O, wie dies Lachen heilte. --

Es erschien ihr fast unmöglich, daß er so dalag, ein wenig spöttisch

gegen die Mitwelt gestimmt, zu jeder Torheit ausgelegt und unbedacht,

wie ein großes Kind. Wie der Inbegriff aller Lebenskraft und aller

Daseinsfreude erschien ihr dies wandelbare, immer sichere Wesen, das

Schmerz und Freude aufnehmen konnte, als seien beide allein herrlich und

nichts als das. Sie dachte an sein Gesicht in der verflossenen Nacht und

glaubte es nicht wiederzuerkennen. Ihre Welt, die in tausend Vorurteile

eingeschränkt gewesen war, versank ihr arm und klein im Lachen seiner

Augen, die keine Grenzen schauten, die frohlockten und trauerten auf

gleiche Art, wie es die unschuldige Erde tat mit ihren Schönheiten,

ihren Gefahren und ihren reinen Schicksalen.

Jubelnd gab ihr ganzes Sein sich dieser freien Kraft seiner Seele hin.

Sie fühlte ihre Liebe zum erstenmal als ein Glück ohne Schranken und

ohne einen anderen Halt, als seine junge unbedachte Kraft.

Daß man lachen durfte, laut und fröhlich lachen über all die Dinge, die

man sonst zunächst einmal verzeihen, dann verstehen und endlich

bedächtig ablehnen mußte.

»Höre du,« sagte er plötzlich sehr ernst, »ihr bedenkt mich gar zu reich

aus eurer Friedensgemeinschaft. Neulich hat man mir aus eurer Behausung

ein Notizbuch gesandt, das wahrscheinlich eurem Glaubensgenossen

Friedberg angehört.«

Anne-Dore lachte und bekannte sich schuldig.

»Außen geht es an,« fuhr Mark fort, »aber innen enthält es einen Entwurf

zu einer Bußpredigt, scheint mir. Gott sei Dank ist sie zum größten Teil

stenographiert. Sie bemüht sich um eine Auslegung von Lukas 12, Vers 25:

>Welcher ist unter euch, ob er schon darum sorget, der da könnte eine

Elle seiner Länge zusetzen.< -- Dieser lange Kerl paßt unter kein

Kanzeldach und wählt sich wahrhaftig diesen Predigttext. Er ist ganz von

Gott verlassen.«

Die großen ruhigen Bäume mit ihrer Geduld und ihrer Würde schauten auf

Anne-Dore nieder, die sie schon lange kannten, die sie schon seit Jahren

gesehn, als ein kleines Mädchen, und später als sinnendes Jungfräulein,

viel zu ernst und viel zu allein. Aber sie wunderten sich nicht über das

helle glückliche Lachen, das sie verbergen mußten. Denn der Wind der

Erde und der Wald und das Meer und die Berge sind über den Schicksalen

der Menschen alt geworden und jung darüber geblieben, so daß sie nie

erstaunen.

Mark Enz drehte Zigaretten.

»Willst du?« fragte er und hielt ihr eine hin.

Sie versuchte. Es ging nicht.

»Was bist du für ein Barbar«, sagte er traurig.

»Übrigens Friedberg«, fuhr er fort. »Ich kenne nicht allein seine

Jugendgeschichte, sondern auch die Einzelheiten seiner Abstammung. Die

muß man wissen. Das Licht vom Scheitel seiner Väter erleuchtet dies

verstauchte Kandidatengehirn bis tief hinein in seine Weltanschauung, in

der der Verfall aller Naturgesetze triumphiert. Du hast nicht genug

Überblick, Dore, aber du mußt es mir glauben. Höre zu: Sein Vater war

Missionar, er verehelichte sich in Jahren unbedachten Gottvertrauens und

zog in die Südsee, nach Samoa, um die Kaffern zu bekehren, die dort so

viel ich weiß in den Wüstenprovinzen ihr schwarzes Unwesen treiben. Ich

bin nicht genau über ihre Eigenart unterrichtet, aber sie fressen

Menschen. Also der alte Friedberg reckte über ihre Ansiedlungen und über

ihren sündhaften Appetit seine Missionsbibel, mißverstand sie freudig

und legte sie in Demut aus. Sie wollten sich aber nicht bekehren. Sie

fingen an einem sonnigen, warmen Sonntag die Frau dieses Missionars

Friedberg, brieten sie und fraßen den geprüften Mann ledig.

Aber vorher hatte die legitime Verbindung eine Frucht gezeitigt: den

Helferich. Der alte Friedberg drückte den Säugling an sein Herz und

bestieg ein Schiff zur Heimreise, weil er eine neue Mutter für sein Kind

finden wollte. Dies gelang ihm nicht. Darüber starb er. Helferich wurde

eine Missionswaise. Dieser Umstand hat ihm die Mittel zu seinem Studium

verschafft. -- Hier ist übrigens sein Buch, gib es ihm zurück. Solche

Predigt schreibt man nur einmal im Leben.«

Anne-Dore küßte ihn stürmisch. Ungewußt empfand sie seinen befreienden

Spott als eine Rache an aller Unterdrückung, die ihre Natur, ihre

Entwicklung und ihr Urteil beeinträchtigt hatte. Etwas wie Seligkeit an

Sünde, das verzehrend süße Bewußtsein eines bösen Gewissens und ihr

Wille, dem Geliebten alle alten Güter darzubringen wie ein einziges

großes Opfer, erhöhte ihr neues Lebensgefühl zu heißem Glück.

* * * * *

Woche für Woche, Nacht für Nacht lief Anne-Dore durch den Buchenwald

nach Hildenrot. Die Stimme des Brunnens empfing sie im Schweigen der

Nacht. Sie fand den Weg in dunklen stürmischen Nächten, und oft auf dem

Heimweg schlich sie sich früh durch das Hinterpförtchen des Gartens,

erst wenn schon das Morgengrauen sein stählernes Lächeln, bläulich und

frei wie ein Schein der Ewigkeit, am Horizont erhob. --

Wie rasch alle Bedenken der seligen Gewißheit dieser einen Pflicht

wichen. Sie spürte weder Müdigkeit am Tage, noch senkte ein Bewußtsein

von Schuld ihr die Blicke. Im roten Sturm ihres erwachten schweren Bluts

hob ihre junge Jugend alle verschonte Kraft zugleich in einem Übermaß

von Lebenstriumph und Glut.

Wie sie die dunklen Bäume ihrer Nächte liebte, die ihre Hoffnung und ihr

Bangen kannten. Auf dem Heimweg war ihr oft, als hätte der schwere

duftende Schatten, der das Licht erwartete, auch ihrer geharrt; mit

geöffneten Kleidern und losem Haar lief sie durch die versinkende Nacht

unter den verglimmenden Sternen dahin und vertraute der reinen Kühle

umher den letzten Rausch ihres singenden Bluts an.

Niemals begegnete ihr hier ein Mensch, auch hatte sie in Dickicht und

Heidegrund ihre eigenen Wege. Sie wich den Orten vorsichtig aus, die ihr

Gefahr bringen konnten, viel weniger aus Furcht vor einer Entdeckung,

als vielmehr um dieser Einsamkeit willen, in der die Natur, unter dem

Abschied ihrer funkelnden Nacht, die pochende Sehnsucht ihres Körpers

heilte, ihr Glück forttrug und bis zu neuen Erfüllungen barg.

Es war ihr in ihrem veränderten Leben oft so, als begegneten alle

Erscheinungen ihres Alltags ihr nur im Traum, die Wirklichkeit begann

für sie erst, wenn sie in den Armen und am Herzen ihres Geliebten

erwachte. Es kam dazu, daß der heimatliche Haushalt durch die Abreise

ihrer leidenden Mutter Veränderungen erfahren hatte, die ihr manche

Pflicht erließen und andere erleichterten. Die kränkelnde Frau nahm in

der Regel ohne Aufhör die Dienste der Hausgenossen in jener leicht

erregbaren Empfindlichkeit in Anspruch, die oft bei Kranken auftritt,

deren Zustand niemals ganz schlecht und auch niemals ganz befriedigend

wird. Seit sie fort war, waren alle sich auf ganz neue Art selbst

überlassen, und besonders Anne-Dore atmete auf, denn das im Grunde

selbstsüchtige und unausgesetzt nörgelnde Interesse, das ihre Mutter ihr

zu zeigen pflegte, war ihr nie so qualvoll erschienen, als in der

letzten Zeit, in der sie wieder und wieder genötigt war, Fragen mit

Lügen zu beantworten. Ihr Vater war anders in diesen Einzelheiten, er

ließ ihr den Willen in allen kleinen Dingen; vielleicht hätte er einem

Sohn weniger Freiheiten eingeräumt, aber Anne-Dore gehörte neben seiner

Liebe auch seine heimliche Bewunderung, und ihre Angelegenheiten waren

ihm fremdartig und heilig, wie ihr Geschlecht es ihm in seinem

ereignisarmen Leben im Grunde nun einmal geblieben war.

Friedberg schien ganz in seine Arbeit vertieft, er führte seine

Denkerstirn mit schweren Kummerfalten durch das Gartengrün, und nur hin

und wieder ließ er sich in kurze Gespräche mit Missionar Wendel ein, die

in der Regel den Ernst des Lebens betonten und die Vergänglichkeit alles

Irdischen.

Anne-Dore hatte fast ausnahmslos eine völlig humorlose Abneigung gegen

diese gewaltsamen Unaufrichtigkeiten ihres jungen Hausgenossen bekommen.

Er erschien ihr armselig und feige, und alle Entschuldigungen, die sie

früher lächelnd für ihn gefunden hatte, verwarf sie jetzt als schwach

und falsch. Überhaupt mied sie in verborgenem Haß alles, was auch nur

ein leises Zugeständnis an ihre versunkene Innenwelt enthalten konnte.

Zwar nahm sie ihrem Vater zulieb an allen Hausandachten teil und

besuchte wie früher die Gottesdienste mit ihm, aber sie träumte dort in

einem Halbschlummer ohne Anteilnahme ihre eigenen Träume, die stets

begannen mit einem goldenen Sonnenjubel weit über warmes, sommerliches

Land hin und über Seligkeit und Schmerzen fort in einem wilden,

uferlosen Meer von Blut versanken.

Die erhabene Kraft dieser glühenden Vereinsamung in einer einzigen

Leidenschaft gab ihrem Wesen nun früh eine stolze Sicherheit des Gefühls

und ein klares Urteil über alle Dinge, die sie allein danach

einschätzte, wie sie ihrem Glück förderlich oder hindernd sein möchten.

Sie lernte leicht und rasch verwerfen, was ihrer einen Sehnsucht nicht

Genüge tat, und lebte ihre Tage und Nächte allein um der Stunden willen,

die ihr junges neues Recht in tausend Gluten und seliger Not

bestätigten.

»Ich habe nur noch dich,« sagte sie Mark an einem späten Abend im Wald.

Sie sprach es aus, als fragte sie ihn etwas.

»So wie ich kannst du dich nie verlieren,« fuhr sie leise und ohne

Vorwurf fort, und plötzlich übermannte es sie und sie küßte ihn heiß und

rief: »Ich bin darum viel reicher als du.«

»Schöner bist du,« sagte er innig. »Deine Welt ist vollkommen und du in

ihr. Deine Hände sind schwach, aber sie tragen deine ganze Welt, dein

Auge reicht so weit, als ihre Höhen und Tiefen gehn; dein Herz ist wie

der Heiland deiner Welt, es kann sie ganz erlösen und wird sie gerecht

richten. Du bist schön.«

Er merkte, daß sie ihn nicht ganz verstanden hatte.

»Du kannst dich hingeben, ganz, ohne Einwand und ohne Bedacht, darum

bist du schön,« fuhr er fort. »Dich überredet keine Zukunft, wenn es

gilt, der Gegenwart zu gehorchen, du bist dir treu.«

Über ihnen leuchtete der Himmel in nächtlichem Blau, erfüllt von

Sternen, über ihnen waren die Zweige der schlafenden Waldbäume und der

Friede ihrer Nächte, den sie um seiner schweigsamen Güte willen liebten,

die ihrer Eintracht günstig war. Mark richtete sich ein wenig auf, legte

ihren Kopf auf den weichen Waldboden, auf dem sie ruhten, mit beiden

Händen strich er ihre dunklen Haare aus der schimmernden Stirn und

senkte seine Blicke in ihre großen suchenden Augen, als fände er darin

den Himmel wieder, der über ihnen war, die Waldbäume und auch den

Frieden ihrer Nacht.

»Mein Dank für deine Liebe ist meine Sehnsucht,« sagte er.

Sie verstand ihn, weil sie seine geliebten Hände an ihren Schläfen

fühlte, sie verstand ihn, weil seine Blicke in ihren Ruhe fanden und

weil seine Gedanken ihr Herz riefen. Sie schloß die Augen in einem

tiefen Schauer von Glück, das ihr nicht mehr so erschien, als sei es

allein ihr eigen, sondern ihr war, als habe die Nacht daran teil, die

reiche Natur, die sie umgab, das Licht des Himmels und die unendliche

Weite der großen Welt, in der sie erwacht war zu ihrer jungen Liebe.

