Die Weimaraner

Es war von da ab sehr still auf dem Wulfshofe. Die Bäuerin kam langsam

wieder zu Kräften, aber sie wurde lange nicht mehr die lustige Frau von

ehedem; sie blieb blaß und in sich gekehrt und verjagte sich bei jeder

Kleinigkeit.

Der Bauer war auch anders geworden; die Wut und der Ingrimm fraßen ihm

das Herz ab. Er hatte es verlernt, bei der Arbeit zu flöten, und wenn er

lachte, so war das, als ob die Herbstsonne einen Augenblick durch die

Wolken kam.

Es war auch keine Zeit zum Flöten und Lachen. Die Steuern nahmen immer

mehr zu, Bettelvolk aller Art zog im Lande umher, Westfalen,

Friedländer, Lipper, die bis dahin in Ruhe und Frieden gelebt hatten,

aber jetzt mit dem weißen Stocke gehen mußten, weil ihnen die Mansfelder

oder die Braunschweiger alles genommen und ihnen noch dazu das Dach über

dem Kopfe angesteckt hatten.

Schrecklich war es, was die Leute zu erzählen hatten, mehr als ein

Mensch aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Harm traf mitten in der

Haide eine Frau an, die sang und betete und lobte Gott für seine Güte.

Er hatte das nicht mit ansehen können und sie mit auf den Hof genommen,

wo sie halbwege wieder zu sich kam. Sie hatte auf einem guten Hofe

gesessen; ihr Mann war zu Tode gequält, ihre drei Töchter und der kleine

Junge auch; da war sie übergeschnappt und in die Welt hineingelaufen.

Sie aß wie ein Wolf und erzählte dazwischen; es war gräßlich anzusehen,

wie sie dabei trockene Augen behielt, in einem fort lachte und wieder

betete und Gott zum Lobe sang. Der Bauer war froh, als sie ging, obzwar

sie ihn von Herzen dauerte, aber die Bäuerin war ganz krank von dem

geworden, was die fremde Frau erzählte, und dreimal fuhr sie in der

Nacht in die Höhe und schrie und beruhigte sich erst wieder, als Harm

ihre Hand nahm und ihr zusprach. Am anderen Tage war sie so elend, daß

sie nicht aus dem Bette konnte, und jedesmal, wenn eine Tür zuschlug,

verjagte sie sich.

Seit der Zeit verbot der Bauer es seinen Leuten, von dem zu reden, was

in der Welt vorging; soweit es sich machen ließ, blieb er auf dem Hofe

und ließ die Feldarbeit den Knechten. So sauer es ihn auch ankam, er

zwang sich zum Lachen und Flöten, denn er merkte, daß das der Frau gut

tat, und bei kleinem wurde es mit ihr besser. Wenn sie dann abends den

Jungen zu Bett brachte und der redete Korn und Kaff durcheinander und

quiekte und lachte, dann konnte sie auch wieder mitlachen; aber es war

doch nicht mehr das Lachen, das sie früher hatte und bei dem es dem

Bauern immer ganz heiß unter dem Brusttuche wurde. Ihr Vater, der sich

jetzt viel auf dem Wulfshofe blicken ließ, gab sich alle Mühe, sie mit

seinen Dummheiten aufzumuntern, aber es war und blieb doch man ein

halbes Werk.

Da das Auspressen und Plündern und das Quälen und Martern kein Ende

nahm, hatten die Bauern rund um das Bruch miteinander abgemacht, sich

gegenseitig bescheid zu geben, damit das Vieh und die Frauensleute

geborgen werden konnten. Alle paar Wochen mußte einer der Knechte

losjagen, wenn von irgendwo schlimme Post kam, oder die Ödringer trieben

Hals über Kopf ihr Vieh in den Burgwall mitten im Bruche und ließen ihre

Frauen und Mägde so lange in den Plaggenhütten, bis die Luft wieder

sauber war. Seinen besten Knecht hatte der Wulfsbauer dabei eingebüßt.

Er war zum nächsten Dorfe geritten, um anzusagen, daß ein Haufen

weimarscher Kriegsknechte auf dem Wege war; am anderen Tage war der

Schimmel wieder da, aber mit Blut auf dem Rücken und einem Streifschuß

am Halse; Katz aber kam nicht wieder.

