Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“

Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich wieder auf; ihre Miene,

die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und höhnte zugleich. In

seiner Verwirrung ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene

sei.

„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natürlich voll

und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die

äußerste Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der

Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam.

„Dein Ehrenwort!“

„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurück.

„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewußt zu sein. Du

hast, wenn das, was ich fürchten muß, wahr ist –“

„Es ist wahr“, sagte Emmi.

„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine

gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit

Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich

hintrete –“

„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi.

Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel

Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie

durchschaut und abgetan hinter sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer

Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie

künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte

hervor: „So sag’ mir doch nur –. Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis

Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir

helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das wohl machen?“ und

sie lehnte sich drüben an die Wand.

Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige Aufklärungen geben:

ich meine, über gewisse Einzelheiten. Ich vermute, daß es schon seit

deinen Reitstunden dauert?...“

Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch widersprach sie –

wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geöffnete Lippen, und ihr Blick

hing an ihm mit Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das

sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein

unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich:

„Verlaß dich auf mich. Gleich morgen früh gehe ich hin.“

Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.

„Du kennst das nicht. Es ist aus.“

Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos sind wir auch nicht!

Ich möchte doch sehen!“

Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurück.

„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und hielt die Hand vor den

Mund.

„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.

„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“

Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte gern noch gewußt, für

wen sie fürchtete, für ihn oder für den anderen. Dem anderen würde er es

nicht gegönnt haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort ihr

peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe auf den

Fußspitzen.

Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu

Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief.

Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren!

Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner

eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder

ein gedrungener Mann mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste

und ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater. Jetzt verstand

Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. „Du

kennst das nicht“, meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.

„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum. „Ich lasse mich auf

die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die

Weiber sind raffiniert genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich

gehört!“ Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes und starrte, das

Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch

über seine Augen. „Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward

Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.

„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte, bevor Guste wach

wurde. Hinter dem Sachsentor die Gärten zwitscherten und dufteten zum

Frühlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus

und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer weiß,“ dachte

Diederich und atmete die gute Luft ein, „vielleicht ist es gar nicht

schwer. Es gibt anständige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich

günstiger als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein

Wagen – vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die

Tür. Der Bursche kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich, „ich

sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von

Brietzen einen Koffer. „So früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers

fallen und klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich dachte

entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“

„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr von Brietzen, aber

Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, daß dies

unnütz sei. Trotzdem natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete

sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich

an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens ankam, hatte ein Leutnant

immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man

endlich über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen

sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was von ihm gewiß nicht anders zu

erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit

heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen erübrige sich,

wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und Herr von Brietzen machte eben das

Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die

Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge

getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fürchtete und der,

er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht

mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich

antwortete darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie

Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine große Drohung

gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg

versprach.

„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich

leider veranlaßt, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen.“

Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher:

„Was wollen Sie damit erreichen? Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na

schön. Im übrigen aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was

Ritterlichkeit ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders

als ein Herr, der sich nicht schlägt.“

Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst seine Zunge

hüten, sonst könne es ihm passieren, daß er es mit der Neuteutonia zu tun

bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der

Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant

wünschen, daß er einmal in den Fall komme, einen Grafen von

Tauern-Bärenheim zu fordern! „Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben

Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch lange nicht das

Recht einräume, einen bürgerlichen Mann und Familienvater nur so

abzuschießen. „Die Schwester verführen und den Bruder abschießen, das

möchten Sie wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem

ähnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem

Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon

bereitstand, räumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten

Schuß. „Wenn Sie meinen, für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch

noch die Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“

Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte dem unsichtbaren

Feinde die Faust und stieß Drohungen aus. „Das kann euch schlecht

bekommen! Wenn wir mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die

Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es

ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zähne

zeigen, war ohne Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz

unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das

Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, mußte

sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach

seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen Schauer

dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen

mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front,

bereit zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich,

trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. „Den macht

uns niemand nach“, stellte er fest.

Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen. Von weitem

sah er Emmi nach ihm ausspähen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der

vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mußte.

Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn

es die eigene Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so

nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie möglich. Sie war

viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blaß

flimmernden Haar hatte sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte,

als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst.

Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer

und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie

sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum

Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte

laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“ Darauf erschrak er und schloß die

Augen. Da er aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte,

um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.

Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich

sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich

zu rächen für die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie

selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens keinem nach.“ Guste

kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?“ Er schnitt ab.

„Überhaupt ist sie meine Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem

Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine

ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte er ihr die Hand,

mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste!

Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in

seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war

durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen ungreifbarer geworden. Wenn

ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war

wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich berührt von der

Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und

verächtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie

eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung. Glänzender

zugleich und rührender war nun Emmi.

Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich gegen sie –

und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich

erfuhr, daß sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten

könne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre,

Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln an dem Wert dessen, was er

erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals,

der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Ämter. Er sah Emmi an

und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt

hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es festhalten

sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal da, den Kopf in den Händen.

Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal

versagte alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten Absichten,

und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als

leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin

und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das

erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch.

Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam der Wahltag herbei.

Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was

vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, daß die Miene seines

Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,

frühmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm

ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: „Ein ernstes

Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat

witterte und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein

doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie

wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloß gegen den

Freisinn.“

„Wir auch“, behauptete Diederich.

„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert.

Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit

fliegenden Fahnen zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der

Stichwahl und treiben schnöden Volksverrat.“

Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen langen Schritt auf

das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen, Herr Doktor, daß wir die Augen offen

halten.“

Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner

ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen. „Ich weiß, Fischer, Sie sind

ein großer Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen.“

„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn ich nicht hineinkomme,

dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den

Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von

der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn

gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch die internationale

Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab.

Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät, der Kaiser hurra!“ Dann

aber blieb nichts übrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah

drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in den

Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er erkennen, daß in den

Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische Taktik des alten Buck weitere

Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert

durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von

Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon

Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen

verschämten Gruß austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit

ihrem Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des

Freisinns, wenn er schließlich siege, das nationale Gewissen gestärkt. Da

Professor Kühnchen sich ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der

Hand zu weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten

Versprechungen noch nicht genügten, und daß sie sich durch weitere

persönliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption

des demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so

wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden, notfalls mit Hilfe der

Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin

gebracht, zu versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten werde!

Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als

irgendein Prolet; und er spielte auf die düsteren Folgen an, die eine so

unpatriotische Haltung haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher

werden – und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Trümmer

des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Träume, lief er im

Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler

herbei, im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und

den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,

kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrückt durch den Lärm des

langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm

er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel, sechstausend und

einige für Napoleon Fischer, Kunze aber hatte

dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und

Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war

gewonnen.

Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, daß er

fortan das Äußerste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es

eilte, denn Pastor Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit

Zetteln bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen, in

der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen

Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche

Verblendung! Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen der

Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er, die nationale

Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum –. Der Trick

des alten Buck enthüllte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des

Kaisers in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es handeln.

Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen

heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht

hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es ist

durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er grüßte Emmi verstohlen und

mit einer Art von Scheu.

Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier verschwunden

war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott

verantwortlich, seine folgenschweren Entschlüsse faßte. Er trat zum

Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger

legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er hängte

wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon

gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden Buck

und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe, und daß man nötigenfalls

imstande sei, ihn persönlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß

Diederich den Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was für

eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen

natürlichen Nachfolger in Diederich!

Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hieß

vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser

Angst wegen der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon

Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der

Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers für die

„Netziger Zeitung“ anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man ist

eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm auf, daß Klüsings

Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen,

wie die Dinge lagen, einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut

lachte ... Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der

Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das

übrige und so unscheinbar, daß Diederich ihn vorhin übersehen hatte. Er

entzifferte – und der Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen

Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. „Da

haben wir sie!“ Hierauf bemerkte er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein

Abgrund.“ Er las noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz,

legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit hartem Griff. Dort innen

schlummerte nun das Gift für Buck und die Seinen – geliefert von ihrem

Freund. Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet

sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche

Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch

Schonung übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung

wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heißt es

rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterreißen und es mit

eisernem Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen

Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun

mal eine harte Zeit!“

Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung, einberufen

vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der

regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, daß die

Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnütz,

die Programmrede des Kandidaten mit anzuhören; er ging hin, als schon die

Diskussion begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf Kunze, der

in übler Verfassung war. „Ausrangierter Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie

mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das

sagen läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären konnte, löste

Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel das sagen sollen!“ schrie er. „Da

hätte er nun aber Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major

dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn

mehr, er vermaß sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch

dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen

ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten Umsturz gehe

als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten Kühnchen und auch Pastor Zillich,

der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des

Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick – indes der Major

fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Tränen sollte die Bande weinen! „Und

zwar noch heute abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen

Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden

einzeln an. „Was würden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden

vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich war

erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische Manipulationen

mit öffentlichen Geldern ...“ Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang

hin!“ rief er schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“ und

er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter Soldat“,

versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt.

Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr

Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“

Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt

wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah

überall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier

und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“ oder „Gemeinheit!“ Der

Wahlkampf war auf der Höhe, Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter

Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer

stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier, Diederichs entlassener

Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier eine Hetzrede, worin er über die

Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie

sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser

persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und dem Umsturz Wähler

zutreiben wolle. Früher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer

Knecht ist, soll Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten.

Diederich stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine

Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht. „Schämen Sie sich, seit Ihrer

Entlassung sind Sie unter die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze

kommandierte Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“ und „Hört,

hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und Sötbier eine zitterige Faust

machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da

erhob der alte Buck sich und klingelte.

Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll

und erwärmte: „Mitbürger! Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner

nicht Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?

Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehören alle, nur die Herren

nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs neue

den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, daß wir

unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht

wollen. Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den

Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen.“

„Sehr wahr!“

„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten

Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu

behaupten gegen Herren, die uns nur noch rüsten, damit wir unfrei sind.

Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern

gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen

sollen, uns allen!“

„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“ Inmitten bewegter

Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe

und im voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und

bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals

befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen,

der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. „Der

Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“ schrie er mit Todesverachtung. „Ein

Vaterlandsverräter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu,

hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter den

Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme

überschnappte. „Ein französischer General hat Revanche verlangt!“ Vom

Bureau her fragte jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“

Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte

er in die Luft steigen. „Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte

Ideale! Starkes Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander,

umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment! Bollwerk gegen die

Schlammflut der Demokratie!“

„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich

fuhr herum, er erkannte Heuteufel. „Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner

Majestät –?“

„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach

ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“ rief er mit äußerster

Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: „Spitzel!“ Es war

Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen.

Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender

Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen!

’raus!“ Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den

schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt

um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er

schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen

Feinden erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang Diederich den

Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische Korruption!“ schrie er,

tanzend vor Leidenschaft. „Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden

lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte sich in Bewegung,

überrannte die Tische und maß sich Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein

Handgemenge schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant dort

oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer

Moment – da hörte man von der Bühne herab befehlen: „Ruhe! Er soll

sprechen!“ Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer

als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch

dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft,

vom Haß war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der

Atem stockte einem.

„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter haben das Wort,

bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verräter an der Nation aus. Sie

haben sich nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht

kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“

„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen Spottes. Zu seinem

Unglück saß er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar

nach ihm ausholte, daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel

mitsamt seinem Stuhl.

„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt der Ehre den

Nutzen wählten und denen keine Herrschaft demütigend schien, wenn sie sie

bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder

Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“

Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei

seines Gewissens.

„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute

zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“

„Nein!“

„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die

national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde beträgt. Fragt ihn,

wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“

„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der Saal nahm ihn auf.

Diederich, gebieterische Fäuste hinter sich, gelangte nicht ganz

freiwillig die Stufen zur Bühne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der

alte Buck saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ ihn nicht

aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit

kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal

ihm zu, „Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm,

einen Augenblick schloß er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen

und der Sache überhoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts

anderes mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine

Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß kampfesfreudig den Feind,

jenen tückischen Alten, der nun endlich die Maske des väterlichen Gönners

verloren hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stieß

vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal

her.

„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer in den Tumult –

und es ward still, wie auf ein Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“

brüllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der mir nachweist,

wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!“

Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst riefen „Bravo“, dann

entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte

Zuversicht, denn es ward wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem

Takt von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich erkannte,

daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit

höheren Mächten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zückte der

Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der

Hand, daß er es schon machen werde, und er brüllte:

„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Säuglingsheim! Dafür

hätte ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich

kann es beschwören. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt

gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den Raub zu teilen mit einem

gewissenlosen Magistratsrat!“

„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich

flammte noch höher, im Vollgefühl seines Rechtes und seiner sittlichen

Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen

dort unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“ schwenkte er

furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte er und schwenkte so lange, bis

sie hörten.

