dem damals größten Dampfschiff, genannt der »Tennesee«, den Missisippi
heraufgefahren. Wie das Fahrzeug in der Höhe der Natches war, schoß es
gegen einen Baum, der noch fest an den Wurzeln hangend, mitten im Wasser
lag, und mit seinem Wipfelende den Kiel des Schiffs durchbohrte. Es war
neun Uhr Abends, finstre Nacht, bei kaltem Regenwetter. Die Piloten und
Mechaniker machten sogleich Lärmen. Die Reisenden auf dem Verdeck, ihrer
ohngefähr neunzig Personen, hatten den Stoß gespürt und die Gefahr blieb
ihnen kein Geheimniß. Der Kapitain, schon im Bett, sprang auf, lief umher
zu den Reisenden, die zum Theil auch schon in den Betten im Zwischenverdeck
waren, kündigte ihnen die Gefahr an und mahnte sie, an ihre Rettung zu
denken. Während er noch redete, ging er zur Thür, die zur Dampfmaschine
führt; indem er sie öffnete, um hineinzutreten, stürzte durch die
Erschütterung des Fahrzeugs eine Holzbiege in der Nähe zusammen und
verrammelte die Thür. In demselben Augenblick ging auch das Schiff unter,
um nie wieder zu erscheinen. Alle spätere Nachforschungen, es zu finden,
sind fruchtlos geblieben. Die Personen, die zwischen den Verdecken waren,
hatten indessen das, was sie in ihren Reisekisten vom Besten besaßen,
genommen und sich damit ins Wasser gestürzt, um schwimmend ein Ufer zu
erreichen. Da blieben sie, ungewiß ihres Looses, die lange, finstere,
regnerische Winternacht, vor sich die brüllende Fluth, hinter sich Felsen,
mit den Füßen noch tief im Wasser. Von etwa 150 Personen, die überhaupt auf
dem Dampfboot gewesen waren, hatten nur achtzig das Leben davon gebracht.
Der junge _Morin_, der nun seine Reise zu Lande fortsetzte, kam erst Ende
Aprils in Vevay an, wo man ihn schon zu den Todten gerechnet hatte.
Auch in Vevay wird die englische Sprache, wie überall in den Vereinstaaten,
nach und nach die herrschende Landessprache werden, obgleich mehr als
die Hälfte der Einwohner nur die deutsche und französische aus Europa
mitbrachten. Schon jetzt werden die Sitzungen des Gerichts, in denen ein
Herr Dufour erster Richter ist, in englischer Sprache gehalten. Derselbe
Fall ist in den öffentlichen Schulen und bei den gottesdienstlichen
Versammlungen. Diese Uebung waltet in allen Umgegenden von Vevay, tief ins
Gebiet von Kentuky hinein, obgleich auch dort die Hälfte der Bevölkerung
aus Deutschen und Franzosen zusammengesetzt ist. Man findet da nicht einen
einzigen Geistlichen, der in diesen beiden Sprachen predigt.
Man läßt sich diese anfangs peinliche Unbequemlichkeit, eine neue Sprache
zu lernen, gern gefallen, weil sie zweckmäßig ist. Zudem sind die Vortheile
zu groß, Bürger dieses neuen und väterlichen Vaterlandes zu sein. Bürger
ist man nach fünfjährigem Aufenthalt in demselben, wenn man den Eid der
Treue geleistet und geschworen hat, nicht in Dienst, Amt, Gehalt irgend
einer europäischen Regierung zu stehen. Dann hat man an allen Rechten des
Staatsbürgers Theil, wählt in den Versammlungen die Obrigkeiten und läßt
sich wählen, sei es unmittelbar durchs Volk oder von den durchs Volk
ernannten Wahlherrn. Dabei ist jeder waffenfähige junge Mann von zwanzig
Jahren, zur Zeit des Kriegs, Streiter fürs Vaterland. Er übt sich in
Waffen. Jährlich etwa ein dutzendmal werden Kriegsübungen vorgenommen.
