nach Freiberg zu, die andere ostwärts nach Sayda. Wohl soll unser Ziel
Sayda sein, aber wieder tun wir besser, zu weilen, um auch ein Stück
nordwärts wandern zu können. Dort liegt hinter der nächsten Hügelwelle
das Dorf Dörntal, und seine Kirche, eine der wenigen noch erhaltenen
Wehrkirchen Sachsens, zieht uns an. Von der zwischen Pfaffroda und
Dörntal gelegenen Höhe sieht man westlich den großen Kunstteich
liegen, eines der Stauwerke der großen Wasserkunst, die zu Ende des
achtzehnten Jahrhunderts erbaut wurde, um die Maschinen des Freiberger
Bergwerks mit Kraft – der Kraft, die das Wasser selbst darstellte –
zu versorgen. Es ist ein imponierendes Werk alter Ingenieurkunst, das
hier noch heute unter dem schlichten Namen Revierwasserleitung besteht.
Weit oben im Quellgebiet der Flöha, bei Neuhausen, beginnt die Anlage,
die in einem endlos langen Graben das Wasser den Bergwerken Freibergs
zuführt. Dort fließt es dann durch den Roth-Schönberger-Stollen ins
Flußgebiet der Elbe ab. Wo es irgend angeht, folgt der Graben, mit Holz
überdeckt, der Horizontalen an den Hängen entlang, mag die Strecke
auch noch so verschlungen sich winden. Nur an einzelnen Stellen ist er
unterirdisch geführt. Und der Friedrich-Benno-Stollen, wie die Strecke
zwischen Pfaffroda und Dörntal heißt, war bei seiner Erbauung ein
viel bewundertes Kunstwerk. Damit es dem Graben nie an Wasser mangle,
sind zahlreiche Talsperren an seinem Laufe errichtet, die größten in
Dittmannsdorf, Dörntal, Obersayda und Großhartmannsdorf. Man staunt,
welch gewaltigen Dammbau man hier bei Dörntal aufgeführt hat. Freilich
mischt sich auch eine gewisse Wehmut dazwischen, denn in dem Damm sind
auch die Quader der uralten Kapelle aufgegangen, die einst in Dörntal
gestanden hat. Sie soll der heiligen Dorothee geweiht gewesen sein und
Dörntal den Namen gegeben haben. Daß sie bestanden hat, ist erwiesen,
daß der Name des Ortes von ihr herrührt, eine liebevolle Sage. Der Name
mag viel eher daher kommen, daß das Tal einst von dornigem Buschwerk
bestanden war und also als dornigtes Tal bezeichnet wurde.
[Illustration: Abb. 9. =Kirche von Pfaffroda mit alter Kastaniengruppe=]
So blank der Spiegel des Teiches lockt, wir wandern geradeaus über
Höhen und Wälder und stehen bald vor der ehrwürdigen Kirche. Aus steil
ansteigendem Schieferdach ragt ein zierlicher Dachreiter, dem man es
gar nicht zutraut, daß in ihm die schweren, großen Glocken geborgen
sind. Um die weißen Mauern zieht sich rundum ein alter Wehrgang, aus
mächtigen, uralten Baumstämmen fest gefügt. Schießscharten in den
Wänden und Gießluken in dem über die Mauer hinausragenden Boden zeigen,
wozu er angebracht wurde: daß sich in Zeiten der Not die friedliche
Kirche in eine Zuflucht und Burg für die Bewohner verwandeln konnte.
Der störende Schieferbelag ist bei der Erneuerung im Jahre 1912 von
der Patronatsherrschaft auf Anregung der Kommission zur Erhaltung der
Kunstdenkmäler entfernt, und der wohlerhaltene Wehrgang so in seiner
alten Form wieder zutage gebracht worden. Besonders schön ist auch der
Treppenaufgang zur Kirche. Ein Torhäuschen schützt ihn, und auf ihm
finden wir wohl noch einen Rest von der alten Dorotheenkapelle wieder.
Wie käme sonst an diese Stelle als eiserne Krönung das bischöfliche
Doppelkreuz?
