Lotte nickte. »Im Wald lag es.«

»Laß es zurückbringen«, sagte Anne-Dore ernst. »Heute noch, gleich. Hast

du gehört? Wie kannst du wissen, ob es nicht wichtige Dinge enthält?«

Das erschien Lotte sehr übertrieben. Sie zuckte die Achseln: »Wichtige

Dinge.« Schließlich gehorchte sie, wie es sich für sie gehörte.

Auch bei Tisch war einmal von Enzheim die Rede. Friedberg bewies

Zartgefühl und unterdrückte das aufkommende Interesse so energisch, daß

Missionar Wendel aufmerksam wurde. Anne-Dore empfand einen so heftigen

Verdruß darüber, daß der Kandidat glaubte, ihr seine Hilfe anbieten zu

dürfen, und dadurch ein Bewußtsein von Gemeinschaftlichkeit mit ihr

einzuheimsen hoffte, daß sie ihn zwang zu bekennen:

»Sie tun so, als sei Ihnen Herr Enzheim unbekannt«, sagte sie stolz und

herausfordernd, »im Garten haben Sie ihn doch als Freund begrüßt?«

Es wäre sicher besser gewesen, sie hätte geschwiegen. Aber irgend etwas

übermannte sie. Jener seltsame Mut, den eine geheime tiefe Traurigkeit

geben kann, der wenig mit der Erkenntnis und mit der Besinnung eines

Menschen zu tun hat. Ihr Herz war seit dem letzten Abend gewillt, alles

preiszugeben. Wer wagte es, ihren Schmerz zu teilen?

Friedberg war fassungslos.

Herr Wendel fragte, ob denn der Fremde im Hause gewesen sei.

Anne-Dore klärte ihn auf, in einer Gelassenheit, die dem Kandidaten

Schauer von Entsetzen und Hochachtung einbrachten. Es hätte sich um

einen Tennisball gehandelt. -- Er wußte nicht, ob er es mit Wahrheitsliebe

oder mit höchster Frivolität zu tun hatte. Aber er fühlte sich wie mit

Fußtritten zurückgestoßen. Da er den Einfluß des Freundes im Gebaren des

jungen Mädchens zu spüren glaubte, stachelten sein Haß und seine Scham

ihn auf:

»Wenn Sie einen Grund für meine ablehnende Haltung wissen möchten«,

sagte er derb, »so suchen Sie ihn bitte in meiner Abneigung gegen die

Denkungsart und gegen den Charakter dieses jungen Herrn.«

Anne-Dore sah ihn ruhig und traurig an, so daß er seine Worte bereute

und nicht wußte weshalb. Erst als er wieder mit sich allein war,

beschloß er ernstlich, den begonnenen Kampf erneut aufzunehmen und ihn

mit aller Kraft zu Ende zu führen, nicht seinetwegen, sondern

ihretwegen, die er liebte, und um seines Gottes willen, dem er zu dienen

glaubte. --

Für Anne-Dore kam an diesem Nachmittag eine der schwersten Stunden, die

sie in ihrem Leben durchkämpft hatte. Nur mit großer Mühe war sie noch

eben ihrer Tränen mächtig geworden, als ihr Vater seine Hand auf ihren

Kopf legte und sie fragte:

»Du bist doch nicht krank, liebes Kind?«

Nein, nein, sie sei es gewiß nicht, nur ein wenig müde. Und mit einem

nachdenklichen Gesicht hatte er sie ziehen lassen müssen. Er war seit

einiger Zeit besorgt. Da die Stimmung in einem Haushalt sich selten nach

denen richtet, die ihn leiten, sondern für gewöhnlich nach denen, die am

meisten geliebt werden, lag es seit einigen Wochen wie ein heimlicher

Druck auf den Gemütern, eine leise Beklemmung, die zuweilen einer ganz

ungewohnten Heiterkeit weichen konnte. Friedbergs Gebaren trug dazu bei,

das Verhältnis der Hausgenossen zueinander befremdlicher zu gestalten;

seiner beschaulichen Einfalt stand die düstere Grübelei wenig, in der er

sich jetzt häufig gefiel. Und da er es nicht liebte, seinen Kummer

allein zu leiden, trug er ihn in Gegenwart der anderen zur Schau, hier

Mitleid heischend, dort warnend und anklagend. --

Für Anne-Dore rückte nun der Augenblick heran, an dem Mark Enz sie

wieder im Wald erwartete. Als sie ihr Zimmer erreichte, brachen ihre

Tränen sich mit ungestümer Gewalt Bahn, als hätte die gute Hand ihres

Vaters sie gelöst. Draußen war ein Tag, so reich an Sonne und frohem

Glänzen, daß es war, als wagte der Kummer sich nicht aus der Brust der

Menschen, und als lastete er nun um so drückender. Ach, hinauseilen zu

dürfen unter die Bäume, in die Heide! >Wo gibt es Heilung in der Welt,

wenn nicht in der Natur<, hatte Mark Enz ihr einmal gesagt. Aber es war

ihr jetzt die Stimme des Versuchers, die lockte, die sich jedes Mittels

bediente, um sie zu überwinden.

