Was die Kinder gesungen hatten, sollte bald wahr werden. Der Schwede
kam; vor ihm ging die Angst her, hinter ihm die Not und neben ihm die
Pest.
»Bet', Kinder, bet', morgen kommt der Schwed', morgen kommt der
Ossenstern, der wird die Kinder beten lern'«, damit brachte man die
Kleinen zu Bette; sie lernten es und sangen es auf dieselbe lustige Art,
wie sie den Maikäfer und die Sonnenkälbchen das Fliegen lehrten, so daß
es den großen Leuten kalt über den Puckel lief.
Überall wurde vom Frieden gesprochen, aber kein Mensch glaubte, daß es
dazu kommen würde, noch nicht einmal, als Oxenstierna in Celle
Aufenthalt nahm und von da nach Osnabrück reiste, wo die anderen waren,
die das Fell des Reiches versoffen. Eher glaubte man an das Ende der
Welt und überall liefen Leute herum und schrien: »Fürchtet Gott und
gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichtes ist gekommen!«
Selbst der Prediger ließ mitunter den Kopf hängen und sagte zu seiner
Frau: »Margarete, es ist schwer, nicht an Gott zu zweifeln, wenn man
hören muß, wie es zugeht. Der Viekenbauer hat erzählt, daß die Schweden
Kinder zum Spaß martern, und bei dem Troßzuge, den er zuletzt überfallen
hat, waren acht junge Mädchen von Stande als Packträgerinnen und die
Schweden schlugen mit den Peitschen auf sie ein wie auf das Vieh. Doch
das ist das wenigste, was sie auszustehen hatten. Gott, mein Gott,
warum lässest du ein solches geschehen!«
Er hatte es sehr schwer, denn die Bauern murrten wider den Herrn. »Was
hilft uns das ganze Gutsein,« hatte Schewenkasper gesagt, »wenn man
davon nichts hat als Angsten und Sorgen!« Aber er hatte doch
geschwiegen, als der Prediger ihm sagte: »Schäme dich, Kasper! Hast
gesunde Kinder und eine blanke Frau und jeden Tag genug zu essen!«
Dem geistlichen Herrn ging es aber oft nicht anders als dem Hausmann und
dem Wulfsbauern und allen übrigen ebenso, sogar dem Rammlinger, denn er
war eines Tages angekommen und hatte gesagt: »Ich habe es dicke! Ich
will hinter dem Pfluge hergehen und abends mit den Lütjen spielen, aber
nicht alle paar Tage lebendige Menschen umbringen!«
Er hatte sich bei kleinem an seine Trina gewöhnt, besonders, als hinter
dem Jungen ein Mädchen ankam, denn ein Schürzennarr, wie er einmal war,
hatte er sich darüber ganz verdreht vor Freude angestellt, und wenn er
eben Zeit hatte, schleppte er sich mit dem Kinde ab. Auf seine Trina
ließ er nichts mehr kommen. Sie hatte ihn einmal dabei betroffen, wie er
die Lütjemagd im Arme hatte, ihm eine gräßliche Schande gemacht und
geschrien: »Noch ein einziges Mal und ich gehe mit den Lütjen ins
Wasser!« Da hatte er es mit der heiligen Angst gekriegt und ihr hoch und
teuer gelobt, daß er die Jungensschuhe ausziehen und sich wie ein Kerl
aufführen wollte. Was seinen Hof und das Dorf anbetraf, so hielt er auch
Wort, aber er war viel unterwegs, und da es in den Dörfern an Männern
mangelte, so wurde es ihm sauer, sein Versprechen einzuhalten.
