Hartes, Schwärmerisches und Ueberspanntes. Wer könnte das ganz läugnen?
Aber doch muß ich bekennen, keine von allen christlichen Kirchenpartheien
hat dabei so viel Milde, Menschenfreundlichkeit, Selbstverläugnung,
Selbstaufopferung und Wahrhaftigkeit, als eben diese. Sie leben freundlich
unter allen Menschen, ohne deren wilde Thorheiten und Leidenschaften
anzunehmen. Sie wenden die Vorschriften des Christenthums streng, ja
_buchstäblich_ auf das wirkliche Leben an, und werden dadurch auffallend,
sonderlingsartig in den Augen derer, die eine andere Erziehung genossen
haben, sogar lächerlich. Sie zanken nicht, wie andere Christen, um Formen
und Dogmen; ihr Glaube liegt mehr sprechend in ihren Handlungsweisen. Das
stammt schon von erster Erziehung her, die ihnen nachher das Gewohnte
zum lieben Bedürfniß macht. Diese Erziehung weicht freilich von der
gewöhnlichen ab; ist vielleicht in Manchem zu ängstlich. Aber vielleicht
ist eben diese Aengstlichkeit das beste Verwahrungsmittel gegen die spätere
Leichtigkeit, mit dem, was unehrbar und lasterhaft ist, in Unterhandlung
zu treten. Tanz, Musik, Jagd, Hazardspiel und Theater sind untersagt. Die
erzieherische Gesetzgebung William _Penns_ scheint mir unendlich edler, in
sich selbst weiser und in ihren Wirkungen nicht minder bewundernswürdig,
als die vielbewunderte des _Lykurg_. Wer dies bezweifelt oder nicht
begreift, müßte Pensylvanien, müßte die entlegensten Einsamkeiten Amerika's
besuchen. Hier ist nicht Heuchelei, auf den Schein gemachte Frömmigkeit,
verlarvter Stolz, wie bei manchen ähnlichen Sekten in Europa, sondern
Ueberzeugung, die ins Leben durch die That tritt, und durch Erziehung und
Gewohnheit Bedürfniß wird.
Es scheint mir, daß die Einfalt, Wahrhaftigkeit, Anspruchlosigkeit
und Rechtlichkeit der Gesellschaft der Freunde, auf Denkart und Ton,
Gesetzgebung und Verfassung der Amerikaner in den Vereinstaaten einen sehr
bedeutenden Einfluß gehabt habe und noch immer übe. Ueberall bin ich
den Spuren ihrer Gesinnungen begegnet. Auch geniessen sie allgemeine und
wohlverdiente Achtung.
Unter ihnen herrscht vollkommene Gleichheit der Rechte; Reichthum und
Armuth geben darin keinen Unterschied. Die Häupter ihrer Versammlungen
beziehen keine Besoldungen, empfangen keine besondere Ehrenbezeugungen, und
finden für ihre Meinungen kein Uebergewicht bei den Andern. Das weibliche
Geschlecht hat, wie bei allen andern Kirchenpartheien, dieselbe
Stellung, und genießt derselben Achtung und Ehrfurcht. Die liebenswürdige
Bescheidenheit, Einfachheit, häusliche Ordnungsliebe und feine
Verständigkeit der Frauenzimmer macht, daß diese auch von den achtbarsten
Familien anderer Sekten gesucht werden. -- Erfüllt einer von ihnen nicht
seine Pflichten gewissenhaft, wird er von einem seiner nächsten Verwandten
oder vertrautesten Freunde im Stillen gewarnt; ist dies fruchtlos,
geschieht es von mehrern Seiten; zeigt sich alle Mühe eitel, ihn zu
seinen Pflichten zurückzuführen, wird er aus der Gesellschaft der Freunde
ausgeschlossen. Das Alles geschieht ohne Aufsehn im Stillen.
