mir, der sich schon vor vielen Jahren dort niedergelassen hatte. Ich nahm
mir vor, ihn zu besuchen, und bestieg ein Fahrzeug von der Größe unserer
größten Schiffe auf Seen und Flüssen, mit zwei Segeln, das heißt, einen
_Sloop_. Dies Fahrzeug hatte ein Verdeck, wie andere Schiffe, und eine
niedliche Cajüte. Meine Reisegefährten waren meistens Weiber und Mädchen,
die zur Stadt gekommen waren, einzukaufen oder zu verkaufen. Obgleich
in Amerika geboren, sprachen sie doch noch das Holländische, ihre
Stamm-Landessprache, untereinander. Mehrere rauchten Tabak aus kurzen,
irdenen Pfeifen. Das wunderliche Schauspiel dieser Schmaucherinnen, und der
ernsthaften, nachdenklichen Geberden, die sie dazu machten, fing an mich zu
belustigen.
Ein Landmann erklärte mir, das sei so Brauch bei den Holländerinnen;
indessen bei den Mädchen käme jetzt das Rauchen ganz ab. Gegen Abend
langten die Weiber ihre Körbe vor mit Speisevorrath gefüllt, und machten
Thee. Eine der Frauen trank ihre Tasse voll aus, füllte sie dann wieder und
bot sie mir. Ich mußte annehmen. Jede der Andern reichte mir nun noch von
ihrem Vorrath, eingemachte Pfirsiche, Brödchen, Honig, Butter, Käse.
Nun gings ans Fragen: »Ißt man bei Euch in Europa auch dergleichen? Wie
sind dort die Weiber? Ist das, was Ihr tragt, bei Euch Landestracht? Sehen
die Männer alle so munter bei Euch aus? Wie kleiden sich die Frauen?« --
Eine sagte: »Ihr seid ein kräftiger, starker Mann, und werdet ein guter
Landbauer werden.« Nach dieser Bemerkung über mein Körperliches rückte sie
stockend mit der zarttastenden Neugier aus: ob ich verheirathet sei? -- Als
ich mit Nein antwortete, war sie ausser sich vor Erstaunen; »Was?« rief sie
lebhaft: »Muß man denn bei Euch so spät heirathen?«
Wir kamen spät nach _Tapan_. Der Oheim wohnte noch eine Stunde Wegs weiter.
Ein hablicher Landmann, der desselben Wegs fuhr, erbot sich, mich in seinem
Wagen mit dahin zu nehmen. Ich setzte mich in seinen »Gig«, den zwei brave
Rosse zogen, und ein schwarzer Diener führte. -- Unterwegs gaukelten die
Flämmlein unzähliger Irrwische zu allen Seiten, über vermuthlich sumpfigen
Wiesen, als wollten sie mit den Gestirnen des Himmels über sich wetteifern.
Der Oheim war sehr überrascht, plötzlich einen europäischen Neffen
um Mitternacht erscheinen zu sehen. Er erquickte diesen indessen
gastfreundlich mit Speis' und Trank und gutem Nachtlager und sparte die
Fragen einer verzeihlichen Neugier dem folgenden Tage auf.
Der Aufenthalt hier war für mich, wenn gleich kurz, doch belehrend, und,
einen Unfall abgerechnet, angenehm. Ich wurde in die Bekanntschaft aller
Nachbarn eingeführt; auch in die Familie dessen, der mich von Tapan hierher
gebracht hatte. Als wir diesem einen Besuch machen wollten, gab man mir ein
Reitpferd. Ich hatte es aber kaum bestiegen, gebehrdete es sich so wild,
schlug aus, bäumte sich, daß ich zehn Schritte weit aus dem Sattel flog und
drei Stunden ohne Besinnung, doch ohne weitern Schaden, blieb, als daß ich
einige Tage lang Rippenschmerz fühlte. Ich machte nun meine Besuche zu Fuß.
