Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese

erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich

veranlaßt, bekanntzugeben, daß er vom Versicherungsgeld nur

Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte

sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,

freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte

der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem

Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward er zum Aufwiegler,

verkam sittlich und wäre unter anderen Umständen unbedingt entlassen

worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das

ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann....

Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der

Arbeiterschaft nicht zuträglich. Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher

politischer Ereignisse. Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere

sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da

konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war

bewiesen. Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung; seine

Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit düsterem

Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug,

die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein

Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Mörder

behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von

seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich

gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und

wochenlang öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter schon

gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse, und gemeinsam mit

Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine

Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung

ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“, vom Unternehmerverband

oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den

Allerhöchsten Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den

Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr

erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen

Maßnahmen, militärischem Schutz der Autorität und des Eigentums, nach

Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die

„Netziger Zeitung“, die alles dies pünktlich wiedergab, vergaß aber

keinesfalls hinzuzufügen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor

Heßling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die

Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus führte

Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen

hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß

in Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren

Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem sie sie am Gewinn

beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Heßling vertretenen

Grundsätze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar

beste Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall in der

deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein kräftiger Widerstand gegen die

unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der

Arbeitgeber gehörten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des

Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn

Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben stand Diederichs Bild.

Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung an – trotz der

unerlösten Sünde, die ihre verheerende Wirkung übrigens nicht nur

geschäftlich, sondern auch in der Familie äußerte. Hier war es leider

Kienast, der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne ihn und

seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine

glänzende Stellung gar nicht erlangt haben würde. Worauf Diederich

erwiderte, daß Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden

Aktienbesitz entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,

vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche eine rechtliche

Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der

Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik

gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und

Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen. Kienast verlangte ein Achtel

der Kapitalrente und der jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf

dieses unerhörte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, daß er

weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig

sei. „Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn

meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört

nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das

ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu fordern.“ – Kienast nannte

dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen

überzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß.

Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung

geführt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,

seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als

Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier aufgestellt, der in

seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, daß Diederich schon früher

an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt habe.

Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit

mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen:

was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch

dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen Malen größere Beträge für die

sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen,

sein persönlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den

dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht

reichte, schürte den Streit der Männer mehr aus weiblichen Motiven. Ihr

Erstes war ein Mädchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,

die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte,

leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit

einem aus Berlin bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest,

daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise bevorzugt wurde.

Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die

Höhe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die

verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß der Vorrang, den ihre

Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und

sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner

Glanzzeit, heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann

fand, schien dies besondere Gründe zu haben – die man sich in Netzig denn

auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen.

Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich

eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie nämlich bei Kienasts der

Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein

furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von

Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofür man Stoff sammelte,

indem jede der beiden Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb.

Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher Besonnenheit den

äußersten Familienskandal für diesmal noch verhütet hatten, brach er

dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem

Dritten und sogar voreinander verstecken mußten, so grenzenlos frivol war

ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte

Maß einer wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich jeden

Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf dem Frühstückstisch, und

jeder ließ den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des

anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem

Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu

erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie

selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. „Du wirst wohl

wissen, wer sie dir schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot

angelaufen. Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei sie

gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste und zischte, „daß du

dir selbst mußt solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann

schreib’ sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“

Magda protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen

aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt, sie rief Diederich aus dem

Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe

zurück. Gegenüber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.

Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem

Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann

faßten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht

an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der

gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen

zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art,

daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe

sie vernichtet. Die alte Frau Heßling sogar war nicht verschont geblieben!

Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt ... Da

dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klärte, trennte

man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs

ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der

Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst herausstellte,

daß auch Inge Tietz zu den Empfängern der unpassenden Darbietungen

gehörte. Was hiernach zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche

Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei

Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister und den Seinen. Soweit man blickte,

hatte er um das Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden,

eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen. Wochenlang wagte

Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich

entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem

Vertrautesten. Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß der

Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument,

unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke

fest, die in ihrer Eigentümlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief

verschwiegen, bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles

auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch einen prüfenden Blick

zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein

Blick prüfte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.

Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich.

Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage

gestellt. Dank seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische

Selbstgefühl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt

gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmaßregeln

getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfältigen Ängste,

unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen

Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans

Licht führte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergießen über einen

Mann. Gottlieb Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit

Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und sich gewisser Briefe

gerühmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge

Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es

sei Mode, ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend

zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter

Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nützlichen

Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten,

wäre es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte. Und als

Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, daß er schon längst

überall verdächtigt war. Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke

erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug

offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das

Recht, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf

verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen

entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme wohl nicht nur außen nötig

hätten, und bei denen mit Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward

angeklagt und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft ohne weiteres zu.

In den meisten freilich leugnete er sie um so kräftiger, aber dafür gab es

Schreibsachverständige. Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,

der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach

für diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand

der öffentliche Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der

seit seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt

befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein, einwandfrei dazustehen,

hatten ihn sogar Mäßigung gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große

Ganze es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung für nervös

überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der für seinen

unglücklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem

Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich

ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwämme

und Zahnbürsten für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren

sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum vorhersagen für

Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten, sobald er wohlverwahrt in der

Anstalt saß, die Briefe auf. Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch

einer kam, nichts mehr merken, die Affäre war abgetan.

Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine Burg.“ Die Familie,

nicht länger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blühte auf das reinste

empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte

1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch

bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung

und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste.

Horst kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war, erklärte Diederich

seiner Gattin, daß er, vor die Wahl gestellt, sie glatt hätte sterben

lassen. „So peinlich es mir gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die

Rasse ist wichtiger, und für meine Söhne bin ich dem Kaiser

verantwortlich.“ Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitäten und

Ungehörigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen

Erhebung und Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei großen G“,

bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem rotgewürfelten

Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Würfeln, lag neben der

Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus

vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es ist oben erwünscht“, sagte

Diederich ernst, wenn Guste sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht

seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt

ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten der Vortritt gebühre. Die

Kinder wieder mußten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe

hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern,

sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des

Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder

aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden

nur für den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein

Stück davon über den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es

erwischte, Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf war öfters

durch eine Verdauungsstörung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann,

ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer

beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde.

Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne

gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte

geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von allem, aber sie kam

schön an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht

erwarten, daß Diederich nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte

sich dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war

entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit

desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand großer

Lärm, weil die Köchin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber

hatte. „Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl Diederich; und

als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende Flüssigkeiten

verspritzend, durch die Wohnung.

Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte er seiner Gattin

immer wieder, daß leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren – was

Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht

mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von

gewissen häuslichen Zuständen in Schloß Friedrichskron, die Guste lebhaft

mißbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es mußte

unbedingt zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers. Und

warum? Man wußte es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestät einst in

angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten

erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem kamen

aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen

siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden wäre. Über die Zeitung

hinweg sagte Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur

Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern gehaßt. Das ist ein

Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe es.“ Er unterschrieb jedes

Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form,

nicht in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese

Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens – Diederich lebte und webte in

ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis

bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie

wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei öffentlichen

Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer

unterschied, was von ihm kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“,

sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört in unsere

Faust“, behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der

Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel

sich die hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. Ein

Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen gab, hatte ihr

nicht geglaubt, daß sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er

vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies

entzückte auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz griff, daß

der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße ging, um mit 57 Mark

neugeprägten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und

wie es ihn ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli des

Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloß der

„Lokal-Anzeiger“, und dann wieder brachte er einem die Allerhöchsten

Herrschaften gemütlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen

Bronzefiguren der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken, und den

Trompeter von Säckingen, der sie begleitete, hörte man traulich blasen.

„Himmlisch muß es bei Kaisers sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist.

Sie haben hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich von tiefem

Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den

Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte

in ihm, bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche

Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein

Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der

Kaiser und der Zar sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte

er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen. Die Weltgeschichte

läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt er sich länger bei drohenden

Katastrophen auf, denn „die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“,

stellte er fest.

Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte immer häufiger. Unter

dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu

erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar

mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken äußern, da sagte

Guste mit ungewohnt strenger Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit

entfernt, diesen Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete

er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie

vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich hatte er eine mächtige Ohrfeige –

worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter

einen Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich,

daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln

Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen.

Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte,

begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger

gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: „Auf die Knie,

elender Schklafe!“ Und Diederich tat, was sie heischte! In einer

unerhörten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm

befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ – und dann auf den

Rücken gelagert, ließ er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich

unterbrach sie sich inmitten dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne

ihr grausames Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich rührte

sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. „Ich bin die Herrin, du

bist der Untertan“, versicherte sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“

– und sie stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem

ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm schon, da gelang es

Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden

Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen

Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte. Etwas später lag sie

vielleicht schon und schlief – Diederich aber, noch immer des Äußersten

gewärtig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich

hinter dem bronzenen Kaiser ...

Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das

Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt

aufging. Durch ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller

Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls sie noch eine

Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende. Autorität und Sitte

triumphierten wieder. Auch sonst war dafür gesorgt, daß die ehelichen

Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden

zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich fort – zum

Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht

immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen,

in dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer das Weib,

je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“ Und auch die kernigen

alten Sinnsprüche in den übrigen Bogen rächten einen in wohltuender Weise

für die Zugeständnisse, die man, durch die Natur genötigt, der Frau daheim

zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein

Leben lang“, oder „Behüt euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen

Weibern und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und

Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche Rast am traulichen Herd,

und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher

Mitt’, kommt trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah, ohne

Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt

ihren näheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich

eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben

auf die Dauer niemandem möglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu

übersehen, der den nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug.

Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor

unter Mißhelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch

unübersteigbare Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt

sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden Seiten

feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom

Übel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende

Männer gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum

hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Übrigens

milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der

Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. „Aber

es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen

auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel

mußte es zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit und

Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich zurückhaltender als ehedem;

bei jedem neuen Auftreten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte

zu nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich einfach

angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade

allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der

Energie des nationalen Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete

und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den

Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht gönnten, ein unerbittliches

_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer

aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten Engländern

rückte näher! Die Flotte, für deren Ausbau die geniale Propaganda unseres

genialen Kaisers unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere

Zukunft lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr

an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward

zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt, ihrem

Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblüffende Maschinen

bürgerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten,

genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“

benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen,

und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die

Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den

gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die

Beschießung Londons ward verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine

Begleiterscheinung und vollendete die Pläne, die Gott mit uns vorhatte.

Denn „die christlichen Kanonen tun gute Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte.

Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den düstersten

Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war,

hielt er jede Niederlage für möglich. Aber er blieb der einzige Nörgler.

Wer am meisten triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche

kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte, jetzt endlich, ein

Vierteljahrhundert später, fanden sie ihre wahre Bestätigung in der

allgemeinen Gesinnung. „Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät

haben, na nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen dürfen!“ –

und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.

Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhältnis zu

Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphäre der

gesättigten Existenzen vorgerückt, beeinträchtigten einander weder

politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen

Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes

Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die

ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen

Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuß. In einer

Proszeniumsloge der „Walhalla“ saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward

allgemein durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand gegrüßt; und

ihrerseits verhielt sie sich wie eine Königin, die ihr Inkognito wahrt.

Natürlich wußte trotz der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich,

die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen

Villa nunmehr erfolgreich ausübte. Auch verkannte niemand, daß dieser

Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu

heben. Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen von den Spöttern,

die entzückt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor

bei der Polizei die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen

Widerstand, der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge

annahm zwischen der Villa von Brietzen und den höchsten Stellen der Stadt.

