Die Kirchenleute

Besseres Korn gab es im nächsten Jahre wohl, aber auch reichlich Disteln

und Dornen, denn der Krieg wollte und wollte nicht aufhören. Tilly und

die Dänen zogen sich immer noch hin und her, und wo sie sich kabbelten,

war alles zertreten.

Herzog Christian, der nicht wußte, auf welche Seite er sich schlagen

sollte, mußte es mit ansehen, wie das Land verwüstet und die Leute

ausgeraubt wurden, aber alle Einnahmen konnte er auch nicht schießen

lassen, und so kam auf dem Landtage wieder eine dreifache Schatzung

heraus.

Als der Peerhobstler Vorsteher davon Meldung bekam, sattelte er den

Schecken und ritt mit Thedel nach Celle. Ihm wurde schlecht zumute auf

dem Wege; man merkte es, daß überall der Hunger an dem Herdfeuer saß,

und daß die Pest in die Fenster sah. Unter den Mauern von Celle waren

erbärmliche Hütten und Schuppen aufgebaut; darin fristeten die Bauern

aus den ausgeraubten Dörfern ihr Leben durch Betteln und Stehlen und

auch durch Raub und Mord.

Als die beiden Peerhobstler, zu denen unterwegs noch sechs von den

Dreiunddreißig gestoßen waren, damit der Unterobmann sicherer reisen

konnte, vor dem Kruge einen Schnaps tranken, sahen sie eine Frau, die

auf dem Anger ihr Kind begraben hatte und dabei ein ganz zufriedenes

Gesicht machte. Als Wulf sich darüber verwunderte, meinte sie: »Ja, so

wie es heutigen Tages zugeht, muß man weinen, wenn eins kommt, und Gott

loben, wenn es wieder geht!«

Just kam ein Kerl aus dem Kruge, ging auf die Frau zu, faßte sie um,

obzwar die Frau nicht danach aussah, als ob sie einem Manne gefallen

konnte, denn sie hatte kaum ein Lot Fleisch im Gesichte. Sie wehrte

sich, aber der Kerl lachte und wollte sie vor sich herstoßen. Da ritt

der Wulfsbauer hin, langte den Mann am Hosenbund hoch und setzte ihn so

unsacht in einem Schlehbusch, daß der Lümmel für das erste darin blieb.

»Das war mannhaft getan!« rief es hinter dem Bauern, und aus einem

herrschaftlichen Wagen nickte ihm eine Edeldame zu, als er sich

umdrehte. »Wie heißt er?« fragte sie, und als er seinen Namen

offenbarte, sagte sie: »Wenn er einmal eine Hilfe nötig hat, die Gräfin

Trutta von Merreshoffen kann ihm vielleicht die Tür aufmachen lassen.«

Der Bauer zog den Hut: »Dann bin ich so frei, gnädigste Gräfin, auf dem

Fleck darum zu bitten. Ich habe den großen Wunsch, unserem

allergnädigsten Landesherrn eine Gemeindeangelegenheit vorzutragen, und

ohne Fürsprache ist es wohl ein schweres Ding für einen einfachen

Bauersmann, als wie ich bin, an ihn ranzukommen.« Die Gräfin lachte:

»Melde er sich nur um elf Uhr; er kommt schon ran.« Sie nickte ihm zu,

lachte noch einmal und fuhr weiter.

Schlag elfe war der Bauer im Schlosse. Ein Lakai fragte ihn: »Was will

er?« Wulf sah den kleinen Mann von oben an: »Für ihn bin ich ein ihr und

kein er,« gab er ihm auf den Kopf; »ich bin bei dem allergnädigsten

Herrn Herzog angemeldet!« Der Mann machte ein dummes Gesicht, ging

fort, und bald darauf kam ein anderer Diener, der den Peerhobstler in

ein Zimmer führte, in dem ein Offizier Wache stand; einige andere

herrschaftliche Personen lauerten da auch schon. Alle sahen den Bauern

an, der zwischen ihnen aussah, wie ein Eichbaum über lauter

Machangelbüschen. Erst wurde ein kleiner alter Herr abgerufen, der

gleich wiederkam und einem anderen zuflüsterte: »Schön Wetter heute!«

Dann winkte der Offizier dem Bauern.

Dem war anfangs erst etwas benaud zumute, aber als der Herzog ihm die

Hand gab und ihn fragte: »Na, wo drücken ihn denn die Krähenaugen?« da

erzählte er kurz, womit er hergekommen war. Der Herzog sah ihn ernst an:

»Geht nicht, geht schlecht; könnten alle kommen. Schatzung muß bezahlt

werden! Wovon Wege erhalten, für Ordnung sorgen?« Er kniff sich die

Stirn: »Will ihm was sagen, aber behalte er es für sich: will in

Anbetracht der besonderen Umstände Steuer aus meiner Tasche hinlegen auf

fünf Jahre. Dann müßte ihr aber schatzen, wie die anderen alle. Übrigens

aller Ehren wert, daß Kopf hochgehalten und Maul nicht hängen gelassen

wie Leithund. Habe schon von ihm gehört, das und,« er sah ihn scharf,

aber nicht ungut an, »auch noch etwas anderes. Immer vorsichtig sein,

sich nicht auf mich berufen, wenn es sich nicht um augenscheinliche

Räuber und Mörder handelt? Verstanden?« Der Bauer nickte.

Der Herzog besann sich einen Augenblick, fragte nach der Ernte und ob im

Bruche die Pest auch schon Quartier genommen hatte, und dann schmiß er

Wulf das Wort zwischen die Beine: »Wer sind die Wehrwölfe?« Der

Peerhobstler hob die Hand: »Darüber steht mir keine Rede zu!« Der Herzog

machte eine krause Stirn: »Auch gegen mir über nicht?« Und als er wieder

keine andere Antwort bekam, fragte er: »Gehört wohl selber dazu?« Dann

aber lachte er und sagte: »Na, vielleicht besser so! Darf nicht alles

wissen; sonst am Ende aufkommen dafür. So schon Sorge genug! Schlimme

Zeit, Gott sei's geklagt! Hoffen, bald anders wird! Halt er sich

wacker!«

Als Wulf die Türe im Rücken hatte, sah er lauter runde Augen um sich,

und auf der Treppe zeigte ihm der Diener, der ihn heraufgebracht hatte,

einen Rücken, so krumm, als wie ein Rotbrüstchen ihn zu machen pflegt,

und er wollte ihn ausfragen; der Bauer aber stellte sich dumm und

machte, daß er nach der Goldenen Sonne kam, hielt sich aber auch da

nicht lange auf, sondern aß nur einen Happen zu seinem Schoppen und ging

wieder los.

Am Torkruge traf er die anderen Wehrwölfe, die zu zweien und zu dreien

vor und in dem Kruge standen oder saßen und so taten, als ob der eine

Teil den anderen nicht kannte. Es waren noch einige andere Männer da,

auch der Kerl, der vorhin die Frau umgefaßt hatte, und jetzt kannte Wulf

ihn, es war der Mensch, der sich damals in der Goldenen Sonne so

verdächtig um sein Pferd angestellt hatte.

Er hatte gehörig einen sitzen und prahlte wie ein Markwart und, als der

Bauer an den Tresen ging, schrie er: »Kannst du nicht die Tageszeit

bieten, wenn du hereinkommen tust, wie sich das gehören tut, du Flegel?«

Der Bauer ging auf ihn zu: »Ich will dich beflegeln,« sagte er, und

damit schlug er ihm mit dem Handrücken gegen das Gesicht, daß der Kerl

mit einem Male die Stiefel da hatte, wo eben der Hut gewesen war. Sofort

sprang er wieder auf: »Hund,« brüllte er, »Hund von einem Dreckbauern,

du mußt sterben!« Er zog das Messer heraus, aber da warf ihm

Gödeckengustel einen Stuhl gegen die Schienbeine, daß der Kerl den

Estrich unter sich verlor, und Scheelenludchen und Meineckenfritze

langten ihn sich, nahmen ihm die Pistolen ab, walkten ihn, bis er so

weich wie Quark war, und schmissen ihn vor die Türe, daß es man so

mülmte. Er hinkte nach dem Stalle und holte sein Pferd. Als er

aufsteigen wollte, legte ihm Wulf die Hand auf den Arm: »Wahre dich,

Stehldieb, wahre dich! Es wachsen Birkenbäume und Wieden die Masse in

der Haide. Du bist mir das zweitemal in die Möte gekommen. Beim dritten

Male ist Schluß und du kommst unter die Wolfsangel zu hängen.« Er hatte

es ganz leise gesagt, aber Jasper Hahnebut verlor alle Farbe und

zitterte so, daß er kaum auf das Pferd kommen konnte.

