REISE IN BULACAN. -- HÄUFIGE FEUERSBRÜNSTE. -- FRUCHTBARKEIT. --
FISCHFANG. -- ZIGARRENTASCHEN. -- SPANISCHE PRIESTER. --
GASTFREIHEIT. -- RÄUBEREIEN.
Mein erster Ausflug ging nach der Provinz Bulacán, am Nordrande der Bay
von Manila. Zwei Stunden braucht der Dampfer bis zur Barre Binuánga,
(nicht Bincanga, -- Coello's Karte) und eine Stunde, um in einem
Arme des Pampánga-Delta's, zwischen flachen Rhizophoren-Ufern,
Bulacán, den Hauptort der Provinz, zu erreichen. Ausser mir war
kein Europäer an Bord, nur Tagalen, Mestizen und wenige Chinesen,
erstere namentlich durch Frauen vertreten, denen vorzugsweise die
Handelsgeschäfte obliegen, weil sie dazu viel geschickter sind als die
Männer. Man sieht daher in der Regel mehr Frauen als Männer auf der
Strasse, und es scheint allgemein angenommen, dass bei den Geburten die
weiblichen überwiegen. Nach den von mir durchgesehenen Kirchenbüchern
ergiebt sich aber, wenigstens für die östlichen Provinzen, eher das
Gegentheil. Am Landungsplatz erwartete uns eine Anzahl Caramáta's,
bunt bemalte, flache, zweirädrige Kasten mit Sonnendach versehn, und
mit zwei Pferden bespannt, von denen die wohlhabenderen Ankömmlinge
schnell nach allen Richtungen entführt werden.
Die Stadt Bulacán hat 11 bis 12,000 Einwohner, war aber einen
Monat zuvor, mit Ausnahme der Kirche und weniger Steinhäuser,
abgebrannt. Alle Leute waren daher beschäftigt sich neue Häuser zu
bauen, die seltsamer-, aber zweckmässigerweise, wie beim Zeichnen,
mit dem Dach begonnen wurden. Lange Reihen Dächer aus Palmenblättern
und Bambus standen bereits fertig am Boden und dienten einstweilen als
Zelte. Dergleichen verheerende Feuersbrünste sind ungemein häufig. Die
mit wenigen Ausnahmen aus Holz und Bambus bestehenden Häuser werden in
der trocknen Jahreszeit völlig ausgedörrt, von der Sonne angeheizt;
mit dem Feuer wird sehr unvorsichtig umgegangen, an Löschanstalten
fehlt es gänzlich. Entsteht ein Brand an einem windigen Tage, so
ist in der Regel das ganze Dorf unrettbar verloren. Während meines
Aufenthalts in Bulacán brannte die Vorstadt S. Miguél bei Manila bis
auf das Haus eines befreundeten Schweizers ab, das seine Rettung nur
dem kräftigen Gebrauch einer Privatspritze und der Mithülfe eines
Bananengärtchens verdankte, deren saftstrotzende Stämme auf einer
Seite den Fortschritt der Flammen hemmten.
Den Weg nach Calumpít, 3 L., legte ich im schönen Wagen eines
Gastfreundes zurück, auf sehr guter Strasse, unter Obstbäumen, Kokos-
und Arecapalmen. Der Anblick dieser fruchtbaren Provinz erinnert an
die reichsten Gebiete Java's, aber die hiesigen Pueblos verrathen
mehr Wohlstand als die dortigen Desas. Die Häuser sind substanzieller;
geräumige Bretterhäuser häufig, selbst Steinhäuser nicht selten, die
in jener Insel fast immer einen Beamten oder inländischen Fürsten
anzeigen. Während aber selbst der arme Javane sein Wohnkörbchen
zierlich flicht, die Strassen des Dorfes mit blühenden Hecken einfasst,
Alles Nettigkeit und Sauberkeit verräth, scheint hier weniger Sinn
dafür vorhanden. Auch fehlt den Dörfern der Alun-alun, jener schöne
sorgfältig gepflegte, von Waringibäumen beschattete Platz. [66]
Die Zahl und Manchfaltigkeit der Fruchtbäume, unter deren Laub die
javanischen Desas ganz verborgen liegen, ist selbst in dieser Provinz,
dem Garten der Philippinen, viel geringer als dort. Abends erreichte
ich Calumpít, als gerade eine hübsche Prozession mit vielen Fahnen
und Fackeln, unter wohlklingendem Gesang sich um die stattliche Kirche
bewegte, bei deren trefflichem Pfarrer Llanos ein Brief aus Madrid mir
die gastlichste Aufnahme verschaffte. Calumpít, ein wohlhabender Ort
von 12,250 E., liegt am Zusammenfluss des von O. kommenden Quíngoa mit
dem Pampánga, in einer sehr fruchtbaren, häufigen Ueberschwemmungen
ausgesetzten Ebene. Im Norden, etwa 6 Leguas NW. erhebt sich der
Arayat, ein hoher isolirter Kegelberg. Von Calumpít gesehn, zeigt sein
westlicher Abhang (a b) 20°, sein östlicher (e f) 25°, die Gipfelplatte
(b c) 4 bis 5° Neigung gegen den Horizont.