[Illustration: Abb. 10. =Alte Wehrkirche in Dörntal=]
Mit der Berglehne, die die Kirche trägt, ist schon eine ansehnliche
Höhe erklommen. Weit unten im Süden sieht man das Tal der Biela sich
nach Sayda hinaufziehen. Wir schwanken, ob wir wieder hinunter sollen,
um dem Bachlauf zu folgen. Aber es ist nicht nötig. Auf der Höhe führt
die Straße weiter nach Sayda zu. Es wandert sich so schön und friedlich
auf ihr, und man mag es kaum glauben, daß hier Winter und Wetter so
unheimlich hausen können, daß es zur schwersten Gefahr für den Wanderer
wird. Aber der Chronist Lehmann berichtet uns anschaulich ein Ereignis,
das sich gerade hier im Jahre 1654 abgespielt hat: »Den 7. 11. gehet
der Pfarrer zu Dörnthal Johann Haberstroh in den Flecken Sayda am
Gebirge zum Markt und kauft nicht mehr denn ein paar Pfund Fleisch
und vor einen Groschen Brätzlein, darauf er sein schwanger Weiblein
hatte vertröstet. Im Rückwege kommet er im Windsturm von der Bahn ab
in die Irre und ins Wasser nahe ans Dorf, und ob er sich gleich wieder
herausgearbeitet und jämmerlich um Rettung geruft, haben doch sein
Rufen die Leute vor ein Windbrausen gehalten und ihn hilflos gelassen,
daß er naß und matt im Frost verderben müssen. Frühe hat man ihn tot
gefunden, also daß er auch in der Todesangst die Nägel an Händen
abgerissen.« –
Durch waldige Höhen führt der Weg. Er senkt sich sogar ein wenig, und
da sieht man denn bald gegenüber auf einer anderen Höhe Sayda liegen.
Es hilft nichts, wir müssen noch ein tiefes Tal bei Pilsdorf an der
Bielaquelle kreuzen, um nach Sayda hinauf zu gelangen. Schlicht ist
das Bild, das das Städtchen heute bietet. Vor dem großen Brande 1842
mag es malerischer und reicher ausgesehen haben. Seine Vergangenheit
hatte es – erst als böhmische, dann als meißnische Grenzwarte – zu
einem wichtigen festen Ort auf der Gebirgsstraße nach Brüx gemacht.
Auch die uralte Salzstraße von Halle über Öderan nach Brüx führte hier
durch, die bis vor wenigen Jahren noch als tiefer Hohlweg kenntlich
war und erst hinter Sayda im Purschensteiner Wald wieder als solcher
zutage tritt. Wie unendlich viele Fuhrwerke ihre Geleise in das
Erdreich gegraben haben müssen, beweisen die Aufzeichnungen, daß die
Straße im Jahre 1550 als sechs Ellen tiefer Hohlweg durch Sayda führte.
Um den Verkehr zu erleichtern, ließ damals Caspar v. Schönberg auf
Purschenstein die Höhlung ausfüllen und 1555 die Straße pflastern.
Denn auch Stadtherren von Sayda waren die Herren von Schönberg. An
der Stelle, wo heute die sogenannte alte Schule steht, erhob sich ein
festes Schloß, von dem leider auf keinem alten Stich oder sonstwo
eine Abbildung zu finden ist, und auch Reste, außer dem befestigten
Untergrunde, sind nicht mehr vorhanden. Sein Turm war dicker, als der
bekannte Donatsturm in Freiberg, und noch im achtzehnten Jahrhundert
diente es als Quartier für den Kommandeur einer Kürassierschwadron, die
hier dauernd in Garnison lag. Nach dem erwähnten großen Brande wurde
das schon baufällige Schloß und ebenso die Stadttore als Steinbruch
benutzt, und die Steine zum Wiederaufbau der Wohnhäuser verwendet. So
mag in mancher alten Hausmauer ein Rest ehemaliger Steinmetzverzierung
schlummern, ohne daß der Bewohner selbst es ahnt.
Überhaupt ist Sayda oft von schweren Bränden heimgesucht worden. So in
den Jahren 1465, 1599, 1634, 1702 und 1842. Der Brand von 1465 hat zu
einer gewaltsamen Vertreibung aller Juden aus der Stadt geführt, da man
ihnen die Schuld an ihm beimaß. Daß aber überhaupt ein Judenviertel
hier bestanden hat, ist wiederum der Beweis, daß Sayda ein nicht
unbedeutender Handelsplatz gewesen sein muß.