Als ich zu meinem obenerwähnten nächtlichen Fuhrmann kam, stellte er mir
seine Frau, seine Mutter und seine Großmutter und seine Urgroßmutter
vor. Letztere mochte etwa hundert Jahre alt sein, und sprach, als geborne
Holländerin, nur holländisch. Vater und Sohn waren in dieser Familie die
einzigen männlichen Geschlechts. Bei Tische setzten sich die beiden alten
Frauen. Die beiden jüngern standen hinter den Stühlen ihrer Mütter, um sie
zu bedienen. Das feinste Tischzeug von schneeweißem Linnen und glänzendes
Silbergeschirr deckte die Tafel.
Ich fühlte mich in dieser patriarchalischen Familie sehr glücklich. Der
größte Theil des Tages verfloß unter Gesprächen über den Unterschied der
alten und neuen Welt.
Es wird gewöhnlich den Amerikanern schwer zu fassen, daß wir Europäer das
Vernünftige, Naturgemäße und Volksbeglückende ihrer Verfassungen, Gesetze
und Einrichtungen anerkennen, und doch bei uns an das Beengende und
Zwängende des oft zweckwidrigen, verderblichen Herkommens und Erbes aus
den Zeiten mittelalterischer Barbarei festhalten. Europa, wenn es sich
plötzlich der alten Einrichtungen und Gewohnheiten entledigen wollte, würde
in ein hundertjähriges, namenloses Elend versinken und sich doch nicht der
tausendjährigen Banden ganz entstricken können. Eine allgemeine, gewaltsame
Umgestaltung der Verfassungen, Gesetze und Sitten würde eine allgemeine,
gewaltsame Verheerung alles öffentlichen und häuslichen Glücks, eine
Hemmung des ruhigen Fortschreitens zur Vollendung, ja eine Verwilderung der
Sitten und Lebensansichten werden, und doch zuletzt, nach Erschöpfung
aller Kräfte, von zweifelhaftem Ausgang sein. Wer kennt die Wege der
Leidenschaften? -- Sie lassen sich nicht vorher berechnen, gleich den Wegen
der Vernunft.
Nordamerika dankt seine Vorzüge der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich
keiner Revolution. Die sogenannte amerikanische Revolution war ein
Kampf für Unabhängigkeit gegen drückende Ministerialwillkühren,
Regierungsunbesonnenheiten und Handelsdespotismus, und half nachher zur
Gestaltung des Bessern als erleichterndes Mittel. Amerika dankt jene
Vorzüge der Eigenthümlichkeit seines Werdens. Hier schuf kein _altes Volk_
sich einen _neuen Staat_; nein, hier entsprang in weiten, fruchtbaren
Einsamkeiten ein neues Volk, das sich den Staat und die Gesetzgebung,
bereichert mit den Gedanken der Weisen des achtzehnten Jahrhunderts und
aller Jahrhunderte, getrieben vom tiefgefühlten Bedürfniß des Zeitalters,
unbeengt durch bestehende positive Rechte Anderer, nach Einsichten und
Umständen beliebig bilden konnte. Es würde vielmehr ein ewiger Schimpf für
den Verstand der Amerikaner geblieben sein, wenn sie ohne alle Noth das bei
sich aufgenommen hätten, was sie bei alten Völkern Verwerfliches gefunden.
Nun ist es zwar richtig, daß unter den gebildeten Nationen Europens
die Erkenntniß und das Bedürfniß dessen, was und wie es sein sollte, im
Widerspruch steht mit dem, was wirklich vorhanden ist und gilt. Dieser
Widerspruch erregt Mißmuth und Kampf. Aber _das_ scheint mir eben der
richtige, naturgemäße Gang der Menschheit zu ihrer Veredelung. Vernunft
und Leidenschaft begegnen sich feindselig. Im Streit um Verbesserungen der
bürgerlichen Gesellschaft mag die Partei derer, die aus Unwissenheit, oder
Schüchternheit, oder Eigennutz das Schlechtere festhalten, durch Macht,
Reichthum, Stellung und Volksvorurtheil die überwiegende sein; aber sie
wird unmerklich geschwächt und besiegt, weil sie, eben durch ihren Kampf,
wider Willen, die Erkenntniß des Bessern ausbreiten hilft. So schreitet die
europäische Menschheit allmälig zum Bessern vor, ohne es zu ahnen. Hundert
Wahrheiten, sonst als Ketzereien verdammt, sind jetzt Alltagsgedanken der
Priester und Edelleute, und sie selbst erstaunen über die Verkehrtheit und
Unmenschlichkeit der Alten, die das Gegentheil behaupten konnten.