Die Verbesserung der Strafanstalten, die Versittlichung der Verbrecher, die
Verhütung des Verarmens und der aus Armuth entspringenden Uebelthaten,
die Verbreitung des Christenthums unter den Heiden, die menschlichere
Behandlung der Indianerstämme, die Abschaffung des Negerhandels und
der Sklaverei hat dieser Kirchpartei mehr, als allen andern in der
Christenheit, zu danken. -- Wenn man die Genossen derselben auch nicht
schon an ihrer äussern, einfachen Tracht erkennen würde, die Männer an
ihren breitkrämpigen schwarzen oder weißen Hüten, und schwarzen, braunen,
dunkelfarbigen Röcken; die Frauenzimmer an der Abwesenheit aller bloßen
Schmucksachen, der Ohrgehänge, Ringe, Armbänder, Federn, Kunstblumen
u. s. w. -- Trauer um die Todten legen sie nie an -- so würde man sie
an der strengen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit im Handel und Wandel
erkennen; an ihrer Treue im gegebenen Wort, an der Verschmähung jeder Art
Betrugs und Ueberlistung.
Die Stadt _Philadelphia_ hat etwas ungemein Gefälliges im Aeussern. Die
Straßen sind geräumig und breit, manche achtzig bis hundert Schuh; alle
sauber mit Plattsteinen gepflastert. In der Mitte stehen Hallen, oder
zum Marktverkauf bestimmte, überdeckte Plätze, wo die Landleute, die ihre
Erzeugnisse bringen, gegen das Wetter geschirmt stehen. Manche dieser
Hallen sind über eine Viertelstunde lang. Die Fußgänge an den Seiten sind
von Zeltdächern beschattet, viele der Kaufläden und Gewölbe gleichen an
Fülle und Schönheit der Verzierung den schönsten in Paris.
_Penn_ selbst hat den Riß zur Stadt der Freunde im Jahr 1682 entworfen. Sie
ist wohl eine Wegstunde lang. Es ziehen vierundzwanzig breite, schnurgrade,
oft seitwärts mit Fußgängen versehene Straßen neben einander hin, die von
zwanzig andern ähnlichen im rechten Winkel durchschnitten sind. Die
Häuser haben meistens weißen, gelblichen oder röthlichen Anstrich. Die
Begräbnißplätze sind hier noch, wie in allen amerikanischen Städten, bei
den Kirchen. Es fehlt nicht an vielen Sehenswürdigkeiten. Ich darf nur an
das herrliche Museum erinnern, wo auch das vor einigen Jahren zu Bigbone
in Kentuky, ohnweit Cincinnati gefundene Mammuthskelet aufbewahrt wird, das
18 Schuh lange, 11½ Schuh hohe Riesenthier der Vorwelt.
Neben allen schönen Gebäuden der Stadt zeichnen sich immer die Kirchen
durch ihre Pracht und Majestät aus. Und ihrer sind nicht wenige. Und alle
sind doch nur auf Kosten der verschiedenen Kirchpartheien gebaut. Denn, wie
gesagt, hier ist keine herrschende, sogenannte Landesreligion. Der Staat
hat den weisen und wohlthätigen, und Religiosität befördernden Grundsatz
vollkommener Glaubensfreiheit anerkannt. Er zwingt niemanden zum
Kirchenbesuch, und doch sind alle Tempel stets beim öffentlichen
Gottesdienst angefüllt, während in Europa die Pfarrer über Verfall der
öffentlichen Andacht und die Leerheit der Gotteshäuser häufig jammern. Der
Staat gibt kein Geld zum Kirchenbau, besoldet keinen Geistlichen, und doch
gibt es kaum ein Land, wo so viel Kirchen sind. Im Jahr 1817 hatte die
Stadt Philadelphia bei ohngefähr 100,000 Einwohnern achtundvierzig Kirchen;
_Boston_, damals bei etwa 40,000 Seelen dreiundzwanzig Kirchen; _New-York_,
bei damals etwa 120,000 Einw., dreiundfünfzig Kirchen. Und heute sind
überall, nach Maßgabe der gestiegenen Bevölkerung, auch der Tempel mehr
geworden. -- Worauf deutet das?