Als sich die Schweizer von Vevay das erstemal zu diesen Waffenübungen
stellen mußten, es war einige Tage vor dem »_vierten Juli_«, dem
Denktag und Fest der amerikanischen Unabhängigkeit, verlangten sie dem
Artillerie-Corps einverleibt zu werden, weil ihrer die meisten schon in
der Schweiz in dieser Waffengattung gedient hatten. Die Regierung schickte
ihnen darauf sogleich eine Achtpfünderkanone zu, die von einer Feste des
Illinois-Staates genommen war. Dies Geschütz, nebst allem Zubehör, ward
den amerikanischen Schweizern mit Feierlichkeit und ermunternden Wünschen
übergeben. Sie übten sich sogleich wieder freudig ein, und zehn Tage
nachher erschienen mit ihrer Kanone, zum mächtigen Erstaunen der
Altamerikaner, die in ihrem Leben keine Uniformen gesehen hatten,
fünfundzwanzig Mann in blauer Kriegstracht mit rothen Aufschlägen und
Bärenmützen. Noch mehr verwunderte man sich über die Gewandtheit dieser
Schützen, und über die Schnelligkeit ihrer hintereinander folgenden
Schüsse. Beim Gastmahl, das dem Waffenfeste den Schluß gab, erhielten alle
diese Schweizer Offiziersrang.
26.
Einsame Wanderung in der Wildniß.
(4. bis 7. Oktober.)
Noch hatte ich einen ansehnlichen Reisestrich vor mir durch die stillen,
unbevölkerten Wildnisse von Kentuky und Virginien, um wieder in die
angebautern Landschaften der östlichen Staaten zu gelangen. Die Jahreszeit
war vorgerückt, die Witterung schon unzuverlässig. Ich wünschte, der weite
Raum von Wäldern, Strömen, Ebenen und Hügeln zwischen dem Ohio und dem
freundlichen Baltimore läge schon hinter mir.
Darum zauderte ich nicht länger, überwand mich, sagte meinen lieben
Bekannten im amerikanischen Vevay Lebewohl, und setzte in einer Fähre
(Ferryboat) über den Fluß, die da immer zur Ueberfahrt von Menschen und
Vieh bereit liegt. Jetzt stand ich auf dem Boden des Kentukygebiets. In
einer Stunde war ich zu _Gand_, einem kleinen Flecken, der gegen Vevay über
liegt. Ich hatte versprochen, hier noch den Herrn _Agnel_ zu besuchen, der
auf seiner Niederlassung eine schöne Weinrebenpflanzung unter Aufsicht des
Herrn _Oboussier_ von Lausanne hat.
Da und in den Umgebungen sah ich zum erstenmale _Neger-Sklaven_ auf dem
Felde arbeiten. Der Anblick war mir widerlich. Noch inmitten der großen,
schönen Freistätten des Menschenrechts auf Erden Sauerteig aus dem
zivilisirten Europa! -- O dies gelehrte, feinsittige, philosophische,
glaubensstrenge, schönrednerische, bücherreiche, heldenmüthige, christliche
Europa, wie ist es doch mit seinen Verfassungen, Gesetzen, Kasten, mit
seinen Timurlengs und Dschengiskhanen, mit seinen Confutsen und Zoroastern,
Sadi's und Bidhay's, mit seinen Lama's, Braminen und Suder's so auffallend
der Großmutter Asia Zug um Zug verwandt!
Indessen die Negersklaverei wird nun in Nordamerika gänzlich abgethan; und
schon gegenwärtig ist das Loos der Schwarzen sehr mild.
Den Sonntag vor meiner Ankunft hatte eine Negerin des Herrn Agnel Hochzeit
mit einem Schwarzen aus einer andern Niederlassung gehabt. Das ist ein
hoher Tag für diese Kinder Afrika's, denn, ausser allen andern Genüssen,
wird ihnen auch für diesen Tag, aber nur für diesen, die Freiheit, wie ein
flüchtiges, süßes Naschwerk, gelassen. Es ist Sitte, daß an solchem Tage
der Herr der Pflanzung und seine Familie das Haus verlassen. Die verlobte
Negerin ladet aus der Nachbarschaft so viele ihrer Freundinnen ein, als sie
will; der schwarze Bräutigam thut desgleichen.
