Weil mir aber mit dem erlöschenden Tageslicht auch die Hoffnung erlosch,

irgend eine Menschenwohnung zu erreichen, und mir es schien, daß ich schon

eine lange Strecke Wegs mehr gemacht hätte, als erforderlich gewesen, um

der mir zum Uebernachten bestimmte Pflanzerei zu begegnen, fügte ich

mich in mein Verhängniß. Ich musterte im Vorbereiten links und rechts die

Plätze, wo ich Nachtherberge nehmen könnte. Ich besaß allenfalls gegen

Kälte einen guten Mantel; konnte auch Feuer anschlagen und hatte meine

geladene Doppelpistole bei mir. Nur mit der Küche zum Nachtessen bliebs

übel bestellt. Ich hatte Dammhirsche, Welschhühner und anderes Geflügel

unterwegs erblickt, aber weder Jagd darauf machen wollen, noch mit meinem

kurzen Feuergewehr machen können.

In diesen trübseligen Ueberlegungen einer verzweifelnden Verzichtung auf

alles Heil, verdünnerte und öffnete sich mit einemmale vor mir der Wald,

und vor meinen Augen lag ein Bauerhof. Freudiger, als ein abentheuernder

Ritter nach langen Irrfahrten einem Feenschlosse, trabte ich dem

bescheidenen Holzpalaste entgegen und hielt vor demselben, als mein eigener

Herold, mit lauter Stimme rufend: »Holla! kann hier ein Reisender über

Nacht bleiben?«

Eine ältliche Frau, begleitet von zwei jungen Frauen, trat hervor. Sie

bedauerten, mich nicht empfangen zu können, weil sie allein, und ihre

Männer abwesend wären. Sie beruhigten mich inzwischen damit, daß ich, den

Weg fortsetzend, in einer guten halben Stunde eine andere Pflanzerwohnung

antreffen würde. Nebenbei erfuhr ich auch noch, daß ich wirklich irre

geritten sei, und beinahe zwei Stunden lang einen Querweg durch die Waldung

verfolgt habe.

Wie unlieb mir auch alle diese Erklärungen, Fingerzeige und Nachrichten

lauteten, wollte ich doch nicht zudringlich werden. Ich trabte also

frischerdings wieder in die Nacht der vor mir gelegenen Wälder hinein, auf

einem Pfad, den mir die Frauen angewiesen hatten. Im schlimmsten Fall blieb

mir doch das nun einmal gesehene Haus und die Rückkehr dahin.

Es ward mir jedoch mit jedem Augenblick unheimlicher, je tiefer ich ins

Gehölz eindrang und je stärker die Finsterniß wurde. Ich mußte vom Pferde

steigen, und von Baum zu Baum die Einkerbungen der Stämme mit den Fingern

ertasten. -- Welche Seligkeit aber, als mir nach einer halben Stunde,

durch die Säulen der Waldung spielend, röthliches Licht entgegenschien.

Ich verdoppelte den Schritt, und stand bald vor der roh aus Baumstämmen

gezimmerten Hütte eines Pflanzers. Auf meinen Anruf erschien ein Mann. Auf

die gewöhnliche Anfrage öffnete er mit dem freundlichen Wort: =Walk in,

Sir!= (treten Sie ein, Herr!) den Pfahlhag, mit dem jede Hütte eines

amerikanischen Ansiedlers umgürtet zu sein pflegt. Ich trat ein. Beim Feuer

saß eine Frau. Sie stand auf, bot mir ihren Sessel und sagte: =Sit down,

Sir!= (setzen Sie sich, Herr.) Diese beiden Redensarten, =Walk in= und

=Sit down=, sind in Amerika beim Empfang eines Fremden, ohne alle andere

Höflichkeitsbezeugungen, die gebräuchlichen, man mag zum schlichten Bauer

oder zum reichsten und vornehmsten Manne der Vereinstaaten kommen.

Ich habe meinen Ritt durch die Wildniß etwas umständlich erzählt, nicht

eben weil er so gar merkwürdig wäre, sondern um doch eine Vorstellung

zu geben, wie man in unangebauten Gegenden des Innern dieses Welttheils

reiset, wo ohne Zweifel, bevor ein Jahrhundert verfließt, Städte, Dörfer,

Paläste und Landgüter durch die besten Kunststraßen verbunden sein und die

Erzählungen von heut fast mährchenhaft scheinen werden.

