Wulf und seine Begleitung blieben bis zur Ulenflucht auf dem Viekenhofe
in Fuhrberg und kamen erst im Dunkeln nach Peerhobstel. Alles machte
lange Augen, als es hieß: der Wulfsbauer hat sich eine Magd mitgebracht.
Aber weil sie sich nicht sehen ließ und alles, was eben helfen konnte,
alle Hände voll zu tun hatte, so kümmerte sich keiner weiter um sie.
Mit der Zeit wurde Johanna mit den Frauensleuten bekannt. Erst mußten
sie heimlich über sie lachen, weil sie das rote Haar hatte, hochdeutsch
sprach und Hände wie eine Edelfrau hatte. Als aber Wittenmutter zu
liegen kam und die Magd vom Wulfshofe ihr in ihrer schweren Stunde auf
das beste beistand und auch hinterher jeden Tag dafür sorgte, daß die
Zwillinge zu ihrem Rechte kamen, sah man, was man an ihr hatte, zumal
sie sonst wie eine Magd arbeitete.
Die Kinder, die erst mit dem Finger im Munde dagestanden hatten, wenn
sie ihnen mit der Hand über die Köpfe ging, gewöhnten sich bald an sie,
und mit der Zeit hatte sie sie alle miteinander jeden Sonntagnachmittag
um sich; dann erzählte sie ihnen allerhand Geschichten und brachte den
Mädchen Stricken, Nähen und Stopfen bei.
»Das hat uns hier gefehlt, Harm,« sagte Ulenvater, der das Mädchen
ganz an das Herz genommen hatte; »nun haben wir einen Schulmeister,
wie es besser keinen gibt, wenn er auch lange Haare hat. Mit
Geschichtenerzählen hat es angefangen und jetzt bringt sie ihnen auch
das Lesen und Schreiben bei. Weißt du was? Krackenmutter ihr Mieken, das
wäre eine Lüttjemagd für uns; denn hat die andere mehr Zeit für die
Kinder und die Kranken, denn darauf versteht sie sich wie ein gelernter
Doktor.«
Der Wulfsbauer war das sehr zufrieden. Als er ihr Grieptoo hielt, der
sich einen Schlehdorn eingetreten hatte, woraus ein Geschwür geworden
war, und sie es aufschnitt und dem Hunde die Pfote verbunden hatte,
fragte er sie: »Sag' mal, was kannst du eigentlich nicht? Reiten kannst
du, schießen kannst du, der Hausarbeit bist du gewachsen, auf das Vieh
verstehst du dich auch, kannst mit kranken Leuten umgehen, bist dabei
auch Schulmeister und Wehmutter und gärtnerst, daß es eine Freude ist;
wo hast du das alles her, Mädchen?«
Sie steckte sich rot an und sagte: »Reiten mußte ich zu Hause lernen,
weil ich Vater bei seinen Krankenbesuchen begleitete, und das Schießen
hat mir der alte Amtmann, Gott hab ihn selig! beigebracht, denn der
sagte: ein Frauenzimmer hat das noch nötiger als ein Mannsmensch,
dieweil es mehr zu verlieren hat als bloß das nackigte Leben. Und das
andere, das kommt wohl, weil Vater Doktor werden wollte, aber aus sich
heraus später einen anderen Ruf bekam, und weil der Lehrer, den wir
hatten, besser Hosen flicken konnte, als die Kinder lehren, und da nahm
sich Vater ihrer an und ich mußte ihm dabei an die Hand gehen. Und von
meiner Mutter habe ich dann das andere gelernt, besonders das Umgehen
mit dem Vieh und mit den Blumen, denn darauf verstand sie sich
vorzüglich.«
Das mußte wohl so gewesen sein, denn sonst hätte es um den neuen
Hof nicht so glatt ausgesehen. Thedel hatte einen schönen Zaun um den
Garten gemacht, und da es sich gerade so paßte, kam die Pforte zwischen
zwei großmächtige Hülsenbüsche zu stehen, die von Johanna so
zurechtgeschnitten wurden, daß sie ganz gleich aussahen, unten breit und
oben spitz, und vor die kleine Tür setzte Thedel zwei spitze Machangeln.
Von allen Blumen und Büschen, die in den wüsten Gärten von Ödringen
wuchsen, schleppte der Knecht so viel heran als nötig war, und wenn er
mit dem Bauern über Land mußte, sah er nach, wo schöne Blumen in den
Gärten waren oder in Töpfen gezogen wurden, und davon ließ er sich
Ableger geben, so daß er bald allgemein nicht mehr anders hieß
als der Blumenthedel.
