Hüttenwerke von Halsbrücke und Muldenhütten auf einem Grunde, in einem
Erzbezirke stehen, in dem noch ungeheure Erzmengen schlummern, deren
Abbau und Aufbereitung unter Anwendung moderner Verfahren sich wohl
lohnen und für unser Vaterland wichtig sein würde, widersinnig, daß
diese Hütten fast nur ausländische Erze verhütten müssen, deren große
Transportkosten die Erzeugnisse der Hütten ausländischem Wettbewerbe
gegenüber verteuern, und daß nicht mit starker Faust und Wagemut das
deutsche Erz aus dem deutschen Boden geholt wird. Ist es nicht ein
Widersinn, daß nur ein einziges kleines Privatwerk, die »Alte Hoffnung
Gottes« zu Kleinvoigtsberg noch heimisches Erz an die staatlichen
Hüttenwerke liefert und bestehen kann, während in den staatlichen
Gruben bereits vor zwölf Jahren die letzte Schicht verfahren ist?
Freilich würden bei einer durchgreifenden Modernisierung dieser letzten
Grube und Durchführung der Elektrisierung z. B. im Bohrbetrieb die
zurzeit anstehenden Massen bereits in zwei Jahren abgebaut sein.
Das Erforschen und Erschließen neuer Abbaumöglichkeiten müßte sofort
beginnen, um nach zwei Jahren etwa den Betrieb ohne Unterbrechung und
mit neuen Erzreserven ungestört weiterführen zu können.
Die Zukunft des Werkes, wie überhaupt des Freiberger Bergbaues, liegt
in den Aufschlüssen nach der Tiefe und dem Aufmachen neuer Grubenfelder.
Für die Modernisierung und neue Aufschlußarbeiten des Werkes sind
nach Schätzung der Betriebsleitung etwa 350000 Mark erforderlich. Da
diese Summen vom Werke nicht aufzubringen sind, kann nur ein größeres
Darlehen der Regierung oder von anderer kapitalkräftiger Seite hier
Hilfe bringen, zur Erhaltung und Stärkung des letzten lebenden Zeugen
einer großen Vergangenheit und zur Erlösung der Schätze der Tiefe aus
dunkler Haft zum Segen der Heimat.
Wenn dies der erste Schritt zur Wiederaufnahme des Freiberger Bergbaues
auch auf den hoffnungsreichen, still gelegten Grubenfeldern des Staates
sein würde, so würde ein Segen dem Erzboden entspringen für Volk und
Land wie einst in alter Zeit!
In früheren Jahrhunderten hat manchmal in den Gruben der Betrieb
geruht und ist dann wieder aufgeblüht und hat immer wieder das ganze
Land gesegnet. Unsere neuen Zielen entgegenstrebende, auf neuen Wegen
aufwärtssteigende Zeit darf hier, wo soviel Hoffnungskeime tief im
Grunde schlummern, nicht verzagen, sondern muß tatkräftig schaffen
und neues Leben erblühen lassen. Die älteste Industrie Sachsens, der
Erzbergbau, ist immer noch berufen, dem Sachsenlande Werte zu bringen.
Mögen die Regierung und alle, die es angeht, zusammen dazu helfen, daß
diese Werte nicht tot und begraben bleiben, sondern daß sie zu frischem
Leben erwachen.
Heimatschutz ist es, wenn die Zeugen alter Kultur erhalten und in ihrer
Eigenart den Herzen nähergebracht werden; Heimatschutzarbeit ist es
aber auch, wenn neue Kraft und frischer Arbeitsgeist und Freudigkeit
ihnen zugeführt wird und sie verjüngt werden zu rüstigen Arbeitern und
starken Helfern am Wohle und an einer hellen Zukunft des Vaterlandes
und der engeren Heimat. Möge die Erhaltung und Ausgestaltung der
»Alten Hoffnung Gottes« zu Kleinvoigtsberg, des letzten Zeugen alter
Freiberger Bergherrlichkeit, eine derartige Heimatschutzaufgabe für das
ganze Sachsenland werden, ein erster, mutiger, hoffnungsstarker Schritt
zur Wiederaufnahme und Wiedererweckung des Freiberger Bergbaues!
