SECHSTES KAPITEL

REISE IN BULACAN. -- HÄUFIGE FEUERSBRÜNSTE. -- FRUCHTBARKEIT. --

FISCHFANG. -- ZIGARRENTASCHEN. -- SPANISCHE PRIESTER. --

GASTFREIHEIT. -- RÄUBEREIEN.

Mein erster Ausflug ging nach der Provinz Bulacán, am Nordrande der Bay

von Manila. Zwei Stunden braucht der Dampfer bis zur Barre Binuánga,

(nicht Bincanga, -- Coello's Karte) und eine Stunde, um in einem

Arme des Pampánga-Delta's, zwischen flachen Rhizophoren-Ufern,

Bulacán, den Hauptort der Provinz, zu erreichen. Ausser mir war

kein Europäer an Bord, nur Tagalen, Mestizen und wenige Chinesen,

erstere namentlich durch Frauen vertreten, denen vorzugsweise die

Handelsgeschäfte obliegen, weil sie dazu viel geschickter sind als die

Männer. Man sieht daher in der Regel mehr Frauen als Männer auf der

Strasse, und es scheint allgemein angenommen, dass bei den Geburten die

weiblichen überwiegen. Nach den von mir durchgesehenen Kirchenbüchern

ergiebt sich aber, wenigstens für die östlichen Provinzen, eher das

Gegentheil. Am Landungsplatz erwartete uns eine Anzahl Caramáta's,

bunt bemalte, flache, zweirädrige Kasten mit Sonnendach versehn, und

mit zwei Pferden bespannt, von denen die wohlhabenderen Ankömmlinge

schnell nach allen Richtungen entführt werden.

Die Stadt Bulacán hat 11 bis 12,000 Einwohner, war aber einen

Monat zuvor, mit Ausnahme der Kirche und weniger Steinhäuser,

abgebrannt. Alle Leute waren daher beschäftigt sich neue Häuser zu

bauen, die seltsamer-, aber zweckmässigerweise, wie beim Zeichnen,

mit dem Dach begonnen wurden. Lange Reihen Dächer aus Palmenblättern

und Bambus standen bereits fertig am Boden und dienten einstweilen als

Zelte. Dergleichen verheerende Feuersbrünste sind ungemein häufig. Die

mit wenigen Ausnahmen aus Holz und Bambus bestehenden Häuser werden in

der trocknen Jahreszeit völlig ausgedörrt, von der Sonne angeheizt;

mit dem Feuer wird sehr unvorsichtig umgegangen, an Löschanstalten

fehlt es gänzlich. Entsteht ein Brand an einem windigen Tage, so

ist in der Regel das ganze Dorf unrettbar verloren. Während meines

Aufenthalts in Bulacán brannte die Vorstadt S. Miguél bei Manila bis

auf das Haus eines befreundeten Schweizers ab, das seine Rettung nur

dem kräftigen Gebrauch einer Privatspritze und der Mithülfe eines

Bananengärtchens verdankte, deren saftstrotzende Stämme auf einer

Seite den Fortschritt der Flammen hemmten.

Den Weg nach Calumpít, 3 L., legte ich im schönen Wagen eines

Gastfreundes zurück, auf sehr guter Strasse, unter Obstbäumen, Kokos-

und Arecapalmen. Der Anblick dieser fruchtbaren Provinz erinnert an

die reichsten Gebiete Java's, aber die hiesigen Pueblos verrathen

mehr Wohlstand als die dortigen Desas. Die Häuser sind substanzieller;

geräumige Bretterhäuser häufig, selbst Steinhäuser nicht selten, die

in jener Insel fast immer einen Beamten oder inländischen Fürsten

anzeigen. Während aber selbst der arme Javane sein Wohnkörbchen

zierlich flicht, die Strassen des Dorfes mit blühenden Hecken einfasst,

Alles Nettigkeit und Sauberkeit verräth, scheint hier weniger Sinn

dafür vorhanden. Auch fehlt den Dörfern der Alun-alun, jener schöne

sorgfältig gepflegte, von Waringibäumen beschattete Platz. [66]

Die Zahl und Manchfaltigkeit der Fruchtbäume, unter deren Laub die

javanischen Desas ganz verborgen liegen, ist selbst in dieser Provinz,

dem Garten der Philippinen, viel geringer als dort. Abends erreichte

ich Calumpít, als gerade eine hübsche Prozession mit vielen Fahnen

und Fackeln, unter wohlklingendem Gesang sich um die stattliche Kirche

bewegte, bei deren trefflichem Pfarrer Llanos ein Brief aus Madrid mir

die gastlichste Aufnahme verschaffte. Calumpít, ein wohlhabender Ort

von 12,250 E., liegt am Zusammenfluss des von O. kommenden Quíngoa mit

dem Pampánga, in einer sehr fruchtbaren, häufigen Ueberschwemmungen

ausgesetzten Ebene. Im Norden, etwa 6 Leguas NW. erhebt sich der

Arayat, ein hoher isolirter Kegelberg. Von Calumpít gesehn, zeigt sein

westlicher Abhang (a b) 20°, sein östlicher (e f) 25°, die Gipfelplatte

(b c) 4 bis 5° Neigung gegen den Horizont.