Scheele lachte: »Hätten ihm lieber gleich heute das Fliegen umsonst

beibringen sollen!« Der Obmann schüttelte den Kopf: »Unter dem

Stadtbann? das wollen wir lieber bleiben lassen!« Und als Menneke

meinte: »Na, wenigstens war es ein kleiner Spaß!« da machte der

Wulfsbauer eine krause Stirn und sagte: »Ich habe diese Späße dicke; es

vergeht ja meist kein Tag, daß man seine Faust, oder was man gerade drin

hat, nicht gebrauchen muß. Und gerade heute wäre ich meinen Weg

liebendgern in Frieden gegangen.«

Es sollte aber noch besser kommen; als die Bauern eine Stunde geritten

waren und an einem Fuhrenbusche vorbeikamen, knallte es; Gödeckes Rappe

stieg in die Höhe und stürzte zusammen. »Deckung nehmen!« schrie der

Wulfsbauer und hob Gödecke, der heil geblieben war, hinter sich; es

knallte noch dreimal, aber die Kugeln fanden nicht zu den Reitern hin.

»Umsonst nehmen wir nichts!« sagte Wulf; »reitet sofort los und holt

soviel Leute, wie ihr kriegen könnt, und dann wollen wir die Füchse

ausräuchern, die hinterhältschen Hunde, denn dies geht mir doch über den

Spaß. Ich passe derweilen auf, wo sie bleiben.«

Er band sein Pferd an einer Fuhre an und schlich sich mit Gödecke von

der Rückseite so nah an den Busch, als es eben ging. Beide standen bis

an die Lenden in einem alten Torfstiche und sahen hinter den

Birkenbüschen dahin, wo die Wegelagerer saßen. Es war ein Dutzend

Tillyscher Soldaten, die sich unter dem Winde ein Feuer gemacht hatten,

über dem sie einen Bratspieß hin und her drehten. Ab und zu stand einer

auf, holte trockenes Holz und warf es in das Feuer.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, da flüsterte der Wulfsbauer: »Paß

auf, Gustel, gleich geht es los!« Damit hing er sich den Bleiknüppel

über das Handgelenk und spannte die Pistolen. Gödecke nickte und machte

gleichfalls scharf, denn mit eins sprangen die Soldaten auf, sahen sich

wild um, und man konnte ordentlich sehen, daß ihnen nicht sauber zumute

war, denn sie liefen hin und her, bückten sich und sahen sich um wie

Schafe im neuen Stall. Da hörte Harm Wulf hinter sich ein Rotkehlchen

ticken, und als sich umsah, stand Thedel da, griente über das ganze

Gesicht und flüsterte: »Wir haben sie im Kessel, alle miteinander!« Dann

drückte er sich linkerhand in einen Busch.

Kaum war er fort, da hörte man ein Schreien: »Heiliges Marrija!« und

hinterher kam es: »Hundsblutt verdammtiges, nidderträchtiges!« Der

Wulfsbauer lachte im Halse: »Ja, ja, Blut um Blut,« flüsterte er und sah

mit blanken Augen dahin, wo die Soldaten hin und her liefen. Dann

knallte es jenseits des Busches, und dann noch einmal und es roch nach

Rauch, und dann wurde es heiß und mit einem Male brannte der Busch von

unten bis oben und der Rauch schlug hin und her und da schrie es.

»Hörst du, wie sie piepen, Gustel?« flüsterte Wulf mit blänkrigen Augen.

Dann nahm er die Pistole hoch, strich an dem Baume an und schoß; sowie

der Schuß fiel, hörte Gustel einen Schrei und sah einen Mann, der

lichterloh brennend aus dem Busche kam, in den Abstich fallen, daß es

quatschte.

In demselben Augenblicke fiel hinter dem Busche wieder ein Schuß und

gleich darauf noch einer, und dann rechts einer und links einer, und

dann hörte man einen Schrei: »Erbarmung!« schrie es, aber bloß einmal.

Vor Gödecke kroch etwas Brennendes aus dem Busch heraus, schleppte sich

bis an den Graben und sprang hinein, blieb einen Augenblick in dem

nassen Moose liegen, drehte sich dort wimmernd hin und her und versuchte

dann herauszuklettern, aber der Bauer ließ es dazu nicht kommen; er

schlug mit dem Bleistock danach hin und es wurde still vor ihm.

»Ich glaube, das war der letzte,« meinte Wulf und Gödecke nickte. Da

rief es auch schon hinter ihnen. Hermenharm, Ottenchristoph und

Plessenotte kamen von der einen Seite an und von der anderen

Hohlstönnes, Hassenphilipp und Hornbostelwillem. Die sieben Fuhrberger

Bauernsöhne waren naß wie die Katzen und hatten Gesichter und Hände wie

die Kohlenbrenner, aber sie lachten unbändig.

»Die schießen nicht wieder auf ehrliche Leute,« sagte Gödeckengustel.

Hermenharm schüttelte den Kopf: »Sicher nicht, und alte Weiber schlagen

sie auch nicht mehr bis auf den Tod. Lüdeckenmutter haben sie ein Schaf

weggenommen und sie geschlagen, als sie kein Geld hatte, daß sie nun

daliegt und Blut spuckt. Lumpenzeug! Aber nun braucht der Wolf und der

Fuchs kein Messer; sie werden alle so schon mürbe genug sein! Alle haben

sie daran glauben müssen, alle mitsamt. Schade, daß es nicht mehr waren.

Und nun wollen wir löschen!«

Die Arbeit war bald getan, denn über den Moorgraben konnte das Feuer

nicht, rechts lag ein Sandfeld und links war eine Torfkuhle neben der

anderen, und hinter dem Busche ein nasses Flatt. »Hätten sie sich vorher

gut umgesehen,« meinte Ottenchristoph, »dennso wäre manch einer von

ihnen uns wohl noch fortgekommen. Aber sie waren ja so unklug wie die

Schafe, wenn es brennt, und wo der eine hinlief, mußte der andere auch

hin.«

Sie lachten alle, nur der Ödringer Burvogt machte ein böses Gesicht.

»Wenn es so beibleibt, kommen wir heute nicht mehr nach Hause, Thedel,«

brummte er. »Daß man noch nicht einmal in Moor und Bruch seines Lebens

sicher ist! Überall treibt sich das Beistervolk jetzt rum, wo man es

nicht vermutet. Beim besten Willen kann man jetzt nicht über Land

reiten, ohne sich die Hände rot zu machen.«

So war es in der Tat. Als sie das Feuer gedümpt hatten und die

Fuhrberger nach Hause geritten waren und Wulf und Thedel, und die drei

anderen auf der Höhe von Ödringen waren, heulte hinter ihnen der Wolf;

Thedel gab Antwort, und da kamen zwei Bauern angeritten, daß das Feuer

aus dem Kies schlug. Viekenludolf und Schütte waren es.

»Auf Tornhop war Danzefest,« schrie der Rammlinger, »und Schlachtefest

dabei! Na, es ist noch halbwege gut gegangen; wir kriegten früh genug

Wind in die Nase und haben den Leuten gezeigt, was Landesbrauch in der

Haide ist.« Mit einem Male machte er ein anderes Gesicht: »Den schönen

Hof hat das Gesindel natürlich angesteckt, und Steers Wieschen, die da

als Magd diente, mußte ihnen gerade in die Möte gelaufen sein, denn die

fanden wir tot im Busche liegen; die anderen haben sich aber alle bergen

können!«

Harms Halbbruder knurrte durch die Zähne und wurde rot und blau unter

den Augen. »Es wird wohl nicht anders kommen, als daß wir alle unsere

Dörfer anstecken und uns im Bruche bergen müssen. Ich bin gestern zwei

Pferde und das ganze Federvieh losgeworden. Was soll man machen, wenn

dreißig, vierzig solche Kerle auf einmal ankommen? Vor dem, was einzeln

in der Haide herumläuft, braucht man ja keine Bange zu haben. Drei von

dem Ungeziefer haben wir vorgestern im Mastbruche angetroffen. Nun bitte

ich einen Menschen, was tun die da mitten in der Wildnis?« Er lachte.