Diese fremde Kraft, die ihr Geliebter seine Sehnsucht nannte, gewann im

Suchen ihrer seligen Traurigkeit Gestalt, und sie sah sie als einen

Engel, der sein Haupt beschirmte, und der ihn in seine Zukunft führte,

die weiter reichen und schöner sein sollte, als ihre Gedanken und als

ihr Tun. Und sie faltete ihre Hände, die wie alles an ihrem Leibe und an

ihrer Seele nicht mehr ihr Eigentum waren, und schaute zu dem Engel auf:

»Ich bin nicht dein Ziel,« sagte sie zu ihm, »aber schlag auch für kurz

deine beiden hellen Flügel um mich.«

* * * * *

Wie veränderbar sein Wesen war. Wie herb er sich ihr oft verschloß,

obgleich nichts ihn hinderte, gelassen seine Ansprüche vor ihr zu

erheben. Oft hatte er sie tiefernst, traurig und grüblerisch verlassen,

fast bitter und ohne einen Schein von Glück in den Augen. Dann legte sie

sich mühevoll und heiß besorgt die Worte zurecht, prüfte ihre kindlichen

Hände, wie sie ihn trösten möchten, und empfing ihn ernst und zu jedem

Opfer bereit. Aber dann flog ihr oft sein leichtsinniges Lachen

unerwartet und jugendlich entgegen, über all ihre Sorge hin. Seine Stirn

schien dann niemals gebeugt und sein Mund nicht schmerzvoll gewesen zu

sein.

Aber keine seiner Stimmungen hielt an, sie verflogen wie Licht und

Schatten an stürmischen Wolkentagen, um die der Sonnenschein kämpft. Sie

wechselten zuweilen sogar in einer kurzen Stunde ihres heimlichen

Beisammenseins, nur wenn er scheinbar allen Erlebnissen seines Tages

fern, seine Gedanken mitbrachte, die ihn beschäftigten, war er beständig

und immer liebevoll. Aber sie empfand dann so, als sei er entfernt, auch

noch, wenn seine heißen Worte, in denen er ihr seine Welt enthüllte, nur

ihr zu gelten schienen. Sie fühlte sich dann oft wunderbar beglückt und

zugleich mißbraucht. Aber nur er kannte sie, das bedeutete ihr mehr als

jede Tugend.

Ihr kindliches und unerfahrenes Herz empörte sich niemals. Nur einmal,

als sie mit ihm darüber sprach, lächelnd, und bereit, ihm jeden Einwand

zu verzeihen, erschreckte sie seine Antwort, die er in einem seltsamen

Leichtsinn aussprach, in einer Aufrichtigkeit, die schwermütig und

unvorsichtig war, die er sicher vermieden haben würde, wenn ihn die

eigene Gewißheit nicht auf neue Art überwunden hätte:

»Wenn mir einmal die Liebe einer Frau begegnet,« sagte er, »die so

beschaffen ist, daß ich mich ganz an sie verlieren könnte, so würde ich

sie und mein Glück zerstören. Sicherlich, ich würde es tun. Ja, wenn ich

in die tiefste Schmach flüchten müßte ...«

Er besann sich plötzlich und brach ab. Betroffen sah er ihr bekümmertes

Gesicht, und nun erst schien ihm klar zu werden, vor wem er gesprochen

hatte.

Aber er machte keinen Versuch, etwas gutzumachen, obgleich es ihm

vielleicht gelungen wäre. Aus ihren gequälten Zügen sah sein Schicksal

ihn an und lächelte barmherzig.

»Vergib mir,« sagte er ruhig, »ich habe dich nicht kränken wollen.«

»Wie hast du es gemeint,« fragte sie traurig, »bin ich dir so wenig?«

Er sagte nur:

»Ich erscheine dir undankbar.«

»Kannst du niemand recht lieb haben?« fragte sie, und nun sah er, daß

sie weinte, denn sie konnte ihre Tränen nicht mehr verbergen.

Er schwieg.

»Ach, antworte mir doch,« bat sie heftig und schluchzte. »Laß mich nicht

allein.«

Gedemütigt durch ihren Schmerz, der ihn zugleich beglückte, sagte er und

suchte die Worte mühsam:

»Vielleicht ist in meinem Herzen mehr Liebe als in vielen anderen, aber

ich kann sie nicht auf einen Menschen ausschütten wie ein einziges

Geschenk. Mich bewahrt eine Kraft, deren Sinn und Ziel ich noch nicht

kenne, der ich mich ganz vertrauen muß.«

Ohne Hoffnung, mit einem Mut der Verzweiflung, sagte sie fast zornig:

»Ich versteh dich nicht.«

Mochte er darauf in sein stolzes Schweigen verfallen, die Achseln zucken

und sich ein wenig mitleidig abwenden. Ja, mochte er gehn, wenn er

wollte. Ihr blieb doch die bittere Genugtuung, daß ihre Schmerzen größer

waren als sein Stolz.

Aber nichts von alledem geschah. Er kniete neben ihr nieder, suchte ihre

Hände, legte sein Gesicht hinein und vergrub es in ihrem Schoß. Ihre

Lippen sanken in sein Haar und ihr Herz brannte vor Beschämung und

Glück. Bebend und heiß verwirrt dachte sie nur immer wieder: Was ist es

denn, das ihn so plötzlich überredet hat? Gab er ihr nun nicht mehr, als

er je mit Worten würde geben können? Und sie fühlte, wie unberechenbar

und ohne Halt und Willen sein Herz schien, das doch in Kräften über

ihrem Dasein schlug, die stark wie das Leben waren und stark wie der

Tod.

* * * * *

Morgens wenn die Frühsonne den besprengten Garten trocknete, duftete die

Welt warm im leisen Summen der Bienen nach dem Sommer. Die Tage zogen

strahlend hell und wunderbar still herauf, der gewohnte Weg, den die

Sonne durch das Haus nahm, war grün und dicht bekränzt an offenen

Fenstern, sommerlich hell im ruhigen Haus und in den Herzen der Menschen

von großäugigen Träumen umlächelt.

Anne-Dore wachte oft des Morgens auf, ehe die Sonne da war; noch

befangen von der Güte der tiefen Nacht, trat sie ins blaue Licht der

Dämmerung ans Fenster, schaute über die Hügel ihrer Heide, wie sie es

einst als Kind getan, und wie ein kühles neues Wunder tauchte ihr aus

den versinkenden Fesseln ihres Schlafs die Gewißheit empor, daß sie ein

Mensch auf dieser Erde war.

Die Bäume im Garten, die sie kannten, grüßten sie in der Stimme des

ersten Windes, der flüsternd mit dem Licht erwachte, und sie fühlte in

seiner reinen Kühle ihren jungen Körper, den sie liebte, weil er den

geliebten Mann beglückte, dem sie ihn ganz zu eigen gab. Einmal

überwältigten ihre sehnsüchtigen Gedanken sie, sie kleidete sich hastig

an in dieser seligen Dämmerung der stillen Welt und eilte über die

versteckten Waldwege hin nach Hildenrot. Aber dicht vor dem Forsthaus

kehrte sie erschrocken um, angstvoll besorgt, die Leute im Haus möchten

sie sehn und ihr Geheimnis entdecken.

Mit der heraufsteigenden Glut der Sonne begann ihr träumerischer Tag,

der wenig Wirklichkeiten für sie brachte. Sie schritt, ihre leichte

Hausarbeit verrichtend, durch die so lange schon bekannten Räume ihres

Elternhauses, in dem alles in unerschütterlichem Gleichmaß seinen guten

Gang ging. Immer noch tanzten mit süßem Lächeln und gespreizter Grazie

die feinen Porzellanfigürchen in hellbunten Glasspitzen ihren Reigen auf

dem Wandschrank, sie erschienen ihr wie verblaßte Erinnerungen aus einer

fernen toten Zeit. »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich

habe die Welt überwunden«, stand immer noch in silberner Schrift über

dem altmodischen Sofa, aber der Sinn der Worte war erstorben und sein

Leben gehörte einer versunkenen Zeit an.

Oft hielt sie sinnend inne und eine tiefe Verwunderung machte ihr die

Augen starr und still: alles blieb beim alten in den Behausungen der

Menschen und weit um sie her, mochte ein Herz schlummern, jubeln oder

bluten. Das gab eine so eigen wehmütige Gewißheit, als wanderten die

Menschen klein und arm und flüchtig nur für kurz durch ihr irdisches

Bereich, und nichts umher veränderte sich, wie ihr Sinn und ihre

Hoffnung. Was bleibt, fragte sie sich angstvoll und dachte an ihre große

Liebe. Dann verstand sie wohl und dachte lange daran, was ihr Mark Enz

einmal in einer traurigen Stunde gesagt hatte:

»Glaubtest du, ich würde mich je begnügen? So unmöglich ein Mensch das

Vollkommene erreicht, so unmöglich ist die Ruhe meines Herzens auf der

Erde.«

Oft glaubte sie, all ihre Liebe gehörte allein seiner Seele, seinem

tiefsten Wesen und der Glut seines Gefühls, aber dann wußte sie in ihrer

Erinnerung plötzlich, daß es sein Mund war, den sie liebte, seine Hände,

sein Haar. Ach, wer war sie, was sollte sie tun und werden, welches Ziel

heiligte ihr heißes flüchtiges Tun und seine Inbrunst? Ihr war oft, als

wäre ihre Liebe größer, als daß ein Mensch allein sie tragen könnte, als

drängte sie über den Geliebten hinaus, weit, weit. Nicht zu einem

andern, o nie, das wußte sie gut. Aber ihr war, als wünschte sie sich,

leiden zu dürfen.

Von ihm sollte ihr Gewißheit kommen, ihn wollte sie fragen. Ihn, der

stets bereit schien, sich zu zerstören, nie aber sich zu vergnügen, und

dessen Wesen doch Lebenskräfte umschloß, die über jede Gefahr zu

triumphieren schienen. Das betäubte sie in ihren Liebesstunden fast

völlig, in ihrer Erinnerung war ihr, als seien sie vom Tode überwacht

und vom Schicksal durchtrauert, von einem Schicksal, das sich vor ihr

erhob in Gestalt eines bronzenen Engels mit Flügeln, die im Sonnenlicht

verströmten, und mit Augen, die über sie, die Ringenden und Ergebenen,

fortsahen, weit fortsahen, gelassen am blauen Horizont der Zukunft

ruhend. Alle Mächte, an deren Einwirkung und an deren Gewalt sie

glaubte, nahmen in ihrer Vorstellung die Gestalt von Engeln an, wie es

einst Engel gewesen waren, die früh an ihrer Kinderwiege gewacht und die

die Welt ihrer Vorstellungen bevölkert hatten.

Jede Erinnerung an die Stunden ihrer Liebe senkte ihr die Blicke in eine

starre Verlorenheit. Fast fürchtete sie sich vor der Zeit, in der sie

Kraft und Ernüchterung genug gefunden haben würde, ihrer gelassener zu

gedenken, bewußter und erkennender. Aus Furcht davor, ihre alten Kämpfe

möchten sich neu erheben, suchte und liebte sie die flimmernde

Versunkenheit, in die ihre Träume sie tauchten, wie in ein Meer von

rotem Licht und Blut. Erschauernd ging sie in diesen Wirbeln von Furcht

und Glück unter, körperlos fast, wie aufgelöst in lauter Lust.

Auch weil ihre Befürchtungen sie nicht eine Stunde verließen, waren ihr

solche Erinnerungen unklarer und betäubender Art. Seit einst zum

erstenmal Mark Enz ihren Mund geküßt hatte, bis heute, wo er alles

genommen, was sie zu geben vermochte, war sie seiner nicht einen

Augenblick sicher gewesen. Nichts an ihm schien ihr Gewähr zu bieten,

daß er ihr eigen sei, wie sie doch ganz sein Eigentum geworden war. Und

irgendwo, unerreichbar durch alle Gedanken, blieb eine Fremdheit

zwischen ihnen. Sie nannte sie in glücklichen Augenblicken ihre Achtung,

ihren Respekt vor ihm und seiner Überlegenheit, suchte die Gründe in

allem, das ihr noch neu, gefährlich und besonders an ihm erschien, aber

sie kannte Nächte, in denen dies Bewußtsein sie bitterlich schmerzte.

Als habe er sie wohl an sein Herz genommen, aber als bliebe ihr dies

Herz verschlossen.

Dies Empfinden verlieh ihrer körperlichen Hingabe mit der Zeit eine so

sehnsüchtige und wilde Verlorenheit, daß er erschrak. Aber ihre

Hoffnung, deren Drängen sie nur erduldete und nicht erkannte, riß alle

Tore ihres Blutes und ihrer Seele vor seinen Wünschen auf. Je mehr ihr

Gewißheit darüber wurde, daß er sich ihr verschloß, um so inbrünstiger

trachteten ihre Gaben danach, ihn ganz in das Bereich ihrer Liebe zu

ziehn.

Und so erlitt sie im Grunde immer noch seine Liebe. Gerade wie am ersten

Tage und ohne die triumphierende Zuversicht eines großen Rechts. Nie

lachte ihre Lust sinnenfroh und gesunden Blutes unbedacht auf, es war

fast, als hätten ihre alten Glaubenssätze und alle Mysterien einer

ergebenen Hingabe an ihre Religion ihrer irdischen Liebe den Weg

bereitet, den sie nun schreiten mußte, wie im Schatten eines

Sündebewußtseins und einer Knechtschaft.

