nur 6000 Mann stehenden Kriegsvolks zu besolden; aber ausserdem ist jeder
Bürger Krieger, wenn Krieg ist; und die Zahl dieser in Waffen geübten
Milizen beträgt gegenwärtig volle 900,000 Mann. Wenn nicht alle
europäischen Mächte einstimmig und alle zu gleicher Zeit ihre Armeen
auflösen und das amerikanische System annehmen, möchte der Versuch dazu
wahrlich keiner _einzelnen Macht_ für sich allein zu rathen sein, wenn
sie nicht Gefahr laufen wollte, von einem der christlichen Nachbarn ganz
unerwartet, mit Mann und Roß, verschlungen zu werden.
Wie in diesen Stücken, so in vielen, wenn auch nicht allen. Wer in Europa
die unläugbaren Vortheile Amerika's einführen will, muß vor allen Dingen
erst dafür sorgen, daß er die Verhältnisse der Natur, Oertlichkeit und
staatsthümlichen Lage aus den Vereinstaaten über das Weltmeer nach unserm
Welttheil bringe. Dann wird sich alles leichter machen. Vor der Hand
wollen wir zufrieden sein, wenn man sich nur dem möglichen Bessern allmälig
nähert; den Kastenunterschied mildert; den Volksunterricht allgemeiner
macht und bessert; im Zoll- und Mauth-Netz einige Maschen erweitert;
die Ministerialwillkühr durch gesetzgebende Kammern beschränkt; und den
allbelebenden, alles erhebenden, freien Verkehr in der geistigen Welt,
nicht durch Posten- und Stämpel-Abgaben der Finanzspekulation und durch
Zensur- und Preßzwangsgesetze blödsichtiger, oder furchtsamer Finsterlinge
lähme oder tödte.
24.
Ritt nach Cincinnati.
(19. bis 28. September.)
Fast zu lange schon für den Ueberrest meiner Zeit hatte ich mich in der
Kolonie des wackern Hauptmanns verweilt. Ich mußte endlich aufbrechen. Sein
trefflicher Sohn wollte mich, was mir sehr angenehm war, noch bis zur Stadt
Cincinnati begleiten. Ich miethete ein gutes Pferd, und schon nach zwei
Stunden waren wir zu _Athen im Ohiostaat_.
Dies _amerikanische Athens_ ist eine ganz junge _achtjährige_ Stadt von
ohngefähr hundert Häusern. Ich war schon einige Tage früher daselbst zum
Besuch gewesen und in einige angenehme Bekanntschaften eingeführt worden.
Das Beste hier, und was des Namens der Stadt das Würdigste sein muß,
ist die höhere Lehranstalt, oder das Kollegium des Ohiostaates. Das dazu
bestimmte große Gebäude ist in einem edeln Styl aufgeführt, und die Zahl
der Studirenden schon beträchtlich, so daß dies Athen das Ansehen einer
kleinen Universität gewinnt.
Die Regierung der Vereinstaaten, und so hinwieder die Regierungen der
einzelnen Freistaaten Nordamerika's, sparen keine Kosten für Erweiterung
und Erhebung des öffentlichen Unterrichts. Denn ihnen ist klar, daß, wie
der einzelne Mensch sich nur durch höhere Einsicht und Geschicklichkeit
gegen Andere in ein Uebergewicht zu setzen im Stande ist, auch nur eine
Nation durch allgemeine Bildung und höhere Geistesentwickelung andern
Nationen überlegen werden kann, wie es Griechenland einst gegen den Orient,
Rom gegen Europa und Afrika war, England jetzt, und noch Frankreich, gegen
die neuern Völker ist. Man hat in Amerika nicht blos die gemeinen Anfangs-
und Bürgerschulen, oder dann Gymnasien und Universitäten für die, welche
sich blos dem gelehrten Stande widmen, sondern eben so viele polytechnische
Institute für die, welche sich den Künsten, Gewerben und Fabriken weihen.
