Die Kaiserlichen

Es wurde ein harter Winter und der Schnee blieb liegen. Die Peerhobstler

hatten Angst, daß ihre Fußspuren Feinde in das Dorf ziehen würden, und

so mußten sie sich nach jedem Neuschnee daran geben und an dem Dorfe

vorbei falsche Fährten durch die Haide machen.

So hatten sie wenigstens etwas zu tun und verfielen nicht vor

Langerweile in Trübsinn. Damit die Arbeit nicht abriß, so ging der

Wulfsbauer dabei, wenn die Kälte einmal nachließ und der Boden weich

wurde, ein festes Blockhaus in der Wallburg zu bauen, denn er sagte

sich, daß doch noch einmal ein Haufen Mordgesindel nach dem

Peerhobsberge hinfinden könnte, und dann war es schlimm.

Thedel machte ihm das sofort nach, und dann Bolle und Henke und Duwe und

Rennecke, und schließlich wollte jeder in der Burg ein Haus mit Stall

haben. Sie bauten die Häuser dicht an den Wall heran und deckten sie mit

Plaggen, damit sie nicht so leicht Feuer fangen konnten. Damit die Burg

noch sicherer war, leiteten sie eine Quelle in den Burggraben, nachdem

sie ihn vorher noch tiefer und steiler gemacht hatten.

Zuletzt wurde der Zuweg abgegraben und eine Fallbrücke kam statt seiner

dahin. Auch ein Brunnen wurde gegraben, und schließlich wurde alles

Pulver und Blei, das zu entbehren war, in die Blockhütten geschafft und

alle überflüssigen Schießgewehre und sonstigen Waffen, auch Pfannen und

Töpfe dort untergebracht, Brennholz, Kleidungsstücke und Mundvorrat

aller Art und Viehfutter, sowie alle Immenkörbe aus dem Dorfe. Als alles

fertig war, hielt der Burvogt auf dem Bauernmale eine Rede und sagte:

»Jetzt können sie kommen, wenn sie lustig sind; wir wollen sie schon gut

bedienen!«

Da hielten die Bauern die Köpfe wieder höher. Was konnte ihnen auch viel

geschehen? Setzte ihnen der Feind den roten Hahn auf das Dach, laß

fahren dahin! Holz wuchs genug in der Wohld, alle Wertsachen und das

Bargeld lagen im Wall, und ehe der Feind beim Dorfe war, hatten die

Wachen ihn schon spitz und meldeten ihn an. Denn nach der Ernte war der

Wachdienst noch besser eingerichtet, als während des Sommers. Die

Auskieke in den Wahrbäumen waren so fest und dicht gemacht, daß es für

die Wachen darin wohl auszuhalten war, zumal es an warmen Kleidern und

Pelzen nicht mangelte, hatten die Wehrwölfe doch genug davon erbeutet.

Zudem streiften den ganzen Tag über berittene Wachen durch die Haide.

Damit den Leuten die Abende nicht zu lang wurden, sorgte der Prediger

für allerhand Zeitvertreib. Im Pfarrhause veranstaltete er

Zusammenkünfte, bei denen die heilige Schrift ausgelegt wurde, und an

etlichen Tagen las er aus anderen Büchern vor, damit die Leute einmal

wieder von Herzen lachen konnten. Er erzählte ihnen, wie es in der

Marsch an der Unterweser aussah, wo er zu Hause war, und was er auf der

hohen Schule belebt hatte, und da taute einem nach dem anderen die Zunge

im Munde los und jeder erzählte irgend etwas. Sogar Schewenkasper tat

das und er war sehr stolz, daß alle so mächtig lachten; sie taten das

aber, weil kein Mensch an dem, was er sagte, herausfinden konnte: was

ist nun Kopf und was Steert?