Mark sagte es ihr auch einmal:

»Dein Blut ist in einen seltsamen Bann gesprochen. Meins peitscht ein

heidnisches Lachen auf, deins fließt wie unter den Klängen einer

Kirchenorgel.«

Er hatte dazu gelächelt und ihren Mund geküßt, als wären seine Worte

beiläufig und ohne Belang. Er hatte versucht sie auszugleichen, weil er

sie bereute, aber Anne-Dore lauschte mit einem heimlichen Graun, das sie

wiedererkannte, auf die Antwort, die ihre Seele wußte und die ihr Mund

verschwieg.

War es das, was sie tiefinnerlich zu trennen drohte?

»Könnte ich schlecht sein«, dachte sie und hatte das Gefühl, als verlöre

sie sich ganz und für alle Ewigkeit. Aber wollte er denn das? Ihre Angst

erpreßte ihr Geständnisse. Sie sagte einmal, als er gegen Mitternacht in

Hildenrot in ihrem Arm erwachte und sie fortschicken wollte:

»Ich möchte sein wie du. So frei, so schrankenlos, so einzig dem

ergeben, was für den Augenblick dein Glück bedeutet, deinen Genuß. Du

bist schön, frei bist du, ganz frei ...«

Er sah an ihren Augen, daß sie gewacht hatte, empfand, wie tief diese

Fragen und Wünsche sie beschäftigten, und richtete sich nachdenklich

auf, wach und bereit. Er verstand, und kalt und ohne Erbarmen sagte er:

»Laß solche Ansprüche. Was du bei mir schön und frei nennst, das wäre

bei dir schlecht, nur schlecht und nichts als das. Ich will dich nicht

anders als du bist. Du liebst und ehrst mich in deiner Liebe nur, wenn

du sie in ihrer Art heilig sprichst.«

»In ihrer Art ...«, wiederholte sie zögernd.

Er legte ihren Kopf an seine Schulter, liebevoller, als daß auch nur ein

Schatten von Schmerz in ihrer Seele blieb, strich über ihren Scheitel,

hinunter über ihr loses Haar, unter dem er die Formen ihrer Schultern

und ihrer reichen Hüften spürte:

»Du schläfst«, sagte er langsam.

Sie rührte sich nicht. Seine Worte bewegten sie, als würde sie still in

barmherzige Nacht gebettet. Sie verstand seine seltsame Ergriffenheit

nicht, die so zärtlich seine schnelle Härte abgelöst hatte; sie wußte

nur, was er empfand, galt ihr, das war ihr Liebe genug.

»Wenn du erwachst, bist du zu Haus«, sagte er leise.

»Zu Hause?« fragte sie schüchtern. »Ich bin es nur bei dir. Wo sollte

ich es sonst sein in der Welt?«

»Bei deinem Kind«, antwortete er, tief in Gedanken.

Sie erschrak nicht und fragte ihn nicht. Es brach ihr hell aus den Augen

und lief über seine Brust. Sie hatte ihm nie so vertraut, als nun, da

sein Mund diesen neuen Namen genannt hatte, der ihre Heimat werden

sollte.

Zwölftes Kapitel.

Herr Wendel hatte Anne-Dore eines Tages auf sein Zimmer rufen lassen. Es

war ihm sehr schwer geworden, dies Gespräch zu beginnen, weniger

vielleicht, weil es seiner Art fern lag, als vielmehr weil er sich vor

dem Ende fürchtete, das es nehmen möchte. In einer ungewissen und

uneingestandenen Furcht, die ihm seine Anforderungen beinahe schwer

machte, und die durch kein Pflichtbewußtsein zu überreden war. --

»Vater, bitte mich nicht. Ich vermag es dir nicht zu sagen, wie ich

möchte, aber mit dir zum heiligen Abendmahl kann ich nicht gehn.«

Anne-Dore war sehr bleich.

Tiefbesorgt schaute Missionar Wendel seiner Tochter ins Gesicht. Gewiß

ließ er ihr gern in allen kleinen Dingen den Willen, aber hatte in der

letzten Zeit schon manches ihn befremdet, so gab nun diese Weigerung

bitter schmerzend den Ausschlag.

»Dore,« sagte er betrübt und eindringlich, »ich habe mich in den

verflossenen Wochen oft bemüht, dich recht zu verstehn, habe nichts

gesagt, Kind, wenn mir das Herz schwer wurde; höre, willst du dich heute

deinem Vater nicht vertraun? Es meint es kein Mensch so aufrichtig gut

mit dir. Komm, bitte, setz dich hier neben mich, so, gib deine Hand,

schau mich an ... verdient meine Liebe dein Vertrauen nicht?«

Anne-Dore legte ihre Hand in einer ergebenen Müdigkeit in seine beiden,

die ein wenig zitterten. In diesem Augenblick hätte sie alles für ihn

tun können, alles, nur damit ein Schein von Freude in sein gutes Gesicht

kam, in dem so traurig der Wunsch stand, seine Liebe möchte nicht

verachtet werden. Aber sie fand keinen Ausweg. Es war ihr nicht schwer

gewesen, sich in mancher Lage zu helfen, wenn ihr Herz nicht beteiligt

war, aber wo sie empfand, konnte sie nicht lügen. Als er ihr gestern

mitgeteilt hatte, er wollte in dieser Woche noch mit ihr und Friedberg

in gewohnter Weise zum Tisch des Herrn gehn, war plötzlich ihr Blut

erstarrt in einem Graun, wie vor der bösesten Gefahr, die ihr nur immer

begegnen konnte. Wie unter einer machtvollen Drohung tauchte es vor ihr

auf, aus dem Reich der göttlichen Liebe empor, die sie verraten und

verloren hatte.

Nun sprach ihr Vater wieder:

»Drückt dich eine Schuld, mein Kind? Wenn du sie deinem irdischen Vater

nicht sagen kannst, so bring sie deinem himmlischen. Sieh, ein erster

Anfang ist die große Gefahr für uns alle. Lassen wir nur ein einziges

Mal etwas zwischen uns und den Heiland kommen, so ist dem Versucher das

Tor unserer Seele geöffnet. Und es gibt keine Schuld, die das Blut

unsres Herrn Jesu Christi nicht abwaschen könnte vom Kleid unsrer Seele,

die sein Eigentum ist für alle Ewigkeit. Kind, ich habe Sorge um dich.

Seit vielen Wochen seh ich dich verändert. Ich weiß gut, daß wir alle

bösen Anfechtungen ausgesetzt sind, aber es streitet für uns der rechte

Mann, weißt du es nicht, muß ich es dir sagen? Es gab eine Zeit, Dore,

da habe ich von dir gelernt. Sieh, ich scheue mich nicht, es dir zu

sagen. Aber was ist nun mit dir geschehn? Meinst du, ich, dein Vater,

der keine andere Sorge kennt, als die um dich, sähe nicht, wie du

verändert bist? Auch bist du oft blaß und es scheint mir, als ob du

geweint hast. Sprich zu mir, mein Kind.«

Und als Anne-Dore schwieg, fuhr er fort:

»Ich schließ auch dein Wohl heiß in meine Gebete ein. Gewiß, man soll

niemanden zwingen, zum Tisch des Herrn zu gehn, seine Mahnungen und

Warnungen sind so ernst, wie seine Verheißungen Seligkeit und Frieden

verkünden. Wer unwürdig sein heiliges Blut trinkt und seinen Leib ißt,

der ißt und trinkt sich selber das Gericht, sagt uns die Schrift. Aber

Kind, das heißt etwas ganz anderes, als wir armen sündigen Menschen oft

denken. Wer mit gläubigem Herzen hinzutritt, seine Sünde aufrichtig

bereut und fest den Willen hat, sie in Zukunft nicht wieder zu begehen,

der nimmt vom heiligen Kelch die Gewißheit mit, daß all seine Sünde

vergeben ist, daß Gott versöhnt ist durch dies vergossene Blut seines

Sohnes, das er uns gibt. -- Was ist dir? Deine Hand zittert. Nicht wahr,

meine Worte haben dich neu darin bestärkt, daß wir gemeinsam der

höchsten Gabe bedürfen, die uns der Herr zurückgelassen hat?«

Anne-Dore nahm sich gewaltsam zusammen, sie sagte stockend und schwer,

den Blick gesenkt und die Stirn von Traurigkeit gebeugt:

»Muß nicht ein jeder selbst wissen, Vater, wann es ihn treibt, zu gehn?

Und wenn man zweifelt, ist es nicht besser, zu warten?«

»Nein, Kind, dann ist es Zeit zu eilen.«

Nun erst, da Anne-Dore auf ihrer Weigerung beharrte, empfand ihr Vater

das ganze Gewicht seiner Betrübnis. Ihm vermischte sich, ohne daß er es

wußte, seine Sorge um ihr irdisches Wohl mit der Furcht um ihr ewiges

Heil. Nun war ihm, als sei auch ihr Leib in Gefahr, als gelte es nicht

allein, ihre Seele zu retten. Eine jähe Angst befiel ihn und ein

schmerzhaftes Gefühl seiner Ohnmacht. Er ließ ihre Hand fahren und

schaute sie lange tieftraurig und voll Liebe an.

Als Anne-Dore ihre Blicke hob, sah sie in seinen Augen Tränen, die er zu

verbergen trachtete. Sie liefen über seine Wangen in den grauen Bart und

auf seine gefalteten Hände.

»Vater,« rief sie, sprang empor und legte ihre Arme um seinen Hals, »ich

geh mit dir. Gewiß. Gewiß. Vergib mir, ich habe töricht gezweifelt. Ich

weiß, daß keine Sünde zu groß ist, daß ich kommen darf, wie ich bin, daß

er barmherzig ist, gut -- daß er versteht -- vergibt. -- Vater, weine

doch nicht.«

Sie trocknete ihm die Tränen mit ihrem Tuch und er ließ es geschehen,

wie eine Wohltat, die er im Leben noch nie erfahren hatte. Und er sagte

und wußte nicht, wie schön seine himmlische Sorge und Liebe in irdischem

Licht erglänzte:

»Dich kann ich nicht verlieren, mein liebes Kind.«

Ich habe etwas gegen mein Gewissen getan, empfand Anne-Dore, als sie

allein war. Nicht allein ihr Versprechen lag ihr im Sinn, sondern der

Gedanke an ihren ohnmächtigen Widerwillen, als sie ihren Vater hatte

weinen sehen. Sie erschrak vor der Erkenntnis, daß sie sich hätte

abwenden können, von nichts erfaßt, als von einem Mitleid mit seiner

Schwäche. Wo lagen die Gründe dafür, daß ihr das Ereignis im Grunde nur

peinlich, und nichts als das, gewesen war? Sie fühlte klar und

zuversichtlich, daß sie nichts mehr mit ihm und seiner Empfindungswelt

zu schaffen hatte, daß sie im Grunde nie sein eigen gewesen war, und daß

er sie ganz verloren hatte, wenn auch sein Sinn sich nun in neuer

Gewißheit tröstete.

Wem gehören wir an in der Welt? dachte sie. Nur Oberflächliche suchen

Halt und finden ihn im Glauben an Gemeinschaft. Jeder ist allein. Es

stieg ihr bitter empor: die sich täuschen können, sind glücklich, die

nicht beanspruchen, die sich begnügen, die wenig empfinden. Und sie

dachte an Mark Enz, den sie mehr liebte als ihr Leben und als ihre

Hoffnung, und nie hatte sie so schmerzhaft gewußt wie nun, daß auch er

allein war, einsamer vielleicht, als ihr Herz bisher geahnt. Auch meine

größte Liebe erhöht den Wert meiner Gaben nicht, die ich ihm darbringe,

dachte sie bebend; über allen Wünschen, die uns unsere Liebe bringt,

geht der Weg dahin, den Seelen zu ihrer seltenen Gemeinschaft finden.

Nur Augenblicke gibt es, Augenblicke ... Sie preßte plötzlich in einem

Aufwallen verwundeter Begierde und wie in einem wehen Drang nach

Erkenntnis ihre Hände in den Schoß, brach nieder in ihre Knie und

stammelte:

»Erlöse mich durch dein Blut von meinem, Herr Jesus.« --

Was war das für ein böses Gebet gewesen, das sie ausgestoßen hatte wie

einen Schrei? Taumelnd erhob sie sich. Wie kam ich dazu, was trieb mich,

was zerriß mich, welche Sehnsucht riß mich mit sich fort?

»Du bist allein, mein Liebster«, sagte sie leise. »Wer gibt dir deine

Kraft? Du bist fröhlicher als die Menschen, die ich kenne, und

trauriger, dein Herz führt dich Wege, die nicht einmal du selber kennst.

