Es kam mir daher zur Berichtigung meines Urtheils und meiner Stimmung,

die ich vielleicht nur der Heiterkeit der Sommertage zu danken hatte, ganz

gelegen, daß bei meiner Abreise aus Pittsburg rauhes, regnerisches Wetter

eintrat. Ich hüllte mich ein, setzte mich in einen Vaggon und fuhr dem

Ohiostrom entgegen. Indessen lernt' ich dabei nichts Anderes, als daß das

Reisen beim schlechten Wetter in Amerika ungefähr eben so langweilig ist,

als bei uns. Denn durch den grauen Schleier des Regens sah und erkannt'

ich draussen nichts; drinnen im Vaggon hört' ich und lernt' ich nichts

Merkwürdiges. Nachts schlief ich in dem kleinen Ort _Washington_; folgenden

Vormittags kam ich zeitig in der kleinen Stadt _Wheling_ an, die am linken

Ufer des Ohio, etwa hundert Stunden von Baltimore, liegt.

Das eben genannte Washington ist nicht jene neue, im großen Styl entworfene

Hauptstadt der Vereinstaaten, Sitz der höchsten Bundesbehörden. Es gibt

der Ortschaften viel, die mit den Namen eines _Washington_, _Franklin_,

_Lafayette_ u. s. w. geschmückt sind. Man unterscheidet sie dann nach ihren

verschiedenen Provinzen und Flüssen durch Beinamen. Die alten und neuen

Republiken wußten ihre großen Männer immer auf eine eigenthümliche, aus

Geist und Art des Volks hervorgegangene Weise zu ehren. Das kunstsinnige

Griechenland errichtete ihnen _Bildsäulen_. Rom äffte später darin, wie in

vielem Andern, nur nach. Die frommen Schweizer stifteten ihnen kirchliche

Schlachttagsfeier und _Kapellen_. Die gewerbigen, im Schirm der errungenen

Freiheit sich über einem jungfräulichen Boden ausbreitenden Amerikaner

bauen _Städte_ und schmücken sie mit den unsterblichen Namen der

Freiheitsstifter.

Das Städtchen Wheling liegt schon im Staat Virginien, in einer angenehmen

Gegend und unter einem milden Himmel. Es hat etwa 2000 Einwohner. Wie ich

durch die Straßen umherschlenderte, ward ich auf eine sonderbare Weise

überrascht. Ich sah da eine Menge Leute, Männer, Weiber, Kinder, alle in

Schweizer- und deutscher Bauerntracht. Als ich näher trat, erkannte ich

dieselbe Auswanderungs-Karavane wieder, die ich, bei meiner Abreise von

Europa, in _Havre_ gesehen hatte. Die ehrlichen Anabaptisten waren nicht

wenig erstaunt, als ich sie deutsch anredete. Einige erinnerten sich meiner

sogleich wieder. Sie hatten wegen ihrer endlichen Niederlassung noch keine

Wahl getroffen, und die Absicht, den Ohio hundert bis zweihundert Stunden

weiter abwärts zu gehen. Es waren zusammen alt und jung 119 Personen.

Ich habe schon gesagt, daß auf dem Ohio im Monat August, September und

Oktober kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fährt. Ich

miethete also, um rascher fortzukommen, ein sogenanntes _Keelboot_. Das

ist eine Art bedeckten und geschlossenen Fahrzeugs, nur zum Waarentransport

bestimmt, welches man den Fluß abwärts sendet, aber nie wieder zurückfährt,

weil es für dies Wasser zu groß und schwerfällig ist. Ein kleiner, leichter

Nachen mit zwei Rudern ist dem Schiffe angehängt. Dieses Nachens bediente

ich mich, zur Verminderung der langen Weile, fleißig. Denn weil ich

für meine Beköstigung selbst sorgen mußte, fuhren wir an keinem artigen

Bauernhof, an keinem niedlichen Landhause vorüber, wo ich nicht sogleich

einkehrte, besonders wenn ich Obstbäume und vor allen Dingen Pfirsiche

da erblickte. Die letztern sind ungemein saftig, groß und vom feinsten

Geschmack. Oft glich Alles einem kleinen Pfirsichwald, was die ländlichen

Wohnungen umgab. Die Eigenthümer bepflanzen damit der Länge nach jeden

Bach und Weg und Steg, und nennen sie, recht die amerikanische

Gastfreundlichkeit bezeichnend, _Pfirsiche für die Reisenden_

(=Traveller-peaches=).

