ähnlich geworden, und er besitzt nicht die von »~neapolitanus~«
angegebenen »am Grunde weichhaarigen Staubfäden«, seine Staubfäden sind
kahl. Seine Färbung ist ziemlich gleichmäßig: Von der dunkelvioletten
Kronenröhre zieht sich an jedem Kronenblatt ein dunkler Fleck nach oben
(Abb. 2). Dunkler sind auch die Spitzen der schmäleren äußeren Zipfel.
Ich fand bei den meisten der untersuchten Pflanzen nur _drei_ grüne
Laubblätter vor, während der eigentliche ~vernus~ meist mehr als drei
entwickelt! Die grünen Laubblätter zeigen auf der Unterseite parallel
dem Rande zwei auffallende Rinnen, über welche uns ein Blattquerschnitt
(Abb. 3) am besten Auskunft gibt. An diesem sehen wir, daß das
Blatt in eigenartiger Weise mit seinen Rändern nach der Unterseite
eingerollt ist. Solche Rollblätter deuten auf das Streben hin, das
Innenwasser möglichst wenig nach außen verdunsten zu lassen. Es ist
eine Art Verdunstungsschutz, der für trockene Sommer, aber auch für den
scheinbar feuchten Vorfrühling angebracht ist. Ich sage »scheinbar«
feucht! Die Bodenkälte verhindert nämlich die Wasseraufnahme durch die
Wurzeln, hält also die Pflanze trocken, so daß die Blätter gezwungen
sind, mit ihrem vorhandenen Lebenswasser möglichst sparsam Haus zu
halten.
Nach all dem vom Drebacher Krokus gehörten, ist es wohl angängig,
ihn als eine besondere, im Laufe der Jahrhunderte herausgebildete
Lokalform anzusprechen und ihn botanisch als ~Crocus vernus Wulf. forma
drebachensis~ zu bezeichnen.
[Illustration: Abb. 3. Zwei botanische Seltenheiten in Drebach:
=Frühlingssafran=, im Volksmunde »Nackte Jungfer« genannt, darüber die
400jährige »=Eibe=«.
Aufnahme des Erzgebirgszweigvereins in Drebach ]
Nun noch einige Worte zur Frage der Verbreitungsmöglichkeit. Auch die
Krokus pflanzen sich, wie andere Pflanzen, durch Samen fort, welche
nach einem Befruchtungsvorgang entwickelt werden. Zur Befruchtung
muß der Blütenstaub aus den Staubbeuteln auf die dreiteilige Narbe
gelangen. Hier muß dies Stäubchen auskeimen und einen seidenfeinen
Keimfaden (Pollenschlauch) in den mit Samenknospen erfüllten
Fruchtknoten senden.
[Illustration: Abb. 4. =Vorfrühling in Drebach=]
Beim Eindringen in die Samenknospen spielen sich noch geheimnisvolle
Teilungsvorgänge ab, und erst dann ist die zur Frucht- und
Samenbildung nötige geschlechtliche Vereinigung erfolgt. Wie aber
gelangt der Blütenstaub auf die meist höher stehende Narbe? (Abb.
1 ~n~). Bei unserem Krokus könnte es nur durch Zufall mit eignem
Pollen geschehen. Die lange, honigerfüllte Kronenröhre deutet darauf
hin, daß die langrüsseligen Schmetterlinge beim Saugen des Nektars
die Übertragung des Blütenstaubes besorgen. Aber bei der frühen
Blütezeit sind die erwarteten Falter wohl ganz seltene Blütengäste,
so daß eben eine Samenbildung meist unterbleiben wird. Allerdings
kann die lange Kronenröhre bis zum Überlaufen mit Honig gefüllt
sein, so daß auch Bienen und Hummeln, die ersten Frühjahrsbummler
der Insektenwelt, mit ihrem kürzeren Rüssel zu Gaste gehen können.
Trotz alledem wird wohl eine Samenbildung, sicherlich aber auch eine
richtige Samenreife äußerst selten sein. _Es wäre jedoch wertvoll,
wenn Drebacher Ortsbewohner Beobachtungen anstellen würden, ob
etwa im Juni die dreiklappige häutige Kapsel mit ihrem schlaffen
bleichen Stiel und ihren zahlreichen kugeligen Samen im Grase dieser
Krokuswiesen aufzufinden ist._ Undenkbar ist es nicht, zumal ja auch
Selbstbefruchtung in den Blüten eintreten könnte.