Sie warf sich in ihrem Zimmer auf die Knie und betete unter Tränen. Aber

mitten in ihren heißen, flehenden Worten übermannte sie ein Taumel von

Ohnmacht. Ihre Gedanken verloren sich in einem leeren Schein, sie sah

plötzlich ihre kleine silberne Uhr in ihrer Hand vor den getrübten

Blicken, und schluchzte auf in einem so heißen Weh, daß sie glaubte,

ihre verstörten Sinne würden sich nie wieder zu ruhiger Harmonie

zurückfinden.

Mit frohem, spöttischem Lachen hielt ihr Mark Enz die Bibel hin und

zeigte ihr Worte darin, die sie verbrannten wie mit Feuer. Seine Hände

faßten leicht und gelassen das große Buch, seine Hände, die auch sie

gehalten, leicht und froh. Und doch voll Liebe, wie man ein Eigentum

hält, das tief und von Ewigkeit her der Seele verbunden ist durch

Sehnsucht und durch Blut. So hatte er sie damals gehalten. O sie war

sich dessen wohl bewußt geworden, daß sie in jener Nacht in seine Gewalt

gegeben war, daß er Macht gehabt hätte, zu nehmen, was immer er nur

gewollt hätte. Sie würde damals alles erlitten haben. -- Hätte er es

getan, dachte sie plötzlich, hätte er mich zerbrochen, dann wüßte ich

heute wenigstens, daß er schlecht ist. Er war nicht schlecht. Nie würde

sie dulden, daß ein Mensch es sagte. Wie groß, ruhig und einfach

erschienen ihr nun plötzlich seine überredenden Worte. Von jenem

Verzicht her, in dem er sie geschont hatte, erhielten sie ihr warmes

Licht.

Sie empfand klar, daß sie seine Handlungen nicht liebte, weil seine

Worte es wollten, sondern daß sie jedes seiner Worte erst durch seine

Handlungen recht verstehen gelernt hatte. Er war nicht stark und war

nicht schwach, stets schien ihr, als sei er beides zugleich. Und wo ihr

Herz blutete im Ringen nach Klarheit, vor den tausend Widersprüchen

seines Wesens, da war bei ihm sein freies, zuversichtliches Lächeln. Die

ruhige Kraft, in der er dem Augenblick gebot, den er benutzte, die

Sicherheit, in der er das Gegenwärtige zum Unabwendbaren umgestaltete,

die beinahe kindliche Wahrhaftigkeit, in der er sich auch der kleinsten

Regung hingeben konnte, die schienen ihr alle Widersprüche zu jener

starken Harmonie zu lösen, der sie wie einer jauchzenden Kraft erlag.

Sie fühlte mit heimlichem Graun: seit seine Stimme sie zum erstenmal

erreicht, war ihre Seele wie verwandelt diesem Klang gefolgt. Ihr war,

als habe sie sich eingestellt und neu geschickt, um sein Wesen empfangen

zu können. Wie einer süßen Gefahr gab sie sich ganz der Erinnerung an

seine Worte hin. Sie hatten etwas wie vom Schwung und Blitz sicherer

Degenklingen, konnten dennoch warm und liebevoll sein und breiteten ihr

Herz vor ihm aus. Überallhin reichten sie, gaben den Dingen ein eigenes

neues Licht, schön und kühn erschienen sie ihr, wie sein betörend feiner

Mund.

Und nun sah sie ihn traurig und wußte plötzlich, daß er um vieles

gefährlicher war, wenn er bekümmert schwieg, und alles erschien so, als

warte er auf sie. Als läge es nur an ihr, ihn wieder reich und stark und

froh zu machen. Das hatte sie nie gekonnt. Sie hatte nur mit ihm

gelitten, denn wenn er traurig war, versank ihr die ganze Welt. Der

letzte Halt schien ihr zerbrochen, wenn er bekümmert und ruhlos in seine

dunklen Gedanken versank, die sie nicht teilen durfte. Darüber kam ihr

in den Sinn, daß er nie über ein Leid gesprochen hatte, das ihn

bedrückte. Nur einmal hatte sie ihn gefragt, weil er ihr einsam und

verlassen erschien, ob sie ihm nicht Trost geben könnte mit ihrer

Freundschaft und Liebe. Sie hatte seine Antwort nicht vergessen, es war

sein erstes Geständnis gewesen:

>Die Einsamkeit ist keine Beschaffenheit, die durch Gaben anderer, durch

Liebe und Güte, aufgehoben wird, Anne-Dore. Nicht wer keine Liebe

findet, ist unter den Menschen einsam, sondern wer nicht lieben kann wie

sie.<

Aber später war sie doch ruhiger geworden. Die Worte konnten ja

unmöglich so gemeint sein, als träfen sie auf ihn zu. Mehr wie alle

anderen Menschen, die sie kannte, konnte er lieben. Liebte er nicht

alles, was ihm begegnete, auf seltsam hingebende Art, die Wälder, den

Himmel, ja die kleinsten Pflanzen und Tiere, die man für gewöhnlich kaum

beachtete. In ihre neue Beruhigung hatte sich damals wohl ein ferner

Zweifel gemischt, als wäre irgendwo ihr Schluß unvollkommen, als habe

sie ihn doch nicht verstanden, und endlich, als sei er ihr fremder und

unerklärbarer als nur ein Mensch. Aber kein Mißtrauen, kein Grübeln und

kein Bewußtsein von Fremdheit taten ihrer Liebe Gewalt an, die

emporblühte über seiner Schönheit und Schuld, als bedürfe er auf der

Welt nur ihrer noch.

