Die Bruchbauern

Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen

eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar

nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte,

wo er war.

Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht

vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte.

Hingstmann, der gerade vorbeikam, verjagte sich, als er ihn sah, denn

der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein

Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.

»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin;

»das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber

Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und

Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst

für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie

wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge griente in

einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.

»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim

Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?«

Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es

kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald

wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht

gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so

geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so

weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern

Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und

Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch.

Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas

Tabak über?«

Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er

Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er

dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht

mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich

mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich

fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen

werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der

Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte

mir im Wege sein!«

Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen

nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug

wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und

Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich

solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen;

er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt

ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher,

denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste

wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da

finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und

die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer

und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle

hin.«

Der alte Mann nickte. »Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das

Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein,

solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so

sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier

bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Unglück

ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau

kriegst du schließlich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein

ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier,

wo ich geboren bin.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Wiederkommen tue ich, so wie ich es

kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei muß

ich bleiben. Und überdies, hier würde ich verrückt werden, wo ich bei

jedem Schritt und Tritt daran denken muß, wie es früher war.« Er rief

den Knecht heran: »Zeig mal dein Messer her!« Der Junge griente und zog

es aus der Scheide. »So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen früh

wollen wir los!«

Er sah Ul an. »Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr;

Thedel hat es ihm besorgt und die Wölfe. Heute morgen haben wir ihn

beigerodet unter der breiten Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen

allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch

am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich

langer mit weißen Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug

kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch

einer, so kurz und dick, als wie ein Faß mit einem fuchsigen Knebelbart

und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die

eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum

andern, daß es wie ein Kreuz aussieht und darum heißt der Kerl auch das

heilige Kreuz und der andere der Säugling. Wenn die sich hier blicken

lassen, die dürft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben,

hörst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.«

Es wurde aber völlig Herbst, ehe daß er wiederkam. Bolles Bernd, der an

dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens

Gerd, der ihm Gesellschaft leistete: »Wie schön die Birkenbäume bloßig

aussehen! als wie das reine Gold!« Dann machte er einen langen Hals, wie

ein Birkhahn, stieß Gerd in die Rippen und sagte: »Was ist denn das da

im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde

ist! Gewiß und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!«

Er barg sich hinter den Büschen und winkte Gerd, und als sie bei den

dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut

los, so daß ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie

albern herausschoß und den Pattweg entlang lief. Dreimal blies der Junge

in das Horn, und jedesmal auf eine andere Art, und nach einer Weile zum

vierten Male und so laut und lang, daß es auf eine halbe Meile in der

Runde zu hören war.

»Aufpassen tun sie,« sagte Harm Wulf zu Thedel; »wir müssen uns zu

erkennen geben, denn sonst könnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in

die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, daß du es auch

noch kannst!« Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel hängen

hatte, wischte sich über den Mund, gremsterte und spuckte und dann blies

er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zurück,

die Thedel ebenso zurückgab.

»Das hört sich just so an,« meinte Bernd, »als ob das Niehusthedel ist,

der da bläst; aber was hat der für Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus

wie ein Kriegsmann! Was hältst du davon?« Der andere legte die Hand vor

die Augen, als er hinter dem Busche hersah: »Ja, er ist es, das ist

sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich hätte ihn beinahe

nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so muß

ich wieder abblasen.«

Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: »Wart' man

erst!« Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran

waren. Erst dann trat er vor und rief: »Na, wieder zurück von der Reise,

Harm? Und du auch, Thedel? Meist hätten wir euch nicht gekannt, so wie

ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!« rief er dem Jungen zu, der

etwas abseits stand und über das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war

sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben

gerettet, als er auf dem Pumpe durch das Eis gebrochen war. Er setzte

das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.

»Dennso können wir ja frühstücken,« meinte der Wulfsbauer, als er aus

dem Sattel war, zu Thedel; »mach die Pferde an und gib die Holster her!

Ihr könnt mithalten; wir haben reichlich.« Er packte aus: da waren

Würste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene

Gans, ein großes Stück Käse, zweierlei Brot und eine große Blechflasche.

Die anderen machten lange Augen.

»Lebt ihr immer so?« Harm lachte: »Mehrstens! aber nehmt man dreiste an,

es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das heißt, von uns nicht, denn

die drei Marodebrüder, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl

nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in Ödringen aus?«

Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf

den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt

es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und

Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da

zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und

Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören.

Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet

einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald

darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der

erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg

gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«

Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke

hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich

bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen

tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er

schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es

in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es

auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:

»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe

geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp

dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So

Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die

Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es

waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch

mit.«

Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und griente:

»Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem

angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen

darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig,

hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die

Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck

ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich

ganz glatt aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das

war ein Beist und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um

sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das

nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf

gegen den Dössel geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen

werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu

alleroberst an die Eiche!«

Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf

Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als

wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über

zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«

Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie

ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren

aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen

mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf!

Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns

und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat

sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da

einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum

Gotterbarmen!«

Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es

dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht

hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein

wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und

da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten

sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.

Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst

nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater

ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben

für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe

haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und

unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer

will hier in Busch und Braken herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln

essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so

manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht,

so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei.

Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«

Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte,

zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam.

»Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und

wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und Plaggen hatten

sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit Reet und Risch bedeckt;

auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus

Ellernholz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern

hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so

falsch wie die Buschkater.

Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn

es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die

großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten,

konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem

ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab

nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel

Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen

vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten

auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der

Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und

als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten

durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den

Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein,

umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch;

mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern

lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. Im großen Freien

haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht.

Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer

dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz

großartig, sag ich euch!«

Gerade wollte er weiter erzählen, da hörten sie es rufen: »Jeduch,

jeduch, jeduch!« Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: »Paßt

auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!« So war es auch. Drewes aus

Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann

stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum

Hingstberge kommen. »Kommst du mit?« fragten die anderen Harm. »Na ob!«

sagte der und lachte; »der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen

haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das könnt ihr glauben. Der

Junge kann treffen, sage ich euch!«

Es waren über anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge

zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber

nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die

Marodebrüder über den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und

sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche

Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle

hatten sie Büchsen in der Hand und Spieße über den Rücken, und zum

wenigsten eine Pistole im Gürtel und einen Säbel oder einen langen

Dolch. Die meisten trugen auch Bärte und sahen überhaupt wenig

rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.

Der Ödringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er

ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz

gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. »Nee,«

sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank

gewesen war, »nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du

hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat

sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar dänische Soldaten

die Würste und die Schinken vom Wiem holten, machte sie ihnen eine

solche Schande, daß der eine sie mit dem Säbel über den Döz schlug und

das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir dachten alle, Drewes wird

heilsfroh sein, daß er sie los ist, und sich eine Junge und Hübsche

suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um

zwanzig Jahre älter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch,

denn so wie früher legt er sich nicht mehr für das allgemeine Wohl ins

Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu

geworden.«

Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand,

auf den dicken Schlehbuschstock gestützt, sah man, daß er nicht mehr der

Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fuß wie vordem, aber es war doch

nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.

»Liebe Freunde,« fing er an, »in dieser Zeit hat mancher von uns zum

lieben Gott gebetet: unser täglich Brot gib uns heute! Der Herr hat

unser Gebet erhört; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, daß dieser

Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein

jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen:

ich sehe unseren Freund aus Ödringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich

denke, ihr seid es alle zufrieden, daß er in dieser Sache das Leit in

die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.« Die Bauern

nickten. »Eins noch,« so schloß der Engenser seine Rede, »gebe ich euch

zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, daß die

Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein.

Und nun Gott befohlen!«

Die Obmänner und Drewes stellten sich um Wulf. »Meine Meinung ist die,«

fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, »wir müssen sie zwischen uns

kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also

muß ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein,

damit sie nicht wegkönnen, und die anderen müssen rechts und links vom

Wege die Begleitmannschaft bilden, und das müssen alles junge Kerle

sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Gebüsche bergen

können.« Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: »Seht her, so

meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter

ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die

wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind,

fangen wir an zu tuten und zu schießen, und ihr da kommt ihnen von oben

und unten über den Hals. Natürlich muß bei jedem Haufen einer sein, der

sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den Bröddel

kommen.«

Die allgemeine Meinung war, daß es so am besten war, und so teilten sich

erst die älteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die

jüngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da

am besten Bescheid wußte. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und

redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden hörte

auf.

Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus

Hennke. Das Wetter war günstig. Die Sonne hatte den Erdboden

ausgetrocknet, aber doch nicht so, daß alle Braken unter den Füßen

knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellhörig. Wenn

irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube

krispelte, so konnte man das weithin hören.

Harm hatte sich auf einen Wurfboden gesetzt und rauchte vor sich hin. In

den Fuhren piepten die kleinen Vögel, eine Eichkatze lief von Stamm zu

Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so grün, als wäre es

Juni. Hennke saß auf einem alten Stucken; er sah aus, als ob er

eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte

die Büchse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her,

gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.

Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte

halbrechts der Markwart. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an,

drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem

fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht

wippte leise mit dem rechten Fuße, Klaus machte die Augen ein bißchen

mehr auf, Harm saß da und rauchte, bloß daß er den Kopf schiefer hielt.

Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher.

Dann polterten Räder.

Harm winkte den Knecht neben sich. »Halt das Horn bereit!« sagte er

leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. »Nicht eher, als bis ich es

sage!« flüsterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. »Hüh!«

ging es vor ihnen und noch einmal »hüh!« Ein Pferd prustete, ein Mann

schnäuzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fuß, die Büchsen

fertig zum Schuß, in einem fort die Köpfe von rechts nach links drehend.

Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut. Harm hörte, was der

eine sagte: »Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier

man erst raus wären!« Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und

dachte: »Ja, wenn!«

Drei Reiter kamen hinterher. »Schöne Pferde!« dachte Wulf. Der zweite

Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fuß, dahinter ein Reiter, ein langer,

dünner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und

zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also

war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr,

jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, daß er blasen

sollte, da hörte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig.

Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen weißen Spitzenkragen

umhatte, der ihm bis über die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase

und ein doppeltes Kinn und sah verdrießlich aus.

»Das dicke Ende kommt allemal hinterher,« dachte der Bauer und schoß.

Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. »Jetzt kannst du

blasen, Thedel,« flüsterte Wulf, »aber Deckung nehmen!« Der Knecht

stellte sich hinter den Wurfboden und legte los: »Tirrä tuut, tirrä

tuut, tirrä tuut!« ging es. Dann aber nahm Thedel seine Büchse, lief

schnell nach vorne, zielte lange und so wie er drückte, sah er zurück

und lachte, lud aber gleich wieder.

»Tirrä tut!« kam es von unten her und überall knallte es. Ab und zu

hörte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes

Lachen, und oben fiel ein Schuß und nun wieder unten einer. Dann kam

ein Mann angeritten, kreideweiß im Gesicht; er blieb, sowie Thedel

geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel,

und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein

anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei

Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und schoß ihn nieder.

Die Schüsse fielen spärlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgehört.

»Ich glaube, wir sind damit durch,« rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte.

»Wollen noch eine Weile warten!« meinte der Bauer. Thedel lud die

Büchsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und

anbrannte. »Nun kannst du loslegen,« rief er ihm zu. »All' uut, all'

uut?« blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: »Is all

ut!«

Der Bauer nahm seine Büchse und ging auf den Knüppeldamm. Überall kamen

Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: »Das ging, wie geschmiert!«

Er nickte: »Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere läuft uns

nicht weg!« sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter,

als er befahl: »Und jetzt müssen wir sie erst beiroden und die Wagen in

den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der

soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser

Zeit, der kommt an erster Stelle. Für mich laßt eine gute Büchse übrig,

bar Geld will ich nicht haben.«

Er sah alle an, die da herumstanden: »Seid ihr auch alle heil

geblieben?« Einer rief: »Ja, bloß Viekenludolf ist ein bißchen zur Ader

gelassen. Na, der hat ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle

brauchen kann!« Alle lachten lauthals los.

Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken

und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die

Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: »Kinder,

wer gibt auf das Geschäft einen aus?« Alle lachten und Harm rief:

»Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?« Der tat so, als ob er lachen

wollte. »Ist auch wahr,« rief der Wulfsbauer, »immer kann man nicht

arbeiten. Heute Abend ist es zu spät und wir haben auch noch allerhand

vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich

die Junggesellen, soweit sie abkommen können, im Engenser Kruge treffen

und ihre Mädchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim nächsten

Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben müssen. Und

nun hille!« trieb er; »man darf morgen hier nicht sehen, was sich

begeben hat. Die Wagen müssen in den Busch, und was sonst daliegt, muß

unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!« Wieder lachte

alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond

herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen.

Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und

tanzte, daß die Deele donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte dafür, daß

nicht zu viel getrunken wurde und daß rund um den Krug und nach allen

Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der

großen Türe und sah zu, rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier

aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.

Ein Mädchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein,

hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie

eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, dünnen Bauernsohn,

der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll Mäuse. Ein jedesmal, wenn sie an

Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die

Füße legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, hörte er, von der man

sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens

im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen Süßen von ihr

haben wollte.

Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie bloß einmal rund und als

sie bei dem Ödringer war, machte sie sich von ihrem Tänzer los und

sagte: »Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich für'n Durst!« Harm

hielt ihr den Krug hin. Sie wurde über und über rot, lachte ihn an und

sagte: »Sollst auch bedankt sein!« Er sah an ihr herunter und zeigte mit

dem Kopfe nach ihrem Tänzer: »Ist das dein Bräutigam?« Sie schüttelte

den Kopf: »Nee, ich hab' noch keinen,« und dabei sah sie ihn wieder so

an, wie vorher.

Aber da schrie der Wirt »Feierabend!« und mitten im Singen hörte das

junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: »Sollst dich mal

bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so

wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!«

Harm steckte noch das Bier im Geblüt, als er sich auf den Heuboden

hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im

Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:

Kumm üm de Middenacht,

kumm um Klock een!

Vadder slöpt, Mudder slöpt,

ick slap alleen.

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 8 / 30 题