Bei Calumpít sah ich einen Chinesen auf eigenthümliche Art Fische
fangen: queer durch das Bett eines Baches, der, fast versiegt,
nur noch einzelne Lachen bildete, war unterhalb einer solchen ein
Gitter enggesteckter Bambusen gezogen, dahinter ein niedriger Damm
errichtet. Mittelst einer langgestielten Wurfschaufel wurde das
stehngebliebene Wasser über den Damm geworfen. Die Schaufel war da, wo
der Stiel ansetzt, durch ein Seil an ein zehn Fuss hohes Bambusgestell
befestigt, dessen Federkraft die Arbeit erleichterte. Sobald die Pfütze
trocken gelegt, grub der Arbeiter ohne Mühe eine grosse Menge Dalags
(Ophiocephalus vagus. Peters.) aus dem Schlamm. Diese durch besondere
Apparate, vielleicht zum Luftathmen, jedenfalls zu längerem Verweilen
im Trocknen befähigten Fische sind in der nassen Jahreszeit in allen
Gräben und Pfützen und auf den Reisfeldern so häufig, dass sie mit
Knitteln todtgeschlagen werden. Bei dem Zurückweichen des Wassers
ziehn auch sie sich zurück, oder bohren sich nach Prof. Semper
tiefer in den Schlamm des Bodens ein, wo sie bis zum Anfang der
nassen Jahreszeit durch eine harte sie bedeckende Erdkruste gegen die
Nachstellungen des Menschen geschützt, im Winterschlaf zubringen. Der
Fangapparat des Chinesen schien den Gewohnheiten des Fisches wohl
angepasst. Der Umstand, dass nur auf der untern Seite der Wasserlache
ein Gitter gezogen war, und dass die Fische unmittelbar vor demselben
am dichtesten angetroffen wurden, scheint anzudeuten, dass sie auch
noch im Schlamm weiter wandern und sich in dem Maasse als die Bäche
und Gräben austrocknen in die grösseren Wasseransammlungen zurückziehn.
Dem Quíngoa aufwärts, in östlicher Richtung, auf bequemer Strasse
folgend, durch wohlbebautes, üppig fruchtbares Gebiet, an zahlreichen
steinernen Kirchen und Kapellen vorüber, die sich mit den Palmen und
Bambusbüschen zu hübschen Bildern gruppiren, erreichte ich in Pater
Llano's Vierspänner den bedeutenden Ort Balívag, dessen Gewerbfleiss
weit über die Grenzen der Provinz hinaus berühmt ist.
Ich besuchte mehrere Familien und fand überall freundliche
Aufnahme. Die Häuser waren von Brettern (casas de tabla), ruheten auf
Pfählen, fünf Fuss über dem Boden, und bestanden aus einem geräumigen
Wohnzimmer, an welches auf einer Seite die Küche, auf der andern ein
offner Raum, die Azotéa (s. S. 20) stösst; ein hohes luftiges Dach
von Palmenblättern erhob sich darüber, der Eingang war von der Azotéa,
die fast zur Hälfte vom Dach überragt wird. Der Fussboden bestand aus
zollbreiten Holzlatten mit halb so breiten Zwischenräumen. Stühle,
Tische und Bänke, ein Schrank und verschiedene kleine Luxusgegenstände,
Spiegel, eingerahmte getuschte Lithographien waren vorhanden. Die
Sauberkeit der Häuser sowohl als der Zustand der Möbel zeugten von
Ordnung und Wohlstand.
Fast in jedem Hause fand ich Frauen mit Weben von Tápis beschäftigt,
die auf dem Markt von Manila den besten Ruf haben. Es sind schmale,
sehr dicht gewebte 6 Varas lange Seidenzeuge in dunkelbraunen
Farben mit schrägen weissen Streifen. Sie werden über dem Sarong
getragen. (Vergl. S. 24).
