Nur wenige Gäste baden; die meisten begnügen sich mit Trinken des Wassers.

Des Morgens sieht man in dieser werdenden Stadt Alles von Gehenden und

Kommenden belebt. An jeder Quelle stehen ein paar Kinder, die mit einem

Stabe, an dessen Ende drei Gläser in eisernen Reifen oder Käfigen hängen,

das Wasser schöpfen und den sie umringenden Trinkern bieten.

Unter den Trinkern befand sich auch der ehemalige König von Spanien,

_Joseph Bonaparte_. Er scheint sich als freier harmloser Bewohner eines

Freistaats weit glücklicher zu fühlen, denn vor Zeiten im königlichen

Glanz. Er, von etwas mehr als mittlerer Stärke, hat ein volles,

ausdrucksreiches Gesicht und angenehmere, freundlichere Züge, als sein

Bruder, der große Napoleon.

Noch ist in Saratoga nur Alles erste, rohe Anlage; Sorge für das

dringendste Bedürfniß. Noch fehlt es selbst an Lustgängen für die Gäste.

Die Umgegend hat indessen viel Anmuth, obgleich sie von Wäldern und kleinen

Hügeln umringt ist. Auf einem dieser Hügel, nicht weit vom Orte, hat man

eine Aussicht bis zum St. Georgensee.

Dennoch fehlt es in dieser Gegend, wo sonst die Wilden, vom Stamm der

Irokesen, hauseten, wo man in den nahen Waldungen noch die Ueberbleibsel

ihrer zahlreichen Befestigungen, ihrer Gräber u. s. w. erblickt, nicht an

Mitteln des geselligen oder einsamen Genusses. -- In einem Lesesaal fand

ich die Werke der besten amerikanischen und englischen Gelehrten, und bei

hundert verschiedene Zeitungen aus allen Staaten des Vereins. Der Saal

war von stillen Lesern angefüllt. Ueber demselben ist ein anderer Saal,

in welchem man Liebhabern eine Sammlung von Mineralien und andern

Naturmerkwürdigkeiten, oder Kunsterzeugnissen der Indianer vorzeigt, die

man in den Umgegenden gefunden hat.

Auch Schauspiel fand sich. Eine Gesellschaft kommt zu gewissen Zeiten

von Newyork hierher und giebt ihre Vorstellungen. Ich hatte sie schon in

Newyork gesehen und sehr mittelmäßig gefunden. In Congreß-Hall gab es,

durch Unterschriften, Abends einen Ball. Man walzt in Amerika wenig; desto

mehr sind Quadrillen beliebt und eine Art Hopser.

In _Skenectady_, wo ich einen Preussen mit seiner Gemahlin fand, der von

St. Thomas kam, wo er Consul war, und nach Saratoga reisete, bestieg ich

ein langes, bedecktes Schiff, um den großen Kanal hinauf zu fahren. Zwei

Jagdhörner gaben das Zeichen zur Abreise; sie waren es auch, welche den

Schleusenwächtern die Ankunft des Schiffes verkündeten, so wie den beiden

Zugpferden, die alle zwei und eine halbe Stunde gewechselt wurden, da sie

in dieser Zeit im scharfen Trott fünf Wegstunden zurückgelegt hatten.

-- Der Uebergang von einer Schleuse in die andere ist Geschäft von zwei

Minuten. In vierundzwanzig Stunden hatten wir vierzig Wegstunden gemacht.

Bei _Utica_, einem Städtchen von zweitausend Seelen, am Ufer des

Mohawkflusses, hielten wir an. Der Kanal geht über diesen sich viel

schlängelnden Strom mehrmals hinüber, oft zwanzig Schuh mit der

Wasserleitung über der Oberfläche des Flusses. Und immer ist dabei

seitwärts doch Raum zu einem Weg für die Rosse gespart, die das Schiff

ziehen.

Wir waren unserer sechsunddreißig Reisende auf dem Fahrzeuge. Von der

Gegend war selten viel zu sehen, der Kanal schneidet meistens schnurgrade

durch Thäler und unermeßliche Waldungen. Hier ist noch der Boden in uralter

Wildniß; wenig bevölkert. In der Nähe des kleinen Fleckens _Frankfurt_

hörten wir das Tosen eines Wasserfalles, der ziemlich beträchtlich sein

soll.