14.
Die Gesandtschaft der Indianer.
Da ich nach Newyork zurückgekehrt war, hatte sich unterdessen in dieser
Stadt die Gesandtschaft von sechs indianischen Stämmen eingefunden, die
an den Quellen des Missisippi und an den Westküsten Amerika's wohnen. Die
Gesandtschaft bestand aus vierundzwanzig Häuptern der Stämme, nebst vier
Weibern und zwei kleinen Kindern. Sie waren, nur um bis zur Vereinigung des
Ohio mit dem Missisippi zu gelangen, sechs Monate unterwegs gewesen.
Dort hatte man sie in Dampfboote aufgenommen und wieder stromaufwärts
bis Pittsburg geführt. Von Pittsburg waren sie in Wagen nach Washington
gebracht, wo sie vom Präsidenten der Vereinstaaten mit Auszeichnung
empfangen wurden. Mit Hilfe von vier Dollmetschern, die unter ihnen gewohnt
hatten, ward mit ihnen ein Bundesvertrag abgeschlossen. Um ihnen eine
Vorstellung von höherer Landesgesittung zu geben, ließ der Präsident diese
Männer der Wildniß, begleitet von zwei Gliedern der Regierung, durch
die vornehmsten Städte des Landes reisen. Sie kamen durch Baltimore und
Philadelphia nach Newyork.
Hier gab man ihnen auf der Batterie ein Fest. An Wein, Branntewein und
Leckereien durft' es nicht fehlen. Eine ausgewählte Musik spielte den
ganzen Abend. Ein Feuerwerk beschloß das Tagwerk.
Ich begegnete ihnen unter einem Haufen Neugieriger beim Eintritt des
Lustgangs der Batterie. In demselben Augenblick liessen sich die ersten
Töne der Musik hören. Auf der Stelle erhoben diese Gesandten ihrerseits
einen Fest- oder Kriegsgesang, mit solcher Macht, daß sie fast den Odem
darüber verloren. Sie begannen und endeten ihr Geheul immer mit einem Laut,
der wie _Hu!_ oder _Kohu!_ klang, daß den Hörern in der Nähe davon die
Ohren gellten. Der Gesang selbst hatte eine Art Melodie. In verschiedenen
Zeiträumen fuhren sich die Sänger dabei, und alle zugleich, mit der Hand
über den Mund. Ihr Gebrüll hatte etwas Furchtbares. Dabei waren ihre
Geberden und Leibesbewegungen mit den Streitäxten in den Fäusten so drohend
und schrecklich, daß Jeder, der diese ihre Artigkeiten zum ersten Mal sah,
jeden Augenblick fürchtete, die Erde mit Blut und verstümmelten Menschen
bedeckt zu sehen.
Um einen Schelling erhielt ich Erlaubniß, in die Batterie einzutreten.
Da war ein runder Tisch, rings mit Stühlen, für sie bereitet. Vier- bis
fünfhundert neugieriger Zuschauer bildeten einen Kreis.
Als sich die Wilden gesetzt hatten, war ihr erstes Geschäft, die brennenden
Kerzen auszulöschen. Man bat sie, es nicht zu thun; reichte ihnen gefüllte
Gläser zum Trinken, und bot nun dem Obersten der Gesandtschaft eine von den
Schüsseln dar, sich selber davon zu bedienen. Er legte den Schurz, den er
um die Hüften trug, über die Knie auseinander, leerte die Schüssel darein
aus und gab sie wieder zurück. Von nun an hütete man sich wohl, Jedem die
gefüllte Schüssel darzubieten, sondern gab jedem Einzelnen seinen Theil
davon. Die Gäste hörten essend immer der Musik aufmerksam zu. Als nach dem
Schluß derselben alle Zuschauer freudig mit den Händen Beifall klatschten,
wurden die Indianer gleich beim ersten Klatschen unruhig, sahen sich unter
einander an und fuhren mit den Fäusten nach den Streitäxten. Ihre Furcht
verlor sich, als die Musik wieder begann; und da sie schloß, erhoben sie
zum Zeichen ihrer Zufriedenheit ein gar entsetzliches Geschrei.
