Die Marodebrüder

Es war keine schlechte Jagd gewesen, die die Bauern gemacht hatten. Als

der Nebel in die Höhe ging, hatten sie die Bande ankommen sehen. Sie

warteten, bis sie sie mitten im nassen Bruche hatten, und dann schossen

sie sie zusammen wie eingelappte Hirsche; nicht einer kam gesund davon.

Zweiundzwanzig waren es, die dalagen, alte Kerle mit Gesichtern wie

Leder, und junge Burschen, die wie Milch und Blut aussahen. Einer von

ihnen, den Drewes übergeritten hatte, hatte geschrien: »Erbarmen! Meine

Mutter!« Aber das hatte ihm nichts geholfen; der Engenser schlug ihn tot

und schrie: »Junge Katzen kratzen auch!«

Er lachte, als er dem Wulfsbauern das erzählte, als wäre es bloß ein

Spaß gewesen, und seine breiten weißen Zähne blänkerten man so. »Ja,

diesmal hat's geschlumpt,« griente er. »Und für umsonst haben wir die

Arbeit nicht getan,« warf er hinterher; »auf meinen Teil sind allein elf

harte Taler gekommen. Ein Schade, daß es keine Reiter waren! ein paar

billige Pferde, die hätten mir schon gepaßt. Und nun will ich nach

Hause, sonst kriege ich es mit meiner Altschen zu tun.« Er schüttelte

sich und Harm lachte, denn er wußte, daß Christel Drewes ein Maulwerk

hatte, gegen das keiner ankonnte.

Rose rief Harm zum Essen; das Herz lachte ihm im Leibe, als er sie

ansah. Das Leben war schön, trotz alledem! Und endlich mußte es doch

wieder Frieden werden; die hohen Herren mußten es doch leid werden, das

Kriegsspielen, das sie ein Heidengeld kostete und viel Menschen dazu.

Was man so bei Wege hörte, war ja auch zu schrecklich: überall Mord und

Brand und Pest und Hungersnot. Da war es im Bruche doch noch besser.

Krieg ist Krieg und beim Gänserupfen fliegen Federn. Das ist einmal

nicht anders!

So dachte der Bauer und freute sich über seine glatte Frau und den

Jungen, der von Tag zu Tag niedlicher wurde und alle Augenblicke ein

paar Wörter mehr konnte. Er dachte: »Wenn erst noch ein Kind da ist und

Rose mehr Arbeit damit hat, dann wird sie über alles eher fortkommen.«

So wurde es denn auch. Es kam ein kleines Mädchen an, ein kräftiges und

gesundes Kind, und nun wurde die Frau wieder, wie sie früher war.

Der Krieg war zwar immer noch nicht zu Ende, aber auf dem Wulfshofe

merkte man von ihm beinahe nichts. Ab und zu kamen Truppen durch das

Land, bald von dieser, bald von jener Art, und dann ging es da, wo sie

herzogen, nicht sauber zu; mehr als einmal war am Tage Rauch und am

Abend ein roter Schein über dem Bruche zu sehen.

Hin und wieder ließen sich auch Marodebrüder und Parteigänger blicken,

sahen sich aber sehr vor; denn das Bruch war bei allen Landstreichern

verrufen. Hin ging mancher, aber her kam so leicht keiner; denn Drewes

hatte einen richtigen Kundschafterdienst zugange gebracht, und sobald

das Horn rief, liefen die Bauern zusammen und Gnade Gott, wen sie

fingen! Das Bruch konnte schlimme Geschichten erzählen, aber es schwieg.

Bloß die Warnzinken, die die Zigeuner an allen Feldsteinhaufen und

Wahrbäumen angebracht hatten, und manches blanke Goldstück, mancher

harte Taler, den die Bauern im Kasten hatten, manches Pferd, das in

ihren Ställen stand, und die Pistolen, Spieße, Kugelbüchsen, Säbel und

Dolche, die in allen Dönzen hingen, sprachen von den Männern, deren

Eigentum sie einst waren und über deren Knochen jetzt Moorerde lag und

Kraut wuchs.