Versuch dein Heyl,
Häng Küb’l und Seil!
Glückauf!
Die Streitlinde bei Königsfeld
Von _Albert Gruhle_, Rochlitz
Aufnahmen _Hans Mitzscherlich_, Rochlitz
Starker Sturm, der in der Nacht vom 9. zum 10. Februar dieses Jahres
wütete, hat einem altehrwürdigen Naturdenkmale der Rochlitzer Gegend,
der fünfhundertjährigen Streitlinde, argen Schaden zugefügt. Einer der
breit ausladenden, weit über zehn Meter langen Äste, wurde von dem
Hauptstamme losgetrennt und liegt nun, wie unsere Abbildungen zeigen,
auf dem Boden. Nur an einer Stelle besteht noch etwas Zusammenhang
zwischen Stamm und Ast.
Die Nachricht von dieser Zerstörung fand in der Bevölkerung allseitiges
Interesse, und so lenkten viele ihre Schritte nach Königsfeld, um
den beschädigten Baum aufzusuchen. Mancher hat auf diese Weise das
erstemal von der Streitlinde gehört und sie gesehen, obwohl sie einen
Hauptbestandteil des Landschaftsbildes ausmacht.
Wie und wann der Baum zu seinem Namen gekommen ist, läßt sich nicht
nachweisen. Da die Linde im Grenzgebiet zwischen Königsfeld und
Köttwitzsch steht, hat sie wahrscheinlich ihren Namen von einem alten
Grenzstreit. Der Sage nach sollen sich dort zwei adlige Brüder bekämpft
haben.
Willst du, geneigter Leser, den Baum aufsuchen, so wirst du ihn, sobald
die Staatsstraße Rochlitz–Geithain die Königsfelder Höhe erreicht hat,
links von dem Vorwerk »Heide« erblicken. Mit seiner mächtigen Krone
macht er aus der Ferne einen stattlichen Eindruck, obwohl er eigentlich
keinen entwickelten Baum darstellt. Der Stamm ist höchstens zwei Meter
hoch. Offenbar ist die Linde in ihrer Jugend geköpft worden und hat nun
die eigentümliche, wagerecht ausladende Astbildung aufzuweisen. Die
Hauptäste zeigen zum Teil den Umfang von kräftigen Baumstämmen. Den
Aufnahmen sieht es wohl niemand an, daß der untere Teil des Stammes
einen Umfang von sieben Meter und siebzig Zentimeter hat. Es scheint
so, als ob in früheren Zeiten auf den Ästen ein gelegentlicher
Aufenthaltsort für Menschen gewesen sei. Wenn man den Erzählungen
eines Landwirts aus dem nahen Köttwitzsch Glauben schenken darf, so
soll unter der Streitlinde einst der Rittergutsherr seinen Frönern ein
Fest gegeben haben als Dank dafür, daß sie ihm die Ernte gut haben
einbringen helfen, ehe langandauerndes Regenwetter einsetzte.
[Illustration: Abb. 1. =Die Streitlinde.= Von Norden aus gesehen]
So ist der Baum gewiß ab und zu der Schauplatz manch einer
Dorffestlichkeit gewesen, wenn er auch nicht in der Dorfmitte
stand. Was mag er in den fünfhundert Jahren alles erlebt haben! Im
Schmalkaldischen Kriege wurde bei Rochlitz ein Treffen geliefert,
in dem Kurfürst Johann Friedrich gegen Markgraf Albrecht von
Brandenburg kämpfte und diesen trotz seiner siebentausend Mann starken
Heeresmacht besiegte. Kaiserliche, Schweden und Kurfürstliche mögen
im Dreißigjährigen Kriege oft an unserer Linde vorübergezogen sein,
um das Schloß Rochlitz zu besetzen oder die Besatzung zu befreien.
Im Siebenjährigen Kriege sah der Baum Preußen und Österreicher
vorüberziehen. 1812 lagerten in ihrer Umgebung Franzosen, Bayern und
Italiener, die sich auf dem Wege nach Rußland befanden. Wer zählt
die ungeheuren Scharen, die im Jahre 1813 von Napoleon und von den
Verbündeten hier vorübergeführt wurden! Oft drang dann nach 1870 der
helle Klang der Feldtrompeten der 18er Ulanen vom nahen Exerzierplatz
in Königsfeld zu unserem Baume herüber.