28.

Nach Gallipolis und Point Pleasant.

(12. bis 14. Oktober.)

Man muß mehrere Tage sich selbst überlassen, ich möchte sagen, verlassen,

durch unwirthbare Einöden, in Unruhe für das Entkommen aus verirrlichen

Waldlabyrinthen, oft nicht ohne Sorge für das arme Leben selbst, die Reise

gemacht haben, um die Wollust zu verstehen, die man fühlt, wenn man sich

endlich in einer engen, sichern Hütte unter freundlichen Menschengesichtern

erblickt.

Wie ich mich recht umsah und mit der Familie nähere Bekanntschaft machte,

zählte ich zehn Kinder; das älteste mochte fünfzehn Jahre haben, das

jüngste lag am Busen der Mutter. Die gute Frau fragte mich, ob ich zum

Nachtessen Kaffee oder Thee verlange und welche Gattung Geflügels? Sie

machte kleine Brödchen in einer Tortenpfanne, kochte feine Schinkenschnitte

und röstete sie in heißzerlassener Butter. Es gab dazu Fricassee von

Geflügel, rothe Rüben als Salat, frische Butter, eingemachte Pfirsiche

und statt des Brodes -- Hoekake. Ich schildere die Bestandtheile meines

Abendmahls nicht darum, damit man wisse, was eine einsame Pflanzerhütte dem

unverhofften Gaste leisten könne, sondern um zu sagen, daß dies ohngefähr

die Gerichte sind, mit denen man überall im Innern der Vereinstaaten

Abends bewirthet zu werden pflegt. Das Frühstück ist meistens aus denselben

Platten zusammengesetzt.

Das Tischzeug bestand auch hier, wie immer, aus sauberm Linnen; das

Tafelgeschirr, Teller, Schüsseln, aus englischer Erde. Nur die Hausfrau,

sehr reinlich gekleidet, sitzt mit zu Tisch, um den Gast bedienen zu

können. Sie beginnt ganz gewöhnlich mit der Frage: »Lieben Sie Milch und

Zucker zum Thee?« damit ist die Mahlzeit eröffnet. Von den Speisen nimmt

sich nachher der Gast nach Belieben selber. Die Wirthin aber ermuntert

fleißig mit dem Zuspruch: =Help your self!= (bedienen Sie sich selbst.)

Erst wenn der Fremde gegessen hat, sitzen Vater und Kinder zu Tisch. Die

Kinder betiteln ihre Aeltern aber nicht mit Vater- und Mutternamen, sondern

auch in der Bauerhütte mit Sir und Maam.

