Herr _Morero_ in Neu-Vevay erzählte mir, er sei im Februar 1823 auf

dem damals größten Dampfschiff, genannt der »Tennesee«, den Missisippi

heraufgefahren. Wie das Fahrzeug in der Höhe der Natches war, schoß es

gegen einen Baum, der noch fest an den Wurzeln hangend, mitten im Wasser

lag, und mit seinem Wipfelende den Kiel des Schiffs durchbohrte. Es war

neun Uhr Abends, finstre Nacht, bei kaltem Regenwetter. Die Piloten und

Mechaniker machten sogleich Lärmen. Die Reisenden auf dem Verdeck, ihrer

ohngefähr neunzig Personen, hatten den Stoß gespürt und die Gefahr blieb

ihnen kein Geheimniß. Der Kapitain, schon im Bett, sprang auf, lief umher

zu den Reisenden, die zum Theil auch schon in den Betten im Zwischenverdeck

waren, kündigte ihnen die Gefahr an und mahnte sie, an ihre Rettung zu

denken. Während er noch redete, ging er zur Thür, die zur Dampfmaschine

führt; indem er sie öffnete, um hineinzutreten, stürzte durch die

Erschütterung des Fahrzeugs eine Holzbiege in der Nähe zusammen und

verrammelte die Thür. In demselben Augenblick ging auch das Schiff unter,

um nie wieder zu erscheinen. Alle spätere Nachforschungen, es zu finden,

sind fruchtlos geblieben. Die Personen, die zwischen den Verdecken waren,

hatten indessen das, was sie in ihren Reisekisten vom Besten besaßen,

genommen und sich damit ins Wasser gestürzt, um schwimmend ein Ufer zu

erreichen. Da blieben sie, ungewiß ihres Looses, die lange, finstere,

regnerische Winternacht, vor sich die brüllende Fluth, hinter sich Felsen,

mit den Füßen noch tief im Wasser. Von etwa 150 Personen, die überhaupt auf

dem Dampfboot gewesen waren, hatten nur achtzig das Leben davon gebracht.

Der junge _Morin_, der nun seine Reise zu Lande fortsetzte, kam erst Ende

Aprils in Vevay an, wo man ihn schon zu den Todten gerechnet hatte.

Auch in Vevay wird die englische Sprache, wie überall in den Vereinstaaten,

nach und nach die herrschende Landessprache werden, obgleich mehr als

die Hälfte der Einwohner nur die deutsche und französische aus Europa

mitbrachten. Schon jetzt werden die Sitzungen des Gerichts, in denen ein

Herr Dufour erster Richter ist, in englischer Sprache gehalten. Derselbe

Fall ist in den öffentlichen Schulen und bei den gottesdienstlichen

Versammlungen. Diese Uebung waltet in allen Umgegenden von Vevay, tief ins

Gebiet von Kentuky hinein, obgleich auch dort die Hälfte der Bevölkerung

aus Deutschen und Franzosen zusammengesetzt ist. Man findet da nicht einen

einzigen Geistlichen, der in diesen beiden Sprachen predigt.

Man läßt sich diese anfangs peinliche Unbequemlichkeit, eine neue Sprache

zu lernen, gern gefallen, weil sie zweckmäßig ist. Zudem sind die Vortheile

zu groß, Bürger dieses neuen und väterlichen Vaterlandes zu sein. Bürger

ist man nach fünfjährigem Aufenthalt in demselben, wenn man den Eid der

Treue geleistet und geschworen hat, nicht in Dienst, Amt, Gehalt irgend

einer europäischen Regierung zu stehen. Dann hat man an allen Rechten des

Staatsbürgers Theil, wählt in den Versammlungen die Obrigkeiten und läßt

sich wählen, sei es unmittelbar durchs Volk oder von den durchs Volk

ernannten Wahlherrn. Dabei ist jeder waffenfähige junge Mann von zwanzig

Jahren, zur Zeit des Kriegs, Streiter fürs Vaterland. Er übt sich in

Waffen. Jährlich etwa ein dutzendmal werden Kriegsübungen vorgenommen.