Daß dieser nicht das Opfer menschlicher Zerstörung, insbesondere der
rohen Soldateska geworden ist, hat er sicher seinem etwas abseits von
der Verkehrsstraße gelegenen Standorte zu verdanken. Von der Straße aus
ist die Linde durch eine Bodenwelle verdeckt. Ein schmaler Feldrain,
nur für Kundige auffindbar, führt nach ihr hin.
Der Eindruck, den man von Norden her empfängt (Abb. 1), ist noch nicht
so trostlos. Wesentlich trauriger mutet der Anblick von Süden aus an.
(Abb. 2.) Die Aufnahmen von Westen und Osten (Abb. 3 und 4) zeigen mit
erschreckender Deutlichkeit den Verfall unseres Naturdenkmals.
[Illustration: Abb. 2. =Die Streitlinde.= Von Süden aus gesehen]
Ist dieses überhaupt noch zu retten und was ist zu seiner Erhaltung zu
tun? Diese Fragen veranlaßten den Verfasser dieses, an den Vorstand des
Landesvereins »Sächsischer Heimatschutz« zu berichten und um Abordnung
eines Baumsachverständigen zu bitten. Der Besitzer der Streitlinde,
Herr Graf zu Münster, hatte sich in liebenswürdigster Weise bereit
erklärt, alles zur Erhaltung derselben zu tun. Am 27. Februar hatte
Herr Obergartendirektor Hofrat Bouché die Güte, in Gemeinschaft des
Besitzers und des Vertrauensmannes sich an Ort und Stelle von der
Beschaffenheit des Baumes zu überzeugen.
[Illustration: Abb. 3. =Die Streitlinde.= Von Westen aus gesehen]
Dem Gutachten möge folgendes entnommen werden: Leider ist der Verfall
schon sehr weit vorgeschritten. Die früheren Besitzer des Rittergutes
Königsfeld haben offenbar nicht das lebhafte Interesse für
Heimatschutz gehabt, wie es der jetzige Eigentümer in hervorragender
Weise bekundet. Der Stamm ist bis weit hinauf hohl, hat viele Löcher
und morsche Stellen; das gleiche gilt auch von den Hauptästen. Ein
Hochwinden des abgebrochenen Astes in seine frühere Lage ist unmöglich,
da der Stamm – wie erwähnt – hohl und wenig widerstandsfähig ist und
keinen Gegenhalt bieten kann. Jetzt stützt sich der herabgebrochene
Teil auf einige in den Erdboden eingespießte Äste. Es soll nun versucht
werden, ihn an mehreren Stellen zu untermauern. Die Astlöcher will man
durch eine mit Zement überputzte Drahtwand verschließen, nachdem die
Höhlungen vorher ausgekratzt und mit Teer ausgestrichen worden sind.
Beim Beseitigen des Mulms im Inneren des Stammes muß sehr vorsichtig
verfahren werden, daß die aus den oberen Ästen herausgewachsenen
Ademtixwurzeln nicht beschädigt werden. Sie führen diesen aus dem
Bauminnern die Nahrung zu. Die noch unversehrten Äste sollen auch
Stützen erhalten, um einem Abbrechen vorzubeugen.
[Illustration: Abb. 4. =Die Streitlinde.= Von Osten aus gesehen]
Soweit die hauptsächlichsten Ratschläge zur Erhaltung des Baumes.
Hoffentlich sind die Maßnahmen mit Erfolg gekrönt. Allerdings, die
frühere Schönheit des Baumes ist für immer dahin. Man wird froh sein
müssen, wenn der Eindruck auf Abbildung 1 in Zukunft erhalten bleibt.
Eine Mahnung an alle Naturfreunde, schon beizeiten zur Erhaltung der
Naturdenkmäler beizutragen, ehe es zu spät ist.
Möge der altehrwürdige Baum noch viele Jahre hinaus dauern zur Freude
des sinnenden Wanderers!