[Illustration: Abb. 5. =Teilaufnahme der Drebacher Krokuswiesen=]
Die im vorhergehenden Aufsatz ausgesprochene Vermutung, daß eine
Verbreitung der Pflanze auf ungeschlechtlichem Wege durch die Knollen
erfolgt, ist nicht von der Hand zu weisen.
[Illustration: Abb. 6. =Krokuswiese in Stürza= bei Stolpen]
Die neue Knolle, sogenannte Verjüngungsknolle, sitzt der abgeblühten
Knolle obenauf (Abb. 1 ~Ek~) und müßte sich derart der Bodenoberfläche
immer mehr nähern, wenn nicht Wurzeln sie herabziehen würden. Es ist
aber möglich, daß einige so nahe der Oberfläche gelangen, daß sie beim
jährlichen Rechen der Wiesen oder durch reißende Niederschlagswässer
herausgerissen und über die Wiesen verbreitet werden.
[Illustration: Abb. 7. =Krokusblüte im Schloßgarten zu Moritzburg=]
Daß auch Maulwürfe zur Verbreitung beitragen können, zeigt eine
Bemerkung von Schoenach, der bei Bad Schartl (Vorarlberg) auf den
Maulwurfshügeln Hunderte herausgewühlter Krokusknollen sah, die beim
Breitziehen der Haufen oder auch durch Regengüsse weitergeführt werden
und derart zur Verbreitung der interessanten Pflanze beitragen.
[Illustration: Abb. 8. =Krokuswiese in Langenwolmsdorf=]
Auch anderwärts hat in Sachsen durch gelegentliches Anpflanzen
einzelner Krokusstöcke im Laufe der Zeit eine starke Verbreitung
stattgefunden, so daß wir auch außer Drebach ganz nette, wenn auch
nicht so umfangreiche Krokuswiesen besitzen. Wir finden solche noch im
_Moritzburger Schloßpark_ und auf einer _Gutswiese von Langenwolmsdorf_
sowie von _Stürza_. (Abb. 6–8.) Vor kurzem sah ich eine Krokuswiese
an der Grenze zwischen Ober- und Niederbobritzsch bei Freiberg,
welche ebenfalls eine recht kleinblütige Form führte. Bei der sehr
interessanten, etwas legendenhaften Erzählung von den, Herrn Pfarrer
Rebentrost in Gnaden gewährten drei Pflanzenarten: Krokus, Eibe und
Vogelmilch (~Ornithogalum umbellatum~) _würde es von Wert sein, zu
wissen, ob noch Aufzeichnungen, Briefe oder Urkunden bestehen, welche
diese Mitteilung stützen könnten_.
Es will mir bedenklich erscheinen, daß Professor Reichenbach in seiner
vor etwa hundert Jahren erschienenen ~Flora Saxonica~ den Drebacher
Standort nicht nennt. Unwahrscheinlich mutet es mich auch an, daß
in dem kurfürstlichen Garten unter den Heilpflanzen die Vogelmilch
aufgenommen war, von welcher mir bisher keine Heilwirkung bekannt
geworden ist[1]. Im östlichen Erzgebirge steigt diese Pflanze nach
meinen Beobachtungen zu Höhen von 450 Meter empor, im westlichen
Erzgebirge scheint sie allerdings seltener zu sein, doch gibt
Reichenbach einen Chemnitzer Standort und Frisch in der Flora des
Pöhlberggebietes einen solchen vom Geyersdorfer Weg an.
Mag sich nun die von Herrn Ficker gebotene wertvolle historische
Anmerkung durch Urkunden bestätigen lassen oder nicht, sie macht uns
den reizenden Lenzesboten des Drebacher Krokus sicherlich noch lieber,
und die Freude an dem lilaen Blütenteppich der »nackten Jungfern« des
lieben Erzgebirgsdörfchens soll uns kein Zweifel verkümmern!