Weil der Staat ohne Unterschied jeder christlichen Glaubensgenossenschaft
gleiches Recht und gleichen Schutz gewährt, hört man auch nichts von den
ekelhaften Religionszänkereien, mit denen sich die Europäer ermüden und
quälen. Es herrscht gegenseitige Achtung und Schonung. Man spricht nicht
gern über Glaubensverschiedenheit. Man ist so verständig, zu begreifen,
daß man keine fremde Glaubenslehre tadeln und beschimpfen könne, ohne die
eigene dem Tadel und der Beschimpfung preis zu geben. Noch weniger darf
sich das Kirchliche irgendwo in die Politik mengen, da beide durch die
Grundgesetze des Staates so scharf und fest von einander geschieden stehen.
Unter den Sehenswürdigkeiten, die erst seit Kurzem ihr Dasein empfangen
haben, zog mich ganz besonders das Kunstwerk am Shuykillstrom, eine Stunde
von Philadelphia, an, durch welches die ganze Stadt mit Wasser versehen
wird. Auf dem Wege dahin sah ich eben an einem neuen _Zucht-_ und
_Besserungshause_ arbeiten. Ein weiter Platz war dazu geebnet und der
ganze, große Raum mit einer mächtigen Mauer umgeben. Man sollte meinen,
hier werde an einem Festungswerk gebaut: so schwer und stark ist alles
aufgeführt. Das Thor ist eine mächtige Arbeit, und soll mit eisernen
Gitterthüren geschlossen werden, die wohl mehr, als eines Mannes Arm
vonnöthen haben dürften, um sich in ihren Angeln zu bewegen.
Eine halbe Stunde von da ist am Shuykill die Wassermaschine. Ein Vorbau
drängt das Wasser des Flusses vom Ufer ab. Räder von 16 Schuh Durchmesser
bewegen eine Pumpe mit doppeltem Stempel, wodurch das Wasser 120 Schuh hoch
gehoben in ein ungeheures Becken gegossen wird. Die Pumpe liefert binnen
vierundzwanzig Stunden bei 500,000 Gallonen Wasser. Sie steht erst seit
zwei Jahren. Vorher hatte man eine durch Dampf getriebene, die man aber nun
nicht mehr gebraucht.
Durch eine Menge Röhren und Kanäle fließt das Wasser aus dem ersten
Behälter nach allen Stadtvierteln, ja fast in jedes Haus, wo man mit einem
angebrachten Hahn so viel abzapft, als man will. In jeder Straße sind
mehrere Brunnen, die man, im Fall einer Feuersbrunst, nach Belieben laufen
läßt. Man legt nur den Schlauch der Feuerspritze an, die dann zweimal mehr
Wasser schleudert, als die sonst übliche.
11.
Der Ausflug nach New-York.
(30. Juli.)
Wie gern hätte ich noch in Philadelphia verweilen mögen! Ich mußte mich
immer recht ernsthaft daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei
und versprochen habe, vor Weihnachten wieder in meiner Heimath zu sein.
Wie viel hatte ich noch zu sehen! _New-York_, der Hauptplatz des
nordamerikanischen Handelsverkehrs, ist nur zweiunddreißig Stunden von
Philadelphia entlegen. Kleinigkeit! Ich konnte also Abends dort sein.
Um halb sechs Uhr Morgens stieg ich ins Dampfboot, das an Bequemlichkeit
und Zier allen frühern nicht wich. Der Reisenden waren ohngefähr achtzig
auf dem Boot; Herren und Frauenzimmer; alle, ohne Ausnahme, sehr sauber
und mit Sorgfalt gekleidet, als wären sie nicht zur Reise, sondern zu einem
geselligen Vergnügen zusammengekommen. Auch, als man sich um sieben Uhr zum
Frühstück setzte, am reich mit allerlei Speisen beladenen Tisch, glich die
Reisegesellschaft einer freundlichen Vereinigung eingeladener Gäste.
Wir fuhren den Delaware aufwärts und erblickten nach einer halben Stunde
die Schiffswerfte von Philadelphia, auf welcher neun große Fahrzeuge bereit
lagen, ins Wasser gelassen zu werden. Die pensylvanische Küste bot uns
aller Orten das Schauspiel fleißigen Anbaus dar. Zwischen zerstreuten
Wäldchen und lichtstehenden Pappeln lachten uns freundliche Landhäuser an.
Nicht so große Mannigfaltigkeit zeigte das zum Staat Jersey gehörige Ufer.
