir an den Loquilócun,
der von Norden kommend, dort seinen südlichsten Punkt erreicht, dann
NO. dem grossen Ozean zufliesst. Ich fand hier durch die liebenswürdige
Fürsorge des Guvernörs zwei kleine Nachen bereit, die durch je zwei
in den äussersten Spitzen hockende Männer mit bewundernswürdiger
Gewandtheit getrieben zwischen den Baumstämmen und Felsen im Bett des
reissenden Bergstromes durchschlüpften. Unter lautem Jauchzen glitten
beide Kähne einen 1 1/2 Fuss hohen Fall hinab, ohne Wasser zu schöpfen.
Das Dörfchen Loquilócun liegt in drei Häusergruppen auf drei
Hügeln. Die Bewohner waren sehr freundlich, gefällig, bescheiden
und so erfolgreich im Sammeln, dass mein mitgeführter Weingeist
schnell verbraucht war; in Catbalógan konnten meine Boten nur
einige Flaschen auftreiben, und meine eignen Vorräthe waren durch
ungeschickte Zuvorkommenheit eines zu gefälligen Freundes in falscher
Richtung gesandt, und erreichten mich erst nach Monaten wieder;
der in Samar käufliche Palmenwein war zu schwach. Täglich fuhren
ein oder zwei Nachen aus, um für mich zu fischen, doch erhielt ich
nur wenige Individuen, die fast ebenso vielen Arten und Gattungen
angehörten. Wahrscheinlich hat der Missbrauch, die Fische durch
Vergiftung des Wassers zu tödten (es wird hier die zerklopfte Frucht
einer Barringtonia dazu verwendet) den Fluss so fischleer gemacht.
Nach einigen Tagen verliessen wir das Oertchen um 9 Uhr 30 Minuten
Vormittags, enggepackt in zwei kleinen Nachen, und waren, als wir um
1 Uhr 7 Minuten Dini, eine bewohnte Hütte im Walde erreichten, über 40
Stromschnellen von 1 bis 1 1/2 Fuss und mehr Tiefe hinabgestiegen. Die
bedeutendsten derselben haben Namen, die auf der Coelloschen Karte
richtig angegeben sind. Folgendes sind ihre Abstände nach der Uhr:
10 Uhr enge Felsenschlucht, an deren Ende das Wasser mehrere Fuss tief
in ein grösseres Becken stürzt. Die Kähne, die bisher mit wunderbarer
Geschicklichkeit, wie gewandte Pferde zwischen allen Hindernissen
des Flussbettes und über alle Sprudel und Schwellen, fast ohne Wasser
zu schöpfen, geglitten, werden ausgeladen, es bleiben nur 2 Mann in
jedem Nachen zurück, die laut jauchzend hinabschiessen, wobei sich
die Kähne bis an den Rand füllen.
Dem Wasserfall gegenüber war eine Schuttbank angeschwemmt, in welcher
sich, ausser Trümmern des anstehenden Gesteins, sehr abgeschliffene
Gerölle von Porphyr und Jaspis, auch einige Stücke Kohle mit vielem
Schwefelkies fanden, die wohl zur Regenzeit weiter oberhalb in
den Fluss gelangen; ihr Ursprung war den Schiffern unbekannt. --
11 Uhr 56 Minuten bis 12 Uhr: ununterbrochene Reihe von Schnellen,
die mit grösster Gewandtheit, ohne Wasser zu schöpfen, überwunden
wurden. Etwas tiefer, um 12 Uhr 3 Minuten nahmen wir so viel Wasser
ein, dass wir landen und ausschöpfen mussten. Um 12 Uhr 15 Minuten die
Fahrt fortgesetzt, der Fluss war nun durchschnittlich 60 Fuss breit. Im
Waldrande machen sich eine kaum 10' hohe, schlanke Palme durch
ihre Häufigkeit und viele Phalaenopsis durch seltene Blüthenpracht
bemerklich. Weder Vögel noch Affen noch Schlangen wurden wahrgenommen,
doch sollen grosse, bis schenkeldicke Python nicht selten sein.
Um 12 Uhr 36 Minuten gelangten wir an eine der schwierigsten Stellen,
eine Reihe von Schwellen mit vielen aus dem Wasser aufragenden Felsen,
zwischen welchen die in vollem Schuss befindlichen Nachen mit schnellen
Wendungen glücklich durchschlüpfen. Das Wagstück wurde von beiden
Mannschaften mit gleicher Meisterschaft unter äusserster Anspannung
ihrer Kräfte ausgeführt. -- 1 Uhr 17 Minuten Ankunft bei Dini, dem
bedeutendsten Wasserfall der ganzen Strecke. Hier mussten die Kähne
mit Zuhülfenahme der von den hohen Waldbäumen wie Taue herabhängenden
Lianen aus dem Wasser gezogen und über die Felsen geschleppt werden. --
2 Uhr 21 Minuten Fortsetzung der Reise. -- 2 Uhr 28 Minuten bis 2 Uhr
30 Minuten eine unregelmässige, aus vielen Stufen gebildete Treppe
hinabgestiegen, viel Wasser geschöpft. Bisher floss der Loquilócun in
einem Felsenbett mit meist steilen Ufern, zuweilen auf lange Strecken
unter einem dichten Laubgewölbe, von welchem mächtige Ranken und
mehr als Klafter lange zierliche Farne herabhingen. Hier öffnet sich
die Gegend etwas; es zeigen sich flache Hügel mit niedrigem Gebüsch,
im NW. höhere bewaldete Berge. Während der letzten zwei Stunden von
einem Sturzregen begleitet, erreichen wir um 5 Uhr 30 Minuten ein
einzelnes Haus mit freundlichen Leuten, wo Nachtquartier gemacht wird.