Zeitig erscheinen die Gäste insgesammt Morgens, aufs Beste ausgeschmückt,
größtentheils zu Pferde oder in leichten Reisewagen. Eine kleine Negerin an
der Hausthür meldet die Ankommenden, wie sie nacheinander erscheinen, mit
ihrem Namen (am meisten sind Dschin und Jak) und dem Familiennamen des
Pflanzers, welchem sie angehören. Sie legen nun in ihre Begrüßungen, in
ihre Gespräche und Unterhaltungen die möglichste Artigkeit. Alles nennt
einander Herr, Frau, Fräulein (Gentleman, Lady etc.). Da ist nicht das
Rohe, Plumpe, Steife, wie allenfalls bei _Leibeigenen_ in Europa oder an
Bauernhochzeiten. -- Die Mahlzeit, die im Einzelnen und Ganzen wohlgewählt
und wohlgeordnet ist, dauert gemeinlich bis gegen Abend, dann beginnt die
Lust der Tänze durch die Nacht bis zum Morgen, wo jeder in seine Pflanzung
heimkehrt, um im Schlaf die Maske der Freiheit wieder abzulegen, die er für
einen Tag getragen hatte.
Die Pflanzer begünstigen dergleichen Heirathen gern. Verheirathete Neger,
weil sie einander anhangen, arbeiten fleißiger, betragen sich anständiger,
aus Furcht, von ihren Herren verkauft und von der Geliebten getrennt zu
werden. Der verheirathete Neger wohnt oft drei bis vier Stunden Wegs von
seiner Frau. Alle Woche einmal besucht er sie und seine Kinder, denen er
mit voller Seele gehört.
Es gilt, wie bei den Sklaven oder Leibeigenen Europens, auch hier die
Uebung des barbarischen Mittelalters: =partus sequitur ventrem=. Nämlich
die Kinder aus diesen Ehen gehören demjenigen Pflanzer, dem die Mutter
angehört. Und sind die Kinder erwachsen, hat er für seinen Bedarf zu
viel Neger, kann er sie anderswohin verkaufen. Nicht nur _Neger_, auch
_Mulatten_ (von Europäern und Negerinnen), und _Quarterons_ (von Europäern
und Mulattinnen oder Mestizinnen, Töchtern eines Europäers und einer
Indianerin) sind unter den Sklaven.
Drittehalb Stunden Wegs von der Niederlassung des Hrn. Agnel, nicht weit
von _Frederiksburg_, fand ich mitten in Wildniß und Wald vier einsame
Schweizerfamilien aus dem Neuenburgerlande angesiedelt. Sie wohnten hier
ganz behaglich nun schon seit sechs Jahren, aber im vollsten Sinn des
Wortes, geschieden von der übrigen Welt der Lebendigen, sich selbst ihre
Welt bildend. Es waren die Familien _Guinand_, Vater und Sohn, _Persot_
und _Rochat_. Sie hatten keine Sehnsucht nach dem Treiben draussen. Sie
schienen in ihrer Einsiedelei ganz zufrieden. Warum hätten sie es nicht
sein sollen? Der dankbare Boden, den sie bauten, die kleinen Heerden ihres
Hausviehs, die nahe Jagd umher, stillten ihre einfachen Bedürfnisse im
Ueberfluß, und ihre Wohnungen gewährten ihnen jede Bequemlichkeit, die sie
fordern mochten. Sie nahmen mich mit Herzlichkeit bei sich auf.
Ich aber wollte eigentlich noch die Gruben von _Bigbone_ sehen, die nicht
gar entfernt sein sollten, und wo die vielen Mammuthsgebeine gefunden
werden. Ich machte den Weg zu Fuß, weil ich nur dem Ufer des Flusses
nachzugehen hatte, um eins der Dampfboote ansichtig zu werden, die
alltäglich den Ohio herauffahren.
Indem ich also durch Wald und Wilde sinnend hinwanderte, mit den Gedanken
noch die Einsiedelei der vier Familien umschwebend, sah ich plötzlich,
zwischen den Bäumen hervor, als wäre ein Umhang weggezogen, eine
unerwartete Erscheinung. Auf einem prächtigen Rosse saß in fremder
aber kostbarer Tracht ein junges, schöngewachsenes Frauenzimmer, mir
entgegenreitend, und von zwei andern, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, als
wären es Dienerinnen. Die eine von diesen schien hiesigen Landes zu sein.
Die reizende Gebieterin voran trug ein bläuliches, nettes Jagdkleid,
reichverziert, zu schmuckvoll für diese Einöden; dazu einen feinen, breiten
Strohhut, von welchem seitwärts ein grüner Schleier herabfloß.