Besonders berühmt ist Balívag aber wegen seiner Zigarrentaschen Petáca,
[67] die alle andern an Feinheit übertreffen. Sie bestehen nicht aus
Stroh, sondern aus feinen Streifen spanischen Rohres, und zwar aus
dem untern Ende der Blattstiele einer Calamusart, die angeblich nur
in der Provinz Neu-Écija wächst. Ein Bündel von hundert ausgesuchten
2 Fuss langen fingerdicken Stöcken kostet bis 6 r. Nachdem diese
Stöcke vier bis fünf mal der Länge nach gespalten, entfernt man
das innere Holz, so dass nur die äussere Haut übrig bleibt; die so
erhaltenen dünnen Streifen werden dann aus freier Hand zwischen einem
convexen Porzellanscherben und einem schräg dagegen gestellten Messer
durchgezogen, und schliesslich noch durch zwei schräg gegen einander
stehende Stahlklingen. Die Arbeit verlangt viel Geduld und Uebung;
bei der ersten Handhabung zerbricht durchschnittlich die Hälfte der
Fäden, bei der zweiten gewöhnlich mehr als die Hälfte, so dass kaum 20%
übrig bleiben. Für sehr feine Geflechte ist das Verhältniss noch weit
ungünstiger. Das Flechten geschieht über hölzerne Walzen. Eine Tasche
von mittlerer Feinheit, die an Ort und Stelle 2 Doll. kostet, kann bei
ununterbrochener Arbeit in sechs Tagen vollendet werden. Ausnahmsweise
feine, auf besondere Bestellung für Kenner angefertigt, werden mit
50 Doll. und mehr bezahlt.
Von Balívag den Quíngoa aufwärts verfolgend, kommt man an vielen
Steinbrüchen vorbei, wo in Bänke gesonderter vulkanischer Tuff zu
Bausteinen ausgebeutet wird. Die mit hohen stacheligen Bambusen
besetzten Ufer waren 10 bis 12 Fuss hoch. In der Regenzeit tritt
der Fluss aus und überschwemmt weithin die Ebene, daher die vielen
Klappen grosser Süsswassermuscheln (Corbicula sp.) in der den Tuff
überlagernden Dammerde. Bei Tobóg, einer Visíta, halbwegs zwischen
Balívag und Angat, zeigen sich die ersten Hügel. Ihre flachen
Abhänge sind wie in Java terrassenförmig als Rieselfelder zum Reisbau
eingerichtet. Ausser bei Lúcban habe ich dergleichen Sawas in den
Philippinen nicht wahrgenommen. Viele kleine Zuckerfelder, deren
Produkt aber von den Eigenthümern noch recht ungeschickt verwerthet
wird, zeigen, dass die Vorbedingungen zum schwunghaften Betriebe des
Ackerbaus vorhanden sind. Streckenweis sind Schattendächer über die
Strasse gebaut mit Bänken zum Rasten; ich habe sie nur in dieser
Provinz gefunden. Man könnte sich in einem der dichtbevölkerten,
ertragreichsten Bezirke Java's glauben.
Die Nacht brachte ich in einem Convento zu (so heissen in den
Philippinen die Wohnhäuser der Pfarrer). Es war äussert schmutzig,
der Geistliche, ein Augustiner, voll Bekehrungsgelüste. Ich hatte
ein langes geographisches Verhör zu bestehn über den Unterschied
zwischen Prusia und Rusia, ob das grosse Norimbergo die Hauptstadt
des Granducado oder des Imperio de Rusia sei? erfuhr dass die
Engländer auf dem Punkte stünden in den Schooss der christlichen
Kirche zurückzukehren, die »Andern« dann auch wohl bald nachfolgen
würden, und wurde trotz angelegentlicher Empfehlung des Pfarrers
Llanos recht schlecht aufgenommen. Später bin ich noch einmal zwei
jungen Kapuzinern in die Hände gefallen, die Bekehrungsübungen an mir
vornahmen, mich aber, abgesehn von dieser kleinen Zudringlichkeit,
auf's beste behandelten und verpflegten. Es gab sogar in Wasser
gesottene Gänseleberpastete, die ich an den fettumflossenen Trüffeln
schnell erkannte. Zur Strafe für ihre Zudringlichkeit enthüllte ich
meinen Wirthen nicht die richtige Gebrauchsanweisung, kaufte ihnen
die noch übrigen Blechbüchsen ab, und hatte später das Vergnügen
im Urwald Gänseleberpastete zu essen. Dies sind die beiden einzigen
Fälle, wo ich in solcher Weise belästigt worden, bei einem Aufenthalt
von mehr als anderthalb Jahren.