Alles ist fremd an dir, alles liegt miteinander im Streit. Wohin gehst

du? Sag es mir, denn ich möchte mit dir. Deine Reichtümer und deine

Schulden sind zu schwer für meine Schultern, ich kann sie nicht

ertragen. Was bist du für ein Mensch, daß ich dich immer und immer

lieben muß und immer nur dich, und bin doch allein bei dir, wie du bei

mir. Wenn ich dich betrachte in meinen armen Gedanken, verwirrt sich

mein Sinn, aber wenn du zu mir sprichst, ist der Himmel weit und hell

geöffnet, als gäbe es keinen Kampf, keinen Zweifel, keine Unrast, als

gäbe es nur Harmonie und beständige Seligkeit. Warum hilfst du mir

nicht? Ich kann dich nie verlieren, mein Geliebter.«

Sie erschrak. Solch letzte Worte hat auch ihr Vater gesprochen. Eben

noch. -- War es überall in der Welt dasselbe, sollte nichts gestillt,

kein Glück vollkommen sein und keinem Drängen nach Gemeinschaft

Erfüllung werden?

»Sprichst auch du solch schmerzhafte Worte, Liebster? Zu wem sprichst du

sie?« fragte sie mit großen leeren Augen. »Nicht zu mir. Ach, sprächst

du einmal so zu mir, littest du nur einmal um mich, ich würde dies Leid

so überglücklich mit allem segnen, was ich habe, ich würde glauben, daß

eine Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, daß ich dich halten kann.«

»Leb wohl«, sagte sie plötzlich fest und seltsam feierlich. »Ich gehe.

Weißt du, wohin ich gehe? Ich will für den da sein, der um mich leidet.

Für meinen Vater. Wenigstens einmal noch, und für den anderen, der mich

ruft und der auch um mich gelitten hat. Vergib mir, ich komme wieder. Du

wirst fühlen, daß du mich nicht mehr heilen kannst. Aber ich gehe, denn

ich habe keine Sünde begangen, die nicht vergeben werden könnte, und ich

werde künftig keine Sünde mehr tun. Es wird mich niemand strafen für

mein Leid um dich, mein Liebster.«

* * * * *

Die Abenddämmerung trug still und warm die Klänge der Kirchenglocken von

St. Nikolai über die Stadt und das Land. Es waren die großen Glocken

nicht, die riefen, sondern nur kleine, wie sie beim Tode Armer geläutet

werden, oder an Sonntagen in der ersten Frühe. -- Die Welt umher lebte

noch in jenen seltsam wachen und doch verlorenen Lauten, die nach heißen

Tagen aufsteigen, wie von der nahenden Kühle getragen. Kinderstimmen,

ein langer, fremdartiger Ruf, der Schrei eines müden Lasttiers oder der

dumpfe Fall eines schweren Tors. -- Die Geräusche flogen alle gesondert

auf, wie vereinsamt, sammelten sich nicht mehr wie am Tage zum Geräusch

des Treibens der Menschen, sondern ermahnten zur Rast und waren, als ob

sie dem sinkenden Licht nacheilen wollten.

In der Nikolaikirche brannten vereinzelte Gasflammen, bei der Orgel,

über dem Gestühl des Chors, und den Hauptgang entlang, der zum Hochaltar

führte. Nur die Sakristei war erleuchtet, immer drei und drei brannten

die leise singenden Flammen. Schlichte, dünne Eisenarme reckten sich an

plumpen Leuchtern empor. Am Hochaltar blinkte das Marmorkreuz und der

Leib des gekreuzigten Heilands schimmerte leidensbleich über den Prunk

der silbernen Geräte hin in das dämmerige Kirchenschiff hinein. Es war

kaum noch ein schüchterner Schein vom Tag hinter den hohen bunten

Scheiben zu erkennen.

Ebenmäßig, grau und gerade hoben sich die Säulen der Seitengänge empor

in die Dämmernacht, die unter der gewölbten Decke herrschte. Die Kanzel

ruhte leblos, nur der breite Goldschnitt der Bibel, die dort auf ihrem

niedrigen Holzpult lag, blinkte.

Im verengten Kirchenschiff, vor dem Hochaltar, waren rechts und links

zwei Stuhlreihen in breiten Kurven aufgestellt. Die ersten Abendmahlsgäste

versammelten sich, langsam und schwarz schritten sie bedächtig und

bedrückt an ihre Plätze, sie schienen den Widerhall ihrer Schritte zu

fürchten, der hohl, laut und wie von weither aus den toten Räumen der

Kirche zurückkam. Hoch auf der Galerie bei der Orgel versammelten sich

die Chorknaben, das grelle Schurren eines Stuhls und polternde Laute

verrieten sie, die Wände schienen das Echo verdoppelt und verschärft

zurückzuwerfen, und jeder Laut erhöhte, lang ausgedehnt, die bedrückende

Allmacht der feierlichen Stille.

Pastor Jacoby hatte dies Abendmahl angesagt. Die Plätze waren bald

besetzt, zur Rechten und zur Linken des Altars zwei mattbewegte schwarze

Reihen; es wurden noch Stühle für neue Gäste hinaufgebracht, die

Kirchendiener gingen auf den Fußspitzen, mit ernsten und wichtigen

Mienen taten sie ihre Pflicht und schienen zu eilen, wenn sie die

Sakristei wieder verließen.

Anne-Dore und ihr Vater hatten mit Friedberg schon zu den ersten gehört,

die angekommen waren. Das Gesicht des jungen Mädchens war von einer so

unbewegten und starren Blässe, daß es auffiel, und manche Blicke besorgt

und in bewundernder Andacht darauf ruhten. Friedberg glaubte nie in

seinem Leben etwas so Schönes gesehen zu haben, wie diese ruhigen,

klaren Züge, deren Linien, wie die Linien des Marmors, unbeweglich und

doch lebensvoll erschienen und so von geheimer Trauer verklärt waren,

daß es vielen erschien, als ob ihr eigenes Leid gering sei.

Der Kandidat hatte mit großer Spannung darauf gewartet, ob Anne-Dore an

dieser Feier teilnehmen würde oder nicht. Nun war ihre stille Hingabe

ihm eine Bestätigung seiner liebsten Hoffnung, die ihn mit Glück und

neuer Zuversicht füllte. Nun wußte er wieder, welchem Herrn sie im

Grunde allein diente, jenem Friedensfürsten, der auch sein Gott war, dem

Heiland der Welt, der alle Schuld der Menschen trug. Ein heimlicher

Triumph weitete ihm die Seele, durchwärmte seine Andacht bis zu

überschwenglicher Hingabe an die Sache dessen, der den Sieg behalten

hatte. O, er hätte auf sie zutreten und ihre Hand drücken mögen; wenn

doch eine Kraft auf Erden wäre, die ihm ihr Herzeleid aufbürden könnte,

gern wäre er zu jedem Opfer willig und zu jeder Tat der Bruderliebe

bereit gewesen.

Wie still und kühl war ihr Gesicht, verborgen und scheu suchten seine

Blicke darin zu lesen. Er sah ihre geneigte Stirn und ihre gesenkten

Augen halb von der Seite. Unter der Krone des überreichen schweren Haars

und über dem schwarzen Kleid hob es sich ab, beinahe leuchtend ... Hatte

Mark Enz wohl jemals diesen Mund geküßt, diesen Mund, der nun, wie auch

der seine, den Leidenskelch des Heilands an seinen Lippen spüren sollte?

Nie, nie! Wie konnte es möglich sein. »Maria war nicht reiner als du«,

sagte er mit unhörbarem Flüstern und seine Sinne versanken ihm in

andächtiger Scheu. --

Hell in die große Stille des Wartens hinein, siegreich und klar, ein

himmlischer Glanz, brach hoch wie vom Himmel her der Knabenchor ein.

Eine göttliche Erlösung, rein in seiner seligen Feier, beschwingt und

erhebend. Er trug die Herzen aus der schwülen Bedrückung ihrer irdischen

Niedrigkeit in Gottes Huld empor:

»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,

Herr Gott, erhör mein Rufen.«

Klein, vergänglich und arm war nun die Welt mit ihrer Trübsal; den

Mühseligen stand der Himmel auf. In einer Gebärde unaussprechlicher Güte

hob ein geliebter Engel den Kelch über alle Not, den Kelch, der das Blut

des geschlachteten Lammes von Golgatha umschloß, die hohe Bürgschaft

eines unvergänglichen Friedens.

Als Anne-Dore aufsah, stand Pastor Jacoby schwarz und stumm hart an der

letzten oberen Stufe, die zum Altar führte. Sein schlichter Talar, der

fast ganz ohne Falten bis auf seine Füße niedersank, machte seine

Gestalt beinahe überschlank; vom gestickten Purpur der Altardecke hob

sie sich ruhend und aufrecht ab, in diesem lieblosen Licht der

Gasflammen, die den Schein der Altarkerzen verdrängten. Ihr Spiegelglanz

warf sich vom Hochaltar auf die geneigten Gesichter der Andächtigen,

überbleich erschienen sie, qualvoll entstellt, als wäre kein Opfer groß

genug, um der himmlischen Gaben würdig zu werden, die sie erflehten.

Es war Anne-Dore, als sähe sie heute Pastor Jacoby nach langer Trennung

zum erstenmal wieder. Unentwegt schaute sie ihn an, sie tauchte ihr

Gesicht hinein in den Klang seiner Worte, als er nun sprach, in diesen

Klang, der einst ihre Seele zu ihrer ersten Zuversicht erweckt hatte.

Aber keine Erinnerung gewann Gestalt, ihre großen, ruhigen Augen suchten

sein Gesicht, dies Angesicht, das sie einst bewundert und verehrt hatte,

und das ihr nun so eigen vertraut erschien und doch so fern, so traurig

weit entrückt, wie ihre versunkene Hoffnung.

Aber seine Stimme war ihr lieb. Unter diesem eindringlichen und traurig

hellen Ton war ihr zumute, als schaute sie von einem heißen Weg, den ihr

Fuß gehen mußte, zurück in das feierliche Tal ihrer Heimat, die sie

verlassen hatte.

Aber zwischen heute und damals lag, wie ein einziges heißes,

wildwogendes Chaos, die Zeit ihrer Kämpfe und ihres Wandels. Sie wußte

darüber nichts mehr, es war, als ob die schwer geheilten Wunden ihre

Seele unempfänglich gemacht hätten. Das alles konnte nie wieder kommen,

o, es machte glücklich, das zu fühlen; welch böses Schicksal auch immer

nahte, schlimmer konnte auf der Erde nichts mehr werden, als jene Zeit,

in der zwei Mächte um sie gerungen hatten. Wie war es zuletzt gewesen?

Als ob die Flügel ihrer Seele, die Jesu Blut verklärt hatte, in das rote

warme Blut ihrer irdischen Liebesnot niedergetaucht wären.

Nun hörte sie wieder die feierlich flehende Stimme über sich:

»Denn der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot,

dankte, brach's, und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für

euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desselbigen

gleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl, und sprach: Dieser Kelch ist

das Neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu

meinem Gedächtnis.«

Sie lauschte mit Anstrengung, kämpfte matt um den Sinn der Worte,

lächelte dann fein und übermüde und schloß die Augen, während der

Geistliche seine kurze, ernste Ansprache begann, nach welcher die

heilige Handlung vollzogen werden sollte.

Die Kirche schien wie erstorben. Es war so still, daß die Stimme des

Predigers wie in einem Grabgewölbe erscholl; nur wenn er die langen

Pausen machte, die er liebte, hörte man das Singen der Gasflammen und

leise und nah das Atmen seines Nachbarn.

Aus ihrer Erstarrung befreite sich Anne-Dores Sinn noch einmal unter dem

Christuswort:

»Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset, oder von dem Kelch des

Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn -- --

denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm

selber das Gericht ... darum sind auch viel Kranke unter euch und ein

guter Teil schlafen.«

»Isset und trinket, isset und trinket ...« klang es ihr nach, wie ein

Echo, mit irgendeinem Lächeln, gütig, spöttisch, sehr traurig und wie

durch ein Flimmern heißer Luft.

Dann war ihr plötzlich, als sähe sie Mark Enz langsam durch das

dämmerige Kirchenschiff kommen. »Was willst du hier?« wollte sie fragen.

Nein, er war es nicht. Doch -- nun erkannte sie ihn deutlich, nun, da

das Licht der Gasflammen ihn empfing und erst nur sein Gesicht, dann

langsam seine Gestalt deutlich wurde. »Geh leise«, wollte sie rufen.

Plötzlich sprang er vor, nahm die Marmorstufen zur Sakristei mit einem

Satz, vorgebeugt sprang er, die Arme ausgestreckt. Er ergriff die

schwere, rote Altardecke mit sehniger Hand, schwang kreisend die Faust,

so daß das dunkle Tuch, ein goldgestickter Schlangenleib, sich um seinen

Arm wand, und riß den Purpur nieder, daß die heiligen Geräte mit

Klingeln auf den Steinfliesen der Sakristei umhertanzten ...

Sie riß die Augen auf.

Die Stuhlreihe vor ihr war leer. Die ersten knieten schon am Altar, auf

der niedrigen, gepolsterten Schemelbank, im Halbkreis, gebeugt, stumm,

den Schein der Altarkerzen auf den Häuptern. Sie sah, wie Pastor Jacoby

eine schlanke Silberkanne neigte und den Kelch mit Wein füllte. »Mit

Blut«, dachte Anne-Dore. »Ihr alle dort seid würdig.«

Nun erhob sich ihr Vater. Allzubesorgt, die einfachen Regeln genau zu

befolgen, schritt er langsam voran, hinter ihm Friedberg, und nun mußte

auch sie aufstehn, um beiden zu folgen.

