Die Wehrwölfe

Harm blieb für das erste im Bruche. Er hatte allen möglichen

landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von

der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen,

damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen

sollten, wo er das Heilige Kreuz und den Säugling antreffen konnte, denn

er hatte gesagt, er hätte ein Geschäft mit ihnen vor.

Er besprach sich nun mit Ulenvater über das Leben, das die Ödringer auf

dem Peerhobsberge führten. »Das schlimmste ist,« sagte er, »sie lauern

darauf, daß der Krieg aufhören soll und solange behelfen sie sich mit

Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir müssen so tun, als ob wir

ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber

nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus

bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst

sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.«

Der Alte nickte: »Da hast du völlig recht; das habe ich mir auch schon

gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, sündhaft ist

es darum doch, die Hände in den Schoß legen und unserem Herrgott den Tag

abstehlen. Und diese Örtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in

Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und

wenn später ein Durchstich nach der Wietze gemacht wird, und der Busch

wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles wächst!«

Es gab einen großen Aufstand auf dem Berge, als es hieß: »Der Wulfsbauer

und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!« Es waren aber kaum die

Ständer eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun,

und es war schön anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die Männer

gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder

sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu

denken, als an ihr Unglück.

Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er

Zimmerleute und Tischler aus den Nachbardörfern heran, und als das Haus

fertig war, und weder die Pferdeköpfe an den Windbrettern noch der

Spruch über der großen Türe fehlte, da sagten alle: »Es ist wirklich ein

schönes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so groß ist und

nicht so bunt, wie das alte Haus.«

Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen,

hieß: »Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.« Das gefiel manch

einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine Hausrichte

gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche

wohnte und noch allerlei Freundschaft aus der Haide. Wulf hatte

reichlich für Essen und Trinken gesorgt und auch für Musik, aber er

hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst

zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus

von roten Kleidern und weißen und blauen Röcken, und alle Gesichter

waren voller Freude.

Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her

sind, wo aber die Sonne die meisten Trümpfe vorweisen kann. Ein frischer

Wind ging, daß das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und

Tannen nur so brummten, und die Kränze aus Hülsen und die langen Ketten

aus Tannhecke hin und her flogen; die weißen Bänder daran wehten und die

bunten Eierschalen klingelten und klapperten, daß die Kinder vor

Vergnügen nicht wußten, wo sie sich bergen sollten.

Als alle da waren, kam Ulenvater aus der großen Türe und hinter ihm der

Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot

ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerknöpfen. Die großen Kinder

stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und

hell klang das Lied: »Großer Gott, dich loben wir.« Alle Männer nahmen

die Hüte ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer,

dem das Wasser nicht in die Augen kam.

Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: »Alle, die wir hier

versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind,

Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also

schwer uns das Unglück schlug, daß wir allhier im wilden Bruch wie die

Wölfe uns müssen verstecken, daß uns die Mordbrenner nicht entdecken.

Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten,

ach wären wir besser tot, als so zu leben in Ängsten und Not. Haben uns

aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es glücklich

emporgebracht, weil uns schützte des Herren Macht.«

Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fröhlich und

doch so absonderlich aussahen, groß an, und die Kinder standen mit

offenen Mäulern da und wußten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten.

Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft,

machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: »Und weil das Haus nun fertig

steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem

Brauch den Tag beschließen in Freuden auch, essen, was uns der Herr

bescheert, und mit Verstand, wie es sich gehört, hinternach auch lustig

sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde,

tretet ein!«

War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch

keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte

herausmüssen, gnickerte in einem fort vor sich hin und brummte: »Nee,

dieser Ulenvater aber auch, was der für Kneepe im Koppe hat!« und Klaus

Hennke, der größte Drögmichel von allen, lachte hellwege weg. Eine so

lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und

wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische

gewesen wäre, es wäre doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen

waren alle mächtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht,

und wilder und höher waren die roten Röcke noch keinmal geflogen und

das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.

Aber er hatte auch an alles gedacht. Dünnbier war da und Met, und zwei

Fässer Mumm und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das

war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidgänger vor

einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zwölf Fässer spanischen Wein

dazu, der so süß wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten

Männer und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzstärkung. »Ich bin

nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,« sagte der Hausmann vom

Bollenhofe, »aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben

nicht gegangen,« und dabei nickte er ganz glücklich seinen Urenkeln zu,

die alle Backen voll von dem süßen Rosinenbrote hatten, das für die

liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere

mit sich herumschleppten.

Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen

seinen beiden Töchtern, dem großen breiten Lieschen, die mit ihrem Manne

den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von

dem Wulfsbauern ließ und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie

sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine

Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und

wenn sie lachte, so war das, als wenn die Märzendrossel an zu schlagen

fangen will. »Nee, Wulfsbur,« sagte sie, als der sie fragte, warum sie

nicht auch tanzte, »nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann

mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die Ödringer sind nach

alledem, was sie ausgestanden haben! Hör' bloß, was sie singen! Damit

hast du dir einen Gotteslohn verdient.«

Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab hörte

man die Männer wieder flöten und die Mädchen sangen bei der Arbeit, und

wenn es auch Arbeit für Mannsleute war, die sie tun mußten. Denn Wulf

hatte es den Leuten klar gemacht, daß es nun erstens nötig wäre, die

Burg zu befestigen, daß dreihundert Mann sie nicht erstürmen konnten,

und daß das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mußte. So

wurde der Burggraben tiefer und der Wall höher gemacht und sowohl die

Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen

Pfählen besetzt, daß kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch

durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornbüschen

gemacht, so hoch und so dicht, daß selbst der Teufel und seine

Großmutter nicht darüberweg konnten. Rund um die Burg waren an allen

Zuwegen Wolfsangeln in die Bäume geschnitten und das bedeutete: »Wahr'

dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinfällst, bist du

des Todes!« Dazu kam noch, daß die beiden Fahrwege jeder viermal mit

Schlagbäumen versperrt werden konnten.

Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und

sich eine Lehre daraus genommen, und zur größeren Sicherheit hatte er an

vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche Auskieke in den Kronen der

Wahrbäume machen lassen, in denen den Tag über Jungens als Wachtposten

saßen, die Hörner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein

wurde.

Es dauerte nicht lange, und alles, was kein reines Hemd anhatte, machte

einen Bogen um das Bruch, denn es hatte sich herumgesprochen, daß es da

nicht geheuer war. Ab und zu sah man Männer mit schwarzen Gesichtern in

dem Busche, und an mehreren Stellen waren zwei Fuhrenbäume kahl gemacht

und ein dritter darüber genagelt, und zu allermeist hing ein Mann mit

seinem Halse daran, oder zwei oder drei und kein Mensch wußte, wer es

war und wer sie gerichtet hatte, ausgenommen die Bauern in der Runde,

und wenn der Wind die Galgenfrüchte hin und her wehte, lachten sie und

sagten: »Die Bruchglocken läuten heute aber fein!«

Dieweil der Winter milde war, konnte allerlei Arbeit getan werden. Die

Bauern rodeten den Busch auf dem Peerhobsberge, teilten das Land ein und

verlosten es, zogen Gräben und Wälle um die Weidekoppeln, holten die

großen Steine aus der Haide und brachen den Ort im Bruche, damit sie

Grundmauern und feste Wände machen konnten.

Als der Hornung zu Ende war, sah es auf dem Peerhobsberge schon anders

aus, als im Herbste, zumal es an Nahrung nicht gebrach. Denn Fleisch

lieferte das Bruch genug; es war lebendig voll von Hirschen, Fische gab

es in der Wietze in Hülle und Fülle, und für Brot sorgte der Wulfsbauer.

Er hatte aus dreißig jungen Kerlen eine Schleichtruppe zusammengestellt

und einen Kundschafterdienst in die Reihe gebracht. Wurde nun gemeldet:

hier kommt ein Proviantzug oder da sind Marketender, so dauerte es nicht

lange und es knallte, und dreißig Männer mit schwarzen Gesichtern

lachten lauthals los und sagten: »Nun kann Mutter wieder Brot schneiden,

ohne daß sie so niepe zusehen braucht.«

Viekenludolf aus Rammlingen, Windhund bei allem, was einen roten Rock

anhatte, und der wildeste Tänzer beim Erntebier und wo sonst sich eine

Fiedel hören ließ, und ein Kerl, der überall gern dabei war, wo man sich

umsonst zur Ader lassen konnte, der hatte, als sie Ende März drei

Marketenderwagen des kaiserlichen Heeres bei Seite gebracht hatten, im

Kruge zu Obbershagen gesagt: »Wir haben nun ein so schönes Kind aus den

Windeln heraus, aber einen Namen, den hat es noch nicht. Unser

Hauptmann, der heißt Wulf, und ein richtiger Wolf ist es auch, denn wo

er zubeißt, da gibt es dreiunddreißig Löcher. Dennso bin ich der

Meinung, daß wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir der

Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin,

einen her und den dritten in die Quer. Und davon soll keiner was wissen,

als wir dreimal elfe, so sich nennen die Wölfe, und wer darüber das Maul

aufmacht, der soll zwischen zwei räudigen Hunden mit der Wiede um den

Hals so lange hängen, bis man nicht mehr wissen tut, wer am mehrsten

stinkt.«

»Das ist ein Wort, das hat den Kopf vorne und den Steert achtern, wie es

sich gehört,« sprach der Hauptmann, »und was unser Wolfsbruder da so hin

gesagt hat, als wenn das bloß ein Spaß ist, als wie er einem beim Biere

aus dem Maule rutscht, es ist Verstand darin und Einsicht. So, wie wir

hier sind, dreimal elf Mann, kann uns der leibhaftige Gottseibeiuns

selber nicht bange machen, und wenn er jetzt mitten unter uns zu stehen

kommt. Denn was will er uns machen, uns ledigen Leuten, von denen

keiner Kind und Kegel hat, Viekenludolf vielleicht ausgenommen, der ja

Hahn bei allen Hühnern sein soll.«

Sie lachten alle, wie die Buchhölzer Hengste, bloß Viekenludolf nicht,

denn der kratzte sich hinter den Ohren. Als es dann wieder still war,

ging Wulf weiter: »So müssen wir uns für die Eheleute und die Witfrauen

und die alten Leute und die Waisen aufnehmen. Aber dazu müssen wir unser

mehr sein, müssen es auf hundert Mann und darüber bringen, alles Kerle,

wie wir, die noch lachen können, wenn ihnen ein Stück Hackblei nicht aus

dem Wege gehen will. So soll sich denn ein jeder einen bis zwei oder

drei gute Freunde suchen, und die sollen mithelfen, wenn es not tut. Es

sollen aber alles Junggesellen sein und kein einer, der einziger Sohn

einer Witfrau ist, soll dabei sein, und wenn einer ein Mädchen mit einem

Kinde sitzen hat, der soll sich zuvor bedenken, ehe er sich mit uns

einläßt. Wenn so einer aber Unglück hat, so soll es unser erstes sein,

daß das Frauenmensch und das Kind nicht Not und Mangel leiden. Und

anjetzt wollen wir uns verbrüdern auf Not und Tod, Gut und Blut, daß

alle für einen stehen, und einer für alle, aber wir alle für alles, was

um und im Bruche leben tut und unserer Art ist.«

Der Wirtssohn, der einer von den dreimal elfen war, mußte das große Glas

holen. Das Bier wurde beiseite geschoben und edler Wein, der auf der

Landstraße zwischen Burgdorf und Celle für umsonst gewachsen war, kam

auf den Tisch. Sie standen alle auf, hakten die Arme ineinander, daß es

einen engen Kreis gab, und Harm nahm das Glas, trank, gab es

Viekenludolf, und so ging es reihum, bis es leer war. Dann sang

Grönhagekrischan aus Hambühren, der stillste von allen, aber ein Mann

trotz seiner zwanzig Jahre, den Wehrwolfsvers vor, der ihm just

beigefallen war, und der Hauptmann legte einen weißen Stock auf den

Tisch, sein langes Messer und eine Wiede und sprach: »So der Stock

bricht, so das Metz sticht, oder die Wiede wird zugericht'!«

Sie wählten darauf Viekenludolf als zweites Haupt, machten fest, wo und

wann sie sich regelmäßig treffen wollten, und auf welche Weise der eine

dem anderen Nachricht geben sollte, ohne daß dem Boten alles aufgedeckt

zu werden brauchte, und dann gingen sie auseinander. Der Peerhobstler

blieb noch eine Weile mit dem Wirtssohn sitzen, denn er hatte eine

Botschaft aus Wietze bekommen, daß die Leute, die er suchte, sich in

Ahlden hatten blicken lassen. Er hatte vor Arbeit und Geschäften manchen

Tag nicht mehr an sie gedacht; jetzt aber standen sie ihm wieder alle

Stunden vor den Augen, und er hatte sich vorgenommen, nicht eher locker

zu lassen, bis er ihnen ihren verdienten Lohn bei Heller und Pfennig

ausgezahlt hatte.

So ritt er denn, als am anderen Mittag Thedel mit Grieptoo ankam, los.

Den Hund hatte er in der letzten Zeit meist immer bei sich, denn er

hatte es herausgebracht, daß der eine Hauptnase hatte und zwischen

hundert Mann den herausfand, auf dessen Fährte er ihn legte. Ohne Hund

hätte er den Zigeuner, der mit sechs Stehldieben die Gegend unsicher

machte, nicht in der Erdhöhle im Bissendorfer Holze aufgespürt und zur

Warnung aller unehrlichen Leute samt seinen Spießgesellen vor dem Dorfe

an die Birkenbäume hängen können, und ohne ihn wäre er einmal beinahe

den Mannschaften des Tilly in die Finger gefallen, die hinter ihm her

waren, als er ihnen wieder einmal den Brotkorb höher gehängt und den

Bierkrug vor dem Maule aus der Hand geschlagen hatte.

Es war einer von den Vorjahrstagen, an denen der Morgennebel sich, so

lange er es eben kann, vor die Sonne stellt. So wurde es meist elfe, ehe

die Sonne ihn unter die Füße bekam, aber dann wurde es um so schöner, so

daß sogar Thedel, der sonst ganz und gar bei der Arbeit war, alles mit

Augen sah, was auf dem Boden lebte und in den Lüften webte, und dem

Bauern war nicht anders zumute. »Junge,« sagte er, »das ist ein Tag, bei

dem hat sich unser Herrgott aber mächtig viel Mühe gegeben! Wenn es sich

irgend machen läßt, dennso möchte ich heute den Finger nicht gern krumm

machen, und ich glaube, du würdest auch lieber sehen, ob du Ehlers Hille

nicht im Schummern irgendwo antreffen könntest, wo euch keiner in die

Möte kommt.«

Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren

sahen mit einem Male aus als wie zwei Klapprosen. Er sagte nichts, gab

aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein

Pferdeschwanz war, so daß Harm herzlich lachen mußte.

»Na,« sagte er, denn er sah, daß der Knecht ein Gesicht machte, wie der

Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, »was nicht ist, kann noch werden.

Vorläufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann

das Vergnügen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Zähne

in den Hals und ging mit seinem Danzeschatz in den Grasgarten. Aber

wenn zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne daß sie gerade

heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu

eigen haben mit einem großmächtigen Bett und einer glatten Frau drin,

wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und

hinten Ehlers heißt, Arme, wie ein paar Fuhrenbäume und Haare, wie das

Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.«

Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, daß er ein

Rappe sein sollte: »Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da

ein Mensch ist, denn für umsonst hält er den Kopf nicht so dumm und

stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!« Er ritt langsam

hin und sagte dann: »Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein

Frauenzimmer anscheinend, das barfuß geht, aber kein Taternweibsstück,

denn die großen Zehen stehen einwärts. Aber jung ist sie und groß ist

sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein,

denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier

hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit

kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein

Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund

an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann

sein Spiel haben!«

Er nahm den Zügel des Blässen in die linke Hand und machte die Pistolen

locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt,

folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht

irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis vor ein altes

Steingrab gekommen, das ganz von Machangeln und Hülsen bewachsen war,

als der Hund stand. Thedel faßte ihn mit der linken Hand unter die

Halsung, hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um

Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf

gemacht.

»Ein Zaunigel oder ein Ilk oder eine Adder ist es nicht,« dachte der

Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zurück, denn so wie

Thedel die Büsche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so

schrecklich schrie sie, daß es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er

näher ritt, sah er halb unter den Steinen ein Mädchen auf den Knien

liegen, das hatte die Hände unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als

wenn ihr ein Messer am Halse saß, zitterte am ganzen Leibe und

schrie: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch

nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter

haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und

Sterben willen, tut mir nichts und laßt mich hier sterben!«

Der Knecht riß den Hund zurück und machte ein ganz unglückliches

Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das

Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand

in die Höhe und rief über den Hals des Schecken dem Mädchen zu: »Wir tun

keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und

rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine

Bange!« Er zeigte auf den Hund. »Kiek, wie Grieptoo mit dem Steert

wackelt! Bei wem er das tut, der braucht vor uns keine Angsten zu

haben. Siehst du, Mädchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein

Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien.

Thedel, laß ihn man los!«

Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das Mädchen zu,

leckte ihm die Füße und dann das Gesicht und knurrte und fiepte, und mit

einem Male nahm ihn das Mädchen in den Arm, drückte ihn an sich, küßte

ihn, weinte erbärmlich los und rief, indem sie die beiden Männer ansah:

»O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid

rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.«

Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so

rot war, wie ein trockener Machangelbusch in der Sonne, fiel lang vor

sie hin.

Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das Mädchen

auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte,

zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den

Hals. Dann bog er einen breiten Machangelbusch nieder, schnitt ihn ab

und steckte ihn so ein, daß er seinen Schatten auf das Gesicht der

Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr

kniete; sie hatte schwarze Höfe unter den Augen, ihre Backen waren

eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen

waren kreideweiß.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Sie ist vor Hunger halb tot und

halb vor Angst.« Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche

heraus, goß etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem

Mädchen ein bißchen davon auf die Lippen hatte laufen lassen, rieb er

ihr mit dem Rest die Nase und die Schläfen. Sie schlug die Augen auf,

machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die Männer zu allererst

sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke

zurück und sagte: »Mich hungert so; o, wie mich hungert!«

Harm hatte schon das Holster in der Hand. Er setzte sich neben sie,

brach ein ganz kleines Stückchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das

Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte:

»Langsam! Je langsamer, daß du essen tust, desto mehr sollst du haben.«

Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und

würgte, und da goß er aus der Flasche ein bißchen von dem spanischen

Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte,

da seufzte sie tief auf, lächelte dumm und gibberte mit beiden Händen

nach dem Brote hin.

Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und

hielt das Brot so, daß sie jedesmal nicht mehr als ein Stück, wie ein

Fingernagel groß, abbeißen konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso

kleine Stücke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm

ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger aß und trank und

nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die Hände

stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und

das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: »So, nun bist du

so weit, daß du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen

tust,« und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.

Das Mädchen sah ihn so an, daß ihm die Binde um den Hals zu eng wurde

und da merkte er, was für ein Bild von Mensch sie war trotz des

ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und überall

geschunden. Und dann merkte er auch, daß sie an sich heruntersah, und

heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und

klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, daß er die drei

halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und

quer über die Brust gingen.

»Thedel,« rief er, »geh' mal nach dem Anberge, wir müssen aufpassen!«

Der Knecht tat, wie ihm geheißen war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte

es dem Mädchen von hinten über die Schultern und zurück, so daß er es

ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. »Es ist doch noch immer frisch,«

meinte er und nickte ihr zu; »du könntest dir was wegholen.« Indem zog

er auch schon die Schuhe aus, band sich die Kniebänder los, zog die

Strümpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: »Reichlich weit sind sie ja

wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch

verkaufen,« und dabei lachte er.

Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er

auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn groß ansah,

die Hände faltete, die Augen überlaufen ließ und mit einem Male seine

Hand zu fassen kriegte, sich bückte und ihm die Hand küßte, daß sie naß

von ihren Tränen wurde. Fast grob stieß er sie zurück und fragte: »Bist

du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon

nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen,

daß wir irgendwo Wasser zu finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege

ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein Stück Band habe, daß du dir

das Haar ein bißchen machen kannst.« Er machte einen langen Hals. »Da

unten sind Ellern, und wo die sind, ist eine Beeke, und wo eine Beeke

ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!«

Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. »Wie leicht sie

bloß ist!« dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr

Atem ging ihm über den Mund und ihr Haar roch, daß ihm die Brust eng

wurde, und zudem fühlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug,

und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der

Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie für sich ließ, brach er einen

Ellernzweig ab, nahm ihr am Fuße Maß und sagte lachend: »Jetzo muß ich

mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist,

dennso kannst du dich ja melden.«

Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: »Zieh

die Stiefel aus!« Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer

nahm und die Krempen, Thedels größter Stolz, abschnitt, und erst, als er

sie aufschnitt und Löcher hineinstach und eine Strippe durchzog, wußte

er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: »Erst wollte ich meist

falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor

die Tür stellen.«

Das Mädchen hätte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab,

aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Strümpfen auf der Haide,

wie die Katze über die nasse Dele. »Alles in Ordnung?« fragte der Bauer

sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und

setzte sich hinter sie. »Thedel, reite vorweg,« rief er, »denn ich kann

so meine Augen nicht recht brauchen!«

Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die Dullerchen sangen aus

ihm heraus, die Moormännchen stiegen auf, zwitscherten und ließen sich

nieder, der Post war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein

Weidenbusch gelb an. Harm ließ den Schecken Schritt gehen. »Denn,« sagte

er, »da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die

Zeit nun auch nicht mehr ankommen!«

Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges

Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz

schlagen hörte und ihre Backe ansah, so mager, so blaß und doch so

schön, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu

freiließen, und den dünnen weißen Hals, der aus dem roten Tuche

herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er

fühlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wußte er nicht: ist

das nun schön oder ist das scheußlich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm

so, wie es war, doch ganz gut.

»Siehst du die beiden Hainottern?« fragte er sie und zeigte mit dem

Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldstörche über einer

Wohld in die Runde flogen, daß es nur so blitzte und blinkerte. Das

Mädchen nickte. »Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach

Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir dafür sorgen, daß du sonst

in die Reihe kommst. Und damit du es weißt: ich heiße Harm und war auf

dem Wulfshofe zu Ödringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine

Knechte auf uns losließ. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf

der Haide und der Adler über dem Bruche, bloß daß wir keine Hasen fangen

tun, denn so sind wir nicht, nämlich wir jagen man bloß auf Füchse und

allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es

just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem Mädchen in

der Schürze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der

hat schon was.«

Er hörte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem Mädchen,

das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wußte, woher sie war, und

was mit ihr los war, seine halben Trümpfe zu weisen. Aber dann merkte

er, daß seine Zunge von selber Galopp ritt. »Wie heißt du denn?« fragte

er, und als sie sagte: »Johanna«, meinte er: »Und was willst du jetzt

anfangen?« Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: »Behalte mich

bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt.

Was soll ich bloß anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte,

bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.«

»Hör' zu,« sagte er, und seine Stimme hörte sich mit einem Male an, als

wenn Asche darauf war, »ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie

der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, daß kein Falsch

in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern

bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die nächste Zeit

kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Geschäft hier herum

habe. Und das ist derart, daß es besser ist, du gehst vorläufig als

Mannsbild durch. Auf einem Pferderücken kannst du dich halten, das sehe

ich. Weiter brauchst du nichts.«

»Ich will alles tun, was du willst,« antwortete sie, und er mußte

wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. »Und

nun, damit du es weißt, wer ich bin,« sagte sie, »mein Vater war

Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da

ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da

suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese

Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater

wollte nach Hannover, denn er dachte, daß er vielleicht da wohl ein

kleines Amt bekommen könnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und

andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn

ein Taternmädchen, dem ich ein böses Geschwür aufgemacht hatte, sagte

ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen

Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erzählen; ich darf jetzt daran

nicht denken. Ich habe zusehen müssen, wie sie meinen Vater so schlugen,

daß ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte,

haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ersäuft. Ich

weiß heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich weiß nur, daß sie

alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder

zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder

gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen,

bis ich wieder bei mir war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin

allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast

du mich aufgefunden.«

Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine

Brust: »Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!«

Sie weinte, daß die Tränen ihm durch die Hose schlugen, und er ließ sie

weinen, was sie wollte, denn er merkte, daß ihr das gut tat. Erst, als

sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: »So, jetzt müssen wir absteigen.

Thedel, sieh zu, wie die Immen fliegen, und ob wir unter oder über dem

Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, daß du

Mannszeug bekommst und alles, was dazu gehört, das der Jungfer paßt,

aber rede nicht weiter darüber, was bloß die Haide wissen braucht.«

Er legte dem Mädchen seinen Mantel hin, drehte seine Jacke zusammen,

machte ihr ein Kopfkissen daraus und sagte: »Leg' dich hin und schlaf!