Vielleicht sieht sich mancher Leser der »Mitteilungen« durch diese
Zeilen veranlaßt, seine Schritte einmal in die Rochlitzer Pflege zu
lenken und unsern Schützling an Ort und Stelle aufzusuchen. Bietet er
auch den Anblick eines alternden Greises, so erfüllt uns doch Achtung
vor dem ehrwürdigen Alter der Streitlinde. Über der Mulde drüben kannst
du dafür den herzerfreuenden Anblick eines kraftstrotzenden Baumes
haben, der Zettlitzer Eiche, die seit 1914 unter Naturschutz steht.
Die »nackten Jungfern«
Von _Albert Ficker_, Harthau
Alljährlich, wenn die Schneeschmelze vorüber, lockt es mich zu einem
Naturdenkmal, das weit und breit nicht seinesgleichen hat.
Die »nackten Jungfern« Drebachs haben es mir angetan. Die beiden Hänge
des Drebacher Tales sind übersät mit lilaen Krokusblumen. Wer das
erstemal diese vielen Tausende des Frühlingssafran, ~Crocus vernus~,
erblickt, ist erstaunt von der Pracht, die sich seinen Augen enthüllt.
»Nackte Jungfern« nennt sie der Volksmund, weil zuerst nur die Blüte
ohne jedes Blatt zum Vorschein aus dem nackten Boden kommt, der noch
keinerlei Grün zeigt.
Drebach verdankt diese Seltenheit dem medizinkundigen Pfarrer David
Rebentrost. Außer der Verwaltung seines geistlichen Amtes befaßte
sich dieser Herr noch mit der Heilkunde, hatte er doch neben der
Theologie auch Medizin studiert. In Joachimstal war er sogar einige
Zeit Stadtarzt gewesen. Sein Laboratorium mußte er auf Anraten der
Superintendentur, bei welcher 1673 anläßlich einer Kirchenvisitation
Beschwerden über das Treiben des Pfarrers einliefen, verlegen. Er
kaufte sich eine wüste Stätte und erbaute dort das heutige »Pfarrgut«.
Hier richtete er sein Laboratorium ein und konnte nun dort seinen
medizinischen Studien obliegen.
Er ist es gewesen, der die Krokusblume nach Drebach verpflanzt hat.
Auf der Heinzebank traf einst der Pfarrer Rebentrost den sächsischen
Kurfürsten, dessen Pferd einen Beinschaden hatte. Diesen beseitigte er.
Für seine Hilfe durfte er sich aus dem Garten des Kurfürsten in Dresden
drei Pflanzen erbitten. Rebentrost wählte die Krokusblume, die doldige
Vogelmilch (~Ornithogalum umbellatum~) und die Eibe (~Taxus baccata~).
Auf seinem Gute wurden diese eingepflanzt und legen noch heute Zeugnis
davon ab.
Die jahrhundertealte Eibe, im Volksmunde Zedernbaum genannt, ragt aus
dem Hofe des Pfarrgutes, und auf der Wiese blühen Jahr um Jahr die
Krokusse und die doldige Vogelmilch, welche im Erzgebirge selten ist.
Von hier aus haben sich die Krokusse dann über beide Hänge des Tales
verbreitet, und mir erscheint, daß sie auf der linken Talseite viel
zahlreicher und dichter vertreten sind als auf der Pfarrgutseite.
Wie aber soll diese Verbreitung stattgefunden haben?
Spricht man mit ortseingesessenen Leuten, so ist die Meinung
verbreitet, daß dies durch die Verbreitung der Samen durch den Wind
geschehen sein müsse.
Es kann jedoch nur auf zweierlei Art und Weise vor sich gegangen sein.
Die Krokusse haben zunächst die Pfarrgutswiese in Jahrzehnten ganz
überwuchert. Die Bauern, an der Pracht dieser ersten Frühlingsboten
erfreut, haben sie dann in ihre Güter verpflanzt, von wo sie in
den vergangenen Jahrhunderten die umliegenden Flächen überzogen.
An einzelnen Stellen kann man sogar beobachten, wo die ersten
Anpflanzungen gewesen sind.