An einem schönen Maimorgen ritt er mit einem der wildesten der jüngeren
Wehrwölfe, Schierhorns Helmke, durch das Bullenbruch. Er hatte eine
Laune wie ein Schneekönig, denn er hatte es bei Weesemanns Lotte gut
getroffen. »Schöne Luft von Tage, Helmke,« sagte er und schlug sich
seine Pfeife an. Als sie brannte, sah er über die Haide. »Helmke, kiek,
zwei fremde Reiter, Schweden oder so etwas! Wollen doch einmal ein
bißchen hin und ihnen die Tageszeit bieten! Was meinst du? Immer
höflich, sagte die Krähe und machte jedesmal einen Diener, wenn sie dem
Piewitt ein Ei aussoff.«
Schierhorn war gleich mit dabei. Sie hingen die Bleiknüppel über die
Handgelenke, zogen die Pistolen und ritten in guter Deckung den Reitern
entgegen. Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel, aber da
sah er auch, daß er nicht zwei, sondern ein ganzes Dutzend Schweden vor
sich hatte, und jetzt hieß es den Hasen machen und aus den Gäulen
herausholen, was darin war. Es knallte zwar ein paarmal hinter ihnen
her, aber außer Helmkes Grauschimmel, der den halben Steert missen
mußte, blieben sie heil. Als sie aber meist an der Wohld waren, kamen
ihnen zehn andere Schweden in die Möte, und da konnten sie nicht anders,
als daß sie sich im Busche bargen.
Die Schweden suchten noch eine Weile herum, zogen dann aber ab.
Unterwegs trafen sie zwei Taternweiber an und bekamen aus denen heraus,
daß in der Wohld ein Dorf lag. »Beeses Leit sich da wohnen, Herr
hiebsches,« sagte die Alte, und die Junge schmiß dazwischen: »Machen
alles tott, was gutes Leit ist, Suldatten un Zigeiner!« Der Wachtmeister
sagte: »O ha! also da stecken die Brüder! Na, die wollen wir aber
ausschwefeln!« Er nahm die Weiber mit und ritt spornstreichs nach
Fuhrberg, wo Graf Königsmark mit viel Volk lag, und machte Meldung.
Mitten in der Nacht wurden hundertundfünfzig Mann losgeschickt, die
solange in der Magethaide lagern mußten, bis es schummerte.
Es war noch ganz grau, da hörte Gird, der mit Bolles Atze die Wache vor
dem Bullenbruche hatte, sie herankommen; er blies, aber da hörte er es
auch schon am Kohlenberge tuten, und bei der Dornkuhle ging es auch los;
die Schweden waren von drei Seiten zugleich gekommen. Mit knapper Not
konnten die Peerhobstler sich und ihr Vieh in dem Walle bergen; der
letzte war der Wulfsbauer und hinterher kam Schewenkasper gewankt; er
hatte noch schnell das Bild des Herzogs aus der Dönze mitgenommen und
die gelbbunte Katze. »Damit die Kinder doch was zu spielen haben
währenddem,« sagte er.
Die Schweden pürschten sich vorsichtig an das Dorf heran. Alles war
still, bloß daß die Hühner gackerten und die Schwalben zwitscherten. Die
Gewehre in der Hand machten die Soldaten sich an die Häuser heran; kein
Mensch war zu finden. Sie suchten Schuppen und Keller nach; alles war
leer. Es wurde ihnen unheimlich zumute. Aber da kam ein Reiter mit einem
schwedischen Mantel angelaufen, den er auf Horstmanns Hofe gefunden
hatte, und nun wurde gründlich nachgesucht und eine ganze Menge Waffen
und Kleider wurden gefunden, die augenscheinlich totgeschossenen
Schweden gehört hatten. »Und wenn ich ewig und drei Tage suchen soll,«
fluchte der Hauptmann, »finden will ich sie, und dann könnt ihr euch mit
ihnen einen kleinen Scherz machen, Leute!« Die Soldaten lachten, aber
nicht so ganz von Herzen.
An die drei Stunden dauerte es, bis sie den Ringwall fanden, und elf
Mann stürzten sich dabei in den Wolfskuhlen zu Tode. Die anderen kamen
heil hin, konnten aber nichts sehen, denn die Dornen lagen haushoch und
waren fest ineinandergewrickt. »Paar Mann auf die Bäume; zusehen, was
das nun ist!« befahl der Anführer. Zwei Leute kletterten in die Tannen.
Kaum waren sie so hoch, daß sie den Mund aufmachen wollten, da knallte
es zweimal und beide fielen wie die Säcke herunter.
»Schweinebande!« schimpfte der Hauptmann; »fort mit dem Kram da!« Die
Soldaten zogen die Dornen weg, mußten aber Stück um Stück losbrechen, so
fest saßen sie ineinander. Aber dann horchten sie auf; im Walle wurde
geblasen. Unheimlich hörte sich das an, als wenn die Katzen quarrten und
die Wölfe hinterher heulten, und dann fing es an zu bimmeln, erst
langsam und dann immer schneller, und hinter dem Walde fing das Tuten
und das Bimmeln an drei Stellen zugleich an. Die Soldaten sahen sich um;
die Sache gefiel ihnen nicht so ganz besonders.