Denn ein Staat, der leidlich organisirt heißen will, bedarf im Verhältniß
seiner Volksmenge bei weitem nicht so viel Juristen, Mediciner, Theologen
und Philologen, als Handwerker, Mechaniker, Chemiker, wissenschaftlicher
Landökonomen, Fabrikanten, Kaufleute u. s. w.
Auch bemerkt man in Amerika deutlich, daß das Streben nach Bildung,
Aufklärung und Kenntnissen im Volk ohne Unterschied der Kirchparteien
allgemein ist, und die Katholiken darin den Evangelischen nicht nachstehen,
weder von ihren Geistlichen zurückgehalten werden, noch sich zurückhalten
lassen. Dadurch wird jener auffallende Unterschied der öffentlichen Bildung
und des Wohlstandes zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden,
Provinzen und Staaten, der in Europa bemerkt wird, in Amerika verhindert.
Es ist allgemein bekannt, wie weit in unserm Welttheil, und zwar in dieser
Hinsicht, Spanien, Portugal, Sicilien, Irland, und selbst der Großtheil der
österreichischen Länder den evangelischen Staaten nachstehen. Man könnte
ähnliche Demarkationslinien in Deutschland und der Schweiz ziehen;
und Frankreich dankt den ganzen Ruhm seiner Ueberlegenheit nur seiner
nordöstlichen Hälfte, die von jeher dem priesterlichen und mönchischen
Einfluß mehr, als die südliche Hälfte widerstand.
Wir ritten längs dem linken Ufer des _Hokaking_ hinauf, der von Norden
kömmt, und sich bei _Troy_ unterhalb _Belpré_ in den Ohio ergießt. Durch
das Städtchen _Nelsonville_ kamen wir von Wald in Wald. Es ward Abend. Wir
sahen uns gezwungen, mitten in den Wäldern, in einer einsamen Hütte,
ein Nachtlager zu suchen. Dies Bauerhaus, wie es da so vor uns lag, aus
übereinander gelegten, unbehauenen Holzstämmen zusammengefugt, deren
Zwischenräume, um Luftzug zu meiden, mit Erde und Moos ausgestopft waren,
-- machte einen traurigen Anblick und unbehaglichen Eindruck. Indessen wir
kehrten ein.
Man kann sich mein Erstaunen leicht denken, als ich in's Haus trat, und
den Fußboden der Stube mit einem sehr schönen türkischen Teppich bedeckt,
Tisch, Stühle und anderes Zimmergeräth von Akajuholz, und uns nachher in
Porzellan- und Silbergeschirr bei Tisch bedient sah. Mehr, als das Alles,
erregte aber die sehr saubere Kleidung, die Liebenswürdigkeit und Bildung
dieser einsamen Pflanzerfamilie meine Theilnahme. Wir hatten einen
genußreichen Abend.
Früh andern Morgens machten wir uns auf, um Mittags in _Neu-Landcaster_ zu
sein. Es ist dies eine zehnjährige Stadt, von 2000 Einw., die von meistens
Deutschen gegründet worden ist, welche sich aus _Lancaster in Pensylvanien_
größern Vortheils willen hierher begeben hatten. Wir machten von hier aus
einen Abstecher zu einem Pflanzer, zwei Stunden von da, der schweizerischer
Abkunft war, und bei dem wir übernachteten. Dann gingen wir Tags nachher
nach Landcaster zurück, und, um es kurz zumachen, über _Chilicothe_,
_Bainbridge_, _Hillsborough_, _Williamsborough_ und _Batavia_ nach
Cincinnati.
Dies alles sind ganz neue Städte, die höchstens 3000, wenigstens 1200
Einwohner haben. In _Chilicothe_, am ziemlich beträchtlichen Scioto-Strom,
befremdete uns, mehrere Häuser und Kaufläden gänzlich geschlossen zu sehen.