Bei Calumpít sah ich einen Chinesen auf eigenthümliche Art Fische

fangen: queer durch das Bett eines Baches, der, fast versiegt,

nur noch einzelne Lachen bildete, war unterhalb einer solchen ein

Gitter enggesteckter Bambusen gezogen, dahinter ein niedriger Damm

errichtet. Mittelst einer langgestielten Wurfschaufel wurde das

stehngebliebene Wasser über den Damm geworfen. Die Schaufel war da, wo

der Stiel ansetzt, durch ein Seil an ein zehn Fuss hohes Bambusgestell

befestigt, dessen Federkraft die Arbeit erleichterte. Sobald die Pfütze

trocken gelegt, grub der Arbeiter ohne Mühe eine grosse Menge Dalags

(Ophiocephalus vagus. Peters.) aus dem Schlamm. Diese durch besondere

Apparate, vielleicht zum Luftathmen, jedenfalls zu längerem Verweilen

im Trocknen befähigten Fische sind in der nassen Jahreszeit in allen

Gräben und Pfützen und auf den Reisfeldern so häufig, dass sie mit

Knitteln todtgeschlagen werden. Bei dem Zurückweichen des Wassers

ziehn auch sie sich zurück, oder bohren sich nach Prof. Semper

tiefer in den Schlamm des Bodens ein, wo sie bis zum Anfang der

nassen Jahreszeit durch eine harte sie bedeckende Erdkruste gegen die

Nachstellungen des Menschen geschützt, im Winterschlaf zubringen. Der

Fangapparat des Chinesen schien den Gewohnheiten des Fisches wohl

angepasst. Der Umstand, dass nur auf der untern Seite der Wasserlache

ein Gitter gezogen war, und dass die Fische unmittelbar vor demselben

am dichtesten angetroffen wurden, scheint anzudeuten, dass sie auch

noch im Schlamm weiter wandern und sich in dem Maasse als die Bäche

und Gräben austrocknen in die grösseren Wasseransammlungen zurückziehn.

Dem Quíngoa aufwärts, in östlicher Richtung, auf bequemer Strasse

folgend, durch wohlbebautes, üppig fruchtbares Gebiet, an zahlreichen

steinernen Kirchen und Kapellen vorüber, die sich mit den Palmen und

Bambusbüschen zu hübschen Bildern gruppiren, erreichte ich in Pater

Llano's Vierspänner den bedeutenden Ort Balívag, dessen Gewerbfleiss

weit über die Grenzen der Provinz hinaus berühmt ist.

Ich besuchte mehrere Familien und fand überall freundliche

Aufnahme. Die Häuser waren von Brettern (casas de tabla), ruheten auf

Pfählen, fünf Fuss über dem Boden, und bestanden aus einem geräumigen

Wohnzimmer, an welches auf einer Seite die Küche, auf der andern ein

offner Raum, die Azotéa (s. S. 20) stösst; ein hohes luftiges Dach

von Palmenblättern erhob sich darüber, der Eingang war von der Azotéa,

die fast zur Hälfte vom Dach überragt wird. Der Fussboden bestand aus

zollbreiten Holzlatten mit halb so breiten Zwischenräumen. Stühle,

Tische und Bänke, ein Schrank und verschiedene kleine Luxusgegenstände,

Spiegel, eingerahmte getuschte Lithographien waren vorhanden. Die

Sauberkeit der Häuser sowohl als der Zustand der Möbel zeugten von

Ordnung und Wohlstand.

Fast in jedem Hause fand ich Frauen mit Weben von Tápis beschäftigt,

die auf dem Markt von Manila den besten Ruf haben. Es sind schmale,

sehr dicht gewebte 6 Varas lange Seidenzeuge in dunkelbraunen

Farben mit schrägen weissen Streifen. Sie werden über dem Sarong

getragen. (Vergl. S. 24).