Die Ufer des Ohio sind, von Wheling hinweg, sehr stark bewohnt. Das rechte

Ufer gehört zum Ohiostaat, das linke zu Virginien. Kein einziger von allen

Pflanzern, bei denen ich einkehrte, war im Lande selbst geboren, insgesammt

stammten sie frisch aus Deutschland, England, Irland, Holland. Die für

Europa so traurigen Noth- und Hungerjahre 1816 und 1817 waren für die

hiesigen Ansiedler das wahrhaft goldene Zeitalter gewesen. Nun aber

beklagten sie sich bei der wohlfeilen Zeit sehr. Sie wußten nicht, wohin

die Früchte ihres Feldes absetzen. Ich tröstete sie mit dem nämlichen

Loose der europäischen Landleute, die noch dazu bei dem niedrigen Stand der

Getraidepreise oft schwere Abgaben zu zahlen hätten.

Wir kamen am 4. September, an einem Sonnabend, nach _Mariette_, ohne

besondere Abentheuer erlebt zu haben, als etwa, daß wir unterwegs einen

schönen Hirsch, der über den Ohio schwimmen wollte, mit Ruderstangen

todtschlugen und uns ihn schmecken liessen. Mariette ist eine der ältesten

Städte im Ohiostaat. Sie ward gleich, nachdem den Indianern das Gebiet

abgekauft war, gegründet. Die Fruchtbarkeit und Wohlfeilheit des Bodens

lockte viel Volks her. Die Stadt zählte bald 1200 Einwohner; aber -- sie

zählt auch jetzt noch nicht mehr. Denn die Luft ist fieberhaft, ungesund,

und die Sterblichkeit in manchen Jahrgängen groß. Das schreckt viele

Ansiedler ab, während diese sonst vorzugsweise gern den Ohiostaat wählen,

weil er einen angenehmen, milden Himmelsstrich, sehr gesunde Luft, äusserst

fruchtbaren Boden und vielleicht die beste Landesverfassung von allen

Vereinstaaten hat.

In der Umgegend von Mariette sind die zahlreichen alten Befestigungswerke

und Gräber der Indianer sehr merkwürdig. Die Ueberbleibsel der

Befestigungen, zwar nur von Erde aufgeworfen, dehnen sich zusammenhängend

Viertelstunden weit und mehr aus. Die Gräber, oder »_Maun's_«, wie sie es

in der Sprache der Wilden heißen und noch jetzt genannt werden, sind in

großer Menge umher zerstreut zu sehen; nicht nur aber bei Mariette,

sondern auch in andern Gegenden der Republik Ohio und westlich gelegener

Landschaften. Es sind zuckerhutförmige, oben abgestumpfte Hügel, meistens

zwölf bis zwanzig Schuh hoch, die unten einen Umfang von dreißig bis

sechszig Fuß haben. Noch jetzt haben die Stämme aller Indianer für ihre

Todten eine heilige, oder abergläubige Ehrfurcht, wie sonst. Hier pflegten

sie die Leichname, in Felle gehüllt, flach auf den Erdboden zu legen, dann

dieselben mit einem solchen Erdhügel zu bedecken, daß sie weder durch wilde

Thiere, noch Menschen leicht ausgescharrt werden konnten. Die Mauns der

Häuptlinge sind höher und breiter. Ich sah deren bei Mariette, welche einen

Umfang von hundert Fuß und eine Höhe von dreißig Fuß haben.

22.

Ein paar Wochen auf dem Lande im Ohiostaate.

(4. bis 20. Sept.)

Die Witterung war wieder lieblich. Ich hätte mich auch gern unter den

Pflanzern dieses Freistaats umgesehen, um bei ihnen etwas zu lernen. Dazu

bot sich hier die vortheilhafteste Gelegenheit. Ich konnte eine Familie,

die eine Stunde von _Pointharms_ wohnte, mit Grüßen und Nachrichten aus

Europa besuchen. So begab ich mich über den Muskingum nach Pointharms, und

von da zur mir bezeichneten Kolonie, um meine Aufträge auszurichten. Zwei

Tage später begleitete ich von hier die Familie zu ihren Aeltern, auf einer

Niederlassung, die noch zwölf bis vierzehn Stunden weiter landeinwärts lag.