Ich will mich ein bißchen waschen. Grieptoo, dahin! Der Hund wird dafür

sorgen, daß du geruhig schlafen kannst. Ich bleibe ganz in der Nähe.« Er

wickelte sie in den Mantel und bettete sie zurecht. Sie lächelte ihm zu,

wie ein kleines Kind, das zu Bett gebracht wird, seufzte auf und machte

die Augen zu. Der Hund setzte sich neben sie, beroch sie, und dann legte

er sich auch hin, behielt den Kopf aber hoch.

Harm hatte schon die zweite Pfeife aus, da kam Thedel erst zurück. Er

brachte das Zeug mit, und was dazu gehörte, und flüsterte: »Der Wind

küselt. Im Kruge sitzen vier Leute, die da nicht hingehören und haben

das große Wort. Der Krüger hat ein Gesicht, wie eine Kattule, so haben

sie ihn geschlagen, und nun sind sie besoffen und schinden die

Frauensleute. Kein einer traut sich an sie ran, denn sie haben damit

geprahlt, daß noch mehr von ihren Leuten nachkommen tun.«

Wulf klopfte seine Pfeife aus. »Hm,« meinte er, »hm, weiß

Warnekenswibert schon Bescheid und Hilmersheine? Das ist gut; dennso

wollen wir uns nicht länger aufhalten und mal sehen, was das für Gäste

sind.« Er nahm das Zeug und ging nach dem Busche. Grieptoo wedelte ihn

an, daß sein Schwanz laut auf die Erde schlug, und davon wachte das

Mädchen auf. »Hier!« sagte der Wulfsbauer, »bis eben warst du eine

Johanna, jetzt mußt du einen Hans aus dir machen. Ich gehe jetzt solange

beizu, bis du dich umgezogen hast; ich und Thedel, wir haben im Dorfe zu

tun. Willst du lieber mit dem Hunde bei den Pferden bleiben, oder willst

du mit uns? Aber ich sage dir, es gibt tote Männer zu sehen! Also du

willst mit? Schön! Ein Mann muß Wehr und Waffen haben, hier ist ein

Messer und da nimm die Pistole! Sie ist fertig. Und nun komm! Grieptoo,

daß du mir keinen an die Pferde läßt!«

Der Hund ließ die Ohren hängen und sah ihnen so lange nach, bis sie um

die Ecke waren. »Also, hör zu, Hans!« sagte Harm; »es ist wieder

Gesindel im Kruge, das die Leute schindet. Das können wir nicht leiden,

und darum wollen wir mit dem groben Besen ausfegen. Du hältst dich immer

hinter mir, verstehst du, und erst, wenn der Ast an zu knastern fängt,

kannst du mir die Hand hinhalten.« Er sah nach dem Machangelhagen und

winkte: »Na, wir haben euch wohl beim Vespern aufgestört?« meinte er zu

den beiden jungen Leuten, die da standen und das Mädchen ansahen. »Das

ist ein guter Freund. Und nun wollen wir los! Wer Raben fangen will,

darf nicht warten, bis sie flügge sind.«

Sie gingen durch einen Eichbusch, stiegen über ein Stegel, gingen quer

durch eine Deele, und dann sagte Wulf: »Ihr beide geht nun ein jeder für

sich hin und seht zu, daß ihr bei der Halbetür bleiben könnt, und wenn

einer aus der großen Türe Wasser gießt, so ist das das Zeichen, daß wir

kommen sollen. Die Bleiknüppel habt ihr ja wohl? In einer ordentlichen

Wirtschaft muß man saubere Arbeit machen!«

Die beiden Bauernsöhne lachten im Halse und gingen ab; Harm, Thedel und

Johanna stiegen über einen Zaun, drückten sich unter den Fenstern des

Kruges her, und dann sagte der Bauer: »So, Thedel, dennso mach dein

dümmstes Gesicht!«

Hinter einem Stapel Brennholz blieb Wulf stehen, und das Mädchen stand

hinter ihm; er fühlte ihren Atem über seiner Halsbinde. Aus dem Kruge

kam ein rohes Lachen, dann quietschte ein Frauenzimmer. Harm fühlte, wie

das Mädchen hinter ihm am ganzen Leibe flog. Er drehte den Kopf nach

ihr. »Hast du Bange!« flüsterte er. »Bange nicht, aber was anderes!«

sagte sie, und er nickte ihr zu.

In demselben Augenblicke goß die Wirtin einen Eimer Wasser aus der

großen Türe. »Komm!« flüsterte Wulf, pfiff erst das Brummelbeerlied und

ging dann laut lachend in das Haus, wo ein Kerl am Feuer saß und die

jüngste Tochter, ein Kind von zwölf Jahren, in den Klauen hatte, indes

ein anderer die Magd hin und her zog. Die beiden anderen, die schon

gehörig einen sitzen hatten, standen da und tranken.