Bis dahin hatte der Wulfshof unter dem Kriege weniger ausgestanden als

die anderen Höfe in Ödringen, weil er zu sehr abseits lag. Auch

Landstreicher fanden sich deshalb selten hin. Da kam an einem

Herbstmorgen, als es über Nacht zum ersten Male gefroren hatte, ein

Zigeunerweib angebettelt, das ein halbnacktes Kind an der Brust hatte.

Ulenvater wollte den Hund auf sie loslassen, aber seine Tochter und der

Bauer wehrten es ihm. »Vater,« sagte die Bäuerin, »sie hat ein Kind an

der Brust und sieht halb verhungert aus!« Der Alte brummte, als sie der

Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab, und der Altvater

Wulf, der nicht mehr viel sagte, seitdem er sich auf die Leibzucht

begeben hatte, meinte: »Wenn dich das man nicht gereuen wird, Mädchen!«

Am Nachmittage kamen dreißig Weimaraner unter einem Offizier auf den

Hof. Mitten über die Haide, wo kaum ein Weg war, kamen sie, und der

Altvater sagte: »Da haben wir es schon!« Sie verhielten sich ziemlich

anständig, weil es ihnen an Wurst und Brot nicht fehlte und der Offizier

darauf sah, daß sie nüchtern blieben, weil sie noch einen großen Marsch

vorhatten. Aber ob der Bauer sich noch so sehr sträubte, er mußte zwei

Gespanne herleihen, und weil der Knecht von einem Pferd geschlagen war

und ein steifes Knie hatte, mußte Harm selber mit, so schwer ihn das

auch ankam.

Anfangs hieß es, seine Pferde würden bloß bis Burgdorf gebraucht; aber

als man auf der hohen Haide war, kam ein Zigeuner angelaufen, sprach mit

dem Führer und der Zug schwenkte nach Wettmar ab, wo zwei Wagen mit

Hafer standen, die Wulf weiterbringen sollte.

Es war schon meist Abend, als sie in Bissendorf ankamen. Da ging es wild

her; alles lag voll von weimarschen Truppen und es war ein Gebrüll und

Getue, daß Wulf ganz dumm zumute wurde. Der Wirt und die Wirtin sahen

aus, als wenn sie aus dem Grabe geholt waren; der Magd hing das Haar

lose um den Kopf, und Brusttuch und Hemd waren ihr kurz und klein

gerissen, und die Kinder saßen auf einem Haufen hinter dem Backhause und

streichelten den Hund, den einer von den Kerlen totgeschlagen hatte. Bei

ihnen saß der Knecht, hielt sich die Seite und spuckte Blut, denn er

hatte einen Kolbenstoß in die Rippen bekommen, weil er sich für die Magd

aufgeschmissen hatte.

Wulf wartete und wartete, denn der Offizier hatte ihm gesagt: »Seine

Pferde kriegt er wieder.« Es war meist Miternacht, da gab Wulf für einen

Soldaten einen Krug Bier aus, damit der Mann den Offizier an sein Wort

erinnern sollte. Gerade wollte er seinen Geldbeutel wieder einstecken,

da wurde ihm der aus der Hand gerissen und ehe er sich versah, lag er

vor der Türe. Er griff nach seinem Messer, nahm sich aber zusammen und

wartete, bis der Offizier schlafen gehen wollte, und als ein langer

Mann, den die anderen Herr Oberst anredeten, ihm in den Weg kam, nahm er

seinen Hut ab und fragte, ob er jetzt nicht seine Pferde bekommen

könnte.

»Maul halten!« schnauzte der Offizier; »was gehen mich seine Pferde an,

dummes Bauernvieh!« Wulf würgte es im Halse, aber er hielt sich zurück:

»Herr Oberst, der Herr Offizier hat es mir fest und heilig versprochen,

daß ich meine Gespanne wieder haben soll,« sagte er, und er wunderte

sich selbst darüber, daß er das so ruhig sagen konnte. Der Offizier

bekam einen roten Kopf: »Ist er verrückt, dreckiger Lümmel?« schrie er

ihn an; »ist er verrückt? Stellt sich der Kerl mir in den Weg! Weg da!«

Und als der Bauer nicht sofort Platz machte, schlug er ihn mit den

langen gelben Stulphandschuhen, die er in der Hand trug, in das Gesicht,

daß es knallte, und ging an ihm vorbei.