Wir erfuhren, daß eben ein bösartiges Fieber herrschte, welches schon viele
Leute weggerafft habe. Mit Ausnahme von Neu-Orleans, welches alljährlich
zur Zeit der Hitze, im Juli, August, September seine regelmäßige Fieberzeit
hat, ist Chilicothe der einzige Ort in den Vereinstaaten gewesen, wo dies
Jahr die bleiche Noth eingekehrt ist.
Eine Stadt von der andern, unter den obengenannten, ist acht bis sechszehn
Stunden entlegen. Von einer zur andern führt eine äusserst mittelmäßige
Landstraße, fast durch immerwährende Waldungen. Nur in Zwischenräumen von
vier, fünf, sechs Stunden erblickt man etwa eine einzelne Pflanzerhütte.
Und auch diese ärmlichen Hütten sind noch ganz neu, erst von angekommenen
Ansiedlern aufgeschlagen, zwischen Wäldern und wilden Wiesen.
Diese Wiesen sind große Savannen; man heißt sie jetzt noch in Amerika
_Büffel-Wiesen_, weil hier die Büffel ehemals ganz einheimisch waren. Nun
aber sind diese Thiere seit zehn Jahren aus den Staaten Ohio und Indiana
beinahe gänzlich verschwunden. Auf den Wiesen, obgleich sie mit den Wäldern
in gleicher Ebene liegen, wächst kein einziger Baum, kein Gebüsch und
Gesträuch. Alles ist mit hohem Grase und Kraut dick überwachsen.
Wohldurchnäßt, bei tüchtigem Regenwetter, kamen wir endlich nach
_Cincinnati_, wo wir im zierlichen Gasthof Washington-Hall ohngefähr
dreißig Reisende beim Nachtessen fanden, und uns erquickten.
_Cincinnati_ im Ohiostaat, liegt an der Südgrenze von Kentuky, an der
Westgrenze von Indiana, sehr vortheilhaft auf dem rechten Ufer des Ohio.
Die Stadt wurde im Jahr 1790 gegründet; hatte noch im Jahr 1798 nur
hölzerne, grobgezimmerte Häuser, ist jetzt aber sehr hübsch, und nach
dem Plan von Philadelphia gebaut, und zählt 14,000 Einwohner. Sie steht
75 Schuh höher, als der mittlere Stand des Ohio. Denn dieser Fluß steigt,
wenn der Schnee schmilzt, oder nach starken Regengüssen, über 45 Schuh
hoch, und bespült dann sogar den Fuß der ihm nächstgelegenen Häuser. Von
solchen ungeheuern Anschwellungen eines Stroms kennt man in Europa nichts
Aehnliches.
Eben diese anmuthige und bequeme Lage Cincinnati's bewirkt schnelle
Vergrößerung und lebhaften Verkehr der Stadt. Täglich kommen Dampfboote
an, oder gehen ab. Es sind von hier bis Neu-Orleans noch 540 Stunden. Ein
Dampfboot fährt stromab in acht Tagen dahin. Hingegen von Cincinnati weg
stromauf nach Pittsburg sind nur 280 Stunden; das Dampfboot braucht aber
zehn Tage dazu.
Man weiß, am Ohio war in der Urwelt eine recht eigentliche Heimath jener
verschwundenen riesenhaften Thierart, die den Namen der Mammuth trägt, und
_Cuviers_ Forscherblick und Fleiß schon in mehrere Arten getheilt hat.
Ich sah zu Cincinnati eine ganz kostbare Sammlung von Ueberresten dieser
ungeheuern Gerippe. Ein Zahn, von der Gestalt eines Elephantenzahns, hat
die Länge von 6 Schuh, und ist 150 Pfund schwer. Diese Sammlung ist im
hiesigen Museum, wo man auch andere Natur- und Kunstseltenheiten Amerika's,
eine lebendige Klapperschlange in einem eisernen Käfig, Mineralien,
Kleider, Schmuckwerk und Waffen der Indianer, die noch vor einigen Jahren
nicht weit von der Stadt wohnten, schöne Oelgemälde von amerikanischen
Künstlern u. s. w. aufgestellt findet. In einem anstoßenden Saale
versammelt sich täglich Abends sehr zahlreiche Gesellschaft, um die
Zeitschriften und Blätter aus allen Gegenden der Vereinstaaten zu lesen.