Die andere Möglichkeit: Durch das Eggen wurden Knollen herausgerissen
und verschleppt; Maulwurfshaufen wurden über die Wiese breitgezogen
und damit auch die herausgeworfenen Krokusknollen; Wassergräben wurden
gezogen und das Land über die Fläche verstreut; das Wasser selbst
spülte kleine Zwiebeln mit heraus und ließ sie bei der Bewässerung
auf dem Grasplatze liegen. Dazu kommt noch, daß sich die Knollen
durch zahlreiche Brutknollen vermehren, die dann an den Seiten der
ursprünglichen Pflanzen emporkeimen.
Ob jedoch das Vieh, welches mit dem Heu die dreifächerige Kapsel
(Frucht) frißt, durch seinen Dünger zur Verbreitung der Krokusblumen
beigetragen hat, ist zweifelhaft, da die Samen gar nicht reif werden
bis zur Heuernte.
Die Verbreitung durch den Wind scheidet aber vollständig aus. Sie ist
eine irrige Annahme, da die Samen keinerlei Einrichtungen für die
Windverbreitung haben.
Hunderte strömen alljährlich nach Drebach, um sich an diesem
Frühlingswunder zu erfreuen.
Daß aber diese Krokusse nirgends anders gedeihen, wie von
Ortseinwohnern versichert wird, ist ebenfalls nicht zutreffend, was
einzelne Versuche bereits widerlegen.
Wenn auch nicht die Gefahr besteht, daß die Krokusse durch
Pflücken ausgerottet werden könnten, hat sich doch der dortige
Erzgebirgszweigverein des Schutzes dieses Naturdenkmals angenommen.
Besonders die Eibe und die doldige Vogelmilch, welche beide im
östlichen Erzgebirge sehr selten sind, bedürfen der Erhaltung.
Wer aber Zeit finden kann, der pilgere an einem sonnigen Frühlings-
oder Ostertag nach Drebach im Erzgebirge und weide sich an dem lilaen
Teppich der »nackten Jungfern«.
Botanisches vom Krokus, insbesondere den Drebacher »nackten Jungfern«
Von Prof. Dr. _Arno Naumann_, _Pillnitz_
Mit Originalzeichnung des Verfassers und photographischen Aufnahmen des
Herrn _Joseph Ostermaier_, _Blasewitz_
Die meisten Besucher Drebachs finden das holde Frühlingswunder der
Krokusblüte so entzückend, daß sie sich gar nicht die Mühe nehmen,
an einem zum Kauf angebotenen Sträußchen die Einzelblüte in ihrem
reizvollen Bau zu betrachten. Wir haben eben gar keine Zeit mehr zu
»beschaulichen Betrachtungen«, und müssen uns vor lauter Sorge um
nötige Pflicht und lastende Not mit dem äußeren Schein der Dinge
begnügen.
Einige Minuten aber wollen wir uns gönnen, um uns in die
Blütengeheimnisse der Krokussippe versenken zu können. Da gibt es
allerhand, von dem uns unsere Schulweisheit nichts träumen läßt.