Das Dampfboot lief in einer Stunde zwei Wegstunden stroman. Schon um neun
Uhr kamen wir an _Burlington_ vorüber, wo Reisende von uns gingen, andere
zu uns kamen. In _Bristol_, sechs bis sieben Stunden von Philadelphia,
stiegen wir ans Land, wo neun Wagen warteten, um uns weiter zu bringen.
Jeder suchte den seinigen nach der Nummer der empfangenen Karte. Der lange
Zug unserer zierlichen Reisewagen machte sich sehr artig und rollte, wie
durch einen weiten Garten, von Zeit zu Zeit neben hübschen Landhäusern und
Bauerhöfen vorüber, die, gut unterhalten, einen behaglichen Wohlstand zu
verrathen schienen.
Nach zwei Stunden hielt man in _Trenton_ an, um die Rosse zu erfrischen,
was man jedesmal alle zwei Stunden beobachtete. Die Stadt -- bekanntlich
ist sie die Hauptstadt von Jersey -- macht den Augen ein ganz angenehmes
Bild. Die Häuser stehen nicht in strenger Regelmäßigkeit, sind aber
meistens in gutem Geschmack gebaut. Besonders ist die bedeckte Brücke,
welche über die Delaware führt, von besonderer Schönheit.
Zu _Princetown_, wo die Pferde gewechselt wurden, begegneten uns zehn volle
Reisewagen, die von New-York kamen, um das Dampfboot zu erreichen, welches
wir verlassen hatten; dagegen wir in Brunswik ein anderes finden sollten,
von dem sie herkamen. Immer und immer überraschte mich täglich die Menge
der Reisenden. Hier schien mir fast Alles unterwegs zu sein. Die Gasthöfe
hatten der Reisenden oft so viel zu beherbergen, wie etwa in Europa sonst
nur große Badeanstalten. Welch ein Verkehr und Leben auf diesen noch vor
vierzig bis fünfzig Jahren halböden Küsten!
Auch Princetown schien mir eine sehr artige Stadt. Ich konnte sie nicht
näher besichtigen. Noch vor wenigen Jahren war hier aber die berühmteste
Hochschule der Vereinstaaten. -- Ueber Kingstown gelangten wir endlich nach
der Stadt _New-Brunswik_, anmuthig am Rariton gelegen, über welchen eine
400 Schuh lange Brücke führt, die, wie gewöhnlich, auf den Seiten Fußgänge
und in der Mitte zwei Fahrwege hatte.
Die Hitze war sehr stark gewesen. Unsere lange Wagenreihe hatte dicke
Staubwolken aufgetrieben, und wir alle, wie wir zum Dampfboot kamen,
trugen mehr oder weniger die Spuren dieser Wolken. Allein jetzt erschienen
sogleich einige Mulatten und Neger, mit Bürsten, Handtüchern, Wasserbecken,
und luden jeden, der ihre Dienste verlangte, in ein Zimmer ein, um sich da
wieder entstäuben und schön machen zu lassen. Auch einige Barbierer waren
mit ihren Waffen bereit, die Männer zu verjüngen. Fast alle Reisende
unterwarfen sich dieser Purification, die weniger ängstlich, als die
spanische unter dem Scheermesser der Apostolischen ist. -- In Europa,
selbst in England und Holland, kennt man diesen hohen Grad der
Reinlichkeitsliebe nicht. Sie ist ein Beweis der gegenseitigen Achtung,
welche sich selbst Fremde untereinander im geselligen Leben schuldig sind,
und die bei uns oft tölpisch genug vernachlässigt zu werden pflegt. Ich
halte mich bei diesem kleinen Umstand gern auf, der selbst im Unbedeutenden
auf ein regeres, sittliches Feingefühl hindeutet.