Man ließ endlich das Feuerwerk aufsteigen, was ihnen eine angenehme
Verwunderung zu erregen schien, und um acht Uhr zogen sie sich zurück.
Beim Heimgehen war ich dem Zuge dieser Gesandten sehr nahe gekommen. Einer
dieser Naturmenschen, neben welchem ich zufällig ging, betrachtete mich
seitwärts so neugierig, wie ich ihn. Ich bot ihm lächelnd die Hand dar; er
schüttelte sie mir treuherzig. Sein Haupthaar war, wie meistens auch
bei den übrigen, zur Hälfte weggeschoren, und der Schopfbüschel mit
buntfarbigen Federn ausgeschmückt; andere trugen die Haare lang, bis auf
die Achseln niederfallend; in der Nase Metallringe; die Arme und den ganzen
Oberleib unbedeckt, eben so die Beine. Einigen hing ein Wildthierfell von
der Schulter herab.
Es waren wohlgebaute, starkgemuskelte Leute, ungefähr sechs Schuh groß, von
schmutzig rother Hautfarbe, die durch das Beschmieren mit Fett und
rother Erdfarbe noch schmutziger geworden war. Einige von ihnen hatten
Tatowirungen. Ihr Gang war ganz eigen. Es kam mir vor, als hätten sie ihn
bei den Wanderungen auf dem Boden ihrer Urwälder zur Gewohnheit angenommen.
Stets haben sie die Augen vor sich nieder auf die Erde geheftet; so gehen
sie, ohne rechts noch links umherzuschauen. Die Weiber, etwas kleiner
und in Felle gehüllt, schienen sehr furchtsam zu sein. In der ihnen
angewiesenen Wohnung wollten sie sich nie von einander trennen lassen. Sie
schliefen alle beisammen.
Sie sind nachher mit Dampfschiffen auf dem Hudsonfluß und über die großen
Seen in ihre Heimath zurückgekehrt. Als zu Albany eins ihrer Häupter starb,
legten sie seinen Leichnam in einen doppelten Kasten und nahmen ihn mit
sich.
Die amerikanischen Zeitungen enthielten die Namen dieser Gesandten, mit der
Uebersetzung. Ich füge sie hier bei. Sie sind alle bezeichnend: Ganzgift,
Wind, hockender Adler, Fuchswach, Wolkenaufgang, Matt-Auge, Sperling im
Gehen jagend, Löffel, Büffel, fliegendes Täubchen, Bär brüllend daß Felsen
zittern, weißnasiger Fuchs, Fuchssprung linksum, geduckter Fuchs, Sonne,
Weißnebel, krausgeschwänzter Fuchs, Starkläufer, Donnerschnell.
Leider mußte ich mich stets daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in
Amerika sei. Ich hatte noch so viel zu sehen und genoß so angenehme Tage.
Ich war durch Empfehlung in eins der ersten Häuser in Newyork eingeführt.
Das Haupt der Familie, der Vater, wohnte auf einem Landgut am Ufer des
Rariton. Ich ward auch dort mit großem Wohlwollen aufgenommen. Der alte
Herr führte mich unter andern in seine Bibliothek und rollte da einen
Haufen Pergamente und Karten auf, um mir Titel und Umfang seiner gesammten
Länderbesitzungen zu zeigen. Demzufolge besaß er einen ungeheuern
Flächenraum Landes, der zusammen beinah soviel an Größe betrug, als etwa
ein kleines deutsches Königreich. Er bat mich, wenn ich durch Virginien
käme, einige seiner Besitzungen zu besuchen und besonders ihm Schweizer zum
Anbau zu verschaffen.
Sein weitläuftiges Wohngebäu auf dem Landgut, eine Viertelstunde von der
Amboy-Bay, zählt achtzig Gemächer und beherrscht eine der reizendsten
Aussichten. Zwei seiner Söhne führen in Newyork eine der ersten
Großhandlungen. Sie besitzen zwei Züge Schiffe, von denen der eine
regelmäßig nach Livorno, der andere nach Ostindien die Fahrt macht. Ein
dritter Sohn hat sich der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden
gewidmet und ist schon seit vielen Jahren Missionär. Er verschmäht den
bequemen Genuß eines großen Reichthums und duldet mit apostolischem Muthe
die größten Entbehrungen, um durch die unwirthbaren Einöden der Wilden die
Saat christlicher Gesittung auszustreuen.