Friedberg ließ dem jungen Mädchen den Platz neben ihrem Vater, dann

kniete er an ihrer Seite nieder, sie spürte seine Schulter an der ihren.

»Wie herzlich lieb hab ich dich gehabt, Herr Jesus«, dachte Anne-Dore.

Sie sagte es flüsternd, mit kalten Lippen, neigte den Kopf und lauschte

wie mit erstorbenen Sinnen, wartete in einer heißen, süßen Erregung, und

war sich nicht klar darüber, worauf. Vielleicht war so der Augenblick,

in dem man seinen Tod kommen fühlte. Eine geheime Gewalt begann

plötzlich ihre Brust in weher Tiefe fein und grausam zu stoßen. Ihr war,

als müßte sie ein aufsteigendes Lachen unterdrücken oder ein

eigensinniges Weinen, das grundlos begann.

»Nehmet hin und esset«, hörte sie über sich. Sie sah, wie ihr Vater den

Mund öffnete, wie eine welke, große Hand mit dicken Adern ihm eine

weißliche Oblate zwischen die Lippen schob. Das war der alte Prediger

Bunsen, der beim Abendmahl Hilfsdienste leistete. Dann kam er zu ihr und

ihr geschah ein gleiches. -- Oben sangen sie ohne Aufhör leise und fern,

gedämpfte Stimmen, die wie aus dem Himmel herüberklangen und alles in

Güte einhüllten.

Die Oblate blieb ihr am Gaumen kleben. Sie versuchte sie mit der Zunge

zu lösen. Es ging nicht. Die alte zittrige Stimme und die unsichere Hand

waren bei Friedberg.

Dann hörte sie zu ihrer Linken plötzlich die klaren Worte Pastor

Jacobys:

»Nehmet hin und trinket alle daraus.« Oben setzte der Chor neu ein,

schwermütig und klar.

Sie sah den silbernen Becher, eine Hand hielt den schlanken Stiel, die

andere stützte den Kelch. Als er sich an den Mund ihres Vaters neigte,

sah sie, daß er innen golden war. Er blinkte und blendete. Ihr Vater

trank. Sein Gesicht war todtraurig und dabei ängstlich besorgt.

Nun stand Pastor Jacoby vor ihr.

»Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut ...«

Der harte, blanke Rand neigte sich gegen ihren Mund. Als sie das kühle

Metall spürte, preßte sie plötzlich beide Lippen fest zusammen, fest,

und die Zähne auch. Es rann kalt über ihre beiden geschlossenen Lippen,

über ihr Kinn ... War denn Mark Enz nicht da, um ihr zu helfen? Sie

spitzte fein den Mund ... nun kamen seine Lippen -- -- -- suchten die

ihren ...

»Küß mich -- -- küß mich, Herzliebster!«

In einem wilden feinen Schauern fuhren plötzlich ihre beiden Arme empor.

Mit lautem trillerndem Schrei sprang sie auf und zurück, taumelte zwei,

drei Schritte rückwärts, so daß es aussah, als flatterte erschreckt und

verstört ein riesiger schwarzer Vogel auf, todwund, mit letzter

Flügelkraft. Dann sank sie gerade, beinahe steif, hinten herüber und

schlug mit einem dumpfen Knall auf die Steinfliesen. Die Kirche hallte

noch wider von ihrem hellen Schrei und nun warfen die hohen Hallen

einander dunkel das neue Echo zu. Dann wurde es langsam still, als habe

der Tod es geboten.

Wie schön das war: gefaßt und ruhig stellte der junge Prediger den Kelch

auf den Altar, raffte mit beherrschter Hand den langen schwarzen Talar,

schritt die niedrige Steinstufe nieder und hob Anne-Dore in seine Arme.

Schwer und mühsam trug er sie ohne ein Wort langsam in das kleine

Kämmerchen hinter dem Altar.

Das Entsetzen der Abendmahlsgäste hatte sich in eine sinnlose Verwirrung

aufgelöst. Der alte Pastor Bunsen rang ratlos die Hände und hob sie zum

Kruzifix empor. Die Kirchendiener waren herangestolpert, aus den Gruppen

der versprengten Andächtigen klang hier und da ein krampfhaftes

bitterliches Schluchzen. Friedberg stützte mühsam den völlig

fassungslosen alten Herrn Wendel, der kläglich entstellt und mit

tastenden Armen hinter den Altar wankte.

Pastor Jacoby schickte den Kandidaten nach einem Wagen, er selber

schritt nach kurzen Worten der Beruhigung an den Vater zurück zu der

wartenden Schar. Er bat sie leise und traurig gefaßt, mit ihm zu beten.

Die meisten knieten nieder, mehr aus Ergriffenheit und Schwäche als aus

Andacht. Er entließ sie mit dem apostolischen Segen. Und während die

Worte seines flehenden und doch zuversichtlichen Gebets die Herzen

notdürftig beschwichtigten, kniete Missionar Wendel mit tränenlosem

Schluchzen neben seinem Kind, völlig verstört, ohne einen einzigen

Gedanken fassen zu können, nur immer wieder stammelnd:

»Stirb nicht, mein Kind! Gott, Gott im Himmel, hilf meinem Kind ...«

Anne-Dore lag bleich und gerade auf den Steinfliesen der kleinen Kammer,

in der unsicher eine schaukelnde Gasflamme, durch leisen Zugwind bewegt,

lautlose Schatten warf. Das Mädchen sah aus, als ruhte sie im Tode. Um

ihren leicht geöffneten Mund war ein Lächeln von einer grauenhaften

Seligkeit, süß und traurig, wie aus einem Bereich des Glücks und der

Pein, das die Erde nicht kennt.

Unter ihren Kopf hatten sie ein Bündel silbergestickter Altarbezüge

geschoben, über deren matten Glanz ihr schwarzes Haar halb gelöst

dahinfloß, ein dunkler, ruhender Strom.

Als Pastor Jacoby zurückkam, richtete er den zitternden alten Mann fest

und liebevoll auf, schob ihm einen Stuhl unter die bebenden Knie und

tröstete ihn. Es sei nichts Ungewöhnliches, nur eine Ohnmacht, von der

sie bald genesen würde.

»Aber man schreit doch nicht, wenn man in eine Ohnmacht sinkt«, sagte

Missionar Wendel stotternd und rauh, häßlich im Gesicht vor Angst.

»Helfen Sie doch, beten Sie ... ich bitte Sie so sehr ich kann, Sie

haben doch gewiß Einfluß droben beim Herrn ...«

Er wußte nicht mehr, was er sagte. Er rutschte wieder von seinem Stuhl,

kroch auf den Knien bis zu Anne-Dore heran und stöhnte in seine Hände:

»Ich trage alle Schuld, ich, allein ich.«

Friedbergs derbe Schritte klangen. Als er Anne-Dore sah, prallte er

zurück.

»Tot?« keuchte er schaukelnd.

Pastor Jacoby beruhigte ihn. Die Kirchendiener brachten Tücher und einen

Mantel, aus zwei langen Fußbänken hatten sie eine Tragbahre hergestellt.

Draußen wartete der Wagen.

Dreizehntes Kapitel.

Am andern Morgen in aller Frühe eilte der Kandidat Friedberg ruhlos und

immer noch verstört und mit völlig ungeordneten Gedanken über den Berg

in die Stadt, um Sanitätsrat Claußen aufzusuchen. Die steile vornehme

Villenstraße, die von der Berghöhe in die städtischen Anlagen

niederführte, legte er laufend zurück. War es auch sicher nicht so über

alles eilig, so betäubte diese Anstrengung doch die bohrenden Gedanken,

in die kein klärendes Licht fallen wollte. Er rannte an den Gittern der

kleinen wohlgepflegten Vorgärten vorbei, sah die Rosen im Morgentau

stehn, in diesem halben Frühsonnenschein und in dieser wartenden Stille.

Unten wurde die Straße gesprengt, es roch nach Staub und schwüler

Feuchtigkeit und es erschien ihm, als würden vergessene Dinge des alten

Tages neu aufgestört.

Alle Beklemmung nach einer schlaflosen Nacht, die frostige Öde hinter

der Stirn und die ruckweise Fahrlässigkeit seiner Schlüsse beherrschten

ihn wie ein schales Fieber.

Was war das für eine böse Nacht, die zurücklag, er entsann sich kaum

einer schlimmeren in seinem Leben. Gerade schienen alle ein wenig

ruhiger geworden zu sein, man war still zu Bett gegangen, wie auch

Anne-Dore, die wohl noch blaß und seltsam abwesend gewesen war, aber man

hatte doch wieder ein Lächeln gewagt, mit ein wenig Trost im Herzen. Da

hatte es gegen zwei Uhr begonnen. Türen schlugen, Lotte lief treppauf,

treppab, und die Stimme Missionar Wendels klang gedämpft und erregt.

Friedberg hatte sich geängstigt und sich langsam angekleidet, aber doch

keine Einmischung gewagt. Erst gegen Morgen wurde an seine Tür geklopft.

Er möchte doch gleich aufstehn und zum Arzt eilen. Anne-Dore läge im

Fieber.

Es war Herr Wendel, der ihn bat. Er schien kaum überrascht, den

Kandidaten schon in den Kleidern zu finden.

»Lotte hat Kaffee gemacht, trinken Sie bitte erst einen Schluck, ehe Sie

gehn«, sagte er zu dem jungen Mann. Draußen wurde es hell.

Er schritt hinter ihm her die Treppe hinunter, und unten hatte er sein

Angebot schon vergessen. Er hakte dem Kandidaten den Mantel vom Ständer,

den jener ablehnte und wieder forthing, gab ihm seinen Hut und schloß

mit zitternden Händen die Haustür auf. Aber dann hielt er ihn noch

einmal fest und beschrieb ihm umständlich die Lage des ärztlichen

Hauses. Übrigens könne er ja auch fragen, es seien sicher schon Leute

auf, Straßenkehrer oder Bäckerjungen. Claußen hieße er, Sanitätsrat

Claußen.

Friedberg fragte:

»Ist das Fieber arg?«

»Ich habe plötzlich nachts ihre Stimme gehört, dann hab ich an der Tür

gelauscht und endlich bin ich hineingegangen. Sie gab mir keine klaren

Antworten. Wäre nur die Mutter da ...«

Er schwieg einen Augenblick und schien mit sich zu kämpfen:

»Herr Friedberg, wer ist denn Mark Enz?«

»Mein Gott ...« sagte der Kandidat.

»Erschrecken Sie? Warum erschrecken Sie? Bitte, unterrichten Sie mich

doch. Ist es nicht der junge Mann, von dem einmal bei Tisch die Rede

war?«

»Ja, ich glaube,« stotterte Friedberg und eh eine neue Frage kam, fügte

er rasch hinzu:

»Sie kann ihn doch nur flüchtig kennen, glaube ich, hoffe ich ... ein

Tennisball flog in unsern Garten ...«

Missionar Wendel schien beschwichtigt.

»Gleichgültige Dinge gewinnen oft im Fieber ein merkwürdiges Gewicht,«

meinte er erklärend und zur eigenen Beruhigung. Er schien seine Frage zu

bereun und doch um Mut zu einer neuen zu ringen. Aber dann sagte er nur

noch abbrechend:

»Nun gehn Sie, bitte, gehn Sie gleich.« --

Am Eingang zu den städtischen Anlagen, die er nun durchqueren mußte,

hielt Friedberg einen Augenblick inne und schöpfte Atem. Die bestaubten

Blätter der Büsche am Straßenrand hingen ermüdet und mattfarbig nieder.

Die bunten Zierbeete auf den wohlgepflegten Rasenplätzen sahen unecht

und albern aus in diesem einsamen Morgenwind. Auf einer Bank unter

Fliederbüschen schlief ein Arbeiter, seine Stiefel waren zerrissen und

sein Hut lag am Boden. Friedberg entdeckte darüber plötzlich, daß er

wieder seinen guten Anzug angezogen hatte, den langen schwarzen Rock von

der gestrigen Feier und die Manschetten und den schwarzen Bindeschlips

... Es war Sommer. Eventuell konnte man draußen schlafen. Es war nachts

nur kurze Zeit dunkel. Wie schön war es im Sommer ... Man wird denken,

ich käme erst jetzt von einer Festlichkeit heim, ging ihm durch den

Kopf. Ein Gefühl der Scham ließ ihn sich umschauen, aber dann verwarf er

seine Befürchtungen unwirsch.

»Daran denke ich nun, wo so wichtige Dinge vorgehen sollten,« schalt er

sich.

Wäre nur jener Name nicht gefallen, eben, als er fortgeeilt war. Dieser

Name, den er angstvoll in den schlaflosen Stunden dieser Nacht mit den

schaurigen Vorfällen in Zusammenhang gebracht hatte, die gestern

geschehn waren.