»Na, wenn es euch hier so gut gefällt, sollt ihr da auch bleiben,« sagte

unser Krischan und machte den Finger krumm, »und ich auch.«

Der Wulfsbauer hatte seine gute Laune schon lange verloren und machte

ein Gesicht wie eine Kattule, und Thedel sah aus wie ein Zaunigel.

»Immer und immer kommt einem was dazwischen,« spuckte er, und Harm wußte

wohl, was er meinte, denn Thedel hatte noch Gras schneiden wollen, wenn

er früh genug nach Hause kam, und jetzt war es meist Abend.

In der Schweineriede brüllte ein Moorochs, die Enten flogen um und von

der Wohld hörte man den Uhu rufen. Der Fuchs braute in den Gründen und

über dem Halloberge war der Himmel so rot wie ein Mädchenrock.

Sie ritten langsam, und als sie vor dem Auskiek waren, machte Thedel den

Wolf. »Kannst man stille sein, Thedel,« rief es vor ihnen, und

Bollenkrischan kam hinter einem Machangel vor. »Na, du wirst dich

wundern, wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt,« lachte

er dann; »es ist Besuch bei dir angekommen.«

Der Bauer riß die Augen auf: »Besuch?« Der andere nickte: »Jawoll,

Mensch, feiner Besuch, Besuch aus dem Seebenspring!«

»Krischan!« schrie der Bauer und bückte sich ganz tief, »Krischan, ist

das wahr? Und was denn, ein Junge oder eine Deern?«

Bolle zog seinen Mund ganz breit: »Ein Junge und eine Deern, Wulfsbauer!

Um Uhre viere der Junge und eine Stunde hinterher das Mädchen. Und was

die Bäuerin ist, der geht es soweit gut, und den beiden Lütjen auch.«

Wulf machte ein Gesicht wie ein Pfingstmorgen. »Thedel,« rief er, »hast

du gehört, Thedel? Zwei auf einmal! Junge, nun bin ich dir aber doch

über! Fixer warst du ja; na, dafür hast du ja auch 'ne Frau, die Hille

heißt.«

»Du bist ja auch ein großer Bauer,« sagte Thedel und lachte, »und ich

habe man eine kleine Stelle und muß es auch darin langsam angehen

lassen.«

Wenn Harm hätte sagen sollen, wie er auf den Hof gekommen war, er hätte

das nicht gekonnt. »Deubel, Mädchen,« sagte Thedel, als er bei seiner

Frau saß und zusah, wie die ihren Jungen stillte, »Deubel, ist der Bauer

geritten! Ich mußte man in einem fort rufen: wahr dich! denn es war mir

meist so, als kümmerte er sich den Kuckuck um die Wolfskuhlen.«

Als er das erzählte, saß der Bauer vor der Butze, hatte seinen einen Arm

unter dem Nacken seiner Frau und ihre Hände in seiner linken Hand.

»Meine Johanna!« sagte er, »meine gute Frau! Ist das ein Glück und ein

Segen!« Er sah dahin, wo zwei, drei, vier Kinderhände auf der Bettdecke

zugange waren, schüttelte den Kopf, lachte und gab seiner Frau einen Kuß

auf den Mund, aber bloß so sachte hin, denn er sah, daß ihr die Augen

wieder zufallen wollten, und als Duwenmutter ihm zuwinkte, ging er aus

der Dönze und stellte sich vor die große Türe.

Ihm war ganz dumm im Kopf. Nun hatte er wieder zwei Kinder! Und eine

Frau, so schön und so klug und so gut! Er sah über das Bruch nach den

Haidbergen, über denen der Himmel immer noch hell war. In den Ellern

schlug eine Nachtigall, die Frösche waren am Prahlen, der Ziegenmelker

pfiff und klappte mit den Flügeln und die Luft brachte den Geruch von

allerlei Blumen her.

Er ging in das Haus zurück und aß, aber hinterher ging er noch einmal um

den Hof, denn er hatte Grieptoo und Holwiß knurren hören, aber das taten

sie wohl bloß, weil hinten in der Haide ein Wolf heulte. Dem Bauern war

sonderbar zumute geworden; als er sich umdrehte, sah er, daß der Himmel

über dem Halloberge immer heller wurde, aber nicht so, als ob da ein

Feuer war, sondern mehr, als wenn die Sonne schon wieder in die Höhe

kommen wollte. Ganz rot wurde es da, und immer heller, und lange blaue

Striche waren darin zu sehen.

Er schüttelte den Kopf. »Was das nun wieder für ein Unsinn ist?« dachte

er; »ist das jetzt ein gutes Wahrzeichen oder ein schlimmer Vorspuk?«

Dann war es ihm, als ob in dem roten Schein, und gewiß und wahrhaftig,

er konnte es ganz deutlich sehen, daß eine große, schwarze Wolfsangel

sich am Himmel bildete, die dort lange stehen blieb, bis sie

auseinanderging, und der rote Schein allein noch über dem Berge war,

schön anzusehen.

Er nahm das für kein schlechtes Zeichen. Eine Weile noch würde die

Wolfsangel in Kraft bleiben müssen und die Wehrwölfe hatten das Bruch zu

hüten, aber dann würde es sich aufklären, Friede würde es sein auf Erden

und statt Heulens und Zähneklapperns würde Jubel und Frohlocken auf den

Gefilden sein. So dachte er, als er im Einschlafen war.

Vorläufig aber wurde es damit noch nichts. Oft genug noch heulte der

Wolf in der Haide, mehr als einmal jagten die Tagboten hin und her und

die Dreiunddreißig hatten mehr Arbeit, als ihnen recht war, und die

Hundertelfe kamen nicht viel zur Ruhe. Sie waren es alle reichlich leid,

das Landhüten und das Schandwehren; manch einer von ihnen kam nicht mehr

recht zum Lachen, außer Viekenludolf, aber bei dem kam es auch nicht so

recht aus dem Herzen, denn den einen Abend hatte er noch ein hübsches

Mädchen im Arm gehabt und am anderen mußte er dabeistehen und zusehen,

wie sie begraben wurde, und es war ihm man ein schlechter Trost, daß

anderthalb Dutzend Dänen, die den Hof überfallen hatten, steif und kalt

unter der Erde lagen.

Es wurde schlimmer als je vordem. Als es sich herumsprach, daß der Tilly

den Dänenkönig bei Lutter geschlagen hatte und hinter ihm her war, war

die Angst vor ihm groß im Lande, aber die Dänen trieben es eher ärger

als die Kaiserlichen; wo sie hinliefen, hinterließen sie Asche, Schutt

und Not, und waren sie vorbei, dann kamen die Waldsteinschen und wüteten

wie die Besessenen. Zwar hieß es mit einem Male, daß es Frieden geben

sollte, denn Tilly war in Celle und verhandelte mit dem Herzoge, aber es

kam nur noch schlimmer; so schlimm wurde es, daß Viekenludolf ein ganz

anderes Lachen bekam.