Aber diese Einöden werden durch die Nähe des Kanals bald lebendig und

urbar werden. Schon jetzt wird die Stadt _Utica_ blühend. An einer Seite

derselben, wo vor Kurzem noch der finstere Rest eines Waldes verschont

stand, ist jetzt ein breites Wasserbecken gebaut, in welchem zierliche

Schiffe, beladen mit Waaren und Menschen, landen. Täglich brachten in

den Monaten Juli und August, der Zeitung von Utica zu Folge, zwei Schiffe

fünfzig bis sechszig Reisende, von denen die mehrsten nach dem Erie- und

Ontario-See gingen. Nicht so zahlreich, wie ich nachher aus der Newyorker

Zeitung ersah, sind die Reisenden im Spätjahr. Hingegen der Waarenverkehr

zeigte sich noch im Oktober 1824 so lebhaft, wie im August, da ich selbst

in Utika war.*)

*) Es kann Liebhabern der Statistik vielleicht lieb sein, zu erfahren,

welche Arten Waaren vorzüglich nach Utica gebracht wurden. In einem

Jahrzehend ist's gewiß anders; aber dann könnte es noch geschichtlich

anziehend werden. Ich will also das Verzeichniß der in Utica während

der ersten Oktoberwoche 1824 eingeführten Waaren hersetzen, wie ich

dasselbe in mein Reisetaschenbuch aus der Newyorker Zeitung damals

eintrug.

Die in erwähnter Woche zu Utica eingelaufenen 127 Fahrzeuge führten:

3310 Faß Mehl, das Faß zu 6 Scheffel; 1686 Faß Salz; 315 Faß

Lebensmittel; 460 Faß Asche; 6300 Scheffel Getreide; 130 Scheffel

Leinsamen; 763 Scheffel Pfirsiche zum Destilliren; 9094 Gallonen

Whisky (Kornbranntwein, der Gallon hält 2 Maas); 105,844 Fuß Brett-

und Zimmerholz; 10,000 Latten- und Schindelbünde; 158 Zentner Speck und

Butter; 323 Tonnen Gyps; 500 Tonnen anderes Material; 27 Tonnen

Käse; 30 Tonnen Hopfen; 953 Kisten Glaswaaren; 19 Zentner Sämereien;

91 Tonnen Porzellanthon; 15 Kisten Kleider; 3 Kisten rohe Häute;

3 Tonnen Gänsefedern. Ausserdem viele andere Kleinigkeiten.

17.

Die Fahrt zum Niagara.

(20. bis 22. Aug.)

Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den großen Fall des

Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf

dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das

Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht täglich

zwanzig Stunden Weges, fährt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nächtlicher

Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von

Utica abging, holte uns zu _Oneida_ ein, wo wir dar Frühstück nahmen.

Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas überrascht,

was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden

überrascht, und schwerlich als Merkwürdigkeit in eine Reisebeschreibung

aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen.

So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straßenbettler

gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine

Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den

erbärmlichsten Hütten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem

Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grünen

Rasenplatz von alten Bäumen überschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die

Häupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten.

Die hiesigen Indianer waren vom Stamm _Cayagua_, und nicht von der schönen

Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange

auf die Schultern niederhängende Haare, und elende Lumpen um die Hälfte

ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die

kecken, kräftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte.

Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner

Ortschaften, weniger bevölkert. Selten sah man Häuser von Backsteinen,

sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser. Sie

sind leicht und wohlfeil zu erbauen.

Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln

will, hat oft, statt alles Vermögens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein

wenig Linnenzeug im Bündel und hundert Dollars Münze im Geldbeutel. Damit

wandert es in die Einsamkeit und wählt sich eine Gegend, einen Boden, wie

er ihm eben zusagt. Es hat an fünfzig Morgen Landes genug; zahlt den

Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das

Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nächsten Nachbarn, die oft drei

und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt,

wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle

Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u. s. w. um Holz zu

führen; bringen auch Sämereien mit und Vorräthe von Lebensmitteln zum

Geschenk für die neuen Pflanzer. -- Dann werden die Baumstämme gefällt,

entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum

Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen großen

Käfig geben sollte. Allfällige Lücken zwischen den Balken füllt man mit

Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung

schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank

bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich groß; und jeglicher kehrt zu

den Seinen zurück, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim

ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich

gern bewilligt wird.

Ist der junge Pflanzer irgend rührig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so

ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von

Backsteinen aufzuführen. Auch das wieder ist nicht so gar köstlich. Denn zu

dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf

dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen

die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die

neuen Häuser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in

der Breite. Zu einem Gebäu von drei Fenstern vorn gehören vierzigtausend

Steine. In Städten haben diese Steinhäuser auch einen Anstrich von aussen,

und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt.

Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Höhe den

ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt.