Fußnote:
[1] Die früher zu Heilzwecken gebrauchten »Wurzeln von
~_Ornithogalum_~«: ~_radix Ornithogali_~ waren von
~_Gagea_~, dem Goldstern, und zwar von den Arten ~_lutea_~
und ~_arvensis_~.
Grenzland
Von ~Dr.~ _Alfons Diener von Schönberg_
Bilder von _Max Nowak_, _Dresden_
Wenn die Eisenbahn von Flöha flußaufwärts sich durch das enge Tal
gewunden hat – so eng, daß nur auf kurze Strecken noch Platz für eine
Fahrstraße neben den Schienen zu finden war –, tut sich plötzlich kurz
vor der Haltestelle Blumenau ein weiter, lieblicher Talkessel auf. In
vorgeschichtlicher Zeit ist er ein See gewesen, dessen Wogen weithin
an waldige Ufer schlugen. Aber im Laufe der Jahrhunderte hat sich
sein Abfluß immer tiefer in den dammartig vorgelagerten Gneisfelsen
hineingefressen, sein Spiegel sank, und heute bedecken Wiesen und
Felder den Grund, während grüne Wälder die Höhen säumen.
Inmitten so geschenkten Bodens hat sich dann bald der Mensch
angesiedelt, und die windgeschützte Lage hat ihrer immer mehr hierher
gelockt. Bei einer Windung des Zuges sieht man zwischen Bäumen schon
Gebäude hervorlugen, ein Dach hinter dem anderen hebt sich empor, die
Häuser rücken enger zusammen, ein Kirchturm, behäbig und stark, reckt
sich zum Himmel und fleißige Essen lassen weißen Rauch in die Lüfte
wehen: Olbernhau. Das streckt sich weithin talauf, aber da nimmt den
Blick die ferne Höhe gefangen, die im Südosten das Tal zu schließen
scheint. Winzige weiße Häuschen schimmern enggedrängt vom Kamme herab,
und nadeldünn sticht ein Turm in den blauen Himmel: Katharinaberg mit
der Franz-Joseph-Warte. Aber so eng das völkisch mit unserem deutschen
Lande verbunden ist, wir wissen: Dort herrscht schon der Tscheche. Jäh
überkommt einen das Gefühl von der Bedrängnis deutscher Art, und man
senkt den Blick, ihn ausruhen lassend an dieser Stätte deutschen Wesens
und deutschen Fleißes hier. –
Der Zug strebt weiter flöhaaufwärts, Neuhausen zu. Aber der Wanderer,
der hier in Olbernhau aussteigt, findet eine Fülle des Lockenden, so
viel, daß er erst kaum weiß, nach welcher Richtung des weiten Tales er
die Schritte lenken soll.
In solchem Schwanken gibt es nichts besseres, als sich des schönen
Wortes zu erinnern, das Gerhard Platz geprägt hat: Vom Wandern und
Weilen im Heimatland. Nur wer zu weilen versteht, wird recht wandern
und nichts abseits liegen lassen, was des Anschauens wert ist.
Also verweile man hier, bis talauf und talab der weite Grund
durchwandert ist. Das rührige Olbernhau zeigt so recht, wie neues
Leben sich neue Form geprägt hat. Noch vor dreißig Jahren eine kleine
beschauliche Landgemeinde, die sich eng um das den Kern bildende
Rittergut am Markt schmiegte, ist es jetzt eine Stadt von zwölftausend
Einwohnern, die ihre Arme in Gestalt langer Straßen an den Hängen
hin schon bis zu den Nachbardörfern ausstreckt. Schade, daß bei der
Stadtwerdung im Jahre 1902 die prächtige Baumallee der Freiberger
Straße dem Ehrgeiz, eine »städtische« Straße darzustellen, zum Opfer
fiel. – Die unschönsten Gebäude sind, wie überall, wo der Aufschwung in
den neunziger Jahren einsetzte, Amtsgericht und Reichspost: Aus rohen
Ziegeln nach rohem Schema roh erbaut. – Von Altem ist nicht viel mehr
vorhanden, nur wenige der alten Häuser stehen noch, so besonders am
Markt, wo aus steilen Dächern lustige Reihenfenster blitzen. Und der
Kirchturm steht noch so rund und gemütlich da, wie er um 1590 erbaut
wurde, und wie ihn Theodor Körner beschrieb.