Einige Jahre trieben die Bauern das so in aller Stille; jeder Mann wußte

darum, aber keiner sprach darüber. Drewes führte eine harte Hand und es

hieß, daß der Häusling Metjen aus Ehlershausen, der in dem Verdachte

stand, es mit den Tillyschen gehalten zu haben, indem er ihnen den Weg

durch das Bruch gewiesen hatte, und der drei Tage darauf vor seinem

Hause mit einer Wiede um den Hals im Apfelbaume hing, von Drewes und

zwei anderen Bauern dahingebracht war.

Es war ein prachtvoller Vorherbsttag, als der Wulfsbauer Nachricht

bekam, er solle bei vier Uhr am Hingstberge sein; es war die dreifache

Schatzung auch für die Knechte und Mägde ausgeschrieben, und darüber

sollte verhandelt werden, wurde ihm gemeldet. Es war so warm, daß ihm

der blanke Schweiß unter dem Hute herauslief, als er durch das Bruch

ritt. Unter dem blauen Himmel flog ein Adler in die Runde; bald war er

silbern, bald sah er wie Gold aus. Hier und da war die Haide noch am

Blühen und alle Augenblicke flog ein Haufen von kleinen Vögeln über das

Bruch und zwitscherte.

Harm holte tief Luft und während er so dahinritt, flötete er sein

Leiblied vor sich hin und dachte: »Bei achte, wenn die Kinder schlafen

gehen, bist du wieder zurück.« Er freute sich, wenn er daran dachte, wie

sie gnickern und quietschen würden, wenn er sie kitzelte.

Am Hingstberge waren an die hundert Bauern zusammen. Sie standen in

kleinen Haufen um das alte Heidengrab und sprachen vom Wetter und über

das Vieh, oder saßen am Boden und vesperten oder rauchten. Drewes hatte

es sich auf einem der großen Steine bequem gemacht; er hielt die Pfeife

zwischen den Zähnen und schnitt Kerben in seinen Schwarzdornkrückstock.

So genau machte er das, als wenn es darauf ankam, daß eine nicht anders

als die übrigen war. Als er den Ödringer abspringen sah, nickte er ihm

zu und sagte: »Feines Grummetwetter heute! Eigentlich zu schade zum

Verklöhnen; aber es mußte sein, denn wir haben wichtige

Angelegenheiten.«

Nach einer Viertelstunde sagte er dem Knecht, den er bei sich hatte:

»Jetzt sind sie wohl alle da; man zu!« Da blies der Junge dreimal in das

Horn. Jeder hörte auf zu reden oder zu essen und machte, daß er nach dem

alten Heidengrabe kam, auf dem Drewes stand, sich auf seinen Stock

stützte und sich so lange umsah, bis alles Reden aufhörte.

»Liebe Freunde,« fing er an, »ich habe euch heute etwas zu sagen, das

euch glatt heruntergehen wird. Wir haben schwere Jahre hinter uns, und

wer weiß, was noch kommt. Es ist so, als ob unser Herrgott für eine

Weile die Herrschaft abgegeben hat und nun hat der leibhaftige Satan das

Leit in der Hand. Hier am Bruche ist es noch halbwege gegangen. Der eine

oder der andere von uns hat ja Haare lassen müssen, manch einer auch

ein Stück Fell und womöglich Fleisch und Blut, aber anderswo ist es

gräsig hergegangen. Was der Mansfelder schonte oder der Braunschweiger,

der ja nun seinen Lohn gekriegt hat, denn im Westfälischen hat ihn der

Till oder wie er heißt, geweift, daß seine mehrsten Leute ihr eigen Blut

gesoffen haben, ja, wo war ich doch? ach so: oder ob es die Kaiserlichen

sind, die Papisten und Ligisten, sie sind von ein und derselben

Boshaftigkeit. Nicht Frauen noch Kinder sind sicher vor den Hunden.«

Er sah Mann um Mann an: »Ein jeder Mensch, und ist er noch so arm, Frau

und Kinder sind ihm ans Herz gewachsen, und an Haus und Hof hängt er.