„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbürger! In

Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind

beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein

gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim dorthin kommt.“

„Namen! Namen!“

Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klüsing

hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend faßte er die

Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt,

gewinnt“, dachte Diederich, und er brüllte:

„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“

Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn

entgegen und küßte ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu

die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“ oder

„Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten alle, Cohn konnte sich

den Anforderungen unmöglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr,

mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von

selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß versehen, kam ohne

rechte Überzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte

die Füße nach und hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er

lächelte entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner

doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast niemand es verstand.

Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. „Ich will den Herrn

Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“

„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr los, daß Cohn, auf

nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts tat. Der Saal war nur noch ein

Fuchteln und Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander her.

„Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem

Haar, die Fäuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der

Bühne war alles auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte Buck

hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk,

über das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war,

abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie

weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant ein, der sich

von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber darüber belehrt, daß der Beamte

allein entscheide, ob und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem

Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht stand! Worauf

Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke führte. Dazu schrie er: „Der

zweite Name!“ Und da alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es

endlich und Heuteufel konnte fortfahren.

„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kühlemann!

Stimmt. Kühlemann selbst. Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das

Säuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kühlemann

bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“ – und Heuteufel zuckte die

Achseln, woraus beifällig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften

pfauchten schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden! Diebe!“

Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel. Man werde hinschicken,

man telephoniere schon. „Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.

„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können einpacken.“ „Noch lange

nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn. Pastor Zillich seinerseits setzte

seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner

Tollkühnheit sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er machte sich über

einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu

entschiedener Stellungnahme, ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um

ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken – und überall

hielt er den Leuten Klüsings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit

dem Handrücken auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief: „Steht

da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann noch japsen kann, wird er

zugeben müssen, daß er es nicht war. Buck war es!“

Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig still geworden

war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie flüsterten

nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal ward

es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich hieß es: „Kühlemann

soll tot sein.“ Diederich fühlte es mehr, als daß er es hörte. Er gab es

plötzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er

Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum

ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte nicht mehr deutlich, wo er war.

Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war

oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“

„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als

erwachte er. „Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewährt“, stellte

Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger

doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf

angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale lösten sich auf; das Eingreifen

des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen

gedämpft und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich

noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.

Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch verlaufene

Wahlversammlung“ und schloß daran einen ehrenvollen Nachruf für den

hochverdienten Mitbürger Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn

etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften ... Das weitere

geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter

vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die „Partei des

Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen

waren. Diederich trat auf und geißelte mit flammenden Worten die

demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen

die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei – aber er nannte es doch lieber

nicht. „Denn, meine Herren, das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich

mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem

gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise, daß er auch nur

verdienen will.“ Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er

wußte nicht. „Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen: ‚Mein

afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!‘ Ich

aber, meine Herren, liefere Seiner Majestät die nächsten Freunde

Richters!“ Er ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig

gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gründe, zu

vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers

erwartet.“ Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort auch diesmal

die Entscheidung; und plötzlich aus voller Lunge: „Wer jetzt noch seine

Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die

Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den

Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen.

Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Wähler würden schweren

Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber ich bin der

erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!“ Er schlug

so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand.

Und daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der Frühe des

Stichwahltages aus der sozialdemokratischen „Volksstimme“, die unter

höhnischen Ausfällen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er über

den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling fällt

hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß Buck ihn verklagen.“ Aber

viele antworteten: „Buck fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die

Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugänglich waren, fanden jetzt, es

sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen

nicht zu spaßen schien, nun einmal meinten, man solle für den

Sozialdemokraten stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt, dann

war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte, sonst ward man noch boykottiert

von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In

der Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte an die

Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der

Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm

den Weg der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte die Pickelhaube

wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen.

Diederich in Reih’ und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht,

daß nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles

Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem

alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am

anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei

schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlängert durch die

Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal.

Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl „Küren“. Der

Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich

gekleidet, im Hausflur. Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf,

Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf es vom rechten Flügel

ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein

aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht

vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale

Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie fähig war, kam noch,

von Hurra empfangen, der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ sich

ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, und bei der

Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. „Endlich!“ sagte er und

drückte Diederich die Hand. „Heute haben wir den Drachen besiegt.“

Diederich erwiderte schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie stecken

noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er

verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra.

Wulckow!...

Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend

war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der

Sozialdemokrat. Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der „Partei des

Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es, daß eine Hochburg des Freisinns

gefallen sei – womit aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch

lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle

natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hieß es nun

wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der

Mittelpunkt eines Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann

hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige Zwecke

vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es

war wie Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der

entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, daß die

Sozialdemokraten für das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug

vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten von

Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine

Niederlage wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der

Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft nicht

fernstehe, sich selbst für berufen halten werde, das Grundstück

mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und

zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,

wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem

verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand rüttelte.

Er hätte nicht sagen können, was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er

sich stramm und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen eine

Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt habe. Die andere

Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im

mindesten entkräftet. „Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie werden

es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“

Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich

abgeschwächt, als Heuteufel gestehen mußte, daß sein Freund Buck nicht den

Stadtverordneten Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt

habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und neben Wulckow, dem der

Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des

Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese

Beschlüsse in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen

Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit

glänzte. Wenn er seine Sache selbst nicht höher einschätzte! Heuteufel

sagte: „Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch

noch persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst.

Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah

man voraus, der Prozeß gegen die „Volksstimme“ werde seine dritte sein.

Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder schon

im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling war natürlich zu weit

gegangen, sagten vernünftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher

kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit wäre ihm

vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines

Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun

wirklich mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes

Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen dürfen! Und warum mußte

Kühlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte

freischwören sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der

kaufmännische Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld ein und aus

ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,

wenn man für Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch

machte Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit einem Wort

die ganze Sache hätte beenden können, sich hütete zu reden. Er war krank,

nur seinetwegen mußte die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das

Neueste, dies waren die „einschneidenden Veränderungen in einem großen,

für das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von

denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war mit einem

Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er

nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem

anderen, den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen, die nie

wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin ich stark engagiert bei meinem

Schwager in Eschweiler, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig

wegziehen muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen

Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß der Prospekt eher

noch hinter der Wahrheit zurückbleibe. Gausenfeld sei tatsächlich eine

Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne

nur auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden die Aktien in

Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persönlichem Interesse

unbeeinflußt Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer

besonderen Gelegenheit, als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war

so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn glücklich so weit

gebracht, daß auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich

ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek für sein Haus in der

Fleischhauergrube. „Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte

Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von mir, seinem

entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer hätte das früher von ihm

gedacht!“ Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte

hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.

Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. Und auch dies zeigte, daß

er auf Gausenfeld nicht rechnete ... „Aber“, erklärte Diederich, „der Alte

ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und

gerade weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen – Sie

verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte Diederich zu seinem mehr

als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. „Er hat mir Mangel an

Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“

Männliche Rührung zitterte in seiner Stimme.

Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf

Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man um so freudiger anerkennen,

daß das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als

Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage abzulehnen. Die

„Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration angekündigt, der Bahnhof

sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es,

dabei zu sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man begrüßte

einander so förmlich, wie die kühl gewordenen Beziehungen es vorschrieben.

„Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?“ fragte Diederich.

„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug Jadassohn Kniehosen.

Er setzte hinzu: „Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die

hier begangen worden sind.“

Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die Verärgerung eines

Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte

er, „Sie würden jetzt Ernst machen.“

„Ich? Wieso?“

„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“

„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte. Sie wohl auch?“

„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich machte ein Gesicht voll

Einverständnis. „Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?“

„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und

schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen! In was für Abenteuer hätte man

verwickelt werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch:

„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin

weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen, es mußte mal zum Klappen

kommen.“

„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte.