So kam ich von Pflanzung zu Pflanzung.

Die Familie machte die Reise zum Vaterhause in einem Wäglein. Mir gab man

ein Reitpferd. Jede Art zu reisen hatte mir bisher wohlbehagt; nur mit den

Pferden in Amerika hatte ich ganz eigenes Mißgeschick. Als zwei Stunden

lang Alles in guter Ordnung gegangen war, wurde der Weg so schlecht, daß

das Fuhrwerk meiner Freunde mehrmals umzuwerfen drohte, und endlich, über

einem Graben hangend, in die gefährlichste Schwebe kam. Ich sprang noch

im rechten Augenblick vom Rosse, um den Wagen etwas zu halten und größeres

Unheil zu verhüten. Als dieser wieder aufgerichtet stand und ich meine

Rosinante suchte, war sie davon und waldeinwärts gelaufen. Nun mußte ich

ihr nachsetzen, und sie narrte mich zwei volle Stunden herum. Ich hätte die

Bestie ihrem Verhängniß überlassen, wärs mir nicht um meinen Mantel auf dem

Sattel leid gewesen. Zum Glück kam mir ein Pflanzer zu Hilfe, der das Roß

fing. Als ich aufsitzen wollte, ward es stätisch, wollte nicht mit mir

umkehren; alle Beredsamkeit meines Mundes und meiner Peitsche blieben gegen

diesen Eigensinn fruchtlos. Um nicht noch mehr Zeit einzubüßen, gab ich

dem braven Landmann ein Trinkgeld, ließ ihn den Gaul heimführen, hing den

zusammengelegten Mantel an einem Stecken über die Schulter, und wanderte

sechs Stunden Wegs zu Fuß, bis zu dem Ort, wo meine Reisegefährten

übernachten wollten. Den andern Tag erreichten wir endlich Nachmittags das

ersehnte Vaterhaus.

Herr Hauptmann **, Eigenthümer dieser Niederlassung, empfing mich mit

zuvorkommender Güte und Gastfreundlichkeit. Ich ward zuletzt bei ihm

ganz heimisch. Wir besuchten die Umgegenden, musterten seine

landwirthschaftlichen Anstalten, oder gingen mit einander auf die Jagd, die

hier sehr reich und mannichfaltig ist, besonders an Truthühnern. Im Winter

kann man sie mit Stecken todtschlagen. Der Hauptmann erzählte, er habe

bei seiner Wohnung in einem Winter ein ganzes Dutzend getödtet, das Stück

achtzehn bis zwanzig Pfund schwer. Noch häufiger ist, und eine wahre

Landplage, in diesen Gegenden eine Art Eichhörnchen, die aber viermal

größer sind, als die unsrigen in Europa. In einem einzigen Tage können sie

mehrere Acker Mais vollkommen verwüsten. Daher wird unaufhörliche Jagd auf

sie gemacht; aber sie sind schwer auszurotten, vermehren sich schnell und

haben so zähes Leben, daß, wenn man sie nicht beim Schuß durch Herz oder

Kopf trifft, sie mit zerschmetterten Gliedmaßen von Ast zu Ast, von Baum zu

Baum springen und entwischen. Man ißt ihr Fleisch; es ist angenehm, kräftig

und zart. -- Man jagt auch Dammhirsche, Fischottern, Opossums, Raukuns und

anderes Gewild dieser Art.

Von zahmem Vieh züchtet man vorzüglich Pferde, die 30 bis 40 Dollars

kosten; Ochsen, das Paar 30 bis 36 Dollars im Preise; Schweine in

Ueberfluß, davon man den Zentner mit 1 bis 1½ Dollars zahlt. Viehhändler,

die das Land alle Jahr durchziehen, kaufen ganze Heerden zusammen

und führen sie ostwärts den großen Städten, hundert, auch zwei- und

dritthalbhundert Stunden weit, zu.