»Na, wird's bald!« schrie der Offizier und schlug die Leute, die bei dem
Dornverhau waren, mit der Peitsche über die Rücken, daß es klappte.
»Dreißig Mann hierher, aber 'n bißchen fix.« Die Soldaten arbeiteten,
daß es krachte. Ein Rabe flog über den Wall hin, rief laut und machte
einen Bogen, der Schwarzspecht lachte und die Markwarte schimpften über
den Lärm. »Feste, feste!« schrie der Hauptmann; »in einer Stunde müssen
wir sie haben! Wollen den Buschkleppern mal zeigen, was es heißt, fromme
schwedische Kriegsleute abzuschießen wie Rehböcke. Immer lustig weiter!
Je früher wir hier fertig sind, um so eher kommt ihr zu euren Mädchen!«
Viekenludolf lachte: »Oder auch nicht!« sagte er und sah den Wulfsbauern
von der Seite an. Mit dem war den Tag schlecht Kirschen essen: »Du
treibst dich bei den Weibsleuten rum,« sagte er, »und wir können dafür
den Puckel hinhalten. Eine Schande wert ist es! Ich habe es mir aber
immer gedacht, daß du uns noch einmal eine schöne Suppe anrühren wirst.
Aber was hilft das alles? Jetzt heißt es: keine Kugel unnütz, keinen
Zoll Fell gezeigt, und alles getan, was ich sage. Und wer sich danach
nicht richten tut, der soll es so haben, wie er es verdient!«
Viekenludolf lief ein Schudder über, als er den Mann da so stehen sah,
das Gewehr in der Faust, ganz gelb im Gesicht, blau unter den Augen, und
mit einem Mund wie ein Strich. Aber dann wurde ihm besser, denn der
Obmann befahl: »Sorge dafür, daß die Immen zur Stelle sind! Und die
Frauensleute sollen Pech heiß machen und Wasser. Komm aber gleich
wieder! Warte mal: auch die Jungens sollen jeder ein Schießgewehr haben;
heute muß ein jeder helfen. Es geht um Kopf und Kragen und um noch
mehr, denn kriegen sie uns, dennso lassen sie uns lange sterben!«
Die Dornen wurden durchsichtig; man sah die Gesichter der Soldaten und
Viekenludolf wollte schießen. »Bist du verrückt?« schnauzte ihn Wulf
leise an; »erst muß das Haupt fallen, dann kommt das andere ran!«
Er sah durch das Schießloch, ging zurück, schob sein Gewehr durch,
zielte lange und schoß. Ein Gebrüll kam von drüben: »Der läßt das
Prahlen für eine Weile sein,« flüsterte er dem Rammlinger zu;
»Blattschuß! Er war weg wie ein Wieselchen.« Er stieß einen Jungen an:
»Sie sollen tuten und bimmeln, so toll sie können; wir müssen Hilfe
haben, hörst du? Und wenn ihnen das Blut aus den Ohren spritzt, blasen
sollen sie oder ich blase ihnen was!«
Die Schweden standen um ihren Hauptmann; der lag im Grase mit dem Rücken
gegen eine Fuhre, und jedesmal, wenn er atmete, sprang ihm das helle
Blut aus der Brust. Ein ganz junger Offizier, ein Junge meist noch,
kniete bei ihm und wischte ihm den Todesschweiß von der Stirn. Der
Sterbende bewegte die Lippen; der junge Mann bückte sich ganz tief,
nickte und sprang auf: »Wir müssen unseren Herrn Hauptmann rächen.
Freiwillige vor!« Bloß ein Dutzend meldete sich, voran der alte
Wachtmeister. »Lumpenpack!« schrie der Offizier; »bei den Weibern, da
seid ihr Helden, aber hier geht's euch in die Hosen.« Er zeigte auf
einige Leute, die sich nach hinten drücken wollten. »Ihr da, voran, und
wehe, wer einen Zoll zurückgeht!« Er hielt ihnen die Pistole vor die
Augen.