Als sich die Schweizer von Vevay das erstemal zu diesen Waffenübungen

stellen mußten, es war einige Tage vor dem »_vierten Juli_«, dem

Denktag und Fest der amerikanischen Unabhängigkeit, verlangten sie dem

Artillerie-Corps einverleibt zu werden, weil ihrer die meisten schon in

der Schweiz in dieser Waffengattung gedient hatten. Die Regierung schickte

ihnen darauf sogleich eine Achtpfünderkanone zu, die von einer Feste des

Illinois-Staates genommen war. Dies Geschütz, nebst allem Zubehör, ward

den amerikanischen Schweizern mit Feierlichkeit und ermunternden Wünschen

übergeben. Sie übten sich sogleich wieder freudig ein, und zehn Tage

nachher erschienen mit ihrer Kanone, zum mächtigen Erstaunen der

Altamerikaner, die in ihrem Leben keine Uniformen gesehen hatten,

fünfundzwanzig Mann in blauer Kriegstracht mit rothen Aufschlägen und

Bärenmützen. Noch mehr verwunderte man sich über die Gewandtheit dieser

Schützen, und über die Schnelligkeit ihrer hintereinander folgenden

Schüsse. Beim Gastmahl, das dem Waffenfeste den Schluß gab, erhielten alle

diese Schweizer Offiziersrang.

26.

Einsame Wanderung in der Wildniß.

(4. bis 7. Oktober.)

Noch hatte ich einen ansehnlichen Reisestrich vor mir durch die stillen,

unbevölkerten Wildnisse von Kentuky und Virginien, um wieder in die

angebautern Landschaften der östlichen Staaten zu gelangen. Die Jahreszeit

war vorgerückt, die Witterung schon unzuverlässig. Ich wünschte, der weite

Raum von Wäldern, Strömen, Ebenen und Hügeln zwischen dem Ohio und dem

freundlichen Baltimore läge schon hinter mir.

Darum zauderte ich nicht länger, überwand mich, sagte meinen lieben

Bekannten im amerikanischen Vevay Lebewohl, und setzte in einer Fähre

(Ferryboat) über den Fluß, die da immer zur Ueberfahrt von Menschen und

Vieh bereit liegt. Jetzt stand ich auf dem Boden des Kentukygebiets. In

einer Stunde war ich zu _Gand_, einem kleinen Flecken, der gegen Vevay über

liegt. Ich hatte versprochen, hier noch den Herrn _Agnel_ zu besuchen, der

auf seiner Niederlassung eine schöne Weinrebenpflanzung unter Aufsicht des

Herrn _Oboussier_ von Lausanne hat.

Da und in den Umgebungen sah ich zum erstenmale _Neger-Sklaven_ auf dem

Felde arbeiten. Der Anblick war mir widerlich. Noch inmitten der großen,

schönen Freistätten des Menschenrechts auf Erden Sauerteig aus dem

zivilisirten Europa! -- O dies gelehrte, feinsittige, philosophische,

glaubensstrenge, schönrednerische, bücherreiche, heldenmüthige, christliche

Europa, wie ist es doch mit seinen Verfassungen, Gesetzen, Kasten, mit

seinen Timurlengs und Dschengiskhanen, mit seinen Confutsen und Zoroastern,

Sadi's und Bidhay's, mit seinen Lama's, Braminen und Suder's so auffallend

der Großmutter Asia Zug um Zug verwandt!

Indessen die Negersklaverei wird nun in Nordamerika gänzlich abgethan; und

schon gegenwärtig ist das Loos der Schwarzen sehr mild.

Den Sonntag vor meiner Ankunft hatte eine Negerin des Herrn Agnel Hochzeit

mit einem Schwarzen aus einer andern Niederlassung gehabt. Das ist ein

hoher Tag für diese Kinder Afrika's, denn, ausser allen andern Genüssen,

wird ihnen auch für diesen Tag, aber nur für diesen, die Freiheit, wie ein

flüchtiges, süßes Naschwerk, gelassen. Es ist Sitte, daß an solchem Tage

der Herr der Pflanzung und seine Familie das Haus verlassen. Die verlobte

Negerin ladet aus der Nachbarschaft so viele ihrer Freundinnen ein, als sie

will; der schwarze Bräutigam thut desgleichen.