Wir wollen dafür sorgen, und so weit es sich hat machen lassen, haben

wir es schon getan,« und damit zeigte er auf das Bruch und lachte und

die Männer lachten alle leise. »Aber bislang mußten wir uns heimlich

unserer Haut wehren, mußten wie die Strauchdiebe uns herumdrücken, wenn

wir das Gesindel, das sich hier herumtrieb, los sein wollten, und einer

konnte dem anderen nicht mehr gerade in die Augen sehen. Von jetzt ab

können wir das frei tun.«

Er hob seinen Stock hoch und zeigte die Kerben daran. »Seht her! ich

habe einhundertundsiebzehn Kerben hier eingeschnitten, zweiunddreißig

auf der einen und die übrigen auf der anderen Seite. Die fünfundachtzig

Kerben bedeuten, daß ich mitgeholfen habe, fünfundachtzig Landstreicher,

Gaudiebe, Tatern und Marodebrüder und einen verräterischen Hund

dahinzubringen, wo sie von Gottes und Rechtes wegen hingehören, unter

die Erde nämlich, daß die Würmer sie fressen, wenn sie sich davor nicht

ekeln. Die zweiunddreißig Kerben aber, meine Freunde, die bedeuten, daß

ich zweiunddreißig Menschen von dieser Art mit meiner eigenen Hand

beiseite gebracht habe.«

Er holte tief Luft, wischte sich mit der Hand über die Stirn und sprach

leiser: »Unser Herrgott wird mir das vergeben. Auge um Auge, Zahn um

Zahn, so lehrt uns die Schrift. Wir sind hier keine Räuber und Mörder,

aber wenn der Wolf uns über das Weidevieh kommt und der Marder uns an

die Hühner geht, dann besinnen wir uns nicht lange. Ich habe bis zu dem

Tage, daß das Schinden hier losging, keinem Menschen einen Schlag

gegeben, seitdem ich die Jungenshosen aushabe, und lieber wäre es mir,

ich hätte reine Finger. Aber was sein muß, muß sein, und ich schlafe so

gut als wie vordem, und ich glaube, es ist keiner unter uns, der das von

sich nicht auch sagen kann.«

Er sah die Männer der Reihe nach an und plinkte dem einen oder anderen,

der ihm blanke Augen machte, besonders zu. »Eins aber, meine lieben

Freunde,« ging er weiter in seiner Rede, »das drückte uns doch dabei.

Was wir taten, mußten wir tun, aber es war uns nicht nach der Mütze, daß

wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs,« er nahm den Hut ab und

alle taten es ihm nach, »tun mußten. Von heute ab,« und er sprach heller

und lachte dabei, »ist das anders, denn unser lieber Herr Herzog, den

Gott erhalten möge, hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, daß wir

uns so gut wehren sollen, wie wir irgend können, und alle Hundsfötter,

die hier nicht hergehören, totschießen wie tolle Hunde.«

Er lachte, daß man seine großen Zähne sah: »Na, an uns soll es nicht

fehlen, daß unser Herr Herzog seinen Willen kriegt! Lieber wäre es uns

ja, wir könnten so leben wie früher, unsere Arbeit in Frieden tun und

Gott loben. Aber das ist nun einmal nicht anders und darum sage ich

euch: was nicht hierher gehört, was im Lande herumzieht und raubt und

stiehlt, was Menschen schindet und Häuser ansteckt, das ist Raubzeug und

muß auch so behandelt werden. Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut

um Blut, daran wollen wir festhalten, auf daß es uns gut geht und wir

lange leben auf Erden!«

Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesichte und schloß: »So, nun wißt