Die Männer murrten; es waren alles Bluthunde schlimmster Art, aber diese
unheimliche Burg mitten im nassen Busche, die Scharfschützen darin, das
sonderbare Tuten und Bimmeln in der Runde, das klemmte ihnen die Hälse
zusammen. Der Offizier rief zwanzig bei Namen: »Ich zähle eins, zwei,
drei, und wer dann nicht im Graben ist, der schluckt sein eigen Blut.
Denkt an Gustav Adolf, denkt an Breitenfelde, denkt daran, daß ihr
Schweden seid und keine Krabatten! Also: jeder zwei Pistolen in den
Brustlatz und das Finnmesser zwischen die Zähne! Und jetzt mit Gott für
Schweden! Eins, zwei, drei!« Er faßte sich nach der Brust und stürzte in
das Gras; der Wulfsbauer hatte ihn mitten durch das Herz geschossen.
Einen einzigen Blick schmiß der Wachtmeister nach ihm hin; dann schrie
er: »Vorwärts marsch!« und sprang mit einem Satze in den Graben und mit
einem Male war das Wasser voll von Schweden; aber es war, als wenn es
kochend war, so schrien sie alle auf einmal auf, denn wie sie da waren,
ein jeder von ihnen war in die spitzen Pfähle gesprungen.
»Schießt sie doch wenigstens tot, das ist ja schrecklich!« rief der
Prediger, aber der Obmann schüttelte den Kopf: »Nein, euer Ehren, wir
haben dazu keine Zeit, und je länger sie da quietschen, um so später
trauen sich die anderen heran. Aber geht hin und sagt, daß überall gut
aufgepaßt wird und daß geblasen und gebimmelt wird, und dann haltet euch
zu den Frauen und den Kindern, da seid ihr nötiger!«
Es war auf einmal ganz still. Man hörte die Finken schlagen und die
Meisen piepen und ab und zu brüllte eine Kuh in den Ställen. Es hörte
sich bald an, als ob die Schweden abgezogen wären. Aber nach einer Weile
hörte man Axtschläge. »Haltet die Immen zur Hand!« sagte der Obmann zu
Kasper, »und das heiße Wasser und den Teer! Sie werden wohl eine Brücke
machen wollen. Na, viel soll ihnen das auch nicht helfen, glaube ich.«
Er frühstückte, behielt aber die Augen am Kuckloch, und dann steckte er
sich eine Pfeife an. Er hatte den Ärger über den Rammlinger hinter sich
und außerdem hatten die Wachen gemeldet, daß von zwei Seiten Antwort
gekommen war, und so dachte er: »Es wird schon gut gehen!«
Aber dann ärgerte er sich, daß er eine große Dummheit gemacht hatte.
Einen kugelsicheren Kiekturm hätte er in der Burg aufschlagen lassen
sollen, dann konnte er sehen, was drüben gemacht wurde. »Na, dümmer
werde ich da auch nicht von,« dachte er.
Zwei Stunden hatte er so dagesessen, da ließ das Hacken drüben nach. Man
hörte, wie die Leute schleppten und stöhnten. Der Wulfsbauer schickte
den Jungen hin: »Sie sollen sich immenfest machen und die Körbe hierher
bringen! Und dann alles an die Löcher, aber um den ganzen Wall, und
hier,« er drehte sich nach Viekenludolf um, »die Scharfschützen her,
aber erst geschossen, wenn ich sage, und auch dann noch nicht, wenn ich
einmal schieße!«
Nach einer Weile standen zwanzig Popanze rechts und links bei ihm. Die
Bauern hatten die Immenmasken aufgesetzt, sich Tücher um die Hälse
gewickelt, dicke Röcke und drei Paar Hosen angezogen und diese unten
zugebunden. Alle hatten dicke Handschuhe an und jeder sein Schießgewehr
vor sich stehen. Hinter dem Vorsteher und Viekenludolf lagen die
Immenkörbe; sie waren an lange Stangen gebunden und es brummte darin wie
in einem Wasserkessel, denn die Ausflüge waren verrammelt.
Der Fuhrberger flüsterte: »Ich habe einen frei!« Der Obmann nickte:
»Denn man zu!« Es knallte; ein Schrei kam von drüben, dann ein lautes
Fluchen. Man hörte die Dornbüsche krachen. Eine Brücke aus Fuhrenstangen
bohrte sich durch und kam erst langsam, dann schneller über das Wasser.