Viermal wöchentlich hält hier Herr _Dorfeuil_, der die Güte hatte, mich ins
Museum einzuführen, ein gelehrter, liebenswürdiger Canadier, öffentliche
Vorlesungen über wissenschaftliche Gegenstände. Die andern Tage sind
Konzerte im Musiksaal, dessen Hintergrund eine sehr reichgebaute Orgel
ziert, auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt.
An der Gewerbigkeit einer solchen Stadt wird wohl Niemand zweifeln. Da
wohnt ein geselliges Mirmidonenvolk, wovon wenigstens die Hälfte aus
Engländern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen besteht, die
alle mit Freuden ihren alten Vaterlanden entsagt haben. Fast bei allen
Gewerben verrichten Dampfmaschinen ihren Dienst, die auch die Brunnen
sämmtlicher Stadtviertel mit Wasser versehen müssen. Die größte
Dampfmaschine, deren künstlicher Bau bewundernswürdig, ja einzig in seiner
Art gewesen sein soll, war wenige Wochen vor unserer Ankunft abgebrannt.
Sie hatte zu gleicher Zeit mehrere Mahl- und Sägemühlen, dann
ein Distillirwerk, eine Baumwollenspinnerei und endlich noch eine
Wollkrämpelmaschine getrieben.
25.
Besuch von Neu-Vevay.
(28. Sept. bis 4. Okt.)
Mein junger Begleiter und Freund verließ mich in Cincinnati und kehrte zur
Kolonie seines Vaters zurück. Ich gab ihm mein Pferd mit, und bestieg ein
Dampfboot, den Spartaner, das nach _Madison_, einem Städtchen in Indiana,
ohngefähr fünfunddreißig Stunden zu Wasser von Cincinnati, abfuhr. Ich
wollte eigentlich nach _Neu-Vevay_, das zehn Stunden näher liegt, um dort
einige alte, europäische Bekannte und Freunde zu besuchen. Der kleine Umweg
verschlug mir nichts. Auf dem Spartaner fand ich ein Dutzend Reisende, die
bei meinem Eintritt ins Zimmer alle mit Lesen oder Schreiben beschäftigt
waren.
Das Boot flog schwalbenschnell längs den hohen, schroffen Waldufern des
Ohio dahin. Von Zeit zu Zeit gingen flüchtig, wie Zauberlaternenbilder,
schöne Landhäuser und malerische Pflanzer-Einsiedeleien an uns vorbei. Die
Dampfboote auf dem Ohio, obgleich die Bedienung der Gäste, wie überall,
vortrefflich ist, sind doch minder groß, als auf dem Hudson, und platter,
daher auch in ihrer Mechanik anders eingerichtet. Der Grund davon liegt
darin, daß sie beim niedrigen Wasserstande, vom Juli bis November, leichter
über die zahlreichen Sandbänke hingleiten können.
Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren, den andern Morgen um sechs Uhr
befand ich mich in einer der fruchtbarsten Landschaften am Ohio zu Madison.
Nachts ging ein Dampfboot stromauf nach Vevay, das ich benutzte.
Bekanntlich wurde _Neu-Vevay_ im Ohiostaate von den drei Brüdern _Dufour_,
aus dem Kanton Waat, im Jahr 1802 gegründet. Diesen Schweizern folgten
noch in demselben Jahr, und in den folgenden, mehrere ihrer arbeits- und
freiheitslustigen Landsleute. Anfangs legten sie sich besonders auf den
Weinbau, wozu sie die Pflanzen aus ihrem Vaterlande mitgebracht hatten.