Unvermerkt hatte sie sich angekleidet in einer Hast, die durch ihre

letzten Gedanken etwas Frohes empfing. Vor dem Spiegel, als sie ihren

Strohhut steckte, fuhr sie zusammen. Aber ehe die Not des alten Kampfes

begann, befreite sie ein kurzer Entschluß. Sie wollte zu ihm gehen, um

Abschied von ihm zu nehmen. Es wäre unter allen Umständen unschön

gewesen, ihn in Unsicherheit und Zweifel zu lassen, er mochte ihr

Geständnis anhören. Wie konnten seine Entgegnungen ihr eine Gefahr

bedeuten?

Ohne es zu wissen, redete sie laut, sprach sich Mut ein und tröstete

sich, zählte auf, was alles für diesen Schritt sprach und wie gewiß Mark

Enz sie verstehen und ihre Handlungen billigen würde. Aber ihre Worte

gingen in ein Schluchzen über, sie warf sich auf ihr Bett und stöhnte

laut.

Da tauchte in ihre verstörten Sinne ein Licht, unaussprechlich wohltätig

in seinem Glanz, der sie nicht erschreckte und nicht blendete. Vor ihr

erhob sich Christus, hoch und weiß. Ein wenig gebeugt stand er ruhig da,

seine Augen und seine Hände suchten sie.

Sie sah die Dornenmarter, seine Kreuzesnot, auf ihre Hände fielen

Tropfen von seiner schmerzvollen Stirn. Es war ihr wieder, als spräche

dieser göttliche Mund und fragte sie und sagte ihr seine himmlische

Liebe, die ihr das Reich einer ewigen Herrlichkeit erschlossen, nicht

fern und fremd, sondern heimatlich vertraut und von lauter Frieden hell.

Und nun ward seine traurige Mahnung zum Trost: >Niemand soll dich aus

meiner Hand reißen. Mein Vater, der dich mir gegeben hat, ist größer als

alles.< Sie sah über seinem Haupt den Strahlenkranz des Erwählten

Gottes, der überwunden, unter dessen Licht die Ewigkeiten verbrannten

wie Minuten und die Zeit nicht mehr war, und Herzeleid und Trübsal nicht

mehr waren ... Dann drohten, schaukelnde rote Flammen aus dunklem Rauch,

die Verheißungen der Apokalypse am Horizont. Weiß und verklärt, ein

fließender Lichtstrom, der den Himmel suchte, zogen die Erwählten des

Heils ihrem lieben Herrn entgegen, um bei ihm zu sein für alle Zeit,

aber für die Verfluchten begann der Tag der Vergeltung. O keine Marter,

die ihr Sinn nur immer erdenken konnte, schreckte sie, alles hätte sie

um den Preis ihres irdischen Glücks erduldet, aber daß die Liebe des

Herrn Jesu Christi nicht mehr ihr Eigentum sein sollte und nicht mehr

ihre Freude, das war schmerzvoller als jede andere Not.

Ohne daß eine Bitterkeit ihre Worte trübte, betete sie leise, als

spräche sie zu einem Menschen, dessen Güte sie vertraute:

»Warum quälst du mich so sehr? Gibt es keinen Ausweg für mich? Tu ein

Wunder, Herr Jesus.«

War denn in der Welt niemand, der ihr helfen konnte, niemand, bei dem

sie Rat und Zuflucht finden würde? -- Plötzlich dachte sie an Pastor

Jacoby. Sie wollte zu ihm gehen. Wer anders als er würde ihr raten,

würde ihr den rechten Weg zeigen und ihr sagen können, was recht und

unrecht, was gut und schlecht sei. Sie atmete auf wie erlöst. Da ihr

Rettung aus ihrem Plan winkte, betäubte sie jeden Einwand ihres Herzens

in einem Aufbruch, der nichts als eine Flucht vor ihrer Einsamkeit und

ihren Kämpfen war. Alles würde sie ertragen lernen, nur sollte dieser

graunvolle Widerstreit ihrer Seele enden, der sie zerstörte. --

Auf dem Wege in die Stadt stellte sie sich sein Gesicht vor, seine

Gebärden, wenn er predigte, seinen tiefen, klaren Ernst, die begnadete

Hoheit, die mit seiner Schönheit ausging, als habe der Heiland selber

ihn zu seinem Jünger und zum Sachwalter seiner Barmherzigkeit erwählt.