Wir kamen durch zwei Städtchen, _Manlieus_ und _Odanagua_; zwischen beiden

dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefähr

eine Stunde breit, an dessen gegenüberliegendem Ufer wieder die Häuser von

zwei Städtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hießen, und ward von

Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, _Rom_ und _Syrakus_, hörte.

Durch das niedliche Städtchen _Skenektedes_, am Ende eines kleinen Sees

hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt _Auburn_,

etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen,

war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurückgekommen

waren. Ich spürte gemach, daß ich mich in Nordamerika den Grenzen der

zivilisirten Welt näherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die

Schlafgemächer, worin immer fünf Betten beisammen standen, glichen den

Kasernen. Das Städtchen selbst zählte schon eine Bevölkerung von etwa

zweitausend Seelen.

Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer

und wilder. Von einer Stadt zur andern fährt man oft vier bis zehn Stunden

Weges durch ewige Wälder, in denen man nur dann und wann hölzerne Hütten

zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bäume erblickt, die aber

alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewähren. Die Pflanzer

nämlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben

sich nicht die Mühe, die riesenhaften Bäume selbst zu fällen, die sie

wegschaffen möchten. Sie schälen nur unterhalb über der Wurzel Rinde und

Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom

Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber häufig das Land schon, ehe

die Stämme gefallen sind; jätet unter den dürren Aesten, die nichts mehr

verschatten, das Gesträuch aus, pflügt den Boden mit einem einzigen Pferde

auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an

Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann.

Durch das Städtlein _Geneva_, am nördlichen Ende des Seneca-Sees ungemein

anmuthig hingebaut, und durch _Canandaigua_, wo wir zu Mittag speiseten,

kamen wir Abends in das Städtchen _Rochester_, welches zwar nur erst 1800

Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages

unterwegs einzelne Häuser ganz mit Menschen angefüllt, und mit gesattelten

Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum

Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe

Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten,

Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich,

um die Kirchen zu füllen und würdige Feier des Tages zu erzwecken.

Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene

Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester

verhaßt zu machen, Irreligiosität zu verbreiten und eine geheuchelte,

darum eben lästige äussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu

machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Ländern Europens noch

zurück ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten

Sätze des gesunden Verstandes zu begreifen.

Man hört den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs

Stunden Wegs weit. Ich hörte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von

zwei Stunden, und nur dumpf.

Bei einbrechender Nacht kamen wir nach _Lewistown_, am Ufer des Niagara.

Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saßen im

Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden.

Sie waren eben vom Wasserfall zurückgekommen. Natürlich, wir, die wir ihn

erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darüber gern fort.

Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein

anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mächtiger schlug,

wenn er die Fenster öffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles,

dessen einförmiger Donner aus den weiten Urwäldern wiederhallte, bald näher

heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind

das majestätische düstre Rauschen mit sich hintrieb.

Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der

Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in

kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend

Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermeßlichen Wäldern, die

noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern

und verwegenen Reisenden besucht waren, welche für Handelsgewinn oder

Kenntnißbereicherung jedes Wagstück bestanden.

18.

Der Wasserfall des Niagara.

(23. Aug.)

Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon früh Morgens

nach 3 Uhr mit angezündeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde

sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen

rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fuß eines

mäßigen Hügels erreicht. Aber auf der Höhe droben angekommen, faltete sich

plötzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele

auseinander. Der Himmel glühte in allen Farben des Morgens; der Erdball

schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschämt erröthend dem Gott

des Tages entgegen zu lächeln. Zu meinen Füßen wallte, wie ein dunkler,

stellenweis funkelnder Teppich weithin der _Ontario-See_. Einzelne

Nebelsäulen wandelten über diesen wehenden Teppich wie verspätete Geister

der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwärts umfaßte den See der

breite, schwarze Saum von Canada's unübersehbaren Wäldern; westwärts ein

langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nähe hoben sich bei der

Ausmündung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen

schienen. Drüben am canadischen Ufer die _St. Georgs-Veste_; hierüben,

auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die _Niagara-Veste_. Im Hintergrunde,

am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glänzten im ersten Sonnenstrahl

Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei

das canadische Städtlein _York_, acht Stunden Wegs von uns. »Sehen Sie auch

seitwärts!« setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich

dahin und sah eine ungeheure Dampfsäule in der Ferne aus dem Schoos der

Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war

der Niagarafall.

Erst nach ungefähr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bäumen

einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getöse

ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der

Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frühstück

erquicken konnten, und freundliche Führer zum Wasserfall erhielten.