An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der göttlichen

verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen,

und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die

verlorene Tochter einer Züchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die

ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes Leben, wie

die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwäche

nach für die Tochter in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,

so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und verfault, wodurch

er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit

verstärkte die ihm widerfahrene Prüfung seine Autorität ... Diederich

seinerseits kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel mit

Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von

allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine.

Jadassohns Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher her, als

Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die

Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten

am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was einem

Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl gerät“; und mit der

gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon über die

christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der

Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche

Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen günstigen

Einfluß auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu

haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch wieder

richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Käthchen auf diesem

Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur

mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto.

„Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn, „erfordert eine großzügige

Repräsentation. Sonst würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft

fallen lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier lächelte

Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“ fuhr Diederich fort,

„ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die

Hand vor – „ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann man

nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir

vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich

schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“ Jadassohn

lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon

längst für seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling

aufzuklären über diese Zusammenhänge.

Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn ein ähnlich

ersprießliches Zusammenwirken wie bei Käthchen; denn gemeinsam beeiferten

sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von

solchen, die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten.

Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf

Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir

gestaltete sich ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem

Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den Sang an Aegir

einen –! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck

sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung

für durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefühl.

„Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“, sagte er am

Stammtisch. „Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was

in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend

veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht

gedient.“ Hier errötete Diederich ... Leider bekundete Buck solche

Gesinnungen nur, solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine von

früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter in den Schmutz zu

ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anständigen Gesellschaft

auszuschließen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte.

Er verteidigte seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken, er ist erblich

belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit

vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es für einen

gesunden Kern in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht

befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgefunden

hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig, wenn Buck sich über seine fast

dreijährigen Erfahrungen beim Theater so völlig ausschweige. War er

überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte Diederich nicht

beantworten; es war ein logisch nicht begründeter, aber tiefsitzender

Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder

nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach,

nachdem sie die schärfsten Gegensätze bloßgelegt hatte. Er führte Buck

sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn

Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam

er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich über Diederich hinweg

und in einer Art, die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe

Gespräche, anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen Faktoren, die der

Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie

die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends

unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte

Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem

eigenen Erstaunen entschied er sich für das letztere. „Sie haben beide

sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“,

sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf

zu achten, daß er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine

eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug

schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“, dachte er

zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht! Bismarck hat es auch so

gemacht, mit Österreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Bündnis!“

Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete Diederich auch dem

Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem

Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er

die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage

vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemüht, zu verbergen, daß er nicht

atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche

Blüte Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt die Macht

hatten? War er überzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, daß

Generaldirektor Doktor Heßling, der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich

heimlich in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu

schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen Alten: er

auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der

alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspätung zahlte, schlug

Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich dürfe der

alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte

Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater,

anzunehmen.

Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der Große war hundert Jahre

alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die

Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende,

mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite bewilligt und

wieder überschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde

getroffen, als Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger

ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld

getrieben, ging des öfteren am Abend in die Meisestraße, um sich vom Stand

der Arbeiten zu überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der

Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes

ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem

glänzenden Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier

gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte waren kein

Kunststück, wenn der Vetter Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm

einfach das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und mußte

zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah

rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebüsch zurück.

„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:

„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb

Millionen Schulden gemacht, um dieses Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte

auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken,

Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend ihre Krallen

in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die

Rundbänke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Löwen

zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte

durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der

Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die Rückwand des

Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war überdies immer

in Gefahr, von einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm,

auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte –

wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu

Hause, vom Fuß des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit

anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.

„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte Wolfgang Buck. „Der Alte

war nur ein Vorläufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit

Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von

allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“

Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte der Vater: „Und du, mein

Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen.“

„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir nicht. Wir sollten uns

leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der

Zukunft; und ich sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich

die Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin gegangen, weil

einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident geweint hatte. Aber bedenke

auch, ob dies erträglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in

Herzen, hohe Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle ich

für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und

betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionäre aus und

schießen auf Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“

Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.