Am folgenden Morgen wurde die Fahrt stromabwärts fortgesetzt. Nach
10 Minuten glitten wir den letzten Wasserfall hinunter, zwischen
weissen marmorartigen mit herrlichstem Pflanzenwuchs beladenen
Kalkfelsen. Ganze Aeste voll Phalaenopsis (P. Aphrodite
Reichb. fls.) ragten über den Fluss; wie grosse prächtige
Schmetterlinge schwebten ihre Blüthen über der schäumenden Fluth. Zwei
Stunden später ist der Strom 200' breit geworden und schleicht,
nachdem er von Loquilócun eine 50 Meter hohe Treppe herabgesprungen,
in gemächlichen Windungen durch flaches Schwemmland der Ostküste zu,
ein breites Aestuar bildend, an dessen rechtem Ufer, eine halbe Legua
vom Meer entfernt, die Ortschaft Jubásan oder Paríc (2300 Seelen)
liegt; sie giebt dem untern Lauf des Stromes ihren Namen. Hier
verliessen mich die trefflichen Männer von Loquilócun, um die sehr
beschwerliche Rückfahrt anzutreten.
Durch Sturm aufgehalten konnte ich mich erst am folgenden Tage
nach Túbig (2858 E.), südlich von Paríc, einschiffen. Immer noch
an anstrengenden Märschen verhindert, fuhr ich im Ruderboot die
Küste entlang von Túbig nach Boróngan (7685 E.), bei dessen eben
so intelligentem als gefälligen Pfarrer ich einige Tage verweilte,
und setzte dann die Fahrt nach Guíuan (auch Guiuang, Guiguan) fort,
der bedeutendsten Ortschaft Samars (10781 E.), auf einer schmalen
von der SO. Spitze der Insel ins Meer ragenden Landzunge gelegen.
Dicht am Strande bricht bei letzterem Ort aus fünf bis sechs Oeffnungen
eine wasserreiche, schwach nach Schwefelwasserstoff riechende Quelle
aus, die während der Fluth vom Meer bedeckt, bei Ebbe frei liegt,
so dass sie dann kaum merklich salzig schmeckt. Zur Untersuchung
des Wassers wurde durch Einsenken eines hohen bodenlosen Topfes ein
Brunnen geschaffen und nachdem das Wasser eine halbe Stunde lang
übergeflossen, eine Probe genommen, die leider später abhanden
kam. Wärme des Quellwassers 8 Uhr Vorm.: 27°7., der Luft: 28°7,
des Meerwassers: 31°2 C. Die Quelle dient den Frauen zum Färben
ihrer Sarongs. Die mit dem Absud einer gerbestoffreichen Rinde
getränkten Stoffe (Abacázeuge erhalten zuvor eine Kalkmilchbeize)
werden, nachdem sie an der Sonne getrocknet, bei Ebbe in die Quelle
gelegt, während der Fluth herausgenommen, getrocknet, in Rindenabsud
getaucht und nass wieder in die Quelle gelegt; dies wird drei Tage
lang wiederholt. Das Ergebniss ist ein dauerhaftes, aber hässliches
Dintenschwarz (gallussaures Eisenoxyd).
In Loquilócun und Borongan hatte ich Gelegenheit, zwei lebende
Gespensterthiere [202] zu kaufen. Diese äusserst zierlichen, seltsamen,
zu den Halbaffen gehörenden Thierchen sollen, wie man in Luzon und
Leyte versicherte, nur in Samar vorkommen und ausschliesslich von
Holzkohle leben. Mein erster Mago musste anfänglich etwas hungern, denn
Pflanzenkost verschmähte er, in Bezug auf Insekten war er wählerisch;
lebende Heuschrecken frass er mit grossem Behagen. [203] Es sah
äusserst drollig aus, wie das Thier, wenn es bei Tage gefüttert wurde,
aufrecht stehend, auf seine beiden dünnen Beine und den kahlen Schwanz
gestützt, den grossen kugelrunden, mit gewaltigen gelben Uhuaugen
versehenen Kopf nach allen Richtungen bewegte, wie eine Blendlaterne
auf einem Statif mit Kugelgelenk. Nur allmälig gelang es ihm, seine
Augen auf den dargebotenen Gegenstand richtig einzustellen; hatte es
ihn aber endlich wahrgenommen, so reckte es plötzlich beide Aermchen
seitwärts, etwas nach hinten aus, wie ein Kind, das sich freut, griff
schnell zu, mit Händen und Maul zugleich, und verzehrte bedächtig die
Beute. Bei Tage war der Mago schläfrig, blödsichtig, und wenn man ihn
störte, mürrisch; mit abnehmendem Tageslicht erweiterte sich seine
Pupille, Nachts bewegte er sich lebhaft und behend mit geräuschlosen
schnellen Sprüngen, am liebsten seitwärts. Er wurde bald zahm, starb
aber leider nach einigen Wochen. Das zweite Thierchen am Leben zu
erhalten, gelang mir auch nur kurze Zeit.