In der Mitte des Ortes etwa liegt die Kirche. Von Nordwesten zieht
sich der älteste Teil der Stadt an sie heran, der sogenannte Plan,
ein Platz, um den alte Holz- und Fachwerkhäuser stehen. Es sind
die einzigen, die der Brand von 1842 unversehrt gelassen hat. Die
Sage erzählt, daß 1813 eine Zigeunerin die Häuser auf hundert Jahre
»versprochen« hatte, und als dann gerade 1913 mehrere durch Feuer
zerstört wurden, verfehlte dieses Ereignis seinen Eindruck nicht.
Innen ist die Kirche mit zahlreichen schönen Denkmälern der Familie v.
Schönberg geziert, meist aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Außen zeigt
sie eine schlichte Gotik. Nur das würfelförmige Untergeschoß des Turmes
ist mit älteren Steinornamenten verziert, in denen noch romanisches
Formempfinden nachklingt.
Jetzt trägt der Turm eine schlanke schlichte Spitzhaube, die man weit
im Gebirge herübergrüßen sieht. Von oben tut sich eine unendliche
Fernsicht auf. Überall wogen waldige Hügel und Berge aus weichen Tälern
empor, und in noch deutlich erkennbarer Ferne sieht man die drei
Schlösser, Frauenstein, Purschenstein und Pfaffroda liegen. Es ist das
kein Zufall. Alle drei Schlösser waren einst im Besitz der Familie v.
Schönberg, und der Turm des Saydaer Schlosses, den heute der Kirchturm
ersetzen muß, war so angelegt, daß man von ihm in unruhigen Zeiten
Feuerzeichen nach allen drei Schlössern hin geben konnte, die dort vom
Wächter sofort wahrgenommen werden mußten. Die Herrschaft Frauenstein
ist dann der Familie verloren gegangen, als der Kurfürst sie gewaltsam
»einzog«.
Von alten Gebäuden fällt am östlichen Ausgange noch das sogenannte
Hospital auf, das über der Tür das Schönbergsche Wappen, umrahmt vom
Johanniterorden, in schöner Arbeit ziert. Dieses Hospital St. Johannis
wurde von Bernhard v. Schönberg auf dem Sterbelager gestiftet, als er,
im Jahre 1476 von Jerusalem heimkehrend, auf der Insel Rhodos starb.
Das jetzt dort stehende schlichte Gebäude, 1784 erbaut, dient als
Altersheim. –
Dunkler Fichtenwald schiebt seinen Saum hier ziemlich nahe an die
Stadt, aber vor ihm steht noch ein neu entstandenes Viertel Saydas.
Hier sind Wohnhäuser, namentlich für die Beamten errichtet. Denn auch
hier verlangt die wachsende Einwohnerzahl räumliche Erweiterung.
[Illustration: Abb. 11. =Kirchturm von Sayda mit dem alten »Plan«=]
Achtet man übrigens auf die Vegetation, dann wird einem klar, daß
zwischen hier und Olbernhau ein Klimaunterschied von gut vier Wochen
besteht. Wenn z. B. in Olbernhau schon Anfang Juni die Rosen blühen, so
erschließen sie sich hier oben erst Mitte Juli; und so ist es auch im
Herbst mit der Feldernte, die gar oft unter dem Schnee hervor geborgen
werden muß. –
[Illustration: Abb. 12. =Sayda. Hospital St. Johannis=]
In einer Talschlinge mit weitem Fernblick nach Süden liegen idyllisch
zwei Teiche, die sogenannten Schwemmteiche, – ein Ziel, das im Sommer
zahlreiche Menschen anlockt. Der Weg steigt wieder an, und hinter einer
Biegung taucht ein altes Gebäude von seltsam großen Ausmaßen auf, das
sogenannte Große Vorwerk. Auf einem mächtigen steinernen Unterbau
erhebt sich ein schönes Fachwerkgeschoß, und friesartig laufen um
die Mauern eigenartige Putzornamente vom Ende des 16. Jahrhunderts.
Merkwürdigerweise ist das alte Gehöft immer von feindlichen
Zerstörungen verschont geblieben.