-- Sie schritt eilig dahin durch die ruhige Straße der kleinen Vorstadt,

mit einem ganz eigenen Lächeln auf dem Gesicht und beinahe ein wenig

geziert. Wer sie erblickt hätte, dem wäre sicher der Gedanke gekommen:

Jugend ist leichtfertig, fröhlich, fähig sich unbedacht einem Glück

hinzugeben. --

Anne-Dore nahm sich fest vor, sich nicht auf ihre Worte vorzubereiten.

Es sollte alles kommen, wie es nun einmal mußte. Nur eins beschloß sie

mit zuversichtlichem Glauben an ihre Kraft dazu, sie wollte Mark Enz

nicht preisgeben, ihn weder nennen noch verraten. Sie blieb plötzlich

stehen: er wartete bei der Waldlichtung unter Hildenrot, lag sicher wie

sonst im Gras am Rand der Heide in dieser Sonne, die auch sie

erreichte ... Nun lief sie beinahe. Als sie vor dem Pfarrhause stand,

das in einer Nebengasse im Schatten der Nikolaikirche lag, klingelte sie

in einer seltsamen Gelassenheit, in einer schläfrigen Bedachtheit, die

etwas von den Bewegungen hatte, wie man sie aus Träumen kennt. Sie

wartete, daß man ihr öffnen möchte, und wartete im Grunde doch nur auf

ein Wunder.

Sie wurde in ein kleines nüchternes Besuchszimmer geführt, das für alle

bestimmt schien; nebenan hörte sie sprechen und lachen. Da sie dem

Dienstmädchen ihren Namen genannt hatte, begrüßte Pastor Jacoby sie

herzlich und ohne Fragen, weil er die geachtete Familie ihres Vaters

kannte.

»Ich möchte Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rat bitten,« sagte

Anne-Dore.

Er nickte. In seinem Arbeitszimmer spielte sein kleines blondes

Töchterchen, und er wandte sich in gleichgültigen Fragen bald an

Anne-Dore, bald an sein Kind. Vielleicht hatte er erkannt, daß das junge

Mädchen erregt und schüchtern war, und er hoffte so, ihr Gelegenheit zur

Sammlung zu geben und die Möglichkeit, sich ein wenig mit der Umgebung

und mit den Erscheinungen abzufinden. Er sprach von ihrem Vater,

erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter, ohne zu ahnen, was in

diesen Augenblicken in der Seele Anne-Dores vorging.

War dieser bewegliche und gesprächige Mann mit den etwas zärtlichen,

sympathischen Zügen Pastor Jacoby, der Geistliche, der ihr Wesen

verändert und ihr Herz so oft in Gluten von Liebe und Andacht getaucht?

Sie traute ihren Sinnen nicht mehr und starrte ihn an, als habe er sie

tödlich beleidigt. Sie wollte nicht acht haben auf diese Äußerlichkeiten,

die ihn ihr in so völlig anderem Lichte zeigten, aber sie drängten sich

ihr auf, mit qualvoller nüchterner Deutlichkeit. Jedesmal wenn er mit

seiner wohlklingenden Stimme einen Satz gesagt hatte, umglitten seine

kleinen weißen Hände einander, als müßte sein großes Wohlgefallen an

allen irdischen Dingen, die nun verklärt vom Licht des versöhnten

Himmels waren, irgendwie einen Ausdruck finden. Dabei räusperte er sich

häufig ganz leise und andächtig tief im Hals mit kurzen Tönchen, die

etwa vermittelten: Es gibt auch noch allerlei andere Freuden, die den

Gläubigen vom Herrn erlaubt sind. Wir wollen sie gern genießen.

In einem Zorn der Enttäuschung, der ihr fast Tränen in die Augen trieb,

stand sie schwer und todmüde auf, wandte sich ab und stellte sich an das

Fenster vor die hellen bunten Blumen, die dort in der Sonne blühten.

Pastor Jacoby spielte mit seinem Kind.

Ihre Hände suchten sich. Was hatte dieses vergnügte Männlein mit ihrem

Herzeleid zu schaffen? Flimmernde Schleier sanken ihr brennend vor die

starren Augen. Ich bin allein, dachte sie, die Menschen sind anders. Mir

kann niemand helfen.

Da tauchte es schmal aus dem feuchten Glanz vor ihren Blicken, und sie

keuchte, jählings gestrafft in einer heldenhaften Traurigkeit:

»Mark Enz, dein Gesicht!« Sie sah es vor sich, bitter von Sehnsucht, von

Kämpfen bleich, mit einem Lächeln, als mache Einsamkeit reich, und

verzehrt wie von gesühnter Schuld. Und in einem plötzlichen heißen

Taumel, der ihr jedes Bewußtsein für Zeit und Ort raubte, wie in der Wut

eines stummen singenden Geschreis, fuhr es empor in ihr und riß sie mit:

»Dich, dich lieb ich allein in der Welt! Nie werde ich einsam in deiner

Nähe sein. Deine Sünde lieb ich, deine Sünde gehört mir. Deine Schuld

und dein Schicksal sind auch meine Schuld, und ich will kein Schicksal

für mich, nur deins. Meine einzige Bestimmung in der Welt ist, dein

Eigentum zu sein.«

Ihr schwindelte. »Deine Sünde,« sagte sie noch einmal, als läge in dem,

was sie so bei ihm genannt, ihr ganzes Heil. Rettung suchend streckte

sie die Arme aus wie in einem Traum, der Boden schaukelte wild, das

Licht kreiste.