ihr, wie ihr dran seid. Und ich denke, meine lieben Freunde, es ist

nicht mehr als recht, wenn ich euch bitte, es mir nachzutun,« und dabei

nahm er seinen Hut ab, hielt ihn hoch und schrie: »Lang lebe unser

Herzog Christian, unser allergnädigster Herr!«

Die Krähen, die über das Bruch flogen, schwenkten zur Seite, so schrien

die Männer. Alle hatten sie blanke Augen, als sie zu Drewes gingen und

ihm sagten: »Drewsbur, das war aber eine Rede! Besser kann es unser Herr

Pastor nicht.« Aber dann horchten sie wieder auf, denn die Wiekenberger

erzählten, daß es überall von Kriegsvölkern wimmelte, von Dänen und

Ligisten und von Mansfeldern und Braunschweigern, die der Tilly und der

Waldstein hin und her jagten wie der Hund die Hühner, und die es mit

Brennen und Morden schlimmer trieben als vorher.

Was eigentlich los war, wußte so recht keiner. Der eine sagte: »Die

Dänen wollen uns das Land nehmen,« die anderen: »Nein, es ist, daß wir

wieder papistisch werden sollen,« und etliche meinten, der Kaiser hätte

da nichts mit zu tun, der lebe da unten und frage den Teufel danach, was

anderswo vor sich gehe. Der Waldstein und der Tilly wollten sich bloß

bereichern an Land und Bargeld; darauf laufe alles hinaus.

Der Wulfsbauer hatte wohl gefunden, daß Drewes ganz ausgezeichnet

geredet hatte und daß er in allem recht hatte, aber so ganz war er nicht

bei der Sache; er dachte an seine Frau und die Kinder und daß es

bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten, damit er es nicht

verpasse, wenn die Kröten zu Bette gebracht würden. Er mußte lachen,

wenn er daran dachte, wie Hermken ihn nach dem Mittag so bei den Ohren

gerissen hatte, daß es ordentlich weh tat.

Er ritt mit Klaus Hennecke, dem Sohne des Vorstehers, nach Hause. Die

Luft war weich und warm; die Kiebitze riefen im Grunde und in der Höhe

meldeten sich die Regenpfeifer.

Klaus fing endlich zu reden an: »Mit unserem Vater wird es immer

schlimmer; er liegt jetzt schon die achte Woche. Ich glaube, dieses Mal

kommt er nicht wieder durch!« Er sah über das Bruch. »Kiek, was ist denn

das da für eine putzwunderliche Wolke über Ödringen? I, das sieht ja

meist wie Rauch aus! Aber es ist doch wohl bloß eine Wolke.«

Der Ansicht war Harm auch; aber als sie den Bogen um die Torfkuhlen

machten und unter den Wind kamen, prusteten beide Pferde auf einmal los

und wurden unruhig, so daß die beiden Bauern meinten, sie witterten

einen Wolf. Als sie aber ein Ende weiter waren, hielt Hennecke an,

schnüffelte und meinte: »Das riecht gewiß und wahrhaftig nach Rauch! Am

Ende haben die Lörke von Hütejungens wieder einen Unsinn angestellt.«

Harm mußte ihm recht geben, denn es roch nach Rauch, aber er dachte sich

weiter nichts dabei.

Zuletzt rochen sie aber nichts mehr, denn der Wind ging unter dem Holze

anders. So wie sie aber in der hohen Haide waren, roch es wieder

stärker, und als sie die krausen Fuhren hinter sich hatten und oben auf

dem Anberge waren, schrien sie wie aus einem Munde: »O Gotte!« Denn da,

wo Ödringen lag, war die ganze Luft schwarz.

Sie sahen sich an; einer sah so käsig aus wie der andere. Ohne ein Wort

zu sagen, ließen sie die Pferde schneller laufen. Der Brandgeruch wurde

immer schlimmer, und was ihnen noch schwerer auf das Herz fiel, das war,

daß das Grummet auf den Wiesen noch genau so lag, wie nach dem Mittag,

als sie vorbeigeritten waren. Sie jagten, was die Pferde hergeben

wollten, und als sie aus dem Walde kamen, hielten sie und zitterten am

ganzen Leibe. Vor ihnen auf dem Wege lag der Kuhhirt tot auf dem Rücken

und sein Hund schnüffelte an ihm herum.