Aus dem Grunde des weiten Tales, das sich nun aufgetan hat, grüßen die
charakteristischen drei Türme des Schlosses Purschenstein. Schon von
ferne kann man die zweckmäßige Anlage solcher alten Sitze erkennen: Im
Grunde eines weiten Talkessels auf einem dort aufsteigenden Felsrücken
errichtet, liegen sie einerseits so hoch, daß sie gegenüber den
Fernwaffen der damaligen Zeit durchaus gesichert waren, andererseits
aber so tief, daß die rauhen Stürme des Winters von den Höhenzügen
abgehalten werden.
[Illustration: Abb. 13. =Das »große Vorwerk« von Purschenstein=]
Ein uralter fester Ort ist dieses Purschenstein. Seinen Namen,
ursprünglich Borsenstein, hat es von dem Ritter Borso von Riesenburg,
der als Schutzherr des Klosters Ossegg gleichzeitig mit den
Zisterziensern über den Gebirgskamm zog und während diese weiter
westlich die Siedlung Pfaffroda anlegten, hier sein festes Schloß
erbaute. Wie es dann unter den Markgrafen von Meißen an die Familie v.
Schönberg kam, ist oben schon erwähnt. Liegen heute auch zahlreiche
Nebengebäude um das Schloß, so erkennt man doch noch deutlich den
Charakter als äußerst feste Burg: Von der einen Seite ist der
steilabfallende Felsrücken durch das Tal der Flöha, auf der anderen
Seite durch mehrere künstlich angedämmte Wehrteiche gegen feindliche
Angriffe geschützt. Auf der schmalen Nordseite lagerte sich ehemals
ein wehrhafter Halsgraben vor, und der südliche Abfall war durch
starke Mauern mit zwei jetzt verfallenen Türmen gedeckt. Nicht genug
damit, umgab eine dreifache Mauerwehr die eigentliche Burg, und
fünf starke Türme, von denen drei noch heute stehen, bildeten feste
Verteidigungspunkte. Von der innersten Mauer steht heute noch ein Teil
in Gestalt eines bogenförmigen Laubenganges. Ehemals zog sich dieser
auf drei Seiten rundherum und war mit einem Wehrgang versehen, während
die vierte Seite das Wohngebäude selbst bildete. Und selbst wenn diese
fast uneinnehmbare Anlage in Feindeshand gefallen war, konnten sich die
Bewohner immer noch in den festen Bergfried zurückziehen, zu dem ein
Eingang nur hoch oben, in Höhe etwa einer dritten Etage, führt. Denkt
man sich den Zugang zu ihm in Form einer hölzernen Treppe oder Brücke,
und diese Brücke dann in äußerster Not weggeschlagen, so konnten hier
die Bewohner vor jedem Ansturm sicher sein, solange nicht der Hunger
sie zur Übergabe zwang. – Vergegenwärtigt man sich dies, dann erscheint
es einem gar nicht verwunderlich, daß sich hier im Dreißigjährigen
Krieg, 1643, vierzig schwedische Reiter wochenlang gegen eine starke
feindliche Belagerung durch die Kaiserlichen halten und nicht zur
Übergabe gezwungen werden konnten.
[Illustration:
Zeichnung des Verfassers
Abb. 14. =Schloß Purschenstein=]
Unten im Orte Neuhausen wogt rastlos das Leben der neuen Zeit.
Ursprünglich durch die Wasserkraft der Flöha herbeigezogen, hat sich
eine lebhafte Industrie entwickelt, und weithin erstreckt sich schon
heute der Ort. Darüber erhebt sich im Süden der Gipfel der Schwarte,
der schon von Ferne überall auftauchte, und hier, trotz seiner Höhe
von siebenhundertachtundachtzig Metern ganz harmlos niedrig erscheint.
Schade übrigens, daß wir in Sachsen so oft nichtssagende Benennungen
für schöne Landschaftspunkte haben. Die Schwarte ist wirklich ein
Gipfel, der mehr hält, als sein prosaischer Name verspricht. In weiten
Windungen zieht sich die Straße nach Deutscheinsiedel am Hange empor.