»O dich kenn ich!« rief er grimmig und ballte die Fäuste. »Aber auch

meine Stunde kommt. Wehe dir! Wehe dir!« Er glaubte seiner Drohung alle

Macht, verschärfte sie böse und vergaß Anne-Dore fast völlig im Rausch

seines Zorns. Aber alle heimlichen Schmähungen, die er aneinanderreihte,

verwarf er, lenkte ein, verdoppelte sie wieder hämisch und suchte alle

seine Erlebnisse mit Mark Enz herbei, um sie zu belegen. Aber

schließlich stand er im heißen Widerstreit seiner Erkenntnisse vor einem

bösen Nichts. Er blieb stehn und sagte laut:

»Das ist es alles nicht. Anne-Dore hat dich lieb. Wer bist du?«

Und unter dieser heißen Gewißheit, die wie eine unerkennbare,

schleppende Krankheit schmerzte, sah er plötzlich das verhaßte Angesicht

in einen Schein von Hoheit gelegt, in einer heldenhaften Feier über sein

eigenes, armes Vermögen erhoben, und aller Liebe würdig. -- Sein Haß

schien ihn zu necken, aber er erlag dieser neuen Regung, sah sich selber

traurig und arm, weit abgestellt, ein verschmähter Diener.

Doch, doch, das mußte jeder Neid dem andern lassen, er war stark,

selbständig und eigenwillig. Was er wollte, erreichte er. Aber unwürdig

war er doch, ein schlechter Sachwalter seiner Gaben, deren Reichtum er

nicht verdiente, ein lässiger Verweser der Geschenke, mit denen ein

unvernünftiges Schicksal ihn betraut hatte. Er hielt nichts auf sich,

das war es. Und Friedberg wußte, beinahe beruhigt, eine Reihe von

Ereignissen, die ihm seine Erkenntnis bekräftigten. Und keinen Stolz hat

er, das soll man nicht vergessen. Wer etwas auf sich hält, kann sich

nicht so rasch herbeilassen, folgt nicht so unbedacht jeder Regung des

Herzens.

Und Friedberg langte eigen erhoben und neu gefestigt am Hause des Arztes

an: er hält nichts auf sich. Er ist keiner Liebe wert. Ein reiches und

großes Herz beugt sich dankbar unter die Gunst des Lebens und kann

Empfangenes bewahren und achten.

Stärker als je wuchs der Wille in ihm empor, all seine Kräfte einzig in

den Dienst nur einer Sache zu stellen: Anne-Dore aus diesen unwürdigen

Händen zu reißen. Noch erschien es ihm nicht zu spät, und ein neues

Geschick schien sich ihm grausam und doch liebevoll zu verbinden. --

Aber seltsam gelassen schaute es ihn aus den Drohungen heraus an, die

die bösen Begebenheiten enthielten, mit kalten, hellen Augen, die hart

lächelten und verschwiegen triumphierten. Es kommt alles anders, wußte

er plötzlich in einem Gefühl widerwärtiger und ruchloser Begierde, die

die Zähne aufeinanderpressen ließ und das Blut peinvoll fühlbar machte,

giftig und süß. --

* * * * *

Herr Sanitätsrat Claußen folgte dem Ruf erst gegen zehn Uhr am

Vormittag. Das Vorfahren seines Wagens wirkte wie eine Lösung auf alle

Wartenden. Lotte war inzwischen noch einmal geschickt worden, kehrte

aber unverrichteter Sache heim, da der Arzt seine Wohnung schon

verlassen hatte. Nun mußte man sich gedulden. Herr Missionar Wendel

hatte still und eifrig mit kalten Umschlägen die heiße Stirn seiner

Tochter gekühlt, ihre Hände gehalten, die sich nicht wehrten, und

flehende Gebete vor den Thron seines Gottes geschickt, dessen Walten ihm

in diesen unverständlichen Vorfällen unergründbar erschien.

Als der Wagen vor dem Garten hielt, eilte Herr Wendel selbst an die

Haustür, um zu öffnen. Und nun, da der Arzt ohne viel Fragen, in

einschüchternder Sachlichkeit und scheinbar grausam anteillos sich in

Anne-Dores Zimmer hatte führen lassen, schritt er stumm, mit geneigtem

Kopf und ruhlos besorgt in seinem kleinen Garten auf und ab.

Die Luft wartete auf Regen, es war nicht warm und nicht kalt und kein

Wind bewegte die Zweige der Bäume, an denen die Früchte zu reifen

begannen und die mit dem Land auf Regen zu hoffen schienen, geduldig und

gut. Die Rosen neigten sich an ihren hohen, wohlgepflegten Stöcken,

senkten die vollen Kelche und trugen Tautropfen, die kühl vom Wind der

hellen Nacht waren.

Wie quälte die stille Geduld der Pflanzen und das graue Zögern des

Himmels. Es überredete die Seele, aber vergeblich erhoben die großen

Mahnungen der heilenden Natur sich vor der Qual dieses zitternden

Herzens. Der alte Mann starrte mit schmerzvollem Gesicht in den Morgen

hinaus. -- Ein großäugiger Engel schien zögernd in den Frieden seines

Heimes eingekehrt, herrschsüchtig und still. Er verriet der fragenden

Seele nicht, ob sein Wesen Huld oder Strenge, Licht oder Finsternis

barg, wie ein schweigender Bote eines nahenden Schicksals, der wider

Willen verkündete, wer ihn gesandt hatte. Seine lautlose Gegenwart

erinnerte das schwache Herz jählings daran, daß die Welt keine Zuflucht

bietet, wenn ein Leid hereinbricht, und daß keine Macht im Himmel und

auf der Erde den dunklen Zug der Schmerzen hindern kann, die die Seele

eines Menschen erwählt haben.

Lange nach allen Ereignissen, spät und im Schatten seines Lebensabends,

gedachte Herr Wendel dieser Stunden und alles Kommenden, in jener bösen

und beinahe unversöhnbaren Deutlichkeit, die die einzigen und schwersten

Ereignisse des ganzen Lebens behalten können. Und immer blieb in der

Erinnerung etwas von jenem Schwindel, in die grausame und harte

Schicksale ein Herz bringen können. Alle wilde Klarheit, die diese

Geschehnisse aus der Welt seiner Vorstellungen und Erlebnisse rückte,

ließ doch die seltsam bedrückende Angst im Herzen zurück, als wären

seine Augen verbunden gewesen und als hätten die Sinne in einem

schrecklichen, wachen Schlaf gelegen. Wie demütigte diese Huld einer

fremden Güte tief, die mit den Menschen umging, als seien sie törichte

Kinder, und die sie zugleich bewahrte, als seien sie törichte Kinder. --

»Mach mein Herz demütig«, betete er im stillen, als er ins Wohnzimmer

eintrat, in das der Arzt ihn nun hatte bitten lassen, und in dem er

erfahren sollte, wie es um sein Glück stand und um alle Freude seines

Lebens.

Das Gesicht, in das er forschend schaute, verriet ihm nichts. Der Herr

Sanitätsrat rückte ihm einen Stuhl hin. Es war ganz augenscheinlich, er

kokettierte ein wenig mit der Macht, die ihm für kurz die Umstände

einräumten, dieser Herr, der sich in seiner Gelassenheit wichtig fühlte

und gefiel, und dem die bangende Hoffnung schmeichelte, die jetzt von

seinem Ausspruch ihr Heil oder ihren Untergang erwartete.

Er wies Herrn Wendel mit sehr beherrschter und höflicher Gebärde auf den

Stuhl, auf den jener sich sinken ließ, ohne recht zu wissen, daß er es

tat, und immer die Blicke im Gesicht des andern. Seine hastige Frage

schien jener zu überhören, er ordnete irgendein blinkendes, fremdartiges

Instrument in ein Taschenetui ein und sagte:

»Sprechen wir mit viel Ruhe miteinander, lieber Herr Missionar, das ist

in jedem ernsten Fall das erste Gebot Einsichtiger, die helfen möchten.«

Herr Wendel stand auf:

»Sagen Sie mir, ob meine Tochter in Gefahr ist oder nicht.«

»Bitte, beruhigen Sie sich. Ich müßte Ihnen die bedeutsamsten

Einzelheiten vorenthalten, wenn ich Ihrer Gelassenheit kein Vertrauen

schenken dürfte. Und in diesem Fall hängt viel von einer sachkundigen

und besonnenen Behandlung ab. Zunächst bedarf es der Pflege einer

geschulten Kraft, ich lasse Ihnen noch heute mittag eine barmherzige

Schwester aus dem Ursula-Spital senden, unter den protestantischen

Schwestern wird kaum eine abkömmlich sein. Es wird Ihnen nichts

ausmachen, denke ich ...«

Er kritzelte, kurzsichtig vorgeneigt, auf seinem Rezeptblock. Eigentlich

war genug gesagt. Herr Wendel zitterte so heftig, daß er nicht sprechen

konnte, seine Hände flogen. Er preßte sie auf die Knie und wartete in

heißer Angst.

»Der junge Herr, den Sie im Hause haben, hat mich über die Geschehnisse

in Kenntnis gesetzt, die zurückliegen, und denen wir diesen bösen Fall

verdanken. Es liegt eine so schwere Gehirnerschütterung zugrunde, daß

beim Stand des heutigen Fiebers wohl kaum so bald auf eine Wiederkehr

des Bewußtseins gerechnet werden kann.«

»Lieber, lieber Gott«, stöhnte Herr Wendel auf.

»Es liegt kein Grund vor, alle Hoffnung fahren zu lassen, aber ich halte

es für meine Pflicht, Sie zu unterrichten. Wir Ärzte machen in der Regel

die übelsten Erfahrungen mit jedem falschen Trost, den wir gewähren ...«

Herr Wendel war aufgesprungen und taumelte im Zimmer umher, so daß der

Arzt ihn stützen mußte, beinah erstaunt über soviel Mangel an

Selbstbeherrschung, wo es doch galt, die Kräfte für ernste

Hilfsbereitschaft zu sparen.

»Es ist nicht dies allein«, sagte er nachdenklich und scheinbar

unentschlossen, während er, die Hände auf dem Rücken und die Stirn in

strenge Falten gelegt, im Zimmer auf und ab schritt, immer an Herrn

Wendel vorbei, der schwer und wie gebrochen, wortlos auf seinen Stuhl

gesunken war. Nun war er auf dem Fußboden und man hörte seine wichtig

knarrenden Stiefel, nun dämpfte der Teppich seinen Schritt. Nun war es

umgekehrt.

»Sie peinigen mich«, sagte Herr Wendel leise. »Bitte, sprechen Sie

ausführlich, sagen Sie mir alles, ich muß es ja tragen, wie es nun

kommen soll.«

Er fuhr mit den Händen durch seinen grauen Bart, rang mühsam um Fassung

und suchte sich den Anschein zu geben, als sei er wohl beherrscht und

stark. Aber seine Gebärden waren beinahe drollig in ihrer Hilflosigkeit.

Niemand führte sie und niemand verstand, was sie bekundeten.

»Es kommt noch etwas hinzu,« fuhr der Arzt in einem Tone fort, der nicht

an die Bitte des andern anschloß, sondern nur seine Nachdenklichkeit

verriet und sein Bewußtsein für den Ernst seines Berufs, »es kommt zu

ungeeigneter Zeit und ist ein böses Zusammentreffen. Aber darüber

spreche ich wohl besser mit der Mutter.«

Herr Wendel hob den Kopf.

»Meine Frau ist verreist .. sagen Sie es zu mir.«

»Sie wollen, daß ich es Ihnen sage? -- Nun, es ist wohl auch meine

Schuldigkeit: Ihre Tochter ist im dritten Monat schwanger.«

Er bereute es sofort, der Sanitätsrat, eigentlich schon, bevor er

ausgeredet hatte. Man hätte, so gefahrvoll die Dinge nun einmal lagen,

auch warten können. Aber nun war es mitgeteilt, nun mußte es ertragen

werden.

»Was?« fragte der Mann vor ihm mit einem so trostlosen Ausdruck von

Schreck und Angst in den Augen, daß der Arzt um seinen Verstand zu

fürchten begann. Und noch einmal: »Was?« Aber er hatte verstanden.

Er erhob sich schaukelnd mit einem beinahe kindischen Lachen, winkte mit

der Hand hoch in die Luft, als gäbe er jemanden den Rat, sich fern zu

halten, und stotterte:

»Sie irren sich, mein Herr! Ärzte irren zuweilen ... es ist vorgekommen,

daß Ärzte Irrtümer begangen haben. Was Sie sagen, ist ganz unmöglich,

merken Sie es sich ...«

Aber er wußte schon selber, daß hier eine Wahrheit ausgesprochen worden

war. Er wußte es plötzlich mit dem klaren Instinkt eines Liebenden, der

lange in qualvollen Zweifeln gelitten hat, und der nun die furchtbare

Wahrheit glauben muß, weil er mit allem Schmerz zugleich auch ihr

Erlösendes fühlt, ihre befreiende Kraft von der schweren Finsternis

einsamer Zweifel. Aber dann übermannte ihn doch jählings die ganze

Bitternis dieser schrecklichen Wirklichkeit; mit trockenem, ruckweisem

Schluchzen trat er vor, seine schwachen, zitternden Fäuste geballt, und

blieb so vor dem Arzt stehn und mit bebenden Lippen schrie er lallend:

»Warum -- haben Sie mir -- das gesagt? -- Nein, nein, nein, das durften

Sie mir nicht sagen, das nicht. O später -- wenn wir einmal vor Gott

stehn, vor dem Thron Gottes, wir beide, dann sollen Sie mir Rede stehn,

warum Sie mir das gesagt haben ...«

Die Ergriffenheit und die Verlegenheit des Arztes schlugen in Zorn um,

weil er merkte, daß er nicht mehr gutmachen konnte, was er voreilig

angerichtet hatte. Wie kam man ihm hier aber auch entgegen, ihm, dem

Sanitätsrat Claußen! Ich bin ein Opfer meines schweren Berufs, dachte er

und schritt aufgeregt im Zimmer umher. Hatte er etwa seine Pflicht

vernachlässigt?