Der Burvogt drehte die Büchse nach der Seite, zielte und schoß. Drüben
wurde wieder geflucht. »Wer einen frei hat, soll ihn totschießen,«
befahl er; »aber Vorsicht! wir haben keinen einen Mann über!« Es knallte
fünfmal, die Brücke fiel in das Wasser, ging aber wieder in die Höhe und
wies eine breite und hohe Schutzwand aus Tannhecke und Fuhrenzweigen
auf.
»Wer will die Immen werfen?« fragte Wulf; »kein verheirateter Kerl darf
es sein, du auch nicht, Ludolf. Aber Helmke, du!« Schierhorn kam und
stellte sich neben den Oberobmann. »So,« befahl der, »jetzt, so wie ich
rufe, ihr sechs da, so schnell wie es geht, die Körbe offen, Helmke die
Stangen in die Hand gegeben, und ihr andern paßt auf und sorgt dafür,
daß keiner ihm was tun kann. Und hat er Unglück, gehst du an seine
Stelle, Hinrich, und dann du, Jochen. Und beileibe nicht die Immen in
das Wasser schmeißen; alle mitten in die Dornen! Die Leute auf der
Brücke kriegen wir so schon klein!«
In der Burg wieherte eine Stute; drüben antworteten die Hengste. Von der
Haide her hörte man es tuten und dann bimmeln, aus der Burg wurde
geantwortet. Der Kuckuck rief. Ein gelber Schmetterling flog über das
Wasser, setzte sich auf den Kopf von einem der toten Männer in dem
Graben und flog über die Dornbüsche. »Er will die anderen auch holen,«
flüsterte der Rammlinger und griente.
Von drüben hörte man keinen Laut. Dann knasterten die Dornen und mit
einem Male schoß die Brücke über das Wasser und stieß sich in dem Walle
fest. »Aufpassen, ruhig schießen!« flüsterte der Obmann. Sechs Schweden
liefen wie verrückt die Brücke entlang; es knallte ein paarmal und bloß
einer kam oben an, ein junger Kerl mit Haaren, so hell wie bei einem
Kinde. »Nicht schießen!« rief Wulf; »lebendig fangen!« So wie der junge
Mann über das Schutzdach wollte, riß ihn Schierhorn herüber und warf ihn
dem Viekenbauer zu. »Binden und hinlegen, aber nichts tun!« schrie der
Obmann und schoß, und dann rief er: »Die Immen!«
Schierhorn, der mit der Maske und dem vielen Zeug wie der leibhaftige
Satan aussah, stand gebückt hinter der Schutzwand, den Bleiknüppel am
Handgelenk, und schielte über sich. Eine Hand packte in die Tannhecke.
Der Bauer schlug mit dem Totschläger danach, ein Schrei kam, die Hand
verschwand, das Wasser quatschte und dann schrie es lange. Ein Schuß
fiel; wieder spritzte das Wasser auf. Ganz sachte, als machte er das
alle Tage so, stellte sich Schewenkasper hinter den Ehlershäuser, ließ
sich einen Immenkorb geben, riß den Boden ab, stellte die Stange hoch
und gab sie Schierhorn in die Hände. Der nahm sie, wog sie, und dann
schrie er: »Aufgepaßt, ihr da!« und kippte die Stange um und hinterher
noch eine, und die dritte, die vierte, und die fünfte und die sechste.
Wieder liefen Schweden über die Brücke. Drei bekamen Kugeln, vier
kletterten über das Schutzdach, aber Schierhorn und Kasper warfen sie in
den Graben. Dann hörte man es drüben fluchen, darauf schreien, dann ging
ein Summen und Brummen los. Das Fluchen und Schreien nahm kein Ende, es
wurde immer schlimmer damit, man hörte, wie die Pferde um sich schlugen
und sich losrissen, Hunde heulten auf, das Brummen wurde immer
gefährlicher, die ganze Luft war voll von Immen und hinter dem Wall
stand Viekenludolf, bog sich vor Lachen krumm, schlug sich auf den
Schinken, daß es knallte, und rief: »Ich gehe dot, ich gehe dot!«
Der Wulfsbauer mußte auch lachen. Dann ging er hin, band dem Schweden
die Hände los und sagte: »Steh' auf!« Der junge Mensch stand da,
kreideweiß um die Nase. Der Bauer griff ihn an die Brust: »Kannst du
deutsch?« Der Junge zitterte am ganzen Leibe: »Ja!« brachte er heraus.