»Drewes,« sagte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Hund

an zu bellen fing; »bislang war das ja mehr ein Spaß, wenn es auch

manch einem nicht so vorkam, dem wir das Luftholen abgewöhnten; jetzt

aber hört sich die Gemütlichkeit auf! Wehrwölfe waren wir; jetzt müssen

wir Beißwölfe werden. Der Wulfsbauer denkt genau so, Drewes! Wer heute

nicht zubeißt, der wird gebissen. Man kommt ja nicht mehr zu seiner

Ruhe, und es ist wahrhaftig bald eine Woche her, daß ich in einem

ordentlichen Bette war. Und wie sieht es im Lande aus! Hunger und Pest

und Pest und Hunger, wohin man sehen tut. Wer nicht umgebracht wird, der

hängt sich auf oder springt in das Wasser. Ein Donnerwetter soll da

reinschlagen!«

Er sorgte dafür, daß es oft genug einschlug, denn seitdem der Wulfsbauer

befreit war, hatte er das Leit in die Hand nehmen müssen, und das hatte

er gern getan, denn das Ackern hatte doch keinen Zweck mehr. Kaum war

der Hafer unter Dach und Fach, so fraßen ihn fremde Pferde, und wer Brot

backte, der tat es für andere Leute. So lag denn Viekenludolf mit seinen

Leuten meist in Busch und Haide herum und die anderen Obmänner auch, und

wenn sie zusammenkamen, dann hieß es: »Na, wer hat nun die meisten Läuse

geknickt?« Und der bester Mann war, der mußte einen ausgeben.

Wie die Wölfe, so wurden sie alle miteinander, die Männer. Wehe dem, den

sie fingen. Hatten sie Zeit genug, dann war ihnen das Blei zu schade und

die Wiede zu milde, und gräßliche Dinge trugen sich in Wohld und Haide

zu. Als Wulf an einem mächtig kalten Wintertage mit Schewenkasper,

seinem neuen Knechte, durch die Haide ritt, sahen sie über einem

Fuhrenhorst etliche Raben umschichtig auf und nieder gehen, und als sie

hinkamen, fanden sie vier splitterfasernackte Männer, die zwischen die

Bäume gebunden waren. Drei davon waren schon totgefroren, der eine

jappte noch.

Schewenkasper war Knecht auf dem Tornhope gewesen, der von den dänischen

Mordhunden niedergebrannt war, und Steers Wieschen, die da als Magd

gedient hatte und ihr Leben lassen mußte, weil sie dem Schandvolke

gerade in den Weg gelaufen war, das war sein Schatz gewesen. Kasper

hatte früher schon nicht viel gesagt und bloß gelacht, wenn es gar nicht

anders gehen wollte, aber jetzt sprach er kaum mehr und das Lachen hatte

er ganz verlernt, außer wenn er den Hoferben oder das kleine Mädchen

wartete, das Rose hieß.

»Du hättest man auch gleich ein Frauensmensch werden sollen,« pflegte

Mieken zu sagen, wenn er sich mit den Kindern abgab; »was ist das für

ein Werk? Schleppst dich da in einem fort mit den Kröten ab und andere

Leute hüten das Land!« Kasper aber sagte nichts und ließ vor Bartolds

und Roses Nasen einen Hampelmann tanzen, daß es klingelte und klapperte,

denn er hatte ihn von oben bis unten mit Perlen und bunten Steinen

behängt, die er bei einem Waldsteiner Hauptmann im Hosensack gefunden

hatte.

»Dumme Trine!« dachte er, als er Miekens roten Rock nicht mehr sah,

»dumme Trine!« Und während er den Hampelmann tanzen ließ, dachte er an

den Abend, als er mit Gödeckengustel und Scheelenludjen und Bollesbernd

an der Heerstraße auf Anstand gewesen war. »Alle Tage ist Jagdtag, aber

nicht alle Tage ist Fangtag,« hatte Ludjen gesagt, als es schon an zu

schummern fing. Aber dann hatte er das Ohr auf die Erde gelegt. »Die

Hirsche ziehen!« flüsterte er und machte sich fertig. Vier Reiter kamen

in hellem Galopp an.

Da riß Bernd an einer Schnur, die auf der Straße lag, ein weißer Lappen

flog vor den Pferden auf, daß sie scheuten, und dann knallte es dreimal

und dann noch einmal, und Kasper machte ein ganz dummes Gesicht, als auf

sein Teil fünf blanke Dukaten, ein Paar neue Stiefel und noch allerlei

Kram kam, so die bunte Kette, die der Hauptmann in der Tasche hatte.

»Ja, jetzt, wo es zu spät ist, Wieschen,« dachte er, »da haben wir das

Geld! Was soll ich jetzt mit dem Schiet?« Er gab es dem Bauern zum

Aufheben, denn er brauchte nichts als Essen und Kleider, und die waren

billig, denn es wuchs davon genug in der Haide, wenn man sich darauf

verstand. Und Schewenkasper verstand sich darauf. Es war ihm wahrhaftig

nicht um die Beute zu tun, aber wenn er mit den anderen mal wieder ein

paar Dänen oder Kaiserliche, oder was es sonst war, beiseite gebracht

hatte, dann dachte er: »So, ihr bringt anderer Leute Mädchen nicht mehr

um!« Wenn er dann mit den Kindern Huckepack und Hopphoppreiter spielte,

dann sah er aus, als hätte er nie einen Finger krumm gemacht.

Viel machte er sich auch nicht daraus, »aber Arbeit ist Arbeit,« dachte

er, wenn er wieder einmal heranmußte. Viel lieber war es ihm schon, wenn

er rechtschaffen arbeiten konnte oder Wolfsfallen bauen mußte, denn die

Wölfe nahmen ganz gefährlich zu und auch die Luchse spürten sich wieder

mehr, weil keiner ihnen wehrte, da schlimmere Biester, die wie Menschen

aussahen, aber die reinen Teufel waren, sich mehr als nötig blicken

ließen. Schneller als sonst bekamen die Bauern Falten um den Mund, und

mancher Sohn war schon mit vierzig Jahren so grau, wie sein Vater es

kaum mit sechzig war.

Harm Wulf war noch immer ein junger Kerl, aber als sein Hof abgebrannt

war, war ihm Asche auf den Kopf geflogen und Ruß in die Augen gekommen

und Rauch in den Mund. Wenn er seine schöne Frau und seinen beiden

gesunden Kinder ansah, wurden seine Augen wieder hell und seine Lippen

gingen auseinander; sein Haar aber war und blieb an den Seiten grau, und

nicht oft mehr flötete er das Brummelbeerlied.

An einem Juliabend aber hörte die Bäuerin, wie er flötete, als er dem

Knechte den Fuchs gab. Er ging auf sie zu, faßte sie um und sagte:

»Freue dich, Johanna, es wird Frieden! die Dänen ziehen ab. Ich habe es

in Burgdorf als fest und sicher vernommen.« Die Frau machte ihr

glücklichstes Gesicht, aber dann faßte sie sich mit der Hand nach der

Brust und verlor alles Blut aus den Backen; gleich darauf aber lachte

sie wieder und sagte: »Es war die große Freude, Harm. Frieden! Ja, den

wünscht sich wohl ein jeder. Gott sei Lob und Dank!«

Es war ein schöner Abend. Der Himmel über dem Haidberge war rot, die

Rosen rochen stark und in dem Risch an der Beeke sang ein Vogel ganz

wunderschön. Der Bauer und die Bäuerin saßen auf der Gartenbank und

sahen in den Abend. Ab und zu rief eine Eule in der Wohld, oder eine

Ente schnatterte an der Beeke und unter dem Dache piepten die jungen

Schwalben. Die Bäuerin hatte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes

gelegt und hatte ein Gesicht wie ein Kirchenengel. »Frieden, Frieden!«

flüsterte sie und bekam nasse Augen.

Aber so schnell vertrugen sich die hohen Herren nicht. Zwar die Dänen

zogen ab, aber die anderen blieben, und noch manches Mal war der Himmel

rot von etwas anderem als von der Abendsonne, und die Wehrwölfe mußten

mitten in der Ernte die Sensen liegen lassen und die Kugelbüchsen hinter

dem Schapp herkriegen, denn allzusehr drückten die Kaiserlichen das

Land, obzwar der Herzog treu zu dem Kaiser stand, soviel ihm das auch

verdacht wurde. Der Hunger und die Not wurden so groß im Lande, daß die

rechtlichsten Bauern nicht mehr anders leben konnten, als wenn sie auf

Mord und Raub ausgingen. Das war dann das Allerschlimmste, wenn die

Wehrgenossenschaft Hand an Leute legen mußte, die vordem kein anderes

Blut vergossen hatten als das von Vieh und Geflügel.

