Die Haidbauern

Der Wulfsbauer schlief sich ordentlich aus; er schlief drei und eine

halbe Woche lang, und er wäre wohl überhaupt nicht aufgewacht, wenn er

nicht so eine Bärennatur gehabt hätte.

Denn er hatte das Nervenfieber bekommen. Es war zu viel für ihn gewesen.

Auch hatte er zu tief durch Blut gehen müssen; erst bis an die Enkel,

dann bis zu den Knien, bis er bis über die Lenden darin stand und es

immer höher und höher stieg, so daß es ihn schließlich bis an den Mund

kam. Viel hatte nicht mehr gefehlt, da lief es ihm da hinein und er

mußte ersticken.

Schon längst hatte er es nicht mitansehen können, wenn ein Schwein

geschlachtet wurde. Wurst, die aus Blut gemacht war, aß er seit Jahren

nicht mehr, und ihm wurde schlecht, wenn sich eins von den Kindern in

den Finger schnitt.

Aber er hatte das alles für sich selbst behalten; zu keinem Menschen

hatte er darüber gesprochen, weder zu Drewes, noch zum Viekenbauer, noch

zu dem Prediger, geschweige denn zu der Bäuerin. Er hatte all seinen

Ekel jeden Tag in sich hineingefressen wie der Hund seinen Unrat, und

hatte darüber harte Augen und einen engen Mund gekriegt und vor der Zeit

ganz graue Haare.

Nun waren sie schneeweiß geworden, wo er knapp fünfzig Jahre alt war.

Aber die fünfundzwanzig Kriegsjahre hatten doppeltes Gewicht; er kam

sich vor, als wenn er schon achtzig auf dem Puckel hatte. Er wurde

wieder ganz gesund, er ging dahin wie ein junger Mann, er konnte

arbeiten wie ein Knecht von fünfundzwanzig, er hielt noch eine volle

Sense mit einer Hand wagerecht, er hatte kein bißchen von seinem Gesicht

und Gehör verloren, er konnte noch über das ganze Dorf schreien, er ritt

wie ein Junge, er aß wie ein Drescher, aber alt war er darum doch.

Nicht, daß er in der Arbeit nachließ; das war eher umgekehrt. So wie er

wieder auf den Beinen war, ließ er auf der Wüste Bauholz schneiden, denn

den Wulfshof hatte er für seinen zweiten Sohn bestimmt. Er hatte den

einen nicht lieber als den anderen, aber Johanna, und wenn sie ihm auch

die liebste von seinen Frauen gewesen war, sie war immerhin aus der

Fremde gewesen, und deshalb hatte er ihren Sohn auch auf den Namen

Bartold taufen lassen, denn so hieß ihr Vater; den Jungen aber, den er

von Wieschen als ersten bekommen, nannte er Harm, wie jeder älteste Wulf

gerufen wurde. Der bekam also den alten Hof und den alten Kesselhaken,

auf dem zu lesen stand: Ao 1111 Do. Bartold aber blieb auf dem neuen

Hofe und hieß bald nicht mehr Wulf, sondern Niehoff, und als Hausmarke

nahm er zwei Wolfsangeln, die über Kreuz standen.

Auch in den Gemeindeangelegenheiten ging der Burvogt scharf in das

Geschirr. Sein erstes war, daß er für eine Kirche sorgte, denn eine

eigene Kirche waren die Peerhobstler nun einmal gewöhnt. Das gab viel

Lauferei und Schreiberei, aber Wulf setzte es zuletzt doch durch, und

als der Prediger fragte: »Ja, aber das Geld?« da sagte der Bauer: »Ich

gebe fünftausend Taler in Gold, denn ich will es los sein,« und da

wußte Puttfarken, was das für Geld war. Außerdem war noch die Kette aus

bunten Steinen und Perlen da, die Schewenkasper seinerzeit dem

kaiserlichen Hauptmann aus dem Hosensack genommen hatte und die meist

ebensoviel wert war, und die anderen Bauern gaben auch nicht wenig, denn

die Beutegelder drückten ihnen allen auf der Brust. Zu allerletzt kam

noch der Viekenbauer, zählte tausend blanke Taler vor den Prediger hin

und sagte: »Das ist vor den Schreck, den ich euch allen durch meine

Dummheit eingejagt habe, und Trina meint überhaupt: solch Geld, das

bringt doch keinen Segen!« Und so bekam Ödringen die Kirche.

Auch als es für den Herzog hieß, Gelder für die Schweden

zusammenzukratzen und die schweren Schatzungen kamen, mußte sich der

Wulfsbauer gehörig rühren und mehrere Male ritt er nach Celle, bis er es

fertigbrachte, daß die kleinen Leute nicht zu sehr mit Lasten bedrückt

wurden. Die Gräfin Merreshoffen lebte noch, wenn sie auch schon ganz

weiß und dünn war und ein Gesicht wie Wachs hatte.