Alle zwei Wochen gab es auf dem neuen Hofe Tanz für das junge Volk, denn

Wittenfritze spielte die Fiedel und Duwenhinrich verstand sich großartig

auf die Pickelflöte. Es ging lustig auf diesen Tanzabenden zu, lustig,

aber doch sinnig, denn außer einem Trunk Bier gab es nichts weiter, und

wenn auch nicht so viel gejucht wurde und die roten Röcke auch nicht

ganz so hoch flogen als sonst, dafür gab es auch keinen Zank und Streit

und am anderen Tage keine dicken Köpfe. Es tanzten aber auch die

befreiten Leute mit. Ein großes Hallo gab es, als sogar der Prediger

zeigte, daß er und seine Frau so gut tanzen konnten wie einer, und als

die Mädchen freie Hand hatten, wollte eine jede mit ihm tanzen. »Ja,

unser Prediger, das ist einer!« sagte Thedel, als er mit seiner Hille

nach Hause schob.

So ging der Winter schneller hin, als man dachte, und besondere

Ungelegenheiten brachte er auch nicht. Einmal war allerdings eine große

Bande von Schweden dem Dorfe ziemlich nahe gekommen, als der Wulfsbauer

und seine beiden Knechte, die auf Streifwache geritten waren, sie spitz

kriegten. Da zeigte Schewenkasper, daß er doch nicht so dumm war, wie er

sich anstellte, und lieferte ein Stück, daß er auf einmal ein berühmter

Mann wurde, sogar bei seiner Frau, die ihn jeden Tag mit seiner

Maulfaulheit und Drögigkeit aufzog. Als er acht Tage später im Kruge zu

Engensen saß, war er sehr stolz, als Viekenludolf ihm sagte: »Wenn du

nicht ein verheirateter Mann wärest, müßtest du eigentlich Oberobmann

werden. Aber nun verzähl uns das mal, wie es war!«

»Tja,« sagte Schewenkasper, »tja, das war an dem Morgen nach der Nacht,

tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei

Köppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu

bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte,

es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und

Gird: wollen 'n büschen in die Haide, v'lleicht, daß wir was Neues

gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch

sind, das heißt, wir waren noch auf dem Höltkebrunnen, was meint ihr

wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig Stück. Gird, sagte

der Bauer da, mach, daß du nach dem Peerhobsberge kommst und laß tuten

und blasen! Wir wollen sehen, daß wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir

ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir

nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie

eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei

habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, daß wir sie damit vom

Wege wegzocken. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das

ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind,

und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne

Stärke. Und hinterher: muuh, und immer gefährlicher gebölkt, und

dazwischen nöff, nöff, nöff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und

ab und zu ließ ich eine Stute loslegen oder ein Füllen, tja, und was

meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die Döllmer, und wir zocken

sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der

Nienwohle, und von da nach dem Düsterbrook, und von da nach dem

Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster

nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das

wißt ihr ja besser als wie ich.«

Das war nämlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die

achtzig von den Dreihundertdreiunddreißig zusammen, und als die beiden

Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Schütte: »Das

kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das

einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den Büschen

ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch Stücker

zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt über. Es muß

doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die Füße kriegen!«

Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die übrigen waren alle

dafür und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die

dreißig von ihren Leuten zusammen, so daß sie ihrer hundertundzehne

waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los.

Gödeckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch

das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten

in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten über sie her.

Die Jungens bliesen auf den Hörnern und klappten mit den langen

Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die

wurden verrückt, als sie das Anjuchen und das Klappen hörten, liefen

einander über den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten

die Pistolen, die Bleiknüppel und die Barten ihre Schuldigkeit, bis der

letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrwölfen hatten sieben

Mann auch tüchtig etwas abgekriegt und am meisten Schütte; er hatte

einen Schuß mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde.

Sein letztes Wort aber war: »Kinder, war das ein Spaß!«

Mitten im Jammertale lag eine Kuhle, da kamen die Schweden alle hinein,

und seitdem hieß die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein

Flatt, das nannten sie das große Hundebeißen. Im Hornung hatte da

nämlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, fünfzehn Köpfe stark, und die

Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel

und Gird angeritten und meldeten, daß von der anderen Seite ein Dutzend

Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: »So, da soll ein Hund den

anderen beißen!« Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher

an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, daß die seine

Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie

verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so

zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich

dann dünne. Die Bauern warteten, bis alles koppsüber, koppsunter ging,

und dann fegten sie das Kaff von der Deele.