Erst als er sah, daß Herr Wendel still und gebrochen in seine Hände

weinte, ohne den alten, drohenden Zorn und ohne Anklage, gewann er seine

gelassene Ruhe wieder, versuchte zu trösten und zu erklären. Es wäre nun

einmal so in der argen Welt und die Jungen machten es nicht besser, als

früher die Alten es gemacht hätten. Aber alles sei menschlich und sähe

sich nur anfangs so schlimm an. Ach, er glaube ja gar nicht, an wie

vielerlei die Menschen sich gewöhnen könnten.

Nein, gegen dies ratlose Weinen kam niemand an. So gab denn der Arzt

Herrn Friedberg und dem Dienstmädchen die nötigsten Anweisungen,

versprach, die barmherzige Schwester selbst sofort zu bestellen und zu

unterweisen, und sagte seinen erneuten Besuch für den Abend zu.

Vierzehntes Kapitel.

Dann kam jener klare kühle Sommermorgen, der strahlend und hell über

Hildenrot heraufzog, den Mark Enz wie einen Blitz erkannte, als er

jählings erwachte. Farbenreich, grün, rot und hoch und jubelnd vor

Frische, eingetaucht in die blausilberne Seide der sinkenden Dämmerung,

lag vor seinen weit offenen Fenstern die Welt.

Aber was war es, das ihn so wild emporgerissen hatte? Nun wieder: ein

dumpfes Poltern, dann rief eine Stimme rauh, häßlich und heiser seinen

Namen. Es wurde roh und stürmisch an seine Tür geschlagen, und als er

emporsprang und sie aufriß, schaukelte derb und schwarz der Kandidat

Friedberg ins Zimmer, rang mit lautem Keuchen nach Atem, fuchtelte mit

den Armen durch die Luft und wies hinter sich:

»Anne-Dore stirbt!« schrie er.

Und nun half er Mark Enz beim Ankleiden, überhastig und völlig verstört,

eher hinderlich als fördernd. Er trug ihm die Stiefel herbei und suchte

seinen Rock, gab ihm den Hut und zog ihn förmlich mit sich heraus.

»Du mußt kommen, rasch, rasch! Sie will es«, keuchte er, als sie über

die Waldwege liefen. »Sie hat mich gebeten, mich hat sie gebeten, dich

zu holen. Ich habe es getan, nun .. das siehst du ja --. Aber bitte,

versteh mich .... nur rasch, rasch!«

Er war völlig erschöpft und wie von Sinnen.

»Warum bist du nicht eher gekommen?« fragte Enzheim.

Da brach Friedberg mitten auf dem Wege zusammen und stöhnte wild. Er

umklammerte die Knie des andern, der ihn aufrichten wollte, und wand

sich wie ein Besessener.

»Vergib mir!« schrie er, »vergib! Auch dir wird man vergeben müssen,

auch dir. Sei barmherzig, ich habe nicht gekonnt. Ich habe geglaubt, es

meinem Gott schuldig zu sein, daß ich dich fernhielt. Ich weiß alles ...

man hat mich beschuldigt, daher weiß ich, daß du ..., daß Anne-Dore

Mutter wird. Höre mich zu Ende: Ich habe geschwiegen -- sie -- hat mich

-- schon vor -- drei Tagen gebeten, auch nachts, dich zu holen, aber ich

habe -- sie belogen.«

Mark Enz wurde totenblaß. Er riß die Hände des Wimmernden von seinem

Körper und sprang zurück, als fürchte er, sich an ihm zu vergreifen.

»Dein Gott mag dein Richter sein,« stotterte er in einem Grauen, das ihn

schmerzte. Dann wandte er sich ab, kurz, hart, die Schultern flogen, und

stürmte den Waldweg hinunter, wie auf der Jagd um sein Leben. --

Der unschuldige Wald ward wieder morgendlich still und voll heimlicher

Feier, als habe er alles wohl vergessen, was Menschen in ihn

hineingetragen. Helle Vogelstimmen in kurzen jubilierenden Lauten, die

kein Lied mehr wurden, tönten aus dem niedrigen Buschwerk und hoch aus

den feinbewegten Kronen. Langsam stieg die goldene Sonne höher, ihr

Licht wurde weißer und alles verhieß einen langen, heißen Tag. -- Quer

über den schmalen, grauen Fußweg, das Gesicht und die Hände im Laub, lag

dunkel und schwer ein großer junger Mensch, schwarz und still, als sei

er tot. Nur die stoßende Brust verriet sein Leben, und ein wenig weiter,

auf Missionar Wendels Landhaus zu, lag am Wegrand ein Hut im Gras.

Alle im Hause Wendel schienen vorbereitet, als nun Mark Enz es betrat.

Er begegnete niemandem, als dem Dienstmädchen, das ihm weinend und stumm

den Weg wies. Im Halbdunkel des Schlafzimmers sah er, wie schwarz, mit

einer schimmernden weißen Haube, eine Krankenschwester sich wortlos

erhob, dann Anne-Dore vorsichtig und schonend etwas zuflüsterte, die Tür

hinter ihm zuzog und ihn mit dem Mädchen allein ließ. Auch die Schwester

schien eingeweiht und mit den andern dem Schicksal ergeben, das dieser

Mann über dies Haus heraufbeschworen hatte. Ja, sie war es gewesen, die

Missionar Wendel überredet hatte, seinem sterbenskranken Kinde den

Willen zu tun. Sie, die an manchem Bett gesessen, dessen Leidende sich

ihr vertraut, sagte schluchzend zu dem alten Mann: »Sie versündigen

sich, wenn Sie Ihrem Kinde nicht diesen Wunsch erfüllen, den letzten

vielleicht. Sie bittet nicht mehr, das ist das Schreckliche. Aber ihre

Augen, ihr Herz, ihre Hände -- -- Gott, es ist wahrhaftig so, als

bluteten sie vor Verlangen.«

Da hatte Herr Wendel genickt, mit einem Gesicht, als sei ihm für immer

seine Welt in einer neuen fremden versunken, in der sich sein Kopf nicht

mehr zurechtfinden konnte, und noch weniger sein verarmtes Herz. --

Mark Enz hörte seinen Namen, ein Stöhnen, das ihn bedeuten sollte.

Schmal und weiß tauchten zwei fiebernde Arme aus dem Dämmern empor und

suchten ihn. Er beugte sich unter ihrem matten Liebesgruß und kniete an

ihrem Bett.

»Mark, Mark, muß ich sterben?« stöhnte sie in sein Haar.

Durch ihr loses Hemd, über Schultern und Brust hin, hatte er flüchtig

ihren Körper gesehn, schnell und mit jähem, furchtbarem Erschrecken. War

es möglich, daß in so kurzer Zeit ein Mensch so völlig verändert werden

konnte?

In einem Taumel von namenloser Wut und kaltem Entsetzen fühlte er: so

kommt der Tod. Nicht wie die jugendlichen Träume unserer Kraft ihn sehn,

sondern so, schleichend, allgewaltig, gemein, lieblos. Er konnte seine

Opfer klein und erbärmlich machen, bevor er sie in seine ewige Nacht

dahinraffte. Er entkleidete sie ihrer Schönheit und Wärme, erbarmungslos

zerstörte sein Odem den jugendtrunkenen Glauben an Hoheit und fromme

Hingabe an sein Friedensreich.

Mark Enz kämpfte einen harten Kampf gegen sein Mitleid, das stärker zu

werden drohte, als jedes andere Gefühl. Es war ein Mitleid, in dem er

seine ganze Ohnmacht erkannte, seine Todesangst vor der Macht, die hier

wirkte und seinen Haß gegen sie. Erst als sie sprach, war er befreit,

denn ihre Stimme war ganz die gleiche geblieben wie früher, nur

erreichte sie ihn langsamer und trauriger, aber sie gehörte doch noch

dem Leben an, auch seinem Leben, ihr Klang war Hoffnung, und wenn auch

nur ein matter Abglanz.

Er hatte ihr nicht geantwortet. Da sagte sie deutlich und leise mit

schwerfälligen Lippen:

»Wer bist du, ich kenn dich nicht, Mark. Was hast du von mir gewollt und

was hast du aus mir gemacht? Ich habe geglaubt, ich sollte alles finden.

Was nur? Mark, sag es. -- Willst du es mir nicht sagen? Warst du auch

betört wie ich, und hast mich in deine Torheit gezogen? -- Sieh, es ist

alles halb geblieben und ich bin verloren. Weil du bist, weil du lebst

und führst, einhergehst, darum kann ich nicht mehr umkehren. Oft möchte

ich, aber ich muß immer auf dich schauen. Warum bist du nicht gekommen?

Es ist schon so spät ...«

Er besann sich und faßte sich:

»Hat es dir Friedberg nicht gesagt, mein Liebling?«

»Ja, er hat gesagt, du seist fortgereist.«

»So war es«, antwortete er bebend. »Ich mußte reisen.«

Sie lächelte flüchtig, ein wenig in Gedanken an Friedberg und auch, weil

sie von ihrer Furcht befreit war, Mark hätte nicht kommen wollen.

Aber dann sagte sie ernst, ganz versunken in ihre schwermütige

Traurigkeit:

»O, du bist nicht groß und stark, wie ich geglaubt habe, du bist haltlos

und schwach. An dir ist alles halb, alles wankelmütig, und dein Herz ist

ohne Hingabe. Warum hast du mich auf deinen bösen Weg gelockt, der kein

Ziel hat? Wohin gehst du? Mein Weg war vielleicht leer und arm -- du

weißt es nicht, nur ich weiß, wie er war, er war einfach und führte zu

meiner Ruhe, er ließ mir mein Wesen und ich wäre vielleicht glücklich

erwacht. Du bist fremd ...«

Er richtete sich auf, hielt sie mühsam und sah sie an. Sie beugte sich

immer noch gegen ihn, stützte sich schwach und hinfällig an seiner

gebeugten Schulter, kniend in ihrem Bett. Es sah aus, als versänke sie

weiß und erstorben, wenn nicht ihre beiden kraftlosen Arme, deren Hände

sich in seinem Nacken falteten, an seinem Hals Halt gefunden hätten.

Ganz nah vor seinem Gesicht flüsterte sie fort:

»Wenn du mein eigen geworden wärst ... aber du hast mir niemals gehört.«

Sie sah sein Gesicht und in gequälter Hast fuhr sie fort:

»Glaube nicht, ich hätte dich nicht lieb gehabt, Mark. O, ich will dir

ja nichts nehmen, du sollst alles behalten. Aber bitte, sag es mir doch

heute, nun wird es dir ja nicht mehr Schaden tun: du hast mich nicht

sehr lieb gehabt, nicht wahr? Nur ein wenig ...«

Er sah sie an, ohne zu antworten. Die tiefe Trauer in seinem Gesicht

schien befleckt wie durch Gedanken. Es war, als könnte er sich auch

seinem Schmerz nicht hingeben.

»Muß es denn so unter den Menschen sein, so, und nicht anders?« fragte

sie wieder sehr leise. »Ist es nicht möglich auf der Erde, daß durch

Liebe Kräfte erstehn, die unsere Armut zu Vollkommenem ergänzen? Daß

alles gut ist und die Sehnsucht still wird, daß sie Flügel hat und ihren

Weg weiß ...«

Da hörte sie ihn qualvoll aufschluchzen, als würde seine Brust in einer

Demut gebeugt, der sie trotzte. Er schlug seine Hände vor das blasse

Gesicht und weinte, weinte laut und haltlos und ungestüm, wie ein

verstörtes Kind.

»O, o,« rief sie zitternd, »doch, doch?« Sie richtete sich mühevoll auf,

aber ganz hell im Gesicht vor Seligkeit und wie von geheiltem Gram. Sie

nahm seine Hände von den Augen, zog sie nieder, und küßte die ersten

Tränen, die sie je bei ihm gesehn, von seinem Gesicht, mit den letzten

Küssen, die sie geben sollte.

Da hob er sie auf und bettete sie stark und gefaßt in ihre Decken, ruhig

und so liebevoll, wie nur einer sein kann, dessen ganzer Stolz seine

Einsamkeit ist. Es war, als schmiegte sie sich noch einmal in seine

Hände. Ein Glanz reicher und ruhiger Freude lag in ihrem Gesicht, als

habe aller Widerstreit ihrer Seele Erlösung gefunden, als hätten ihre

Augen eine Zukunft geschaut, der auch sie gedient, als wüßte sie nun

wohl, warum alles so und nicht anders hatte sein müssen: nun gehe ich

gern zu meiner Ruhe, da ich es kann im Glauben an das, was ich geliebt

habe.