Da hörte sie eine lachende Kinderstimme und die neckischen Zurufe des

Pastor Jacoby, der sie unbeachtet gelassen hatte, um ihr Zeit zu lassen.

Wie unter einem Stoß kam sie zu sich und tief aufatmend gewann sie

Sicherheit.

>Ich will keinen Halt, nur mein glühendes Herz,< hatte ihr Mark einmal

gesagt.

In hellem Triumph erhob sich ihr neuer Stolz, einsam und fest. Im

Glückstaumel eines, der alles verlor und der nun alles zu gewinnen hat,

fühlte sie sich unaussprechlich jung und zu jedem Schicksal bereit. Als

wären mit allen Gütern, die ihr versunken waren, auch alle Kämpfe um sie

für immer dahin.

Da sie sich umgewandt hatte, glaubte Pastor Jacoby, der Augenblick der

erbetenen Unterredung sei gekommen. Er nahm sein Töchterchen bei der

Hand und führte es aus dem Zimmer. Draußen begann es ein jämmerliches

Weinen und er beruhigte es noch durch die Türspalte.

Ernst, mit kleinen festen Schritten, kam er nun auf Anne-Dore zu,

reichte ihr erneut die Hand und war jetzt, ihr gegenüber auf einem

Sessel ein wenig vorgebeugt, ganz hilfsbereite Aufmerksamkeit. Sein

Lächeln war verschwunden und kam nicht wieder, nur spärlich und als

Führer einer warmen Güte. Seine Züge nahmen etwas von jenem Ausdruck an,

den sie von der Kanzel her bei ihm kannte; dies prophetenhaft Entrückte

und jene schmerzhafte Versunkenheit; nicht mehr das Kleine seiner

menschlichen Befangenheit und Armut herrschte, sondern die sichere

Gegenwärtigkeit und die fast hoheitsvolle Demut dessen, der würdig war,

ein Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde zu sein. Und unter seinem

Angesicht gewannen die Jesusworte plötzlich wieder ihr furchtbar ernstes

Leben, das Blut des Heilands rann unter der Dornenkrone nieder über sein

Leidensangesicht, dies Blut, das vergossen war auch für sie, ja das

vergossen worden wäre nur für sie, so über alles wichtig war dem Vater

im Himmel ihr Kindesrecht an sein ewiges Reich. Und ehe ein Wort fiel,

empfand Anne-Dore, daß ihre Kämpfe niemals ruhen würden. Eine

unaussprechliche Traurigkeit senkte ihr das hilflose Haupt, und sie

sagte leise mit strengen Lippen und ohne Willen, ganz in der Gewalt

ihrer alten schwermütigen Sehnsucht das Wort des Jüngers, flüsternd, mit

toten Lauten und verstörtem Blick:

»Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel

besser wäre.«

Hatte sie es wahrhaftig gesprochen? Keine Miene des Geistlichen verriet

es, auch schaute sie nicht mehr in sein Gesicht. Ein einziger Begriff

hielt sie in seinem Bann, breitete sich aus in düsteren Nebeln, rot wie

die Sonne am Abend, glühend und allgewaltig: Blut war für sie geflossen,

Blut warb um sie. Und nun plötzlich taten ihre Lippen ihr wieder seltsam

Gewalt an, preßten einander süß und spitz wie zu einem Kuß. Sie atmete

tief auf in schwerem Stoßen ihrer Brust, bis ein einziger Schauer, der

kein Glied ihres Körpers verschonte, sie zu einem Gefühl unfaßbar

seliger und tödlich wollüstiger Schmerzen befreite.

Pastor Jacoby, der anfangs ruhig gewartet hatte, war aufgesprungen. Ganz

gegen seine Gewohnheit eilfertig und befangen und hatte die Magd um

Wasser angerufen. Nun reichte er dem Mädchen, das schwer gegen die Lehne

des Sessels hing, ein kühles Glas an die Lippen, und sie trank, gierig

und stumm.

»Es geht Ihnen schlecht, liebes Kind«, sagte er eindringlich und gütig.

»Ich glaube, ich werde Ihnen jetzt wenig bedeuten können. Wollen Sie mir

erlauben, Sie heute abend zu besuchen? Sagen Sie es Ihrem Vater, er wird

mich willkommen heißen.«

Anne-Dore schüttelte den Kopf. -- Wie war nur dieses Fremdartige so

rasch gekommen und möglich gewesen? Was war es? Ihr war wohl und

nüchtern zumute. Sie antwortete klar und einfach, sie würde morgen

kommen, es täte ihr herzlich leid, ihn erschreckt zu haben, auch eile

ihre Angelegenheit nicht, und wenn er es erlaube, so käme sie lieber ein

andermal.