Es war aber auch eine Pracht, wie in dem Garten alles gedieh; zwar für
die Schneeglöckchen, die Maiblumen und Osterblumen und die Kaiserkronen
und Pfingstrosen und Tulpen war es in dem Jahre schon zu spät, aber die
Schlüsselblumen hatten schön geblüht und im Juni hingen alle Zaunecken
voll von wilden Rosen. Am ganzen Hause kletterten die Efeuranken hoch,
der Hollerbusch beim Backhause war über und über weiß und die
Goldlackbüsche waren in der Sonne anzusehen wie kupferne Kannen. Wenn
dann Johanna an den Büschen sich mit dem Messer zu schaffen machte und
die Sonne schien ihr auf das Haar und die bloßen Arme, von denen die
weißen Ärmel weit zurückgingen, und der rote Rock wippte, wenn sie sich
bückte, um ein Unkraut auszureißen, dann sagte der alte Ul: »Ein
Staatsfrauensmensch ist es,« und stieß Harm in die Rippen und blinkte
ihm zu: »wenn ich halb so alt wäre, dennso wüßte ich, was ich zu tun
hätte. Oder soll sie dir ein anderer wegschnappen? Denn daß sie dir in
die Augen sticht, das habe ich all lange spitz, und eine bessere Frau
kriegst du so bald nicht wieder.«
Der Ansicht war der Bauer auch, und mehr als einmal hatte er sich einen
Stoß gegeben, um dahin zu kommen, wohin er wollte; aber immer war es
ihm, als wenn ein Graben zwischen ihnen war. Denn was war er? Nicht daß
er sich minder vorkam, weil sie mehr gelernt hatte, aber er traute sich
nicht an sie heran, und das um so weniger, je mehr er mit ihr zusammen
war. Früher war er mit Leib und Seele dabei gewesen, wenn es galt, der
Haide die Flöhe aus dem Pelze zu klopfen; wenn er jetzt aber im Moore
lauerte oder im Busche lag, dachte er immer an ein Gesicht, um das das
Haar so rot war wie die Abendsonne auf den Fuhrenstämmen, und an zwei
runde Arme, die aus weißen Ärmeln herauskamen. Denn mit Freuden sah er,
daß Johanna Fleisch und Farbe bekommen hatte; das Leibchen saß ihr prall
und der rote Rock hing ihr nicht mehr so lose um die Lenden.
Am Johannistage war Ulenvater mit Thedel nach Obbershagen gefahren, wo
sein Vetter einen Hof hatte. Harm und Johanna waren allein, denn Mieken
war auf einige Tage zu Hause, weil Krackenmutter nicht ganz munter war.
Es war den ganzen Tag glühheiß gewesen und gegen Abend kühlte es sich
keineswegs ab, so daß der Bauer, der mit Johanna im Garten auf der Bank
saß, meinte: »Wir werden wohl ein Wetter kriegen,« denn über dem
Halloberge standen dicke Wettertürme. Es wetterleuchtete dann auch immer
mehr, und Wulf sah, daß jedesmal, wenn die Wolke auseinanderriß, das
Mädchen mit der Hand nach dem Mieder faßte.
»Hast du Bange?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Nein, es steckt
mir bloß so in den Gliedern; ich bin ganz alle.« Sie sah auch blasser
als sonst aus und hatte wieder einen Blick in den Augen wie damals, als
Grieptoo sie aufgespürt hatte. Harm kam es in den Sinn, wie er sie
damals im Arme gehalten und wie ein Kind gefüttert hatte, und wie
nachher, als sie vor ihm auf dem Schecken saß, ihr Haar so gerochen
hatte, daß ihm ganz sonderbar wurde. Er sah ihre Hände an, die auf ihrer
Schürze lagen. Sie waren braun geworden und die Arme gleichfalls, aber
fein und vornehm waren sie deshalb doch geblieben, obzwar sie vor keiner
Arbeit zurückgingen. »Sie ist und bleibt ein feines Fräulein,« dachte er
und seufzte so tief auf, daß sie ihn anlachte.
»Das hört sich ja ganz gefährlich an!« meinte sie; »hast du was auf dem
Herzen, was dich drückt?« Wie sie ihn so lustig von der Seite ansah, da
dachte er: »Jetzt oder nie!« Aber es blieb beim Denken, denn er wußte
nicht: »Geht das wohl, daß du sie einfach um den Leib fassen tust, oder
ist es wohlanständiger, daß du ihr sagst, wie dir zumute ist?«
Da kam ein Kind angelaufen, daß sich einen Splitter eingerissen hatte,
und nun hatte er es wieder verpaßt. Er aß abends wenig, wußte meist
nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte, kam sich überhaupt ganz
unglücklich in seiner Haut vor und war froh, als es Zeit zum Schlafen
war, denn das Wetter war zurückgegangen.
Er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er ärgerte sich über sich
selber, wußte aber keinen Weg, der ihn zum Busche herausbrachte. Zudem
hatte er Angst, er könnte es mit dem Mädchen verderben, und so lief er
mit seinen Gedanken immer in die Runde. Zuletzt mußte er doch wohl
eingeschlafen sein, denn mit einem Male sah er einen blauen Schein und
hörte einen harten Schlag; das Wetter war wieder zurückgekommen.
Die Pferde schlugen gegen die Wand, die Kühe rissen an den Ketten. Er
stand auf, hing sich den Mantel um und ging auf die Deele. Da lief er
Johanna in die Möte, die ebenfalls im Mantel aus ihrer Dönze kam. Der
Blitz zeigte ihm, daß sie kreideweiß war. »Ist dir schlecht?« fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Es ist bloß das Wetter; im Bett war es mir zu
stickig.« Aber als der nächste Blitz und hinterher ein gewaltiger
Donnerschlag da war, schrie sie auf, faßte sich nach der Brust und fiel
gegen die Wand. Er sprang schnell zu, faßte sie um und führte sie in die
große Dönze, ließ sie sich auf die Ofenbank setzen und rückte an sie
heran.