Das gab dann jedesmal genug zu erzählen im Dorfe, und so wurde es

Frühling, ehe man wußte, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch

noch nicht mit dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute

wußten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die Wölfe im

Bruche bergen mußten, denn einmal zogen Tag für Tag die Kriegsvölker hin

und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich

die Peerhobstler für sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen.

Da sie gewohnt waren, sich und ihre Häuser rein zu halten, keinen Hunger

litten und mäßig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe,

mußte es aber zufrieden lassen.

Durch die Arbeit kamen die Leute über ihre Ängste und Sorgen am besten

weg. Darum, was draußen vorging, scherten sie sich wenig. »Sind wir nun

schwedisch oder sind wir kaiserlich?« fragte der Burvogt den Prediger;

»ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent weiß auch

nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen

zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergehört, ganz

so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!«

Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in

der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine

Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz

der alte, und zwölf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel

aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn

Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht

vertragen. Wäre Wulf nicht gewesen, so hätte der Rammlinger all lange

unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit

an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter, und die

deckten ihn so zu, daß es meist aus mit ihm war; aber da kam der

Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel

stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab,

und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er

den Säbel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmiß. »Das

ist man bloß äußerlich, altes Mädchen,« sagte er und schlug seiner Frau

auf die Lende; »bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn

wein' ich auch nicht mehr.«

Da lachte die Bäuerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch

viel schöner als wie als Mädchen, die blankeste Frau war sie weit und

breit und die lustigste auch, und das war für den Bauern die Hauptsache,

denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der

jetzt den Großvater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte

Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, daß man

alle seine Zähne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die

vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn und

Birkenbäume, vor denen tote Männer hin und her gingen wie der Pendel an

der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und ließ sich von dem die

Gnitten vertreiben.

Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am

meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang

hatte er nun den Wolf spielen müssen; er war noch tiefer durch

Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals

gestanden hätte, er hätte sich nichts daraus gemacht, wenn es endlich

ein Ende damit gehabt hätte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von

Takelzeug; Schweden und Wälsche, Krabatten und Slowaken, das fraß, was

der Bauer säte, und soff, was die Bäuerin melkte; das Rauben und

Plündern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Schänden, Morden und

Martern, es war das Ende davon weg.

So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: »Hätten wir uns lieber

nicht gewehrt, dann lägen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht

zu sorgen!« Sowie aber das Horn rief und die Hillebillen meldeten, daß

fremde Hunde auf der Straße waren, langte er die Büchse hinter dem

Schapp her, kriegte den Bleiknüppel von dem Hirschgeweih, schmiß die

Beine über den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen,

hungrig, müde, naß von Regen oder Schweiß, nach Kien, Post und Haide

riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein

bißchen dabei: »Für dieses Mal haben wir sie noch über den Berg

gebracht!« Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie

ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog

frische Leibwäsche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den

Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam,

konnte es sich nicht denken, daß es derselbe Mann war, der vor zwei

Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: »Jawoll,

aber von dieser Art!« und damit schlug er ihn tot.

Was sollte er auch machen? Ob Schwede, ob Kaiserlicher, womit der eine

gekocht war, damit war der andere gebrüht; hier wurden die Menschen im

Namen der heiligen Maria totgequält und anderswo wurden sie der reinen

Lehre wegen geschunden. Zu all dem Elend starb noch Georg Eisenhand, wie

es hieß, an Gift, das er in Hildesheim bekommen haben sollte, als er mit

dem schwedischen General unterhandelte, und nun war es, als ob das Land

ganz in Blut ersaufen sollte. Die Bauern hielten die Schinderei

schließlich nicht mehr aus; sie rotteten sich offen zusammen und halfen

sich, so gut es gehen wollte, und ging es schief, dann war es auch nicht

schlimm; wer tot war, dem konnte das Herz nicht mehr brechen über dem

quälhaftigen Leben.