Besorgt sah er in ihr blasses Gesicht, das ihm wunderschön erschien und

wie zum Ruhm des Leids erschaffen, als ahnte er etwas von den geheimen

Vorgängen und ihrer Not. Aber er wagte es nicht, in sie zu dringen.

Vielleicht war es bei ihm ein Verständnis dafür, daß Blut und Seele

einander auf verschlungenen Wegen begegnen, vielleicht hinderte ihn nur

die Zurückhaltung eines, der weiß, daß kein schweres Geständnis sich

erbitten läßt. Jedenfalls ließ er ihr den Willen, geleitete sie

liebevoll und ohne ein flaches Trostwort an die Haustür und reichte ihr

väterlich die Hand zum Abschied.

Anne-Dore begriff nicht, wie wohl und leicht ihr zumute war, als sie

langsam und ohne daß schwere Gedanken ihre Schatten sandten, müde und

froh durch die lebhaften Straßen schritt im Schein der warmen

Nachmittagssonne. Unter den alten Kastanien des Kirchplatzes spielten

Kinder mit lustigem Geschrei und ausgelassenem Lachen. Sie blieb stehen

und schaute ihnen zu. Die Farben der hohen Kirchenfenster der

Nikolaikirche erschienen von außen dumpf und erloschen, sie erkannte die

Figuren nur undeutlich und betrachtete sie prüfend. Seltsam gelassen

erschien ihr alles, das früher so überreich an Beziehungen und

Erinnerungen gewesen war. Alle Dinge schienen weit fern, von ihrer

Innenwelt getrennt, schön, gut zu betrachten und bereit, ihr auf

freundliche Art zu gefallen. Selbst das christliche Vereinshaus, in dem

die Bibelstunden stattfanden, war ein Gebäude geworden wie alle anderen,

eigentlich war es grau und unfreundlich, wie gut hätte man Pflanzen und

Blumen in diesem kleinen Vorgärtchen pflegen können, das kahl und

verstaubt, nur ein wenig Rasengrün bot. Wie üppig und fruchtbar war der

feuchte durchsonnte Schatten ihres heimatlichen Waldes, wie warm und

unberührt, wie wild und dennoch milde die rote Heide. Hoch und grün

waren die Buchen von Hildenrot.

Dorthin würde sie nun gehen.

Sie beschleunigte ihre Schritte, faltete plötzlich im Schreiten zitternd

vor Glück und Hoffnung die Hände, preßte sie an ihre Brust und sagte:

»Ich komm zu dir. Ich komm zu dir.«

Neuntes Kapitel.

Das Forsthaus von Hildenrot war in die Ruine einer alten Burg eingebaut,

die auf einem bewaldeten Hügel dicht vor dem Dorfe lag und die dem

Gutssitz und der kleinen Ortschaft ihren Namen gegeben hatte. Der hohe,

zackige und begrünte Mauerwinkel, den zwei noch wohlerhaltene Wände der

Burg bildeten, war zum Bau des Forsthauses verwandt worden. Ein dunkler,

riesenhafter Efeustamm verband nun schon lange mit tausend grünen Armen

die neuen Wände mit den alten Mauern und diese mit dem rötlichen Fels,

den seine jüngsten Sprossen erkletterten, über die wirren, zerbröckelten

Zinnen hin.

Der Förster bot zuweilen Sommergästen Aufenthalt in seinem Hause. In

diesem Jahre war Markus Enzheim sein einziger Gast. Die beiden

rechteckigen und niedrigen Fensterchen seines Zimmers, das zur ebenen

Erde lag, ließen den Blicken die weite Heide über eine hügelige

Waldlichtung hin, die grüne Fülle der hohen Buchen gegen Süden und die

blühende Pracht eines weitausgebauten und dichten Stakets von

verwilderten Rosen. Wenn man sich ein wenig vorbeugte, sah man in den

verschwiegenen steinernen Hof, der in tiefem Schatten ruhte und dessen

bewachsene Mauern ihn erschlossen wie ein Gemach. Durch ein verwittertes

Tor hin, das im Frühling ganz eingehüllt war in den lichtfarbigen lila

Schaum blühender Glyzinien, verlor sich der Blick durch diesen klaren

Bogen, in der Wirrnis des Waldes.

Versteckt im Dämmergrund der dichten Holundersträuche, sprang an der

Hofmauer ein Quell aus einem steinernen Löwenmaul in eine bemooste

Holzrinne. Mit fröhlich wechselnden Lauten und in unveränderbarem, immer

gleichem Klang rann das Wasser in sein dunkles Brunnenbecken, das

geheimnisvoll verborgen, ein lieber Freund des Mondes, die Flut in den

Wald leitete.

Mark Enz hatte Anne-Dore an diesem Nachmittag vergeblich erwartet, und

er schritt nun langsam unter den sommerlichen Bäumen hin, tief in

Gedanken, die keine Gestalt gewinnen wollten, die bald wie Licht und

bald wie Wolken, bald wie ein Lied zerflatterten, haltlos und in milder

Müdigkeit.