»Na, das geht hier ja mächtig lustig zu!« rief der Ödringer laut; »'n

Abend zusammen!« Und indem schlug er den Kerl, der vor dem Feuer saß,

mit dem kurzen Bleiknüppel, den er aus dem linken Ärmel holte, über den

Kopf, daß der Mensch tot auf die Brandruten fiel, und kaum, daß er

dalag, klappte der um, der die Magd im Arme hielt, denn Warnekenswibert

hatte ihn gut bedient. Die beiden anderen Reiter machten dumme

Gesichter; aber ehe sie recht begriffen hatten, was los war, lagen sie

über kreuz da, denn Wulf hatte den einen besorgt und Hilmersheine den

anderen.

»So, nun sind wir unter uns, jetzt gebe ich einen aus,« lachte der

Wulfsbauer, als das Flett sauber war, und dann fragte er das Mädchen

leise: »Du hast nun wohl Angst vor uns gekriegt?« Sie sah ihn mit

blanken Augen an und schüttelte den Kopf. »Na, denn wollen wir vespern,

und darauf werden wir das Schlafen nötig haben, vorzüglich du, wo du

dazu in der letzten Zeit nicht gekommen bist. Hast auch Platz für uns

drei, Kordeskord?« Der Wirt nickte. »Masse, daß heißt, Thedel kann bei

unserm Knecht schlafen, und ihr beide nehmt die Gästebutze.«

Als Harm mit dem Mädchen allein war, sagte er: »So, nun leg dich man

hin, Hans; ausziehen brauchst du dich nicht viel, denn wir müssen früh

los. Du kannst ruhig schlafen, ein ganzes Dorf wacht über uns. Wer wir

sind, wirst du ja nun gewahr geworden sein. An unseren Händen ist kein

Blut, höchstens an unseren Bleistöcken, aber das ist auch nicht viel

mehr wert. Einen Schelm muß man wie einen Schelm begrüßen, und die

Wespen kriegt man am besten durch kochliches Wasser aus dem Grasgarten.«

Johanna hatte sich kaum lang gemacht, da schlief sie schon. Der

Wulfsbauer konnte anfangs gar nicht schlafen, denn er mochte sich nicht

rühren, um das Mädchen nicht aufzuwecken. Allerlei Gedanken gingen ihm

durch den Kopf, aber zuletzt fielen ihm die Augen doch zu und er

schlief, bis die Wirtin hereinkam und sagte: »Es ist bei fünfe und die

Morgenzeit ist fertig.« Damit ging sie fort und ließ den Krüsel auf dem

Schemel stehen.

Harm stand leise auf und leuchtete hinter der Hand in die Butze hinein:

»Schade!« dachte er, »sie schläft just so schön!« Aber da seufzte das

Mädchen tief auf, hob die Hände in die Höhe, machte die Augen auf, und

als sie den Bauern vor sich sah, flüsterte sie: »Ach so, du bist es!«

Und dabei lachte sie ihn an. »Ja, nun mußt du aufstehen,« sagte er.

»Bleibe noch einen Augenblick liegen, ich hole dir erst eine Schüssel

Suppe und Waschwasser, und unterdessen besorge ich dir ein Pferd, denn

wir wollen flott reiten.«

Als es eben hellichter Tag war, waren sie bei einem einstelligen Hofe.

»Hier bleiben wir bis Mittag,« sagte Harm. »Sag mal, Hausfreund, du

reitest ja wie ein Koppelknecht.« Johanna lachte: »Pastorenkinder lernen

alles, außer Frommsein,« sagte sie, »und schießen kann ich auch nicht

schlecht. Aber ich verstehe mich auch auf das Kochen und

Strümpfestricken.« Wulf lachte: »Das muß ich sagen, denn kannst du mehr,

als wie ich,« und da lachte sie noch einmal, und er dachte bei sich:

»Wenn sie noch öfter so lacht, denn wird die Geschichte sengerich für

mich.«

Wodshorn hieß der Hof; der Bauer sprach kaum ein Wort und die Bäuerin

auch nicht viel mehr. Sie ließen es aber an nichts fehlen. Um Uhre neune

kam ein Bauernsohn an und teilte Wulf etwas unter vier Augen mit, und da

sagte Harm zu Johanna: »Nun müssen wir doch bis morgen bleiben. Das

beste ist, du legst dich wieder schlafen; ich will das auch tun. Wer

schlau ist, der ißt und schläft heutzutage im voraus. Du kannst mit der

Bäuerin ganz offen reden; sie weiß Bescheid. Sie hat ein Herz wie Gold,

aber sie hat Schreckliches durchgemacht; deshalb spricht sie nicht und

darum hat sie auch das Lachen verlernt.«

Es war bei zwölf Uhr, da wachte das Mädchen auf. Die Bäuerin stand vor

ihr und sagte: »Wenn du lieber liegen bleiben willst, denn bringe ich

dir das Essen in das Bett.« Johanna schüttelte den Kopf: »Nein, dann

müßt' ich mich ja schämen; ich will aufstehen.« Die Frau lächelte:

»Willst du auch lieber Mädchenzeug anziehen? Es ist was da, das dir

passen wird; hier im Hause sind bloß lauter Leute, die nicht mehr reden,

als sie sollen. Morgen kannst du wieder als Koppelknecht gehen.«

Sie legte ihr den roten Rock, das Leibchen, Strümpfe und Schuhe und

alles, was dazu gehörte, hin, und als sie nach einer Weile wieder in die

Dönze kam, und das Mädchen fix und fertig stehen sah, nickt sie ihr zu,

aber mit eins nahm sie sie in den Arm, küßte sie und weinte an ihrem

Halse. »Ich hatte zwei Töchter, gesunde, glatte Mädchen, Zwillinge. Alle

beide haben wir vor einem Jahre tot im Busch gefunden. Wenn es dir in

Peerhobstel nicht zusagt, komm hierher; du sollst wie eine Tochter

gehalten werden.« Sie wischte sich die Augen. »Ja, was hilft das Weinen!