Wulf blieb wie ein Stock an der Wand stehen. Er hörte es kaum, daß ein

Troßknecht ihm sagte: »Krieg ist Krieg und hin ist hin! Tröste dich, wie

ich es getan habe; ich hatte auch einmal Haus und Hof und jetzt bin ich

froh, wenn ich Brot und Bier habe.«

Er ging in den Grasgarten und setzte sich auf einen schrägen Baum. Es

war eine sternklare kalte Nacht, aber der Bauer merkte die Kälte nicht.

Er aß sein Brot und seine Wurst so ruhig wie immer, trank seinen

Schnaps und überlegte, was zu machen war. So saß er da, bis es an zu

schummern fing und es im Hause wieder laut wurde. Die Magd, die Wasser

aus dem Hofe holte, rief ihn an, weil er eine Schüssel Suppe essen

sollte, und das tat er auch.

Der Troßknecht kam auch in das Haus und Harm brachte aus ihm heraus, wo

es hingehen sollte, und auch, daß der Mann, der ihn geschlagen hatte,

ein leibhaftiger Satan und Menschenschinder war. »Der kann dabeistehen

und sich högen, wenn sie ein Mädchen zu Tode quälen,« erzählte der

Knecht und gab einige Stücke zum besten, daß es dem anderen kalt und

heiß durcheinander über den Rücken lief.

Als er weg war, machte der Wulfsbauer sein dümmstes Gesicht und ging

bald hier, bald dahin, gleich als wüßte er nicht, wo er vor Langerweile

bleiben sollte. Auf einem Fensterbört lag ein Pulverhorn und ein

Kugelbeutel; als niemand hinsah, warf er beides über den Zaun unter den

Hollerbusch. Dann sah er sich so lange um, bis er eine Büchse fand, und

die besorgte er auch beiseite. Zuletzt traf er den jungen Offizier, der

bei ihm auf dem Hofe gewesen war; er bat ihn, ihm die Pferde wieder zu

verschaffen. Der junge Mensch, der den Abend zuviel getrunken und sein

ganzes Geld verspielt hatte, zuckte die Achseln und ging an ihm vorüber,

ohne ein Wort zu sagen. Als Harm ihm nachging und ihm sagte: »Ihr habt

es mir doch versprochen!« schrie er: »Hast du noch nicht genug? Scher

dich zum Teufel!« und dabei hob er die Reitpeitsche.

»Wenn nicht, denn nicht!« sagte der Bauer vor sich hin, ließ sich noch

einen Teller Brotsuppe und ein Stück Trockenbrot schenken, denn der

Wirt sagte: »Dein Geld haben die Schweine ja doch bei mir versoffen!«

Als die Luft rein war, steckte er das Pulverhorn und den Kugelbeutel

ein, nahm die Büchse unter seinen Mantel, sah sich um, ob ihn auch

niemand gewahr wurde, und dann drückte er sich von einem Baum zum

andern, bis er weit genug vom Kruge war und in die Haide kam.

Er war ganz ruhig; er wußte, wie er sich bezahlt machen wollte. Ganz

langsam ging er, sich immer in Deckung haltend, im großen Bogen dem

Bruche zu und nach der Straße hin, und da suchte er sich eine Stelle, wo

lauter Torfstiche waren, so daß kein Reiter dort durchkonnte. Da wartete

er, bis es Zeit für ihn wurde.

Hinten in der Haide fiel ein Schuß; im Moore war ein Birkhuhn am

Prahlen; ein Fuchs kam quer über die Straße, kriegte Wind von dem Bauern

und machte kehrt; Krammetsvögel fielen zu Felde; Mäuse piepten in den

Ellernbüschen; eine Elster flog über ihn weg.

Dann blies im Dorfe ein Horn, einmal, zweimal und ein drittes Mal.

»Jetzt, jetzt!« dachte Harm. Es dauerte nicht lange und er hörte das

Gepolter der Wagen, das Klappen der Peitschen, ein Pferd wieherte, eine

Stute; ein Hengst antwortete und dann alle anderen. Der Trompeter blies

ein lustiges Stück, die Reiter sangen; schön hörte sich das an. Wulf

kannte das Lied; er pfiff die Weise vor sich hin, lachte und dachte:

»Gleich, gleich!«

Sie kamen; ein, zwei, drei Reiter, dann ein ganzer Haufen, dann wieder

einer, der Trompeter, dann der Fähnrich, ein dicker Mann mit lustigem

Gesicht, der junge Offizier, neben ihm noch einer; sie erzählten sich

etwas, lachten laut und zielten mit der Hand nach einem Raben, der über

die Straße flog und sofort abschwenkte. Dann kam ein Frauenzimmer

angeritten, an jeder Seite einen Reitknecht. Das war die Person, die der

Oberst bei sich hatte, ein ausnehmend schönes Mädchen. Es drehte sich um

und rief etwas hinter sich.