Das Zimmer, welches erst Küche, dann Speisesaal geworden, ward dann

Unterhaltungszimmer. Es überraschte mich jedesmal in den Vereinstaaten

und auch diesmal, einen schlichten Landmann über die Politik, über die

Staatsverfassungen und Nationalverschiedenheiten Europens so unterrichtet

und verständig reden zu hören. Viel trägt zu diesen Kenntnissen, die in

Amerika eine Hauptstütze der Vaterlandsliebe werden, ohne Zweifel das

allgemein verbreitete Lesen der öffentlichen Blätter und Zeitschriften

bei. In Europa, wo der Landmann, oft der Städter, wenig vom Ausland, noch

weniger vom Inland erfahren darf, weil man es zu hindern wünscht und zu

hindern weiß, wo sich die Regierungen durch besoldete Schreiber und durch

Zensoren die Vormundschaft über den Volksverstand anmaßen, erzeugt sich

eine stinkende Selbstsucht, die nur für das eigene Haus, nicht für das

Allgemeine, nicht für Thron und Vaterland, Interesse hat, und, wie das

Thier, nur sein Futter und seinen Stall kennt. Es ist wahr, bei der in

Amerika bestehenden Preßfreiheit wird auch das unsinnigste Zeug, das

leidenschaftlichste, gehässigste Geschwätz gedruckt und verbreitet. Die

Feinheit und Artigkeit der Amerikaner im persönlichen Umgang wird häufig in

ihren Zeitschriften durch ekelhafte Derbheit, Rohheit und Gemeinheit ganz

verdrängt. Aber gerade die unter dem Segen der Preßfreiheit mannigfaltiger

gewordene Kenntniß der Menschen, ihrer Leidenschaften und Umtriebe, und

die reifere Entwickelung der Verstandesthätigkeit macht die Versuche der

schriftstellerischen Bosheit, Unvernunft und Parteisucht kraftlos, die

Plumpheit der Blättchenschmierer verächtlich; -- während der in kindische

Unmündigkeit ängstlich zurückgehaltene Verstand des gemeinen Mannes in

Europa sich an Geschmacklosigkeiten am innigsten ergötzt, das Alberne

und Unglaubliche am leichtgläubigsten aufnimmt, und der verleumderischen

Bosheit in seiner Unerfahrenheit das Ohr am liebsten entgegenspitzt.

Nachdem ich mit meinem Pflanzer einige Stunden in die Nacht hinein

geplaudert hatte, verwandelte sich das Sprachzimmer in das allgemeine

Schlafgemach. Wir waren unserer vierzehn Personen. Es wurden drei Betten

gemacht; das beste mir mit den reinlichsten Ueberzügen. Den Kindern

breitete man baumwollene Decken am Boden aus. Die offenen Fugen der Balken

von den Zimmerwänden liessen der frischen Luft freien Umlauf.

Ich verließ die zahlreiche Familie schon vor Sonnenaufgang. Der Pflanzer

gab mir noch Empfehlung an einen andern Pflanzer mit, bei dem ich unterwegs

einkehren konnte. Es war dies ein Herr _Thevenot_, der fünf Stunden von da

entfernt und nur noch zwei Stunden von Gallipolis wohnte. Ich fand ihn und

nahm mein Frühstück bei ihm.

Dieser Mann war aus Frankreich, mit einigen tausend seiner Landsleute,

zur Zeit der Revolution nach Amerika ausgewandert. Er gehörte ehemals zur

französischen Niederlassung von Gallipolis, wo man Land mit Geldtiteln und

Schriften kaufte, die nachher in Frankreich allen Werth verloren, als man

sie in Münze umsetzen wollte. Man bezahlte die Juchart zu jener Zeit mit

fünf Dollars. Gleich zu Anfang ihrer Ansiedelung hatten die Franzosen da

mit den Indianern einen Krieg zu bestehen, der ihnen mehrerer Menschen

Leben kostete. Zehn Jahre später fing man gegen sie einen Rechtsstreit

über ihr Eigenthum an, weil die Titel, womit sie gezahlt hatten,

meistens ungültig geworden waren und sie auch selbst noch nicht über ihre

Grundstücke die Kaufbriefe urkundlich in Händen hatten. Sie mußten oder

sollten zum Theil noch einmal Zahlung leisten. Die Regierung aber nahm doch

Rücksicht auf ihren unverschuldeten Verlust, und bewilligte denen, welche

nicht kaufen konnten, einen Landstrich, etwa dreizehn Stunden Weges

von Gallipolis entlegen, unter dem Namen »_French-grant_« (französische

Einräumung). Auch die Franzosen, welche einst den Unabhängigkeitskrieg

mitgemacht, und seitdem kein Glück gehabt hatten, erhielten dort

Ländereien. Aber diese Niederlassungen wollten nicht gedeihen.

Auch _Gallipolis_, wohin ich zeitig ankam, obgleich gar vortheilhaft am

rechten Ufer des Ohio hingebaut, ist nur eine kleine Stadt von höchstens

hundert Häusern. Die einzigen öffentlichen Gebäude sind ein Kollegium, ein

Mettinghouse (Versammlungshaus zum Gottesdienst) und ein Gemeinds- oder

Rathhaus. Dampfboote und andere Schiffe halten hier regelmäßig an. Ich

hatte mehr von dem Ort erwartet, machte zwar einige werthe Bekanntschaften

mit Hrn. Monod, Burcau etc., denen ich empfohlen worden, hielt mich aber

doch nicht auf, sondern setzte, eine Stunde weiter aufwärts am Fluß,

in einer Fähre über den Ohio und übernachtete zu _Point-Pleasant_

in Virginien. Der Ort liegt am Zusammenfluß des Kanhaway, eines

beträchtlichen, schiffbaren Stroms, mit dem Ohio. Große Fahrzeuge gehen

noch den Kanhaway hinauf bis zu den Salzwerken von _Charlestown_, ohngefähr

zweiundzwanzig Stunden von Point-Pleasant.