Lange schon war die Blüte im Schoße der winterlichen Erde vorgebildet;
schützend lag sie in der Spitze der Erneuerungsknolle geborgen. Es
bedurfte nur einer Erwärmung der vom Schmelzwasser durchfeuchteten
Erde, um die bereits fertigen Blütenknospen durch den erweichten Boden
emporzuheben. Der vorher kurze Blütenstiel streckt sich durch sein von
der Wärme angeregtes Längenwachstum und bringt die Blüte, gleichsam
über Nacht, ans Licht. Die Sonne kleidet sie in das reizende Lila und
küßt die Knospe wach, so daß die sechs zu einer dunkelvioletten Röhre
verwachsenen Blütenhüllblätter – der Botaniker nennt sie Perigon –
sich tulpenartig auseinanderspreizen. Wenn aber eine dunkle Wolke die
Sonne längere Zeit verhüllt, ein verspäteter Schneesturm über die
Wiesen jagt, oder sich der kühle Lenzabend herniedersenkt, schließen
sich die Blüten wie in frostigem Schauer. Und doch vermögen die noch
nicht erschlossenen, empordrängenden Blütenknospen so stark zu
atmen, daß die gebildete Atmungswärme dünne Schnee- und Eisdecken zu
durchschmelzen weiß: ~Per aspera ad astra!~
[Illustration: Abb. 1. 1 =Crocus vernus Wulf.=, f. ~drebachensis~ mit
Blüte bis zum Fruchtknoten, ~frk.~, längs durchschnitten; ~s~₁
Blütenscheide; ~s~₂ Blätterscheide; ~sh~ Schlundhaare; ~n~ Narbe; 2
Blüte, schraffierte Teile dunkel-lila; 3 Querschnitt durch das gerollte
~Crocus~-Blatt; 4 Knolle im Längsschnitt; ~Ek~ Erneuerungsknolle in
erster Anlage; ~w~ eigentliche Wurzeln]
Die Blüte der Krokusarten ist eingehüllt in ein bis zwei weiße,
hautartige Hochblätter, sogenannte Blütenscheiden (Abb. 1 ~s~₁),
und auch die alsbald erscheinenden grünen schmalen, doppelrinnigen,
lanzettlichen Laubblätter sind von einer Scheide (Abb. 1 ~s~₂)
umhüllt. Die von altersher bekannte Krokusart: der »Safran«, (~Crocus
sativus, L.~) besitzt aber zahlreiche solcher scheidiger Hüllen. Nach
dieser heilkräftigen Art Südeuropas hat man alle Krokusarten als
»Safran« bezeichnet, ohne davon zu wissen, daß ~safara~ auf arabisch
»gelb färben« heißt. Unser so naturbewanderter Victor von Scheffel, der
»eine kluge Römerfrau ihr Safrangärtlein pflanzen läßt«, wirft diesen
Herbstblüher des Färbesafrans durcheinander mit dem Lenzesherold des
Frühlingssafrans (~Crocus vernus Wulf.~), wenn er singt:
Krokus, Sproß des Morgenlandes,
Seltner Gast auf Schwabens Flur,
Zeugnis ewig jungen Frühlings
Und uralter Weltkultur!
Jetzt muß ich einmal »botanisch« kommen!
Lila in allen Tönungen bis zum Violett, auch gelb und weiß sind die
Hauptfarben der über hundert Krokusarten.
[Illustration: Abb. 2. =Krokuswiesen bei Drebach= im Erzgebirge]
Die _schmal-lanzettlichen Blätter_ und die _Dreizahl im Blütenbau_
beweisen die Zugehörigkeit der Gattung Krokus zur _Klasse der
Einkeimblättrigen_, die auch viele andere frühblühende Gartenstauden
mit lineal-lanzettlichen Blättern in sich begreift.
Alles weist auf die Verwandtschaft mit Tulpe und Lilie hin, und der
Botaniker, welcher auf »Ordnung« in seinem Reiche sieht, hat auch
unseren Krokus in die Ordnung der »Lilienblütigen« (~Liliiflorae~)
eingestellt. Dabei hat er aber bei der Fülle der Gattungen und Arten in
allen Erdgebieten und bei gelegentlicher Abweichung vom eigentlichen
Bauplan drei verschiedene Verwandtschaftskreise, sogenannte Familien,
aufgespürt: _Lilien_-, _Narzissen_- und _Schwertliliengewächse_
(~Liliaceae~, ~Amaryllidaceae~ und ~Iridaceae~). Während wir bei den
Liliengewächsen den grünen mittelständigen Fruchtknoten im Innern
einer jeden Blüte leicht wahrnehmen können, haben die beiden anderen
Familien zum Schutze vor schädigenden Insektenbesuchern dieses Gebilde
_unter_ die Blütenteile gestellt, so daß wir in dem _unterständigen
Fruchtknoten_ einen Entwickelungsfortschritt sehen dürfen. So tut es
auch unser Krokus, und an genügend entwickelten Blüten kann man den
unterständigen Fruchtknoten an kurzem Blütenstiel, zwischen den grünen
Blättern versteckt, auffinden. (Abb. 1 ~frk.~) Auf ihm sitzt die
langröhrige, sechsteilige lilae Blütenhülle, von denen die drei äußeren
Zipfel schmal und etwas dunklerlila sind, als die inneren (Abb. 2).