Der kam als junger Bergstudent von Freiberg gar oft hier durch, um
im kurfürstlichen Kupferhammer Grünthal, der alten »Saigerhütte«,
Studien zu machen. Eine halbe Wegstunde talaufwärts liegt dieses
alte Werk, heute zu einer bedeutungsvollen Anlage erweitert, und vom
alten Eingangstor, mitten zwischen kleinen Häuschen und großen neuen
Gebäuden, grüßt noch das kursächsische Wappen. Aber wo Körner einst
durch einsame Wiesen und Felder wanderte, begleiten heute Reihen von
Häusern den Weg.
Dicht hinter dem Kupferhammer steigen Felsen steil empor, und von
hohem Hange grüßt eine Kirche weit ins Tal, den Blick auf sich
ziehend. Unwillkürlich kommt es einem in den Sinn: »Droben stehet
die Kapelle«. Steigt man hinauf, so lohnt ein Blick von lieblichster
Weite: Nach Westen das Tal mit Olbernhau, darüber dunkle Fichtenwälder
in immer höher sich schiebenden Kulissen, im Süden der Eingang zum
Natzschungtal, unweit dessen die schwarzen Türme und Halden des
Anthrazitwerkes herüberdrohen. Nach Osten, zu Füßen der Waldberge
von Rothenhaus, leuchtet aus grüner Matte das seltsam langgezogene
Reihendorf Brandau, und weiter oben thront wieder Katharinaberg. Aber
schon Brandau ist böhmisch und sein guter alter Name heute in Brandovo
umgewandelt. Die Flöha, die hier unten dicht am Berghange fließt, ist
Reichsgrenze.
Ein Gefühl, als ob man hier oben unabhängig von Grenzen sei, die
Menschenhand gezogen, überkommt einen an der Kirche, die so frei
hinüberschaut ins andere Land. Und dies Gefühl mag auch die Männer
beseelt haben, die als erste sich hier niederließen. Emigranten
aus Böhmen waren es, die um ihres protestantischen Glaubens willen
die Heimat verlassen mußten, da ihnen der Westfälische Friede dort
keinen Glaubensschutz gewährte. Mit dem breiten Strome heimatloser
Flüchtlinge, der sich damals nach Sachsen und weiterhin ergoß, kamen
auch acht Familien aus der Herrschaft Dux herüber. Sie fanden in dem
Besitzer des Rittergutes Pfaffroda, dem Berg- und Amtshauptmann Caspar
v. Schönberg, einen gütigen Förderer, der ihnen kurz entschlossen
hier ihm gehöriges Land gegen eine geringe Summe (wir würden heute
sagen: ein Bezeigungsgeld) abtrat. So entstand hier im Jahre 1651 die
erste Siedlung, die zum Danke für ihren Gründer und Förderer den Namen
Oberneuschönberg erhielt. 1658 und 1669 erhielt sie weiteren starken
Zuzug aus Böhmen, was den Erzbischof von Prag, Fürst Waldstein, so
verdroß, daß er sogar dem Kurfürsten Johann Georg mit Repressalien
drohte. Aber hier, jenseits der böhmischen Grenze, galten die
glaubensschützenden Bestimmungen des Westfälischen Friedens. So konnten
die Heimatlosen Heimat finden und 1659 erst eine hölzerne, 1692 dann
an gleicher Stelle eine steinerne Kirche bauen. Mit Absicht mögen sie
sie so hart an die Grenze gestellt haben, daß sie wie eine Burg ins
böhmische Land hinüberragte, und ehern mag zum erstenmal von hier das
Lied hinübergeklungen haben: Ein feste Burg ist unser Gott! –
[Illustration: Abb. 1. =Olbernhau. Kirche am Marktplatz=]
Talab von Olbernhau liegen zwei Dörfer ähnlichen Namens: Nieder- und
Kleinneuschönberg. Auch hier gab Caspar v. Schönberg das Land an
Exulanten, auch hier bewies er die gleiche Fürsorge für ihr Wohl,
indem er alle drückenden Abgaben fernhielt und sogar (1655/59!)