Es war an einem Aprilabend, als der Wulfsbauer abgerufen wurde. Von

Mellendorf her war eine Bande von Räubern gemeldet, die den Weg auf das

Bruch zu nehmen sollte. Bauern aus dem Kalenbergischen, der Neustädter

Gegend und aus dem Stifte Hildesheim waren es, die längst kein Dach mehr

hatten, unter dem sie schlafen konnten. »Dieses Stück will mir nicht

gefallen,« sagte Drewes zu Wulf; »fremde Völker, wenn es die noch wären,

da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an! Aber diese Leute

da, die bloß der Hunger soweit gebracht hat, das ist, als wenn man

seinen besten Hund an den Kopp schießen muß, wenn er die Dollwut hat. Es

sind doch Menschen wie unsereins!«

Der Peerhobstler nickte. »Weißt du,« sagte er, »das beste ist, wir geben

ihnen auf, daß sie einen anderen Weg nehmen; vielleicht, daß sie

Verstand annehmen. Ich will ihnen das sagen. Ich glaube kaum, daß einer

von ihnen ein Schießgewehr hat, und wenn schon, so fällt er um, wenn er

Dampf macht. Da ist keiner bei, der noch ein Kalb festhalten kann, wenn

es weg will. Am Dietberge habe ich sie dicht an mir vorbeiziehen sehen;

ordentlich elend ist mir dabei geworden!«

Der Engenser schüttelte den Kopf: »Es ist besser, ich mache das. Stößt

mir etwas zu, dann ist das weiter nicht schlimm; meine Kinder sind groß

genug, um sich selber zu helfen; deine aber nicht. Zudem kommt mir das

als Oberobmann auch mehr zu.«

Der Junge, den er bei sich hatte, kroch hinter den krausen Fuhren her

und sagte den Wölfen Bescheid. »Der reinste Duffsinn ist das nun

wieder,« knurrte Viekenludolf; »Drewes wird alt und bei kleinem taugt er

nicht mehr zum Obmann. Mich soll bloß wundern, was dabei herauskommt;

was Gutes bestimmt nicht!«

Er sollte recht behalten. Kaum war Drewes hinter dem Busche heraus und

hatte eben gerufen: »Leute, ich rate euch zum Guten; bleibt hier weg,

die Welt ist groß genug!« da zog ein langer Kerl, der einen roten

Frauenrock als Mantel umgehängt hatte, eine Pistole heraus, schrie:

»Dennso mach uns Platz!« und schoß den Engenser über den Haufen.

Er und sechs andere lagen beinahe in demselben Augenblicke da und

färbten den Sand rot, und eine Viertelstunde später liefen zwei Drittel

der Bande den Weg zurück, den sie gekommen waren, ohne sich nach denen

umzusehen, die in der Haide liegenblieben; aber davon wurde Drewes nicht

besser; er lag mit dem Rücken gegen einen Machangelbusch, stöhnte und

hielt sich den Unterleib, denn da hatte er den Schuß hinbekommen.

Der Wulfsbauer untersuchte den Einschuß. »Weißt du was, Drewes,« meinte

er, »was das beste ist? Wir tragen dich zu mir. Einmal ist es bis dahin

der ebenste Weg und dann liegst du da am ruhigsten, und hast außerdem

die beste Pflege, denn was meine Frau ist, die versteht sich auf sowas

vorzüglich.«

Drewes war das zufrieden, vorausgesetzt, daß anderen Tags sein Wieschen

kam, denn die könne er um sich nicht missen, sagte er. Sie kam auch. Der

Wulfsbauer machte große Augen, als er sie sah, denn er hatte sie lange

nicht gesehen, wenn er auch oft genug auf dem Dreweshofe gewesen war.

»Ein Bild von einem Mädchen ist das ja geworden!« dachte er, als sie vor

ihm stand und ein um das andere Mal weiß und rot aussehend wurde. »Was

hat sie bloß?« dachte er, als er das sah, aber dann kümmerte er sich

weiter nicht um sie.

Mit ihrem Vater stand es besser, als es zuerst aussah. Die Wulfsbäuerin

hatte die Kugel gleich gefunden und herausgenommen, aber dem Engenser

gesagt, unter zwei Wochen dürfte er nicht aus dem Bette. »Na, Langeweile

sollst du nicht haben,« meinte sie, »erstens hast du ja Wieschen, und

wenn ich Zeit habe, will ich dir immer etwas vorlesen.«

Das war Drewes sehr zufrieden, denn in der letzten Zeit war er immer

frömmer geworden. »Wieschen, kannst da auch sitzen gehen!« rief er, wenn

die Bäuerin mit der Bibel kam; »das tut dir auch keinen Schaden, wenn du

zuhörst.« Aber meistens hatte Wieschen dies oder das zu tun, und wenn

sie endlich kam, dann wurde sie umschichtig weiß und rot, wenn die Frau

sie ansah, so daß die aus ihr nicht klug werden konnte, zumal das

Mädchen beim Essen kein eines Mal aufsehen mochte und an jedem Bissen

herumwürgte.

Den einen Vormittag stand die Bäuerin in der Dönze und sah Wieschen zu,

die im Garten mit den Kindern spielte, denn das tat sie, sobald es eben

anging. Da kam der Bauer und nickte dem Mädchen freundlich zu, und die

Frau sah, daß ihr die Brust auf und ab ging und daß sie erst ganz weiß

im Gesichte wurde und sich dann rot ansteckte. Der Bauer lachte, als er

sie so dasitzen sah: »Mußt sehen, daß du auch bald zu welchen kommst,«

rief er lustig; »mich wundert überhaupt, daß du noch immer unbeschrien

bist. Die Engenser Jungens müssen wohl alle keine Augen haben!« Damit

ging er um die Hausecke.

Da ging der Bäuerin mit einem Male ein Licht auf, denn das Mädchen sah

hinter dem Bauern her, gleich als hätte er ihr ein großes Unrecht

angetan, küßte den Jungen, den sie auf dem Schoße hatte und der seinem

Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, wie unklug, und dann hielt

sie die Hand vor die Augen und weinte, daß es sie schüttelte.

Die Frau faßte mit der Hand nach ihrem Mieder, trat vom Fenster zurück

und setzte sich in den Ohrenstuhl; sie holte tief Luft und griff sich

ein über das andere Mal nach der Brust. Aber dann stand sie auf, ging

in den Garten, nahm dem Mädchen die Hand von den Augen weg und sagte:

»Du bangst dich wohl nach eurem Hofe? In drei, vier Tagen, denke ich,

kann dein Vater wieder hin.« Und dabei strich sie ihr über die Backe.

Nach dem Mittag war sie mit ihr allein im Hause, Drewes schlief, der

Bauer war mit Ul und dem Knecht nach den Koppeln gegangen und Mieken war

in den Busch nach Feuerholz geschickt.

»So,« sagte die Frau und zog das Mädchen neben sich auf die Bank, »nun

wollen wir beiden großen Frauensleute es uns aber einmal gemütlich

machen. Die Kinder schlafen wie die Ilke.«

Das Mädchen wurde weiß und rot und konnte der Frau nicht in die Augen

sehen. Die nahm sie bei der Hand: »Das ist mir doch verwunderlich, daß

ein Mädchen als wie du noch keinen an der Hand hat. Machst du dir aus

den Mannsleuten nichts? Denn daß sie sich aus dir nichts machen sollten,

das redet mir doch keiner ein!«

Dem Mädchen ging die Brust auf und ab; sie wußte nicht, wo sie mit den

Augen bleiben sollte und würgte als ob ihr etwas im Halse steckte.

»Wieschen,« sagte die Frau und legte ihr den Arm um die Schulter, »ich

weiß mehr als du dir denkst. Bleib ruhig sitzen, wir müssen einmal ganz

offen reden.«

Sie nahm die Hand des Mädchens und legte sie an ihr Mieder: »Fühlst du,

wie mein Herz arbeitet?« Sie zog den Kopf des Mädchens an ihre Brust:

»Jetzt kannst du es ganz genau hören.« Wieschen fuhr in die Höhe und sah

die Frau ganz erschrocken an.