Der Menge von Schiffen nach zu urtheilen, die man, mit Salzfässern

befrachtet, überall auf den Flüssen sieht, müssen die Charlestowner

Salzwerke sehr ergiebig sein. Der Zentner Salz kostet einen halben Dollar.

In den Kaufläden, wo man damit Kleinhandel treibt, zahlt man fürs

Pfund zwei Kreuzer. In den Vereinstaaten sind alle und jede Salzwerke

Partikulareigenthum, und Staat und Volk stehen sich ganz natürlich besser

dabei, als wenn sie Monopol, das heißt, Auflage fürs Volk, in den Händen

der Regierung gewesen wären, wie bei den Europäern. Partikularen beuten

sorgfältiger aus, und liefern, um gegen die Nebenbuhler zu bestehen,

bessere Waare und in wohlfeilerm Preis, als Regierungen; können auch

wohlfeiler liefern, weil sie dafür keine Schaar von Intendanten,

Direktoren, Ober- und Unterspektoren, Faktoren, Auswägern u. s. w. zu

besolden und wohl gar zu pensioniren haben. Es sind in Europa wenig Völker,

die nicht unter der Last von Abgaben seufzen, während doch die Regierungen

davon nur einen sehr mäßigen Theil empfangen und ihrerseits ebenfalls in

beständiger Geldverlegenheit seufzen. Der Schwarm der Beamten, die Summe

der Erhebungs- und Einzugskosten verschlingt den vierten oder dritten

Theil der gesammten Abgaben. Trotz unserer gelehrten Professoren und

dicken Bücher über Finanzwesen, herrschen bei uns daheim noch unglaubliche,

starrsinnige Vorurtheile. Man künstelt und vermindert das Naturgemäße,

nämlich die höchste Vereinfachung der Geschäfte. Aber man will diese

nicht, um immer Gelegenheit zu behalten, guten Freunden oder Verwandten

ein Aemtchen zu verschaffen, oder sich einen Troß abhängiger Kreaturen zu

machen, oder auch, weil man nicht weiß, was mit der Schaar dadurch brodlos

werdender Angestellten zu beginnen sei? Am bequemsten, man läßt diese Leute

vom Schweiß des fleißigen Volks mitzehren.

29.

Auf der Turnpikeroad nach Geneva und Baltimore.

(18. Okt. bis 4. Nov.)

Ich verweilte gern ein paar Tage in Point-Pleasant. Ein Hr. _Smith_

daselbst, dem ich Briefe vom Hause Bruen in New-York brachte, hatte viele

Güte für mich. Ich mußte auch einen Theil der weitläuftigen Besitzungen

des Hrn. Bruen in jenen Gegenden sehen. Mit seinem Sohn und einem seiner

Nachbarn fuhr ich folgenden Tags den Kanhaway zehn Stunden weit aufwärts,

wo wir ohnweit _Potalia_ übernachteten, dann andern Morgens ans linke

Ufer des Kanhaway überstießen. Wir durchirrten hier die großen, meist

noch unurbaren Ländereien des Hrn. Bruen, für welche er sich Ankäufer und

Ansiedler wünscht. Erst einen Tag später kamen wir nach Point-Pleasant

zurück.

Noch war der ganze weitläuftige Landstrich, den ich jetzt gesehen hatte,

Wald und Wildniß, von einzelnen Bauernhöfen unterbrochen. Der Boden, wenn

gleich nicht von erster Güte, ist im Durchschnitt doch nicht schlecht, oder

ganz mittelmäßig, und natürlich längs Flußufern am vortheilhaftesten.

Die Zeit, welche ich der Besichtigung dieser Landschaft gegeben, sparte

ich in den nächsten Tagen wieder ein. Ich reisete den 18. Oktober an einem

Montag von Point-Pleasant ab, und eilte in vier Tagen über _Mariette_,

_Newport_, _Fischingcreek_, _Elisabethtown_ nach _Whelling_, eine Strecke

von dreiundfünfzig Stunden Wegs, bald am linken, bald am rechten Ufer des

Ohio. Die Amerikaner setzen, bei niedrigem Wasserstande, häufig zu Pferde

über diesen Fluß, wenn sie sich auf des Rosses Gebein verlassen können.