Im Wald sangen Kinder, er sah sie nicht. Ihre Stimmen klangen zärtlich

und verschwommen, kein Wind zerteilte sie, nur die Wärme des

nachmittäglichen Sonnenscheins nahm ihre Seligkeit in seinen Glanz und

der Himmel, den sie lobten. Nun verstand er und lauschte:

»Des Sommers goldner Segen

liegt auf den Feldern still und heiß,

wir finden Mohn und Ehrenpreis

auf unsern lieben Wegen.«

Kam schon der Sommer, die große reiche Zeit der warmen Ruhe, in der der

Wandel der Natur sich seiner Unschuld freut, wehmütig und seiner Treue

froh? Wo es den Herzen der Menschen erscheinen mag als fragte die Welt:

Wohin geht ihr? Seid ihr des einen Glücks eures Lebens gewiß, dieses

Glücks, in dem ich erfüllt bin und das mich heiligt, weil ich unter

ewige Liebe gebeugt der letzten Mahnung gefolgt bin?

Diese Wege war er oft mit Anne-Dore geschritten. Alles erinnert ihn an

sie, nun um so mehr, da es erscheinen mochte, als gedächte sie seiner

weniger. Und er sprach zu ihr, als schritte sie neben ihm, Worte, die er

nicht gefunden hätte, wenn sie an seiner Seite gewesen wäre. Worte, die

im Grunde ihn selber meinten, seine Hoffnung und seine Zukunft, die

seiner Liebe Gestalt schufen und doch ihm selber galten.

Nach einer Weile blieb er stehen und sah den Waldweg entlang, der still

im Spiel der rötlichen Sonne und im Blätterschatten ruhte, braun, und

grün überdacht. In der Weite verlief alles in einem goldbläulichen Hauch

von Sonne, Grün und Ferne. Anne-Dore kam nicht mehr. --

Nun war es Nacht geworden über Hildenrot. Er hatte noch spät in der

langsamen Dämmerung mit dem Förster im Hof gesessen, über dies und jenes

geplaudert, wie man es wohl tun mag, fast nur um sich der nahenden Ruhe

gewiß zu bleiben, gedankenlos und bedächtig. Als er gegen Mitternacht

sein Licht löschen wollte, klopfte es leise an sein Fenster. In einer

seligen und wehen Ahnung, in der noch kein Schein von Freude war,

öffnete er die Scheiben ganz langsam und so heftig zitternd, daß das

lose Glas des Fensterflügels leise klirrte wie er es weit geöffnet hielt

und sich am Rahmen stützte und Anne-Dore draußen erkannte im reinen

Mond, gegen die schlafenden Rosen, schwarz und still und mit

tiefgeneigtem Haupt, ganz nah, ganz nah. Keinen Gruß auf den Lippen und

keine Hand für seine suchenden Hände. Die Nachtstimmen der Bäume hatte

sie um ihr Haupt und das Murmeln des Brunnens und das Silber des

Himmels, dessen Sterne leuchteten, und den Duft der Walderde. Alles warb

um sie und schien für sie zu bitten, überredete sie dennoch, und war um

ihr Wesen, wie das Weinen ihres Herzens.

Wie klar der Brunnen rauschte, lauter als je zuvor, und wie hoch schien

diese weite Nacht. Ihm war plötzlich, als überblickte er die ganze Erde,

als eine Stimme sein Ohr traf und er die Worte hörte:

»Hilf mir.«

Ihr leiser Ruf befreite ihn, denn er hatte vergessen, daß es ihn und

sein Glück galt. Er hatte vergessen, daß er mehr tun sollte, als in

Andacht schauen und fühlen, wie schön das Leben der großen Erde ist.

Aber doch war ihm nun zumute, als sei er tief hinabgesunken von einer

hocherhöhten Warte, nun, da er seine zitternden Arme um ihren Nacken

legte und ihr Gesicht an seine Brust preßte und seine Lippen in ihr

Haar.

»All meine Hoffnung ruht auf dir,« sagte er so leise, daß sie es nicht

verstand, »o erlöse mich, führ mich zurück zu einem einfachen

Menschenglück, in die Armut deiner blinden Schönheit, zu der reinen

Hingabe, die ich gehabt habe, als ich ein Kind war. Laß mich vergessen,

mach mich arm, damit ich wieder reich werde.«

»Komm«, sagte er, hilflos vor Freude. Er umschlang sie mit beiden Armen,

hob sie ein wenig, und sie stieg gebückt und leise zu ihm ein. Es war

nicht ganz leicht, denn das Fenster war niedrig und der Efeu sponn es

ein, und sie lächelten beide über ihr bebendes Ungeschick, dies heiße,

traurige Lächeln, das nur in unendlichem Jauchzen Erlösung findet, oder

im Tode. --

Die Nacht gab ihrem Schlummer Kühle, und die Düfte der blühenden

Pflanzen erschufen ihre Träume, und alle Sehnsucht über ihnen spielte

hell und langsam das große Lied ihres ewigen Triumphes.