Ob es eine letzte irdische Gewißheit war, die sie beglückte, oder ein

erster Traum aus einem Land, in dessen Frieden alle Sehnsucht heilt;

niemand hat auf der Erde ihren Kindersinn darum befragt, auch er nicht,

der ihre Hände hielt, bis sie bleich in seinen schliefen, und ihren

bebenden Druck nicht mehr erwidern konnten, wie einst den ersten.

* * * * *

Immer standen im Hause die Türen auf, es zog durch die offenen Fenster,

eine blasse Ratlosigkeit herrschte überall. Die alltäglichsten Dinge

nahmen eine seltsame Würde an und behaupteten sich gewichtig und in

einem neuen Licht. Vielleicht lag es daran, daß seit Tagen alle Ordnung

und die gewohnte sichere Lebensführung zerstört waren. Lotte fühlte sich

tief bedrückt dadurch, daß niemand mehr ihre alten Pflichten von ihr

verlangte, nur rasche, unerwartete, aufregende Handlungen forderte man,

Dienste, die nicht beachtet wurden. Sie hatte das Bedürfnis, diese

offene Tür zu benutzen, um zu flüchten, fort aus diesen Räumen, deren

Öde von Verfall sprach. Wäre nur alles erst vorüber, dachte sie, alles.

Denn daß es sich zum besten wenden möchte, daran glaubte niemand mehr,

nur der Sanitätsrat sagte es, und die andern wiederholten es. Gott, was

ließ sich nicht alles mit Worten wiederholen. -- Die Herzen schwiegen

und warteten. Irgendwo schlich eine Freude in den Winkeln umher, eine

widerwärtige Freude, etwas wie ein hämischer Triumph. Er war hinter

einem, gebar lüsterne Gedanken und schuf ein Lebensbewußtsein, das man

verachten mußte. Das drohende Etwas im Hause galt Anne-Dore, die andern

blieben verschont, konnten in den sonnigen Garten gehn, wenn sie

wollten, über die Straße, in die laute Stadt, wohin sie mochten. Und

morgen auch noch, o, noch lange. Es kicherte in der Luft, machte das

warme Blut des Körpers auf ganz neue Art fühlbar, rückte den großen

Schmerz beiseit, wie eine schwere, niederströmende Wolke wurde er, die

man in sicherer Behausung vorüberziehen sah. Erst der Gedanke an die

Erinnerung, die man an ihm haben mochte, lockte die Tränen.

Frau Wendel kam nicht. Lotte mußte an jeden Zug, der sie irgend bringen

konnte. Es war noch nicht einmal Nachricht von ihr angekommen, und man

fürchtete ernstlich, daß die Botschaft Unheil angerichtet hätte. Aber

sie hatte dringend sein müssen, weil sie erst im letzten Augenblick

abgegangen war, immer noch war Hoffnung geblieben, die Mutter ganz

verschonen zu können. --

Missionar Wendel rang einsam in seinem Zimmer auf den Knien mit seinem

Gott. »Erhalte mein Kind,« betete er, »du bist getreu, der uns nicht

läßt versuchen über unser Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so

ein Ende gewinne, daß wir's können ertragen.« Und er fügte stotternd und

im Fieber seiner furchtbaren Angst ein trostreiches Bibelwort an das

andere. Aber das in mühseliger Ergebung in so vielen Jahren errichtete

Gebäude seiner Glaubenszuversicht stürzte unter dem kalten Angesicht der

Todesfurcht zusammen, die ihn schüttelte. Sein gemartertes Herz

verwirrte ihm jeden Gedanken und mitten in die zerfahrene Inbrunst eines

gestammelten Gebetes hinein schrie der alte Mann laut:

»Anne-Dore, mein Kind, mein einziges Kind, das ich hab. Ich hab sonst

nichts.«

Und dann kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er ihr einst verboten hatte,

ihre Zöpfe noch zu tragen, damals, als Friedberg ins Haus genommen

wurde. Das war ihr sicher ein Kummer gewesen, sie hatte gewißlich

heimlich Freude daran gehabt und er hatte sie ihr verdorben. Auch hatte

sie nie so schöne Kleider besessen wie die vornehmen Damen beim

Tennisspiel, und konnte deren Freude niemals teilen. Aber wieviel gab es

nicht, das er ihr hätte als Ersatz bieten können, und es war

unterblieben; wie unachtsam war seine Liebe gewesen. Diese kleinen Dinge

ihres alltäglichen Zusammenlebens! Sie drängten sich vor und marterten

ihn; die schweren bösen Ereignisse, seine letzte bittere Erfahrung

schienen ihm gering dagegen, nichts als eine Gelegenheit, vergeben zu

können. Heimlich dankte er ihr fast für jede Schuld, die sie begangen

hatte, als ruhte darin ein Schein von Trost für ihn und seine geringe

Liebe. Wenn nur das Schreckliche vorüberzog, das sein Haus bedrohte.

Grausam zertrümmerte ihm das Gespenst des nahenden Todes alle stillen

Altäre seines Glaubens, die ihn in gelassener Zeit so oft mit Trost und

Segen bedacht hatten. Lautlos zerbarsten sie im Odem der Nacht, die

heraufzog, deren Gewalt sein Leben noch nicht in der eigenen Seele

erfahren hatte.

Nun wünschte er sich, seine Gattin wäre da. Ihr ruhiges Gottvertrauen,

ihre unerschütterliche Kraft, sich dem Willen des Allmächtigen zu fügen,

würde auch ihm Halt gegeben haben. Aber dann war ihm plötzlich, als habe

er im Grunde nie mit ihr geteilt, auch seine Liebe zu Anne-Dore nicht,

als sei sie ganz anders wie er, nicht gläubiger und nicht stärker,

sondern armseliger. Es stieg etwas wie eine Verachtung gegen sie in

seinem Herzen auf und der Wunsch, seine Schmerzen mit ihr zu teilen, war

nicht mehr da. Zerfiel denn alles? Welch eine Kraft war in seinen Wandel

eingebrochen? Ihm war, als schaute er auf eine endlose Kette von

Täuschungen zurück und er fühlte sich grenzenlos verlassen, bis aus

diesem Gram, im kurzen Sonnenschein seiner verlorenen Jugend, das Bild

seiner toten Mutter stieg. Er hatte sie längst vergessen, als wäre ihre

Treue nie sein Eigentum gewesen, und ganz plötzlich, als ein grimmiger

und süßer Kummer, wurde ihm klar: auch du hast keine Mutter gehabt,

meine Anne-Dore. Nur mich hast du gehabt, aber was bin ich dir gewesen?

Und ihn, den Fremden, hatte sie gehabt, der sie betrogen und gar

verlassen hatte, den mußte sie sehr, o, von Herzen geliebt haben. Er

hatte ihren Tod verschuldet und doch rief sie ihn an ihr Leidensbett.

Haßte er denn diesen Fremden? Nein, es war kein Haß, es war eine Scheu,

ein Graun. Wie konnte ein Mensch den Reichtum solcher Liebe, wie sein

Kind sie gab, ertragen, wie konnte er verantworten, ihn zu verachten,

wie konnte er ihn missen, diesen Reichtum? War jener stark und reich,

segnete ihn dies wunderbare und unverständliche Leben? -- Er wußte es

nicht. Er empfand nur, daß er selber bitterlich arm war, weil er nie das

Vertrauen seines Kindes besessen hatte, nie in ihre Seele geschaut, nie

ihr Weh und ihre Lust geteilt hatte. War er denn am Leben vorübergegangen

in all seinen langen Jahren? Unter seinen Tränen erstarrten ihm die

müden Augen und er sah, wie eine Vision ferner Regionen des Seins, die

Gestalt des jungen Fremden sein Haus betreten, bleich und hastig, eine

böse Gelassenheit im Gesicht, sicher, als gäbe es kein Recht für ihn,

dessen Pflichten er nicht erfüllt hätte. Und dann war er kurz darauf

fortgegangen, ohne ein Wort für ihn oder die anderen, ungebeugt, und

doch ging eine Traurigkeit von ihm aus, die keine Vernunft fassen

konnte. Und er ließ sein Kind liegen und sterben und ging, um sein Leben

zu leben....

»Gott, Gott, sei du sein barmherziger Richter«, stöhnte der alte Mann.

Stürme von Hoffnungslosigkeit wechselten mit einer leeren Ruhe, in der

kleine, törichte Gedanken kamen und ihn zu verspotten schienen. Da hob

der gequälte Mann den segnenden Christus von seinem Wandbrett,

umklammerte die tönerne Figur mit seinen großen, zitternden Händen und

ließ in verwirrten Gebeten seine Tränen auf diesen unberührbaren

Scheitel tropfen. Aber die Hoheit der machtvollen Liebesworte, die

dieser Mann der Menschheit gesagt hatte, wurden ihm von Schmerz und Not

in dieser Stunde in hohle Phrasen verwandelt. Eine endlose Öde der

Bekümmernis gähnte den Betenden aus der Zukunft her an, ein Weg, leer an

Liebe und Glück, bis zum Abschluß seines armen Lebens. Da preßte sich

aus seinem ringenden Leib, von der schwer atmenden Brust gestoßen, der

erste Fluch über seine Lippen, den er im Leben ausgestoßen hatte. Er hob

die Faust gegen das Heilandsbild und sank gebrochen und von kaltem

Fieber geschüttelt auf den bunten Strohteppich seines Zimmers. Aber

keins seiner Gebete und kein Fluch, der seinem Munde entfahren war,

bewirkten, daß auch nur ein Schein von Linderung die Züge seines

sterbenden Kindes glättete. --

Es war am Mittag desselben Tages, da erlitt Anne-Dore ihren schweren

Tod. Niemand war bei ihr, als ihre Nacht heraufzog. Die Stimmen der

Ihren an ihrem Bett reichten nicht mehr zu ihr, an die Ufer des

finsteren Reichs hinüber, das schweigend seine Schatten um ihr

beschlossenes Dasein legte.

Sie starb ohne Bewußtsein, in furchtbarem Ringen um ihre letzten

Atemzüge, man mußte sie im Bett halten, und ihre Brust keuchte noch,

nachdem schon lange ihre Augen erloschen schienen. Zuletzt wollte sie

sich noch einmal aufrichten, es war, als ließe das schwere Haar es nicht

zu, so hoben sich nur ihre Arme, und vor ihnen und höher als sie, die

schmalen Hände, deren Tasten schwach und schaurig war. Ihre großen

leeren Augen suchten über ihr. Man öffnete die Fenster und ließ das

volle Tageslicht in den Raum, den Glanz des strahlenden Mittags, der die

erfüllte Erde sommerlich beglückte.

Da kam ein schmerzvolles Lächeln in das verlöschende Licht ihrer Züge.

Sie schloß die Augen. Es sank rot und schimmernd auf ihren letzten

irdischen Traum. Ein gewaltiges Meer von Rosen brauste leuchtend heran,

im Klingen eines Lichts, das über die Erde zog. Es überwältigte in

betäubend bitterer Allmacht und begrub ihre kurze Jugend und brauste

fort.

An ihrem Sterbelager betete ihr Vater, lallend, und von Schluchzen

überwunden:

».... denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine

ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit. Schaff sie meinem Kind,

du Heiland der Welt, Herr Jesus Christus.« --

* * * * *

Mark Enz schritt durch den Wald; die Felder nahmen ihn in ihrer

reifenden Fülle auf, wieder der Wald und endlich die breite, rote Heide,

ein blühendes Meer. Es zog eine Schar Kinder singend mit ihrer Lehrerin

dahin, immer zwei und zwei schritten sie und hatten sich bei den Händen

gefaßt. Die weißen Kleidchen und die Blondköpfe leuchteten über dem Korn

und am grünen Hintergrund der Buchen. Er hörte die hellen Stimmen, die

fein und inbrünstig erklangen, der Sonne und dem schönen Tag dankbar, da

blieb er stehn und lauschte:

»Des Sommers goldner Segen

liegt auf den Feldern still und heiß.

Wir finden Mohn und Ehrenpreis

auf unsern lieben Wegen.«

Das Lied verklang im Heidegrund, und der Wald nahm die kindlichen

Sängerinnen in seinem Schatten auf. Die Welt ward still.

Ende.

Liste korrigierter Druckfehler:

Seite 27, Komma eingefügt (In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und

Finken, es glühte von rotem Gold)

Seite 99, "Erlösunswerk" geändert in "Erlösungswerk" (Und es galt das

Erlösungswerk vollkommen zu machen,)

Ab Seite 118 änderte sich im Original die Schreibweise des Namens

"Jacoby" in "Jakoby". Die Schreibweise wurde durchgehend angeglichen.

Seite 134, Punkt am Satzende hinzugefügt (daß unser Herz im Grunde allen

Prunk verachtet und den tönenden Rausch.)

Seite 145, "wäer" geändert in "wäre" (obgleich es ihm vielleicht

gelungen wäre)

Seite 177, "klare" geändert in "klaren" (Sie gab mir keine klaren

Antworten)

Seite 199, Komma ergänzt (Grausam zertrümmerte ihm das Gespenst des

nahenden Todes alle stillen Altäre seines Glaubens, die ihn in

gelassener Zeit so oft mit Trost und Segen bedacht hatten)

Blut: Eine Erzählung · 第 10 / 10 题