„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich

die Stimme gesenkt: „Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen

schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“

Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. „Was glauben Sie

denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie

macht Karriere in Berlin.“

„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich kenne ihre

Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für naiv gehalten.“ Jadassohns

Abwehr ließ er nicht gelten. „Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur

selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es

ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein

Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett – berichtete es so vollständig,

wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln

befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob

hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich entschied er sich

dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in

freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlüsse. „Die Sache bleibt

natürlich streng unter uns ... So ein Mädchen muß man auch gerecht

beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die

Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiß man doch,

woran man ist.“ „Es hätte sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich,

in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen sie

Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im

Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in

Paris.“

„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte sich um, mit einem

Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs

beunruhigte Miene sah, kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er

merkwürdig ernst und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist

es vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf

vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: „Was haben Sie

vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Lächeln eines opfervollen

Entschlusses: „Ich stehe im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang

zu bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als Diederich den Sinn

dieser Worte erfaßt hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle

Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die

Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! – auf, wie zwei

Kirchenfenster im Abendschein.

Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern, in deren Mitte eine

Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfüßig die

Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe

die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der

Macht erfolgreich zurückgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und

scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine

bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett erfrischte

man sich nach diesen, in der Julisonne für die Sache des Umsturzes

bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig,

da der Zug ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein

Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte

Tasche hin und fletschte die Zähne. Wie Diederich ihn kannte, war er im

Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem

Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich auf einen

untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn

herumging. Er hielt einen großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug

entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem

Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith Lauer, ihr Mann half ihr

herunter, ja, er überreichte ihr den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit

dem ernsten Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang

wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte

dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er

war wieder frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin mußte

man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn draußen zu wissen ... Und mit

einem Bukett holte er sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit

gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er fertig

gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man sich als anständiger

Mensch nichts träumen ließ. Übrigens stand Diederich den Dingen nicht

näher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle

werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm

allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu Hause bleibt ... Denn

wie man sich bettet, liegt man.“ Käthchen Zillich hatte es begriffen und

die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen

Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.

Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet durch die Stadt

schritt, nahm jetzt auf die natürlichste Weise den Platz ein, den seine

Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun

so weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu pflücken waren. Die

anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen

Zweifel mehr ... Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte um,

und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die Regierung der Fabrik ihre

Aufträge entzogen und sie dem Heßlingschen Werk übertragen hatte?

Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch bevor die

Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger Zeitung“ so sehr bedauerte.

Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mußte sie leider

persönlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging

wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler

gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. Überhaupt hätte er mit dem Geld,

das Heßling ihm anständigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen

sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst äußerte

überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ bemerkte er

auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das

Schicksal. „Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den

Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte

Buck werde auch ihn selbst, als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin

hineinreißen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein

Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde.

Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte.

Keiner gestand es gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und

hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß jener schon verkauft

habe. Seine persönliche Meinung war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den

er übrigens nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte. Einige

Monate später brachte die Zeitung ein tägliches Inserat des Bankhauses

Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen.

Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen

Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld sollten

fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. „Und der alte Herr

Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch

mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr

Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die

„Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt. „Er wird wohl

hineinfliegen“, meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit:

„Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“

In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden

Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing hatte schon längst zu jedem vom

Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders

gesprochen? Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck genannt? Dies

alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt

gewesen, daß das Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht

genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen? Jedenfalls nicht dagegen.

Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich für den Platz

interessierte. Klüsing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner

kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem

bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das

Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem für

Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger Buck wünschte

festgestellt zu sehen, daß der verstorbene Kühlemann es gewesen sei, der

mit Klüsing verhandelt habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes.

Aber die Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden auch

hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein

Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu

lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing

geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte.

War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:

„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest,

daß ich, was alle Zeugen bestätigen, niemals öffentlich den Namen des

Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der

Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte. Ich bin für die

politische Moral eingetreten. Persönliche Gehässigkeit liegt mir fern, und

es würde mir leid tun, wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht

ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“

Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien

unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben,

welches seine persönliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat

Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der

tragisch verlaufenen Wahlversammlung.

„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben über

meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge

sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen

anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugänglich, auch

dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht

mir, es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der

Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermögend, als ich in die

Öffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich

brauche keine Verteidigung!“

Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich zuckte nur die

Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon längst

keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek

gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern. Konnte ein

Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn einer von uns den anderen von

oben herab zu behandeln hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den

Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgültig,

mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl – und

gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies

für alle feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder, er

bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den

Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich

unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbürger.“

Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage

fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck.