So lange man in der Nähe von New-Brunswik ist, zeigt sich die Landschaft
wohlbevölkert in malerischer Abwechselung. Je weiter hin, werden die Ufer
flach, und von Ebb' und Fluth verschwemmt, die sich bis Brunswik fühlbar
macht. -- Links lagerte _Perth-Amboy_ seine niedliche Häuserreihen vor uns
auseinander; besonders stellte sich der Sommersitz der Familie _Brun_ von
New-York, Brightonhouse, anmuthig dar. Es liegt schloßähnlich auf einer
kleinen Anhöhe und schaut von da weit durch die Ebenen. Rechts hatten
wir _Staaten-Island_ oder _Richmond_, welches uns im Vorüberfluge nichts
Ausgezeichnetes in seinen Ländereien darbot, aber gegen New-York zu
an Bevölkerung reicher zu werden schien. Nachdem wir noch am linken
Rariton-Ufer, bei _Elisabeth-Town_, einige Reisende aufgenommen hatten,
fuhren wir gegen sechs Uhr Abends, beim lieblichsten Wetter, in die Bai von
New-York ein.
Da stieg plötzlich in der Tiefe des Hintergrundes vor uns eine, ich möchte
sagen von tausend Schiffsmasten halbverschleierte Stadt aus den Wellen.
Nur die Zinnen der Häuser, die Thürme, die Pappeln-Reihen, welche auf die
Richtungen der Straßen deuteten, liessen sich über den Wimpeln wahrnehmen.
Wie wir näher rückten, hatten wir die sogenannte Batterie vor uns. Es ist
dies ein öffentlicher Lustplatz, von Linden und Pappeln überschattet, deren
Zwischenräume am Boden wohlunterhaltenes Rasengrün deckt. Alles wimmelte
von Lustwandelnden. Die schöne Welt war im schönsten Sommerschmuck dort
versammelt. Am äussersten Ende, ohngefähr hundert Schritte vorwärts in der
Bai, hat man ein niedliches, kreisförmiges Pavillon aufgeführt. Es ist zwei
Stockwerke hoch; das Dach mit einer Gallerie umgeben. Man hat von
diesem Belvedere in der That, wie ich nachher sie selbst genoß, eine
wunderliebliche Aussicht. Ueber dem Bau erhebt sich ein dreißig Schuh hoher
Mastbaum, mit der Flagge der Vereinstaaten. Der Hafen von New-York ist voll
ewiger Bewegung. Täglich, stündlich laufen Schiffe ein, segeln andere
ab. Bei dreißig Dampfschiffe schwärmen ab und zu, von den verschiedensten
Formen und Bestimmungen. Flüchtige Rauchsäulen, die sich bald in den
Lüften zerstreuen, schweben des Tags über ihnen; Nachts sind eben so viel
Feuersäulen, gleich jenen, die in der Wüste den Kindern Israels leuchteten.
Als wir um sieben Uhr ans Land traten, boten Weiße, Mulatten und Schwarze
ihren Dienst an, unser Reisegepäcke in die Stadt zu tragen; aber nicht mit
jener frechen oder plumpen Zudringlichkeit, deren man von Leuten dieser
Klassen in Europa gewohnt ist. Längs dem Quai stand eine lange Reihe
eleganter Kutschen und Halbwagen, die wahrlich mit den Fiacren oder
Lohnkutschen von Paris oder Wien wenig Aehnlichkeit, dennoch die
nämliche Bestimmung, hatten. Sie sind geschmackvoll gestaltet, meistens
gondelförmig. Die Lohnkutscher, wie alle Personen aus der arbeitenden
Klasse, sind mit vieler Sorgfalt angekleidet, in ihrem Betragen gefällig,
zuvorkommend, ohne jenes knechtisch-höfliche Wesen, welches bei uns die
Würde des Mannes so oft entweiht.