Man hatte mir unterwegs an vielen Orten von einer Ansiedelung gesprochen,

die man für eine der schönsten des Landes hielt, und durch welche mich der

Weg führen würde. Als ich mich derselben wirklich endlich näherte, sah

ich innerhalb einer wahrhaften Waldung von üppigen und reichtragenden

Fruchtbäumen einige Wohnhäuser von sehr gefälligem Aeussern. Vor einem

derselben stand ein großer, starker Mann mit langem, grauen Bart, der ein

Schurzfell vor hatte. Der Beschreibung nach, die man mir gegeben, konnte

dies kein anderer, als der Eigenthümer des Gebäudes, Master _Homelong_, der

Wiedertäufer, sein.

Also fragte ich ihn auf deutsch, ob er mir ein wenig Haber für das Pferd

spenden könne. Da verklärte sich sein ganzes Antlitz: »Grüß Gott,« rief er,

»bist du a Landsmann?« Und ohne meine Antwort setzte er hinzu: »=Walk in,

Sir!=« holte seinen Sohn, der das Roß nehmen mußte, führte mich ins Haus,

und richtete nun in seiner Sprache, halb englisch halb deutsch, wie die

Deutschen Amerika's immer zu reden pflegen, tausend Fragen an mich. Ich

mußte diesem guten Einsiedler von Allem erzählen, von der alten Welt, von

meiner Fahrt übers Meer, von der Reise durch die Vereinstaaten u. s. w.

Sein Erstaunen war so groß, daß ich mehrmals wiederholen mußte, was ich

schon gesagt hatte, und was er mir kaum glauben konnte. »Min Gott, ist denn

das möglich! =to be shure that's wonderfull journey!=« schrie er einmal ums

andere. Er setzte mir Kuchen und den köstlichsten Aepfelwein vor, den ich

in Amerika getrunken; ich mußte bei ihm zu Mittag speisen. Er war seines

Gewerbes ein Schuhmacher, baute daneben seine herrliche Pflanzung mit

Einsicht und Fleiß und galt bei seiner Kirchparthei als ein guter Prediger.

Als ein kleiner Knabe war er mit seinen Aeltern vor sechszig Jahren von den

Ufern des Rheines zu den Ufern des Ohio gekommen, wo man wegen kirchlicher

Ansichten, Lehren und Gebräuche keine Mitchristen und redliche, arbeitsame

Leute gehässig verfolgt. Die Schnelligkeit meines Reisens erregte seine

Verwunderung mehr denn alles Uebrige. Denn er und seine Aeltern hatten zur

Ueberfahrt von Europa auf dem Meere fünf Monate zugebracht, und ein Jahr

gebraucht, um von der Küste bis zu diesem Platz ihrer Niederlassung zu

gelangen.

In einer andern Ansiedelung, wo ich übernachtete, wohnte eine erst vor

Kurzem aus England hier ansäßig gewordene Familie. Das Haus war von

Backsteinen erbaut; das Innere köstlich, mit zierlichem Haus- und

Zimmergeräth versehen. Zwei hölzerne Hütten neben den Stallungen waren der

Aufenthalt zahlreicher Negersklaven. Ohnweit dieser Pflanzung war es,

wo mir die unheilbringende Paradiesesfrucht einen übeln Streich spielte.

Aepfel, von ungeheurer Größe in einem Baumgarten hinter einem Pfahlhag,

verlockten mich zur Neugier und Lüsternheit. Durch einen Fall gewann ich

dabei eine schmerzvolle Verrenkung, von deren Plage ich erst nach fünf

Monaten in Europa durch Mitleid und Kenntniß einer liebenswürdigen Person

vollständig befreit werden konnte. Das mag meinen Lesern sehr gleichgültig

sein, aber ein wenig dankbar zu sein, ist mir nicht gleichgültig.