Sie sprangen ab und sahen sich Tönnes an; er hatte einen Schnitt über

den ganzen Hals. Sie zogen ihn beiseite und dann horchten sie nach dem

Dorfe hin. Da war es ganz still, nur die Kahkrähen lärmten über den

Eichen. Sie gingen Schritt für Schritt näher, die eine Hand am Messer

und die andere am Zügel. Im Wege lag eine zerbrochene Steingutflasche,

wie sie im Dorfe keiner hatte. Weiterhin fanden sie einen blutigen

Lappen und daneben ein Stück Wurst. Sie hielten an und horchten: Nichts

war zu hören, keine menschliche Stimme war zu vernehmen, kein Stück Vieh

brüllte, kein Hahn gackerte, kein Hund bellte.

So kamen sie an den Reinkenhof. Der stand noch, aber die Fenster waren

eingeschlagen, die Türen standen offen, Bettfedern lagen überall

verstreut und Stroh und Heu und Hafer. Im Hause war alles kurz und klein

geschlagen. Im Flett ging die gelbbunte Katze umher und quarrte

gottsjämmerlich. Die Dönze sah aus als wie ein Schweinestall; voller

Unrat war sie. Kein Stuhl war mehr heil, kein Teller mehr ganz. Im

Grasgarten lagen der Kopf und die Beine und die Kaldaunen von einem

rotbunten Kalbe und daneben das Spinnrad, aber in lauter Stücken.

Klaus und Harm sprachen kein Wort. Sie kamen nach Hingstmanns Hof. Da

sah es genau so aus, nur daß quer über der Deele der Hütejunge tot

dalag; er hatte ein tiefes Loch in der Stirn. Bei Mertens war es nicht

anders und auf dem Henkenhofe desgleichen, bloß daß da wenigstens keine

Leiche zu finden war. Auch auf den anderen Höfen war geplündert und

alles entzweigeschlagen, aber die Bauern schienen rechtzeitig Wind

bekommen zu haben, so daß sie sich hatten bergen können.

Mit einem Male sah sich der Wulfsbauer wild um und rief: »Ja, aber wo

brennt es denn? Heiliger Gott!« Er saß auf und jagte davon und hinter

ihm her jagte Klaus Hennecke. Quer durch die Haide ritten sie, und je

weiter sie kamen, um so mehr roch es nach Rauch, und dann hielt Harm

Wulf an und sprang ab und machte ein Gesicht, als ob er losweinen wollte

und sah dahin, wo sein Hof gestanden hatte, denn da war alles ein Rauch

und ein Qualm, bloß daß hier und da eine Flamme zu sehen war.

»Wawawas ist dededenn dadas?« stotterte er. Ihm war, als ob er kein

bißchen Kraft mehr in den Beinen hatte, so daß er Klaus an den Arm

fassen mußte. Und dann schrie er: »Rose, Rose!« Er lief um die

Brandstätte herum, in den Grasgarten hinein, sah in den Sod, kletterte

auf den brennenden Balken hin und her, sah gegen Himmel, schüttelte den

Kopf und sagte mit einem Lachen, bei dem es Hennecke kalt überlief: »In

der Burg, sie wird in der Burg sein!«

Klaus nickte: »Ja, das glaube ich auch. Da werden sie wohl alle

miteinander hin sein und das Vieh auch. Und der Junge von Hingstmanns

und Tönnes, die werden allein noch draußen gewesen sein, und da mußte es

ihnen so gehen. Wollen nach der Burg gehen, und wenn sie da nicht sind,

dann müssen wir, ja, am besten ist es wohl, wir reiten dann zuerst nach

Engensen; auf dem Drewshofe kriegen wir am ersten Bescheid.«

Sie saßen auf und ritten über die Haide und durch die Fuhren und von da

in das Bruch hinein. Es schummerte schon, als sie dort ankamen; der Uhu

flog über sie hinweg und als er im Walde war, schrie er hohl. Der Nebel

stand dick hinter den Torfstichen, in der Luft klingelten die Enten und

in den Wiesen schreckten die Rehe.