»Ja, Mädchen,« sagte sie dann, »jetzt arbeitet es wie wild, und zuzeiten

ist es, als ob ich überhaupt keins habe. Bei meinem Zwillingsbruder war

es just so; mitten im hellen Lachen fiel er um und blieb uns weg. Und so

wird es mit mir auch gehen. Seitdem ich so Schreckliches mit ansehen

mußte, ist es ganz schlimm damit geworden. Wenn ich mich bloß ein ganz

bißchen verjage, oder wenn ich mich sehr freuen muß, dann bleibt mir das

Herz stehen und hinterher ist es, als wenn es mir aus dem Halse heraus

will.«

Sie seufzte tief auf: »So, jetzt ist es wieder besser damit. Aber das

kann heute sein oder morgen, denn lange dauert es nicht mehr, und ich

schlage um und dann,« sie nahm das Mädchen fest in den Arm, »dann haben

meine Kinder keine Mutter, die für sie sorgt. Und nun,« sagte sie und

trocknete sich die Augen aus, »weiß ich ein Mädchen, ein treues und

gutes Mädchen, das meine Kinder von Herzen gern hat, und ihren Vater

auch, und deswegen ist sie bis heute noch ledig geblieben, obzwar sie

rundherum die schönste von allen ist.«

Wieschen schnappte erst nach Luft, und mit einem Male fiel sie der

Bäuerin um den Hals und weinte. »Ja, aber dafür kann ich doch nichts,

und es ist schlecht von mir, daß ich ihn dir nicht gegönnt habe, wo du

doch dreimal besser für ihn bist, als wie ich!« Sie versuchte zu

lächeln: »Aber so schlimm wird es doch mit dir nicht sein. Ich will

meine Gedanken zu Bette bringen, denn, denn,« sie barg ihren Kopf von

neuem an der Brust der Frau, »du bist so gut und aus mir macht er sich

doch kein bißchen!«

Die Bäuerin lächelte: »Wieschen, glaubst du, eine Frau als wie ich, die

so viel durchgemacht hat, macht in solchen Dingen Spaß? Ich habe mein

Teil gehabt, Elend und Not genug und hinterher mehr Glück und Segen, als

eine Frau in diesen Zeiten verlangen kann, und wenn ich weiß, daß du

einmal für die Kinder sorgen wirst, dann wird mir meine letzte Stunde

nicht so sauer werden. Versprichst du mir das?« Das Mädchen nickte, ohne

ein Wort zu sagen, und die Tränen liefen ihr über die Backen.

Als der Bauer zurückkam, sah er seine Frau und dann das Mädchen an und

sagte: »Ihr seht ja beide aus, als wenn ihr das Abendmahl genommen

habt!« Die Bäuerin lächelte ihm zu, aber Wieschen ging schnell in das

Flett.

Am Morgen des Tages, an dem Drewes wieder nach Engensen fahren sollte,

setzte sich die Bäuerin zu ihm. »Drewes,« sagte sie und nahm ihn bei der

Hand, und seine Augen, die lange nicht mehr so waren wie ehedem, bekamen

ordentlich Feuer, als sie ihn ansah: »Drewes, jetzt will ich dir einmal

etwas sagen, aber du darfst mir da nicht zwischenreden. Also höre zu! Du

hast mir selber gesagt, du wirst aus Wieschen nicht klug, weil sie sich

um die Mannsleute nicht kümmert. Seit letzten Friggetag weiß ich, warum

das so ist; sie hat all lange einen, aber einen, der Frau und Kinder hat

und der an ihr vorbeisieht.«

Sie drohte dem Bauer mit dem Finger, denn der machte seine bösesten

Augen: »Erst abwarten und dann krumme Augen machen! Die Frau, von der

ich rede, weiß das und sie ist von Herzen froh darüber, denn sie ist

sich bewußt, daß sie heute oder morgen sterben kann, weil sie ein

schwaches Herz hat; und nun kann sie sich für ihre Kinder keine bessere

Zweitmutter wünschen und für ihren Mann,« hier liefen ihr die Augen an,

»keine bessere Frau als dein Wieschen, denn die Frau, das bin ich,

Drewsbur!«

Sie faßte sich nach der Brust, holte tief auf und sah ihn freundlich an:

»So, nun weißt du es, und ich denke, der Wulfsbur wird dir als Eidam

wohl paßlich sein. Und mit Wieschen habe ich auch schon geredet.

Natürlich kommt sie sich nun etwas dumm vor, aber sie kann mir jetzt

mitten in die Augen sehen, denn sie weiß, wie ich ihr zugetan bin.«

Drewes schüttelte den Kopf; er wußte nicht, was er dazu sagen sollte.

Dann nickte er: »Darin kannst du recht haben, Wulfsbäuerin, darin hast

du sicher recht, daß das Mädchen ihre Gedanken da hat, wo du meinst; nun

wird mir allerlei klar, wo mir bis zur Stunde Busch und Kraut vor war.

Aber das andere, das schlage dir man aus dem Kopf! Du siehst aus als wie

das ewige Leben, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und du ein

lediges Mädchen, dennso solltest du mal sehen, wer sich am meisten um

dich kümmern täte!«

Er lachte lustig, wenigstens tat er so, aber sogleich schrie er:

»Wieschen, Wieschen, Mieken Mieken!« denn die Bäuerin war vorn

übergeschlagen und lag mit dem Gesichte auf seinem Schoße, und als

Wieschen hereinkam, sah sie zum ersten Male in ihrem Leben, daß ihr

Vater auch Angst haben konnte, richtige, wirkliche Angst, denn er hatte

ein paar ganz unglückliche Augen im Kopfe.

Die Bäuerin kam bei kleinem wieder zu sich und sah beim Essen so frisch

und gesund aus wie immer, aber bevor Drewes in den Wagen stieg, nahm er

sie bei der Hand und sagte: »Ich komme bald wieder, halte dich gesund!«

und dann drehte er sich um, denn daß ihm die Augen naß wurden, das

brauchte kein einer zu sehen. Wieschen aber nahm die Bäuerin um den Hals

und weinte hellwege loß, so daß Harm hinterher den Kopf schüttelte und

sagte: »Ein putzwunderliches Mädchen, diese Wieschen; erst dachte ich,

sie kann dich vor den Tod nicht ausstehen, und jetzt hat sie sich, als

wenn sie dich vor Gernhaben auffressen will!« Dann stieg er auf den

Rappen und ritt mit Thedel hinter dem Wagen her. Von Wieschen bekam er

aber kein vernünftiges Wort heraus, und er wußte nicht, was er von ihr

halten sollte.