Blitz und Donner kamen auf einen Schlag. Das Mädchen wollte sich
zusammennehmen, aber ihr Mund behielt den Schrei nicht, und da nahm er
sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und deckte ihr seinen
Mantelkragen über das Gesicht; so hielt er sie, ihr ab und zu, wenn es
wieder blitzte und krachte, die Schultern klopfend und ihr zuredend wie
einem jungen Pferde, das vor einem Machangel scheuen will. Sie lag ganz
still und zitterte keinmal mehr, und bloß, wenn das Wetter es gar zu gut
meinte, fühlte er, daß ihre Hände flogen.
Nach einer kleinen halben Stunde hörte das Blitzen und Donnern auf. Es
goß wie mit Mollen und es wurde kühl in der Dönze. Er nahm ihr den
Mantel von dem Gesicht und da merkte er, wie sie ihn fest in den Arm
nahm, und er fühlte, daß zwischen ihnen beiden kein Wall und kein Graben
mehr war, daß sie zusammengehörten in Freud und Leid, und er nahm sich,
was ihm zukam.
»Das war eine schlimme Nacht!« rief Ulenvater, als er am anderen Mittag
in die große Dönze trat. Er war das letzte Ende zu Fuß gegangen, denn
Thedel wollte noch etwas Tannhecke zum Streuen holen, und weil der Alte
einen leisen Schritt hatte, so konnte Johanna nicht so schnell von Harms
Schoß herunter, wie sie wohl wollte. So stand sie da, hatte die Augen
auf dem Estrich und Backen wie Pfingstrosen so rot, strich an ihrer
Schürze herum und platzte schließlich heraus: »Bloß anfangs«. Dann
schlug sie aber die Hände vor das Gesicht und lachte und auch Harm
lachte und Ul erst recht, denn er merkte bald, wo es eingeschlagen
hatte.
Er sah von einem zum anderen und schließlich sagte er: »Na, dennso
wünsche ich euch alles Gute, meine Kinder! denn das seid ihr mir beide
geworden.« Aber dann schlug er auf den Tisch: »Das ist mir ja ein dröges
Löft! Nicht einmal ein Glas Wein und ein Stück Kuchen kriegt man
vorgesetzt? I, daß ist doch sonst keine Weise hierzulande!«
Die junge Frau lief, was sie konnte, und bald stand eine irdene Flasche
mit Wein auf dem Tisch, über den sie ein reines Tuch gelegt hatte, und
ein bunter Teller mit Kuchen und ein noch bunterer Krug mit einem noch
viel bunteren Blumenstrauß, und drei hohe Gläser von der feinsten Art,
aus denen die spanischen Offiziere von den Kaiserlichen eigentlich
trinken wollten, kamen auf den Tisch, und der Wein, der auch für andere
Leute bestimmt gewesen war, schmeckte denen, die ihn tranken, darum doch
nicht schlechter, wenn auch Johanna bloß ein halbes Glas trank und dann
schon sagte, daß die Dönze mit ihr in die Runde ginge.
»Harm,« sagte der Alte, als Johanna aufwusch, »eins will ich dir aber
sagen: der erste Paster, den ich auftreibe, muß her und die Sache
richtig machen. Es sind jetzt wilde Zeiten und der Teufel kann sein
Spiel haben. Deine Frau steht ganz allein da; gibt es ein Unglück, dann
kann sie am weißen Stocke über Land gehen, denn es wird manche da sein,
die ihr den Platz hier nicht gönnt und ihr allerhand anhängen wird. Es
sind jetzt die Zeiten nicht, daß wir eine regelrechte Hochzeit abhalten,
denn der Himmel bezieht sich immer mehr. Der Tilly, der papistische
Hund, jagt die Dänemärkschen hin und her, und die Pestilenz ist auch
wieder da. Laßt euch einsegnen und damit holla! Die Hauptsache ist die,
daß du dich des Nachts nun nicht mehr so zu graulen brauchst!«
So wurde es denn auch gemacht, und es war auch gut, daß der Bauer sich
mit der Trauung beeilt hatte, denn so konnte er mit mehr Ruhe an
Peerhobstel zurückdenken, wenn er wieder den Wolf auf der Haide spielen
mußte.
Das war jetzt nicht ganz selten der Fall. Tilly und die Dänen zogen sich
um die festen Plätze wie die Hunde um die Knochen, und wo man hinhörte,
gab es Not und Tod und Menschenschinderei. Wo die Kriegsvölker geerntet
hatten, da zogen die Marodebrüder mit der Hungerharke hinterher und man
vernahm alle Tage gräßliche Geschichten von totgequälten und
hingemetzelten Frauen, denn was den Unmenschen in die Hände fiel, ob ein
siecher Greis oder ein Brustkind, es mußte des Todes sein.
Die Wehrwölfe hatten darum alle Hände voll zu tun. Es waren jetzt ihrer
hundertelf Nachtboten geworden, wozu noch an die zweihundert Tagboten
kamen. So ging die Arbeit flott vonstatten, und manche Bäume an den
Straßen trugen Früchte, die selbst der happigste Junge liebendgern
hängen ließ. Dabei sahen sich aber die Wehrwölfe ihre Leute genau an und
behandelten jedermann, wie es seine Stellung mit sich brachte; was eine
Feldbinde am Arm hatte, bekam die Kugel und kam unter die Erde, das
andere Pack aber wurde mit der Wiede geehrt und die Krähen und Wölfe
mußten das Weitere besorgen.