Keiner sprach ein Wort; ab und zu hielten sie an und horchten dahin, wo

der alte Burgwall lag, und dann sahen sie wieder vor sich auf den Weg,

dem man es anmerkte, daß Menschen und Vieh frisch darauf gegangen waren.

In der Wohld war es so duster, daß sie absteigen mußten. Hin und her

ging es, bald nach rechts, dann geradeaus, dann halb links und so in

einem fort. Ab und zu polterte eine Taube vor ihnen weg, oder ein Stück

Wild brach durch das Holz. Dann blieben sie stehen und horchten. Aber

immer und immer hörten sie keine Stimme und kein Kuhgebrüll.

Endlich war es ihnen, als ob sie ein Licht vor sich sahen, und als sie

stehen blieben, hörten sie, daß ihnen gegenüber ein Stück Vieh am

Brüllen war. Dann knackte ein Büchsenhahn und hinterher noch einer, und

eine Stimme, es war die des jungen Bolle, rief ihnen halblaut zu: »Wer

da?« Harm flüsterte ihm zu: »Wir sind es, Harm und Klaus. Wo ist meine

Frau?«

Atze Bolle würgte, als er etwas im Halse hatte, und brummte dann: »Komm

man erst nach der Burg! Ich habe hier Wache und weiß nicht, wer alles da

ist. Es ging ja Hals über Kopf heute, denn wir mußten machen, daß uns

das Gesindel nicht kriegte. Aber Ulenvater, den habe ich vorhin gesehen,

ehe daß ich wegging.«

»Na, was ist denn das?« meinte er, als etwas Schwarzes an ihm

vorbeisprang. Es war Harms Hund. Er stellte sich wie unklug an, bellte

und jaulte durcheinander, sprang an dem Bauern in die Höhe, leckte ihm

die Hände, lief vor und bellte, kam wieder zurück und mit einem Male

setzte er sich hin und heulte so schrecklich, daß Bolle rief: »Ruhig,

Teebe!«

Der erste Mensch, den Wulf sah, als er in den Wall kam, war die

Reinkenbäuerin. So wie sie ihn zu Gesichte bekam, schrie sie auf: »O

Gotte, Wulfsbur!« und dann fing sie an zu weinen. »Was ist?« schrie

Harm, »wo ist Rose?« Aber die Frau weinte, daß es sie stieß, und brachte

kein Wort heraus.