Von Whelling hinweg kam ich zum erstenmal auf einen sogenannten

»_Turnpikeroad_« oder Meilenstein-Weg. Eine kunstmäßige Hochstraße ist für

den Wanderer das erste Zeichen von der Zivilisation, die in einem Staate

herrscht, und der Maßstab ihrer Stufe. Nach wochenlangem Umherfahren in

Wäldern und Wildnissen that mir dies sich freundliche Verkünden einer

bewohnten und angebauten Welt unendlich wohl. Es gibt dieser Turnpikeroads

jetzt mehrere mir bekannt gewordene. Die drei vorzüglichsten sind die von

Philadelphia, die von Baltimore und die von New-York. Alle drei gehen in

der Richtung von Osten nach Westen, und laufen also über die weitläuftige

Verkettung der Alleghanygebirge hin.

Jede dieser Hochstraßen hat fünfundzwanzig Schuh Breite, und die Länge von

100 bis 130 Wegstunden. Von einer Drittelstunde (=mile=) zur andern ist ein

Meilenstein, der die Entfernung desselben von den beiden Städten anzeigt,

welche an den Aussenenden der Hochstraßen liegen.

Auch das ist eine mir bemerkenswerth scheinende Eigenthümlichkeit der

Vereinstaaten, daß der Bau der Hochstraßen, schiffbaren Kanäle und der

Brücken keine Regierungsangelegenheit ist. Unsere europäischen Staatsmänner

mögen dazu lächelnd den Kopf schütteln. Aber das Volk des amerikanischen

Freilandes befindet sich dabei gar wohl. Es empfängt sehr gute Straßen; die

Gemeinden haben darum keine Plagerei von fetten oder fettwerdenwollenden

Beamten, von Frohndiensten u. s. w. zu erdulden, und was die Hauptsache

ist, die Kosten sind ungleich geringer, schon auch weil kein Brücken-,

Straßen- und Bau-Departement, mit seinen Inspektoren, Kommissären,

Kassaführern, Controlleurs, Archivaren, Sekretären und Kopisten zu besolden

ist.

Es bildet sich für jede Unternehmung eines Brücken- oder Straßen- oder

Kanalbaus eine Gesellschaft von Aktienbesitzern. Diese setzt einen Preis

für den besten Plan zu ihrem Werk aus. Gewöhnlich sind die Eigenthümer

der Güter und Ländereien, welche dem künftigen Kanal, oder der künftigen

Hochstraße zunächst wohnen, meistens selbst Annehmer von Aktien, weil die

Erleichterung des Waarenverkehrs den Werth ihrer landwirthschaftlichen

Erzeugnisse im Preise steigen muß und somit auch den Werth ihrer

Grundstücke. -- Nach Vollendung der Arbeit wird die ausführliche Rechnung

nebst allen Belegen, über die gehabten Unkosten, der Regierung vorgelegt,

und diese bewilligt dann, nach einer annähernden Berechnung, den

Aktien-Inhabern die Erhebung eines Weggeldes, gemeinlich streckenweis von

ohngefähr drei Stunden zu drei Stunden des Wegs.

Die Kosten der Straße von Whelling nach Baltimore sollen ausserordentlich

groß gewesen sein. Aber man sieht da auch eine Menge sehr schöner, starker,

steinerner Brücken, und der Straßenzug über die Gebirge ist meisterhaft.

Dieser läßt sich etwa mit der schönen Simplonstraße in Europa vergleichen,

nur daß in den Alleghanybergen die durch Felsen gehauenen Gewölbwege nicht

vorhanden sind.

Ueber _Braunville_, einer Stadt mit zahlreichen Fabriken am

Manongehalaflusse, und durch _Uniontown_ kam ich, auf einer Nebenstraße, in

vier Stunden nach _Geneva_.

30.

In Geneva.

(25. Okt. bis 4. Nov.)

Das Städtchen Geneva gehört zum Theil noch dem Herrn _Gallatin_, demselben,

der, nach der Wiederkehr der Bourbonen auf den französischen Thron, als

Gesandter Nordamerika's acht Jahre lang in Paris lebte.