Seit dem Prozeß Lauer fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an

überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück hieß, da er jetzt

ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im

Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es

war Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war als

Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn – und ihm

gegenüber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die

zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun

mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß der Alte sich für das

Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von

Heßling und tröstete im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei

Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße drückten Achtung

in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit übergeht. Die Hereingefallenen

grüßten den Erfolg.

Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das

Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur fünfzig Mark für den Redakteur der

„Volksstimme“! Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube

ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die Juristen – und

wie Buck das Gerichtsgebäude verließ, wichen auch die Freunde ihm aus.

Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten,

schüttelten die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des

Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung über den alten Buck

eigentlich schon längst fertig waren. Ein Geschäft wie das mit dem Terrain

für das Säuglingsheim mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling,

und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein

Geschäft geglückt. Er dünkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und

Parteiführer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der

geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die moralische, dafür zeugte

die nie recht aufgeklärte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes,

desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine

internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für demagogische Zwecke,

aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung, was dann wieder auf die

Geschäfte zurückwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts

mehr zu verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit

gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich auf Gedeih und Verderb in

der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war

der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden

Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten andere sie ihm nahelegen. Das

Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein

Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte der

Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck

diese Bestimmung erfüllte? Die Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie

die „Netziger Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen,

feststellte. Aber es mußte erst so weit kommen, daß die

Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befaßt ward. Da endlich,

einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und

legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn

hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren, nicht länger an

der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es

schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor

in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm

wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die

er für vergänglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,

trete er zurück. „Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den

ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen,

im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder

von mir nehmen wird.“

Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die Wohlmeinenden

entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Übrigens hatte, was er schrieb

oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die

ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich ins Gesicht,

ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen:

es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch

voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoß.

Statt der alten Freunde aber, die auf seinem täglichen Spaziergang sich

niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er

heimkehrte und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner

Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken saß, oder

ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein die Häuser entlang streichender

Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer

oder frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung,

dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten

ward, nahm er, ganz gleich welche.

Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht mehr. Wer mit

Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig vorbei, und manchmal

grüßte er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn

bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorüber,

erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein

hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus

einem Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind ward fortan beim

Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen überlaufen, gleich

wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen

unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der

herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus

verließ, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten

davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt

rückhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem

Unglück mit Käthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für den

Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder

für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen

weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun

sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den

Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt an und sah in

diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der

er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.

Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu

wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die

„Netziger Zeitung“, jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest,

daß Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im

Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Heßling zum

Generaldirektor befürworten mußte. An der Tatsache spürte mancher einen

eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr

Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes

Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die

Hälfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, wären sie

sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur

Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der

Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors glücklich

beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß

die Regierungssonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.

Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaftliche Leben

Netzigs und besonders für die Papierindustrie – zumal das Gerücht von

einer Fusion des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer

Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, daß

Herr Doktor Heßling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen,

die Leitung Gausenfelds zu übernehmen.

Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das

Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue Kapital ward das Heßlingsche

Werk erworben. Diederich hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine

erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr der Lage,

mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern, und konnte daran gehen, der

inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken.

Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und

Angestellten. „Einige von euch“, sagte er, „kennen mich schon, vom

Heßlingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer

mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht

geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem kleinen Teil von

euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem

Befehle habe. Ihr könnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch

auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu

wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden Ordnung zu machen.“

Und er verhieß ihnen eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige

Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in

Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“ Auch dem Unglauben, sagte

Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich

überzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt die

unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid und Zwietracht

geben. Und darum: einer muß Herr sein!“

Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Räume der

Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkündeten. Durchgang verboten!

Wasserholen mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten!

Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht

versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schließen, der ihm Vorteile

sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder

mitbringen, „Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“

strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren, noch bevor sie

wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe

dahinlebendes Paar, das unter Klüsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung

zu entziehen gewußt hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war

für Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des

Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten ließ er ein in Gausenfeld

selbst erzeugtes Papier aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin

konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit

denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die Arbeiter einen von hoher

Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege

überzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich

ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte. Ermutigt durch diese

Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter

dem Zeichen „Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige

Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt auf deutsche Technik,

siegreich durch die Welt.

Der Untertan · 第 30 / 32 题