Es war in der Umgebung und im Hause Wendel nicht verborgen geblieben,
daß ein junger Herr Enzheim sich im Forsthause von Hildenrot
einquartiert hatte. Ereignisse waren in dieser entlegenen Gegend selten,
und das nicht eben gewöhnliche Gebaren des Fremden tat das Seine zu
allerlei Gerüchten. Anne-Dore mußte sich von Lotte belehren lassen, und
sie hörte ihr stumm und lächelnd zu, wenn sie erfuhr, der junge Herr sei
gern gesehen in Hildenrot; nicht weil er reich und freigebig wäre, nein,
er sei sozusagen zutraulich und behandelte die Leute, als ob sie
seinesgleichen wären. Die Dorfkinder von Hildenrot wären ihm befreundet,
aber er hätte auch Umgang mit den vornehmen Herrschaften aus der Stadt,
denen der Tennisplatz gehörte, und man müßte fast sagen, wenn er zu
ihnen kam, war es, als gehörte alles ihm. Aber von Hochmut wäre keine
Spur zu finden.
>Ist jemand in der Welt hochmütiger als du?< dachte Anne-Dore, und unter
Lottes eifrigen Berichten tauchte Mark Enz' Gesicht vor ihr auf. >Aber
auch dies ist wahr,< sann sie, >was träfe nicht zu bei dir?< Sie sah ihn
vor Friedberg, dann seinen Freunden gegenüber, und dachte an alle
wechselvollen Stunden, die sie mit ihm durchlebt. Es war ihr fast, als
formte jede neue Umgebung, jede flüchtige Gemeinschaft ihn neu, und doch
blieb er im Grunde derselbe, spröder als alle.
War auch etwas von ihren Beziehungen zu ihm bekannt geworden, oder war
es ein Irrtum, sahen nur ihre heißen Befürchtungen in Lottes Gesicht
eine lauernde Aufmerksamkeit? Jedenfalls wußte Lotte über Enzheim
Bescheid. »Mein Ideal wäre er nicht,« meinte sie, »ihm ist doch nicht zu
traun, im Grunde, wissen Sie. So den Tag über, da will ich nichts sagen,
aber schon, daß er allein lebt. Alle Menschen, die allein leben, sind
falsch. Man sieht es auch an den Augen.«
»So?« fragte Dore, um etwas zu sagen, »was treibt er denn?«
»Was er treibt, das ist die Frage eben. Er malt mit dem Stock Figuren in
den Sand und verwischt sie wieder, schreibt in Notizbücher und verliert
sie. Manchmal starrt er eine Stunde lang ein paar Enten an, oder
Tauben ... wirklich! Sehen Sie hier,« fuhr sie geheimnisvoll fort und
holte ein kleines Büchlein aus der Schürzentasche.
»Was ist das?« fragte Anne-Dore schnell und erschrocken, »geben Sie
her.«
»Wollen Sie es? Man kann nichts lesen. Er hat es verloren.«
»Woher haben Sie das?«
Lotte war erstaunt darüber, daß Anne-Dore plötzlich ihre Gefühle nicht
mehr zu teilen schien. Sie war erregt und sprach beinahe ärgerlich.
Lotte sagte:
»Von Christel, die alles erzählt.«
»Vom Milchmädchen?«