Ein Sprung vom europäischen Ufer über den Ozean, ans amerikanische, macht,
beim schnellen Wechsel der Welttheile, jenen Gegensatz der Sitte und
Lebensweise ungemein fühlbar. Andern vielleicht scheint eine Beobachtung
dieser Art unbedeutend; mir bedeutsamer aber, als die Beschreibung von
Bildergallerien, Kunstkabineten und Bibliotheken, die wir Reisende gern
besuchen. Es ist in den amerikanischen Städten durch alle Volksklassen eine
gewisse Sittenfeinheit, ein Gefühl für das Anständige und Edle verbreitet,
welches nicht aus Tanzmeisterlektionen, sondern aus dem Bewußtsein des
eigenen Rechtes und der Achtung für fremdes stammt. Selbst die Einwanderer
schleifen nach und nach die rohen Seiten ihres Betragens ab, welches sie
von dem Stande oder der Kaste noch mitbrachten, der sie im andern Welttheil
eingebürgert waren; das grobe Hochfahren des Adelmanns und Beamten, die
stolze Leutseligkeit des Vornehmen gegen den Geringen, die Rang-Seligkeiten
des spießbürgerischen Kleinstädters, die unbehilfliche Steifheit des
Handwerkers, die unterthänige Kriecherei und patzige Frechheit der
Herrendiener. Wo der Mensch als Mensch gilt, ist ächter Adel --
Menschenadel daheim. Wer Freiheit und Recht hat, wie jeder, ehrt beides
gern im Andern, um beides geehrt in sich zu bewahren.
Ein Mulatte, mit einem Nummerschild am Rocke, trug mein Gepäck in die
Beaver-Street, wo ich bei einer Privatperson einkehren mußte, der ich schon
durch einen Freund in Philadelphia empfohlen war. Die Gastlichkeit der
Familie bedrückte mich fast. Eine Woche lang mußte ich bei ihr verweilen;
dann aber bezog ich den schönen Gasthof Columbian-House.
12.
Von New-York.
(30. Juli bis 14. August.)
Vor etwa 200 Jahren schickten die Holländer Ansiedler hieher, die bauten
am Zusammenfluß des Hudson- und Ostflusses am Meere, auf der äussersten
Morgenseite der Insel _Manhattan_, ihre Niederlassung _New-Amsterdam_;
später empfing die Pflanzstätte den Namen _New-Stockholm_; und seit sie
in Besitz der Engländer kam, hieß sie _New-York_. Die Insel ist etwa vier
Wegstunden lang und eine halbe breit. Jetzt steht hier eine reiche blühende
Stadt von 130,000 Einwohnern, die nach allen Welttheilen Handel treibt,
für Wissenschaften und Künste mehr Anstalten, Gesellschaften, Sammlungen,
Bibliotheken u. s. w. hat, als der Mehrtheil königlicher Hauptstädte in
andern Welttheilen, und daneben eine ausserordentliche Menge Fabriken in
thätiger Bewegung sieht.
Von der Batterie, deren ich schon erwähnte, hat man die Aussicht auf
mehrere Inseln. Die größten sind Richmond oder Staaten-Island rechts und
Long-Island links. Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur
Vertheidigung der Bai angelegt sind, haben geringen Umfang. -- In der
Ferne, doch etwa nur einer Stunde, sieht man die Stadt _Jersey_, Hauptort
vom Staate dieses Namens; noch eine schwedische Gründung. Die Höhen alle
herum sind da mit Windmühlen bepflanzt, die ihre luftigen Flügel rührig
herumtreiben.
Das Innere von New-York hat keinen so regelmäßigen Straßenbau, als
Philadelphia. Die bald breiten, bald engen Kreuz- und Quer-Gassen europäern
ein wenig. Doch eine Straße, wie der _Broadway_ zu New-York, von solcher
Breite, eine volle Stunde Wegs lang, die Fußgänge an den Seiten mit
Pappelbäumen eingefaßt, links und rechts schöne Gebäude, prachtvolle und
reiche Kaufmannsgewölbe -- findet man in Europa nicht leicht. Das schönste
Gebäu aber steht in der Mitte des Broadway, ganz von weißem Marmor,
in großen, riesenhaften Parthien. Es ist das Rathhaus. Davor liegt ein
öffentlicher Lustplatz, mit Geländern eingefaßt. Er heißt der Park, ist
aber nur ein weitläuftiger, mit Gängen durchschnittener und von einigen
Bäumen leichtbeschatteter Rasenplatz. Verschiedene Häuser haben Ebendächer
und Balkone, die an lieblichen Sommerabenden gern benutzt werden, um der
Aussicht auf den Hafen zu geniessen, der drei Viertel der ganzen Stadt
begrenzt, und wohl der größte der Vereinstaaten ist. Ueberhaupt liegt
New-York in einer äusserst anmuthigen Landschaft.