In _Wielands_, _Ariostos_ und _Tassos_ Gedichten kann man wohl solchen
Feengestalten oder irrenden Damen mitten in unbekannten Wildnissen
begegnen. Aber in einem der amerikanischen Urwälder, wo kaum der Weg
recht erkennbar war, wo weit umher Todesschweigen herrschte, welches das
Wellengeräusch des Ohio nur feierlicher machte, wo ich für solche Tracht
und Pracht kein Schloß, keine große Stadt in der Nähe wußte, glaubte ich
dergleichen nie erwarten zu können. Ich war auch in der That so überrascht,
ich muß sagen, verblüfft, daß ich, ohne an diese neue Diana ein Wort zu
richten, sie nur anstaunte. Ich konnte mich nicht erwehren, sogar meinen
Hut, ganz gegen Landessitte, höflich vor ihr abzuziehen. Sie erwiederte mit
einem artigen Gegengruß und verschwand hinter mir zwischen den Bäumen.
Es verdrießt mich noch jetzt, daß ich die Geistesgegenwart in dem Grade
verlor, sie nicht einmal anzureden.
Ich wanderte weiter. Der Weg war übel. Von Zeit zu Zeit ging er mir unter
den Füßen gänzlich aus, und ich behielt nur die Sonne zur Gehülfin, meine
Richtung zu wählen. Länger, als ich vermuthet hatte, mußte ich in der
Einöde dahin pilgern. Nach viertehalb Stunden kam ich endlich zu einem
einsamen Weiler, der _Sugarcreek_ hieß. Meine Ermüdung machte mich
zufrieden, nur ein Obdach und Menschen zu sehen.
Freundlich ward ich von den gutmüthigen Pflanzern in ihrer saubern Wohnung
empfangen. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Massachusets sich hierher
begeben und angesiedelt hatte. Die Leutchen wohnten erst seit zwei
Jahren in Sugarcreek und schienen mit ihrem Aufenthalt wohl vergnügt.
Ich verlangte etwas zu essen. Man bediente mich nicht nur sehr reinlich,
sondern auch mit ausgewählten, wohlbereiteten Speisen, wie ich gerade hier
nicht zu erblicken gedacht hatte.
Jetzt erfuhr ich, daß ich bis nach Bigbone noch sieben Stunden Wegs zu
machen habe, und mich ohne Pferd und ohne Wegweiser kaum dahin finden
würde. Da sagte ich in meinem Herzen den Mammuths-Gräbern Valet, und
beschloß, bei meinen freundlichen Wirthen zu übernachten, um von da auf
einem Dampfboot geradeswegs nach Cincinnati zurückzukehren. -- Schon Abends
hörte man zwei Kanonenschüsse vom Ohio, die von den weiten Wäldern umher
den Gegengruß in sekundenlangem Wiederhall zurück empfingen. Die Zeichen
kamen von zwei Dampfbooten, General _Pike_ und _Ostrich_, welche den Fluß
hinab gen Laurencebourg fuhren, und in der Morgenfrühe wiederkehren mußten.
Der Abend verfloß in traulicher Unterhaltung. Wie viel läßt sich aus den
Gesprächen einfacher Menschen lernen, die in gleichweiter Entfernung
von der Thierheit des Wildenthums und der Thierheit des verkünstelten,
überfeinen Städterwesens, groß, bescheiden, frei und wahrhaft, wie die
Natur sind! Als ich zu meinem Nachtlager ging, war der reine Himmel schwer
von Sternen. Der aufgegangene Mond zitterte hinter den Wipfeln riesenhafter
Bäume, die er schon seit Jahrhunderten beschienen. Ein weites Schweigen
waltete um die Pflanzerwohnung in den Wäldern und längs dem Ufer des Ohio.
Es war aber das alte Schweigen der Einöden, welches auch der Tag selbst
nicht stört, es sei denn, daß ein Sturm durch die endlosen Forsten zieht.