Es war ein grauer Märzentag, da hatte der Wulfsbauer auf dem Amte zu
tun. Irgendeine Spürnase hatte es herausgebracht, daß die Ödringer jetzt
Peerhobstler hießen und noch nicht so verhungert waren, als daß man
ihnen nicht die Schatzung zumuten könnte. Das stand ihnen aber gar nicht
an und Harm Wulf als Vorsteher wollte ihnen das vom Halse schaffen. Als
er den Herren vom Amte sagte: »Solange ihr uns nicht schützt, wird von
uns nicht geschatzt,« wurde er ein ausverschämter Kerl geheißen; aber er
hielt die Nase hoch und sagte: »Ich will doch mal sehen, ob unser Herr
Herzog Christian nicht eine andere Meinung von der Sache hat; ansonsten
stecken wir lieber unsere Häuser an und leben vom Betteln und Stehlen,
bis man uns ein Amt gibt, damit wir auch Leute schinden können, die sich
in Bruch und Busch bergen müssen.«
Als er aus der Tür ging, stand Thedel da; er war ganz weiß um die Nase,
hatte Augen wie ein Buschkater im Dunkeln und sagte: »Der Säugling und
das Heilige Kreuz sitzen halb besoffen im Kruge und Viekenludolf macht
sie noch besoffener.« Der Bauer riß die Augen auf: »Wahr und gewiß?« Der
Knecht nickte: »Ich stand hinter dem rotbärtigen Hund und hatte schon
die Hand am Metz; aber da dachte ich noch zum Glücke daran, daß das
nicht in deinem Sinne ist. Heute kommen sie uns nicht mehr aus dem Sack,
Bauer, wie seinerzeit in Ahlden. Ich bin schon in Heeßel gewesen und in
Schillerslage, und von da ist an alle gerechten Leute Meldung gemacht;
dennso sollen sie diesmal wohl daran glauben müssen!«
Indem Wulf mit Thedel nach dem Kruge ging, bedünkte es ihn, als wenn ihm
gar nicht so froh zu Sinne war, wie es eigentlich sein mußte. Er dachte
mehr an Peerhobstel und an seine Frau, als an die Galgenklöppel, aber
darum ging er zuerst doch schnell, bis er sich selber »Prr!« zurief und
so langweilig die Straße hinaufging, als hätte er so viel Zeit wie ein
Knecht, der den Stall ausmisten soll. Er fragte auch noch die Krügerin,
die vor der Türe stand, nach ihren Kindern, aber mit eins konnte er
nicht mehr zuhören, denn er hatte eine Stimme gehört, eine Mannsstimme,
aber so hell, als ob ein Hengstfohlen loslegt, eine Stimme, die er noch
keinmal gehört hatte und die er doch kannte; denn wenn er allein im
Busche lauerte oder über die Haide ritt, hatte er sie oft vernommen. Er
dachte an den Nachmittag auf dem Hingstberge und daran, wie er mit
Henneckenklaus durch das Torfmoor geritten war und Brandluft in die Nase
bekommen hatte, und an all das andere. Seine Rose stand vor ihm, Hermke
an der Schürze und auf dem Arme die kleine Maria, und er biß die Zähne
aufeinander, daß es krachte, so daß die Krügerin sich ordentlich
verjagte.
Aber dann ging er in die Bauernstube, ohne hinzusehen, wer dasaß,
stellte sich an die Tonbank und ließ sich Bier einschenken, hörte, was
der Krüger ihm vorschnackte, mit einem Ohre an, stellte dann seinen Krug
auf den Tisch, der neben der Türe stand, holte sein Brot und seinen
Speck aus der Tasche, zog sein Messer und aß so langsam und bedachtsam
wie allezeit, bis Viekenludolf aufsah, seine rechte Hand auf den Tisch
legte, erst den Daumen, dann den Zeigefinger und dann den Mittelfinger
aus der Faust springen ließ, gleich als wollte er die Zeche nachrechnen,
und dann das Heilige Kreuz anschrie: »Noch so ein Stück, du altes
Saufloch! dann gebe ich noch einen aus; denn lachen tu ich vor mein
Leben gern.«
Der Peerhobstler sah sich jetzt die Leute genauer an, und ihm war auf
einen Augenblick, als wenn sie die Hälse schon lang und die Zunge vor
dem Munde hatten; denn bei ihnen saß noch Wulf genannt Schütte aus
Wennebostel, Harms Halbbruder, der da in einen Hof geheiratet hatte,
Münstermanns Dettmer und Grönhagenkrischan; am Ofen stand Duwenhinrich
und Flebbendiedrich, und Aschenkurt spielte mit der Katze, die unter
der Bank saß und nach seinen Fingern hakte; und da saßen die beiden
Unholde, hielten die Augen mit Mühe offen und freuten sich wie die
Schneekönige, wenn ihre Zotenreden und Greuelsgeschichten die Männer zum
Lachen brachten.
»Bist du all schon in Schillerslage gewesen, Säugling?« fragte
Viekenludolf; »da ist eine lustige Wirtschaft. Der Wirt hat dir da ein
Mädchen, da werden die alten Kerle noch nach verrückt, sage ich dir.