15.
Die Fahrt nach Albany und Saratoga.
(14. bis 16. Aug.)
Kein Monarch Europens kann sich rühmen, einen glänzendern und größern
Triumphzug gefeiert zu haben, von den Völkern mit höhern Ehren begrüßt
worden zu sein -- selbst _Napoleon_ nicht, wenn er die bezwungene Welt
durchreisete --, als General _Lafayette_, der Mitstifter amerikanischer
Unabhängigkeit, da er das Vaterland seines Ruhmes zum letzten Male sah.
Ungeboten, ja unaufgefordert rüstete sich Alles, den edeln und geliebten
Gast zu empfangen. Arm und Reich ward für ihn thätig. Die ganze Nation
wollte ihn empfangen, ihn sehen, ihn segnen. Was sind daneben die kalten
Feierlichkeiten, mit welchen prunklustigen Großen der andern Welttheile,
unter steten Einmischungen der Polizei, geschmeichelt und gehuldigt werden
muß! Wie der greise _Lafayette_ diese Reihe von rührenden Auftritten
und geräusch- und prachtvollen Festen ohne Zerstörung seiner Gesundheit
ertragen konnte, bleibt mir noch immer unbegreiflich.
Und dieser große Edelmann, als er wieder in sein Geburts- und Vaterland
Frankreich zurückkehrte, wo er der Gegenstand des Hasses oder Widerwillens
des Hofes, der Minister, der Großen und ihrer Diener und Beamten war --
wie anders mußte ihm da Alles erscheinen! Ein Welttheil bringt ihm
Verwünschungen für dieselben Gesinnungen, derentwillen ihm ein anderer
dankbar den unsterblichen Lorbeer reichte. Die Nachwelt wird strenges
Gericht über die Menschen unserer Tage halten.
Gern wäre ich Zeuge von Lafayettens Empfang in Newyork gewesen, wo schon
große Zubereitungen veranstaltet wurden. Da sich seine Ankunft aber von
Tag zu Tag verzögerte, wollte ich nicht länger verweilen und bestieg ein
Dampfschiff, welches nach Albany ging.
Täglich fahren drei Dampfboote von Newyork dahin, die auf dem Hudson binnen
achtzehn bis vierundzwanzig Stunden die fünfzig Wegstunden lange
Strecke bis Albany zurücklegen. Diese Boote, welche zu den größten der
Vereinstaaten gehören, gehen nicht über Albany hinaus, sondern werden von
minder großen abgelöset, die dann den Hudson hinauf durch den Georgs- und
Champlainsee auf dem Lorenzenstrom nach Canada gehen. Der Hudson, oder
Northriver, wie er auch heißt, und bei New-York, wo er sich ins Meer
ausmündet, drei Viertelstunden, bei Albany beinah noch eine kleine halbe
Stunde breit ist, bildet sich eigentlich in seiner Größe erst durch die
einfallenden Gewässer des Sacondaga und Mohawk. Seine Ufer sind an einigen
Orten sehr schroff, von weißgrauen Kalkfelsen, mit Tannen und Eichen
besäumt. Von Zeit zu Zeit erscheinen artige Landhäuser, Bauerhöfe und
kleine Ortschaften auf fruchtbarem Gefilde.
Weil ich immer auf dem Verdeck geblieben war, hatte ich nicht bemerkt, wie
große Gesellschaft sich mit mir auf dem Boote befand. Es waren hundert und
achtzig Reisende. Frauenzimmer und Herren hatten ihre besondern Säle; wer
mit jenen speisen wollte, mußte, mit Angabe seines Namens, beim Kapitän
um Erlaubniß bitten. Er führte mich also in ihren Saal. Man setzte sich in
bunter Reihe an zwei langen Tafeln zum Frühstück, welches mit ausgewählten
Platten versorgt war. Auch hier schien weniger eine vom Zufall
zusammengeführte Reisegesellschaft, als eine Versammlung eingeladener Gäste
beisammen zu sein; so sorgfältig und anständig war der Anzug Aller, so
gesellig, fein und ungebunden war die gegenseitige Unterhaltung.