Zeitig erscheinen die Gäste insgesammt Morgens, aufs Beste ausgeschmückt,

größtentheils zu Pferde oder in leichten Reisewagen. Eine kleine Negerin an

der Hausthür meldet die Ankommenden, wie sie nacheinander erscheinen, mit

ihrem Namen (am meisten sind Dschin und Jak) und dem Familiennamen des

Pflanzers, welchem sie angehören. Sie legen nun in ihre Begrüßungen, in

ihre Gespräche und Unterhaltungen die möglichste Artigkeit. Alles nennt

einander Herr, Frau, Fräulein (Gentleman, Lady etc.). Da ist nicht das

Rohe, Plumpe, Steife, wie allenfalls bei _Leibeigenen_ in Europa oder an

Bauernhochzeiten. -- Die Mahlzeit, die im Einzelnen und Ganzen wohlgewählt

und wohlgeordnet ist, dauert gemeinlich bis gegen Abend, dann beginnt die

Lust der Tänze durch die Nacht bis zum Morgen, wo jeder in seine Pflanzung

heimkehrt, um im Schlaf die Maske der Freiheit wieder abzulegen, die er für

einen Tag getragen hatte.

Die Pflanzer begünstigen dergleichen Heirathen gern. Verheirathete Neger,

weil sie einander anhangen, arbeiten fleißiger, betragen sich anständiger,

aus Furcht, von ihren Herren verkauft und von der Geliebten getrennt zu

werden. Der verheirathete Neger wohnt oft drei bis vier Stunden Wegs von

seiner Frau. Alle Woche einmal besucht er sie und seine Kinder, denen er

mit voller Seele gehört.

Es gilt, wie bei den Sklaven oder Leibeigenen Europens, auch hier die

Uebung des barbarischen Mittelalters: =partus sequitur ventrem=. Nämlich

die Kinder aus diesen Ehen gehören demjenigen Pflanzer, dem die Mutter

angehört. Und sind die Kinder erwachsen, hat er für seinen Bedarf zu

viel Neger, kann er sie anderswohin verkaufen. Nicht nur _Neger_, auch

_Mulatten_ (von Europäern und Negerinnen), und _Quarterons_ (von Europäern

und Mulattinnen oder Mestizinnen, Töchtern eines Europäers und einer

Indianerin) sind unter den Sklaven.

Drittehalb Stunden Wegs von der Niederlassung des Hrn. Agnel, nicht weit

von _Frederiksburg_, fand ich mitten in Wildniß und Wald vier einsame

Schweizerfamilien aus dem Neuenburgerlande angesiedelt. Sie wohnten hier

ganz behaglich nun schon seit sechs Jahren, aber im vollsten Sinn des

Wortes, geschieden von der übrigen Welt der Lebendigen, sich selbst ihre

Welt bildend. Es waren die Familien _Guinand_, Vater und Sohn, _Persot_

und _Rochat_. Sie hatten keine Sehnsucht nach dem Treiben draussen. Sie

schienen in ihrer Einsiedelei ganz zufrieden. Warum hätten sie es nicht

sein sollen? Der dankbare Boden, den sie bauten, die kleinen Heerden ihres

Hausviehs, die nahe Jagd umher, stillten ihre einfachen Bedürfnisse im

Ueberfluß, und ihre Wohnungen gewährten ihnen jede Bequemlichkeit, die sie

fordern mochten. Sie nahmen mich mit Herzlichkeit bei sich auf.

Ich aber wollte eigentlich noch die Gruben von _Bigbone_ sehen, die nicht

gar entfernt sein sollten, und wo die vielen Mammuthsgebeine gefunden

werden. Ich machte den Weg zu Fuß, weil ich nur dem Ufer des Flusses

nachzugehen hatte, um eins der Dampfboote ansichtig zu werden, die

alltäglich den Ohio herauffahren.

Indem ich also durch Wald und Wilde sinnend hinwanderte, mit den Gedanken

noch die Einsiedelei der vier Familien umschwebend, sah ich plötzlich,

zwischen den Bäumen hervor, als wäre ein Umhang weggezogen, eine

unerwartete Erscheinung. Auf einem prächtigen Rosse saß in fremder

aber kostbarer Tracht ein junges, schöngewachsenes Frauenzimmer, mir

entgegenreitend, und von zwei andern, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, als

wären es Dienerinnen. Die eine von diesen schien hiesigen Landes zu sein.

Die reizende Gebieterin voran trug ein bläuliches, nettes Jagdkleid,

reichverziert, zu schmuckvoll für diese Einöden; dazu einen feinen, breiten

Strohhut, von welchem seitwärts ein grüner Schleier herabfloß.