„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des Geistes rührt nie an euer

Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie

ich, würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren.“ Und

er zeigte nach den Löwen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er

sagte:

„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt

weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir

waren scheinbar umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft ihr

ihnen das Feld nicht lassen.“

Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater? Sie hüten sich, die Dinge

auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus

der Geschichte haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale

Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk gerade so

weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kämpfen, um Brot,

geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?“

Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. „Der

Geist der Menschheit“, sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den

Kopf gesenkt hielt:

„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie

auszuweichen denken, vorüber sein wird, sei gewiß, die Menschheit wird

das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser

nennen, als die Zustände, die die unseren waren.“

Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht gelebt haben, der nur

in der Gegenwart lebte.“

Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an

seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte

im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das

Gefühl, aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen Traum zu

kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt worden war. Und trotz dem

Unwirklichen, das alles Gehörte an sich hatte, schien hier tiefer

gerüttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem

einen dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte auch nicht

viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser gewesen, sie hätten

einen gesunden Lärm im Lande geschlagen, als daß sie hier im Dunkeln diese

Dinge flüsterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.

In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam

mit dem Schöpfer des Denkmals entwarf Diederich das künstlerische

Arrangement für die Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr

Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben würde. Überhaupt

kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, nämlich

Genie und vornehme Gesinnung, während er sich im übrigen durchaus korrekt

und geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Bürgermeisters

Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafür, daß es, veralteter

Vorurteile ungeachtet, überall Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund

zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium zu faul

ist und Künstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig

zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur

Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen

Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät entdeckt und

durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto

des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten

Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier

trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten

lehrte, wenn sie ihn dann auch hängten. Auf die Verdienste des Ritters

Klitzenzitz hatten Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders

aufmerksam gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte auf die

Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben für

einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag;

Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch das

Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte spielen zu lassen –

und welche Aussichten, als der berühmte Gast die ersten Zeichenversuche

des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden

Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn.

Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich mit dem Günstling

Seiner Majestät nicht zu stellen wußte, bekam vom Denkmalskomitee die

Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte;

die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber übertrug das Komitee

seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schöpfer des Denkmals und

Begründer der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt hatte,

Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Heßling, bravo! Diederich,

bewegt und geschwellt, sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der

Oberpräsident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte

Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte

sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er

sich sogar, auf der Tribüne der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen.

Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief,

aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. „Es

bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer

offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott

sei Dank nicht mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es, denn

als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was brachte es außer den

gewohnten Kaiserbildern? Zwei Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des

Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk

den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des

Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts – was

allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine Stellung

erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er tat Schritte, um doch

noch in die „Woche“ zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich

ließ sich verleugnen. Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da

geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an Guste herantrat. Die

Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein

Mißverständnis ... „Schön hat er gemacht wie unser Männe“, berichtete

Guste. „Aber nun gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen

Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich Zwang antun,“

sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst

von Haffke gibt ihn auch schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht

er, es gibt noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht

verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer

großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel

aufdrücken.“ – „Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte

Buck.

Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen

Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer

anstößiger. Seine Entrüstung nahm einen solchen Umfang an, daß der Besuch,

den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, für

Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und

Immunität hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich

umgehend im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß ihm das

geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspräsidenten von

Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstück des

Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der

Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er

den Titel „Schmiergeld“ gab. Der Zeitung zufolge bemächtigte hier der

Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,

sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich

zitterte, in der nächsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er

nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt. Statt

dessen redete der Minister, er überließ den unerhörten, leider unter dem

Schutze der Immunität begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich

nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem

es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall

erledigt, es erübrigte nur noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte

und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem

Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blätter, die die Vorsicht

außer acht gelassen hatten, mußten ihren verantwortlichen Redakteur den

Gerichten ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich

benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn

Regierungspräsidenten hatten zweifeln können, glatt das Tischtuch zu

zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus

erster Quelle,“ sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft gewiß.

Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und hat einen großartigen Witz

gerissen.“ Acht Tage später brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis,

Glatze und Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu

die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow, der geistige Schöpfer

des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kürzlich ein allgemein als

empörend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung

zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des Generaldirektors Heßling

mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich überzeugte

sich, daß der gebührende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,

auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen

Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz allem tief

befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das günstigste vorbereitet

für seine Festrede.

Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener

Nächte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit

Käthchen Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses ein

merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich,

das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit

seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig

belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der

Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte man auch nur nach

Gewährung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine

feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter

unseren Soldaten und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer in der Sonne

die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen, links und rechts von den

langen weißen Tüchern, hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten

durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher Fahnen.

Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre

ins Blut übergegangene Disziplin befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde

Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Überwachung war nach

rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich

nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenüber

dem Denkmal schien ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle

Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit ihr, wenn er

kein Feigling war, aber natürlich ward sein tollkühner Angriff so

nachdrücklich zurückgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form

wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den

Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet worden. Sein

Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweißrote Schärpe und die Rede,

die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder

vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten für die

Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und

Diederich mußte auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz

sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.

Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling seinen allseitig

bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen

und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der

Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben über seine

Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,

Eichenkränze um die Zylinderhüte, unterhalb der Militärtribüne stand, an

seiner Spitze Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen

drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen und befehligt von Pastor

Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer saß, in der Haltung einer

Königin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier fühlte

Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen.

„Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht für die Dame“, sagte er,

keineswegs zu Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig zu

halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – und hätten ihm auch nicht

die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier für die

stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die Tribüne

eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah

das Außerordentliche, daß der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln

die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab

nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt ab für den Übergriff der

Unmoral. Diederich, betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien,

ließ es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz

oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige die Gegensätze betonende Worte

wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte über und

drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gäste

auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran

Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem

Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es möglich?

Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben,

Sternenblitzen und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte

Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen Sie mich gefälligst

nicht treten!“ verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war

aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie

dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist das

einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da kann man nichts

machen!“ – „Aber der mit den gelben Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der

Schlanke! Der muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“

Diederich lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei, der nicht ein

echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage,

ein Flügeladjutant Seiner Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich

hier!“

Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei Divisionsgenerale,

Donnerwetter!“ Und die schneidige Anmut der Begrüßungen; sogar der

Bürgermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund

gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen

vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch

sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend ihm

selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle

Bedeutung eines Regierungspräsidenten erst jetzt zur Geltung, wo er

salutierend das gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren

Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen unserer Macht!“ rief

Diederich in die wuchtigen Klänge des Einzugsmarsches. „Solange wir solche

Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und voll

überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stürzte er

hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte,

trat ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“, sagte der

Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt, stieß Diederich gegen einen

Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein

Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame

mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn Stadtverordneten, „aber auf höheren

Befehl hat ihn die Dame gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in

ersterbendem Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung, die

sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner Majestät! Dann

allerdings! Diederich überlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und

Käthchen Zillich öffentlich seine Huldigung zu entbieten.

Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie

Rührt euch, und auch Kühnchen ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem

Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah,

sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kühnchen in

seiner historischen Landwehruniform, die außer vom Eisernen Kreuz von

einem ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine französische

Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Geländes auf Pastor Zillich in

seinem Talar – auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter

dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribüne

ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren

Offiziere taten es von selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste

Burg“ an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der

Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte Alliierte nun genug

habe, ließ sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von

ihm der blühende Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die

ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen

gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten von Wulckow einen Wink

erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab

sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das

Wort an Diederich richtete. „Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der

Schutzmann.

Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die

Beine waren ihm plötzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach

einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine

Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus Papier übersät war.

Der Anblick des Bäumchens gab ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann.

„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren!

Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung

harrt durch den Vertreter Seiner Majestät, uns und dem Vaterlande

geschenkt ward; gleichzeitig aber – das macht diese Stunde noch

bedeutsamer – ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel den

Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die große

Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren

Rückblick werfen.“

Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung

der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Längere Zeit verweilte er

beim Ozean. „Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der Ozean

beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne

den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das

Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom

geschäftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der

Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn früher aus mit

uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des älteren

Geschlechts, das durch eine einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen

Anschauungen verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt

hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden war, wenn wir, im

berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk Europas und der Welt zu

sein, von Nörglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale

Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestät, antwortete

Diederich. „Er hat den Bürger aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes

Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich sich auf

die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit, seine einzige, unvergleichliche

Persönlichkeit ist stark genug, daß wir allesamt uns efeuartig an ihr

emporranken dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand.

„Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschließt,

dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder

unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte er

wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch den Geruch des

schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon; denn der Wind, der aufkam,

trug ihn her.

„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver

Betätigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die

uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und

bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer Herrenkultur,

die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird überboten

werden können!“

Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf nicken, indes der

Flügeladjutant die Hände gegeneinander bewegte: da brachen die Tribünen in

Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im

Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Käthchen

Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentücher, nahm

seinen hohen Flug wieder auf.

„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in

einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat

es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch

den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt, und

schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere Fahnen

aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu

schmieden!“

Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms des Großen, woraus

wir, wie Diederich feststellte, erkannten, daß der Weltenschöpfer das Volk

im Auge behält, das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende

Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich hierüber niemals

Irrtümern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem großen

historischen Augenblick, wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in

der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab

und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefühl hatte er es weit

von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu

nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren

Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament

ihn hatte entbinden können! Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies

erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des

dahingegangenen Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch Erfolg gehabt;

und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter wäre Wilhelm der Große

heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“

Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder ungestüme

Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kälter; und als sei er

angeregt durch den verdüsterten Himmel, ging Diederich zu einer

tiefernsten Frage über.

„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war

der Feind des großen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm

glücklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,

sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst

seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“ Hier unternahm Diederich es, zu

malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen

Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiosität

versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschäftssinn

großgezogen, Mißachtung des Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit

niederer Genußgier. Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und

jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Äußern nur auf das

Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als

die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb

ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel,

den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... „Von all dem

wissen wir nichts!“ rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen

dort oben. „Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken

nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“

An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon und der

Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es

grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu

weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende Mienen,

und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribüne litt

selbstverständlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich

immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum

Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: „Unser alter Alliierter

bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch

sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je

aus seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären die bestechlichen

Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das

Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens.

Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden

des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede

heidnische Kultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der

ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die

Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen

die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die höchste

Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im

Rock des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“

Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es schien, durch

Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man

einzeln hörte, so schwer waren sie.

„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich, „wälzt sich immer wieder

die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und

deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die

vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, die unsere

staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den

letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen

werden, daß dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen

alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem

Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen

und offen sagen darf: Ja!“

Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, daß ihm

die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten ließ,

benutzte die Ziviltribüne, um durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede

für beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen der

Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als

warnten sie, klopften immerfort diese eigroßen Regentropfen ... Diederich

hatte wieder Luft.

„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem Schwung, „wenn zum Gruß

die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette

im Präsentiergriff blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,

daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult

hockte. Zum Glück kam er wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt

worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum daß noch jemand

hörte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpräsidenten bat, er

möge geruhen zu befehlen, daß die Hülle falle. Immerhin trat der

Oberpräsident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine

Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach:

„Im Namen Seiner Majestät befehle ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel.

Auch ertönte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Großen, wie

er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt

von allen Furchtbarkeiten der Macht, stählte die Untertanen noch einmal

gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten fand

lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil dir im Siegerkranz

gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, daß sie sich nun bis an den Fuß des

Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon

wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, daß der

hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders

zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender,

als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs. Er

wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den großen langsamen Tropfen,

und mit ihm Ulanen, Kürassiere, Husaren und Train ... Schon war die

Inschrift „Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, der Schöpfer,

durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte

auch der geistige Schöpfer Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da

platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,

die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich

umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knöchel, Seiner

Exzellenz lief es aus Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter

Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, daß die

Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren

nassen Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die

Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe

Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das

Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden

Zuckungen im überschwemmten Gelände badete. Unter solchen Umständen sah

der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf des Festprogramms aus

Zweckmäßigkeitsgründen zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und

wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten

Rückzug an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,

Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz

sich des noch immer an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen

Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt, jeden

Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend und wasserspritzend,

dem Präsidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem

Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der

Übergabe der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm

und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schließlich fand er ihn

unter dem Rednerpult im Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte

der Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz

ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern.