Morgens sechs Uhr kam das Dampfboot General Pike schon wieder den Fluß
aufwärts. Ich hörte das Zischen der Dämpfe schon aus der Ferne. Auf ein
Zeichen, das ich vom Ufer gab, erschien ein Kanot, das mich zum Schiffe
brachte. Abends fünf Uhr stieg ich schon in _Cincinnati_ ans Land. Einer
meiner neuerworbenen Freunde, Herr Perret, nahm mich sogleich mit sich in
ein Konzert, das zu Ehren Lafayettes gegeben wurde. Dieser Anlaß, diese
Töne, und die Gesänge hatten auf mein Gemüth tiefen Eindruck. Es wurden die
Namen _Wilhelm Tells_ und _Lafayettes_ und _Washingtons_ gefeiert. Es ist
doch das Göttliche in der Brust der Sterblichen, zu allen Zeiten, unter
allen Himmelsstrichen, das hoch Vorwaltende, und das, was immerdar am
innigsten ergreift. Die Welttheile und die Jahrtausende erkennen keine
andere Heroen, als die Heroen der Menschheit und ihres ewigen Rechts. Was
weiß man doch nach Jahrtausenden von unsern Tags- und Schlachthelden,
den Massenas und Moreaus, den Wellingtons und Blüchers und wie sie
heißen mögen? Höchstens beschäftigt sich mit ihnen ein müßiger
Geschichtsklitterer, oder der Knabe schleppt sie mit hundert ähnlichen im
dürren Kompendium zur Schule, um sie wieder zu vergessen.
27.
Fortsetzung des Wegs in der Wildniß.
(8. bis 12. Oktober.)
Es war mir darum zu thun, die französische Kolonie _Gallipolis_ zu sehen.
Man rieth mir, das linke Ufer des Ohio zu verfolgen bis ins Gebiet von
Virginien, und dann bei Bigsandi wieder über den Fluß zurückzugehen, um
nach Gallipolis zu kommen. Ich kaufte mir zu dem Ende ein braves Reitpferd,
ließ mich damit von Cincinnati auf einer Fähre nach _Neu-Port_ im Staat
Kentuky über den Ohio setzen, und reisete so dem linken Stromufer nach,
ohne besondern Merkwürdigkeiten oder Abentheuern zu begegnen. Am dritten
Tag Abends war ich neunundzwanzig Stunden von Cincinnati in einem geringen
Städtchen, Namens _Washington_.
Hier vernahm ich vom Wirth, der von Straßburg gebürtig war, aber nicht drei
Worte mehr deutsch verstand, daß ich ganz irre gefahren sei. Ich gerieth
in nicht geringe aber keineswegs angenehme Verwunderung, als ich hörte, ich
müsse wieder eine gute Strecke zurück, und habe einen Umweg von zwölf bis
dreizehn Stunden gemacht. Man muß es gar nicht übel deuten, wenn die Leute
in diesem neuen Lande die vaterländische Geographie schlecht inne
haben. Sie lernen sie nur aus dem Munde der Reisenden, und pflanzen sie
überlieferungsweise fort.
Also kehrte ich den andern Tag, in mein Schicksal ergeben, geduldig um,
wandte mich gerade gegen den Ohio, setzte zu _Maysville_, vier Stunden
oberhalb Augusta, über den Fluß, und kam dann, nach sechs Wegstunden, in
_West-Union_, auf der Landstraße nach Cincinnati gelegen, an.
In den meisten Pflanzungen und Niederlassungen, durch die ich während der
letzten vier Tage im Gebiet von _Kentuky_ gekommen war, wurden zahlreiche
Sklaven gehalten, welche zur schweren Landarbeit gebraucht werden. Der
Anblick dieser Unglücklichen, in welchem Menschen, die sich veredelter
halten, die heilige Würde, die ewigen Rechtsame der menschlichen Natur
entweihen und verletzen, gab mir jedesmal eine üble Stimmung. Saß ich zu
Tisch, stand beständig eine Negerin hinter mir, um mich zu bedienen; etwas
Unbehagliches für den, der nicht gewohnt ist, sich von Sklaven aufwarten
zu lassen. Die Negerinnen verrichten die häuslichen Dienste. Immer auf
jede Bewegung des Herrn oder der Gebieterin aufmerksam, können diese keinen
Blick thun, den die Negerin nicht versteht, und augenblicklich als Befehl
betrachtet und vollstreckt.