Diese Reben trieben sogleich ausserordentlich, waren sehr saftvoll, aber
plötzlich im August starben sie ab. Eben so fruchtlos blieben spätere
Versuche mit den Pflanzen vom Ufer des Genfersees. Jetzt aber haben sie,
und mit besserm Erfolg, Reben vom Kap der guten Hoffnung und von der Insel
Madera angepflanzt. Sie gedeihen gut, und bei achtzig Jucharten Landes
sind schon damit bedeckt. Die Rebstöcke sind in lange Reihen, spalierartig
gesetzt, und eine Reihe von der andern ist so weit, daß der Pflug zwischen
durch kann, weil man sich dessen hier bedient. Ich fand die Trauben damals
schon reif. Die Beeren sind von einer dunkeln Schwärze, groß wie Pflaumen,
und haben eine dicke Haut. Ihr Geschmack ist himbeerenartig, ziemlich
angenehm. Auch der Wein behält diesen Himbeergeschmack lange. Doch trank
ich auch einen hellrothen, sehr alten, der wenig vom rothen Neuenburger in
der Schweiz verschieden war.
Jetzt wohnen in Vevay ohngefähr hundert Familien aus der Schweiz, und eben
so viele amerikanische. Da die Lage des Orts gewiß angenehm, der Boden
ergiebig, das Klima mild ist, sollte er wohl bevölkert sein. Denn weit
umher und ringsum ist eine Menge von Landhäusern und Pflanzungen. Man sagte
mir aber, die Herrn _Dufour_, die das Land alles von der Regierung an sich
gekauft hatten, wären anfangs, mit dem Preis der Grundstücke, bei deren
Wiederverkauf zu theuer gewesen. Sie hätten sogleich daran ein Gutes
gewinnen wollen, und blos davon meistens an Amerikaner verkaufen können,
von denen nachher die wenigsten im Stand gewesen seien, zu zahlen. Viele
Schweizer setzten sich daher in der Nachbarschaft an, wo sie eben so gutes
und wohlfeiles Land fanden und sich gegenwärtig sehr gut stehen. Wären
alle Höfe derselben in Vevay vereint, würde dies eine der beträchtlichsten
Kolonien sein.
Trotz dem, daß Vevay nur aus zwei oder drei leidlichen Straßen besteht,
führt es doch den Namen einer _Stadt_. Die Gassen, die noch künftig werden
sollen oder können, die einstigen öffentlichen Plätze, Märkte u. s. w. sind
schon vorgezeichnet und vorbehalten.
Denn, wie ich's schon gesagt habe, hier zu Lande entstehen die Städte
nicht, wie in der alten Welt, durch eine Reihe von Zufälligkeiten im
langsamen Gang der Jahrhunderte, sondern durch einen Regierungsbeschluß,
ehe sie noch da sind. Die Regierung der Vereinstaaten läßt nämlich die
weitläuftigen Landstriche, welche sie durch Eroberung oder Kaufverträge
von den Stämmen der Indianer erworben hat, durch angestellte
Sachkundige untersuchen, vermessen und chartiren. Dann wird das Ganze in
»_Stadtschaften_« oder, weil man dies deutsche Wort nicht gebraucht, in
Stadtgebiete (=Town-Ships=) eingetheilt. Jede Stadtschaft besteht aus
fünfunddreißig Abschnitten; ein Abschnitt enthält 640 Jucharten Landes, die
Juchart zu 36,000 Geviertschuh. Einen oder zwei von den in allen Hinsichten
am vortheilhaftesten gelegenen Abschnitten, in der Nähe eines Flusses oder
Sees, in angemessener Entfernung von bestehenden Städten, liest man zur
Gründung der dereinstigen Stadt aus; entwirft dazu die Anlage der Straßen
und öffentlichen Plätze; bestimmt die Stellen, wo die öffentlichen Gebäude
stehen sollen, und läßt den übrigen Stadtraum frei, sich zur Anlegung von
Wohngebäuden u. dergl. zu verkaufen.