* * * * *

Als der erste fahle Schein der erwachenden Dämmerung über das Land zog,

brachte Mark Enz Anne-Dore über die Heide hin und durch den Wald zurück

in das Haus ihrer Eltern. Sie gingen langsam und schweigend, eng

umschlungen und aneinander gepreßt. Nun brauchte das Mädchen nur noch

über den schmalen Fahrweg, und die Gartenbäume ihres Vaterhauses boten

ihr Schutz. Als sie am Tennisplatz anlangten, der beinahe traurig in

seiner leeren Verlassenheit ruhte, immer noch etwas zu bunt und neu, um

sich unauffällig in die Natur einzufügen, mußten beide lächeln. Ein

vergessener Ball lag im Gras am Rand des Drahtstakets, naß und leblos.

Vorsichtig öffnete Dore die Gartenpforte im blauen Morgenlicht, die

eiserne Klinke war kühl und naß vom Tau der Nacht. Sie zog sie sacht

hinter sich zu und sah zum Fenster ihres elterlichen Schlafzimmers

hinauf. Es ruhte blaß und stumm mit seinen weißen Vorhängen, im Schmuck

des grünen Weins. Dann verklang dem horchenden Mark ihr lieber Schritt

hinter der Hausecke. Er glaubte die Verandatür noch zu hören ...

Wie still es war. Noch schliefen alle Vögel, es regte sich nichts im

Walde. Ihm war zumute, als störte er und er trat unwillkürlich leise

auf. Aber dann übermannte ihn plötzlich ein Gefühl unaussprechlichen

Lebenstriumphes, weitete ihm hell und stürmisch die Brust und ließ ihn

alle Müdigkeit vergessen. Er schritt ihren gemeinsamen nächtlichen Weg

zurück, obgleich ein anderer ihn früher nach Hildenrot gebracht hätte.

Was lag an Zeit und Schlaf, was an Ordnung und Ruhe. Ein langsamer

Schauer von seligem Kraftbewußtsein durchschüttelte ihm alle Glieder und

straffte sie. Welch ernste Augen alle große Freude hat, dachte er,

jugendlich ergriffen und stolz vor Glück. Die goldene Glut der Erde war

seinem Blut verwandt und heiligte es in dieser schönen Stunde zu aller

Unschuld.

Freundlich nahm ihn die rote Heide in ihre erste Feierstunde auf und

darauf wieder der nachdenkliche Wald. Das Dach, unter dem nun Anne-Dore

schlafen mochte, war längst hinter Grün und Hügeln versunken. Vielleicht

wacht sie und begleitet mich, dachte er, faltete die Hände und preßte

sie an die Stirn. --

Lieblich verwirrt und so fein wie Licht stand über seinem Weg und über

seinen Gedanken ihr scheues Lächeln, verriet und verschwieg zugleich,

gab und dankte. Er schritt einher im freien Leuchten ihrer Gunst, nun,

da auch das Licht des Tages begann und die Pflanzen erwachten und der

Tau fiel.

Mark Enz blieb stehn und starrte in die silbergraue schläfrige

Morgenruhe der dämmrigen Heide hinaus. Er wußte nicht, zu wem er sprach

und was ihn zu seinen Worten überredete, die aus seiner fessellosen und

durch Lust erlösten Seele brachen:

»Von wieviel Täuschung machst du mich gesund. Du lehrst mich neu, daß

unser Herz im Grunde allen Prunk verachtet und den tönenden Rausch. Das

Herz des Menschen ist einfach, arbeitsam um der Schönheit willen und

ohne Liebe zum Schein, wie deins, Anne-Dore. Es lauscht hinüber auf den

Widerhall aus der Ewigkeit ...«

Nun lag ein roter Glanz über den wogenden Kornfeldern, die Sonne ging

auf, am Waldrand blühte Mohn, von Tau gebeugt. Meisen zirpten und

Buchfinken riefen. Es war Tag geworden über der Erde der Menschen.

Zehntes Kapitel.

Anne-Dore war am anderen Tage mit schweren Sinnen, müde und hilflos zu

Mark Enz in den Wald gegangen, in die Heidelichtung, wo er sie

erwartete. Ihr war gewesen, als seien ihre Seele und ihr Leib bedeckt

mit schmerzenden Wunden, sie hatte geglaubt, ihn still und ernst zu

finden, und nun lag er da neben ihr in der Heide, auf dem Rücken, die

Knie hochgezogen, lustig und gesprächig, ja beinahe ausgelassen, wie sie

ihn nie gesehen hatte, und tat, als sei nichts geschehen als beiden eine

große Freude. Ihre tiefe Melancholie und all ihre Traurigkeit verflogen

rasch in dieser Heiterkeit, die er ihr durch sein Wesen gab, wie das

köstlichste Heilmittel, das nur ein Mensch ersinnen konnte. Sein Lachen

flog über sie hin wie Sonnenschein, in dem ihre schweren Gedanken sich

langsam zerteilten zu jener seligen Lebenswichtigkeit, die Genesende

beglückt.

Blut: Eine Erzählung · 第 9 / 10 题