Gewerbefreiheit und Freizügigkeit gewährte. Noch stehen in den drei
Neuschönbergischen Dörfern mehrere der alten Wohnstätten, die die
ersten Ansiedler errichteten, kleine Häuschen, die grad Unterkommen
für eine Familie boten. Und es ist charakteristisch, daß sie fast alle
dort errichtet sind, wo ein Felsen zutage tritt – kleine Burgen endlich
gefundenen Friedens – eine Versinnbildlichung des Wortes:
Wer Gott dem Allerhöchsten traut,
Der hat auf keinen Sand gebaut.
In sanftem Bogen windet sich durch Kleinneuschönberg die Biela der
Flöha zu. Ihr Name verrät, daß, wie so oft im Gebirge, ehe dort
Ansiedlungen entstanden, die Slawen den Wasserläufen die Namen gegeben
haben. Man sieht es dem unscheinbaren Bächlein nicht an, daß ehemals
Perlen darin gefischt worden sind. Noch 1912 wurde eine Muschel mit
einer rosa Perle hier gefunden, und wenn ihr Wert auch von Fachleuten
nicht hoch geschätzt wird, dem Heimatfreund ist sie zehnfach wert.
Die alten Valen sollen diesen Reichtum genau gekannt und auch nach
goldreichem Sand gesucht haben. Aber die Nachrichten darüber verlieren
sich in sagenhaftem Dunkel.
Es lockt, der Biela zu folgen und nicht gleich nach Olbernhau
zurückzukehren. Freilich führt ihr Lauf durch feuchte Wiesen, und man
tut besser, der nahen Straße zu folgen, die abwärts nach Reukersdorf
führt. Da steht man dann erfreut vor dem dortigen Gasthof »Zum
Erbgericht«. Ein prächtiges Beispiel heimatlicher Bauweise in Fachwerk,
an dem auch die echten erzgebirgischen Schiebefenster, für jeden Wind
unangreifbar, aus Gründen der Heimatliebe noch erhalten sind.
[Illustration: Abb. 2. =An der Reichsgrenze. Blick von der Kirche
Oberneuschönberg auf Brandau und= (am Horizont links) =Katharinaberg=
in Böhmen]
Auf der weiten Wiesenfläche haben schwarze Haufen den Blick gefesselt.
So wandert man zu ihnen hinüber und steht bald vor großen Torfstichen.
Als nach dem Kriege die Kohlen so knapp und teuer waren, konnten
kaum genug der schwarzen Ziegel geliefert werden. Wir schreiten über
glucksendes Erdreich an schwärzlich schimmernden Lachen vorbei und
stehen plötzlich vor einer vier Meter hohen Wand, von der der Torf
senkrecht abgegraben worden ist. Und hier blicken wir wieder in die
Werkstatt der Natur, die in jahrtausendlangem Wirken diesen Boden
schuf. Ganz deutlich sehen wir, wie drei Vegetationszeitalter hier
übereinander liegen; dreimal erkennen wir eine Schicht von Baumstämmen
untergegangener Wälder, auf denen dann die Zeit eine meterhohe
Moorschicht gehäuft hat, bis auf deren Oberfläche wieder ein Wald
erwuchs, den dann ein Naturereignis auch wieder zu Boden schmetterte.
[Illustration: Abb. 3. =Kleinneuschönberg. Altes Haus auf Felsen=]
Flußauf und flußab ist nun das Tal durchwandert. Wohl möchte man gern
von Olbernhau über die südliche Höhe nach Zöblitz und Marienberg zu
wandern, aber es zieht uns heute nach der anderen Seite flöhaaufwärts.
Und da wir dem Zuge der Bahn nicht folgen wollen, wandern wir nördlich
den Hang empor, dem Walde zu. Ein steiler Steig führt den Auschänkberg
hinauf, der seinen Namen von einer Schänke hat, die einstmals dort in
der Aue lag. Die Höhe gibt noch einmal einen schönen, weiten Blick über
das ganze Tal, dann nimmt uns der Wald auf. Der Heimatfreund freut
sich, gleich hier ein Stück praktischen Heimatschutzes zu sehen. Wo
der Steig auf die alte Saydaer Poststraße stößt, steht eine mächtige,
wohl zweihundert Jahre alte Linde. Weithin spreizt sie ihre starken
Äste, so weit, daß die vom Alter geschwächten ihr eigenes Gewicht nicht
mehr zu tragen vermögen. Da hat die Forstverwaltung von Pfaffroda
jeden einzelnen fein säuberlich gestützt, so daß der alte Baum in
unveränderter Schönheit ragen und grünen kann.