Man sieht hier nur wenige Neger, und die man sieht, sind frei. Zahlreicher
werden sie in den südlichern Staaten gefunden, und wiewohl man sie auch
dort schon sehr menschlich behandelt, rückt doch schon der bloße Gedanke
an ihr Sklaventhum diese Unglücklichen zur dienstbaren Thierklasse nieder.
Dieser Stand der Neger ist noch ein Nachlaß, eine Hefe von der Herrschaft
der christlichen Europäer. Ach, man sollte sich doch bei uns zu Lande nicht
brüsten mit Zivilisation und Christenthum, sollte nicht die Grausamkeit der
Araber, Türken, Mauren, nicht die Barbareien des Orients stolz verdammen,
so lange man noch nicht auf europäischen Schiffen den verruchten
Menschenhandel abgethan hat! -- In den Vereinstaaten ist jetzt wahrer
Wetteifer, das Loos der Schwarzen zu verbessern, ihnen allmälig die volle
Freiheit zu geben und sie zu vermenschlichen. Man weiß, die ersten wurden
im Jahr 1503 in die neue Welt aus Afrika hinübergeschleppt. Jahrhunderte
lang wurden diese beklagenswürdigen Mitmenschen wie Hausthiere behandelt;
oft schlechter. Wie lange wird es dauern, ehe die moralischen Narben der
Sklavenkette ganz verwachsen sind?
Die in Amerika gebornen Neger sind weniger schwarz, als die, welche
unmittelbar aus Afrika kommen. Man behauptete mir, das Schwarz vermindere
sich von Geschlechtsfolge zu Geschlechtsfolge.
Es ist möglich. Denn auch die Europäer in Amerika scheinen mir mit den
Jahrhunderten ihre Farbe allmälig zu ändern. Ich glaubte ziemlich gut
eingeborne Amerikaner von neuen Ansiedlern schon an Farbe, Bau und im
ganzen Wesen unterscheiden zu können. Sie sind im Allgemeinen wohl geformt.
Selten erblickt man einen Mißwuchs, wie man wohl in Europa oft genug sieht.
Aber die Farbe ihres Gesichts hat nicht das Leben und die Frische, wie bei
uns; die Stadtbewohner haben eine, ich möchte sagen kränklichblasse Haut;
die Landbewohner sind freilich brauner, ohne darum frischer und farbiger zu
sein. Die Gesichter sind gewöhnlich mehr länglich, als rund; und die Züge
derselben, die meistens zusammengesetzter, als bei uns, sind, verrathen so
wenig, als das übrige Aeussere der Gestalt, Gewerb und Beruf, die man in
Europa so leicht bei den verschiedenen Volksklassen unterscheiden kann.
Eine zuvorkommende, edle Gastfreundlichkeit ist wohl die herrschendste
Tugend unter den Amerikanern. Sie sind im Umgange gefällig, fein und offen.
Man muß sie nicht nach dem rohen, leidenschaftlichen Ton ihrer zahllosen
Zeitungen beurtheilen. Da treibt der politische Parteigeist sein freies und
derbes Spiel. Aber das schadet niemandem; denn man kennt das Geklätsch und
Treiben der Publizisten, und weiß, daß die, welche die zarten Verfädelungen
der Diplomatik und Politik auseinanderschlichten wollen, dazu gern die
gröbsten Finger gebrauchen.
Diese Sonderbarkeit dort ist, wie bei unsern europäischen Gelehrten,
einheimisch. Bei uns zwar nicht überall in der Politik, aber doch in andern
Fächern. Welche Klasse von Schriftstellern pudelt sich ungezogener und
ungeschliffener vor dem Publikum herum, als die der Jugenderzieher, der
Pädagogen und Philologen? Wer zeigt weniger die Wirkungen der Humanität,
als die Klasse derer, die Humaniora treiben? Wer handelt wüthender und
unchristlicher wider fremde Meinungen, als die Lehrer der Religion der
Liebe? Wer schreibt besser über Landwirthschaft, als wer dadurch ökonomisch
zu Grunde ging? Wer hat unphilosophischern Stolz, als die Philosophen?
13.
Der Besuch beim Oheim.