Immer spärlicher werden die Häuser, nur ganz vereinzelt kleben sie
unter dem kahlen Gipfel des Schwartenberges hingeschmiegt. Links geht
es ab nach dem bekannten alten Bade Einsiedel, geradeaus führt der
Weg nach dem Zentrum der sächsischen Spielwarenerzeugung, Seiffen und
Heidelberg. Wir biegen rechts ab, um mühelos den Gipfel der Schwarte
zu erreichen, und im sonnenvergoldeten Abend stehen wir vor einem
Heimatbilde von überwältigender Weite und Größe. Unten im Tal streben
aus milchig weißen Nebeln die Türme Purschensteins empor. Ganz leise
dringt das Hämmern und Pochen des gewerbefleißigen Neuhausen herauf,
aber rundum dehnt sich das Bild in feierlichster Stille. Dunkle Höhen,
endlos, weltenweit wogend, ruhen in feierabendlicher Verklärung so frei
und gelöst, als breiteten sie ihr Innerstes weit geöffnet dem wachenden
Auge Gottes dar, und je tiefer die Sonne sinkt, desto goldener wird das
Meer der hauchzarten Abendnebel, das die Täler erfüllt. Auf steilem
Gipfel im Westen sieht man die ferne Augustusburg als vieltürmige
Silhouette herübergrüßen, schwarz steigt der Pöhlberg weiter südlich
empor, und selbst der Fichtelberg und Keilberg zeichnen sich mit klaren
Linien in die Abendluft.
Auch nach Böhmen hinein öffnet sich weit der Blick, und woran man vor
dem Krieg, als ein befreundetes Reich sich hier weithin erstreckte, nie
dachte, das kommt einem jetzt plötzlich tief und stark zu Bewußtsein:
Grenzland ist hier, und wir stehen wie auf einer Warte, mit deutschen
Sorgen und deutschen Pflichten.
Sebnitzer Pestdenkmale
Von Prof. Dr. _Alfred Meiche_
Aufnahmen des Heimatschutzes
»Erzittre Welt, ich bin die Pest!
Ich komm in alle Lande
Und richte mir ein großes Fest;
Mein Blick ist Fieber, feuerfest
Und schwarz ist mein Gewande.«
Wieder einmal zog der furchtbare Würgengel im Jahre 1680 durch
Deutschland. Auch unser Sachsen ward von ihm verheert, und
schonungslos hauste er besonders im Meißner Hochlande. Nur die Stadt
Sebnitz konnte sich mit einem einzigen Todesopfer loskaufen. Ja, es
scheint sogar, als ob sich dorthin Familien aus anderen bedrohten
Orten geflüchtet hätten. Mindestens von Frau Johanna Küffner, der
Gattin eines Dresdner Ratsherrn, wissen wir, daß sie damals aus der
pestverseuchten Hauptstadt nach Sebnitz gekommen war, weshalb die
Eheleute später in ihrem letzten Willen dankbar der dortigen Kirche und
Gemeinde gedachten. Näheres über dieses Küffnersche Legat berichtet
Götzinger in seiner »Geschichte des Amtes Hohnstein«, 1786, S. 114.
Das 1702 errichtete und 1729 veröffentlichte Testament bestimmte, daß
dreihundert Taler von der legierten Summe (siebenhundert Taler) zu
einem größeren Werke für die Kirche zu verwenden seien. Als daher nur
vier Jahre danach ein Diakonat in Sebnitz geschaffen wurde, benutzte
man jenes Geld zum Bau einer Amtswohnung für den zweiten Geistlichen
des Ortes. An dem Gebäude aber wurde über der Eingangstür nach der
Straßenseite zu eine Gedächtnistafel aus Sandstein eingelassen.
Auffälligerweise erwähnt Götzinger weder die besondere Verwendung jener
dreihundert Taler noch diese Inschrift. Sie lautet, in lateinischer
Sprache und mit Initialbuchstaben geschrieben, wie folgt:
~Quod.