Harm sah hin und her, aber wo er einen Menschen ansah, der ging schnell

zurück. Endlich fand er seinen Schwiegervater. »Wo ist Rose?« brachte er

eben noch heraus, denn er war ganz heiser vor Angst. Der alte Mann hatte

ein Gesicht, als wäre er aus dem Grabe genommen. »Ja, Junge,« sagte er

und faßte Harm an beide Hände, »ja, Junge,« und dabei fing er bitterlich

an zu weinen, »unsere Rose ist bei unserem Herrgott!«

Harm machte eine Bewegung, als wollte er ihm an den Hals springen: »Was

sagst du? tot?« Er fing an zu lachen. »Das ist ja, das kann ja, aber so

rede doch, kein einer sagt mir, wo Rose ist!« Und dann rief er mit einer

Stimme, die sich anhörte, als ob sie zersprungen war, durch den ganzen

Wall: »Rose, Rose, wo bist du?«

Neben ihm stand Hingstmann: »Ruhig, Mensch, Renneckenvater liegt im

Sterben. Und die Horstmannsche hat vor Aufregung etwas Lüttjes gekriegt

und es geht ihr nicht gut.« Er hielt ihm die Flasche hin: »Trink erst

mal!« Aber Wulf stieß ihn zurück: »Ich will wissen, was mit meiner Frau

los ist, will ich wissen! Und wo sind die Kinder? Mein Hermken und das

Lüttje? Kinder und Leute, so tut doch endlich einer das Maul auf!«

Es kamen noch zwei Bauern. »Ja, einmal muß er es doch wissen,« sagte

Mertens. Er legte ihm die Hand auf die Schulter: »Ja, Harm, was hilft

das alles? Deine liebe Frau ist nicht mehr am Leben; sie ist im Hause

geblieben. Und die Kinder auch. Und dein Vater auch und der eine Knecht

und ebenso die beiden Mädchen. Weiß der Teufel, wie die beistigen Hunde

zu allererst nach dir hingefunden haben, wo dein Hof doch so ablegen

ist?«

Harm sah von einem zum anderen; er sah aus wie ein Kind, das sich vor

dem Hunde nicht von der Stelle traut. Seine Hände gingen an seinen Hosen

auf und ab, seine Lippen beberten, der kalte Schweiß stand ihm vor der

Stirn; jeder konnte hören, wie ihm das Herz im Leibe arbeitete und wie

ihm die Luft nicht zum Halse herauswollte. Endlich quälte er heraus:

»Ja, sind sie verbrannt, oder was ist?«

Die Männer sahen weg, schließlich sagte Horstmann: »Wir wissen da alle

weiter nichts von. Der einzigste Mensch, der am Leben geblieben ist, das

ist Thedel. Aber der ist ja wohl ganz von Sinnen geworden; der sitzt da

hinten beim Feuer und grient und sieht in einem fort das Messer an, das

er in der Hand hat.«

Harm stürzte mehr, als er ging, dahin, wo er den Knecht sitzen sah. Als

er vor ihm stand, lachte der ihm in das Gesicht und wies ihm das Messer;

aber mit einem Male ließ er es fallen, schlug beide Hände vor den Kopf

und heulte los. Der Bauer schüttelte ihn. »Junge, denn sag' du es mir

doch, was sich nun eigentlich begeben hat! Kein einer Mensch will was

davon wissen.« Er setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand über den

Hals. »Nun los!« befahl er.

Der Knecht sah ihn zuerst an, als ob er ihn noch kein eines Mal gesehen

hatte, und dann fing er an: »Sie sind alle tot, alle miteinander. Die

Frau ist tot und Hinnerk ist tot und Hermken ist tot und das Lüttje auch

und Trina ist tot und der Altvater ist tot und meine Schwester Alheid

ist auch tot. Alle sind tot, bloß ich nicht. Ich war im Busche Holz

machen und vor dem Hauen habe ich nichts gehört, als bis daß es zu spät

war, denn sie sind aus dem Bruche gekommen.«

Sehr viel konnte er auch nicht erzählen, denn das meiste war schon

vorüber, als er zurückkam. Aber das wenige, was er gesehen hatte, das

war so, daß er von dem Bauern abrücken mußte, denn der hatte ein Gesicht

und ein paar Augen darin, daß es ihm kalt im Genick wurde. Aber der

Bauer sagte: »Weiter, man weiter, ich will alles wissen,« und nur ab und

zu stöhnte er oder schnatterte mit dem Munde, daß Thedel seine Zähne

klappern hörte.

Als er alles aus ihm heraus hatte, sagte er: »Ja, Thedel, ich und du,

das ist nun der ganze Wulfshof. Was willst du jetzt machen? Willst du

einen anderen Dienst annehmen oder willst du bei mir bleiben? Denn,

versteh mich recht, Bauer will ich jetzt nicht mehr spielen; wo der

Teufel geerntet hat, habe ich keine Lusten mehr, zu pflügen und zu säen.

Aber,« setzte er nach einer kleinen Weile zu, »wo sind die Mordbrenner

denn hin?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Quer über die Haide sind sie und bei der