Und dann kam der Oberst. Er sah aus, als wenn er wenig getrunken und gut

geschlafen hatte; er klopfte mit seiner rechten Hand, die in dem gelben

Stulphandschuh steckte, seinem Apfelschimmel den Hals.

Wulf sah in sich genau an, denn er wollte das Gesicht für immer im

Gedächtnis behalten. Dann nahm er den Mann auf das Korn, gerade in dem

Augenblicke, als der Oberst ihm das volle Gesicht zudrehte. Erst zielte

er auf die Brust, aber dann ging er tiefer und so wie es knallte, sah er

durch das Feuer, daß der Mann beide Arme über sich warf und nach der

Seite klappte, und gleich darauf hörte er ihn schreien: »O Jesus!« und

hinterher quietschte das Frauenzimmer auf.

Aber da war der Bauer schon ein Ende weiter. Er hatte es sich vorher

genau überlegt, wie er es machen mußte, damit ihn keiner zu sehen bekam.

Als das Schreien und Rufen losging und ein Dutzend Schüsse in den

Ellernbusch gefeuert wurden, in dem er gelauert hatte, da hatte er schon

den Abstich und ein tiefes Flatt hinter sich; von einem Birkenbusche

nach dem anderen kriechend kam er zu dem Anberg, von dem aus er nach der

Straße hinsehen konnte.

Er mußte lachen, wie sie da hin und her ritten und durcheinanderjagten,

gerade als wenn sie das zum Vergnügen taten! Und jetzt lachte er

hellwege auf, denn drei Reiter, nein vier, die in das Moor

hineinjagten, waren auf einmal weg und das Wasser spritzte auf.

»Dafür ist es eigentlich heute morgen zu frisch,« sagte er vor sich hin

und schüttelte den Kopf, als noch drei Reiter in das Bruch ritten. Zwei

sanken gleich ein und kehrten um; der eine aber, der einen Schecken

ritt, kam beinahe bis zur Haide, aber da brach das Pferd ein, der Reiter

schlug in den Morast, daß es nur so quatschte, und das Pferd trabte

ledig weiter.

Wulf sprang auf und kroch gebückt von einem Machangelbusch zum anderen,

bis er weit genug war. Er sah noch, daß mehrere Reiter abstiegen und zu

Fuß in das Bruch gingen; dann aber lief er, was er konnte, bis er da

war, wo der Schecke stand, hin und her trat und nicht recht wußte, was

er machen sollte, um aus dem Morast herauszukommen. Als er den Bauern

sah, prustete er freundlich, und in aller Gemächlichkeit konnte Wulf ihn

packen und an einem Busche anbinden.

Er blieb so lange hinter einem Machangel liegen, bis der Zug sich wieder

aufmachte. Ungefähr konnte er zählen, wie viele Pferde es waren. Der

Apfelschimmel ging ledig und das Frauenzimmer war auch nicht mehr

beritten, denn der verrückte rote Hut, den sie aufhatte, war jetzt auf

dem einem Wagen zu sehen.

Der Bauer nickte; er wußte, daß er seine Sache gut gemacht hatte. Er

lauerte so lange, bis der Zug im Walde verschwunden war und dann noch

eine Viertelstunde. Dann ging er vorsichtig dahin, wo er die Büchse

versteckt hatte, lud sie auf das neue und kroch dahin, wo der Reiter so

schwer gestürzt war. Er fand ihn gleich. Der Mann hatte den Kopf unter

der Brust und rührte sich nicht mehr; er hatte sich das Genick

abgestürzt.

Es war kein gemeiner Reiter, sondern ein Wachtmeister. Wulf nahm ihm den

Gürtel ab, schnitt die Jacke auf, und dann lachte er vor sich hin: elf

Dukaten hatte der Kerl in der Rückenbahn eingenäht und sieben auf der

Brust, und in der Tasche hatte er drei Taler und noch mehrere

Schillinge. Zudem hatte er ein sehr schönes Dolchmesser außer dem Säbel

am Gürtel. Das Messer nahm Harm an sich, den Säbel ließ er liegen, aber

die beiden langen Pistolen, die er in der Satteltasche des Pferdes fand,

behielt er.