Die dem Stadtraume zunächst gelegenen vier Landabschnitte bleiben jedesmal
Staatsgut. Es sind diese drittehalbtausend Juchart von der Regierung zur
Unterhaltung einer höhern Schulanstalt, eines Kollegiums, oder anderer
Staatseinrichtungen für das Gemeinwesen geweiht.
Die noch übrig gebliebenen andern neunundzwanzig oder dreißig
Landabschnitte, die zusammen über 19,000 Jucharten betragen, werden vom
Staat an die, welche sich ansiedeln wollen, verkauft, die Juchart zu ein
bis fünf Dollars, je nach der Güte des Bodens, oder der Nähe einer Stadt,
eines Flusses u. s. w. In _Indiana_, auch in _Illinois_, wo die Bevölkerung
bis jetzt noch schwach ist, kauft man auch die Juchart sehr gut gelegenen
Landes um einen _halben_ Dollar. Die halbe Zahlung wird baar geleistet, die
andere Hälfte in langen Fristen.
Seit dem Eintritt der fruchtbaren Jahrgänge nach 1817 ist der Werth der
Grundstücke, wie in Europa, auch in Amerika beträchtlich gesunken. Bei
_Athen_ z. B. ward noch vor fünf Jahren die Juchart mit fünf Dollars
bezahlt; gegenwärtig sind ein und zwei Dollars der laufende Preis. Man bot
mir in Vevay ein Landgut an; es hatte zwei Häuser von gezimmertem Holz;
beim Wohnhaus einen Garten mit 500 reichtragenden Obstbäumen; 192 Juchart
Land, davon sechszig urbar gemacht und zwei Rebland waren. Das Alles bot
man mir für 1000 Dollars (225 Luisd'ors) baare Zahlung an. Für eben dies
Bauergut zahlte die Familie Gaulay vor zehn Jahren 3000 Dollars, wiewohl
davon noch nicht halb so viel Boden zum Anbau aufgebrochen war.
So sind die neuern Staaten des Bundes alle in Stadtschaften oder Townships
eingetheilt. Jede Stadtschaft mag also ohngefähr zehn Geviertstunden
Flächenraums betragen.
Der Grund und Boden bei _Vevay_, so wie im größern Theil des benachbarten
Indiana, ist sehr fruchtbar. Die Rebengelände liegen alle in der Ebene,
nirgends an Hügeln. Zwar eine Viertelstunde von der Stadt erhebt sich der
Boden hügelartig; er ist aber leicht und sandig, und der Regen, welcher,
wenn er hier fällt, stromweis niederrauscht, würde das gute Erdreich bald
hinwegwaschen. Man baut hier übrigens alle Getreidearten, wie in Europa;
das Obst gedeiht herrlich, besonders sind die Aepfel von ungemeiner Größe,
saftreich und kräftig. Man bereitet deswegen viel Aepfelwein, den man mit
Whisky (Branntewein), ein Maß auf zwanzig Maß Cidre, versetzt. Es ist ein
vortreffliches Getränk und hat daher sehr großen Absatz. Der hiesige Whisky
wird aus Korn und Mais gebrannt. Mais gedeiht im Uebermaß. Ich sah Felder,
deren Maispflanzen eine Höhe von fünfzehn bis zwanzig Fuß hatten, jede mit
dicken, schuhlangen Aehren belastet.
Alle diese ländlichen Erzeugnisse finden aber ihren besten Preis und Absatz
nur in Neu-Orleans. Darum gehen mehrere Einwohner von Vevay regelmäßig alle
Winter mit großen Schiffsladungen ihrer Aernten dahin. Gewöhnlich fahren
sie Ende Oktobers ab und sind sechs Wochen unterwegs. Der Preis ihrer
Waaren wechselt, je nachdem viele oder wenig Fahrzeuge aus dem Innern des
Landes in gleicher Absicht angekommen, oder viele oder wenig Schiffe
von Mexico und Südamerika erschienen sind, um Einkäufe zu machen. Die
_Natches-Zeitung_ gab die Zahl der aus dem Innern nach Neu-Orleans
gekommenen, mit Feldfrüchten beladenen Fahrzeuge, während des Winters von
1823 auf 1824, zu 12,400 an. Man kann sich daraus einen Begriff von der
Masse der ausserordentlichen Aernten machen, die noch im Lande selbst
verbraucht wird.