Die Staaten von Ohio, Indiana und Ober-Kentuky bieten dem Auge weder den

Anblick hoher Gebirge, noch großer Ebenen dar. Es ist ein hügeliges Land,

welches, von der Höhe übersehen, einem grünenden, wogenden Meer ähnlich

sehen mag. Der Landwirth unterscheidet hier gern dreierlei Erdreich. Das

beste ist das schwarze. Es befindet sich am meisten in den Niederungen,

und vor seinem Anbau immer mit Wäldern bedeckt, besonders von ungeheuern

Kastanien- und Nußbäumen, die zwar nur kleine, aber sehr süße Früchte

tragen. Die zweite Gattung Erdreichs ist die rothe; es trägt gern

verschiedene Arten schöner Eichen, steht aber im Feldbau an Güte dem

schwarzen Grunde nach. Die dritte Gattung Bodens ist gelb, die am mindesten

fruchtbare. Im Ohiostaat baut man am meisten Mais, Frucht, Waizen, Gerste,

Haber, Erdäpfel u. s. w. an. Die Aernten sind immer äusserst ergiebig. Es

ist in diesem Boden eine Fülle üppiger Lebenskraft.

Man darf nur die Wälder betrachten. Sie sind eine Zusammenschaarung von

Riesenstämmen, davon man in Europa kaum Aehnliches erblickt. Glatt, ohne

Moos und Flechten, kerzengerade schiessen die Stämme auf, die erst an den

Gipfeln Zweige und Aeste tragen. Unter denselben ist der Boden mit grünem

Rasen bedeckt, ohne jene Menge niedern Strauchwerks, welches in unsern

europäischen Forsten zu wuchern pflegt. Weiden längs Bachufern sieht man

eben so wenig. -- Unter allen Bäumen aber ist der Sycomorenbaum durch seine

Dickstämmigkeit am ausgezeichnetsten. Man erzählte mir davon Unglaubliches.

Ich aber sah selbst einen, in dessen Innern ein Spezerei-, Material-

und Liqueur-Laden gehalten ward, mit Thür und Fenster versehen. Wenn ein

Sycomorenbaum anfängt, die Stammdicke von einem Schuh im Durchmesser zu

erhalten, beginnt er schon von innen hohl zu werden. Daher macht man auch

auf leichte Weise Tonnen daraus. Man durchsägt nur die Stämme, und versieht

sie auf zwei Seiten mit einem Boden. Die Sycomoren gedeihen am besten auf

dem fetten, frischen Grunde der feuchten Niederungen.

Das Verfahren bei Bereitung des Ahornzuckers ist bekannt genug. Die

Pflanzer in den westlichen Staaten bereiten sich von Mitte Märzes bis Mitte

Aprils auf diese Art ihren Zuckervorrath. Ein Kind, mit Pferd und

Schlitten und Faß darauf, sammelt täglich das aus den angebohrten

Bäumen abgeträufelte Wasser und führts nach Hause. Ein Baum mag binnen

vierundzwanzig Stunden, unter begünstigender, sonnenheller, kalter

Witterung, bis auf zwölf Maas Wasser geben, ohne Schaden für ihn. Ein

Pflanzer macht sich für den Jahresbedarf seines Hauses gewöhnlich 150-200

Pfund solches rohen oder Staubzuckers. Andere, die damit Handel treiben,

bereiten bei zwanzig Zentner desselben. Der Zentner gilt drei Dollars (das

Pfund einen Batzen).

Hier kann's keinem Landmann übel gehen, der fleißig ist, und nur so viel

Vermögen hat, sich ein freies Eigenthum zu kaufen, nebst Vieh, Saat und

Lebensbedürfnissen für das erste und zweite Jahr. Von da an baut und

erzieht er sich alles selbst, was er nöthig hat, und verkauft, gut oder

schlecht, noch vom Ueberfluß. Unmerklich wächst mit der Bevölkerung umher,

ohne sein Zuthun, der Werth seines Grundeigenthums.