»Bist am Ende selber ein Deutscher?« Der Mensch nickte. »Woher?« Er
würgte: »Aus Sachsen!« Der Bauer holte tief Luft: »Schweinehund!
Eigentlich solltest du sterben. Aber lauf hin und sage ihnen, sie sollen
machen, daß sie fortkommen. Wir haben noch genug Immen und unsere
Freunde kommen all. Und wenn dich einer fragt, wo du warst, dann sag'
ihnen: bei den Wehrwölfen! Du bist der erste, den wir lebendig
fortlassen.« Der Soldat zitterte so, daß er kaum über die Brücke konnte,
und als er am Ufer ankam, fiel er hin.
Der Wulfsbauer hielt die Hand hoch: »Pst! sie tuten sich wieder
zusammen! Was ist denn das? Das sind ja unsere Leute! Hört ihr, ein
Schuß! Junge, das ist gut, ich bin halb verdurstet!« Er trank den ganzen
Krug Dünnbier aus, den der Junge ihm reichte und dann sagte er: »Nun
müssen wir erst wieder zusehen, daß unsere Immen ihren Ärger vergessen.
Die werden schön falsch sein! Na, Brägenschülpen werden sie aber auch
wohl alle haben. Und jetzt lauft hin und sagt den Frauensleuten
Bescheid, aber sie sollen nicht herauskommen, wenn sie ihre glatten
Gesichter behalten wollen, denn sonst kriegen sie Mäuler wie die
Baumaffen. So, und nun kann die Hälfte losgehen und sehen, was unsere
Mutter ihm gekocht hat. Aber laßt mir was über!«
Er horchte nach der Wohld hin und nickte. Da fielen immer mehr Schüsse
und das Tuten und Blasen hörte nicht auf. Der Bauer stand wie ein Baum
da. Dann lachte er. »Hörst du sie, Ludolf?« Der nickte: »Ja, Unsere
kühlen ihnen jetzt die Immenquaddeln,« sagte er; »mit 'm Bleiknüppel,
das ist da gut für!« Der Wulfsbauer hob den Finger hoch: »Unsere haben
sie zwischen sich. Stille! Hörst es? Junge, Junge, ein Schade, daß wir
da nicht bei sind!« Er zitterte vor Aufregung: »Hör' bloßig, wie sie
bölken: Schlah dooot!« Er hielt die Hände neben den Mund und brüllte
über den Graben hin: »Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all
dooot!«
Und dann kam es aus den Blockhütten heraus wie Gesang; die beiden Bauern
horchten; die Frauen und Kinder sangen: »Nun danket alle Gott mit
Herzen, Mund und Händen!«
Es dauerte nicht lange, da waren die Wehrwölfe da. Sie lachten und
riefen über den Graben: »Na, die Hauptarbeit war ja schon gemacht; wir
hätten ruhig zu Hause bleiben können! So, nun wollen wir erst dieses
dummerhaftige Dings wegnehmen und zu Feuerholz machen!« Der Wulfsbauer
schrie: »Nee, das können wir hier ganz gut brauchen, bringt es nach der
Brücke! Aber erst kann einer von euch herkommen und uns verzählen, wie
es geworden ist; denn daß wir höllschen neugierig sind, könnt ihr euch
wohl denken!«
Jasper Winkelmann aus Fuhrberg und Ehlershinnerk aus Engensen kamen über
die Brücke. »Junge,« sagte der Fuhrberger und schlug dem Rammlinger auf
die Schulter, »hast dich aber fein gemacht! Willst wohl wieder fründjen
gehn! Ein Schade, daß du nicht mit dabei warst! Wir konnten vor Lachen
meist nicht schießen. Ich glaube, kein einer von ihnen ißt in seinem
ganzen Leben ein Honigbrot wieder. Du hättest mal sehen sollen, wie die
Pferde auskeilten, und die Kerls, Mensch, ich sage dir, zum Krempeln war
es! Sie flöhten sich als wie die jungen Hunde, und ich glaube, hinter
jedem Machangel in der Haide sitzt einer und pult sich die Immenangeln
aus der Pelle. Was haben wir gelacht!«
Der Wulfsbauer nahm die Maske ab. »Sonst heißt es: erst die Arbeit, dann
das Vergnügen,« sagte er, »aber bei uns ist das umgekehrt. Holt mal noch
ein paar Mann ran und Nägel und Wieden und Barten; wir wollen hier
schnell einen Turm machen, damit, wenn sie wiederkommen, wir sie von
oben begrüßen können, denn das mit den Immen, das ist auf die Dauer denn
doch zu teuer. Und was sollen die Kinder sagen, wenn wir so mit dem
Honig aasen!«
Die Schweden kamen aber nicht wieder, weder diese noch andere. Was kein
Mensch für möglich gehalten hatte, das schien wahr werden zu wollen. Es
sprach sich bis in die Haide hinein, daß es nun bestimmt, aber auch ganz
bestimmt Frieden werden sollte. Man merkte es an allerlei Vorzeichen:
die Störche brüteten wieder auf den Dächern und nicht mehr in den
Wäldern; die Winterkrähen gingen früher weg als vordem; der Mäusefraß
hörte auf; man fand keine Sternschnuppen mehr; die feurigen Männer am
Himmel kamen nicht wieder; die Pest- und Sterbevögel waren wie
weggeblasen.