Viekenludolf hatte geheult wie ein übergefahrener Hund, als ihm gemeldet

wurde, daß bei Dachtmissen zweihundert Bauern von den Kaiserlichen

hingemordet waren, denn er hatte mehr als einen Freund dort gehabt und

auch noch etwas anderes, woran ihm noch mehr lag. Er ritt mit seinen

Leuten los, aber er kam zu spät, und bloß zwanzig Mann bekam er unter

die Knie, und sechs davon lebendig und der eine war ein Offizier. Er

ließ sie alle mitten im Busche aufhängen, als wenn es gemeines

Raubgesindel war, und als der Hauptmann dagegen anwollte, schrie er:

»Dann behandelt den Herrn wie einen Offizier und hängt ihn an seiner

Säbelkoppel auf und nicht an einer Wiede!« Ja, man sagte, vorher hätte

er ihm in das Gesicht gespuckt.

Das mußte wohl wahr sein, denn bald darauf traf ihn die Strafe; er mußte

freien. Bisher hatte er immer Glück gehabt; aber wie es so kam,

Gödeckengustels Schwester Trina, von der hätte er die Finger lassen

sollen, denn in allem verstanden die Wölfe unter sich Spaß, bloß nicht

in solchen Dingen. So ließ er denn das Maul hängen wie ein Rehbock, der

eine Ricke suchen geht, als Gödecke ihm eines Abends sagte: »Unser Trina

meint, daß es bald Zeit wäre, daß ihr beide freit.« Zwei Wochen später

war die Hochzeit; es war eine lustige Hochzeit, bloß für den Bräutigam

nicht, denn der sagte zu Grönhagenkrischan: »Ja, die Frauensleute, da

muß 'n sich mit vorsehen; die nehmen gleich alles wortwörtlich!«

Er blieb auch hinterher zweiter Obmann, denn er war froh, wenn es

draußen was zu tun gab. »Diese ewige Knutscherei!« stöhnte er; »lieber

Himmel, klettern hat doch bloß so lange Sinn und Verstand, bis daß man

den Appel vom Baume hat; nachher da ist es Hahnjökelei.« So war er und

sein Brauner meist unterwegs, denn es regnete jeden Tag Ungeziefer, was

da nur herunterwollte, auf das Land: heute Schweden, morgen Weimaraner,

dann Hessen und dann fing es wieder von vorn damit an. Ihm aber machte

solch ein Leben Spaß, und wenn er nach Hause kam, warf er eine Handvoll

Taler mit ein paar Goldfüchsen dazwischen auf den Tisch und sagte: »Wenn

es so beibleibt, Trina, dennso mußt du deine Sparstrümpfe so lang bis

ans Leib stricken!« Aber als er einmal nach Hause kam und ihr ganz

glücklich erzählte, daß nun jeder Mann zwei Frauen nehmen dürfe oder

drei, denn der Krieg und die Pest hätten so viel Menschen geschluckt,

daß es ohne das nicht mehr ginge, da machte Trina ein paar Augen wie die

Katze im Herdloch, lohnte Weesemanns Lotte, ein ansehnliches Mädchen,

auf dem Fleck ab und nahm eine Magd, die wie eine Wildscheuche anzusehen

war. Er aber sagte zu Grönhagen: »Ein Stachelschwein ist wie eine

Kinderhand gegen meine Trina. Ach ja, das oberste vom Bier schmeckt

immer am mehrsten!«

Aber er kam nicht allzuviel dazu, sich zu bedauern. Heute kam der

kaiserliche Oberst Heister dahergekrebst, morgen murkste der Torstenson

mit seinen Schweden im Lande herum; rund um Celle lagen die Bauern mit

Weib und Kind, hungerten und lauerten auf den Tod und stritten sich

darum, was nun besser schmecken täte, ein schwedisches Rippenstück oder

ein gut kaiserlicher Lendenbraten, denn so weit war es schon gekommen,

daß man offenbar Menschenfleisch fraß und auf Verabredung auf