Ich fand den Herrn Gallatin und seine Familie auf seinem Landgute, eine

volle halbe Stunde von der Stadt entfernt. Seine Wohnung, einfach und

geschmackvoll, hat in der Bauart etwas Großartiges. Ich wurde bei ihm auf

gewohnte, amerikanische Weise eingeführt; er empfing mich mit vieler

Güte. Er saß eben bei einem guten Kaminfeuer. Um ihn her lag ein Haufe

amerikanischer, englischer und französischer Zeitungen. Unser Gespräch

gewann bald eine anziehende Richtung. Seine Gemahlin, eine sehr gebildete

und liebenswürdige Frau, setzte sich zu uns an die wohlthuenden, zur

Geselligkeit lockenden Flammen und nahm an der Unterhaltung Theil.

Herr von Gallatin ist, wie ich erfuhr, ursprünglich ein Genfer. Er erzählte

mir, wie er dazu gekommen, sich dem Handel zu widmen, den er nachher

siebenundzwanzig Jahre lang mit gutem Erfolg betrieb. Anfangs in Boston

sich aufhaltend, um dort seinen gewerbigen Verkehr mit neuer Kraft zu

beginnen, ließ er sich nachher in New York nieder. Hier brachte ihn der

Zufall mit zwei Deutschen in Bekanntschaft, die ihn versicherten, sie

hätten jenseits der Alleghanyberge alle Materialien entdeckt, um große

Glashütten anzulegen, und Glas von jeder Art zu liefern. Er reisete mit

ihnen dahin und fand Alles, wie sie gesagt hatten. Der Ort war damals ganz

unbewohnt, inmitten einer weiten Wildniß und Oede. Der Plan ward entworfen.

Er bildete mit den beiden Deutschen eine Gesellschaft, kaufte das Land an,

und gab die nöthigen Gelder her. Die Unternehmung glückte vollkommen.

Das Glas stand damals noch in sehr hohem Preise. Man hatte noch keine

Glasfabriken in den Vereinstaaten, und mußte die Waaren dieser Gattung aus

Europa kommen lassen. Der Absatz vermehrte sich von Jahr zu Jahr zugleich

mit der Güte der Artikel und in gleichem Verhältniß wuchs der Gewinn.

Als sich Herr Gallatin endlich von dieser Fabrikation zurückzog und seine

Rechnung abschloß, ergab sich für ihn ein durchschnittlicher reiner Nutzen

von 8000 Dollars alle Jahre. Er hatte sich in die öffentlichen Geschäfte

ziehen lassen, und späterhin die Gesandtschaft in Paris am Hofe Ludwigs

=XVIII= angenommen. Nach achtjährigem Aufenthalt in Europa kehrte er in

sein freies, beglücktes Vaterland zurück. Hier wählte er die anmuthige

Stille seines Landgutes bei Geneva, wo er noch jetzt lebt.

Ich darf nicht erst sagen, wie unterrichtend die Gespräche mit einem so

welterfahrnen Manne für mich waren. Er kannte Europa, die Höfe, die am

Ruder stehenden Männer, und sah die verderbenschwere Rückwirkung unfreier,

Geist, Leben und Gewerbsfleiß der Völker dämpfenden, mönchshaften

Bestrebungen der Machthaber voraus. Er ist in Amerika durchgängig geschätzt

und geliebt. Er ward auch, gerade in diesem Jahr, da es um die Wahl eines

neuen Präsidenten der Vereinstaaten zu thun war, neben den Herren _Jakson_,

_Clay_, _Crawfort_ und _Quincy-Adams_ mit in die Wahl gezogen. Er aber,

vielleicht weil er bemerkte, daß sich die Mehrheit der Stimmen nicht für

ihn vereinigen würde, verbat sich in einem Marylander Blatte öffentlich,

und mit Dank gegen seine Freunde, die Ehre, in die Wahl gebracht zu werden.

Bekanntlich wurde Quincy-Adams nachher zum Präsidenten ernannt.

Herr Gallatin ist jetzt ein Mann von ohngefähr sechszig Jahren, von

mittlerer Größe, und geistvollem, ausdruckreichem Gesicht. Wie gerne wäre

ich länger in dieser trefflichen Familie verweilt (sein Sohn _Albert_ ist

ein hoffnungsvoller Jüngling); allein für mich war kein Rastens mehr in

Amerika, der Wintermond schon vorhanden, und die Weihnachten wollte ich ja

in der europäischen Heimath feiern.

Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück · 第 10 / 11 段