Die Marodebrüder und Parteigänger zogen immer noch im Lande um; aber
ihre gute Zeit war vorbei. Wo sie sich blicken ließen, lief das Volk
zusammen und schlug sie tot, und die Tatern und was sonst ohne Haus und
Herd war, desgleichen. Die Bauern kamen langsam aus den Büschen
herausgekrochen und hingen die Kesselhaken wieder über die Herde, wenn
die Häuser noch da waren, oder bauten sich neue so gut es ging. Hier und
da wurde auch wieder gepflügt und gesät, und die Toten kamen unter die
Erde, wie es sich gehörte, und wurden nicht in einen alten Sack
beigerodet.
Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht
zu denken. Frieden? Arbeiten und essen und schlafen ohne Angst und
Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und
Wehgeschrei mehr hören? Wieder lachen und singen dürfen? Und spielen und
tanzen? Und sich darüber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das
glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verrückt! Für den
ist es Zeit, daß man für ihn aufpaßt! Denn es geht ja doch bald wieder
los! Das kennt man ja! Nach dem Lübecker Frieden Anno 1629 wurde es bloß
noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein,
siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden
mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde
bloß noch einmal so doll!
Aber zuletzt mußten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden
in der Welt. Not und Elend gab es ja noch überall genug, aber das Morden
und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es blühten auch viel mehr
Blumen, die Vögel sangen schöner denn je und die Luft war so ganz
anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch.
Es mußte also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle
vortrug, daß es dem Kaiser und den Fürsten ernst damit war. Sonst würde
der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten.
»Das will ich noch beleben, aber denn ist es Zeit für mich,« sagte er.
Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf
angejagt, schrie wie ein Ungetüm, sprang vom Pferde wie ein Junge,
drehte die Wulfsbäuerin herum, daß man ihre halben Beine sah, lachte
wie unklug und rief: »Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich
bin so nüchtern wie ein ungebörntes Kalb. Aber es ist Friede, Friede für
immer, gewiß und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt,
hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem
Manne gekauft, der mehr solche Blätter aus Celle mitgebracht hat.
Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!« Er fiel auf
die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den
Augen.
Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er
war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen
gehört. Und nun stand er da und beberte an allen Gliedern und sah wie
eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. »Wawawas ist llos?« stotterte
er. Der Prediger hob die Hand. »Ich werde vorlesen.« Alle falteten die
Hände, bloß der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an
der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz
unglückliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken müßte.
Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verrückt
durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das?
Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er
mit dem Kopfe gegen die große Tür, hatte die Hände vor dem Gesicht und
weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker
Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: »Mutter, bring
mich zu Bett; ich bin ja so müde!«
Die Frau faßte ihn unter den Arm, wischte ihm die Tränen ab und sagte:
»Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch schön
schlafen.« Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still,
nur daß auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der
Schule gelernt hatten:
Herzlich tut mich erfreuen
die fröhliche Sommerzeit,
all mein Geblüt erneuen,
die Mai in Wollust freit;
die Lerch tut sich erschwingen
mit ihrem hellen Schall,
lieblich die Vögelein singen
dazu die Nachtigall.