In _Wielands_, _Ariostos_ und _Tassos_ Gedichten kann man wohl solchen

Feengestalten oder irrenden Damen mitten in unbekannten Wildnissen

begegnen. Aber in einem der amerikanischen Urwälder, wo kaum der Weg

recht erkennbar war, wo weit umher Todesschweigen herrschte, welches das

Wellengeräusch des Ohio nur feierlicher machte, wo ich für solche Tracht

und Pracht kein Schloß, keine große Stadt in der Nähe wußte, glaubte ich

dergleichen nie erwarten zu können. Ich war auch in der That so überrascht,

ich muß sagen, verblüfft, daß ich, ohne an diese neue Diana ein Wort zu

richten, sie nur anstaunte. Ich konnte mich nicht erwehren, sogar meinen

Hut, ganz gegen Landessitte, höflich vor ihr abzuziehen. Sie erwiederte mit

einem artigen Gegengruß und verschwand hinter mir zwischen den Bäumen.

Es verdrießt mich noch jetzt, daß ich die Geistesgegenwart in dem Grade

verlor, sie nicht einmal anzureden.

Ich wanderte weiter. Der Weg war übel. Von Zeit zu Zeit ging er mir unter

den Füßen gänzlich aus, und ich behielt nur die Sonne zur Gehülfin, meine

Richtung zu wählen. Länger, als ich vermuthet hatte, mußte ich in der

Einöde dahin pilgern. Nach viertehalb Stunden kam ich endlich zu einem

einsamen Weiler, der _Sugarcreek_ hieß. Meine Ermüdung machte mich

zufrieden, nur ein Obdach und Menschen zu sehen.

Freundlich ward ich von den gutmüthigen Pflanzern in ihrer saubern Wohnung

empfangen. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Massachusets sich hierher

begeben und angesiedelt hatte. Die Leutchen wohnten erst seit zwei

Jahren in Sugarcreek und schienen mit ihrem Aufenthalt wohl vergnügt.

Ich verlangte etwas zu essen. Man bediente mich nicht nur sehr reinlich,

sondern auch mit ausgewählten, wohlbereiteten Speisen, wie ich gerade hier

nicht zu erblicken gedacht hatte.

Jetzt erfuhr ich, daß ich bis nach Bigbone noch sieben Stunden Wegs zu

machen habe, und mich ohne Pferd und ohne Wegweiser kaum dahin finden

würde. Da sagte ich in meinem Herzen den Mammuths-Gräbern Valet, und

beschloß, bei meinen freundlichen Wirthen zu übernachten, um von da auf

einem Dampfboot geradeswegs nach Cincinnati zurückzukehren. -- Schon Abends

hörte man zwei Kanonenschüsse vom Ohio, die von den weiten Wäldern umher

den Gegengruß in sekundenlangem Wiederhall zurück empfingen. Die Zeichen

kamen von zwei Dampfbooten, General _Pike_ und _Ostrich_, welche den Fluß

hinab gen Laurencebourg fuhren, und in der Morgenfrühe wiederkehren mußten.

Der Abend verfloß in traulicher Unterhaltung. Wie viel läßt sich aus den

Gesprächen einfacher Menschen lernen, die in gleichweiter Entfernung

von der Thierheit des Wildenthums und der Thierheit des verkünstelten,

überfeinen Städterwesens, groß, bescheiden, frei und wahrhaft, wie die

Natur sind! Als ich zu meinem Nachtlager ging, war der reine Himmel schwer

von Sternen. Der aufgegangene Mond zitterte hinter den Wipfeln riesenhafter

Bäume, die er schon seit Jahrhunderten beschienen. Ein weites Schweigen

waltete um die Pflanzerwohnung in den Wäldern und längs dem Ufer des Ohio.

Es war aber das alte Schweigen der Einöden, welches auch der Tag selbst

nicht stört, es sei denn, daß ein Sturm durch die endlosen Forsten zieht.