Oculus Os Manus
Numinis Regis Benefactoris ejusdemque
B. Dn. Johannis Sigismundi Küffneri Senat. Dresd.
Viri ob munificentiam post mortem immortalis
Dextram jungente B. conjuge ipsius
Johanna Gertrude nat. Strauchia
Providit Probabit Promovit
Cor pium senatus coetusque
Sacri Sebnitiens. aedificium
E. C. A. D. MDCCXXXIV.~
Diese Schrift befindet sich auf dem ovalen, flach gewölbten Hauptfelde
der Sandsteinplatte. »Der mit Steinarabesken umschlungene schmale Rand
dieses Feldes trägt noch die Schreibinitialen J. S. K., und gleich
darunter steht auf dem Hauptfelde in gleicher Schrift P. S. Diese fünf
Buchstaben bedeuten: ~Johanni Sigismundo Küffnero publico signo~ (Dem
Johann Sigismund Küffner zum öffentlichen Denkmal).«
Diese Inschrift dürfte auch guten Lateinern zunächst ein Rätsel
bleiben; vielleicht hat sie darum Götzinger, der Sohn des Sebnitzer
Pfarrherrn, der den »Küffnerstein« doch kennen mußte, da er zu
seiner Zeit offenbar schon bestand, in seinem Geschichtswerke
fortgelassen. Dagegen ist ihre Lösung bald hundert Jahre später dem
jetzt verstorbenen Schuldirektor Fritz Ohnesorge in Sebnitz gelungen.
Scharfsinnig verband er die in der zweiten, dritten und achten Zeile
jedesmal unvermittelt nebeneinander gestellten drei Wörter unter
sich und las nun: »~Quod oculus numinis providit, (quod) os regis
probavit, (quod) manus benefactoris promovit~« und nun ergab sich
folgende Übersetzung: »Dies Gebäude, das vorhergesehen hat das Auge
der Gottheit, das genehmigt hat der Mund des Königs (von Polen und
Kurfürsten von Sachsen), das gefördert hat die Hand des Wohltäters und
seligen Herrn Johann Sigismund Küffner, Senators zu Dresden, eines
wegen seiner Wohltätigkeit nach dem Tode unsterblichen Mannes, wozu ihm
die Hand reichte seine selige Gattin Johanna Gertrud geb. Strauchin, –
das hat das fromme Herz des Stadtrats und der Kirchgemeinde zu Sebnitz
aufführen lassen im Jahre des Herrn (~E. C. A. D.~ = ~exstrui curavit
anno domini~) 1734.«
Ohnesorges Mitteilungen über den sogenannten Küffnerstein, die wir
hier im Auszuge wiedergeben, finden sich in der Zeitschrift des
Gebirgsvereins für die Sächsische Schweiz »Über Berg und Tal«, 5.
Jahrg. Nr. 1 (Januar 1882). Bei dem vor wenigen Jahren erfolgten Neubau
des Sebnitzer Diakonats ist der Denkstein über dem Eingang an der
nördlichen Stirnseite desselben angebracht worden, wo er hoffentlich
noch lange Zeit sinnigen Menschen das Gedächtnis an ein edles
Menschenpaar erweckt.
Zwar nicht im Kern der Stadt, aber doch in seiner Flur besitzt Sebnitz
noch ein zweites Denkmal aus jener Notzeit; das ist der sogenannte
_Peststein_ im Gemeindehain oder wie unsere Heimatgenossen nach der
Väter Weise lieber sagen im »Gemeenhahnel«. Auch über ihn hat Ohnesorge
in derselben Zeitschrift (4. Jahrgang Nr. 12) berichtet, und diese
Darstellung zehn Jahre später in den jetzt sehr selten gewordenen
»Bergblumen« (Dresden-Strehlen, 1891, Seite 22 f.) wiederholt. Dort
ist auch ein Bild (Federzeichnung) des Peststeins beigegeben. Beide
Aufsätze stützen sich auf eine Nachricht in dem schon erwähnten Werke
Götzingers und ein um 1880 herum noch im Besitz der Familie Odilo
Hesse in Sebnitz befindliches Protokoll vom Jahre 1817, das der
Stadtschreiber C. G. Grahl bei einem Spaziergange nach dem damals wohl
ziemlich vergessenen Denkstein aufgenommen hatte. Jene Darstellung
läßt sich nun durch Akten aus der Zeit der Pest selbst ergänzen und in
wesentlichen Punkten berichtigen[2].