Aber das Mädchen ist als wie eine Nessel. Ich möchte den sehen, der der
den Kranz abnimmt. Unter uns ist keiner, der das kann.«
Harm lachte im Halse, denn erstens hatte der Wirt bloß eine alte Magd
und das war ein liederliches Stück, und die sah noch dazu so aus als wie
eine tote Katze, die acht Tage im Regen gelegen hat. Der Säugling aber
schlug sich auf seine klapprige Brust: »Wenn einer, dann bin ich es,
denn ich habe ein ausverschämtes Glück bei die Menscher!« Sein
Lumpenbruder stimmte ihm bei: »Ja, das hat er; alles was recht ist, das
ist ein Aast uff der Fiedel; das heißt,« fuhr er fort, und er sah dabei
halb frech, halb bange aus, »wenn es nicht anders geht, dann macht er
nicht viel Faxen und dreht ihnen den Schluck ab.«
Der Säugling, der gerade einen großen Krug Honigbier durch seinen langen
Hals hatte rutschen lassen, lachte wie eine Kuckuckin: »Verdammig, das
tu ich! Wozu sind denn die Menscher da? Und überhaupt und so, was ein
forscher Kerl ist, der Kurasche hat, der wird nicht erst acht Tage
herumpiepen wie ein Lüning. So 'n bißchen Zureden das hilft schon,«
sagte er und klappte seine Hand auf und zu, wie ein Stoßhabicht die
Krallen.
Unter der Tür stand Thedel und sah ihm in den Nacken. Dem Wulfsbauern
lief es kalt über den Rücken, als er den Blick sah, den sein Knecht nach
dem Halunken hinschmiß; ihm war, als prahlte da kein lebendiger Mann
mehr, sondern ein toter Leichnam. Und nun fing der Kerl noch an zu
singen, und er lachte dabei, als er quiekte: »O Galgen, du hohes Haus,
du siehst so gräsig aus, so gräsig aus; ich seh dich gar nicht an, denn
ich weiß, ich komme dran, ja, ich komme dran.«
Der Bauer ging in den Hof, denn Viekenludolf hatte mit der Zunge
geklappt. »Bald ist der Haber reif zum Schneiden,« sagte der Rammlinger;
»er läßt den Kopp schon hängen.« Er sah nach dem Himmel. »Es klärt sich
auf; noch eine Lage Met und sie laufen hinter uns her wie die Hennen
hinter dem Hahn.« Er klopfte seine Pfeife aus: »Morgen früh um sieben
Uhr sind wir auf der Haide ober dem zweiten Dorfe.« Er stopfte die
Pfeife und ließ sich von Harm ein Krümel Feuer geben. »Schweres Stück
Arbeit, solche Sauflöcher um den Verstand zu bringen, kann ich dir
sagen!«
Der Wulfsbauer machte seine Zeche glatt und ging gegenüber zum Juden, wo
er so lange auf eine Brustnadel handelte, bis Flebbendiedrich und der
Wennebosteler Wulf und Duwenhinrich fortritten, und dann ritten
Viekenludolf und Aschenkurt fort und hatten die beiden Männer zwischen
sich, die nicht merkten, daß hinter einem jeden von ihnen sein
leibhaftiger Tod aufgesessen war, denn sie juchten und bölkten das Lied
vom Butzemann, der im Deutschen Reiche umgeht.
Als sie schon um die Ecke waren, hörte der Peerhobstler sie noch
kriejöhlen: »Der Kaiser schlägt die Trumm mit Händen und mit Füßen«, und
daß die Kinder ihnen nachschrien: »Duhnedier, Duhnedier!«
Dann brach er den Handel ab, bezahlte, was der Jude angeschlagen hatte,
wofür dieser ein Mal über das andere Mal den Rücken krumm machte, und da
kam der Knecht auch schon mit dem Schecken aus der Einfahrt.
Der Bauer stieg steif in den Sattel und ritt, als wenn er zum ersten
Male einen Pferderücken zwischen den Beinen hatte, aber so wie er das
Torgeld los war, setzte er sich in Trab und war bald hinter den Reitern.
Im Schillersläger Kruge verhielt er sich ganz ruhig, aber als er auf
seiner Strohschütte lag, konnte er nicht viel schlafen, denn er hatte
alle seine Gedanken da, wo seine Frau war.
So war er schon bei fünfe in den Stiefeln. Thedel saß vor der Türe des
Stalles, in dem die beiden Halsabschneider schliefen. Er grieflachte:
»Der eine ist schon eine Weile munter und vernüchtert hat er sich auch,
und wenn er nicht einen alten Scheuerlappen im Maule hätte, würde er
eine schöne Schande machen, dieweil ich ihm die Ärmel vor den Händen
zugebunden habe, und vom Estrich kann er auch nicht, weil da ein Ring
auf der Kellerklappe ist und da ist ein Strick an, und den hat er um das
Leib.« Er spuckte seinen Priem aus: »Der andere hat gestern noch so viel
Honigbier gesoffen, daß er überhaupt nichts von sich weiß, und ich
glaube, vor heute abend ist er nicht so weit, daß wir uns mit ihm
befassen können.«
Der Wulfsbauer ließ sich Suppe und Brot geben, rauchte zwei Pfeifen aus
und schickte bei sechse Thedel voran. Um halbig sieben kamen etliche
Bauern angeritten, klappten mit den Peitschen, bis der Wirt herauskam,
taten so, als sähen sie den Peerhobstler nicht, tranken ihr Warmbier im
Sattel und ritten weiter. Dann knarrte ein Wagen, der Knecht knallte
dreimal schnell hintereinander und viermal in Abständen und pfiff: »Zieh
Schimmel, zieh, im Dreck bis an die Knie.« Aus dem Hause rief
Viekenludolf: »Jochen, kannst mich ein Ende mitnehmen; ich habe kleine
Füße von eurem Bier gekriegt!« Da stand auch Harm auf: »Mir geht es
nicht anders; nimm mich auch mit; auf eine Handvoll Tabak soll es mir
nicht ankommen.« Er setzte sich auf das Schütt und sah vor sich in das
Wagenstroh, das ab und zu hin und her flog, und aus dem mitunter ein Ton
kam, als wenn ein Schwein darunter lag.