Morgens sechs Uhr kam das Dampfboot General Pike schon wieder den Fluß

aufwärts. Ich hörte das Zischen der Dämpfe schon aus der Ferne. Auf ein

Zeichen, das ich vom Ufer gab, erschien ein Kanot, das mich zum Schiffe

brachte. Abends fünf Uhr stieg ich schon in _Cincinnati_ ans Land. Einer

meiner neuerworbenen Freunde, Herr Perret, nahm mich sogleich mit sich in

ein Konzert, das zu Ehren Lafayettes gegeben wurde. Dieser Anlaß, diese

Töne, und die Gesänge hatten auf mein Gemüth tiefen Eindruck. Es wurden die

Namen _Wilhelm Tells_ und _Lafayettes_ und _Washingtons_ gefeiert. Es ist

doch das Göttliche in der Brust der Sterblichen, zu allen Zeiten, unter

allen Himmelsstrichen, das hoch Vorwaltende, und das, was immerdar am

innigsten ergreift. Die Welttheile und die Jahrtausende erkennen keine

andere Heroen, als die Heroen der Menschheit und ihres ewigen Rechts. Was

weiß man doch nach Jahrtausenden von unsern Tags- und Schlachthelden,

den Massenas und Moreaus, den Wellingtons und Blüchers und wie sie

heißen mögen? Höchstens beschäftigt sich mit ihnen ein müßiger

Geschichtsklitterer, oder der Knabe schleppt sie mit hundert ähnlichen im

dürren Kompendium zur Schule, um sie wieder zu vergessen.

27.

Fortsetzung des Wegs in der Wildniß.

(8. bis 12. Oktober.)

Es war mir darum zu thun, die französische Kolonie _Gallipolis_ zu sehen.

Man rieth mir, das linke Ufer des Ohio zu verfolgen bis ins Gebiet von

Virginien, und dann bei Bigsandi wieder über den Fluß zurückzugehen, um

nach Gallipolis zu kommen. Ich kaufte mir zu dem Ende ein braves Reitpferd,

ließ mich damit von Cincinnati auf einer Fähre nach _Neu-Port_ im Staat

Kentuky über den Ohio setzen, und reisete so dem linken Stromufer nach,

ohne besondern Merkwürdigkeiten oder Abentheuern zu begegnen. Am dritten

Tag Abends war ich neunundzwanzig Stunden von Cincinnati in einem geringen

Städtchen, Namens _Washington_.

Hier vernahm ich vom Wirth, der von Straßburg gebürtig war, aber nicht drei

Worte mehr deutsch verstand, daß ich ganz irre gefahren sei. Ich gerieth

in nicht geringe aber keineswegs angenehme Verwunderung, als ich hörte, ich

müsse wieder eine gute Strecke zurück, und habe einen Umweg von zwölf bis

dreizehn Stunden gemacht. Man muß es gar nicht übel deuten, wenn die Leute

in diesem neuen Lande die vaterländische Geographie schlecht inne

haben. Sie lernen sie nur aus dem Munde der Reisenden, und pflanzen sie

überlieferungsweise fort.

Also kehrte ich den andern Tag, in mein Schicksal ergeben, geduldig um,

wandte mich gerade gegen den Ohio, setzte zu _Maysville_, vier Stunden

oberhalb Augusta, über den Fluß, und kam dann, nach sechs Wegstunden, in

_West-Union_, auf der Landstraße nach Cincinnati gelegen, an.

In den meisten Pflanzungen und Niederlassungen, durch die ich während der

letzten vier Tage im Gebiet von _Kentuky_ gekommen war, wurden zahlreiche

Sklaven gehalten, welche zur schweren Landarbeit gebraucht werden. Der

Anblick dieser Unglücklichen, in welchem Menschen, die sich veredelter

halten, die heilige Würde, die ewigen Rechtsame der menschlichen Natur

entweihen und verletzen, gab mir jedesmal eine üble Stimmung. Saß ich zu

Tisch, stand beständig eine Negerin hinter mir, um mich zu bedienen; etwas

Unbehagliches für den, der nicht gewohnt ist, sich von Sklaven aufwarten

zu lassen. Die Negerinnen verrichten die häuslichen Dienste. Immer auf

jede Bewegung des Herrn oder der Gebieterin aufmerksam, können diese keinen

Blick thun, den die Negerin nicht versteht, und augenblicklich als Befehl

betrachtet und vollstreckt.