Bald nimmt der Dom eines Buchenwaldes den Wanderer auf. Gewaltige
Stämme streben zu beiden Seiten der Straße empor, und in jungem grünem
Laub spielt golden die Sonne. Ein altes Weiblein, so echt in ihrem
Kostüm der Märchenhexe, daß man fast an Kostümierung glauben könnte,
sucht mit gebeugtem Rücken, auf den Stock gestützt, nach dürrem Holz.
Ein Specht klopft fröhlich hämmernd an den Stämmen. Er findet wenig
hier, denn die Stämme sind noch gesund, trotz ihrer dreihundertzehn
Jahre. Und sie sollen auch stehenbleiben, solange die Kraft in ihnen
quillt. Aus Gründen der landschaftlichen Schönheit hat sie der Besitzer
von jedem Holzschlag ausgeschieden und gewissermaßen zum Bannwald
erklärt.
In den dunklen Fichten, die sich dann anschließen, muß man den
Schwedenweg suchen, wenngleich keine Spur mehr von ihm erkennbar ist.
Er hat seinen Namen daher, daß im Jahre 1639 hier eine schwedische
Nachhut von dem Förster Graß aus Grünthal überfallen und mehrere
Schweden erschossen wurden. Aber der schwedische Kapitän, der seine
Frau in einer Kalesche mitführte, riß sie zu sich aufs Pferd und
rettete sich verwundet nach Sayda. Zehn Tage später traf ein großer
Trupp schwedischer Reiter in Olbernhau ein und vollzog ein schweres
Strafgericht, indem er den unschuldigen Ort in Brand steckte.
Und da kommt auch noch eine andere Erinnerung an Kriegszeiten: Bis
hierher drangen im August 1813 nach der Schlacht von Dresden die
noch einmal siegreichen Franzosen verfolgend vor. Biwaks bedeckten
die Höhen über Olbernhau, König Murat von Neapel nahm im Schloß
Pfaffroda Quartier. Drei Tage blieb der Feind, dann wandte er sich der
eigenen Schicksalswende zu, die ihn im Oktober bei Leipzig traf. Der
Kanonendonner von Leipzig wurde, wie alte Aufzeichnungen erzählen, hier
noch deutlich vernommen.
[Illustration: Abb. 4. =Gestützte Linde am Auschänkberg bei Olbernhau=]
Die Höhe ist erreicht, und der Weg geht nun ebener dahin. Hier, etwas
abseits von der Straße, stand bis vor wenigen Jahrzehnten eine uralte
Tanne, in deren Rinde ein Jagdhorn eingeschnitten war, und die darum
den Namen Hörneltanne führte. Weithin, erstaunlich weit, war sie als
Landmarke bekannt. Und wie schön waren doch solche Landmarken mit
lebendigen Namen! Wie viel schöner klangen die alten Bezeichnungen der
Forstorte »an der Hörneltanne«, »am Hirschbad«, »am tiefen Graben«,
als heute die nüchternen Benennungen »Abteilung 47« oder »73«. Daß
Heimatliebe und Forscherdrang heute diese alten Forst- und Flurnamen
sammelt, und ein reiches Material sich im Dresdner Hauptstaatsarchiv
häuft, muß der Heimatfreund bei der zunehmenden Ernüchterung unserer
Tage dankbar begrüßen.
Wiesenschlingen öffnen sich rechts und links, das Waldbild belebend.
Noch einmal steigt der Weg sanft an, dann neigt er sich langhin
zu Tal. Es ist wieder das Tal der Biela, deren großen Bogen wir
abgeschnitten haben, und deren Lauf in der weithin sich streckenden
Senkung nach Sayda hinauf wir wie aus der Vogelschau verfolgen können.
Und schon grüßt vom fernen Höhenkamm die Stadt Sayda mit ihren beiden
charakteristischen Türmen.