Als er in dem Halfter noch weißes Brot, eine Flasche Schnaps, ein

gebratenes Huhn und Salz fand, war er vollends zufrieden. Er setzte sich

neben das Pferd, frühstückte in aller Ruhe, gab dem Schecken das Brot,

das er aus Bissendorf mitgenommen hatte, schlug sich die Pfeife an,

rauchte sie langsam zu Ende und ritt dann in schlankem Trabe nach Hause.

Schon von weitem wurde er gewahr, daß seine Frau nach ihm aussah. Sie

lachte und weinte durcheinander, als sie ihn sah: »O Gott, Harm,« rief

sie, »kein Auge habe ich zugetan die ganze Nacht! Gott sei Lob und Dank,

daß du wieder da bist! Was hab' ich mich gebangt! Aber wo hast du den

Schecken her? Und wo sind unsere Pferde?«

Ihr Mann lachte lustig auf: »Ja, Mädchen, die habe ich ihnen lassen

müssen; aber ich habe sie gut bezahlt gekriegt. Sieh mal!« Er hielt ihr

das Geld hin. »Aber jetzt bin ich hungrig wie ein Wolf; solchen Hunger

habe ich lange nicht gehabt. Gestern bin ich vor Ärger nicht zu meinem

Rechte gekommen. Was macht denn der Junge? Und hat sich sonst nichts

Besonderes begeben? Um so besser.«

Er war so aufgekratzt und hatte so blanke Augen, daß seine Frau sich

über ihn wundern mußte, und die Angst, die sie den Tag vorher und die

Nacht gehabt hatte, schlug bei ihr in lauter Freude um. So wurde es ein

Tag, wie er auf dem Hofe lange nicht mehr gewesen war, so viel Lachen

und Flöten gab es. Harm trug seinen Jungen Huckepack, ließ ihn auf den

Knien reiten und sang ihm dazu das Lied vor, das der Trompeter den

Morgen geblasen hatte.

Ein Reiter kam auf den Hof; es war Drewes. »Hast du das Neueste schon

gehört?« fragte er Wulf leise und grieflachte dabei wie ein

Scharfrichter. »Heute morgen ist der Weimarsche Oberst, oder was er

sonst ist, hinter Bissendorf bei der alten Wolfskuhle aus dem Busche

totgeschossen. Das heißt, ganz tot ist er nicht gleich gewesen; sie

haben ihn noch bis Hope gefahren und da ist ihm die Puste ausgegangen.

Ich habe die Geschichte in Mellendorf gehört. Und ein Wachtmeister und

ein Reiter sind noch dazu im Bruche ersoffen, als sie hinter dem

Scharfschützen hersuchten. Die Döllmer! hätten da wegbleiben sollen!«

Er sah den Wulfsbauern von der Seite an: »Deine Pferde bist du

losgeworden, habe ich gehört. Der Knecht sagt, du hast sie gut bezahlt

gekriegt. Das ist ja das reine Wunder! Mir haben sie zwei vor dem Pfluge

weggenommen und noch nicht einmal ein Gottvergelts dafür gegeben.

Schönes Wetter heute! Ich glaube aber, daß es über Nacht umschlägt. Na

adjüs auch!«

Er tat so, als ob er gehen wollte, drehte sich aber noch einmal um: »Na,

ekelst du dich jetzt noch vor mir, daß ich mir damals den Krückstock

blutig gerissen habe? Sei man ruhig, brauchst nichts zu sagen, und ich

will auch nichts gesagt haben! Geschäft ist Geschäft. Wir sind keine

Leute, die sich etwas schenken lassen, aber umsonst geben wir auch

nichts her. Und daß du es weißt: übermorgen wollen wir darüber sprechen,

wie es jetzt hier werden soll. Einer für alle und alle für einen muß es

heißen, sonst gehen wir allesamt vor die Hunde. In Wettmar haben die

Schandkerle zwei Bauerntöchter mit Gewalt verunehrt, in Berghof haben

sie einen Häusling so mit Schlägen zugedeckt, daß der Mann daran

gestorben ist. Deshalb wollen wir auf dem Hingstberge zusammenkommen,

übermorgen um Uhre neune, von jedem Dorfe um das Bruch herum einer oder

zwei. Für Ödringen mußt du kommen, denn der Burvogt hat seinen bösen

Husten.