Auch heute kennen selbst viele Sebnitzer dieses Denkmal nicht;
aber Rohlinge haben es doch aufzufinden gewußt und – neben den
Witterungseinflüssen – stark beschädigt (Abb. 2). Es ruft darum
nach dem Heimatschutz, entweder durch die Stadtgemeinde oder den
Landesverein selbst.
Der Peststein liegt unfern der schönen, aussichtsreichen Staatsstraße,
die von Sebnitz nach Neustadt über das Gasthaus »Zum stillen Fritz«
führt, nur wenige Minuten oberhalb der Stelle, wo beim Sebnitzer
hinteren Finkengute die Eisenbahn den Straßenzug überbrückt, und zwar
in einem halbhohen Fichtenwald nordöstlich der Straße. Seine Lage hat
bisher eine gute photographische Aufnahme vereitelt.
Der Denkstein besteht aus einer Sandsteinplatte mit Inschrift; erstere
ist an einem großen Granitblock von fünf bis sechs Meter Länge und
etwa drei Meter Breite und Höhe angebracht. Vor seinem Ostfuße bemerkt
man den flachen Grabhügel, dessen Kopfseite noch ein roher, mit dem
Kreuzeszeichen versehener kleiner Granitstein bezeichnet. Von den vier
Weimutskiefern, die einst das Grab an seinen Ecken umhegten, steht nur
noch eine.
[Illustration: Abb. 1. =Nebeneingang zum Diakonat in Sebnitz mit dem
Küffnerstein=]
Errichtet wurde dieses Denkmal 1740. Die im obenerwähnten Protokoll
genannte Zeit 1746 beruht auf einem Lesefehler. Erneuert wurde es
1835. Nach den genannten Quellen ruht hier Frau Maria Wunderlich
geb. Schuster, aus dem Erbgericht zu Rugiswalde stammend, Ehefrau
des Bürgers und Schneiders Johann Wunderlich in Sebnitz. Mit ihrem
volkstümlichen Namen hieß sie die Toffels Hansin. Sie war in dem
schweren Pestjahre 1680 – die Überlieferung sagt: entweder zum Besuch
ihrer Mutter oder um dort Butter zu holen – nach Rugiswalde gegangen,
wo die Pest stark wütete. Als man das in Sebnitz erfuhr, sollen ihr
die dortigen Einwohner mit Stangen bewaffnet entgegengezogen sein,
ihr die Rückkehr in die Stadt verwehrt und ihr an der bezeichneten
Stelle eine Hütte gebaut haben, wohin ihr täglich Speise und Trank
gebracht wurde. In meinen Kinderjahren haben mir alte Sebnitzer noch
den sogenannten Pestweg gezeigt, der von der Hertigswalder Straße durch
das Grundstück des oben genannten Odilo Hesse (worin sich jetzt das
Gewerkschaftsheim befindet) über die sogenannte Drehbrücke, dann durch
das Grundstück der Lampenfabrik (ehemals Hoffmann, jetzt Schwager) am
Nordostrande des »Knöchels« emporsteigend, an Feld-Oppelts Hause und
einem alten (jetzt abgehauenen) wilden Apfelbaume (dicht am heutigen
Krankenhause) vorüber nach dem sogenannten Hemmhübel geführt haben
soll. Demnach müßte also die Familie im Südostviertel der Stadt, auf
der Retschiene oder Hertigswalder Straße, gewohnt haben.
Die unglückliche Frau soll nun neunzehn Wochen lang allein in der
Waldeinsamkeit gehaust haben und im Alter von einunddreißig Jahren
drei Monaten am 24. August 1680 dort gestorben sein. Das Sebnitzer
Kirchenbuch enthält merkwürdigerweise keinen Eintrag ihres Todes.
Wenn diese Darstellung zutreffend wäre, so hätte Direktor Ohnesorge
allen Grund gehabt, zu bezweifeln, daß die Toffels Hansin an der
Pest gestorben sei, die ihre Opfer bekanntlich nach wenigen Tagen
hinzuraffen pflegt. Man müßte dann ihren Tod vielmehr »den Unbilden
der Witterung, dem Mangel an Pflege und dem Bangen und Sorgen ihres
Herzens« zuschreiben und »den törichten Wahn der Menschen, ihre
selbstsüchtige Furcht vor Ansteckung« dafür verantwortlich machen.