Wir kamen am Städtchen _Orange-Town_, dreizehn Stunden von Newyork, dann
fünf Stunden weiter bei _West-Point_ vorbei, wo das vorzüglichste Kollegium
für die Jugend der Vereinstaaten ist. Unter den hiesigen Zöglingen befinden
sich auch zweihundert und fünfzig meistens Söhne von Wittwen, oder von
Militärpersonen, die den letzten Krieg mitgemacht hatten. Sie werden
hier für den Land- und Seedienst der Vereinstaaten auf öffentliche Kosten
erzogen.
Der Hudson wimmelt von Sloops und Fahrzeugen, die sich nur mit dem Winde,
oder der Fluth und Ebbe fortbewegen, welche noch über dreißig Stunden
von der Flußmündung spürbar ist. Man sagte mir, es wären täglich wohl bei
zweitausend solcher Sloops auf dem Hudson thätig.
Die drei größten Dampfboote dieses Flusses waren damals der _Chancellor
Levington_ von achtzig Pferdestärken, und geräumig genug, um fünfhundert
Reisende bequem zu halten; der _Richmond_ zu siebenzig Pferdestärken,
für vierhundert Reisende; und der _Kent_ von sechszig Pferdestärken,
der dreihundert Reisende aufnehmen konnte. Alle diese Fahrzeuge sind
in verschiedene Gemächer getheilt. Das schönste derselben ist für die
Frauenzimmer, und zwar als ihr ausschließlich eigenes, bestimmt; das
nachschönste ist für sie und für die jungen Männer, denen der Kapitän
Zutritt gestattet. Zwei andere, größere Säle sind einzig für Männer. Alle
diese Zimmer sind, wie auf andern Schiffen, seitwärts mit Betten versehen,
von denen stets eins über ein anderes angebracht und mit Umhängen, einen
auswärts gehenden Bogen bildend, verdeckt sind.
In der Schiffsmitte und zur Seite befinden sich noch kleine Gemächer zu
besonderm Zweck, z. B. ein Badstübchen, ein Lesezimmer mit den Werken
amerikanischer und britischer Schriftsteller; die Küchen, die Gemächer der
Schiffsmannschaft, der Mechaniker, Matrosen, Köche, Mägde und Bedienten,
deren zusammen etwa zwanzig Personen sind.
Des Nachts verbreiten große Hängeleuchter die möglichste Heiterkeit rings
ums Schiff und warnen die Sloops schon von Weitem, auszuweichen. -- Die
Seitenräder haben zweiunddreißig Schuh im Durchmesser, und geben dem
Schiffe die Geschwindigkeit, binnen einer Stunde Zeit stromauf zwei
Wegstunden, und stromab drei Wegstunden zurückzulegen.
Das Ausschiffen und Aufnehmen von Reisenden unterwegs raubt wenig Zeit. Die
Schiffsglocke ruft an. Ein am Aussenbord hangender Nachen, groß genug, acht
Personen zu fassen, wird schnell ins Wasser gelassen. Die Reisenden steigen
bequem auf einer eisernen Geländerstiege vom Schiff ein. Zwei Ruderer
bringen den Nachen schnell ans Ufer, während der Matrose am Steuer hinten
ein Seil, das am Dampfboot befestigt ist, allmälig abrollen läßt. Aus- und
Einladen des Nachens am Ufer ist Sache weniger Minuten. Der Pilot gibt dem
Dampfschiff ein Zeichen; sogleich setzt sich dort durch den Mechanismus ein
Zylinder in Bewegung, der das Seil des Nachens aufrollt und diesen an sich
zieht.
Es war an einem schönen Sonntagsmorgen um fünf Uhr (15. Aug.), als wir vor
dem Städtchen _Hudson_ anlangten. Es stellt sich dem Auge gar freundlich
dar. Es mag drei- bis viertausend Einwohner haben. Von Zeit zu Zeit tönten
den ganzen Vormittag die Kirchenglocken über die Landschaft, welche die
Bewohner der umherliegenden Höfe zur Andacht riefen. Um eilf Uhr Morgens
kamen wir endlich zu _Albany_ an.