Was müssen sich die armen Geschöpfe doch Alles gefallen lassen! Die
amerikanischen Zeitungen vom vergangenen Monat erzählten, die Gemahlin
des _Augustin Iturbide_, des bekannten Kaisers von Mexico, sei so
kaiserlich-vornehm oder bequem gewesen, daß wenn eine Mücke auf ihrer Hand
saß, sie eine ihrer Sklavinnen rief, sie fortzublasen. In mehreren Häusern
hörte ich die Hausfrauen stets über ihre Negerinnen klagen, wenn etwas im
Hause nicht war, wie es sein sollte. Fehlte etwas an der rechten Bereitung
der Speisen, hatte das Linnenzeug nicht die gehörige Weiße u. s. w. --
immer waren die Negerinnen schuld. Nicht nur die Kaiserinnen, sondern
selbst die gemeinen Pflanzerinnen werden durch das Sklavenbesitzen
unglaublich bequem.
In den Ansiedelungen von Kentuky gehen die Kinder der Sklaven ganz nackt,
bis zum zehnten Jahr, ohne Unterschied des Geschlechts. Es ist oft ein
possirliches Schauspiel, vor einer Hütte ein ganzes Nest voll Negerchen
spielen und sich im Staube herumrollen zu sehen. Die Erwachsenen, alle
barfuß, haben keine andere Bekleidung, als ein sehr grobes, um den Leib
zusammengebundenes Hemd.
Ich blieb nicht in _West-Union_, sondern übernachtete zwei Stunden Wegs von
da, in einem Bauernhause. Als ich meinen Bewirther fragte, wes Landes
er sei, antwortete er gar treuherzig: »=I have the misfortune to be an
Irishman.=« (Ich bin so unglücklich, Irländer zu sein.) Die Irländer sind
nämlich in den Vereinstaaten am wenigsten geachtet. Unter sämmtlichen
Ankömmlingen aus Europa gelten sie für die verderbtesten. Schweizer
und Deutsche sind in Nordamerika, als gute Landarbeiter, zum Sprüchwort
geworden; der Engländer gilt als Spekulant; der Franzose macht sich zum
Jäger und klagt über Langeweile. Der Irländer aber, erstaunt über die
Wohlfeilheit des Whisky, ergibt sich dem Trunk und den Folgen desselben.
Ueber meinen Irländer hatte ich, soviel mich betraf, keine Klage zu
führen. Er war eine gute Haut. Mein Roß hingegen hätte mehr Grund zur
Unzufriedenheit gehabt, denn es mußte die ganze Nacht, da der Himmel den
Regen stromweis herabschüttete, im Freien stehen. Obwohl mein Wirth ein
Dutzend Kühe, fünf bis sechs Pferde, über hundert Schafe und eine Heerde
von Gänsen, Welschhühnern, Enten und Hühnern besaß, hatte er doch keinen
Stall. Indeß schien das Pferd dieser amerikanischen Sitteneinfalt ganz
gewohnt zu sein; denn ich fand es am Morgen ganz frisch und lustig.
Die aufeinanderfolgenden Regenschauer erlaubten mir erst gegen Mittag, mich
auf den Weg zu machen. Ich hatte noch vierzehn Wegstunden bis _Portsmouth_
zurückzulegen. Ein kleiner Strom, Namens _Turkycreek_, mußte mir anfangs
lange Zeit als Führer dienen. Mehrmals war ich genöthigt, durch ihn bald an
sein linkes bald an sein rechtes Ufer zu reiten, um vorwärts zu kommen. Er
war vom anhaltenden Regen mächtig angeschwollen. Das Pferd verlor oft den
Grund unter seinen Füßen, und wir mußten es beide mit Schwimmen versuchen.
Ich bewunderte die Geduld des guten Thiers, das sich gar nicht abschrecken
ließ, aus einem Schlammloch ins andere, und von einer Seite des Wassers zur
andern überzusetzen.
Es ist, bei naßkaltem, trübem Wetter, selbst im Paradiese kein anmuthiges
Reisen; um so weniger, wenn man ohne Weg und Steg durch ein unbekanntes,
einsames Land hinabentheuert. Ich machte mich immer dabei noch auf das
Zusammentreffen mit einem Bären gefaßt; denn mein irländischer Wirth hatte
mir des Morgens den Rath gegeben, meine Pistolen gut zu laden, weil
sich mir vielleicht dergleichen Reisegefährten durch den Wald aufdringen
könnten. Sie seien gar nicht selten. Allein es zeigte sich keiner. Doch
am Aussenende des wilden Forstes sah ich wenigstens eine frische, blutige
Bärenhaut. Ein Jäger spannte sie zum Trocknen auf.