»So, was ich noch sagen wollte! Die Schwefelbande, die gestern in

Bissendorf lag, kommt hier nicht wieder her. Sie sind froh, wenn sie

erst hier weg sind, denn der papistische General, Till oder so ähnlich

heißt er, ist ihnen auf der Naht. Wollen hoffen, daß er hier nicht

vorbeikommt. Addern und Schnaken sind zweierlei, aber Gift haben sie

alle beide.«

Er sah ihn von der Seite an: »Also brauchst du keine Bange zu haben, daß

sie das Geschäft reut, und daß du das Geld wieder hergeben mußt, und den

Schecken, den du zugekriegt hast. Aber das Pferd sieht zu dummerhaftig

aus; ich würde es ein bißchen auffärben, sonst lachen dich die Leute

aus, wenn du damit pflügst, und sagen: der Wulfsbauer pflügt jetzt mit

seiner schwarzbunten Kuh! Na, denn also bis übermorgen!«

Damit ging er. Harm tat, wie Drewes ihm geraten hatte, und am Abend war

der Schecke ein Rappe. Er war kaum mit der Arbeit fertig, da war der

Engenser wieder da. »Mensch,« sagte er, »du mußt mithelfen. Eben kommt

von Wiekenberg Botschaft, daß an die dreißig Kerle durch das Bruch

ziehen. In Wiekenberg haben sie einen Hof angesteckt und die Leute lahm

und krumm geschlagen. So fünfzig bis sechzig Leute kriegen wir zusammen.

Auf auf zum fröhlichen Jagen!«

Der Wulfsbauer machte ein verdrießliches Gesicht; er hatte geglaubt,

sich so recht ausschlafen zu können, und nun konnte er wieder die Nacht

um die Ohren schlagen und wie ein Wolf im Busche liegen. Und dann seine

Frau, so lustig war sie seit langer Zeit nicht gewesen. Ihre Augen

lachten man so, wenn sie ihn ansah, und Backen hatte sie wie damals, ehe

ihr das Unglück zustieß. Außerdem, wer weiß, wohin die Leute, von denen

Drewes redete, zogen? Und schließlich: sie hatten ihm ja nichts getan!

Das mit dem Obersten, das war etwas anderes; der hatte ihn in das

Gesicht geschlagen! Aber aus dem Hinterhalte Leute über den Haufen

schießen, mit denen er gar nichts vorgehabt hatte, das war ihm nicht

nach der Mütze.

»Weißt du was, Drewes?« sagte er, »ich kann den Kopp nicht halten; ich

habe die ganze Nacht draußen aufgesessen und den Tag über in Moor und

Haide zugebracht. Und meine Frau, du weißt ja, wie die ist! Zum ersten

Male seit damals ist sie wieder wie vordem; heute kann ich nicht von ihr

fort. Ich habe genug Sorge um sie gehabt das ganze Jahr. Und ob ich nun

mit dabei bin oder nicht, davon wird der Brei auch nicht dicker, zumal

ich kein Pferd habe, auf das ich mich verlassen kann. Laß mich dabei

lieber weg, heute wenigstens!«

Der Engenser sah ihn von der Seite an. »Ist wahr, du siehst aus, als

wenn dir der Kopp nach dem Bette hängt. Na, wir werden auch so mit ihnen

fertig werden. Vielleicht, daß du morgen früh nachkommst, denn wir

wollen gleich los, damit wir sie vor Tau und Tag in die Mache kriegen.

Aber das nächstemal rechnen wir auf dich. Bedenke, wenn du uns nicht

hilfst, meinst du, daß ein anderer für dich die Finger rühren wird? Du

hast doch schon genug ausgestanden, als daß du noch erst warten willst,

bis dir wieder einer was tut, ehe du zuschlägst. Tote Füchse beißen

nicht mehr! Aber wie du willst. Und denn adjüs auch!«

Harm wurde ordentlich das Herz leicht, als Drewes fort war, und als er

in das Haus ging, pfiff er das Lied vor sich hin, das die Reiter den

Morgen gesungen hatten:

Nichts Schönres kann mich erfreuen,

als wenn der Sommer angeht;

da blühen die Rosen im Garten,

ju ja im Garten;

Trompeter, die blasen ins Feld.

Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik · 第 6 / 30 题