Noch saß der Nebel in der Haide. »Das wird ein schöner Tag,« sagte der
Knecht; »die Wettmarer Musiker blasen,« denn man hörte die Kraniche vom
Moore her lauthals prahlen. Eine Anbauerfrau sah den Wagen kommen,
nickte und sagte: »Na, denn sieh man zu, Jochen, daß du deine Schweine
gut los wirst!« Ein Rauk rief aus dem Nebel; das Wagenstroh ging hin und
her. »Hast den schwarzen Bruder gehört?« fragte der Rammlinger den
Knecht; »die Raben kriegen es heute gut!« Aus dem Stroh kam ein Grunzen.
Ein Reiter trabte vorbei, noch einer und hinterher ein dritter. »Nach
'm Schweinemarkt?« riefen sie dem Knecht zu. Der nickte und griente.
Alle hundertundelf Wehrwölfe und meist ebenso viele Boten standen um den
Haidberg. Als der Wagen angefahren kam, ging ein Gemurmel reihum. Der
Nebel teilte sich und fing zu tanzen an, und da wurden zwei Fuhrenbäume
sichtbar, denen die Kronen abgehauen waren und die oben ein Querholz
hatten, das sie zusammenhielt; daran hing links ein toter Hund und
rechts ein verrecktes Schwein, und dazwischen waren zwei Stricke, die
bis auf den Erdboden reichten. Um beide Bäume war ein Kranz von Steinen
gemacht, der vorne offen war, und in jedem Stamm war die Wolfsangel
aufrecht eingehauen, so daß sie offenbar zu sehen war.
Der Knecht nickte den Männern zu, schrie »Prrr!« band die Zügel an,
stieg ab, spuckte aus, ging langsam hinter den Wagen, zog das Schütt
fort, winkte zwei Männern zu und dann zog er einen Sack unter dem Stroh
weg, der sich bewegte, und die Männer halfen ihm, ihn auf den Boden zu
legen, und bei dem anderen auch. Der Wulfsbauer und Viekenludolf waren
abgestiegen und dahin gegangen, wo Meine Drewes stand; er hatte zwei
abgeschälte Weidenstöcke in der Hand. Er winkte und es war so still, wie
in einer leeren Kirche.
Alle die zweihundert Männer sahen dorthin, wo die Knechte die Säcke
aufbanden, die beiden Männer herauszogen und ihnen die Fußkoppeln
abbanden, sie auf die Beine stellten und bis vor den Oberobmann
brachten, nachdem sie ihnen die Lappen aus dem Munde genommen hatten.
Kein einer ließ einen Laut hören, sogar Niehusthedel nicht, der mit dem
Wulfsbauern voran stand und ein Gesicht machte wie ein Untier.
Vierhundert Augen sahen kalt auf die beiden Erzhalunken, die dastanden
und vor Todesangst und Katzenjammer wie Espenlaub beberten, aber keinen
Ton herausbrachten.
Der Oberobmann sah ihnen in die Gesichter und fing an: »Als Obmann der
Wehrwölfe habe ich euch entboten zu einem offenen und gerechten Ding auf
roher Haide und gemeinem Lande, weil wir das Recht sprechen wollen ober
diese beiden Männer. Wer hat wider sie etwas vorzubringen?«
Der Wulfsbauer stellte sich vornehin: »Ich verklage sie auf den Feuertod
meiner Ehefrau Rose gebürtigen Ul aus Ödringen und derer und meiner
unmündigen Kinder Hermke und Maria Wulf, und wegen Brandstiftung, Raub
und Diebstahl an totem und lebendigem Gut.«
Er ging zurück und Thedel stellte sich an seinen Platz und rief: »Ich
verklage sie auf den Feuertod meiner Schwester Alheid Niehus aus
Ödringen, eines Waisenkindes, noch nicht fünfzehn Maien alt!«
Er ging zurück und machte Viekenludolf Platz, und der schrie: »Ich
verklage sie im Namen von ehrbaren Jungfrauen, Witfrauen, Schwangeren
und Wöchnerinnen, unschuldigen Mädchen und unmündigen Kindern, Kranken
und Schwachen, an denen sie sich vergriffen haben. Ich schreik Hallo
über sie und abermals Hallo und zum dritten Male Hallo und Hallo und
Hallo und Hallo, und will es mit sieben Eiden beschwören, daß sie
siebenmal und siebzig den Tod verdient haben nach dem, was sie mir
gestern mit ihren eigenen Mäulern im Kruge zu Burgdorf in ihrer dummen
Besoffenheit verzählt haben.«
Der Obmann sah sich um: »Ist einer da, der noch etwas vorzubringen hat
gegen diese Männer oder der für sie ein Wort einlegen will? Hier darf
ein jeder frei reden, ohne daß es ihm nachgetragen wird.«
Es wurde ganz still in der Runde. Die Sonne kam heraus und beschien die
zweihundert Gesichter der Männer; sie waren alle wie aus Stein. Eine
Krähe flog vorbei und quarrte, und in den krausen Fuhren lockten lustig
die Meisen.