Auffallend war mir hingegen, daß von großen Kolonialanlagen, die man

in Europa schon aufs vollkommenste entworfen hatte, in der Wirklichkeit

nachher wenige zu dem gediehen, was sie hätten werden sollen. Doch muß ich

allerdings die des Hrn. _Rapp_ ausnehmen, welche großentheils aus Deutschen

besteht und zehn Stunden von Pittsburg liegt. Hr. Rapp gab ihr den schönen

Namen _Harmonie_.

Nach zwanzig Jahren Arbeit daselbst wurde alles Land als Eigenthum

verkauft, und die Kolonie, die ein ganzes Dorf mit mehr als tausend Seelen

ausmacht, wohlversehen mit allem, was zur Landwirthschaft gehört, baut nun,

übereinstimmend nach dem nämlichen einmal angenommenen Plan, die prächtigen

Fluren von _Wabasch_, auf der äussersten Grenze des Indianastaats. Rapps

Söhne, ihres Vaters Nachfolger, sind ausschließlich mit Ankauf und Verkauf

alles dessen beauftragt, was für das Bedürfniß der Gemeinde erforderlich

ist. Die Kinder müssen bis zum sechszehnten Jahre die Schule besuchen;

dann werden sie zur Feldarbeit, zum Handwerk u. s. f. angehalten. Die

Niederlassung hat ihre eigene Kirche und Schule; eigene Gemeindsverfassung

und Gesetze, welche von den erwählten Aeltesten der Gemeinde vollstreckt

werden.

23.

Von Ansiedlern und Reisebeschreibern.

Von allen Auswanderern, die aus Europa kommen, um sich in den Vereinstaaten

mit ihren Familien niederzulassen, stehen sich offenbar wohlhabende

Ländereikäufer und Handwerker oder Künstler am vortheilhaftesten, weil

_jene_ gewiß sind, ihre Kapitalien von Jahrzehend zu Jahrzehend im Werth

anschwellen zu sehen; und _diese_, wenn sie geschickt und fleißig

sind, ihre Waare ums Doppelte besser, als in Europa, bezahlt erhalten.

Demungeachtet wird es gemeiniglich ankommenden Handwerkern und Künstlern

anfangs sehr schwer, sich durchzubringen, und zwar aus ganz einfachen

Gründen. Wenige verstehen die englische Sprache, und sind daher dem Zufall

überlassen, wo sie Leute finden, um sich mit ihnen zu verständigen. Wenige

kennen Einrichtungen, Verhältnisse, Bedürfnisse und Oertlichkeiten des

Landes, um sich den für sie tauglichsten Platz zur Ansetzung auszuwählen.

Wenige haben Geld genug mitgebracht, um aus eigener Kraft und mit aller

Freiheit sich, wo und wie sie wollen, festzusetzen und Werkstätten zu

eröffnen.

Alle diese Schwierigkeiten für den Künstler und Handwerker sind es weniger

für den bloßen Feldarbeiter. Gewöhnt an Entbehrungen, seiner Leibeskraft

und Arbeitslust vertrauend, schließt er sich denen an, die seine

Muttersprache verstehen; kauft soviel Land und Wald, als er bedarf und mag,

um wenig Geld, in leichten Zahlungsterminen; rodet den Wald aus, spielt

ein paar Jahre den Robinson Crusoe in der Einöde, und hat dann ein großes

Bauerngut, das ihn und die Seinigen reichlich erhält. Oder er tritt ein

schon vorhandenes nur als Pächter an; oder hat er gar kein Vermögen, so

dient er als Knecht, und spart seinen Verdienst zusammen.

Am übelsten fahren spekulirende Kaufleute, wenn sie mit europäischen Waaren

nach Amerika kommen. Denn die Regierung, um die Gewerbe des Landes

zu begünstigen, erhebt von fremden Gewerbsartikeln eine beträchtliche

Eingangsgebühr. Ich selbst sah, daß man hier Waaren aus europäischen

Manufakturen um dreißig und fünfzig Prozent unter ihrem wahren Werth

losschlagen mußte.

Ich habe bei dem Allem unter den Ansiedlern Kaufleute, Künstler, Handwerker

und Landleute in Menge gefunden, die sich eines Wohlstandes freuten, dessen

sie in der alten Welt nie theilhaft zu werden hoffen konnten. Ich habe

keinen im eigentlichen Elend gefunden, und der, wenn er auch keinen Pfennig

baar Geld in der Tasche trug, gesagt hätte, er habe Hunger gelitten oder

keine Kleider mehr gehabt.