An ersteren ist etwa in Höhe der Kronenröhre innen je ein Staubblatt
angewachsen, so daß die Krokusblüte wie all die schönblütigen
_Schwertliliengewächse, nur drei Staubgefäße_ zeigt, während die
verwandten Narzissengewächse deren sechs besitzen. Vom Fruchtknoten aus
erhebt sich, die Kronenröhre durchwachsend, ein langfädiger Griffel
bis an die Staubbeutel oder darüber hinaus (Abb. 1), welcher an seiner
Spitze eine dreiteilige orangegelbe, keilig verbreiterte Narbe (Abb. 1
~n~) trägt. Die hellgelben, am Grunde pfeilförmigen Staubbeutel sind
einem weißen Faden angeheftet.
Als nahe Verwandte der Gattung Krokus sind auch die als Beetschmuck
gepflanzten Gladiolen anzusehen.
Diese ganze Verwandtschaft weist hin auf den Süden und Osten Europas
als Ursprungsland, und es gibt tatsächlich im Mittelmeergebiet und
Orient etwa achtzig verschiedene Krokusarten. Von hier aus haben
sie wohl den Gebirgsbogen vom Balkan bis zu den Pyrenäen besiedelt.
Hierunter gehört auch der oben erwähnte Heilsafran (~Crocus sativus~),
dessen orangefarbene Narbe sogar die Blütenhülle überragt und unter
dem Namen »Safran« von alters her zum Färben benutzt wurde. Er ist
auf Dörfern heute noch ein Mittel, die Kuchen schön gelb zu färben
und ihnen infolge eines ätherischen Öles einen eigenartigen Geschmack
zu verleihen: »Safran macht die Kuchen gäl!« Zu _einem_ Pfund Safran
gehören die Narben von vierzigtausend Blüten.
Der Name Krokus ist chaldäischen Stammes, wo Kroke »der Faden« heißt.
Dies beweist, wie schon in frühester Zeit die fädigen Narben bekannt
und geschätzt waren, aber nicht bloß in ihrer färbenden Wirkung; auch
eine gewisse Heilkraft schrieb man diesen Narben zu, und noch immer
wird der »Safran« in den Apotheken zu Salben und Parfüms verwendet.
Nannte doch der alte Römer den Safran »das einzige wirklich gut
riechende Ding«. Plinius rühmt von ihm sogar, daß nach Genuß von Safran
der Wein nicht trunken mache. Daher wohl auch die Gewohnheit, bei
Trinkgelagen Kränze von Krokusblüten zu tragen!
Dies alles gilt von dem _im Herbste blühenden südeuropäischen_ ~Crocus
sativus~.
Es wird uns nun interessieren, welcher Art unser Drebacher Krokus
angehört, und da hat sich nach meinen Ermittelungen etwas eigenartiges
herausgestellt: Infolge der frühen Blütezeit und der einzigen
Blütenscheide (Abb. 1) gehört der Drebacher Krokus sicherlich in
den Formenkreis des Frühlingssafrans (~Crocus vernus Wulf.~). An
der Stelle, wo die trichterig-glockige Blütenhülle in die schmale
dunkelviolett gefärbte Röhre übergeht, befindet sich innen ein
Safthaarbüschel; die Röhre besitzt also einen _bärtigen Schlund_
(Abb. 1 ~sh~), im Gegensatz zu dem Krokus des Riesengebirges: ~Crocus
Heuffelianus Herb.~ mit glattem Schlund. Nun bleiben noch zwei
Unterarten der ~Vernus~-Gruppe: _einmal_ unsere hauptsächlichste
Gartenform mit ansehnlicher Blüte und einer die Staubbeutel
überragenden Narbe: ~Crocus neapolitanus Gawl~, das _andere Mal_ die
Alpenform mit kleinerer weißer oder lilaer Blüte und einer nicht über
die Staubbeutel reichenden Narbe: ~Crocus albiflorus Kit.~
Unser Drebacher Krokus ist sicher eine von der Gartenform
»~neapolitanus~« abzuleitende Lokalrasse, hat aber, wohl infolge
der Selbstverbreitung innerhalb bald dreier Jahrhunderte, besondere
Merkmale angenommen.