Die dreimal elf Unterobmänner sonderten sich ab und murmelten
durcheinander; dann ging einer von ihnen zu dem Oberobmann hin und sagte
ihm etwas.
»Dennso haben wir befunden,« sprach der Richter, »daß sie beide um ihre
Hälse eine Wiede haben sollen und aufgehängt werden sollen sieben Schuh
höher, denn ein gemeiner Schandkerl, und zwischen den Äsern von einem
verreckten Köter und einer gefallenen Sau bis sie tot sind, und es soll
sich keiner getrauen und sie abnehmen und bestatten, wenn es ihn nicht
gelüstet, an ihre Stelle zu kommen!«
Er brach den einen Stock und warf ihn hinter sich und den anderen und
gab die Wieden hin, und da fiel der Säugling auf die Knie und schrie:
»Erbarm',« denn weiter kam er nicht, weil er die Wiede schon über dem
Adamsapfel hatte, und das Heilige Kreuz hatte knapp gewimmert: »Noch
einen Augenblick, mir ist so schlecht!« da stand er schon mit der
weidenen Krause um die Strosse zwischen den dreimal elf Männern unter
der Feldglocke; ehe die Krähe dreimal geschrien hatte, schwenkte der
Wind sie hin und her, und dazu das Brett, das ihnen zwischen die Hände
gebunden war und auf dem zu lesen stand: »Wir Sind di Wölwe 1 Hundert
und Elwe. Dis sind 2 Hunde und 2 Schweine. Sie Sind ganz obereine.«
Der Steinkreis wurde geschlossen. Die Männer gingen weg. Der Wulfsbauer
hatte das Kinn auf der Brust. Thedel sah noch einmal zurück und
Viekenludolf sagte, indem er nach dem Galgen hinwies: »Kiek, Thedel,
deine Hochzeitsglocken läuten!« Aber Thedel antwortete nicht und ging
hinter Wulf her.
Als sie beide durch die Fuhren ritten, sagte der Bauer: »So, und nun
wollen wir da nicht mehr dran denken, Thedel! Wannehr willst du freien?
Am liebsten wohl gleich heute? Na, von mir aus kann es losgehen; bringe
man alles in die Reihe! Oder hast du das all?« Er sah sich um und
lachte, denn der Knecht hatte die Sonne im Nacken und deswegen waren
seine Ohren so rot anzusehen, wie an dem Morgen in der Jeverser Haide,
als Grieptoo das Mädchen fand.
»Und jetzt, Galopp, Buntscheck!« rief Harm seinem Pferde zu, und sie
flitzten dahin, daß die Plaggen nur so flogen und die Tüten hinter ihnen
herschimpften. Der Bauer dachte an seine Johanna und der Knecht an seine
Hille, und eine Stunde später standen die Pferde vor den Krippen.
Am anderen Tage hatte der Bauer blanke Augen und sein Knecht erst recht.
Sie fuhren nach der Wüste, denn sie wollten da junge Obstbäume, und was
da noch zu gebrauchen war für den Garten, ausgraben. Als Wulf sich über
Mittag hinter einem Busche die Augen wärmte, stöberte Thedel in dem
Schutt herum. Er fand allerlei Geschirr, das noch gut zu gebrauchen war,
desgleichen Äxte und anderes Gerät, und als er die schwarzen Balken
fortzog, auf denen schon allerlei Moos wuchs, schlug er mit der Hacke
auf Eisen. Er hatte den Kesselhaken des Wulfshofes gefunden, ein
Prachtstück, wie es weit und breit kein zweites gab, auf dem oben am
Kopfe die Wolfsangel, die Hausmarke der Wulfsbauern, eingehauen war;
darunter aber stand zu lesen: Ao 1111 Do.
»Das ist mehr wert, als wenn du hundert Taler in Gold gefunden hast,
Thedel,« sagte der Bauer, »und dafür will ich dir ein Haus hinstellen
mit allem, was dazu gehört. Denn ich will dir etwas sagen: Knecht bist
du jetzt lange genug bei mir gewesen. Wenn du mir in der Folge in der
hillen Zeit mit deiner Frau helfen willst gegen das übliche Lohn, so bin
ich das sehr zufrieden. Ich habe mir das aber nämlich lange überdacht:
geradeso, wie ich nicht der Lehnsmann des Edelherrn sein will, sollst du
auch nicht mein Hausmann sein. Du bist mir mehr als ein getreuer Knecht
gewesen diese schlimmen Jahre über, und es ist nicht mehr als recht, daß
du jetzt dein eigener Herr wirst, vorausgesetzt, daß du vor deiner Hille
die Hosen zu wahren weißt.«
Thedel brummte etwas vor sich hin, als wenn ihm der Bauer das Bett vor
den Hof gestellt hätte, aber als er ausgespannt hatte, konnte er gar
nicht schnell genug nach seinem Mädchen kommen, und als er zurückkam, da
flötete er wie unklug. Dann setzte er sich hin und scheuerte mit Wasser
und Asche den alten Kesselhaken ab und hatte nicht eher Ruhe, als bis er
da hing, wo er hingehörte.
Dann aber griff er die Arbeit an, wie der Fuchs den Hasen, und obzwar
der Bauer nicht wußte, wo der Knecht die Zeit zum Essen und Schlafen
hernahm, so wurde Thedel mit jeder Woche runder im Gesichte und der Bart
wuchs ihm zusehends. Seine Hille ging aber auch nicht schlecht
auseinander, so daß der Bauer sagte: »Mädchen, wenn du so bei bleibst,
dennso brauchst du das doppelte Zeug für den Rock und wirst deinem
Thedel eine teuere Frau.« Hille aber lachte und grub darauf los, als
wenn der Boden die reine Butter war.