Und es sind mehr da, denen es so gegangen ist, dem Wulfsbur nicht zum

wenigsten. Ich will dir das verzählen, denn einmal mußt du es doch

gewahr werden.«

Das Mädchen hörte zu und holte kaum Luft, solange die Frau sprach, aber

die Tränen liefen ihr über die Backen. »Ja,« sagte der Bauer, der auch

in die Dönze gekommen war, »den Wulfsbauern hättest du früher sehen

sollen! Bei dem war jeden Tag Feiertag. Und jetzt, da ist er wie der

Grauhund, der über die Haide läuft und erst zufrieden ist, wenn er Blut

lecken kann.«

Nach dem Mittagbrot, bei dem kaum ein Wort geredet wurde, half Johanna

der Bäuerin im Hause; dann setzten sich beide hinter das Haus auf die

Bank und strickten. Die Sonne schien warm, im Rasen blühten die

Osterblumen, die gelben Buttervögel flogen, die Elster suchte sich

Reisig für ihr Nest, im Holze schlug die Zippe, und über der Wohld

flogen zwei Addernadler und riefen laut.

Zwei Tage blieb der Wulfsbauer mit Thedel aus. Als er wiederkam, sah er

müde aus, hatte dunkle Augen und enge Lippen. »Das Geschäft hat sich

zerschlagen,« sagte er; »heute bin ich zu müde und will erst

ausschlafen. Morgen früh wollen wir nach Peerhobstel.«

In der Nacht zog ein Gewitter vorüber. Johanna wachte davon auf und

verjagte sich; aber als sie neben sich die Bäuerin, und vor der Butze

Grieptoo fest und tief atmen hörte, schlief sie gleich wieder ein. Als

sie am Morgen das Mannszeug anzog, packte die Frau die Mädchenkleider

zusammen, machte ein Bündel daraus und sagte: »So, das soll deins sein,

meine Tochter! Und das du es nicht vergessen tust: auf Wodshorn ist

immer eine Butze und ein Platz am Tische für dich da.«

Es war ein schöner Morgen geworden; die Moorhühner waren überall zu

gange, die Kraniche prahlten, die Kiebitze riefen und die Himmelsziegen

meckerten. Überall in den Gründen war der Post ganz rot, und ab und zu

stand ein Weidenbusch da, der wie eine helle Flamme aussah. Ein Rudel

Hirsche zog über die Haide, blieb stehen, als es drei Reiter ansichtig

wurde, und zog dann schneller dem Moore zu.

Als sie vor Fuhrberg über die hohe Haide ritten, heulte hinter ihnen der

Wolf. Der Bauer drehte sich um und sagte: »Das sind unsere Leute!« und

er gab den Wolfsruf zurück. Bald darauf kamen zwei Reiter aus dem

Busche; es war Viekenludolf und Grönhagenkrischan. »Na, schon so früh

auf, Ludolf?« begrüßte ihn Wulf; »bist wohl gar nicht im Bette gewesen?«

Der Dollhund griente: »In meinem allerdings nicht. Schade, daß du

gestern nicht dabei warst! Wir haben einen guten Zug gemacht. Na, wir

kommen da ja vorbei; kannst es dir selber ansehen.« Er sah nach Johanna

hin. »Ist ein Freund von mir, Hans geheißen,« sagte der Ödringer. »Hm,«

brummte der Rammlinger und wollte grienen, verkniff es sich aber, denn

der andere lud ihn dazu nicht ein.

Er ritt mit Wulf voran und flüsterte ihm etwas zu. Harm ließ ihn dann

vorausreiten und fragte Johanna: »Hans, kannst du es mit ansehen, wenn

ein Birkenbaum faule Äpfel trägt? Es sind ein paar Schandkerle weniger

geworden auf der Welt. Ich muß dahin; wenn du willst, kannst du mit

Thedel hier so lange warten.« Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Ich

wollte froh sein, wenn alle Birken so reich tragen wollten; dann hätten

es alle Menschen, die frommen Herzens sind, besser!« Der Bauer nickte.

Da, wo der Dietweg die Heerstraße schnitt, standen etliche hohe Birken

beieinander. Fünf Männer und zwei Frauen hingen daran. Über jedem war

eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der älteste

Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die

Hände gebunden; mit Rötel waren darauf folgende Worte geschrieben:

Wir sind Unser 3 Mal Elve

und nennen uns die Wölwe

und geben auf jedweden Acht

der Lange finger macht.

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 9 / 30 题