Menschenjagd auszog. Die Peerhobstler aber hatten das nicht nötig; sie

hatten noch allerlei Vieh und Wildbret gab es zur Genüge, aber

Pferdefleisch aßen sie hier und da doch, wenn bei der Wehrarbeit in der

Haide eine Kugel aus Versehen einmal ein Pferd statt des Reiters

getroffen hatte, und dann sagten sie: »Stutenkälber schmecken auch.«

Sie saßen den einen Morgen im Mai alle drei auf der Bank im Garten vor

dem neuen Hofe, die drei Obmänner, Drewes, Wulf und Vieken. Die

Pfingstrosen waren am Aufblühen, die Schwalben flogen ab und zu, die

Immen waren zugange und die Kinder sangen: »Maikäfer flieg, der Vater

ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt,

Maikäfer flieg!« Sie sangen und juchten und kriejöhlten und sprangen

hinter dem Käfer her, der durch die Sonne flog, daß seine Flügel wie

Gold aussahen.

»Das ist ein neues Lied,« sagte der Engenser; »das haben wir als Kinder

noch nicht gesungen. Ja, die Welt wird jeden Tag neu.« Der Peerhobstler

nickte: »Aber nicht besser, Drewes; ich glaube nicht, daß ich es noch

belebe, daß es Frieden gibt.« Der Rammlinger sagte: »Ich bin der

gleichen Ansicht. Bislang fand ich das soweit ganz lustig, aber ich weiß

nicht, liegt es daran, daß man älter wird, oder ist es, daß ich jetzt

einen kleinen Jungen habe; so rechte Lusten habe ich auch nicht mehr an

diesen Geschichten. Zuletzt wird es einem über, wenn man einen über den

anderen Tag den Bleibengel vom Haken langen muß.«

In der Haide fing eine Wache an zu blasen und dann noch eine, und eine

Hillebille war zu hören und noch eine. Harm und Ludolf standen auf: »Na,

dann hilft das nichts; die Arbeit muß getan werden. Adjüs, Drewsbur; ich

bin bloß neugierig, was jetzt wieder los ist! Und das dümmste ist: meine

Trina, die glaubt ja nicht, wenn ich draußen liege, daß ich das bloß den

Schweden und den anderen zu Gefallen tue; da heißt es immer und jeden

Tag: na, der Schwede, der wird wohl einen roten Rock anhaben, und mich

soll nicht wundern, wenn er Weesemannslotte heißt!« Er kratzte sich

hinter den Ohren: »Ja, die Frauensleute! Soweit sind sie ja ganz

niedlich; wenn sie man nicht so'n leeges Maul hätte!«

Er gab einen Seufzer von sich wie einen Arm lang. Drewes aber lachte:

»Das schadt dir gar nichts, Viekenbur, das ist dir sogar recht, du

Dollhund! Wenn du eine Frau hätt'st wie andere Leute, das arme Tier

könnte einen dauern. Auf'n Steinpott hört ein ebensolchiger Deckel auf,

das ist die natürliche Ordnung, und ein Katteeker und ein Lork, das gibt

ein schlechtes Gespann. Aber nun seht man zu, daß wir kein Flohbeißen

kriegen!«

Das taten sie denn auch. Die Wachen hatten gut aufgepaßt und die

Hillebillen hatten einen langen Atem gehabt; die Kaiserlichen machten

dumme Gesichter, als das Tuten und Blasen und Bimmeln rundherum losging,

und erst recht, als es überall knallte und doch kein Mensch zu sehen

war, denn die Wohld war dick und das Bruch naß. So waren sie heilsfroh,

als sie erst wieder in der hellen Haide waren, und auch da hielten sie

sich nicht lange auf, denn zwischen den krausen Fuhren und den

Machangeln war bald hier ein Pferdekopf mit einem Gesicht darüber zu

sehen, bald da einer und es wurden immer mehr, gerade wie vor einem

Immenkorbe, wenn der Specht daran herumarbeitet.