Noch ziemlich zeitig traf ich endlich in _Portsmouth_ ein, von Müdigkeit
und Hunger erschöpft. Zwei Aepfel waren binnen vierundzwanzig Stunden
meine Nahrung gewesen. Aber ein artiges Wirthshaus, gefällige Wirthe, ein
treffliches Nachtmahl, ein gutes Bett ließen mich bald alle Entbehrungen
wieder vergessen.
Ich hatte jetzt noch bis Gallipolis vierundzwanzig Wegstunden vor mir, und
nur bis zum nächsten Ort, wo ich übernachten konnte, vierzehn Stunden.
Drum begab ich mich andern Morgens früh genug auf die Reise. In einem
Bauernhause, vier Stunden von Portsmouth, hielt ich an, um mich und mein
Pferd gehörig vorzubereiten, zehn Stunden lang keine menschliche Wohnung zu
erblicken.
Wirklich gings von da ununterbrochen durch ewigen Wald, so hoch, so dicht,
daß auch die Sonnenstrahlen nur selten durch die verwachsenen Wipfel der
Bäume brachen. Landstraße war keine, man mußte auf die halbverwischten
Tapsen der Vorgänger genau achten. Hinwieder nahm ich Schnitte und
Einkerbungen in den Stämmen links und rechts wahr, die dem Wanderer eine
Richtung andeuteten, welche er zu nehmen hatte.
So verging der Tag in steter Beschäftigung, die Spuren der Vorangegangenen
oder die Zeichen an Bäumen zu entdecken und zu verfolgen, um mir als
Wegweiser zu dienen. Das brave Roß lief beständig seinen Trab, als wüßte
es, wie weit noch seine Krippe wäre. Aber Abends, schon war es fünf Uhr,
stieß ich plötzlich auf zwei Fußwege, von denen einer links, der andere
rechts zog. Ich zauderte lange unentschlossen, wog alle Für und Wider gegen
einander ab, und schlug zuletzt rechts ein.
Ich war kaum eine Viertelstunde fortgetrottet, sah ich plötzlich, nur noch
fünf Schritte von mir, eine dicke Schlange am Boden liegen. Sie hatte sich
kreisförmig zusammengerollt, und streckte den Kopf auf, mit der Zunge
mir entgegenspielend. Es war, der Farbe nach, die hier Landes bekannte
»Coppersnake« oder Kupferschlange. Sie hatte die Dicke eines mittelmäßigen
Mannsarmes und eine Leibeslänge von ohngefähr fünf bis sechs Schuh. Sie
richtete sich im gleichen Augenblick weiter auf. Die Bewegungen ihres
Kopfes und Halses dabei waren sehr schnell.
Unangenehm überrascht gab ich meinem Pferd den Sporn in die Rippen,
seitwärts lenkend. Das Roß aber, erschrockener noch als ich, nahm einen
gewaltigen Satz und jagte davon. Ich behielt immer das Gesicht, wie
_Bürgers_ wilder Jäger, im Nacken, um zu gewahren, ob uns das Unthier
verfolge. Ich verlor es aber bald aus den Augen.
Man erzählte mir nachher, daß die Kupferschlange, an ihrer Dicke und
grünröthlichen Farbe leicht kennbar, das gefährlichste Thier in diesen
Gegenden sei. Sie ist sehr gefräßig und nimmt es mit den größten Thieren
auf. Ihr giftiger Biß wird nach einigen Stunden tödtlich, nachdem der
Körper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Indeß vermindert
sich diese wüste Brut überall in gleichem Verhältniß, wie sich die
Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der
Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser nützlichen
Hausthiere hätte, die sich ohne seine Sorge vermehren und beköstigen. Ein
einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stück. Sie laufen
fast beständig im Wald umher und nähren sich da von Pflanzen, Wurzeln und
Gewürmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen
an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Biß Schaden zu
leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft
wohl nur selten ein Blutgefäß.
Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler
und der Wald immer dichter. Mein Fußweg lief noch immer in seiner alten
Richtung rechts, abweichend von meiner frühern. Ich tröstete mich damit,
daß ich auf die Art dem Ohio aufwärts gelangte. Denn wieder umzukehren
spürte ich in mir auch nicht die mindeste Lust.