Wie ihr und Thedel, so ging es aber meist allen Leuten auf dem
Peerhobsberge. Sogar die Kinder halfen beim Roden und Umgraben, und was
früher für eine Schandnot angesehen war, wenn nämlich ein Frauensmensch
sich in den Pflug spannte, jetzt galt das als ein Vergnügen. Es gab
keine Bauern und keine Knechte und keine Bäuerin und keine Mägde in
Peerhobstel, es war eine Gemeinde fleißiger Leute, von denen jeder für
sich und alle für das Gesamt schanzten, so daß es auf den Dörfern um das
Bruch hieß: »Einig wie die Peerhobstler!« Ödland war genug da, Holz und
Weide wuchs allen zu, und wem es an Saatkorn mangelt oder an Geräten,
dem wurde ausgeholfen, ehe er darum gebeten hatte.
Der neue Boden trug nicht so schlecht, als man gedacht hatte, zumal der
Sand, denn eine Mergelbank stand nicht allzu weit an, der Schmorboden in
der Ellernriede war fett wie eine Hochzeitssuppe, und wo das Moor
gebrannt und mit Sand gemengt wurde, lohnte es die Mühe schon. Wenn es
auch an Unkraut nicht gebrach, es stand doch alles besser, als man
gehofft hatte, und als die Hauptarbeit getan war, sagte der Wulfsbauer
zu den Dreiunddreißig: »Und jetzt wollen wir unserem Bruder Thedel sein
Unterkriech bauen! denn ich glaube, es wird Zeit.«
Dieweil viele Hände mithalfen, stand das Haus bald da, und Thedel wußte
nicht, was er sagen sollte, als Bettzeug und Geschirr und was sonst dazu
gehörte, wenn der Mensch zu selbstzweien hausen geht, ganz von selber
ankam, denn die Hundertelfe machten sich ein Vergnügen daraus, ihm zu
helfen, wo sie konnten, ohne daß sie hinterher ankamen und ihr Teil
wieder abaßen.
Es war überhaupt kaum einer von den geschworenen Wehrwölfen bei der
Hochzeit. Am Abend vorher war nämlich wieder einmal der bunte Stock von
Dorf zu Dorf gegangen und zwar mit einem roten Bande darum, und so
mußten sämtliche huntertelfe und alle Tag- und Nachtboten am Platze
sein, weil zwei Haufen von Marodebrüdern bestätigt waren. Der eine davon
verschwand im Meitzer Busche, und die Raben und Füchse wußten allein die
Stelle anzugeben, wo das Gesindel unter den Tannen lag, der andere aber
kam bei Thönse unter die Räder, und es blieb nichts davon übrig, als der
Anführer, und der hing da, wo der Dietweg sich zwillte, so lange an
einer Birke, bis es ihm da zu langweilig wurde.
Drei Tage darauf machte Viekenludolf einen Hauptstreich. Er gab mit
zweien von den Dreiunddreißig einigen Pappenheimern, die auf den Dörfern
Pferde zum Kriegspreise gekauft hatten, das Ehrengeleit. Im Burgwedeler
Holze machten die Reiter Halt, tränkten die Pferde und dann sich selber,
aber nicht mit Wasser, und so lange, bis sie die Haide für ein Federbett
ansahen. Da schlich sich Viekenludolf hin, dümpte die Wache, bis sie an
kein Luftholen mehr dachte, und schnitt schnell allen Pferden die
Fußfesseln durch. Mittlerweile war Kunrad, sein Knecht, nach dem Dorfe
geritten und hatte sich eine rossige Stute und ein Dutzend Leute geholt,
die gerade weiter nichts zu tun hatten. Dann ritt Viekenludolf mit der
Stute über dem Winde an dem Lagerplatze vorbei und zockelte die ganzen
Pferde hinter sich her, und die jungen Leute aus Burgwedel sorgten
dafür, daß die Reiter sich keine Blasen liefen. So behielt mancher Bauer
sein Pferd im Stall und brauchte nicht mit der letzten Kuh zu pflügen.
Denn die Not war stellenweise schon groß. Dänen und Kaiserliche zogen
durch die Haide, und wo sie gewesen waren, wurden die Suppen länger. Am
besten hatten es noch die Leute auf dem Peerhobsberge, denn zu ihnen
fand das Kriegsvolk nicht hin und das übrige Ungeziefer ließ sich im
Bruche nicht blicken.
So konnten die Bruchbauern ihren Hafer in Ruhe bergen und brauchten sich
nicht immer dabei umzusehen. Es fehlte die Erntekrone nicht und auch das
Erntefeuer war da und es schlug hellwege auf, als nach altem Brauch die
Opfergarbe hineingeworfen wurde. Dann zogen die Knechte und Mädchen ab;
Mertenshinrich schwenkte eine lange Fuhrenstange, die ganz bunt
abgeschält war, und daran war oben der Kopf von einem Hahn und daran die
Ährenhalme aus der letzten Feldecke und bunte Bänder, die der Wind
bewegte, und lustig war es anzuhören, als das junge Volk sang:
Wode, Wode, Wode,
wi halt dinen Peere Fode;
in düssem Jahr Dissel un Dorn,
anner Jahr beeter Korn!