Es war überhaupt ein putzwunderlicher Tag; denn als Wulf gegen Abend mit

Thedel zurückritt, hörten sie etwas singen, und als sie sich in die

Bügel stellten, sahen sie einen Mann hinter einem Machangel sitzen, der

ein Knie zwischen den Händen hielt und lauthals sang: »Umgürte die, o

Gott, mit Kräften in ihrem Amt, Beruf und Stand, die zu des Predigtamts

Geschäften dein gnadenvoller Ruf gesandt.«

Die beiden Bauern sahen sich an und schüttelten die Köpfe; aber als der

Vers zu Ende war, ritten sie dicht heran, denn daß sie diesem Manne

gegenüber nicht scharf zu machen brauchten, das war so klar wie eine

Brandhaide. »Guten Abend,« rief der Bauer; »na, was machst du denn

hier?«

Der junge Mensch nickte, stand dann langsam auf und sagte: »Ich wünsche

ihm dasselbe, und was ich hier mache? Ich warte, was der Herr mir

schickt. Doch gestatte er mir: da ich ein Prediger bin, wenn auch ohne

Amtes seit einiger Zeit, dürfte mir wohl die Anrede Ihr und Herr

zukommen.«

Niehus griente und der Bauer lachte: »Nichts für ungut, Euer Ehren, aber

daß ihr ein geistlicher Herr seid, konnte ich euch von der Nase nicht

ablesen. Aber wo kommt ihr her und wohin des Weges? Nehmt meine

Neubegier nicht krumm, doch es geht jetzt nicht gerade sauber auf der

Welt her, und wer sich bei uns blicken läßt, der muß uns schon Rede und

Antwort stehen.«

Der Fremde sah ihn mit klaren Augen an: »So wisse er denn, ich bin der

Kaplan Jakobus Jeremias Josephus Puttfarkenius. Seitdem der Herr den

Jebusitern Macht über die Gerechten gegeben hat und als Strafe für

unsere Sünden ihnen die Zuchtruten des Restitutionsediktes verlieh, ward

ich meiner Kapellanstelle ledig und bin wie ein Blatt, das der Wind vor

sich herweht.«

Der Bauer lachte: »Viel anders seht ihr auch nicht aus. Aber da wir doch

gerade vespern wollen, und mehr bei uns haben, als wir brauchen, und ihr

nicht so aussehet, als hättet ihr heute schon satt gekriegt, so könnt

ihr mittun, wenn ihr dazu Lusten habt.«

Der junge Geistliche sah gegen den Himmel: »Herr,« rief er, »deine Güte

währet ewiglich!« Er gab dem Bauern die Hand. »Es war gestern morgen in

dem Dorfe Fuhrbergen, als ich das letzte Stück Brotes aß. Seitdem ist

die Rinde der Birkenbäume meine Nahrung gewesen, doch bin ich dieser

Speise nicht gewöhnt und wollte fast verzagen, wenn ich mich nicht mit

dem Spruche getröstet hätte: der, der die jungen Raben speist, wird auch

meiner nicht vergessen.«

Er aß wie ein Drescher und hinterher sah er gleich ganz anders aus, und

die Hose hing ihm nicht mehr so bummelig vor dem Leibe. Dankbar sah er

den Bauern an und fragte dann: »In Fuhrberg habe ich die Bekanntschaft

eines Bauern gemacht, der Ludolf Vieken heißt und zu Rammlingen gebürtig

ist. Zu diesem Manne faßte ich ein Zutrauen, obzwar er mir nicht auf dem

Wege des Herrn zu wandeln schien, dieweil er Flüche und unnütze Schwüre

aus seinem Munde herausgehen ließ. Aber der Herr wird ihn schon

erleuchten, denn er hat mich aus den Händen der Heiden errettet, so man

Tatern nennt, und unaufgefordert sein Brot mit mir geteilt, und sein

Bier, als er hörte, daß ich nüchtern war wie ein Kindlein, das zum

ersten Male die Wand beschreit.«

Er sah den Bauern mit seinen großen hellen Augen an: »Kennt er hier in

der Gegend einen Mann namens Harm Wulf? An den hat mich der Rammlinger

gewiesen, denn er sagte mir, derselbe könnte in seinem Dorf, dessen Name

mir entfiel, vielleicht einen Prediger gebrauchen. Und die Ehefrau

dieses Mannes soll, wie mir gesagt wurde, eines ausgetriebenen Predigers

Tochter sein?«

Der Bauer lächelte: »Hat Viekenludolf euch kein Zeichen mitgegeben?« Der

andere nickte: »Das wohl, doch scheint es mir dürftig zu sein und fast

hätte ich es von mir getan. Seht her!« Er zog einen Lappen aus der

Tasche und wickelte eine Rabenfeder aus, die zweimal geknickt und deren

Enden auf geheime Art ineinandergedreht waren.

»Dennso ist das recht,« sagte der Bauer; »ich bin der

Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel, und es kann sein, daß ihr

bei uns eine Stätte finden könnt, denn wir Männer können uns in diesen

Zeiten kaum noch nach der Kirche trauen und die Frauensleute schon gar

nicht. Ich sehe es euch an, daß ihr ein rechtlicher Mann seid. Es ist

eine böse Zeit; landfremden Leuten trauen wir gemeiniglich nicht über

den Weg, und deshalb müßt ihr mir in die Hand versprechen an Eides

Statt: nichts zu verraten, was ihr hört und seht, ob ihr nun bei uns

bleibet oder nicht.«

Puttfarken sah ihn ernst an: »Ich habe eine Probe davon belebt, welcher

Art er zu sein scheint; die drei Tatern, die mich auf der Straße

hinwarfen, um mich auszurauben, hängen an drei Birkenbäumen. Hätten die

Toren gewußt, daß ich nur das mein eigen nenne, was ich auf dem Leibe

trage, und das wohl kaum ein Jude anders als geschenkt nimmt, sie lebten

vielleicht noch. Ich habe viel Greuel gesehen auf meinen Wegen, und ich

glaube, wer dem Übel wehrt, der handelt nicht wider des Herrn Gebot. Und

so will ich denn geloben, was er von mir fordert.«

Der Bauer wartete, bis es schummerte, und derweilen fragte er aus dem

Prediger heraus, was er heraushaben wollte. Der Mann gefiel ihm und

Thedel auch, und Grieptoo nicht minder, und somit durfte er vor Niehus

aufsitzen und bis vor die Wohld reiten.

»Mädchen,« sagte Thedel nachher zu seiner Hille, die schon wieder so

aussah, als ob es bald noch einen kleinen Niehus geben sollte, »da haben

wir dir einen Kerl auf der Haide aufgegabelt, eine ganz putzige Kruke!

Sitzt da im Sand und singt nach der Schwierigkeit ein geistliches Lied,

hat nicht Messer noch Schießgewehr bei sich und macht ein Gesicht, als

wenn es lauter Engel auf der Welt gibt, und dabei haben ihn gestern erst

die Tatern unter sich gehabt. Es ist meist so, als ob er zu dumm ist,

als daß er Bange hat; nicht einmal hat er sich verjagt, als wir von den

Wachen angerufen wurden.«

Thedel hatte recht; Furcht hatte Ehren Puttfarken nicht, zum mindesten

keine Menschenfurcht. Das mußte Viekenludolf spüren, als er nach vier

Wochen auf den neuen Hof geritten kam und auf der Deele Mieken zu fassen

kriegte: »Deubel auch, Deern!« rief er und drückte sie, daß ihr die

Rippen knasterten; »du machst dich ja mächtig heraus.«

Aber was machte er für runde Augen, als der Prediger aus der Dönze trat

und ihm sagte: »Der Herr segne seinen Eingang, Viekenbur! Aber sage er

mal: ist es notwendig, den Teufel zum Zeugen anzurufen, weil Gott diese

Jungfrau blühen und gedeihen läßt? Und schickt es sich in einem ehrbaren

Bauernhause, und paßt es sich für einen rechtlichen Bauern, einer

ordentlichen Witfrau Tochter zu behandeln wie ein liederliches

Weibsstück?«

Viekenludolf machte so verbiesterte Augen wie ein Hund, den eine Adder

anprustet; aber dann lachte er: »Ist das der Dank, daß ich euch vor den

Tatern bewahrt habe?«

Der Prediger nickte: »Jawohl, das ist der Dank. Er hat mich vor Tatern

und Heiden bewahrt und ich will seine Seele vor dem Höllenfeuer

bewahren. Und nun trete er ein und nehme Platz, bis die Bäuerin kommt;

die Magd soll sie rufen.«

Von dem Tage an hatte er zwei dicke Freunde; der eine war Schewenkasper,

denn der sagte nachher zu Thedel: »Er hat es dem Viekenbur aber gehörig

gegeben, sage ich dir. Ist das aber auch eine Art, sich aufzuführen, wie

der es tut? Kein eines Mädchen kann sich ja vor ihm bergen!« Der andere

aber war Viekenludolf selber, denn als er nachher wieder ein

Donnerwetter aus dem Munde ließ, wusch ihm der Prediger den Kopf noch

einmal, und das gefiel dem Dausenddeubel, denn es war ihm etwas Neues.

»Du,« sagte er zu dem Wulfsbauern, »den behaltet man; der ist gut!«

So dachten die Peerhobstler auch, denn nachdem Puttfarken von der

Bäuerin ordentlich herausgefüttert war, sah er wie ein rechtschaffener

Prediger aus, und obzwar er noch reichlich jung war, so war er doch ein

guter Prediger und trotz seiner Redensarten ein Mann, der in die Welt

paßte.