Besonders berühmt ist Balívag aber wegen seiner Zigarrentaschen Petáca,

[67] die alle andern an Feinheit übertreffen. Sie bestehen nicht aus

Stroh, sondern aus feinen Streifen spanischen Rohres, und zwar aus

dem untern Ende der Blattstiele einer Calamusart, die angeblich nur

in der Provinz Neu-Écija wächst. Ein Bündel von hundert ausgesuchten

2 Fuss langen fingerdicken Stöcken kostet bis 6 r. Nachdem diese

Stöcke vier bis fünf mal der Länge nach gespalten, entfernt man

das innere Holz, so dass nur die äussere Haut übrig bleibt; die so

erhaltenen dünnen Streifen werden dann aus freier Hand zwischen einem

convexen Porzellanscherben und einem schräg dagegen gestellten Messer

durchgezogen, und schliesslich noch durch zwei schräg gegen einander

stehende Stahlklingen. Die Arbeit verlangt viel Geduld und Uebung;

bei der ersten Handhabung zerbricht durchschnittlich die Hälfte der

Fäden, bei der zweiten gewöhnlich mehr als die Hälfte, so dass kaum 20%

übrig bleiben. Für sehr feine Geflechte ist das Verhältniss noch weit

ungünstiger. Das Flechten geschieht über hölzerne Walzen. Eine Tasche

von mittlerer Feinheit, die an Ort und Stelle 2 Doll. kostet, kann bei

ununterbrochener Arbeit in sechs Tagen vollendet werden. Ausnahmsweise

feine, auf besondere Bestellung für Kenner angefertigt, werden mit

50 Doll. und mehr bezahlt.

Von Balívag den Quíngoa aufwärts verfolgend, kommt man an vielen

Steinbrüchen vorbei, wo in Bänke gesonderter vulkanischer Tuff zu

Bausteinen ausgebeutet wird. Die mit hohen stacheligen Bambusen

besetzten Ufer waren 10 bis 12 Fuss hoch. In der Regenzeit tritt

der Fluss aus und überschwemmt weithin die Ebene, daher die vielen

Klappen grosser Süsswassermuscheln (Corbicula sp.) in der den Tuff

überlagernden Dammerde. Bei Tobóg, einer Visíta, halbwegs zwischen

Balívag und Angat, zeigen sich die ersten Hügel. Ihre flachen

Abhänge sind wie in Java terrassenförmig als Rieselfelder zum Reisbau

eingerichtet. Ausser bei Lúcban habe ich dergleichen Sawas in den

Philippinen nicht wahrgenommen. Viele kleine Zuckerfelder, deren

Produkt aber von den Eigenthümern noch recht ungeschickt verwerthet

wird, zeigen, dass die Vorbedingungen zum schwunghaften Betriebe des

Ackerbaus vorhanden sind. Streckenweis sind Schattendächer über die

Strasse gebaut mit Bänken zum Rasten; ich habe sie nur in dieser

Provinz gefunden. Man könnte sich in einem der dichtbevölkerten,

ertragreichsten Bezirke Java's glauben.

Die Nacht brachte ich in einem Convento zu (so heissen in den

Philippinen die Wohnhäuser der Pfarrer). Es war äussert schmutzig,

der Geistliche, ein Augustiner, voll Bekehrungsgelüste. Ich hatte

ein langes geographisches Verhör zu bestehn über den Unterschied

zwischen Prusia und Rusia, ob das grosse Norimbergo die Hauptstadt

des Granducado oder des Imperio de Rusia sei? erfuhr dass die

Engländer auf dem Punkte stünden in den Schooss der christlichen

Kirche zurückzukehren, die »Andern« dann auch wohl bald nachfolgen

würden, und wurde trotz angelegentlicher Empfehlung des Pfarrers

Llanos recht schlecht aufgenommen. Später bin ich noch einmal zwei

jungen Kapuzinern in die Hände gefallen, die Bekehrungsübungen an mir

vornahmen, mich aber, abgesehn von dieser kleinen Zudringlichkeit,

auf's beste behandelten und verpflegten. Es gab sogar in Wasser

gesottene Gänseleberpastete, die ich an den fettumflossenen Trüffeln

schnell erkannte. Zur Strafe für ihre Zudringlichkeit enthüllte ich

meinen Wirthen nicht die richtige Gebrauchsanweisung, kaufte ihnen

die noch übrigen Blechbüchsen ab, und hatte später das Vergnügen

im Urwald Gänseleberpastete zu essen. Dies sind die beiden einzigen

Fälle, wo ich in solcher Weise belästigt worden, bei einem Aufenthalt

von mehr als anderthalb Jahren.