Schirmfuhre haben sie sich geteilt. Was die Tatern sind, die sind auf

Berghof zu, und die anderen, die mögen wohl nach Celle hin sein, denn da

wollten sie hin, hat mir der Mann gesagt.«

»Welcher Mann?« fuhr ihm der Bauer dazwischen. Der Junge grieflachte

abscheulich. »Der sich an deinem Honigbier so scheußlich besoffen hat,

daß er nicht aus der Stelle konnte und in der Haide liegen blieb und

schlief.«

»Na, und wo ist er jetzt?« fuhr es Wulf heraus. »Der mag da wohl noch

liegen,« griente der Knecht. »Wieso noch liegen?« fragte der Bauer

weiter. Der andere lachte über das ganze Gesicht: »Na, weil ich ihm, als

er wie ein Faß dalag, die Hände und die Füße zusammengebunden habe und

denn auch, weil er, als er sich vernüchtert hatte und ich aus ihm heraus

hatte, was ich wissen wollte, wohl nicht viel Leben in sich behalten

hat.«

Der Bauer lachte böse: »Was hast du mit ihm angefangen, Thedel?« Und

sein Lachen wurde noch tückischer, als der Knecht ihm das Messer wies

und ihm erzählte, was er mit dem Manne gemacht hatte. »Denn,« sagte er,

»es war der Schlimmsten einer. Gerade der ist es gewesen, der meine

Schwester umgebracht hat, er und das heilige Kreuz und der Säugling. Und

die müssen auch noch daran, sage ich, oder ich will keinen seligen Tod

haben!«

Der Bauer sah ihn dumm an: »Heiliges Kreuz? Säugling? Was heißt das?«

Thedel erzählte: »Als meist alles vorbei war und die mehrsten besoffen

waren wie die Schweine, bin ich auf allen vieren hinter dem Hagen

hergekrochen und da sah ich einen Kerl, der war so lang, wie ich noch

keinen Menschen gesehen habe, und der hatte einen ganz kleinen Kopf wie

ein Kind und auch genau solche Stimme, wenn er das Maul auftat, und

keinen Bart hatte er auch nicht, und zu dem sagten sie Säugling. Und der

andere, der war so kurz und dick wie ein Krautfaß, und er hatte einen

fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so dick wie ein Finger

und so rot wie ein Hahnenkamm, die eine von der Stirn bis in das Maul

und die andere von einem Ohr bis an das andere, just so, daß es wie ein

Kreuz aussah, und deswegen schimpften sie ihn wohl auch Heiliges Kreuz.«

Er sah vor sich hin: »Die beiden haben meine Schwester hingemartert; ich

habe es gehört, wie sie darüber ihre Witze machten, die beiden und der

andere, der besoffen in der Haide liegen blieb. Na, dem habe ich es

besorgt! Ich hatte ihm das Maul zugestoppt, denn ich dachte: wenn er an

zu bölken fängt und die anderen hören es, dann läufst du am Ende dumm

an. Die beiden anderen haben noch eine ganze Weile hinter ihm

hergeflötjet, bis es ihnen zu langweilig geworden ist. Ich bin bloß

neugierig, ob er morgen früh noch am Leben ist!«

Mitten im Reden schlief er ein. Der Bauer deckte ihm einen Mantel über

und dabei sah er, daß der Knecht so ruhig schlief, wie immer. Er mußte

noch oft hinsehen; wie ein Kind, das keiner Fliege wehtun konnte, sah er

aus. Er war der einzige Mensch im ganzen Dorfe, der es nicht mit ansehen

konnte, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, und dabei hatte er den

Mordbrenner geschunden, wie der Henkersknecht einen armen Sünder.

»Recht hat er getan!« dachte der Bauer; »Schimpf um Schimpf, Schlag um

Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.« Er sah in das Feuer und sah darin

einen langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer dünnen Stimme, und

einen anderen, kurz und dick wie ein Faß und mit zwei Narben im Gesicht,

die über Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen

Händen, alte Lappen in den Mäulern und Angstschweiß auf der Stirn, und

er stand davor, trat sie mit Füßen und hielt ihnen sein Messer vor die

Augen.

Lange saß er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male

wurden ihm die Augen naß. In einer von den Plaggenhütten weinte ein Kind

und eine Frau sang:

Eia wiwi,

keen slöppt denn nu bi mi?

Wi willt dat nu ganz anners maaken,

Heini schall in de Eia slaapen,

eia wiwi.

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 7 / 30 题