»Das sind mehr als hundert Mann,« sagte der Offizier, der mit dem Ohr

auf der Erde gehorcht hatte; »der Satan weiß, wo die Kerle herkommen.

Vorwärts, marsch!« So zogen sie dahin, die Gesichter alle Augenblicke

hinter sich, und hinter ihnen her ritten die Bauern, hier drei, dort

zehn, da wieder ein paar und überall welche.

»Denen soll heute der Atem kurz werden und Pferdefleisch soll es sie

auch kosten,« lachte Wulf; aber Viekenludolf ritt im Galopp voran, bis

er auf hundert Schritte heran war, und dann stellte er sich in die

Bügel, sah über den Machangelbusch weg, klappte mit der Peitsche und

schrie: »Kiejuh, kiejuh! Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot,

all dooot!«

Da war es, als ob die Wespen zwischen die Leute da vorne gekommen waren.

Der Offizier fluchte und schlug zwei Kerle mit dem Säbel über die Köpfe,

daß sie zu Boden schossen, aber es war kein Halten mehr; von hinten und

von vorne, und rechter Hand und zur Linken, überall »kiejuh!« und in

einem Ende »kiejuh!« und dazwischen das Peitschenklappen und das

scheußliche Schreien: »Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all

dooot!« Da schrie der Offizier, indem er beide Arme in die Höhe schmiß:

»Heilige Maria!« und wollte hinterdrein, aber der Bleiknüppel des

Oberobmanns traf ihn in das Genick; er fiel vornüber, und erst, als der

Schimmel in einen Sohl stürzte, fiel auch der tote Mann herunter.

»Na, wie ist es gegangen?« fragte Drewes, als Wulf und Ludolf am

Nachmittage zurückkamen, naß wie die Frösche und hungrig wie die

Hütejungens. »Fein,« schrie der Rammlinger, »sie laufen noch und werden

wohl morgen auch noch laufen. Wir haben ihnen was zum Laufen eingegeben,

aber etwas, das gleich durchschlägt. Sobald werden sie wohl nicht

wiederkommen, und Stücker zwanzig von ihnen höchstens um Mitternacht, um

nachzusehen, wo sie nun eigentlich sind. Kinder, habe ich einen Hunger

und einen Durst! Wulfsbäuerin, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert und

Dreschen macht einen langen Magen. Aber hinsehen darfst du heute nicht,

wenn ich mich hinter den Schinken knie, Wieschen, ansonsten könntest du

denken, bei meiner Trina kriege ich man halb satt.«

Vater Drewes lachte und dachte, wie oft auch er mit solch einem

Schlachterhunger nach Hause gekommen war. »Junge,« sagte er und goß den

Metkrug bis oben voll, »Junge, man lebt ordentlich wieder auf, wenn man

dich so prahlen hört! Und wie das auch ist, Spaß macht es doch, und wenn

einem hinterher auch einmal graulig zumute wird, wenn man in seinem

Bette liegt; alles was recht ist: wir haben doch gezeigt, daß wir keine

Bählämmer sind, und darauf wollen wir anstoßen: hoch jeder Mann, der

sich nicht an den Balg kommen läßt!«

Er ließ den Krug, auf dem zu lesen stand: »Fifat, es läbe die

Vreundschaft«, rundgehen, aber als er ihn seinem Eidam gab, mußte er den

erst anstoßen, denn Harm horchte nach dem Grasgarten hin, wo die Kinder

ein neues Spiel spielten, und dabei sangen sie:

Der Schwed is kommen,

hat alles genommen;

hat die Fenster zerschlagen,

hat Blei rausgegraben,

hat Kugeln von gegossen

hat alles verschossen;

alles verrischossen.

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 13 / 30 题