Der mit einem Pass versehene Reisende ist übrigens durchaus nicht
auf die Gastfreundschaft der Pfarrer angewiesen, wie in manchen
abgelegeneren Gegenden Europa's. Jede Ortschaft, jedes Oertchen, hat
sein Gemeindehaus, Casa real oder Tribunal genannt, in welchem er
wohnen kann und Lebensmittel zum Marktpreis geliefert bekommt, ein
Umstand, der mir bei meinem ersten Ausflüge nicht bekannt war. Der
Reisende ist also in dieser Beziehung völlig unabhängig, wenigstens
in der Theorie; in der Praxis wird er freilich oftmals nicht umhin
können, in den abgelegneren Provinzen, im Convento zu wohnen, denn
der Pater, vielleicht der einzige Weisse auf viele Meilen in der
Runde, lässt sich schwerlich die Gelegenheit entgehn, einen seltenen
Gast einzufangen, ihm das beste Zimmer im Hause zu geben, und alles
aufzubieten, was Küche und Keller zu leisten vermögen. Alles wird
mit so aufrichtiger unverhohlener Freude über den Besuch dargeboten,
dass der Gast durchaus nicht das Gefühl hat, als würde er verpflichtet,
sondern umgekehrt die Ueberzeugung gewinnt, dass er seinem Gastfreunde
Vergnügen macht, wenn er seinen Besuch verlängert. Einmal, als ich
trotz der erhaltenen Einladung des Padre Cura darauf bestand, in's
Tribunal zu gehn, und mich darin eben niedergelassen hatte, erschien
alsbald der Pater mit den Ortsbehörden und dem Musikchor, die wegen
der Vorbereitung zu einem Kirchenfeste im Convento zufällig anwesend
waren, liess mich auf meinem Stuhle sitzend aufheben und mit Musik
und allgemeinem Jubel in sein Haus tragen.
Am folgenden Tage besuchte ich eine NNO. von Angat gelegene Eisenhütte
Kúpang, von zwei mir aufgenöthigten Bewaffneten begleitet, da die
Gegend wegen Räubereien übel berüchtigt war. Nach einer Stunde
in nördlicher Richtung durchfurtheten wir den Banávon, damals ein
schmaler Bach, zwischen vorwiegend plutonischem Gerölle fliessend,
in der Regenzeit ein mehrere hundert Fuss breiter Strom, und
erreichten nach zwei Stunden die Eisenhütte, einen mitten im Walde
gelegenen grossen Schuppen, mit einem Hängeboden an einem Ende, der
dem Unternehmer, einem vor Jahren in Sámar gestrandeten Engländer,
und seiner Frau, einer hübschen Mestizin, zur Wohnung diente. Legte
ich mein Taschentuch, ein Bleistift oder sonst einen Gegenstand
aus der Hand, so wurde er sofort von der Frau eingeschlossen, um
ihn vor der Diebeswuth ihrer Diener zu schützen. Die armen Leute,
deren Unternehmung keinen Erfolg versprach, mussten ein trauriges
Leben führen. Zwei Jahre zuvor drangen 27 Räuber ein, plünderten
alles und warfen die Frau, die mit einer Magd allein im Hause war,
zum Fenster hinaus; sie kam ohne erhebliche Beschädigung davon,
die Magd aber, die vor Angst aus dem Fenster sprang, starb an den
erlittenen Verletzungen. Ohne Mühe gelang es die Räuber, Bergleute
und Bewohner von Angat, einzufangen, sie sassen damals bereits 2
Jahre in Untersuchungshaft.
Ich traf hier eine Negritofamilie, die mit den Leuten der Eisenhütte
in freundlichem Verkehr stand, und Nahrungsmittel gegen Waldprodukte
eintauschte. Der Mann begleitete mich auf die Jagd mit einem Bogen und
zwei Pfeilen bewaffnet, die Pfeile hatten zwei Zoll lange, lanzenartig
geformte eiserne Spitzen, deren eine mit Pfeilgift, einem schwarzen
Harz dick bestrichen war. Die Frauen nahmen Guitarren (tabaua) mit,
genau, wie die der Mintras auf der malayischen Halbinsel: fusslange
Bambusrohre, an welchen Saiten aus gespaltenem Stuhlrohr aufgespannt
waren. Auf nebenstehender Abbildung sind nicht diese Negritos,
von denen ich nur unvollkommene Zeichnungen besitze, sondern weiter
nördlich lebende, nach guten Photographien dargestellt.
Um auf der Rückreise nicht wieder in dem leidigen Convento zu
übernachten, wo mein Diener mit meinen Sachen zurückgeblieben war,
folgte ich dem Rath der freundlichen Leute, spät abzureiten und erst
nach 10 Uhr dort einzutreffen. So konnte ich, da das Pfarrhaus um
10 Uhr verschlossen wird, ohne Anstoss bei einem ihnen befreundeten
reichen Mestizen einkehren. Um halb eilf erreichte ich das gastliche
Haus, und setzte mich zu den muntern Frauen, die gerade am Abendessen
waren. Da erscheint plötzlich auf der Schwelle des Hinterzimmers mein
Pfarrer nebst zwei andren Augustinern, die mit dem Hausherrn Karten
gespielt hatten, und indem sie mich mitschleppten, mein Glück priesen:
»denn wären Sie nur eine Minute später gekommen, so hätten Sie nicht
mehr in das Convento gekonnt.«