Die Staaten _Ohio_, _Indiana_, _Illinois_, _Virginien_ und _Kentuky_
insgesammt bringen auf den Markt von Neu-Orleans ohngefähr dieselben
Erzeugnisse, nämlich Getraide, Semmelmehl, Whisky, Aepfelwein, gemeine
und süße Erdäpfel, eingesalzenes Rind- und Schweinefleisch, gedörrte und
gegerbte Häute, Potasche, Fett, lebende Schweine, Schafe und Geflügel.
-- Die Staaten _Tennesee_ und _Alabama_ hingegen liefern Baumwolle; der
_Missisippi-_ und _Misouri-_Staat Ahorn- und Rohr-Zucker.
Die zahlreichen Wasserstraßen Nordamerika's erleichtern die Verbindung und
den Verkehr der entlegenen Gegenden ungemein. Und doch sehe ich, was da
ist, nur noch als natürliche, rohe Anfänge an, welche, mit Ausnahme der
Dampfboote, die Hand der Kunst bisher noch nicht berührt hat. Es sind nur
erst ein Paar Hauptkanäle geschnitten; Spielraum bleibt noch für andere
übrig. Eine Menge kleinerer Gewässer lassen sich noch zum Verkehr in Werth
setzen. Die vornehmsten, das heißt _schiffbaren_ Ströme, welche sich alle
in den Ohio und Missisippi werfen, sind der Kanhaway, der Scioto, der
Miami, der Kentuky, der Wabash, der Illinois, der Tennesee, der Cumberland,
der Missouri, der Acansas und der rothe Strom.
Alle westlichen Staaten haben demnach nur einen einzigen Hauptmarkt,
Neu-Orleans, dem sie ihre Waaren zuführen können. Es geschieht dies auf
Fahrzeugen, die alle von gleicher Bauart, achtzig Schuh lang, sechszehn
breit, und mit zwei Verdecken versehen sind. Man heißt sie _Flatboats_
(Flachboote). Beladen gehen sie 3½ Schuh tief in's Wasser, und ragen eben
so weit hervor. Ein Mann mit dem Ruder am Vordertheil, ein anderer hinten
am Steuer, lenken das Schiff beständig in die Mitte der Flußströmung. Wo
die letztere stark ist, legt man in einer Stunde anderthalb Wegstunden
zurück, wo sie gering ist, nur die Hälfte. Nachts wird das Flatboat irgend
an einen Baum festgebunden, und stillgehalten. Flußaufwärts wird es nie
wieder gebracht, sondern, angelangt an seinem Bestimmungsort, verkauft
mans um Spottgeld. Was auf dem Bauplatz 100 bis 120 Dollars gekostet hat,
schlägt man um zehn Dollars mit Vergnügen los; die mit solchen Schiffen
gekommenen Personen kehren dann auf Dampfbooten wieder in ihre Heimathen
zurück.
Leider erfährt man noch jedes Jahr von Unglücksfällen auf diesen gewaltigen
Flüssen. Alle Schifffahrtskunst hilft dagegen nicht. Die Strombetten ändern
häufig; entwurzelte, riesenartige Bäume lagern sich quer ein. Sandbänke und
selbst Inseln treten hervor, wo sonst keine waren. Ein Schweizer, der auf
die Art in einem Jahr zwei befrachtete Fahrzeuge verloren hatte, erzählte
mir, daß er, nach seinem Unglück, erst vernommen, es hätten wenige Tage
zuvor zwölf Fahrzeuge das nämliche Schicksal in der nämlichen Gegend
erfahren.