Sie ließ sich viel von dem Peerhobstler erzählen, nickte und sagte: »Ja,

es ging ein böser Wind damals. Hier sitzen wir, sind noch keine sechzig

alt und sehen wie achtzig über den Ohren aus. Aber er hat wenigstens

seine Gesundheit und Frau und Kinder, und ich habe nichts als das

bißchen Geld und allerlei dummerhaftige Erinnerungen. Aber verlasse er

sich darauf: die Sache kommt in Ordnung; darauf hat er meine Hand!« Als

er ging, sagte sie zu ihrer Nichte: »Ich habe bloß zwei Männer in meinem

Leben gekannt, Georg Eisenhand und den da, Brigitta!«

Mehr als einmal mußte Harm beweisen, daß er noch der alte war. Die

kleine Arbeit hatte er dem Viekenbauer und Schierhornhelmke überlassen,

und die seiften die Haide so gründlich ab, daß sich kein Ungeziefer mehr

darin halten wollte. Er lebte noch eine ganze Stiege von Jahren und

konnte viererlei Enkelkinder auf den Knien reiten lassen.

Aber als dann seine Frau starb, hatte er so recht keine Lust am Leben

mehr. Er hatte sein Teil Arbeit im Leben getan und mehr als das; er war

nicht mehr nötig auf der Welt. Seine Augen waren mittlerweile wieder

etwas heller geworden, aber sein Mund sah aus, als wenn er Angst hatte,

daß ihm Blut hineinlaufen konnte. Er starb jedoch ganz sanft und alle

seine Kinder und Kindeskinder waren bei ihm, und der Viekenbauer, der

noch immer hinter jedem glatten Mädchen hersehen mußte, wennschon das

nicht viel Zweck mehr hatte, und Thedel und der Prediger, der wie ein

ganz alter Mann aussah.

Es war eine Leiche, wie man sie um das Bruch herum noch nicht belebt

hatte. Alle Wehrwölfe gingen mit, die noch am Leben waren, und außerdem

jeder, der eben Zeit hatte, so daß der Wulfshof schwarz von Menschen

war. Es war ein dusterer Spätherbsttag, als Harm Wulf auf immer schlafen

ging, und während der Leichenandacht auf der Deele nieselte es. Als aber

der Prediger nach der Beerdigung von der Kanzel den Nachruf für den

Toten hielt, worin er ihn mit Simson verglich und mit Judas, dem

Makkabäer, die ihre Völker vor den Feinden bewahrten, rot bis an den

Hals vor Blut gewesen waren und doch Gott wohlgefällig, da kam die

Sonne durch und alle Gesichter sahen hell aus, und auch die Wehrwölfe

bekamen blanke Augen und dachten an die schrecklichen und doch so

schönen Tage, da sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel über der

Hand hängen hatten.

In der besten Stube des Wulfshofes zu Ödringen hängt heute noch der

Bleiknüppel an der Sofawand unter dem kleinen Bilde mit dem alten

Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel Mühe um den Knüppel gegeben, aber

der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Herman Wulff gab ihn nicht um

Geld, noch um gute Worte her. »Wenn der nicht gewesen wäre, so wären wir

auch nicht da,« sagte er. Wenn fremde Leute fragen, was das für ein Ding

ist, dann zuckt er die Achseln und sagt: »Das ist noch von früher!«

Seinen Söhnen aber hat er erzählt, was er und sie dem alten Knüppel mit

der Lederschlinge zu verdanken haben, und warum auf dem ältesten

Grabsteine der Wulffs nichts weiter zu sehen ist denn eine aufrechte

Wolfsangel.

Ein jedesmal, wenn einer der Jungens zum ersten Male das Abendmahl nahm,

ließ er ihn in dem alten Kirchenbuche das lesen, was der weiland

Prediger Puttfarken über Harm Wulf geschrieben hatte, als er gestorben

war; und so heißt die Stelle: »Ehr war ein Held vor seinem Volke und hat

es getrevlich geschützet vor den Philistern und Amalekitern ober zwanzig

Jahre, da der große Krieg geweßen ist. Ehr ruhe in dem Frieden GOTTES!«

Die hellen Augen haben sie wiederbekommen, die Wulfsbauern, die engen

Lippen aber behielten sie als Erbe von Harm Wulf. So lustig, wie er als

Jungkerl war, sind sie alle nicht, aber seinen eisernen Kopf hat er

ihnen nachgelassen. Einer von ihnen wurde in den Freiheitskriegen ein

hoher Offizier und sollte den Adel bekommen: »Mein Name ist mir so

gerade gut,« sagte er.

Über der Missentür des Wulfshofes steht heute noch der Spruch im Balken:

»Helf dir selber, so helfet dir unser Herre Gott!« Danach haben sich

alle Wulfsbauern gerichtet.

Herman Wulff ist ein ernster Mann, der nicht oft lacht und kaum einmal

flötet. Aber an dem Tage, als die Bruchbauern ihren Mann bei der

Reichstagswahl durchbekamen, lachte Herman Wulff, und als er nach Hause

ging, flötete er das Brummelbeerlied.

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 15 / 30 题