Das Volk der Reisebeschreiber, zu dem ich jetzt, was anfangs gar nicht

mein Plan war, selbst gehöre, streut über Zustand, Treiben und Wesen

der nordamerikanischen Vereinstaaten die verworrensten, oft geradezu die

falschesten Vorstellungen in Europa aus. Ich habe deren viele vor meiner

Reise und nachher gelesen. Die meisten beschreiben weniger Amerika,

als vielmehr _sich selbst in Amerika_, woran am Ende wenig gelegen ist.

Vielleicht begegnet mir dasselbe, ohne daß ichs weiß und will; aber ich

weiß und will auch keine Beschreibung vom jetzigen Zustand jener Gegenden

geben, sondern nur guten Freunden erzählen, was ich auf einer Lustfahrt sah

und hörte, und bilde mir wenigstens ein, ziemlich unbefangen zu sein.

Unter den Reisebeschreibern mögt' ich den Preis der vollen Unbefangenheit

noch immer dem weisen, gründlichen _Rochefoucauld-Liancourt_ geben. Er

liefert ein recht treues Bild von dem Amerika seiner Zeit. Aber _seine_

Zeit war beinahe vor dreißig Jahren. Und in Amerika sind, was Fortschritte

des Anbaues und der Gesittung betrifft, dreißig Jahre so viel, als in

Europa drei halbe Jahrhunderte. Könnte er die Gegenden, die er einst sah,

jetzt wieder sehen, er würde die wenigsten wieder erkennen.

Den Preis, welchen er verdient, möchte ich am allerwenigsten einem andern

Reisenden ertheilen, von dessen Irrfahrten mir zwei dicke Bände in die

Hände gefallen sind. Ich las sie um so neugieriger, weil ich von dem Manne,

er heißt _Gall_, schon an einigen Orten in Amerika wunderliche Sachen

gehört hatte. Man lachte da über ihn. Er hatte überall Händel gehabt. Er

zankte sich mir den Kaufleuten, wegen Bestellungen; mit den Schiffern,

wegen Fuhrlohns; mit den Wirthen, wegen der Zeche; mit den Lastträgern,

wegen seines Gepäcks; -- beinahe aller Orten, wohin er kam, hatte er

Geschäfte vor den Scherifs und Richtern. Und das verschweigt er selbst in

seinen zwei Bänden nicht. Er zankt auch da noch fort. Am unanständigsten

fällt er gegen das achtbare Haus _Le Roy Bayard u. Komp._ in New-York aus,

womit er freilich dem guten Namen desselben weniger, als seinem eigenen

geschadet haben mag. Denn wer glaubt einem solchen Allerweltsmißvergnügten?

Ihm gefiel in Amerika wenig oder gar nichts.

Solcher gallsüchtigen Reisenden gibts nun freilich wenige in Amerika; desto

mehr gibts der entzückten Lobredner. Ich will diesen zwar ihr Entzücken

gönnen; ich kann es mir aus dem grellen Abstich, welchen sie zwischen

diesen wahrhaft freien Staaten und ihren europäischen Heimathen fanden, gar

leicht erklären und entschuldigen.

_Europa_ ist schon eine ältliche, ehrbare, an ihr Herkommen gewöhnte

Matrone; alte Damen machen nicht gern neue Moden mit, wenn sie auch

bequemer, einfacher und geschmackvoller sind. Ihre junge Tochter _Amerika_

ist im aufknospenden Blüthenalter des Mädchens. Laßt diese Schöne nur so

alt werden, wie ihre Mutter, und sich dann wieder im Spiegel sehen. Ich

wette, sie hängt dann auch an verderblichen Gewohnheiten und verrosteten

Moden, und beneidet die junge _Australia_. Schöner, daran zweifle ich

nicht, wird sie, als die Mama Europa, denn diese hat auch noch gar zuviel

von den barbarischen Zügen ihrer Frau Mutter _Asia_.