[Illustration: Abb. 5. =Alter Buchenbestand im Pfaffrodaer Forst=]
Aber wir folgen der Straße abwärts und über dem Wald taucht das Schloß
Pfaffroda auf, dessen fünf spitze Giebel über die Bäume des Parkes
lugen. Inmitten des Gehöftes liegt, das hohe Alter der Siedlung
kennzeichnend, die Kirche; die Haube ihres Turmes zeigt die für Sachsen
nicht häufige Zwiebelform und schimmert kupfergrün herüber. Wie der
Name sagt, sind es Mönche gewesen, die hier den Wald gerodet haben,
Zisterzienser von Ossegg, die es als heilige Aufgabe betrachteten,
das Land urbar zu machen, daß es dem Menschen Brot gäbe. Als dann
im dreizehnten Jahrhundert der Landstrich an die Markgrafen von
Meißen kam, wurden ihre Vasallen hier seßhaft, und seit 1352 sind
es die Herren von Schönberg. Bis 1650 war Pfaffroda ein Teil der
Purschensteiner Herrschaft, dann zwang die durch den Dreißigjährigen
Krieg eingetretene Verarmung zur Teilung des Besitzes, und ein
Vetter des Purschensteiners wurde hier heimisch: Georg Friedrich,
der Vater Caspars, den wir als Gründer der Neuschönbergischen Dörfer
kennengelernt haben. Dieser Stifter der Pfaffrodaer Linie hat freilich
kaum hier wohnen können. Sein Amt als Oberberghauptmann hielt ihn in
Freiberg fest. Und während er 1643 im Verein mit Georg v. Schweinitz
und Jonas Schönlebe die Stadt Freiberg gegen den brandenden Ansturm der
Schweden verteidigte, steckten diese hier das Schloß in Brand.
[Illustration:
Zeichnung des Verfassers
Abb. 6. =Schloß Pfaffroda=]
Es mag bös ausgesehen haben, als der Feind abgezogen war. Wohl waren
die massiven Untergeschosse stehengeblieben, aber Giebel und Dächer
ragten als traurige Ruinen empor. Doch dieses Unglück sollte noch zum
Glück für die Familie ausschlagen. Der Kurfürst hatte die Absicht, mit
mehr oder weniger sanftem Zwang Gut und Schloß zu erwerben. Als er
nun auf einer Reise die zerstörten Trümmer sah, schien es ihm unwert,
den Plan weiter zu verfolgen, und so blieb der Besitz der Familie
erhalten. Bald waren die Schäden ausgebessert und die Giebel erhoben
sich wieder in der schlichten Form, die noch heute steht, und die einem
ausdrücklichen Wunsche Caspars v. Schönberg entsprach, der aus den
bitteren Erfahrungen des Kampfes um sein Eigentum seinen Nachkommen
zur Pflicht machte, das Schloß so schlicht zu halten, daß es nie
begehrliche Blicke auf sich zöge.
[Illustration: Abb. 7. =Pfaffroda, Schloßhof=]
Zu Füßen des Schlosses liegen zwei große Teiche und über ihre hohen
Dämme, mit uralten Linden bestanden, führt die Straße hinweg. Diese
Linden-Alleen, die auch östlich vom Schloß weit in die Felder sich
ziehen, wurden von Curt Adolf Dietrich v. Schönberg in den Hungerjahren
1771/73 angelegt, um der Bevölkerung Arbeit und Brot zu schaffen. Sie
verdanken also »Notstandsarbeiten« ihr Entstehen, ein Begriff, der uns
vor dem Kriege ganz verloren gegangen war. Die alten Linden auf den
Dämmen sollten übrigens kurz vor dem Kriege beseitigt werden. Das
Straßen- und Wasserbauamt war ihnen nicht gewogen, da vielleicht unter
Umständen doch die Möglichkeit bestände, daß einmal eine umbrechen und
dadurch der Straßendamm beschädigt werden könnte. Glücklicherweise
widersprach der Besitzer und zog ein Gutachten des Vereins Heimatschutz
bei, das sich so erfreulich deutlich aussprach, daß die alten Linden
und damit das schöne Landschaftsbild erhalten blieb.
[Illustration: Abb. 8. =Schloß Pfaffroda. Halle= (von 1578)]