Diederich hatte nur geseufzt.

Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte auf die Erde zu

spähen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drüben die große

schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus

dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in jagendem Geisterlicht,

schwefelgelb und blau, bäumten sich die Pferde der Paradekutschen und

nahmen Reißaus. Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und

über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der

Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon die fliegenden Trümmer des Umsturzes

fühlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr

Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmäßiger Weise vom

Ausgang zurückgestoßen, schlankweg übereinander rollten. Nur ihrer

Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich

ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch – indes

Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den Überresten der Tribünen und des

offiziellen Zeltes, schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern um

die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die

Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach

der Durchbrechung des Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf

einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Auflösung. Ein neuer

Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander – und Diederich, die Augen

zugedrückt und schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück in

die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf

Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfaßt, was über alle Begriffe war:

das Gehege, das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark,

zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden,

und dann dies Drunter und Drüber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und

Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen – und

dies Gefegtwerden von den Peitschen der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen

Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,

vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen Säulen,

gottgesandten Männern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und

Train!

Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie

hatten nur ein Manöver abgehalten für den Jüngsten Tag, der Ernstfall war

es nicht. Unter Vorbehalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß

es nur noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war, mit allem

Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, das

Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah

aus wie eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. Doch, da

hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin,

der das eingestürzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es

hinter den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht

aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn stärkte ein

Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin,

„hätten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen

gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt. Na nu kriege ich

die Versicherung. Es gibt einen Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr

entgegen, die zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das

Geschäft.

Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er

hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und

in der rückwärtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit

sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er, die innere

Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Straßen fingen den Wind ab, ihm

ward es wärmer. „Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber

doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst keine

Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser Sorge erinnerte er sich

seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestät, wird nur

verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des

Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich laut in der leeren Gasse. „Und

wenn es Dynamit regnet!“ Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war

ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem

Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte „Etsch“ – worauf er ihn sich

ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.

In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwürdig, vor dem

Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –?

Diederich spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand

außerordentlicherweise offen, so als würde jemand erwartet, der selten

kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Küche

vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen.

„Also ist es so weit“ – und plötzlich ward Diederich von einem Schauer

angerührt, er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei habe

ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes

Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie mir nachher

nichts forttragen.“ Aber nicht nur dies drängte ihn vorwärts;

Schwierigeres und Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und

Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und

dachte: „Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre

deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er

nicht eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine

Sache ist gut oder nicht gut. Und für den Ruhm der guten Sache soll man

nichts versäumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch

zusammennehmen müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten

Napoleon ging.“

Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig den langen

Gang, an dessen Ende die Tür offen, auch hier wieder offen stand. Sich

gegen die Wand drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß

hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte Buck und schien

nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite

– nun sah man die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:

dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem

Gesicht, das niemand erwartet hätte; zwischen den Fenstern die

zusammengedrängte Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater, der

nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner

stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem

Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte

Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten

sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,

und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf

Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die

fortführten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterließ er

als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in

den Fäusten!

Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer,

obwohl Tränen aus seinen dort hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus

wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren

Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte – und die Frau

des Ältesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände.

Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es

war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte?

Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man

dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen

konnte. Ihren Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf den

Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend

und empfangend – wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und

Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, daß es

durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief in den Zügen des

alten Buck?

Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte:

erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch

strammer, wölbte die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, und

für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen, tief

vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom

Entsetzen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er

hat den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf und schloß die

Tür. Diederich war schon entwichen.

Der Untertan · 第 31 / 32 题