_Europa_ erhielt von ihrer orientalischen Mutter eine gar kärgliche

Aussteuer, als sie ihr eigenes Haus zu machen anfing. Späterhin freilich

wohl noch einige ehrenwerthe Geschenke, z. B. das Christenthum und den

Handelsverkehr. Allein was sie Gutes haben wollte, mußte sie selbst

erwerben, erarbeiten, ersinnen. _Amerika_ hingegen ward von dem ganzen

Schatz ihres Wissens und Könnens ausgesteuert, und würde des Vorwurfs aller

Weltalter werth sein, wenn es sein Hauswesen nicht vernünftiger, bequemer

und freier eingerichtet hätte.

Wir wollen, um gerecht gegen die neue Welt zu sein, nicht ungerecht gegen

unsere liebe, mürrische Alte werden. Es ist wahr, dort zahlt man keine

Abgaben, von denen die europäischen Unterthanen stets niedergedrückt sind;

man zahlt keine Zehnten, keine Bodenzinse u. s. w., sondern nur von jedem

Acker einen Sol. -- Allein man muß nicht vergessen, daß die amerikanische

Regierung auch im Besitz von Geldquellen ist, deren in Europa wenige sind.

Denn ausser den Zöllen von fremden Waaren, dem Ertrag der Posten und

dem Tonnengelde der Schiffsfrachten, treibt sie Handel mit verkaufbaren

Ländereien in den unermeßlichen Gebieten. Da hat sie noch auf lange Zeit

Waarenvorrath, der ihr ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen

Dollars abwirft.

Ja, rufen die Entzückten, in Amerika sind keine kostspielige Hofhaltungen,

keine übermäßig besoldete Minister und Beamte. Da erhält ein Präsident

der vereinigten Staaten, der vier Jahre lang in höherer Macht, als ein

europäischer Premierminister dasteht, jährlich 25,000 Dollars (125,000

Francs) und muß damit noch alle Ehrenausgaben während der Kongresse gegen

die Gesandten der ersten Mächte, alle Gastereien u. s. w. bestreiten.

Der Staatssekretair, wie der Schatzkammersekretair hat jährlich nur 4000

Dollars (20,000 Fr.), die amerikanischen Gesandten in Europa haben jeder

1800 Pf. Sterl., mehr nicht. -- Wenn man nun damit die europäischen

Besoldungen ähnlicher Stellen vergleicht, und gar noch die von England!

Vollkommen richtig. Allein auch mit dem ehrlichsten Willen läßt sich das in

Europa nicht so leicht bestellen. In Europa lebt man _wie in einer großen

Stadt_, wo ein gewisser Ton nun einmal herrscht, den Einer allein nicht

abschaffen kann; wo man Manches, auch wider Willen, ehrenhalber mitmachen

muß. Auf dem Lande lebt man eben, wie man will; kann sparen, ohne sich

darum anderer Vortheile zu begeben; legt sich keinen Zwang an. -- Nun denn,

in Amerika lebt man _wie auf dem Lande_. Zieht einer in die Stadt Europa,

behält er seine Einfachheit ohne Schaden bei, weil man's an ihm einmal

gewohnt ist, und weil er -- mehr Geld nicht hat.

In Amerika ist freier Handelsverkehr. In Europa wird aller Gewerbsfleiß

und Waarenvertrieb im Netz von Mauthen, Zöllen, und Handelsabgaben gelähmt,

verstrickt und erwürgt. -- Ich gebe es zu, die europäischen Regierungen

thun aber in der That nicht anders, als die amerikanische. Auch diese

beschwert Einfuhr fremder Artikel mit Abgaben, um den inländischen

Gewerbsfleiß zu erhöhen. Der Unterschied ist nur, daß in Europa die

selbstherrlichen Gebiete gar zu kleine Landstückchen sind, während der

amerikanische Bundesstaat _eins_ ist. In Europa sorgt jeder König und Fürst

für sein Ländchen, dessen Interessen verschieden von dem der Nachbarn sind.

Daher das heillose Zoll- und Mauth-Netz, welches über den ganzen Welttheil

ausgespannt ist. Europa, ein großer, einziger Bundesstaat mit vollkommener

Handelsfreiheit, würde ein blühender Welttheil werden. Aber die Aufgabe ist

etwas schwer zu lösen, wie man wohl begreifen wird.

Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück · 第 7 / 11 段