Was müssen sich die armen Geschöpfe doch Alles gefallen lassen! Die

amerikanischen Zeitungen vom vergangenen Monat erzählten, die Gemahlin

des _Augustin Iturbide_, des bekannten Kaisers von Mexico, sei so

kaiserlich-vornehm oder bequem gewesen, daß wenn eine Mücke auf ihrer Hand

saß, sie eine ihrer Sklavinnen rief, sie fortzublasen. In mehreren Häusern

hörte ich die Hausfrauen stets über ihre Negerinnen klagen, wenn etwas im

Hause nicht war, wie es sein sollte. Fehlte etwas an der rechten Bereitung

der Speisen, hatte das Linnenzeug nicht die gehörige Weiße u. s. w. --

immer waren die Negerinnen schuld. Nicht nur die Kaiserinnen, sondern

selbst die gemeinen Pflanzerinnen werden durch das Sklavenbesitzen

unglaublich bequem.

In den Ansiedelungen von Kentuky gehen die Kinder der Sklaven ganz nackt,

bis zum zehnten Jahr, ohne Unterschied des Geschlechts. Es ist oft ein

possirliches Schauspiel, vor einer Hütte ein ganzes Nest voll Negerchen

spielen und sich im Staube herumrollen zu sehen. Die Erwachsenen, alle

barfuß, haben keine andere Bekleidung, als ein sehr grobes, um den Leib

zusammengebundenes Hemd.

Ich blieb nicht in _West-Union_, sondern übernachtete zwei Stunden Wegs von

da, in einem Bauernhause. Als ich meinen Bewirther fragte, wes Landes

er sei, antwortete er gar treuherzig: »=I have the misfortune to be an

Irishman.=« (Ich bin so unglücklich, Irländer zu sein.) Die Irländer sind

nämlich in den Vereinstaaten am wenigsten geachtet. Unter sämmtlichen

Ankömmlingen aus Europa gelten sie für die verderbtesten. Schweizer

und Deutsche sind in Nordamerika, als gute Landarbeiter, zum Sprüchwort

geworden; der Engländer gilt als Spekulant; der Franzose macht sich zum

Jäger und klagt über Langeweile. Der Irländer aber, erstaunt über die

Wohlfeilheit des Whisky, ergibt sich dem Trunk und den Folgen desselben.

Ueber meinen Irländer hatte ich, soviel mich betraf, keine Klage zu

führen. Er war eine gute Haut. Mein Roß hingegen hätte mehr Grund zur

Unzufriedenheit gehabt, denn es mußte die ganze Nacht, da der Himmel den

Regen stromweis herabschüttete, im Freien stehen. Obwohl mein Wirth ein

Dutzend Kühe, fünf bis sechs Pferde, über hundert Schafe und eine Heerde

von Gänsen, Welschhühnern, Enten und Hühnern besaß, hatte er doch keinen

Stall. Indeß schien das Pferd dieser amerikanischen Sitteneinfalt ganz

gewohnt zu sein; denn ich fand es am Morgen ganz frisch und lustig.

Die aufeinanderfolgenden Regenschauer erlaubten mir erst gegen Mittag, mich

auf den Weg zu machen. Ich hatte noch vierzehn Wegstunden bis _Portsmouth_

zurückzulegen. Ein kleiner Strom, Namens _Turkycreek_, mußte mir anfangs

lange Zeit als Führer dienen. Mehrmals war ich genöthigt, durch ihn bald an

sein linkes bald an sein rechtes Ufer zu reiten, um vorwärts zu kommen. Er

war vom anhaltenden Regen mächtig angeschwollen. Das Pferd verlor oft den

Grund unter seinen Füßen, und wir mußten es beide mit Schwimmen versuchen.

Ich bewunderte die Geduld des guten Thiers, das sich gar nicht abschrecken

ließ, aus einem Schlammloch ins andere, und von einer Seite des Wassers zur

andern überzusetzen.

Es ist, bei naßkaltem, trübem Wetter, selbst im Paradiese kein anmuthiges

Reisen; um so weniger, wenn man ohne Weg und Steg durch ein unbekanntes,

einsames Land hinabentheuert. Ich machte mich immer dabei noch auf das

Zusammentreffen mit einem Bären gefaßt; denn mein irländischer Wirth hatte

mir des Morgens den Rath gegeben, meine Pistolen gut zu laden, weil

sich mir vielleicht dergleichen Reisegefährten durch den Wald aufdringen

könnten. Sie seien gar nicht selten. Allein es zeigte sich keiner. Doch

am Aussenende des wilden Forstes sah ich wenigstens eine frische, blutige

Bärenhaut. Ein Jäger spannte sie zum Trocknen auf.