Er scheute sich vor keiner Arbeit, soweit sie sich für ihn schickte, und

mehr als einmal sagte der Wulfsbauer zu ihm: »Wie ein Knecht braucht ihr

nun gerade nicht zu arbeiten.« Aber dann bekam er jedesmal zu hören:

»Glaubt er, Wulfsbauer, daß mir das bei den Leuten nicht nützt, wenn ich

grabe und rode wie sie selber? Und außerdem; es macht mir Freude; bin

ich doch auch eines Bauern Sohn.«

Er saß so gut zu Pferde wie die Peerhobstler selber, und mit der Zeit

lernte er auch mit dem Schießgewehr umzugehen wie ein gelernter Jäger,

und manchen Braten brachte er aus dem Busche mit. Auch Aalkörbe konnte

er machen, Netze stricken und Setzangeln stellen, denn sein väterlicher

Hof, den die Mansfelder samt allem, was darauf war, niedergebrannt

hatten, hatte da unten an der Weser gelegen.

Der Wulfsbauer fand, das er kein schlechtes Geschäft gemacht hatte, als

er diesen Mann auf der Haide aufsammelte, allein schon, weil die Bäuerin

immer einen von ihrer Art bei der Hand hatte, wenn Wulf über Land mußte,

was immer öfter der Fall war; denn das mit dem Frieden, das war wie der

Rauhfrost auf der Haide gewesen und lange vergessen, und es wurde

schlimmer denn je. Die Schweden waren gekommen, und der Herzog, dem es

längst nicht mehr gepaßt hatte, die Geschäfte der Papisten zu besorgen,

war zu ihnen übergegangen, und nun sengten und brannten die Pappenheimer

in seinem Lande.

Öfter als sonst kam der Bauer mit krauser Stirn nach Hause, und dann war

es ihm ein Trost, wenn der Prediger ihm mit mutigen Worten und einem

geistlichen Liede über die Sorgen weghalf, denn Puttfarken hatte

Abendandachten auf dem Hofe zugange gebracht, zu denen ein jeder kommen

durfte, der dazu Lusten hatte. Besonders den alten Leuten, die seit

Jahren keine Kirche mehr gesehen hatten, war es ein großer Trost,

konnten sie einmal wieder gemeinsam Gott mit Gebet und Gesang ehren.

Es war von jeher ordentlich und sinnig auf dem neuen Hofe zugegangen,

aber seitdem der Prediger da war, waren die Abende noch gemütlicher als

sonst, denn der junge Mann hatte allerlei Kenntnisse und konnte erzählen

wie ein Buch von dem, wie es in der Welt zugegangen war von Adam an bis

auf die letzten Zeiten; da nun der Bauer in den ganzen Jahren jedes

Buch, das ihm bei den Wehrfahrten in die Hände gefallen war, mitgebracht

hatte, weil er wußte, daß seine Frau daran ihre Freude hatte, so las der

Prediger ihnen an den langen Winterabenden daraus das beste vor und

wußte alles so zu erklären, daß selbst Schewenkasper in dem einen Winter

mehr lernte, als in seinem ganzen Leben.

Seitdem die Bäuerin eigene Kinder hatte, konnte sie sich der anderen

nicht mehr so viel annehmen wie anfangs, und so machte es sich ganz von

selber, daß der Prediger Schule abhielt, zuerst für die Kinder und dann

auch für die Knechte und Mägde, und dazu kamen auch die Bauern gern,

denn alles, was ihre Gedanken von der schlimmen Zeit abhielt, wurde

ihnen zum Trost und zur Erquickung.

Ging es doch immer schrecklicher in der Welt her. So ablegen das

Dorf auch war, es sprach sich genug bis zu ihm hin und die Bauern

bekamen es mit der kalten Angst, als Grönhagenkrischan ein fliegendes

Blatt mitbrachte, auf dem gedruckt stand, was der Tilly und der

Pappenheimer mit Magdeburg angestellt hatten.

Am nächsten Sonntage war Predigt auf dem neuen Hofe. Schewenkasper und

Thedel hatten aus Klötzen und Stangen Sitzreihen vor dem Hause

aufgeschlagen und vor der großen Tür eine Art Kanzel gebaut, die von

der Bäuerin und Mieken mit Tannhecke und Maien zurechtgemacht war, und

ein weißes Tuch mit einem roten Kreuze war darüber gesteckt.

Bei halbig zehne waren die Peerhobstler auf dem Hofe; alle waren da

außer den Brustkindern und den Wachen. Es war ein Morgen, wie er nicht

schöner sein konnte; die Sonne stand hell am Himmel, die Buchfinken

schlugen, die Schwalben spielten in der Luft und auf allen Misten waren

die Hähne am Krähen.

Alle waren sie in ihrem besten Zeuge da, die Männer und die Frauen, und

alle hatten ihre Kinder herausgeputzt, so gut es ging. Sie stießen sich

an und zeigten auf die Kanzel und flüsterten leise miteinander, und die

Altmutter Horstmann bekam nasse Augen, als sie das rote Kreuz auf dem

weißen Laken sah.

Der Wulfsbauer stimmte das Lied an: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr'

und Dank für seine Gnade,« und alle fielen mit ein. Währenddem stieg der

Prediger auf die Kanzel und betete vor sich hin. Er hatte einen

schwarzen Gehrock an, den die Bäuerin gemacht hatte, und er kam den

Bauern anders vor als bislang, wo er in Blaulinnen und Beiderwand

gegangen war.

Es war kirchenstill auf dem Hofe, als der Vers zu Ende gesungen war und

die Leute aufgestanden waren, nur daß man die jungen Schwalben piepen

hörte. »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und

die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen,« begann der

Prediger und fuhr fort: »Vernehmet in Andacht das Wort der Heiligen

Schrift, das geschrieben steht Psalm einhundertsiebenunddreißig: An den

Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.« Er

schlug sein Buch zu und fing an zu sprechen.

Die Leute horchten auf, denn eine solche Predigt hatten sie noch keinmal

vernommen. Das war, als wenn sie selber zueinander redeten, so klar und

doch so ganz anders. Er sprach, wie es vordem war um das Bruch, und wie

es nun aussah. Er ließ Ödringen wieder aufleben und ließ es in Rauch und

Asche aufgehen, erinnerte an Tod und Not und an alles andere, was die

Jahre gebracht hatten an Leid und Elend. Alle Frauen weinten in ihren

Schürzen und die Männer sahen vor sich hin.

Ruhig und eben hatte der Prediger gesprochen, aber dann ließ er Blitz

und Donner aus seinem Munde kommen. Mit einer Stimme, die sich wie ein

Ungewitter anhörte, las er das fliegende Blatt vor und hing Worte daran,

die herunterkamen wie die Axt auf den Baum. »Des Herrn Hand wird sie

treffen, die Bluthunde, die der Kindlein in der Wiege nicht schonten und

kein Erbarmen hatten mit unschuldigem Blute,« rief er; »zermalmen wird

er sie in seinem Grimme und hinstreuen, daß ihre Feinde sie mit Füßen

treten, und wenn sie dann rufen: 'Herr, o Herr, ach, ach!' so wird er

seine Ohren verschließen, denn nicht zu tilgen ist ihre Schandtat, und

ihre Greuel bleiben ewiglich bestehen.«

Da hörten die Frauen zu weinen auf und die Männer sahen ihn mit blanken

Augen an; alle Gesichter wurden klar, als er tröstliche Worte und

Sprüche fand, die Herzen zu erquicken und die Seelen zu laben mit

Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht auf die Güte des

barmherzigen Gottes, und es war keiner da, der sich nicht gelobte, treu

auszuharren in der Furcht des Herrn, möge kommen, was da wolle.

Wie ein Wetterrollen hörte es sich an, als die Gemeinde ihrem Prediger

das Glaubensbekenntnis nachsprach, und bis zum Himmel schallte es, als

sie sang:

Das Wort sie sollen lassen stahn

und kein Dank dazu haben;

er ist bei uns wohl auf dem Plan

mit seinem Geist und Gaben;

nehmen sie uns den Leib,

Ehre, Kind und Weib,

laß fahren dahin,

sie habens 's kein Gewinn:

das Reich muß uns doch bleiben!

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 11 / 30 题