Der mit einem Pass versehene Reisende ist übrigens durchaus nicht

auf die Gastfreundschaft der Pfarrer angewiesen, wie in manchen

abgelegeneren Gegenden Europa's. Jede Ortschaft, jedes Oertchen, hat

sein Gemeindehaus, Casa real oder Tribunal genannt, in welchem er

wohnen kann und Lebensmittel zum Marktpreis geliefert bekommt, ein

Umstand, der mir bei meinem ersten Ausflüge nicht bekannt war. Der

Reisende ist also in dieser Beziehung völlig unabhängig, wenigstens

in der Theorie; in der Praxis wird er freilich oftmals nicht umhin

können, in den abgelegneren Provinzen, im Convento zu wohnen, denn

der Pater, vielleicht der einzige Weisse auf viele Meilen in der

Runde, lässt sich schwerlich die Gelegenheit entgehn, einen seltenen

Gast einzufangen, ihm das beste Zimmer im Hause zu geben, und alles

aufzubieten, was Küche und Keller zu leisten vermögen. Alles wird

mit so aufrichtiger unverhohlener Freude über den Besuch dargeboten,

dass der Gast durchaus nicht das Gefühl hat, als würde er verpflichtet,

sondern umgekehrt die Ueberzeugung gewinnt, dass er seinem Gastfreunde

Vergnügen macht, wenn er seinen Besuch verlängert. Einmal, als ich

trotz der erhaltenen Einladung des Padre Cura darauf bestand, in's

Tribunal zu gehn, und mich darin eben niedergelassen hatte, erschien

alsbald der Pater mit den Ortsbehörden und dem Musikchor, die wegen

der Vorbereitung zu einem Kirchenfeste im Convento zufällig anwesend

waren, liess mich auf meinem Stuhle sitzend aufheben und mit Musik

und allgemeinem Jubel in sein Haus tragen.

Am folgenden Tage besuchte ich eine NNO. von Angat gelegene Eisenhütte

Kúpang, von zwei mir aufgenöthigten Bewaffneten begleitet, da die

Gegend wegen Räubereien übel berüchtigt war. Nach einer Stunde

in nördlicher Richtung durchfurtheten wir den Banávon, damals ein

schmaler Bach, zwischen vorwiegend plutonischem Gerölle fliessend,

in der Regenzeit ein mehrere hundert Fuss breiter Strom, und

erreichten nach zwei Stunden die Eisenhütte, einen mitten im Walde

gelegenen grossen Schuppen, mit einem Hängeboden an einem Ende, der

dem Unternehmer, einem vor Jahren in Sámar gestrandeten Engländer,

und seiner Frau, einer hübschen Mestizin, zur Wohnung diente. Legte

ich mein Taschentuch, ein Bleistift oder sonst einen Gegenstand

aus der Hand, so wurde er sofort von der Frau eingeschlossen, um

ihn vor der Diebeswuth ihrer Diener zu schützen. Die armen Leute,

deren Unternehmung keinen Erfolg versprach, mussten ein trauriges

Leben führen. Zwei Jahre zuvor drangen 27 Räuber ein, plünderten

alles und warfen die Frau, die mit einer Magd allein im Hause war,

zum Fenster hinaus; sie kam ohne erhebliche Beschädigung davon,

die Magd aber, die vor Angst aus dem Fenster sprang, starb an den

erlittenen Verletzungen. Ohne Mühe gelang es die Räuber, Bergleute

und Bewohner von Angat, einzufangen, sie sassen damals bereits 2

Jahre in Untersuchungshaft.

Ich traf hier eine Negritofamilie, die mit den Leuten der Eisenhütte

in freundlichem Verkehr stand, und Nahrungsmittel gegen Waldprodukte

eintauschte. Der Mann begleitete mich auf die Jagd mit einem Bogen und

zwei Pfeilen bewaffnet, die Pfeile hatten zwei Zoll lange, lanzenartig

geformte eiserne Spitzen, deren eine mit Pfeilgift, einem schwarzen

Harz dick bestrichen war. Die Frauen nahmen Guitarren (tabaua) mit,

genau, wie die der Mintras auf der malayischen Halbinsel: fusslange

Bambusrohre, an welchen Saiten aus gespaltenem Stuhlrohr aufgespannt

waren. Auf nebenstehender Abbildung sind nicht diese Negritos,

von denen ich nur unvollkommene Zeichnungen besitze, sondern weiter

nördlich lebende, nach guten Photographien dargestellt.

Um auf der Rückreise nicht wieder in dem leidigen Convento zu

übernachten, wo mein Diener mit meinen Sachen zurückgeblieben war,

folgte ich dem Rath der freundlichen Leute, spät abzureiten und erst

nach 10 Uhr dort einzutreffen. So konnte ich, da das Pfarrhaus um

10 Uhr verschlossen wird, ohne Anstoss bei einem ihnen befreundeten

reichen Mestizen einkehren. Um halb eilf erreichte ich das gastliche

Haus, und setzte mich zu den muntern Frauen, die gerade am Abendessen

waren. Da erscheint plötzlich auf der Schwelle des Hinterzimmers mein

Pfarrer nebst zwei andren Augustinern, die mit dem Hausherrn Karten

gespielt hatten, und indem sie mich mitschleppten, mein Glück priesen:

»denn wären Sie nur eine Minute später gekommen, so hätten Sie nicht

mehr in das Convento gekonnt.«

Reisen in den Philippinen · 第 34 / 95 题