Noch ziemlich zeitig traf ich endlich in _Portsmouth_ ein, von Müdigkeit

und Hunger erschöpft. Zwei Aepfel waren binnen vierundzwanzig Stunden

meine Nahrung gewesen. Aber ein artiges Wirthshaus, gefällige Wirthe, ein

treffliches Nachtmahl, ein gutes Bett ließen mich bald alle Entbehrungen

wieder vergessen.

Ich hatte jetzt noch bis Gallipolis vierundzwanzig Wegstunden vor mir, und

nur bis zum nächsten Ort, wo ich übernachten konnte, vierzehn Stunden.

Drum begab ich mich andern Morgens früh genug auf die Reise. In einem

Bauernhause, vier Stunden von Portsmouth, hielt ich an, um mich und mein

Pferd gehörig vorzubereiten, zehn Stunden lang keine menschliche Wohnung zu

erblicken.

Wirklich gings von da ununterbrochen durch ewigen Wald, so hoch, so dicht,

daß auch die Sonnenstrahlen nur selten durch die verwachsenen Wipfel der

Bäume brachen. Landstraße war keine, man mußte auf die halbverwischten

Tapsen der Vorgänger genau achten. Hinwieder nahm ich Schnitte und

Einkerbungen in den Stämmen links und rechts wahr, die dem Wanderer eine

Richtung andeuteten, welche er zu nehmen hatte.

So verging der Tag in steter Beschäftigung, die Spuren der Vorangegangenen

oder die Zeichen an Bäumen zu entdecken und zu verfolgen, um mir als

Wegweiser zu dienen. Das brave Roß lief beständig seinen Trab, als wüßte

es, wie weit noch seine Krippe wäre. Aber Abends, schon war es fünf Uhr,

stieß ich plötzlich auf zwei Fußwege, von denen einer links, der andere

rechts zog. Ich zauderte lange unentschlossen, wog alle Für und Wider gegen

einander ab, und schlug zuletzt rechts ein.

Ich war kaum eine Viertelstunde fortgetrottet, sah ich plötzlich, nur noch

fünf Schritte von mir, eine dicke Schlange am Boden liegen. Sie hatte sich

kreisförmig zusammengerollt, und streckte den Kopf auf, mit der Zunge

mir entgegenspielend. Es war, der Farbe nach, die hier Landes bekannte

»Coppersnake« oder Kupferschlange. Sie hatte die Dicke eines mittelmäßigen

Mannsarmes und eine Leibeslänge von ohngefähr fünf bis sechs Schuh. Sie

richtete sich im gleichen Augenblick weiter auf. Die Bewegungen ihres

Kopfes und Halses dabei waren sehr schnell.

Unangenehm überrascht gab ich meinem Pferd den Sporn in die Rippen,

seitwärts lenkend. Das Roß aber, erschrockener noch als ich, nahm einen

gewaltigen Satz und jagte davon. Ich behielt immer das Gesicht, wie

_Bürgers_ wilder Jäger, im Nacken, um zu gewahren, ob uns das Unthier

verfolge. Ich verlor es aber bald aus den Augen.

Man erzählte mir nachher, daß die Kupferschlange, an ihrer Dicke und

grünröthlichen Farbe leicht kennbar, das gefährlichste Thier in diesen

Gegenden sei. Sie ist sehr gefräßig und nimmt es mit den größten Thieren

auf. Ihr giftiger Biß wird nach einigen Stunden tödtlich, nachdem der

Körper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Indeß vermindert

sich diese wüste Brut überall in gleichem Verhältniß, wie sich die

Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der

Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser nützlichen

Hausthiere hätte, die sich ohne seine Sorge vermehren und beköstigen. Ein

einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stück. Sie laufen

fast beständig im Wald umher und nähren sich da von Pflanzen, Wurzeln und

Gewürmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen

an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Biß Schaden zu

leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft

wohl nur selten ein Blutgefäß.

Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler

und der Wald immer dichter. Mein Fußweg lief noch immer in seiner alten

Richtung rechts, abweichend von meiner frühern. Ich tröstete mich damit,

daß ich auf die Art dem Ohio aufwärts gelangte. Denn wieder umzukehren

spürte ich in mir auch nicht die mindeste Lust.

Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück · 第 9 / 11 段