Diese Stadt zählt jetzt vierzehntausend Bewohner und ist ganz in Art und
Weise der übrigen neuen Städte Amerika's gebaut. Albany's Handelsverkehr
ist sehr bedeutend, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse vom
Norden des Newyorker Staates bis Canada befindet, besonders seit dem Bau
des herrlichen Kanals, der vom Hudson bei Albany bis zum Erie-See läuft.
Dies Meisterstück der Kunst und des amerikanischen Gemeingeistes verdient
gekannt zu sein. Man denke sich, daß dieser Kanal hundert und zehn Stunden
lang ist; daß man über demselben fünfhundert und sechsundfünfzig hölzerne
Brücken zählt, und siebenundvierzig Schleusen, jede sieben Schuh höher
(denn dies ist der Fall vom Eriesee bis zum Hudsonufer); man denke sich,
daß mehrere Leitungen angebracht sind, die das Wasser über Sümpfe und
kleine Seen führen (die größte bei Rochester, mehr denn sechsundsechszig
Stunden von Albany, ganz von Stein, mit einer Seitenstraße für die Rosse,
um die Schiffe zu ziehen) -- man denke sich diesen großen, festen Bau des
Ganzen, und dann -- daß das Alles in Zeit von zwei Jahren vollendet ward.
Ich verweilte in Albany nicht lange; begnügte mich mit einer Besichtigung
des Innern der Stadt, nahm einen Reisewagen, übernachtete in Skenectady und
befand mich andern Morgens in den berühmten Bädern von _Saratoga_.
16.
Saratoga's Heilquellen. Utica.
(16. bis 19. Aug.)
Ein junger, gebildeter, sehr unterrichteter Quaker war mein Reisegefährte
bis hierher gewesen. Wir gewannen einander lieb und blieben in Saratoga
beständig beisammen. Alle Religionen und alle Kirchpartheien haben ihren
heiligen Grund und sind wahrlich in ihrem Wesentlichen und Göttlichen nicht
so sehr von einander verschieden, als die Menschen in denselben, welche
aus Religion und Kirche Werkzeuge ihrer Selbstsucht, ihres Hochmuths,
ihrer Milzsüchtigkeit machen und die dummgläubige Unwissenheit Anderer
fanatisiren und leiten.
Die Umgegenden von _Saratoga_ schienen mir gar wild. Die Stadt selbst
besteht nur aus einer einzigen, sehr breiten aber noch ungepflasterten
Straße. Baumstöcke, die hin und wieder mit Wurzelstöcken über einander
liegen, deuten an, vor wie weniger Zeit noch der Platz, wo der Ort
aufgebaut ist, ein finsterer Wald gewesen, den die Bären bewohnten, die
auch jetzt noch oft in der Nachbarschaft sichtbar sind.
Jäger entdeckten vor etwa zehn Jahren zuerst hier die Mineralquellen. Erst
seit vier Jahren baute man die prächtigen, pallastartigen Gasthäuser auf,
deren nun schon zehn vorhanden sind. Das vornehmste derselben ist ohne
Zweifel _Congreß-Hall_; dann folgen _Union-Hall_, _United-Staten-Hall_ und
der _Pavillon_. Die Anzahl der Kurgäste, welche sich bei meiner Ankunft
hier befand, betrug 1230 Personen, Leute aus allen Staaten des Vereins und
Südamerika's, auch einige Europäer.
Der Heilquellen sollen um Saratoga bei zwanzig sein. Begleiter von meinem
Freunde, dem Quäker, besucht' ich und kostete ich mehrere. Man bemerkte
uns jedesmal, bei welcher die Kur begonnen, bei welcher sie beendet werden
müsse. Einige lauwarme Quellen hatten den Geschmack von denen zu _Baden_
im Kanton Aargau; andere glichen dem Selterserwasser; die Quelle von
_Balston_, zwei Stunden von Saratoga, hatte die größte Aehnlichkeit mit der
vom _Schwarzbrünnli_ bei _Gurnigel_ im Kanton Bern.