Wir begaben uns dahin. Auf einer Brücke, die über einen Arm des Flusses

geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, _Goat-Island_, welche den

Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der

Insel zerstreuend, die ungefähr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr

Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Muße zu genießen.

Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind,

bilden oft Berge und Hügel von beträchtlicher Höhe. Ein Zweig dieser

Gebirgsverästung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork

streckt, durchschneidet den Niagarafluß in die Queere und verursacht den

ungeheuern Sturz dieses Gewässers. Der Niagara, einziger Abfluß der großen

Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mündung in das weite Becken

des Ontario, einen mächtigen Strom von tausend bis zwölfhundert Schuh

Breite und großer Tiefe. Bis zum _Chippewaystrom_, der zwischen dem Erie-

und Ontariosee in ihn hineinstürzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste

gestanden), fließt er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen

geklemmt, von den Wassern des _Chippeway_ verstärkt, wird er unruhig, sein

Fall reissender. Er stürmt schäumend gegen Klippen und Felsen, die ihm

den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber stürmisch

vereinigt er sich wieder, nahe dem weit über hundert Schuh tiefen Abgrund,

in welchen er hinab muß. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend

Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen,

unter einander kämpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen.

Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der östliche Theil ist der

vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstürzenden Fluthen,

von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich

in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche

unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden

Wassersäulen zu zersplittern und zu verstäuben. Die Erde und der

Felsenboden dröhnen und zittern unterm Fuß des Menschen. Man steht in der

Mitte eines ewigen, betäubenden Donners, während rings umher die ganze

Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht

und gährt, silbergraue Staubwolken und Wasserbündel und Strahlen hastig

auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstört werden, heulen

in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichen Stimmen des Abgrunds

durch das einförmige Tosen der Donner.

Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf _Goat-Island_; eine lange,

schmale Brücke, mit großer Kühnheit über die Strömungen hingebaut, führt zu

diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo

man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdroß, ich möchte

sagen, anekelte -- sogar ein _Billard_! -- Pfui! Da, wo vor der Majestät

des Schöpfers, vor der erschütternden Herrlichkeit der Natur Alles klein

wird, will die erbärmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die

Spielsucht, noch groß thun und sich auf den Zehen in die Höhe strecken und

gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch --

gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich könnte unmöglich

mit einem Reisenden Freundschaft schließen, den ich hier Billard spielen

sähe. Ich sähe in ihm das vollendete Zerrbild europäischer Zivilisation;

jene sittliche Verkrüppelung, die wieder in stumpfes, gemüthloses, freches

Thierthum übergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen

und Religionen durch sich selbst Heiligthümer sind, heiliger, als ihre von

Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung

nicht dulden.

Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzählte man mir, von den

Alten gehört, es sei zwischen den Seen ein großes Wunder. Er machte sich

auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall.

Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm

er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schönsten seiner

Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefährten:

»Fürwahr! Hier ist ein Haus des großen Geistes!«

Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man

auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie

ermüdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer

Wunderwelt. Recht anmuthig war es, daß auf dem grünen Teppich der Wiesen

einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns

arglos näherten.

Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefährte gewesen. Er blieb es

auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht

auf hölzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die

aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Männer, schon an diese schwierige

Kletterei gewöhnt, trugen unsere Bündel. Denn wir hatten mit uns selbst

genug zu schaffen, uns an Gesträuchen, Klippen und was uns unter die Hände

kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Stoß und Brast

von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen

betäubte uns die Ohren.

Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Führer stieg zugleich ein

und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wüthenden Wellen.

Wir brachten über eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer

erreichen konnten.

Während dieser Ueberfahrt genossen wir gemächlich und umfassend das

große Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens

umgaukelten uns, bald in der schäumenden Nähe, bald über uns.

So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns beständig dicke Wolken

aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber

das Erklimmen dieser schroffen Felsen war für uns so gefahrdrohend und

mühselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war.

Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein großes, schönes Wirthshaus.

Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere

Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten

sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte

mir von da den _Table-Rock_ (Tafelfelsen), wo die schönste Ansicht des

ganzen Falles sein soll. -- Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs

getäuscht. Dieser Felsen streckt sich beträchtlich weit in den ungeheuern

Schlund vor. In der That, das Auge umfaßt hier mit einem Blick das

Ungeheure des großen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu groß. Er will Alles

umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich.

Er schwebt zwischen Grausen und Entzücken.

19.

Ein Besuch bei den Seneca-Wilden.

Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen,

aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurückkehrt, zur

Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der

Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub.

Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück · 第 5 / 11 段